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Ostern in der Pandemie

Liebe Schreibfreudige, Freunde & Interessierte,

„das zweite Ostern in der Pandemie“ hört man allenthalben. Ausgerechnetjetzt, wo der Frühling Fahrt aufnimmt, die Feiertage anstehen, droht so mancher, den Mut sinken zu lassen. Statt Lockerungen, steht uns eher ein harter Lockdown ins Haus. In der Politik Ratlosigkeit, kein Plan erkennbar. Wie damit klarkommen. Wir als Schreibende suchen nach Inspiration in der Poesie Marica Bodrožićs zum Beispiel. Aber auch in den essayistischen Beiträgen von Carolin Emcke. Was beide verbindet, ist der Blick über den eigenen Tellerrand, das Bewusstsein, dass diese Pandemie nur global zu bewältigen ist. Dass die ökologische und die Corona-Krise zusammenhängen. Dass das dadurch verursachte Leid die armen Länder und die Armen in den reichen Ländern am härtesten trifft. Dass wir hier in Deutschland einerseits auf hohem Niveau klagen und es zugleich an der Zeit ist, auch unserer Trauer Raum zu gewähren, wie von Carolin Emcke postuliert. Trauer angesichts so vieler zerstörter Existenzen und Hoffnungen, Empathie all denen gegenüber, die unwiederbringliche Verluste erlitten haben. In dem Maß, wie wir aufhören, um uns selbst zu kreisen – ob im Politischen, ob im Persönlichen –,sondern auch das Leid der anderen in Augenschein nehmen und lindern helfen, werden wir am Ende daran gewachsen sein. Einmal mehr unser Appell: Schreiben wir über diese aufregende Zeit! 

fanger & fanger  schreibfertig.com

*Marica Bodrožić: Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge. Otto Müller Verlag,

Salzburg 2021

*Carolin Emcke: Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main  2021

 

Kommentare: 2
  • #2

    Franz Molnar (Samstag, 24 April 2021 22:17)

    Der Spiegel

    Es geht mir wohl wie vielen, die Pandemie hat meinen Lebensrhythmus durcheinandergewirbelt. Gewohnheiten sind den Umständen, oder der veränderten Stimmungslage geschuldet zur Zeit nicht mehr im Fokus . Neue der Lage angepasste Gewohnheiten haben ihre Stelle eingenommen.

    So kommt es, dass meine literarischen Versuche seit einiger Zeit in den Hintergrund getreten sind, ich in den letzten 13 Monaten stattdessen für meine Verhältnisse immer häufiger zum Buch greife. Ob der Junge mit dem gestreiften Pyjama, der Traffikant oder aktuell Herkunft von Sasa Stanisic.
    Bei ihm bin ich in seinem autobiographischen Werk auf einige Zeilen gestoßen, die mich zu weiterführenden Gedanken veranlasst haben.
    In einem Kapitel, des Buches, seine Schulzeit kurz vor dem Balkan-Konflikt betreffend, stand folgende Erinnerung aufgeschrieben: >Moslems wurde ein paar Monate später in einigen Gebieten befohlen, ein weißes Tuch am Ärmel zu tragen!< ( Was hätten wir wissen müssen? Was hätten wir wissen können? Was wollten wir wissen?!)
    Erste Schüsse zwischen Sonnencreme und Strandbar. Was einst Tradition und Macht zusammen hielt, brach auseinander.

    Ich erinnere mich an Flüchtlingsheime.
    Ich erinnere mich an Staaten, die ihre Grenzen schlossen.
    Ich erinnere mich an brennende Asylheime und klatschende Schaulustige.
    Ich erinnere mich an weinende Kinder und alte Männer.

    Wir die wir mit erhabener Weisheit über unsre Väter und Großväter richten.
    Wir die wir mit dem Wissen und den demokratischen Privilegien des 21. Jahrhunderts ausgestattet sind.
    Wir die wir über Internet, freie Presse und Meinungsfreiheit verfügen.

    Vor unseren Mauern ertrinken Menschen. Schiffe die Flüchtlinge retten werden beschlagnahmt oder an der Hafeneinfahrt gehindert. Kapitäne werden verhaftet.
    Eine gemeinsame europäische Flüchtlingspolitik ist auch nach über 30 Jahren noch nicht in Sicht.

    Und so scheint es mir manchmal, als würden wir über das Erbe unserer Väter klagen,
    ohne zu ahnen, dass wir es schon längst angetreten haben!

