Dr. Erna R. Fanger und Hartmut Fanger MA

Seit über 20 Jahren erfolgreiche Dozenten für Kreatives und Literarisches Schreiben, Fernschule, Seminare, Lektorat


FUTURJETZT

FUTURJETZT heißt die Seite und die Ähnlichkeit mit FUTURZWEI, der Stiftung und Internet-Plattform von Harald Welzer, ist beabsichtigt; siehe hierzu auch im Newsletter-Archiv unseren Beitrag vom Oktober 2013. Dessen Newsletter "Flaschenpost", zu bestellen unter www.futurzwei.org/newsletter, können wir nur empfehlen. Schreiben und Leben sind unmittelbar aneinander gekoppelt. Unserem ganzheitlichen Ansatz entsprechend, wollen wir an dieser Stelle den tagtäglichen Katastrophenmeldungen etwas entgegensetzen. Seitens der Medien allenfalls als Randnotiz erscheinend, unterstreichen wir hier die ermutigenden Bemühungen einzelner Menschen und Initiativen, die das Leben wieder selbst in die Hand nehmen. Sie schließen sich zusammen und gehen der Frage nach, wie  wir leben wollen, um dies gemeinsam in die Tat umzusetzen.

Jeder Geist baut sich selbst ein Haus; und jenseits seines Hauses eine Welt; und jenseits seiner Welt einen Himmel. Ralph Waldo Emerson

FUTURJETZT AUGUST 2017

© Erna R. Fanger und Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com

Nachlese zum G20-Gipfel

Der Protest der Zivilgesellschaft – packend, bunt, kreativ und friedlich!

Was angesichts der Bilderflut über die Gewalt im Schanzenviertel unterging

 

Bereits im Vorfeld, am 28. Juni, kam der unermüdliche, 83-jährige Globalisierungskritiker Jean Ziegler ins Schauspielhaus, stellte die Legitimation des G20-Gipfels radikal infrage, erklärte dafür allein die UNO als zuständig. Zugleich appellierte er an den deutschen Rechtsstaat, der alle Mittel in der Hand hielte, die Strukturreformen, die es zur Veränderung einer „kannibalischen Wirtschaftsordnung“ bedürfe, durchzusetzen. Er müsse sie nur nutzen.

Den beeindruckenden Auftakt bildete dann am Mittwoch vor dem Gipfel die Kunstaktion der 1000 Gestalten. Initiiert von der Künstlergruppe „das kollektiv“, unterstützt vom „Gängeviertel Hamburg“ und diversen Hamburger Kulturinstitutionen. In Lehm gehüllt, zunächst strauchelnd, buchstäblich am Boden, teils kriechend, gezeichnet von Resignation, Einsamkeit, Angst und Verzweiflung, vereinzelt und verloren. Grandiose Übersetzung der Kehrseite einer in erster Linie auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Globalisierung, wo der Einzelne zunehmend auf der Strecke zu bleiben droht. Bis die ersten ausbrechen. Sie beginnen, sich wahrzunehmen, helfen einander auf, trösten sich gegenseitig. Befreit schreien sie ihre Qual heraus, entledigen sich der mit Lehm verschmierten Klamotten. Bunte T-Shirts darunter. Erst jetzt offenbar werden sie sich plötzlich ihrer Schönheit und Kraft gewahr, jubeln, tanzen und spüren, dass ein jeder hier aufgefordert ist, Verantwortung zu übernehmen. Wir können nicht davon ausgehen, dass dieser Impuls von der Politik kommt, sondern wir als Zivilgesellschaft müssen selbst aktiv werden und Veränderungen initiieren.

In diesem Sinne hatten am 5. und 6. Juli auch 77 Organisationen und Initiativen aus über 20 Ländern zu einem „Gipfel für globale Solidarität“ in die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel geladen. Auf  11 Podien und in mehr als 70 Workshops trafen sich dort über 2000 Besucher zum regen Austausch über politische Alternativen und Lösungswege. Den Höhepunkt bildete der Auftritt der Umweltaktivistin, ‚Hüterin des Saatguts’ und Doktor der Physik aus Indien, Vandana Shiva. In der Laeisz-Halle lasen am 5. Juli beim Festival „Lesen ohne Atomstrom“ so bekannte Namen wie Renan Demirkan, Auma Obama, Schwester von Ex-US-Präsident Barack Obama, Günter Wallraff, Konstantin Wecker und viele mehr aus den Werken "Empört Euch!" und "Engagiert Euch!" von Stéphane Hessel, 2013 verstorbener Résistence-Kämpfer und Überlebender des Holocaust, zugleich Mitautor der UN-Menschenrechtserklärung von 1948. Zur selben Zeit die Möglichkeit, im Hauptgebäude der Hamburger Universität  an einem interreligiösen Friedensgebet mit Vertretern der Aleviten, Bahai, Buddhisten, Christen, Hindus, Juden und Muslime teilzunehmen. Von der chinesischen Xylophonistin Lin Chen musikalisch hochkarätig initiiert und begleitet. Beim anschließenden Empfang  im Café Dell Arte Raum für Austausch und Gespräche.

Am Freitag, 7. Juli, fand sich wiederum in der Barclaycard-Arena zu einem Konzert im Rahmen des Global Citizen Festivals eine Reihe internationaler Musiker aus Pop und Jazz zusammen, u.a.  Shakira, Andreas Bourani, Coldplay, Herbert Grönemeyer, um für eine gerechtere Welt, gegen Armut und Hunger, anzuspielen.

Am Samstag, 8. Juli dann, Ökumenischer Gottesdienst des kirchlichen Bündnisses „global.gerecht.gestal†en“ in der bis zum letzten Platz gefüllten St. Katharinen-Kirche, wo in der Predigt deutliche Wort zu der zerstörerischen globalen Finanzpolitik fielen. Der anschließende Demonstrationszug mit Bischöfin Kirsten Fehrs an der Spitze „Hamburg zeigt Haltung“ mit nach offiziellen Angaben 10.000 Teilnehmern führte den Hafen entlang bis hin zur Fischauktionshalle in St. Pauli. Dabei: die Träger des angeblich 340 Meter langen Weltenschals, mit Applaus bejubelt, und immer wieder musikalische Einlagen, Blechbläser und Trommeln, die für gute Stimmung sorgten. Auf der Abschlusskundgebung sprachen unter anderem der New Yorker Bürgermeister, Demokrat und Trump-Kritiker Bill de Blasio und Gesine Schwan. Zahlenmäßig wurde das Ganze mit den über 80.000 Teilnehmern des Linksbündnisses auf der Reeperbahn noch getoppt.

