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Gedanken zum Corona-Virus

Erna R, Fanger

"Die Liebe in den Zeiten der Cholera“

- Versuch einer Ermutigung  " „... er wollte schlicht schildern, was man in den Heimsuchungen lernen kann, nämlich daß es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt.“ Albert Camus: „Die Pest“

Unsere Gesellschaft des Anthropozäns, wo der Mensch als größter Einflussfaktor gilt, ist auf Fortschritt und Selbstoptimierung bedacht, dabei Krankheit, Verfall und Tod ausblendend. Nun vom Corona-Virus bedroht, scheint er jäh aus vermeintlicher Sicherheit gerissen. Die Reaktion: Angst einerseits, Ignoranz und Kritik an damit einhergehender Hysterie andererseits. Schon seit dem 14. Jahrhundert, wo in Europa die Pest grassierte und in Paris in der darstellenden Kunst das Genre „Totentanz“ entstanden ist, sind, beginnend mit Boccaccios „Decamerone“, Seuchen Gegenstand der Literatur. Wobei im ‚Totentanz’ Krankheit und Gesundheit, Leben und Tod, nicht als Gegensatz, sondern als zusammenhängende Einheit zum Tragen kommen. Insofern bietet die dahinterstehende Haltung Lösungsansätze durchaus auch für den Menschen des 21. Jahrhunderts. Giovanni Boccaccio wiederum markiert mit seinem „Decamerone“ (entstanden ca. 1348-1353) den Beginn europäischer Erzähltradition. Wobei sich nach überstandener Pest sieben Frauen und drei junge Männer in einem Landhaus in einem Vorort von Florenz zusammenfinden und sich in zehn Tagen hundert stark erotisch gefärbte Geschichten erzählen, um sich gegenseitig Trost zuzusprechen, Hoffnung zu spenden. 

Neben den hier vorgestellten Literaturen zum Thema gibt es zahllose Weitere. Erst im März letzten Jahres erschien posthum von der im Januar davor verstorbenen Jugendbuchautorin Mirjam Pressler „Dunkles Gold“. Basierend auf einem archäologischen Fund 1998 in Erfurt – über 3000 Silbermünzen, geprägt zwischen 1346 und 1353, Gold- und Silberschmuckstücke, nachweislich aus jüdischem Besitz und offenkundig 1349 versteckt, dem Jahr, in dem das so genannte Pestpogrom gegen Juden in Erfurt stattfand. Im Klappentext von Klaus-Peter Wolfs 2010 erschienem Roman „Todesbrut“ wiederum heißt es „Eine Fähre irrt über die Nordsee und darf nirgendwo anlegen. An Bord befindet sich eine tödliche Gefahr. Sie könnte von jedem ausgehen. Auf einer beliebten Urlaubsinsel formiert sich eine Bürgerwehr: Kein Neuankömmling soll die Insel mehr betreten. Dabei ist die Bedrohung schon längst dort. Die Bundeswehr riegelt eine Kleinstadt an der Küste ab. Niemand darf mehr ins Sperrgebiet. Und niemand darf mehr hinaus. Aber ob das noch etwas nützt? Es geschieht etwas völlig Unberechenbares, das jegliche Gesellschaftsordnung außer Kraft setzt. Wann kommt es zu uns?“ Übrigens erschien im selben Jahr von Philip Roth „Nemesis“, Roman über den Ausbruch einer Polioepidemie 1944 in New Jersey, wo ein Lehrer von Schuld zerfressen wird, weil er meint, einen Schüler angesteckt zu haben. In „Das Glück der anderen“ (2003) von Steward O’ Nan wird im Zuge des Ausbruchs einer Seuche der Sheriff, Leichenbestatter und Pastor Jacob Hansen vor die Entscheidung zwischen der Verantwortung für die Gemeinschaft und der Rettung seines privaten Glücks gestellt. Impulse, was zählt im „Ernstfall“, gehen vornehmlich von Alber Camus in „Die Pest“ aus: Verbundenheit, Liebe, Zusammenhalt. Das Thema von der heiteren Seite betrachtet, lesen wir nach bei García Márquez in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. 

Entscheidend scheint uns, was für eine Haltung wir jetzt einnehmen. Und vielleicht könnte dieser Virus ja, so komplex und schwierig in unserer globalisierten Welt sich das ausnimmt, die Funktion haben, diesen Planeten und seine Bewohner zur Besinnung zu bringen. So betrachtet, mag sich dies auch auf die Stärkung unseres Immunsystems auswirken, das Vertrauen in unsere Abwehrkräfte festigen. Das sollten wir im Auge behalten. Albert Camus zum Beispiel stattet seinen Protagonisten in „Die Pest“ mit einer solch konstruktiven Haltung, die dazu beigetragen haben mochte, dass er überlebt hat, aus. Ein Grund mehr den Roman – zugleich Allegorie auf die Nazizeit in Frankreich – (wieder mal) zur Hand zu nehmen.                                                                                  

 Bleiben Sie achtsam, heiter & behütet – schreiben Sie JETZT!

fanger & fanger 

schreibfertig.com

Literaturempfehlungen:

 

 

 

 

 

 

Giovanni Boccaccio: "Das Dekmaron", Anaconda Verlag,  Köln 2013

 

 

 

 

 

Thomas Mann: „Der Tod in Venedig“, S.Ficher-Verlag, Frankfurt am Main 2013

 

 

 

 

 

 

Albert Camus: „Die Pest", Rowohlt Taschenbuchverlag, Reinbek bei Hamburg 1998

 

 

 

 

 

Gabriel García Marquez: "Die Liebe in den Zeiten der Cholera", D´S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007

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Gedanken zum Corona-Virus
Versuch einer Ermutigung von Dr. Erna R, Fanger
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Kommentare: 22
  • #22

    Thomas Pötsch (Donnerstag, 06 August 2020 09:45)

    Hubschrauberlandeplatz

    Die Erinnerung kam in dem Augenblick, als ich sie ohne Maske sah. „Hubschrauberlandeplatz“.

