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Herzlichen Glückwunsch Jan Wagner zum Büchner-Preis 2017!

Seit 1952  wird der Georg-Büchner-Preis, derzeit höchstdotierter Literaturpreis für deutschsprachige Autoren, jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verliehen. Die Preisträger bilden eine so lange wie illustre Liste renommierter Schriftsteller. Darunter Namen wie  Carl Zuckmayer, Anna Seghers, Gottfried Benn, Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner und Max Frisch oder Hans Magnus Enzenzberger, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Heinrich Böll, Thomas Bernhard, Peter Handke, Christa Wolf, Martin Walser, um hier nur einige der schillerndsten aufzuführen.

 

Nicht viel mehr steht dem die Liste der literarischen Auszeichnungen nach, die Jan Wagner für sein noch verhältnismäßig junges Werk erhalten hat.  Seit 1999 vergeht kein Jahr, an dem er nicht mit einem Preis bedacht wurde. Vom Förderpreis der Stadt Hamburg für literarische Übersetzungen 1999 bis hin zum Friedrich-Hölderlin-Preis der Universität Tübingen im Jahre 2011, vom Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2011 bis hin zur aktuellen Büchner-Preis Verleihung 2017.  Darüber hinaus ist er Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

 

In seiner Rede  zu besagtem Anlass scheint es kein Zufall, dass Jan Wagner auf eine gewisse Naturverbundenheit des Namensgebers dieser Auszeichnung anspielt. So, wenn er schildert, wie Büchner seinen „Hessischen Landboten ... im Sommer 1834 zu Fuß von Gießen nach Butzbach trägt“. Weiter lässt Wagner uns wissen, auf welch abenteuerlichen Wegen das brisante Manuskript zur Druckerei nach Offenbach gelangt, indem es

 

"...ausgerechnet in einer Botanisiertrommel versteckt wird, einem jener zylindrischen Blechgefäße, die der naturinteressierte Sammler für den Transport von Pflanzen nutzte, von Blüten und Stengeln, Früchten und Blättern, daß also die handschriftliche Urfassung dieses Dokuments, das die hessische Obrigkeit später als das gefährlichste und subversivste Flugblatt bezeichnen wird, vielleicht mit einem Borkenkäfer, der sich hineinverirrt hat, oder mit etwas Schleierkraut geschmuggelt wird, daß vielleicht ein Blättchen jenes hartnäckigen Doldenblütlers Aegopodium podagraria an den Worten haftete und während der zehn riskanten Stunden Fußweg von Butzbach nach Offenbach diese beiden Blätter einander im Dunkel einer Botanisiertrommel Gesellschaft leisteten."

[Siehe hierzu die gesamte Rede in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/jan-wagners-dankesrede-zum-buechner-preis-15269152.html]

 

Auch Wagners eigener Dichtung  ist eine gewisse Naturverbundenheit nicht abzusprechen. Stellvertretend für sein literarisches Werk soll auch deshalb hier auf das Gedicht „selbstporträt mit bienenschwarm“, das zugleich den Titel seines Gedichtbandes aus dem Jahre 2013 abgibt,  eingegangen werden. Dabei entsteht  bei der Lektüre leicht das Gefühl, dass Jan Wagner Gefahr läuft, hinter seinem Werk zu verschwinden, wenn das lyrische Ich von einem für Poesie stehenden Bienenschwarm, wie einst Maria Magdalena, ‚ganz und gar’ von Haaren bedeckt  wird. Das Bienenmotiv lässt sich schließlich auf den „Lorscher Bienensegen“ aus dem 10. Jahrhundert nach Christi zurückverfolgen, der zu den ältesten gereimten Dichtungen in deutscher Sprache zählt, von einem Mönch auf dem Rand eines Manuskripts notiert.

 

Weniger von umstürzlerischem Elan beseelt, macht Jan Wagner des Weiteren deutlich, dass er vielmehr seine „Mission in einem Akt des Lockerns und  Lösens starrer Zusammenhänge“ sieht, „was gedankliche und sprachliche Räume verändert und erweitert“.  In diesem Sinne entschlüsselt sich auch nachstehender Vergleich eines Bienenschwarms, der das Lyrische Ich bedeckt, mit der von Haaren bedeckten Maria Magdalena. Werden so doch auch hiermit konventionelle Denkart und  Sprachgebrauch aufgebrochen, sprich ‚verändert und erweitert’.

 

[Siehe das Gedicht "selbstporträt mit bienenschwarm" von Jan Wagner unter:https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article115449236/selbstportraet-mit-bienenschwarm].

 

Doch was hat es mit der Behaarung Maria Magdalenas, wie etwa auch von dem Bildhauermeister Tilman Riemenschneider (1460 bis 1531)  umgesetzt, auf sich?  In der christlichen Ikonographie stellt das lange wallende Haar spätestens seit dem Mittelalter ein Zeichen für Prostituierte dar.  Maria Magdalena war, inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, eine sogenannte ‚Sünderin’, die zugleich jedoch als eine der ersten Personen gilt, die Jesus nach seiner Wiederauferstehung erblickten wie man ihr auch eine besonders innige Beziehung zu diesem nachsagt. Nach Jesu Tod lebte sie zur Buße als Einsiedlerin in einer Höhle in Südfrankreich, so die Legende. Um sie vor wilden Tieren zu schützen, ließ Gott ihr ein Fell wachsen. Dass der  Dichter, das lyrische Ich – bedeckt vom besagtem für Poesie stehenden Bienenschwarm und somit behaart – sich mit der Prostituierten vergleicht, mag als Verweis darauf lesbar sein, dass auch er sich mit dem Verkauf seiner Dichtung prostituiert. Dadurch nimmt er zwar einerseits ‚an Dasein’ und ‚Gewicht’ zu, droht aber andererseits zugleich zu verschwinden. Damit wird das Paradoxon sichtbar, in dem sich der Dichter bewegt.  Worauf letztendlich wiederum auch das Rittermotiv, das sogleich den Minnegesang auf den Plan ruft, hinweist. Treffend mag auch dies die Situation des Dichters illustrieren – verleiht die Rüstung zwar einerseits Schutz, schränkt sie andererseits doch die Bewegungsfreiheit ein und trägt somit gleichwohl dazu bei, unsichtbar bis hin zum Verschwinden gebracht zu werden.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll abschließend, dass neuere deutsche Lyrik sich zunehmend dadurch auszeichnet, dass sie nicht ohne weiteres zugängig ist, sich dem Verstehensbegriff entzieht. Ist sie doch zugleich als Reflex einer zunehmend unübersichtlichen Weltlage und Chiffre derselben lesbar. Moderne Dichtkunst bietet insofern in der Regel keinen Trost mehr,  was die Grande Dame der deutschen Lyrik, Elisabeth Borchers (1926-2013), noch 2004 im Rahmen einer Lesung in Hamburg einforderte und wie wir es etwa von den Gedichten einer Rose Ausländer oder Marie-Louise Kaschnitz gewohnt sind. Doch: Keine Angst vor neuen Tönen, die Auseinandersetzung damit ist immer ein Gewinn!

 

© Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com    

 

Hier ist das Gedicht "selbstporträt mit bienenschwarm" von Jan Wagner mit einem Click einzusehen:  

https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article115449236/selbstportraet-mit-bienenschwarm.

 

Hier die Datei zum Herunterladen:

Herzlichen Glückwunsch Jan Wagner zum Büchner-Preis!
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