Insgesamt an die 100.000 Hamburger, darunter große und kleine Initiativen, die ihrem Protest gegen die Allmacht der Konzerne, Rüstungsexporte, Bildungsdefizite, gegen Hunger und Krieg friedlich und ideenreich Ausdruck verliehen haben. Von den Medien, bis auf wenige Ausnahmen, eher zögerlich während des Gipfels aufgegriffen und längst wieder in Vergessenheit geraten. Stattdessen beherrschen bis heute die Ausschreitungen im Schanzenviertel das Bild, emotional aufgeladen, Betroffenheit heischend. Der viel gerügte Schwarze Block ist laut Friedenspreisträgerin Carolin Emcke in „ttt – Titel, Thesen, Temperamente“ vom 30. Juli „ein dankbar angenommenes Bild“ mit der Funktion, von der eigentlichen Kritik abzulenken. Statt stichhaltiger Analyse der Vorfälle, gegenseitige Schuldzuweisungen, die der Wahrheitsfindung wenig dienlich sind. Zahlenmäßig ist der Schwarze Block eine deutlich kleine Minderheit – gewaltbereite, teils kriminelle so genannte Revolutionstouristen, die nachweislich den Hauptteil der Gewalttaten zu verantworten hatten, mitgerechnet. Von der seitens einer beherzten jungen Hamburgerin ins Leben gerufenen Aktion „Hamburg räumt auf“, wo nach den Krawallen über achttausend Bürger das Zepter wieder selbst in die Hand nahmen, aufräumten und putzten, spricht im Nachhinein kaum noch jemand. 

Wer allerdings unter den vielen friedlichen Demonstrierenden mit dabei war, die historische Gunst der Stunde als Vertreterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft nutzend, die sich mit den genannten Missständen nicht abfinden, sondern für ein menschlicheres globales Miteinander einstehen wollen, mochte sogar ermutigt und bestärkt aus diesen Tagen hervorgehen. Könnte dies doch ein Auftakt sein, es dabei nicht zu belassen, sondern weiter gegen weltweites Unrecht, gegen Hunger, Leid, Ausbeutung und Krieg aufzustehen, immer wieder. 

Erna R. Fanger und Hartmut Fanger

Siehe hierzu auch:

- "Motive für ein außerordentliches Engagement" über Jean Ziegler: "Der schmale Grat der    Hoffnung", Bertelsmann Verlag, München 2017 vom Juni 2017 im Archiv

-- "Hüterin von Land und Saatgut" über Vandana Shiva - Umweltaktivistin und Doktorin der Physik vom August 2013 im Archiv

- "Und noch einmal: 'Empört euch'", Hommage à Stéphane Hessel aus gegebenem Anlass" vom Juli 2013 im Archiv

FUTURJETZT JUNI 2017

© Erna R. Fanger und Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com

Ungerechtigkeit an irgendeinem Ort

bedroht die Gerechtigkeit an jedem anderen.

Martin Lulther King 

Motive für ein außerordentliches Engagement

                                                                                                                                                                                                                                    Jean Ziegler: „Der schmale Grat der Hoffnung – Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“, C. Bertelsmann Verlag, München 2017. Aus dem Französischen von Hainer Kober.

In seinem gerade erst erschienenen Werk, „Der schmale Grat der Hoffnung“, gewährt der emeritierte Professor der Universität Genf neben autobiografisch gefärbten Episoden Einblick in seinen lebenslangen Kampf für Menschenrechte, Frieden und die Beseitigung der weltweiten Hungersnot. Sei es in seiner Funktion als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, sei es als Vize-Präsident des beratenden Ausschusses des Menschenrechtsrats. Dabei spart er nicht mit brisanten Fakten und führt minutiös dramatische Zahlen einer Katastrophe globalen Ausmaßes vor Augen. Weltweit sind von 7,3 Milliarden Menschen eine Milliarde unterernährt. „Alle zehn Sekunden verhungert ein Kind“. Getan dagegen wird bei weitem zu wenig. Und dies aus vielerlei Gründen. Erschütternd dabei: An Mitteln fehlt es nicht. Nach Ziegler haben allein ‚2013 multinationale Konzerne und Großbanken 1000 Milliarden (!) Dollar Dividenden an ihre Aktionäre ausgezahlt’. Hätte man die Summe für humanitäre Zwecke eingesetzt, hätte dies den Hunger auf der Welt spürbar reduziert, überdies wären die Folgekrankheiten der Unterernährung innerhalb von drei Jahren besiegt gewesen.

Wie schwer es ist, im Hinblick auf soziale Missstände weltweit etwas zu bewegen, zeigt Ziegler anhand eines Beispiels auf, wonach ‚mehrere Mitgliedstaaten systematisch und fortwährend jede Empfehlung von ihm in seiner Funktion als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung abgelehnt haben’. Der Grund: Die USA, Großbritannien, Australien und weitere Staaten erkennen lediglich ‚bürgerliche und politische Rechte’ als Menschenrechte an, nicht aber wirtschaftliche, soziale und kulturelle. In Anlehnung an Hegel besteht Ziegler entgegen diesen Machenschaften darauf, dass nur die Menschenrechte in ihrer Gesamtheit ‚das relativ Absolute, das konkret Universelle, darstellen und tatsächlich den Horizont unserer Geschichte bilden’. Die Ignoranz der Großmächte dem gegenüber und das Dogma der USA: „Der Hunger kann nur durch die totale Liberalisierung des Marktes besiegt werden“ – die Folgen sind hinlänglich bekannt – könnten einen in die Knie zwingen und der Resignation verfallen lassen.