    Es war das Wort, mit dem wir sie damals neckten, und das hing mit ihrer Nase zusammen. Diese erfuhr an der Nasenspitze eine ungewöhnliche Verbreiterung und einen wenig eleganten Schwung nach oben. Einmal landete eine Fliege dort und ehe Annette sie wegscheuchen konnte, hatte Thorsten gerufen: „ein Landeplatz für eine Fliege“.
    Daraus wurde der Hubschrauberlandeplatz. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit hänselten wir sie damit und je mehr es sie zu ärgern schien, desto stärker skandierten wir: Hubschrauberlandeplatz, Hubschrauberlandeplatz, Hubschrauberlandeplatz,… Sieben laute Jungenstimmen waren nicht zu überhören. Und irgendwann, wenn sie es nicht mehr aushielt, fing sie an zu heulen. Dann lief sie davon und wir, weiterhin laut brüllend, hinterher. Die Verfolgung endete meist erst in der Straße, in der sich ihr Elternhaus befand. Während sie in der Eingangstür verschwand, setzten wir zu einem letzten, volltönenden „Hubschrauberlandeplatz“ an und kehrten unter nicht endenden Gejohle um. Jedes Mal wenn das passierte, fühlten wir uns wie Helden, die scheinbar etwas Außergewöhnliches, Großartiges vollbracht hatten und auf den gesamten Weg zurück, wurden wir nicht müde, uns gegenseitig anzustacheln und einzureden, wie toll wir waren, die nächste Begegnung kaum abwartend.
    Das lief irgendwann wie ein Ritual ab. Immer wenn wir sie trafen, ging es los. Einer fing an und dann stimmten alle mit ein. Bis auf das eine Mal, da war das anders.
    Wir fingen Sie direkt auf dem Weg von der Schule ab. Und diesmal bildeten wir schnell einen Kreis, während wir bereits laut „Hubschrauberlandeplatz" anstimmten.
    Ich weiß nicht wie lange das ging. Auf jeden Fall fing sie nicht, wie üblich, nach kurzer Zeit zu heulen an, sondern ließ es tapfer über sich ergehen. Und obwohl wir uns die größte Mühe gaben und lauter, zumindest kam es mir so vor, als je zuvor, sangen, wollten ihre Tränen nicht fließen. Im Gegenteil, irgendetwas musste in ihr passiert sein, sie stand aufrecht da und plötzlich schaute sie vom Boden auf. Jeden Einzelnen von uns sah sie direkt an. In Ihrem Gesichtsausdruck war kein Gefühl zu entdecken, weder Zorn, Wut oder Furcht, es wirkte neutral. Und je länger sie uns anblickte, desto leiser wurden unsere Stimmen, bis irgendwann keiner mehr sang und es mucksmäuschenstill war. Man hätte eine Feder fallen gehört, keiner sagte etwas, nur Annette, ein einziges Wort: „Danke!“ und dann ging sie langsam, aber aufrecht davon. Ich sah Annette an diesem Tag das letzte Mal.
    Über dreißig Jahre später war es diese ungewöhnliche Nasenspitze, an der ich sie erkannte. Es war der Tag, an dem ich entlassen wurde. Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, mich persönlich beim Krankenhauspersonal zu bedanken. Ich spürte tiefe Dankbarkeit und ich wollte sie denen wiedergeben, die dafür gesorgt hatten, dass ich unbeschadet hier wieder herauskam.
    Und als sie direkt vor mir stand und ich sie das erste Mal ohne Maske sah, erkannte ich sie.
    Jetzt, als sie mir gegenüberstand kam die Erinnerung und die Zeit schien stillzustehen. Mir fehlten auf einmal die Worte, was mir selten passierte. Ich konnte sie nur ansehen. Wie lange das ging, weiß ich nicht, auch nicht, wie ich meine Sprache wiederfand, denn plötzlich kam ein „Danke!“ über meine Lippen. Dann wandte ich mich ab. Und als ich bereits auf den Ausgang zuging, drehte ich mich noch einmal um. Sie stand nach wie vor da und schaute zu mir hin.
    „Ich bin froh, dass es Hubschrauberlandeplätze gibt, sie können Leben retten“, rief ich ihr zu und sah, wie sie leicht ihren Kopf senkte und wie sich, ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitete.

  • #21

    Barbara Schirmacher (Samstag, 25 Juli 2020 20:53)

    Cavissamba

    „Das ist ein afrikanisches Wort und heißt herzlich willkommen“, sagt Leni Rieke, hübsche Brünette mit Kriselhaar, und lächelt die Besucherin an. Sie ist Fotografin und führt in diesem winzigen Ort in der Wedeler Marsch in ihrem Haus eine Galerie. „Ich habe sie Cavissamba genannt, wie die Farm meiner Großmutter in Angola. Herzlich willkommen.“

    Sie geht mir voran um das niedrige, hinter Rosenbüsche geduckte Haus in den wild wuchernden Garten. Die flachen Marschwiesen, die sich längs der Straße bis zum Horizont ausbreiten, liegen im vollen Sonnenschein des Spätnachmittags, ihre hellen Flächen scheinen etwas zurückgetreten, zwischen Baumstämmen und silbrigen Zweigen lugen sie hindurch. Direkt hinter dem Haus zu einem Seerosenteich hin ist eine Tafel gedeckt. Ich nicke den dort sitzenden Gästen zu und brauche einige Momente, bis ich einen Platz gefunden habe, von dem aus ich mich an dem Rundblick erfreuen kann und gleichzeitig genug Abstand von den anderen habe, um den neuen Regeln zu genügen und mich dabei noch wohlzufühlen. Hier draußen setzt niemand die Schutzmaske auf. Es wird roseefarbener Sekt angeboten. O je, mir wird in letzter Zeit so schnell schwummerig im Kopf, aber ein halbes Gläschen wird schon gehen. Ein fein geschliffenes altes Glas, die rötliche Farbe durch das Licht der sinkenden Sonne verstärkt, kleine Schlucke, die frisch und fruchtig schmecken. Tanzende Mücken im Gegenlicht über der silberhellen Wasserfläche zwischen den Seerosen. Ein halbes Dutzend Vögel, nach der Silhouette muten sie afrikanisch an mit ihren fächerartig gespreizten Schwänzen, aber hier sind es Eichelhäher, allerdings ohne ihr übliches Geratsche. Schweigend, ohne sich zu verraten, fallen sie in den hohen Kirschbaum ein. Er ist gesprenkelt von dunkelroten Schattenmorellen, und Leni Rieke sagt, sie habe die am Vormittag erst darunter aufgebaute Tafel doch lieber wieder abgebaut und hierher ans Haus geholt, um helle Blusen und Hemden zu schonen. Im übrigen seien Kaffee, frische Obsttorte und eine kräftige Suppe vorbereitet, man möge doch zulangen.