  • #1

    Irene Thiele (Donnerstag, 22 April 2021 10:07)

    Ob ich auf hohem Niveau klage? Im Wohlstand klage? Richtig.
    Haben andere Menschen viel, viel mehr zu leiden? Richtig.
    Habe ich Mitgefühl? Ja, das habe ich wirklich.
    Trotzdem - kreise ich um mich und sehe mein (kleines) Leid? Ja.
    Aber manchmal … manchmal ist es einfach nicht leicht ...


    "Ein neuer Tag"

    Nun hat es mich doch erwischt.
    Lange habe ich ihnen widerstanden, den düsteren Nachrichten, den Drohungen, der unbegrenzten Länge der Auszeit, Zwängen, die erst in der Diskussion sind, jedoch mit Chance auf Erfolg.
    Trotz allem habe ich mir die Lebensfreude bewahrt, auch wenn es nicht immer leicht war, in der Hoffnung, dass irgendwann Ruhe einkehrt, die Sachlichkeit siegt, genauso die Vernunft, die Vorschriften nicht mehr chaotisch sind, sondern nachvollziehbar …

    Das Nicht-Endenwollen macht mich nun doch ein wenig mutlos, ich fühle mich ausgeliefert. Hat man noch eine Wahl?
    Aber - jammern nützt nichts, nur die Tat hilft, egal welche. Ich gehe also gestern in die Innenstadt, um etwas zu besorgen, aber vor allem, um mich abzulenken und vielleicht sogar zu belohnen, für meine Geduld, für die Leistung, die ich - wie wir alle - jeden Tag absolviere. Sie heißt: Durchhalten.

    Buchhandlungen haben geöffnet, ich suche nach aufbauender Literatur.
    Leider finde ich nichts, nichts Inspirierendes, dort nicht und woanders auch nicht, es ist ja alles geschlossen. Was mir früher Freude gemacht hat, das Herumstöbern in bunten Geschäften, meist ohne etwas zu kaufen, geht ja nicht mehr, und ich habe, das merke ich, auch keine Lust mehr dazu.
    Ich stromere durch die Straßen, die ich so lange schon kenne, und erinnere mich.
    Dort ging ich Hand in Hand mit …
    Hier war ich mit Freundinnen unterwegs …
    Und um die Ecke gab es das schöne Restaurant ...
    Es ist ein Gefühl des Abschieds. Warum?

    Und bevor diese Einkaufspassage gebaut wurde, war dort der kleine Laden mit Holzmöbeln ...
    … der Photoshop, in dem ich für besondere Bilder besondere Rahmen gekauft habe …
    … Kaffeepause mit meiner kleinen Tochter im Kinderwagen, sehr lange her, ein Franzbrötchen, ein Kaffee, zwei Mark dreißig, glaube ich …
    Es ist ein Gefühl des Abschieds. Warum?

    Ich bin ein wenig verloren. Es sind nicht viele Leute unterwegs.
    Ich will keinen Abschied. Sondern ein Ankommen. Und ein Bleiben.
    Aber meine Tour durch die Stadt bessert meine Stimmung nicht.
    Abschied. Warum?

    Es ist ja kein echtes Abschiednehmen, nur in meinem Kopf findet es statt, ohne wirklichen Grund. Es sind Gedanken, Emotionen, die man - eigentlich - einfach abstreifen könnte … ich weiß es, vermag es aber gerade nicht.
    Zuhause versinke ich in einer Fülle von Nachrichten, trotz meiner Vorsätze, sie sparsam zu dosieren.
    Ratlos.

    Heute Morgen scheint die Sonne, ein kühler Frühlingstag kündigt sich an. Vögel zwitschern im Hof, so, als sei alles wie immer, wie in jedem erwachenden Jahr.
    Sogar an den Tauben finde ich Gefallen, das erstaunt mich selbst. Immer wieder versuchen sie, auf meinem Balkon zu landen, was ihnen nicht gelingt, seitdem ich einen Vorhang angebracht habe. Ihre Nester müssen sie woanders bauen. Ja, auch diese armen Seelen haben heute mein Mitgefühl, ich bin ungewohnt milde.

    Die Sonne, ein kühler Frühlingstag.
    Ich fühle mich besser. Alles neu, auch der Tag, genauso meine Gedanken und Emotionen. Wieder einmal wird mir deutlich, dass ich es selbst in der Hand habe.
    Mir kommt meine Maxime in den Sinn, die ich hochhielt, seitdem der Wahnsinn vor einem Jahr begann: Jeder Tag für sich. Jeden Tag schätzen, gestalten, das Gute suchen, nicht aufgeben, durchhalten.

    Ja, es ist ein neuer Tag.

    Irene

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