Aber Ziegler wird nicht müde uns Gegenargumente zu liefern und setzt dem etwa Max Horkheimer entgegen: „Kein Sklave duldet seine Ketten auf Dauer“.

Grundsätzlich setzt Jean Ziegler – darin unerschütterbar – auf Hoffnung. Und das entgegen allen Greueln, derer er weltweit an den Brennpunkten dieser Erde im Zuge seiner lebenslangen Mission Zeuge geworden ist. Dazu angestiftet übrigens nicht zuletzt von der Begegnung und der daraus erwachsenen Freundschaft mit Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir, um nur die prominentesten seiner Wegbereiter zu nennen. Aktuell gilt diese Hoffnung, neben der Zivilgesellschaft, also jedem Einzelnen, dem ‚Wiedererstarken der UNO’, und zwar im Wortsinn Dostojewskis in Die Brüder Karamasow: „Jeder ist verantwortlich für alles vor allen.“ Auch der von ihm immer wieder zitierte Kant sei hier bemüht: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“  

Ebenso beruft er sich auf Jean-Jacques Rousseau, dem wir, bei allen Widersprüchen, die dessen Persönlichkeit geprägt haben mögen, zweifellos wesentliche Einsichten in die Natur des Menschen verdanken. So etwa, wenn es in dessen Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755) heißt: „Die Menschen mit all ihrer Moral wären stets nur Ungeheuer gewesen, wenn die Natur ihnen nicht das Mitleid zur Stütze ihrer Vernunft gegeben hätte.“ Ein Grund mehr für Ziegler, auf die Zivilgesellschaft zu setzen, die sich, fern von Parteien, aus den unterschiedlichsten Bewegungen – Kirchen, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) – zusammensetzt.

Mag der Grat der Hoffnung noch so schmal sein, ist er wiederum nicht zu unterschätzen. Wie Ziegler auch den ‚Glauben an Gott’ und die Überzeugung, dass, nicht zuletzt im Sinne Hegels, ‚Geschichte Sinn macht’, noch lange nicht verloren sieht. Entgegen ‚dem weltweiten Hunger, den Folterkammern Assads in Syrien, entgegen dem Terror der Dschihadisten in Europa und dem Zynismus der wenigen Herrschenden auf dieser Welt’. Letztere sieht er eben gerade nicht in einer Vielzahl von Politikern, die sich redlich um Lösungen bemühen, sondern in „einer winzigen transkontinentalen Oligarchie“, die ihren ungeheuren Reichtum mit Hilfe von Briefkastenfirmen und Steuerhinterziehung anhäuft. Die berühmtberüchtigten „Panama-Papers“ sind da nur ein Beispiel. Und genau diese Steuerhinterziehung ist es, die laut Ziegler „in erheblichem Maß schuld an dem Elend der Welt ist.“

Es treibt Jean Ziegler, wie gewiss unzählige andere, von deren Existenz und Namen in den allermeisten Fällen niemand je erfahren wird, die „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ – so auch der Titel des letzten von Max Horkheimer erschienenen Bandes, zugleich sein Testament. Ziegler bringt dies in Zusammenhang mit dem Gedanken, dass der Mensch ‚ständig eine doppelte Geschichte erlebe’: „Diejenige, die ihm konkret widerfährt, und die andere, die sein Bewusstsein in Gestalt der Utopie verlangt.“ Worunter nicht mehr und nicht weniger zu verstehen sein mag, als dass hier ein jeder aufgefordert ist, über den Status quo zwar nicht hinwegzusehen, zugleich jedoch, ihm zu widerstehen und der Fantasie, den Wünschen und den Träumen von einer gerechten Welt Raum zu gewähren – nach dem Vorbild Martin Luther Kings: „I have a dream.“  

Ein Buch, das sich in die lange Tradition jener Werke einreiht, das von Empathie gegenüber den Opfern dieser Welt, den Schwachen und Hungernden, den Leidenden, getragen ist. Gegen Krieg und fortwährende Verbrechen, sei es an der Menschheit, sei es an der Schöpfung. Ein Buch, angelehnt an das Brechtsche Diktum ‚der sanften Gewalt der Vernunft’ aus Das Leben des Galilei:

„Ja, ich glaube an die sanfte Gewalt der Vernunft über die Menschen. Sie können ihr auf Dauer nicht widerstehen. Kein Mensch kann lange zusehen, wie ich einen Stein fallen lasse und dazu sagen: er fällt nicht. Dazu ist kein Mensch imstande. Die Verführung, die von einem Beweis ausgeht, ist zu groß. Ihr erliegen die meisten, auf die Dauer alle.“

Ein Buch, das zugleich auf Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch, auf dessen Appell dort, „Vorwärts zu den Wurzeln“, verweist und im Zuge dessen einmal mehr auf ‚die großen Gründungstexte der Vereinten Nationen’ nach dem Grauen, das der Zweite Weltkrieg über die Völker gebracht hat. Sind dort doch  bis heute nicht eingelöste, unverbrüchliche Ziele formuliert:

„1. den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren (...) 2. freundschaftliche, auf der Achtung vor dem Grundsatz der Gleichberechtigung und der Selbstbestimmung der Völker beruhende Beziehungen zwischen Nationen zu entwickeln (...) 3. eine internationale Zusammenarbeit herbeizuführen (...)“

Ein Buch, das schließlich mit dem wegweisenden Gedanken eines Mahatma Gandhi endet: „Zuerst ignorieren sie euch, dann verspotten sie euch, dann bekämpfen sie euch, dann gewinnt ihr.“

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt 

FUTURJETZT  Februar - März 2017

 © Erna R. Fanger       

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Für eine „Welt in Balance“ durch ökosoziale Marktwirtschaft

Franz-Josef Rademacher setzt sich weltweit für gerechtere Globalisierung ein. Auf der Grundlage von Deutschlandradio Kultur – Im Gespräch, 5. Januar 2017