    Wir sind zu einer Lesung versammelt. Aus dem „Klönschnack“, Hochglanzwerbeblättchen fürs westliche Hamburg, habe ich davon erfahren und beschlossen, mein nun schon den fünften Monat gehütetes Schneckengehäuse allmählich wieder zu öffnen. Lesung, Musik und Rotebeetesuppe. „Wir werden ein kleiner Kreis sein“, antwortete Leni Rieke auf meine vorsichtige Frage, und tatsächlich kommen nicht mehr als elf Personen zusammen. Eine liest, einer spielt Klavier, eine schaut, ob alle versorgt sind. Die anderen acht lauschen. Auf den klappernden Storch vom Nachbardach. Auf den blechernen Schlag der Kirchturmuhr. Auf die gleichmäßige Stimme, die von einem erzählt, der nicht recht weiß, in welche Heimat er gehört, nach Rumänien oder nach England. Sie lassen sich die milde Sonnenwärme ins Gesicht scheinen, blinzeln nach dem Schmetterlingspärchen, das über ihnen in enger werdenden Kreisen tanzt, höher und höher. Pfauenauge, murmelt jemand. Die Lauschenden entspannen sich und lächeln unwillkürlich. Es geht kein Windhauch. So etwas kommt in der Wedeler Marsch eigentlich nicht vor. Von hier bis zur Nordsee gibt es nicht das kleinste Hindernis, und der Wind weiß normalerweise die freie Bahn zu nutzen. Doch heute Abend hat er sich eingerollt.

    Klaviertöne entfalten sich, steigen auf, schweben zwischen Gebüsch und Blumenrabatten. Die tief roten Blüten der Montbretien scheinen aus ihren Schwertblättern heraus zu glühen. Bizarr geformte Vogelköpfe mit feuriger Büschelkrone und vorgerecktem Schnabel. „Die hat mein Vater noch gepflanzt,“ sagt Leni Rieke, „ kann sein, sie waren für ihn eine Erinnerung an Afrika.“ Ihre Großeltern aus Schlesien haben dort Wohlstand gesucht, vor dem 2. Weltkrieg, und schließlich nach Jahren harter Arbeit eine Farm erwerben können, “Cavissamba“. Dort bauten sie Ananas an. Als Angola 1975 seine Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Portugal erklärte und ein jahrelanger Krieg begann, musste die Familie nach Deutschland ausreisen. Für Leni Rieke das Ende ihrer unbeschwerten afrikanischen Kindheit. Ein anderes Leben in der Wedeler Marsch.

    Und heute Abend diese zusammen gewürfelte Menschengruppe, vom Licht eines Sonnenuntergangs vergoldet, wie man ihn selten erlebt, an diesem Ort, in der Galerie „Cavissamba“, als gäbe es keine Bedrohung durch das Corona-Virus, keine weltweite Krise, als sei ein solcher Abend im Juli 2020 in der Nähe Hamburgs ganz normal.

  • #20

    Sabine Römer (Dienstag, 21 Juli 2020 18:59)

    Was ist wichtig?

    Ja, was ist eigentlich wichtig im Leben? Das habe ich mich schon öfters gefragt. Lasse ich mein Leben Revue passieren, so merke ich, dass sich die Antworten auf diese Frage im Laufe der Jahre immer wieder geändert haben. Ich denke, das ist normal. Mit 15 sind die Ansprüche an das Leben natürlich anders als mit 61. War früher der Wunsch nach Erfolg, Anerkennung und Besitz ein ständiger Antreiber, so ist es mir jetzt wichtiger gesund zu bleiben, die Menschen, die mir wichtig sind, um mich zu haben, gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen ….. nicht erst seit Corona aber jetzt ganz besonders. Die Frage, wie es in Zukunft weitergehen soll, weitergehen wird, treibt nicht nur mich um.

    Was ist wichtig?

    Ich ertappe mich, Pläne zu machen. Pläne für die nächsten Monate, Pläne für das nächste Jahr. Und dann frage ich mich, ob es Sinn macht zu planen oder ob es nicht sinnvoller ist, den Moment im Hier und Jetzt zu genießen. Das Leben zu genießen, so wie es mir meine Mutter geraten hat. Das verunsichert mich. Ich stelle fest, dass ich immer alles in meinem Leben geplant habe. Ohne Plan habe ich Angst, mich zu verlieren. Brauchen wir nicht alle irgendwie Pläne? Ein Plan schafft eine Struktur. Eine Struktur, an der ich mich entlang hangeln kann, die mir Sicherheit bietet. Ohne diese Sicherheit kann ich nicht genießen. Das Leben genießen bedeutet auch, sich mit einem Plan Vorfreude zu sichern. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf meinem Sofa, das Laptop auf den Knien. Ich habe mir für heute Urlaub genommen. Die Waschmaschine läuft, die Steuererklärung habe ich heute früh erledigt. Das habe ich gestern für heute geplant und kann nun diese Zeit genießen. Heute gibt es zum Abendessen Fisch, ich werde ein neues Rezept ausprobieren. Das ist mein Plan und ich freue mich darauf, ihn abends umsetzen zu können. Planen und genießen schließen sich also nicht aus. Es macht insofern durchaus Sinn zu planen, auch wenn sich manche Pläne zurzeit nicht realisieren lassen. So wie der geplante Urlaub im Ausland, die geplante große Feier mit der Familie und den Freunden …. alles zurzeit nicht möglich. Doch ist das wichtig? Nein, wichtig ist das nicht. Es wäre schön gewesen, aber es ist wichtiger, dass wir gesund bleiben, um uns zu einem späteren Zeitpunkt zu sehen, um uns auf eine Reise zu einem späteren Zeitpunkt zu freuen – um uns auf die Zukunft zu freuen. Nicht den Mut verlieren, das Leben zu planen und zu genießen.

    Das ist wichtig!

  • #19

    Barbara Schirmacher (Mittwoch, 24 Juni 2020 12:45)

    Es wird sich nichts ändern
    In Amerika ist ein Mann von einem Polizisten bei der Verhaftung umgebracht worden. So what. Das ist eigentlich keine Nachricht. Das ist Alltag.
    Natürlich war derVerdächtigte dunkler Hautfarbe.Und natürlich ist der Polizist weiß. Wie man so sagt. Weiß wie die Unschuld. Anders als sonst ist, dass er des Mordes angeklagt ist. Fast sofort nach der Tat. Immerhin.
    Das liegt daran, dass eine Frau ein Video gedreht hat.Gut acht Minuten kannst du - wenn du es aushältst - wie der weiße Mann sein Knie auf den Nacken des schwarzen Mannes drückt, bis der reglos da liegt.
    Das Video ist in der Welt. Keiner kann es weg diskutieren.
    Aber: Es wird sich nichts ändern, sagt der Autor, der von allen Seiten gefragt wird, der aktuell das wichtigste Buch über die Sklavengesellschaft der USA geschrieben hat, "Underground Railway" , der unter seiner Rastafrisur und durch seine dunkle Haut wohl durchdringender sieht, nüchterner, illusionsloser. Der eine Reform in der Polizeibehörde in Minnesota nicht schon für den Lichtstreif am Horizont hält.
    Und dann die Überraschung. Polizisten knien gemeinsam mit demonstrierenden Menschen, Schwarzen und Weißen, sagt der Nachrichtensprecher.
    Ist es das?
    Ist es das, was wir brauchen? Die Fähigkeit, das Knie zu beugen? Gemeinsam das Knie zu beugen?