Der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Mathematiker, Professor für Informatik und Leiter des Instituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung, engagiert in der Global Marschall Plan Initiative, rechnet es uns vor: Zu 35 Prozent besteht für die Menschheit die Chance eines gerechten Ausgleichs zwischen Arm und Reich! Ergreifen wir sie nicht, laufen wir Gefahr, unseren eigenen Lebensraum zu zerstören. Sieht er die Menschheit auch nicht gleich vom Aussterben bedroht, warnt er doch, machen wir weiter wie bisher, bis zum Jahr 2050 vor der „Gefahr eines globalen Kollapses“. Einer Gefahr, die mit 15 Prozent Wahrscheinlichkeit auf uns zukommen könnte. Das Risiko, dass die Menschheit dann weltweit in einer Zweiklassengesellschaft lebe, liegt nach seinem Ermessen wiederum bei 50 Prozent. Zumal wenn 200 Staaten unterschiedlicher Interessen und unterschiedlicher Bevölkerungsdichte sich immer wieder gegenseitig blockierten. In der hier angedeuteten ‚Gemengelage’ geht es ihm um „ein Ringen um die Qualität der Zivilisation, um die Lebensbedingungen der Menschen.“ Wobei Rademacher vornehmlich drei Akteure zum Handeln auffordert: die Staatengemeinschaft, die Menschen in ihren unterschiedlichen Rollen, etwa als Konsumenten, die Unternehmen. Dabei sieht Rademacher bewusst ab vom moralischen Appell, etwa auf Flüge, Fleisch oder das Auto zu verzichten. Stattdessen schlägt er gleich drei konkrete Maßnahmen vor, die praktisch jeder umsetzen kann: nämlich Bäume zu  pflanzen, die dem CO2 Gehalt in der Atmosphäre entgegenwirken, aufzuforsten; sich als Pate oder Mentor für wenigstens einen jungen Menschen auf unserem Globus zu engagieren oder sich um jemanden Bedürftigen zu kümmern. Aber auch sich um Verständnis für komplexe Zusammenhänge zu bemühen, viel zu lesen und sich auf einem höheren Wissensniveau in den Prozess der Veränderung, den die Menschheit durchläuft, einzubringen. Sozusagen wider die Entschlossenheit unserer Eliten, den Status quo beizubehalten: „Es gibt Potentate, die ihre Bevölkerung ausbeuten und ihre Rohstoffe ausplündern und wir kaufen sie ihnen gerne ab. Und weil die Interessenlagen so sind, bekommen wir die vernünftigen Lösungen nicht hin.“ Führte man hingegen weltweit die ökosoziale Marktwirtschaft ein, hätte, über geeignete Transfermechanismen, jeder ausreichend Kaufkraft. Die Produktion umweltbelastender Güter wiederum könnte über bestimmte Restriktionen limitiert werden. Wenn wir es alle wollten, könnten wir uns problemlos weltweit koordinieren.

 

Was hindert uns, bringen wir uns also ein, ein jeder dort, wo er seine Stärken einsetzen kann!

FUTURJETZT November 2016 - Januar 2016

„’Es gibt eigentlich nicht gut und böse’ – Jehuda Bacon im Gespräch“

Jehuda Bacon, Manfred Lütz: „’Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden.’ Leben nach Auschwitz“, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016

Wie das Buch zustande kam

Um einer Lage standzuhalten, die weltweit von Ungewissheit geprägt ist, wo die von einer immensen Informationsflut beherrschte Dynamik in ihrer Komplexität nicht mehr kalkulierbar zu sein scheint und irritierende Ambivalenzen produziert, bedarf es einer starken Werte- und Sinnorientierung. Doch woran können wir uns noch halten. Die überzeugendsten Antworten auf diese Frage finden sich nicht zuletzt in Zeugnissen von Holocaust Überlebenden, die an dem Grauen, durch das sie gegangen, nicht zerbrochen sind, ja darüber hinaus zu einer Haltung der Versöhnung gefunden haben. Sei es gegenüber dem eigenen Schicksal, sei es gegenüber ihren einstigen Peinigern. Einer davon ist der bildende Künstler Jehuda Bacon, 1929 in Ostrava (Mährisch –Ostrau) in eine traditionelle jüdische Familie geboren. Durch Zufall erfährt der Psychiater, Theologe und Autor Manfred Lütz von ihm. Fasziniert von der Lebensweisheit und Güte, die er ausstrahlt, macht er sich auf den Weg, ihn zu befragen, wie es komme, dass er aus Auschwitz nicht verbittert, sondern eher heiter und freundlich hervorgegangen sei.

In Aberkennung des Bösen oder die Begegnung mit „wunderbaren Menschen“

Den Nazis, so Jehuda Bacons Entschluss, sollte es nicht gelingen, aus ihm „einen Menschen, der voller Hass ist“, zu machen. Haltung, die sich mit der seiner Vorbilder vermittelt, denen er als junger Mensch, unmittelbar nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager, begegnet ist. Allen voran der in Prag ansässige evangelische Theologe und Pazifist Premsyl Pitter, der Waisenhäuser für elternlose jüdische Kinder aus den Konzentrationslagern einrichtete, dort aber auch an die 400 deutsche Waisenkinder aufnahm, die sonst in tschechischen Internierungslagern zum Tode verurteilt gewesen wären. Nachhaltigen Einfluss auf Jehuda Bacon übte aber auch die Begegnung mit dem Religionsphilosophen Martin Buber auf ihn aus, der in einem Abendkurs anhand der Hiobsgeschichte der Frage nachgegangen war, „Warum leidet der Gute und dem Bösen geht es gut?“, und zu dem Schluss kommt, ‚es gibt eigentlich nicht gut und böse’, vielmehr existiere in Gottes Schöpfung nur das Gute, allein der Mensch, der Gott leugne und sich bewusst von ihm abwende, liefe ins Nichts. In Bubers Betrachtung ist das Böse nicht das Gegenteil vom Guten, sind Gut und Böse nicht auf derselben Ebene. Ebenso wenig wie er den Begriff „Sünde“ mit dem Bösen identifiziert, denn Sünder seien wir alle, jedoch stets bereit, aus unseren Verfehlungen zu lernen, Umkehr zu üben, das unterscheide den Guten vom so genannten ‚Bösen’.