  • #18

    Irene (Mittwoch, 27 Mai 2020 08:12)

    Es ist ein merkwürdiger Zustand. Im Außen sowieso: Noch nie hatten wir Dinge, die auch nur ein bisschen den jetzigen ähnelten.
    Es gab sie nicht, in dieser Zeit, in unserer Generation, in diesem Land, diesem Bereich der Welt, dieser Fülle und Bequemlichkeit.

    Es ist ein merkwürdiger Zustand. Im Inneren mehr als wir es uns ausgemalt hätten, wenn wir hätten ahnen können: Wir sind aus der trügerischen Sicherheit gefallen. Und aus der unterschwelligen, scheinbar berechtigten Unzufriedenheit, die Luxus war, genauso wie unsere bisherigen Umstände. Alles könnte doch noch ein bisschen besser sein, meinten wir und sagten es auch ...

    Es ist eine Chance. Für uns und für neue Erfahrungen, andere als die bisherigen. Wertvoll sind sie; ohne sie wären wir nicht die, als die wir uns kennen. Die schmerzlichen sind nachhaltiger und wertvoller als die angenehmen. Das weiß man, ich weiß das auch. Trotzdem entschwindet mir die Chance immer wieder, und ich stehe still.

    Seit vielen Wochen schon fühle ich das Gegenteil von: "Mir schwirrt der Kopf" - eine meiner oft getanen Äußerungen in meinem wirbeligen, oft stressigen bisherigen Leben. Rückblickend denke ich, was für Luxusprobleme das waren, manchmal mit ein wenig Koketterie gemischt ... Leichter war diese Zeit. War sie besser?

    Das gefühlte Gegenteil vom schwirrenden Kopf ist belastend. Es schwirrt nichts mehr, eher ist es dumpf und ein wenig leer hinter meinen Augen. Nicht depressiv oder hoffnungslos, auch nicht verzweifelt oder resigniert. Es ist schwarzweiß, das trifft es am ehesten. Die Buntheit, das Lebendige, die Kreativität, der Spaß, die Anregungen ... nur manchmal blitzt davon etwas auf.

    Sperren werden gelockert, alles soll leichter werden. Der Schrecken bleibt. Wie schnell kann so etwas passieren ... plötzlich gefangen sein.

    Es ist eine Herausforderung. Was sagen meine Bücher dazu, was raten andere Quellen? Hilfe wird angeboten, fachlicher oder philosophischer Trost, Beispiele von Menschen, die Unsicherheiten und Abbrüche erfahren und beschrieben haben ...

    Ich verstehe jetzt vieles besser. Kann fühlen, was ich so manches Mal nur gelesen habe.

    Ja, es ist eine Chance. Die regt mich an, weiterzumachen.

    Das war es heute von mir und aus mir. Und ich merke, wie es mich entlastet hat, das zu schreiben. Andere führen Tagebuch, und ich dachte, das brauche ich nicht, ich kenne ja meine Gedanken. Scheint nicht zu stimmen.

    Mir ist jetzt leichter.

    :)

    Irene

  • #17

    Sabine (Sonntag, 17 Mai 2020 18:06)

    Jetzt breche ich auf zu der Reise in die Nachcoronawelt. Was sehe ich? Nun, mein Blick geht nicht weit, er umfasst nur ein überschaubares Stück Erde, fruchtbar und grün hier neben unserem Dorf. Dort sehe ich viele Menschen arbeiten: sie pflanzen Bäume und Tomatenstauden, Kartoffeln und Kürbisse, ernten Bohnen und Zuccini. Sie lachen und scherzen, sind jung und alt, dunkel- und hellhäutig.
    Am Abend decken wir einen Holztisch mit den einfachen Speisen, die wir zubereitet haben: Brot, Reis, Gemüse. Ich schaue mich um, schaue in die glücklichen, ausgelassenen Gesichter, verschwitzt nach der harten Arbeit. Neben mir meine lebhafte kanarische Freundin und ihr Mann, ich sehe Lars, den Norweger mit langen grauen Haaren und nachlassendem Augenlicht neben seiner hübschen deutschen Frau, Lambert, den holländischen Maler, Edgar, den kolumbianischen Arzt und seine drei KInder, meine Kollegin Bea und ihr argentinischer Freund, die russische Pianistin und ihr spanischer Mann, die junge Frau aus Litauen, viele andere Menschen... und ich selbst - eine deutsche Frau mit russischen und französisichen Wurzeln, die hier auf dieser südländischen Insel lebt. Wir alle arbeiten, so oft wir können, zusammen, um das brachliegende Land zu bestellen. Wir versuchen alles zu lernen über Permakultur und ökologischen Anbau. Oft ist es mühsam, aber die Freude, wenn wir die saftigen roten Tomaten abpflücken, den Brokkoli ernten lässt uns die schmerzenden Schultern und Rücken vergessen. Noch sind wir weit davon entfernt, uns selbst zu versorgen, aber wir entwickeln eine innere Verbindung zur Erde.

  • #16

    Waltraud Fitschen (Mittwoch, 13 Mai 2020 16:02)

    WORTE

    Wut
    Ich bin gefangen im Viereck von Bildschirmen
    Worte
    Schwabbeln im Netz
    Worte
    Stöhnen unter ihrer Bedeutung

    Ich will mich kümmern um
    Worte
    Kann mir keinen Reim mehr auf sie machen

    Glück
    Reimt sich nicht mehr auf Tortenstück
    Draußen keine Kännchen
    Alle Cafés geschlossen

    Übermut
    Tut selten gut
    Sagte Großmutter
    Sie meinte nicht
    Küssen ohne Maske

    Aber ich will
    Mich mit Liebe infizieren
    Mit Worten
    Aus deinem Mund
    Dich einatmen
    Ohne Angst

    Frei sein
    Nicht nur
    Träumen
    Vom Leben
    Das wir gehabt haben könnten

  • #15

    Manja (Donnerstag, 07 Mai 2020 15:30)

    Endlich innehalten.

    Endlich Zeit für die Kinder, ich habe ihnen so lange nicht zugehört.
    Endlich ein Buch in Ruhe lesen und Gedanken nachhängen.
    Endlich lange spazieren gehen und nicht nur einen Spurt zur nächsten Straßenbahnhaltestelle einschieben, weil die Bahn ausgefallen ist.
    An den wenigen Tagen auf Arbeit die Kollegen sprechen hören über echte Wünsche, Sehnsüchte und Ziele. Kollegen, die sonst nur knapp "Hallo" sagen.

    Und dennoch.

    Kommen wir uns zu nahe, weichen wir zurück, als wären wir schon infiziert.
    Mit Maske in den Laden, als ob wir uns das Sprechen verbieten wollen.
    Die Sorgen meines Schwagers um seine wirtschaftliche Existenz.
    Die Sorge um meine Mutter, weil sie eine Infektion nicht überstehen würde.
    Ich will mein altes Leben zurück.

    UND mehr Raum für mich selbst. Das werde ich nach der Krise ändern.

  • #14

    Ava (Donnerstag, 30 April 2020 21:50)

    Social distancing, zu Hause bleiben, Kontakte meiden, Abstand halten
    Kein großes Problem in einem weiten Land wie Kanada
    Mit einem Haus und einem 2.000 qm großen Garten
    Beim spazieren gehen mit dem Hund ein freundliches Grüßen beim Wechseln der Straßenseite
    Es ist ruhig hier, noch ruhiger als ohnehin schon im beschaulichen Quispamsis
    Kein Schulbus und auch sonst fast kein Auto auf der Straße.
    Spielplätze geschlossen, ebenso viele Parks und Strände
    Warum, frage ich mich, ist das nicht doch übertrieben?
    In einer Provinz wie New Brunswick mit gerade mal 118 Corona-Fällen, davon 112 wieder genesen
    seit letztem Wochenende nun Phase 1 zur Lockerung des shutdowns
    zwei Familien-Blasen dürfen sich treffen, meint zwei Haushalte
    von Maskenpflicht ist nicht die Rede, aber auch nicht von Öffnung der Geschäfte oder Schulen, ganz zu schweigen von Restaurants oder Hotels
    mein Plan, hier herumzureisen fällt flach
    ebenso keine Möglichkeit, mich ehrenamtlich zu betätigen und beruflich zu orientieren das wirkliche Leben in Kanada kennen zu lernen, denn letzteres findet gerade nicht statt
    Verzweiflung macht sich breit, auch Zukunftsängste melden sich
    wie soll es weitergehen und vor allem: wann?

  • #13

    Eva (Dienstag, 28 April 2020 19:43)

    Leere Straßen, Menschen auf Abstand, geschlossene Geschäfte.
    Dagegen im Alstervorland: buntes Treiben. Viele Menschen, Läufer, Kinder, Radler, Spaziergänger. Auch im Supermarkt heute: viele Menschen, manche mit Masken im Gesicht, manche halten Abstand, andere nicht.
    Jeder in seiner Blase. Ich muss auf den Abstand achten. Dabei einkaufen. Der Virus ist allgegenwärtig. Der Gang in den Supermarkt wird zu einer anspruchsvollen Aufgabe.
    Man fängt an, sich an die Einschränkungen, die es vorher so noch nicht gab, zu gewöhnen. Sie hinzunehmen, die Einschränkung der Freiheit. Weil es notwendig erscheint. Deshalb ist Wachsamkeit und Weitblick nötig. Denn, wenn die Krise vorbei ist, dann wird man Vieles, was man jetzt — im Angesicht derselben toleriert — nicht mehr hinnehmen wollen.

  • #12

    Irene Thiele (Donnerstag, 23 April 2020 14:55)

    Gestern ... Leichtigkeit, Lächeln, Augen, Wahrnehmen

    Sonne, echte Sonne, lebendige Sonne
    Ein Garten, ein lebendiger Garten
    Diskussionen, kontrovers, Argumente und welche dagegen
    Gespräche, Anteil nehmen, lustig sein
    Verständnis zeigen

    Gestern ... Austausch, Gemeinschaft

    Begegnung
    Im Fluss sein
    Fließend und atmend
    Und das Herz schlägt
    Warm

    Gestern ... Dankbarkeit

    So lange kein Kontakt mehr
    Weggesperrt
    Bedrückt
    Traurig
    Es nicht mal merken

    Übellaunig sein ... deswegen mit mir hadern
    Nein, das tu ich nicht mehr
    Ich habe Verständnis
    Für mich
    Die Folgen müssen sich irgendwie zeigen
    Bin froh, dass das die einzigen sind

    Gestern ... eineinhalb Meter Abstand
    In der lebendigen Natur

    ******************************************

    Wir saßen zu viert in einem Garten, bei Sekt und Muffins.
    Und niemand hat uns angezeigt.
    Und wenn, es wäre mir egal gewesen.
    Man kann das jetzt finden, wie man will !!

    ******************************************

    Gestern ... ich bin so unglaublich dankbar
    Und weiterhin glücklich ...

    Das musste raus. Danke fürs Lesen, Irene

  • #11

    Christa (Donnerstag, 09 April 2020 12:08)