In jedem steckt ein göttlicher Funke

Unvergesslich aber auch sein einstiger Lehrer Jakob Wurzel, der seinen Schülern am Vorabend seiner Deportation mit auf den Weg gab: „Kinder, in jedem ist ein Funke Gottes und mit der Zeit wird er zur Flamme und dann werdet ihr ganz von Gott erfüllt sein“ – tiefgreifende Erkenntnis, die sich später, in Auschwitz, zur tragenden Kraft ausbilden sollte. Ort, an dem man mir nichts dir nichts zu Asche gemacht werden konnte, wo zugleich jedoch erfahrbar wurde, dass jeder in sich einen unzerstörbaren Kern in seinem Inneren birgt, „etwas Überzeitliches, Zeitloses, Geistiges, etwas Göttliches, das man nicht vernichten kann“. Tiefgreifend gleichwohl die Erfahrung dort, „dass Bildung häufig nur eine dünne Schicht auf der Seele ist“, ‚in Grenzsituationen nur die Herzensbildung übrig bleibt.’

Leben ‚in einer Welt, wo das Dach weg ist und alle Winde hereinkommen’

Aussagekräftig beschreibt dieses Bild die Empfindungen des jungen Jehuda Bacon, dessen Familie im Konzentrationslager ausgelöscht wurde. In der hier beschriebenen ‚metaphysischen Obdachlosigkeit’ rettet ihn das Zeichnen. Sein ganzes Talent gebe er dafür, ‚einen Schabbat-Abend mit seiner ganzen Familie zu verbringen’. „Ich habe unendlich viele Variationen des Themas Mutter mit Kind gemalt.“ Und irgendwann, unmerklich, verändert sich etwas: „Ich bin nicht mehr der Leidende, ich habe den Schmerz überwunden.“

‚Für den Künstler hält Gott die Fenster in den Himmel offen’

Für Jehuda Bacon wurzelt wahre Kunst in der tiefen existenziellen Erfahrung des Menschen und kann allein schon von daher an keinerlei Zweck oder gar Dogma gebunden sein. Jeder, der aus dem Herzen lebt, ob Künstler, oder nicht, bete. Wobei Kunst, Liebe und Gott für Jehuda Bacon zusammengehören, zugleich jedoch Sphären bilden, die über den Menschen hinausweisen. Und es bedarf der Demut, dies zu erkennen, gemahnt es doch an das „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ des Sokrates’. Aufgabe des Künstlers sei es, die Augen des Betrachters für eine neue Sicht auf die Welt zu öffnen. Jedes Kunstwerk ist für ihn Ausdruck der Schöpferkraft Gottes, erwachsen aus der Transzendenz, jeder Künstler Gott nahe, selbst wenn er sich für einen Atheisten hält. Die Einheit von „Kopf, Herz und Virtuosität“ wiederum ist es, die einen guten Künstler auszeichne, sowie die Ahnung davon, dass er aus einer Quelle schöpft, über die er nicht Herr ist – „denn das Beste, was wir tun können, kommt nicht nur von uns.“

Last but not least: Ans Herz gelegt

Als Quintessenz, die dem Leser mit auf den Weg gegeben sei, mag nachstehendes Diktum aus Abschnitt 9 über den Künstler geltend gemacht werden: „Das Wunder ist nichts Außergewöhnliches, sondern dass ich das Tagtägliche als Wunder erleben kann. Plötzlich öffnen sich mir (...) die Augen.“

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Gütersloher Verlagshaus,

 

© Erna R. Fanger       

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FUTURJETZT    September - Oktober 2016

© Hartmut Fanger                                           www.schreibfertig.com

Hoffnung für die Zukunft:

Der Film „Tomorrow - Die Welt ist voller Lösungen“

Dokumentarfilm, Frankreich 2015, Regie: Cyril Dion & Mélanie Laurent

 

 Es mag an das berühmte Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ von Theodor W. Adorno gemahnen, wenn Cyril Dion und Mélanie Laurent für ihren Kinofilm via Flugzeug in zehn Länder, wie zum Beispiel die USA, Finnland, Indien oder Großbritannien reisen, um Lösungsmodelle in punkto Umwelt aufzuspüren und in diesem Dokumentarfilm vorzustellen. Doch anders ließe sich ein so komplexes Thema wohl kaum in 118 Minuten abhandeln.

Anlass wiederum ist eine Studie der Zeitschrift „Nature“, die fundiert und detailliert nahebringt, dass unsere Zivilisation in 40 Jahren der Wahrscheinlichkeit nach zusammenbricht. Das lässt einer Gruppe engagierter Bürger Frankreichs, größtenteils Eltern, keine Ruhe mehr. Geht es doch um die Zukunft ihrer Kinder. Sodass sie sich auf den Weg begeben, um nach Lösungen zu suchen. Überraschend ist, dass dieser Weg sie weniger zu den großen, eben dafür stehenden Organisationen, als vielmehr meist zu kleineren, häufig regionalen Initiativen oder Einzelnen führt, die alternative Möglichkeiten und Projekte erproben, um nachhaltig für die Zukunft zu sorgen.

Ausgangspunkt bilden der Klimawandel und die allgemeine Energiekrise sowie die damit einhergehende Ressourcenverknappung. Und immer wieder sind es renommierte Wissenschaftler und Umweltaktivisten, die hier Auskunft geben. So etwa die Mitbegründerin des Ökofeminismus und Alternativnobelpreisträgerin Vandana Shiva aus Indien, die sich für die freie Verfügbarkeit von Saatgut einsetzt. Oder der dänische Architekt und Städteplaner Jan Gehl, der sich für die Optimierung der Lebensqualität für Radfahrer und Fußgänger engagiert. Fußgänger- und Begegnungszonen sorgen dabei für Verkehrsberuhigung, Radfahrwege werden verstärkt ausgebaut. Einst belächelt, genießt er heute weltweit Ansehen. Aber auch der belgische Erfolgsautor van Reybrouk mit alternativen Ansätzen zur ‚ermüdeten Demokratie’ kommt zu Wort, indem er zur Wiederbelebung derselben auf das Los rekurriert. Demokratisches Mittel, mit Erfolg angewendet zur Zeit der Renaissance in den Republiken Venedig und Florenz bis zur Französischen Renaissance*. Ebenso der US-Amerikanische Soziologe, Ökonom, Publizist sowie erklärte Gentechnologie-Gegner und Kapitalismuskritiker Jeremy Rifkin, der über intelligentere Formen des Wirtschaftens nachsinnt, wo, statt Besitz, der freie Zugang von Bürgern zu den Gütern des Bedarfs geregelt sei. Darüber hinaus erfahren wir von der Arbeit des Umweltschützers und Gründers der „Stadt im Übergang“-Bewegung (Transition-Towns) Rob Hopkin, der 2005 für die Stadt Kinsale ein Programm zur Verringerung des Energieverbrauchs entwickelt hat, das zugleich die Abhängigkeit von Industrieprodukten schmälert.