    Eigentlich wollte ich mich raushalten aus der Corona Hysterie. Wie schon aus der Umweltdebatte. Doch diesmal ist es anders.
    Die Erde ist krank. Nichts Neues. Jetzt ist es auch für den letzten Ignoranten sichtbar. Denn das Virus macht vor niemandem Halt, unterscheidet nicht zwischen Arm und Reich und wir Menschlein zittern. Ergreifen individuelle Maßnahmen uns zu retten, zu schützen. Fortlaufen funktioniert nicht. Ausgangssperren, Kontaktverbote, Panzer vor der Tür, schreibt die Freundin, alte Grenzen in Windeseile neu errichtet. Also, Stay home!
    Zähneklappernd sitze ich in der dunkelsten Ecke. Hoffe, dass es mich nicht erwischt. Es klingelt. Ich warte. Erneut das Klingeln, dazu zaghaftes Klopfen. Auf Zehenspitzen schleiche ich zur Tür. Durch den Spion kann ich niemanden erkennen. „Ja?“ ich räuspere mich. „Hallo,“ von der anderen Seite. „Wer sind sie?“ frage ich. „Oh, ich bin das Glück, darf ich eintreten?“
    „Ich habe nichts bestellt.“ Wollte ich antworten, da kam der Satz erst bei mir an. Da steht also das Glück vor der Tür. Was für eine Entscheidung. Wo war es in den letzten Wochen, hat es sich infiziert, wird es mich anstecken und was ist das überhaupt, Glück? Was soll ich mit diesem ungebetenen Gast? Ich war seit Wochen nicht einkaufen. Klopapier, Nudeln, Schokolade sind rar in diesen Tagen, heißt es. Und ist es Fleischesser oder Veganer. Der Wein ist sicher zu kalt. Oh diese verflixte Corona Krise.
    Aber ich kann doch nicht zugeben, dass da nichts ist in Keller und Schrank. Wie wird das Glück darauf reagieren. Wird es beleidigt abziehen mich vielleicht gar mit einem Fluch belegen.
    Das fehlte noch. Habe mich geschützt vier Wochen lang. Isoliert und fern aller Ansteckungsmöglichkeiten saß ich in der Sofaecke.
    Bin gesund! Abgesehen, von der Kreislaufschwäche, die mich grade erfasst und dieses Herzrasen. Du liebe Zeit, meine Füße sind angeschwollen. Ist das das Virus, war es in der Schokolade, dem Wein? Und jetzt noch dieser Fremde vor der Tür. „Ich habe nichts bestellt!“ Jammere ich mit letzter Kraft gegen die Wohnungstür, schleppe mich zum Telefon und wähle die Corona Hotline.

  • #10

    Sabine (Dienstag, 07 April 2020 15:03)

    Hallo Ihr Lieben,

    jetzt gehen wir in die vierte Woche der Ausgangssperre,d.h. nur Gänge zum nächstgelegenen Supermarkt und Arzt sind erlaubt, und ein Ende ist nicht abzusehen. Da fallen selbst mir Gedichte ein, was überhaupt nicht heißt, dass ich Gedicht nicht liebe, ganz das Gegenteil, aber im allgemeinen schreibe ich sie nicht, denn ich bin eher eine Geschichtenerzählerin. Aber vielleicht erlaubt ihr trotzdem, dass ich mir auf diesem Wege ein bisschen Luft mache, ohne zu euren wunderschönen Gedichten, die ich mit Freude gelesen habe, in Konkurrenz zu treten.

    Ausgangssperre mit Garten

    Meine roten Schuhe
    laufen nicht
    meine roten Haare
    wehen nicht
    ich stumm
    auf dem Stengel
    balancierend
    eine Blüte
    tiefrot.


    Ausgangssperre

    Ausgehen geht nicht
    der Ausgang ist gesperrt
    der Eingang ebenfalls.

    Panzer im Stadtzentrum

    Wo bleiben meine Grundrechte?

    Sind Spaziergänge ansteckend?

  • #9

    Barbara Schirmacher (Sonntag, 05 April 2020 16:40)

    Auch in Zeiten von Corona

    "NIcht lange in den Kissen sinnen,
    sondern aufstehn und beginnen."

    Onkel Willi war euín philosophischer Kopf.Er dachte über das Leben nach, stellte allgemein anerkannte Sätze bloß, wie z.B. das seiner Meinung unsinnige "Sein Leben war Arbeit" als höchstes Lob auf so mancher Traueranzeige damals Anfang der fünfziger Jahre, und fand in uns Heranwachsenden, hungrig nach Sinn, aufmerksame Zuhörer.
    Ich wusste gar nicht, dass es seine Erkenntnisse auch in Reimen gab. " Doch,doch," sagte seine Tochter Christa, meine Freundin seit der ersten Schulklasse, "und täglich fallen mir mehr ein," während wir zwischen Hamburg und Como, ihrem Wohnort in Norditalien, telefonierten, Bilder von MIlitärkonvois, die Corona-Leichen abtransportierten, im Kopf. "Wir lassen uns nicht bedrohen," und "Wir halten uns an die Regeln", sagte sie mit fester Stimme, und Onkel Willi tauchte fast leibhaftig in meiner Erinnerung auf.
    Er dachte nach und sprach darüber. Mit uns. Das war sensationell. Kein Erwachsener tat das. Er brauchte keinen besonderen Anlass und keinen herausgehobenen Moment. Mitten im Alltag sagte er die Dinge, die ihm wichtig waren. Er sprach mich beiläufig und doch in einem Ton mit meinem Namen an, dass ich aufhorchte. Ich wusste, dass ich wirklich gemeint war und hörte von ganzer Seele zu, so jung ich auch war. Oder gerade deshalb.Er nahm mich ernst. Er nahm sich selber ernst. Er schob nichts vor. Jedes Mal blieb ich mit einem Häkchen zum Weiterdenken zurück.
    Und jetzt taucht dieser Reim morgens in meinem Kopf auf, reckt sich, guckt sich um, will was.
    "Nicht lange in den Kissen sinnen....".Nicht lange, mag sein, aber eine Weile ist nützlich, habe ich gemerkt. Man muss den Ideen Zeit geben, dass sie einfallen können. Bei mir tun sie das mit Vorliebe zwischen Nicht-mehr-Schlaf und Noch-nicht-Tag. Ich stünde ärmer da, wenn ich das überspringen würde.

    "Sondern aufstehn und beginnen." Onkel Willis Tag begann mit ausführlicher Körperpflege. Aus dem Bad drang sein hingebungsvolles Pfeifen. "Das machen nur die Beine von Dolores", und wir, auf der anderen Seite der Badezimmertür fielen ein:"Dass die Senores nicht schlafen gehn!"
    Ausgiebiges Plätschern und massierende kleine Klatschgeräusche. Wir warteten. Onkel Willi trat auf, zufrieden mit sich. Sammelte auf rosigen Wangen Morgenküsschen ein, verteilte feine Düfte in der Luft.
    Dann das Tagwerk. Er verschwand jeden Morgen hinter den Geschirrbergen des Vorabends und hielt die Küchentür geschlossen.Niemand durfte ihn stören. Erst wenn alles aufgeräumt war, erschien er, selber aufgeräumt und heiter, in Vorfreude auf ein ausgiebiges Frühstück mit Frau, Tochter, Enkelkindern aus Italien und gerade anwesenden Gästen, die auf zusammengeschobenen Sesseln im Wohnzimmer übernachtet hatten.
    Und vielleicht war es just an dem Morgen, als ihm sein kleiner Vers einfiel und er ihn beim Honigbrötchen zum Besten gab.
    "Nicht lange in den Kissen sinnen, sondern aufstehn und beginnen."
    So sei es, Onkel Willi. Auch in Zeiten von Corona.
    Schau ich doch mal, wie derzeit mein Abwasch aussieht.

  • #8

    Sabine (Sonntag, 05 April 2020 00:33)

    Ja, das Coronavirus hat die Umweltdebatte aus den Medien verdrängt. Aber besteht denn kein Zusammenhang? Derzeit kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dies nur eine erste sanfte Warnung der Natur ist: Ihr geht zu weit. Ich verliere die Geduld. Zu lange schon fühlen wir uns unverwundbar; so vieles ist technisch machbar, wissenschaftlich erforscht, und nun bringt ein kleines mutiertes Virus die Welt fast zum Stillstand. Und es ist nicht Pest noch Cholera, sondern ein Grippevirus.
    Bei all den erschreckenden Zahlen ist mir allerdings nicht klar, wie viele Menschen wirklich an oder mit dem Virus sterben, und ich frage mich auch, wie viele Menschen normalerweise an einem Tag in einem Land sterben. Und eine weitere Frage: was wird wohl bleiben von der Wertschätzung und dem Applaus, der jetzt den Ärzten und Krankenschwestern entgegengebracht wird? Wann wird unsere Gesellschaft die „weiblichen“ Fähigkeiten zu helfen, zu pflegen, zu nähren , wieder wirklich honorieren? Wann ziehen wir die Lehre: Krankenhäuser und Schulen statt Waffen und Militär? Vielleicht wenn hunderttausende von Menschen, die jetzt einen geliebten Menschen verloren haben, die Politiker daran erinnern? Nun, ich habe viele Fragen und wenige Antworten, aber jetzt beginnt die Zukunft.

    Und ich möchte der wunderbaren Literaturliste von Erna und Hartmut noch einen Titel hinzufügen: Jose Saramago, Nobelpreisträger: Die Stadt der Blinden. Schonungslos in der Sezierung menschlichen Verhaltens, aber voller Hoffnung...

  • #7

    Franz Molnar (Freitag, 03 April 2020 18:08)

    Jetzt beginnt die Zukunft!

    Nun denn, Corona hat den Klimawandel von der Hitliste verdrängt, vom Flüchtlingsdrama ganz zu schweigen. In der Logik unserer Event-Gesellschaft ist jetzt Corona angesagt.
    Ist es das?
    Oder ist Covid 19 nur das Maß im Übermaß?
    Haben wir in Zeiten des Machbaren, zu lange an der Natur vorbei gelebt?

    Fragen, Nachfragen, Hinterfragen!
    Ist es wirklich gut, dass der »brave« Bürger widerspruchslos alle Einschränkungen hinnimmt? Das er in seiner Not und Orientierungslosigkeit nach einer Führung sucht.
    Das ohne einen Spruch des Verfassungsgerichts Verordnungen in Kraft treten, wie sie sonst nur in autokratischen Systemen möglich ist.
    Der große Lauschangriff war schon öfters ein Thema, und jetzt!?
    An der Supermarktkasse nehmen sie Bargeld nur noch unter Vorbehalt, und die doppelte Haltelinie bei der Absenkung des Rentenniveaus soll nach Expertenmeinung überarbeitet werden.
    Welche Türen werden hier im Schatten der Ängstlichen geöffnet?

    Im Stillstand aber kann auch eine Chance liegen wie zum Beispiel:
    - Überwindung der sozialen Spaltung!
    - Neuordnung der Wirtschaft!
    - Regulierung des Finanzmarktes u.s.w.!
    Zur Zeit ist mir nur eines Gewiss: Jetzt beginnt die Zukunft!

  • #6

    Gesine (Freitag, 03 April 2020 00:15)

    Pandemie fächert durch die Straßen,
    Räder surren Einsamkeit.
    Gedankenblitze! Krachender Donnerschlag
    funkt dazwischen.
    Frohe Gedanken? So langsam steigt
    der Mond mir wieder auf's Dach.
    Krause Gesichter ziehen Stiefmütterchen,
    kein Löwenzahn beißt an.
    Heller Sonnenschein, der März kommt
    noch mit eiskalten Füßen.

  • #5

    Irene Thiele (Donnerstag, 02 April 2020 07:55)

    Es ist Ausnahmezustand. Beides hat sich eingeschlichen: die Ausnahme, der Zustand. Lang noch dachte ich, es ist wie immer ... Gefühlt „lang“ - diese Zeit ist so voller Inhalt, einzelne Stunden scheinen wie Abschnitte.

    Ich mache das, was ich immer tue. Kleine Dinge in kleinem Umkreis.

    Ich schaue in die Welt, lasse mich nicht verunsichern, auch nicht vom im Übermaß gezeigten Horror. Ich weiß, dass er vorhanden ist und dass es Menschen gibt, die davon schon lange zuvor betroffen waren, jetzt um so mehr. Tut auch mir weh. Aber ich handle, wie ich kann, nehme hin und harre aus.

    Ressourcen? Kraft und Stärke und Lebenswillen, sie waren immer schon da. Verschaffen mir Abstand zu schlimmen Dingen - um ruhig zu beobachten, zu beurteilen, zu ändern. Sie können mit Wechseln und Wandeln umgehen.

    Sie dienen mir nicht, um Ängste oder andere Not abzufedern. Ich nutze sie, um, von außen zur Ruhe gezwungen, endlich innerlich mehr davon zu finden. Viel Hetze, viel Zwang, viel Druck und noch mehr MÜSSEN … das gab es in einem langen Arbeitsleben, das seit einem Vierteljahr zu Ende ist. Bisher kein Ende der Hetze ... doch, jetzt ist die Zeit, das DÜRFEN ist jetzt. In den letzten Wochen um so mehr.

    Und ich wandere jeden Tag durch Hamburg, mit meiner Musik auf den Ohren - und bin ganz oft glücklich! Eine neue Zeit! Mit ihr neue Chancen? Neue Gedanken! Umkehr für uns alle ist möglich und ein Ende des Grauens, das bereits lange vor dem Virus herrschte. Darf ich in dieser Zeit glücklich sein, zweifelte lange mein schlechtes Gewissen. Es schweigt jetzt.

    Lasst uns hoffen.