          Doch es ist nicht nur das, was in dem Film an fundiert theoretischer Information transportiert wird und den Zuschauer in den Bann zieht, sondern ebenso die Faszination, davon ausgehend, wenn etwa zwei Ökobauern auf einem winzigen Stück Land allein durch ihrer Hände Arbeit mehr Ertrag erwirtschaften als ein konventioneller Landwirt mit Traktoren. Ganz zu schweigen von Initiativen in England, die mit alternativer Geldwährung örtliche Regionen unterstützen. Oder Initiativen in Großstädten wie San Francisco, wo 80 Prozent der Abfälle wiederverwertet werden; oder Kopenhagen, wo nicht nur das Fahrrad indessen das Stadtbild beherrscht, sondern darüber hinaus der Energieverbrauch in Gebäuden und Verkehr im Zuge einer so dezidiert wie ausgeklügelten Logistik erheblich reduziert wird.

Fazit: Es mangelt weder an Ideen noch Initiativen. Das Gebot der Stunde ist vielmehr die Verzahnung derselben, um ihr Potenzial in Gänze zu entfalten – gemeinsam für eine grüne Zukunft! Der Film erhielt in diesem Jahr den César für die beste Dokumentation und läuft seit Juni 2016 in unseren Kinos.

*David van Reybrouk: Gegen Wahlen. Warum Abstimmen undemokratisch ist. Wallstein Verlag, Göttingen 2016

 

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FUTURJETZT    Juni - Juli 2016

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Neue Wege in der Medienlandschaft

Konstruktiver Journalismus ist an der Zeit

 

Geprägt haben den an die Positive Psychologie knüpfenden Begriff, die neben Problembewusstsein auf Lösungen setzt, die Dänin Cathrine Gyldensted, Pionierin auf diesem Gebiet, und der Nachrichtenchef des Dänischen Rundfunks, Ulrik Haagerup. Ausgehend von Erkenntnissen der Gehirnforschung, die besagen, dass eine positive Grundstimmung die Kreativität steigert, und Studien, die ergeben haben, dass das Bombardement von Katastrophenmeldungen kollektiv das Gefühl der Ohnmacht und Resignation erzeuge. Die bekannten Folgen: Zunehmende Politikverdrossenheit bis hin  zur Zunahme von Depressionen. Noch immer scheint der einst verkaufsträchtige Leitsatz „only bad news are good news“ im Medienbetrieb angesagt. Dem setzt der Konstruktive Journalismus lösungsorientierte Perspektiven entgegen. Sich dabei durchaus abgrenzend von Schönfärberei, wie dem „Positiven Journalismus“ nachgesagt. Dabei deckt er Missstände ebenso auf wie der klassische Journalismus. Doch statt vorschneller Antworten, stellt er hingegen infrage, was als gegeben hingenommen wird, sucht nach Auswegen. In der Praxis hat sich erwiesen: Der Leser ist durchaus offen für „good news“. Der Chefredakteur der „Zeit“, Giovanni di Lorenzo, hat das erkannt. Die Verkaufszahlen belegen dies eindrücklich, ist doch die Auflagenzahl entgegen dem Trend gestiegen. Di Lorenzo: „Eine Lese-Erfahrung, die Woche für Woche daraus besteht zu erfahren, wie schlecht die Welt ist, so dass man am Ende nur noch die Decke  über den Kopf ziehen möchte, scheint mir eine masochistische Veranstaltung zu sein“, so von Haagerup zitiert. Haagerup sieht diese These in der Krise des ‚Spiegels’ und dessen rückläufiger Auflage bestätigt. Dabei verweist er auf den Spiegel-Beitrag aus dem Jahr 2013 über den ‚Niedergang der Zeitungen’ worin „Keine Hoffnung, keine Zukunft und kein einziges Wort über den Erfolg des Hauptkonkurrenten“ sei, „darüber, dass eine Veränderung durch Strategiewechsel durchaus möglich wäre.“ Der Medienwissenschaftler Tobias Hochscherf von der Fachhochschule Kiel macht dies gegenüber dem Deutschlandfunk im Januar 2016 anhand der aktuellen Flüchtlingskrise deutlich: „Oftmals wird berichtet, wenn die Flüchtlinge ankommen. Kaum jemand kümmert sich um diejenigen, die vielleicht nach einigen Jahren bestens in Deutschland integriert sind (...)“ Der Deutschlandfunk hat darauf mit Geschichten über gelingende Integration von Immigranten reagiert. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ko-Präsident des Club of Rome:  “Die Medien transportieren mit Vorliebe den Schatten, das Schreckliche (...)“ Er unterstützt deshalb die Bewegung perspective daily, Zusammenschluss junger Journalisten, die sich dem Konstruktiven Journalismus verschrieben haben. Laut taz.de gibt es bereits erste Studien zum Thema, die gezeigt haben: „Texte mit Lösungen führen bei den Leser*innen zu mehr Verständnis, positiven Emotionen und einer erhöhten Handlungsbereitschaft. Das heißt: Die Auswirkungen sind gegenteilig zu denen, die die problemfokussierte Berichterstattung auslöst.“

 

Schöne Aussichten also für die Zukunft der Journalisten, darüber hinaus ein Feld, das reichlich Möglichkeiten bietet, weiter ausgebaut zu werden.

 

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FUTURJETZT    März – Mai 2016

Wirtschaftliches Denken im Sozialsystem:                               Eine Kategorienverwechslung

Ulrich Schneider: „Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen“, Westend-Verlag, Frankfurt am Main 2014

 

 

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Mit „Mehr Mensch“ macht der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Ulrich Schneider Front ‚gegen die Ökonomisierung des Sozialen’, so auch der Untertitel seines 2014 im Westend Verlag erschienenen Buches - von so manchem Rezensenten als Streitschrift deklariert. Und er widmet das schmale Bändchen mit den zündenden Thesen all denen, die im Zeitalter des Raubtierkapitalismus gern als „Gutmenschen, Bedenkenträger und Sozialromantiker“ abgetan werden.

       Dabei ist eine eingehende Debatte darüber, nicht nur unter Experten, sondern auf der breiteren Basis der Zivilgesellschaft, bis heute überfällig. Wer mit dem Alltag in Krankenhäusern, Altenheimen und anderen sozialen Einrichtungen in Berührung kommt, dem ist schon lange bewusst, dass ökonomische Praktiken hier fehl am Platze sind. Das neoliberale Gedankengut sitzt einer Kategorienverwechslung auf, indem es wirtschaftliches Denken auf Gesundheitssystem und Pflegeeinrichtungen anwendet. So wird ein Zusammenhang hergestellt, der den Erfordernissen der Praxis nicht standhält.

        Um die Drastik dieser Fehlentwicklung zu unterstreichen bedient sich Schneider einer Posse, sprich des harschen Urteils eines Prokuristen, der Schuberts „Unvollendete“ auf Wirtschaftlichkeit hin überprüft und zu dem Ergebnis kommt, dass die „Unvollendete“ nicht hätte unvollendet bleiben müssen, wenn die Zahl der Geigenspieler drastisch gekürzt, auf Wiederholungen verzichtet und scheinbar überflüssige Passagen gestrichen würden. Ebenso unsinnig und fatal, obendrein inhuman gestaltet sich der Alltag im Sozialbereich. Unverkennbar etwa die Parallelen unter dem Primat der Wirtschaftlichkeit, wenn im Rahmen eines ambulanten Pflegedienstes die Körperpflege Hilfsbedürftiger nicht mehr als eine halbe Stunde beanspruchen darf, 15 Minuten davon für die Nahrungsaufnahme zu verwenden sind. Bleiben 15 Minuten für Einkauf und Zubereitung des Essens. Zu Recht fragt Schneider, ‚wie das gehen soll, ohne an der Menschwürde zu kratzen’. 

 

Bis ins Detail führt er des Weiteren die so entstandenen Missstände im Sozialwesen  vor Augen und nennt die Ursachen beim Namen. Dabei kommt er den verschlungenen Pfaden des Sozialabbaus seit den 1990er Jahren in den Kapiteln „Der Weg in die Ökonomisierung“, beginnend mit dem aussagekräftigen Abschnitt „Von der Liebestätigkeit zum Mehrwert“, und „Die Ökonomisierung des Sozialen“ zusehends auf die Spur. Die schleichende Eroberung neuer Märkte, sei es im Pflegedienst, sei es im Krankenhauswesen, wird hier, aus der Retrospektive ihrer Entstehungsgeschichte umso deutlicher. Dem entgegen stellt er schließlich eine humane Argumentation, die den Menschen wieder  in den Vordergrund   rückt. So in dem Kapitel „Mensch versus Mehrwert“, wo er für ‚echte Beziehungsarbeit’, ‚Mut zur Menschlichkeit’  und letztendlich „Mehr Mensch statt Mehrwert“ plädiert 

 

Bezeichnend, dass die Ökonomisierung des Sozialen Werte wie Menschwürde schlichtweg ausblendet.Unhaltbar der Zustand, dass Wirtschaftsführungskräfte über finanzielle Mittel im sozialen Bereich entscheiden, von dessen Belangen in der Praxis sie keine Vorstellung haben. Nicht zuletzt unterstreicht der promovierte Jesuit und einstige Professor für Christliche Gesellschaftsethik Friedhelm Hengsbach im Vorwort, dass ‚Wettbewerb und Kosten-Nutzen-Vergleiche die Würde von Kranken, Kindern und Arbeitsuchenden verletzen. Norbert Blüm wiederum sieht darin ‚eine alarmierende Beschreibung der sozialpolitischen Entwicklung unseres Landes’. Und nicht nur das: Endlich wird Menschsein wieder groß geschrieben: „Wenn wir die Menschlichkeit als höchstes Gut im Sozialen erhalten wollen, müssen wir den neoliberalen Ökonomismus entzaubern...Was wir brauchen ist eine Werterenaissance im Sozialen:

Mehr Mensch und mehr Werte statt Mehrwert...“ so das Fazit Ulrich Schneiders. 

 

     Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Westend Verlag!

 

Hartmut Fanger  

www.schreibfertig.com  

Erhellende Botschaft zum richtigen Zeitpunkt - Krisen als "Zeit der Ideen" erfahren

Natalie Knapp: "Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind", Reinbek bei Hamburg 2015