  • #4

    Barbara Rossi (Sonntag, 29 März 2020 20:58)


    Drei Tage nach dem Bekanntwerden der ersten Corona-Virus-Erkrankungen in Deutschland gingen mir die Worte aus, ich nahm mehr auf, als ich normalerweise wieder abgebe und in Gedanken und Worte zu fassen vermag. Ich wurde zur Konsumentin der Medien und Berichterstattungen. Ich sah unfassbare Bilder, Leid. Videonachrichten und WhatsApp-Nachrichten ploppten auf meinem Handy auf. Und damit stellte ich mich still. Mein Schweigen hielt an. Die Gedanken blieben unsortiert und ich mit ihnen alleine.

    Am Abend kam der Anruf einer lieben Freundin. Sie war so verunsichert und voller Zukunftsängste. Was, wenn jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis an dem Virus erkranken oder sterben würde? Wir redeten eine Weile, aber ich wurde das Gefühl nicht los, eine Verantwortung in diesen Zeiten zu haben. Nämlich als Autorin und Freundin Worte zu finden, die trösten und Mut machen. Mit meinen Worten eine Verbindung herzustellen und zu zeigen: Man ist nicht alleine mit seinen Ängsten. Und im besten Falle Hoffnung zu schenken.
    Nach dem Beenden des Gesprächs fand Folgendes den Weg in meinen Kopf:

    Sperrstunde

    Geborgen in der Erde,
    Wo das Hoffen wächst,
    Egal wie die Stimmung ist,
    Erheben sich die Knospen
    In ihrer Utopie von Morgen.

    Auch ich war nach dem Schreiben der Zeilen wieder voller Zuversicht und froh darüber, meine Stimme wiedergefunden zu haben. Meiner Freundin habe ich die Zeilen am nächsten Tag zugeschickt. Und ich wähle nun vorsichtiger, welche Nachrichten ich lese und welche nicht.



  • #3

    Petra Thelen (Mittwoch, 25 März 2020 22:15)

    Des Kaisers neue Kleider
    In jenen Tagen hatten viele was zu sagen
    Politiker und Wirtschaftsleute sehr häufig auch zu tagen
    Um in aller Ruhe zu überlegen, wie man könnte das Volk bewegen
    Ein Virus kam hereingeflogen und das ist wirklich nicht gelogen.

    Die Lupe wurde sehr geschärft, das Auge konnte endlos sehen
    Die Meinungen der Virologen mehr schlecht als recht hervorgetragen
    Hier musste man ganz schlicht und einfach etwas Neues wagen
    Die Diktatur als Mittel kam da recht, und nicht unbedingt zu verstehen

    Ganz maßlos ohne irgendeine Grenze, versprach der Scholz sehr viele Gelder
    Auch für Künstler, alle, Musiker und Schreiber, Maler, Tänzerinnen
    Sehr unbedarft sprach er von der Boozouki mit einem großen Lächeln
    Der kleine große Mann sah im Fernsehen sich selbst die Macht zufecheln

    Es geschahen viele schöne Dinge in diesem Land und anderen Ländern
    Außer dass ein paar starben, die an den schmalen Rändern
    Gewaschen wurden in diesen Tagen vor allem Gehirne
    Wer dabei zuschaute waren am lautlosen Himmel die Gestirne


    Und irgendwann als keiner mehr erkrankte und Corona sich verzog
    Für Viele ihr Leben in eine fette Talfahrtstraße bog
    Der Lateralschaden war gemacht, die Leute aufgewacht
    Wenn dem so wäre, dann wäre Corona durchaus angebracht.

  • #2

    Waltraud.fitschen@t-online.de (Montag, 23 März 2020 12:13)

    Frühlingsmorgen
    Anfangs merkwürdige Stille
    Dieses Leuchten am Himmel
    Ein Fischreiher steht mit langen Beinen
    auf dem Dach
    Wie in Trance überwacht er das Geschehen
    Was sieht er

    Narzissen nicken gelb
    Hyazinthen entfalten sich blau
    Bärlauch sprießt gründuftend
    Hummeln schaukeln am Lerchensporn
    Mein Atem seufzt

    Plötzlich das Gewusel der Meisen
    in der Zaubernuss
    Sie reihen sich auf
    ohne Mindestabstand
    Erzwitschern sich meine Zuneigung
    mit einem Morgenlied

    Auftritt des Eichhörnchens
    Sondervorstellung von Akrobatik
    In Zweigen ohne Sicherheitsleine
    Es legt mir eine Walnuss auf den Stein
    Meine Verehrung ist ihm sicher

    In deutlichem Abstand auf der Wiese
    Ein Reh
    geduckt im Gras
    Wendet sich blitzschnell ab
    als gäbe es Gefahr

    Ich hoffe
    auf Feen
    die im Morgentau
    über die Aue schweben
    Aber heute nicht

    Die Abgesandte
    aus dem Mittelalter
    mit nachtschwarzen Flügeln
    erscheint krächzend
    Sie bringt mir einen Zettel
    mit einer Botschaft
    In einem nicht so fernen Land
    ist der viertausendvierzigste Mensch
    an einer Seuche gestorben

    Der Wind frischt auf
    Im Kellerschacht sitzt eine Kröte
    Ich rette sie in letzter Minute

    Liebe Schreibfreundinnen und Schreibfreunde,
    bleibt hoffnungsfroh und gesund!
    Herzliche Grüße aus Bremen
    Waltraud Fitschen

  • #1

    Jörg Jasper (Freitag, 20 März 2020 14:35)

    Mut machen - hohes Gut!
    In diesen schweren Zeiten gilt vor allem bei strikter Einhaltung aller Forderungen ein Mut machen, was so überaus wichtig ist. Dabei kann auch sehr hilfreich das Rückbesinnen darauf welche Krisen die Menschheit überwunden hat und wie sie Hoffnung daraus geschöpft hat. Die empfohlenen Bücher haben einen guten Blick darauf. Ich möchte meine Erfahrung hier mit kundtun. In schlechten Zeiten wie diesen greife ich gern auf die Bücher von Hardy Krüger zurück und kann diese nur empfehlen, schildert er doch in seinen Reisebeschreibungen mit den Begegnungen Schicksale und Erfahrungen von Menschen unterschiedlicher Kulturkreis. Wir sollten jetzt schon daran denken wie wir dosiert nach Überwindung der Corona Krise (der Virus wird uns auch nach gefundenen Medikamenten begleiten) mit viel Optimismus wieder zur Normalität zurückkehren. Dabei müsste danach die globalisierten Welt sich neu ausrichten. In dieser Hoffnung, bleibt alle positiv und gesund!
    Jörg Jasper


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