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

Die 1970 geborene Philosophin Natalie Knapp plädiert nach „Kompass neues Denken“ (2013) in ihrem jüngst erschienenen Buch „Der unendliche Augenblick“ dafür, das inspirierende kreative Potenzial, das in ‚Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit’ freigesetzt wird, zu nutzen. Jeder kennt solche Zeiten und die damit einhergehende Dramatik aus persönlicher Erfahrung: Pubertät, Abschied, Trauer, Orientierungslosigkeit nach einem schweren Verlust oder dem Tod eines Angehörigen. Ebenso tritt das Phänomen aber auch im Kollektiv zutage, wenn uns etwa, wie aktuell, ökologische, ökonomische und politische Krisen, so die Flüchtlingsströme, bedrängen. Dies schmerzt und setzt gewohnte Routine ebenso außer Kraft wie unser Zeitgefühl. In Zeiten der Krise, des Schocks, sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, müssen uns neu (er)finden. Altgewohntes ist weggebrochen, Neues noch nicht in Sicht. Wir haben Angst. Zugleich macht es uns wach. Nie ist uns der Augenblick so präsent wie jetzt. Die lineare Zeiterfahrung weicht zurück. Die Präsenz der Gegenwart tritt in den Vordergrund. In uns Leere, nimmt der Augenblick kein Ende. Die steht Zeit still. Eben darauf zielt Knapps Titel ab. Angehalten, uns auf uns zu besinnen, verschmilzt die Wahrnehmung der Zeit mit dem eigenen Selbst. Ein anderes Zeitbewusstsein entsteht, das Wesentliche rückt in den Blick. Wobei sich Raum eröffnet, in dem Neues sich entfalten kann, Zukünftiges sich manifestiert. Denn lassen wir uns darauf ein, offenbaren solche Übergangszeiten „kreative Freiräume, die stets Erneuerungen mit sich bringen. Es sind Phasen, in denen das Leben ein Vielfaches seiner üblichen Kraft entfaltet und mit besonderer Intensität spürbar wird." Dabei geht Knapp von dem Prinzip „schätze die Randzonen“ der Permakultur aus, die Landwirtschaft als ein sich selbst erhaltendes System erachtet. So finden sich naturgemäß am Waldrand weniger Bäume, dafür mehr Licht. In dieser Zone des Übergangs, wo ‚der Wald die Wiese ruft’, sprießt und blüht es umso üppiger. Knapp erhellt die Produktivität solcher Übergänge in inspirierender Vielfalt. Sei es anhand der Natur, des Schicksals Einzelner, ob im Leben oder in der Literatur. Um uns dieses Potenzial zu erschließen, kristallisiert sie fünf richtungsweisende Faktoren heraus: Vertrauen, Akzeptanz, Liebe, und zwar „in Form eines Miteinanders“, das gemeinsames Wachstum ermöglicht, „Sehnsucht nach Lebendigkeit“ und die Hoffnung als einer der stärksten Triebkräfte, immer wieder einen Neubeginn zu wagen. Sind wir doch allesamt „ein Teil der Schöpferkraft dieses Planeten, wir sind ein Teil seiner Wandlungsfähigkeit.“

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag!


Dr. Erna R. Fanger  

www.schreibfertig.com

Unternehmen Gesamtkunstwerk – Plädoyer für eine neue Unternehmenskultur

Günter Faltin: Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in Dir Aufbruch in eine intelligentere Ökonomie, Hamburg 2015

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com


„Wir haben die Chance, eine bessere Welt zu bauen. Liebvoller, witziger, feinfühliger und künstlerischer (...). Aber wir müssen (...) es selbst unternehmen. Es nicht den bloßen Gewinnmaximierern überlassen“, so das Plädoyer des Autors. Letzteres gehe deutlich über die Ressourcen unseres Planeten hinaus. Eine seiner Maximen dabei lautet: Komplexität reduzieren, ohne reduktionistisch zu sein. Einfach denken. Was wiederum ein hohes Maß an Bewusstheit voraussetze. So dürfe man etwa von der Wirtschaft nicht erwarten, dass sie die Strukturen, die sie hervorgebracht hat, selbst abschaffe. Alle, die sich hier eine neue Ordnung wünschen, sind aufgefordert, Eigeninitiative zu ergreifen, sich bei Bedarf zusammen zu tun. Wer diesen Weg beschreitet, hat mit dem herkömmlichen Unternehmertum wenig gemein. Faltin spricht allein schon von daher nicht vom Unternehmer, sondern vom Entrepreneur. Worunter er einen Brückenbauer zwischen Kunst und Leben,  Beruf, Träumen und Visionen versteht. Das Unternehmen selbst will er als „Gesamtkunstwerk“ erachtet sehen. Wobei der Entrepreneur vor dem Hintergrund der  „Democratize Innovation“ agiert, wo Wissenschaft bewusst Laien, deren Interessen und Kenntnisse für sich nutzend, mit zu Rate zieht. Von Millionen Nutzern frequentierte Plattformen wie Wikipedia oder YouTube, aber auch Initiativen wie „Urban Gardening“, funktionieren nach diesem Prinzip, wo jeder aufgefordert ist, seine Werte und Ideen mit einzubringen.

            Doch wie sieht das konkret aus, ein solches Unternehmen zu realisieren. Faltins Forderung: In erster Linie sollte es Produkte anbieten, die sich durch Nachhaltigkeit und Qualität auszeichnen, nicht durch Marketingstrategien. Ein Produkt, hinter dem man steht, auf das man stolz sein kann und das man aufgrund seines hohen Nutzens und der herausragenden Qualität gerne Freunden zukommen lässt. Versteht sich von selbst, dass sich dies ‚unter Freunden’ schnell herumspricht. Insofern bedarf es weniger eines Werbefeldzugs als vielmehr einer gut funktionierenden Gemeinschaft, die ein solches Produkt kommuniziert. Sozialen Netzwerken kommt hierbei eine entscheidende Funktion zu. Unabdingbare Voraussetzung: Ein gutes, innovatives Konzept. Wobei es weniger darum geht, ein Produkt neu zu erfinden, als vielmehr Altbekanntes neu und anders, innovativ eben, zu denken. Etwa weniger Verpackung, dafür mehr Inhalt von Qualität, kürzere Transportwege, dafür weniger Umweltbelastung. Jedes x-beliebige Produkt könne im Hinblick auf Ökologie, Preis-Leistungsverhältnis, Qualität und Nutzen hinterfragt und neu arrangiert werden. Wobei er die Gabe zur Innovation jedem unterstellt. Nach dem Motto des Potsdamer Hasso-Plattner-Instituts „Don’t wait. Innovate!“„Die Erde bietet genug, um jedermanns Bedarf zu decken, aber nicht jedermanns Gier“, wird hier auch Gandhi bemüht. Dessen Leitsätze für Ökonomie, wie „erschwingliche Preise und Nachhaltigkeit“, sind gerade heute wieder von brennender Aktualität. Die Möglichkeiten, unsere Kreativität einzusetzen und diesem Postulat mit Fantasie, Neugier und Leidenschaft entgegenzukommen, sind unerschöpflich. Wagen wir’s also, seien wir mutig, packen wir’s an!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Murmann Publishers!

 

 

Erna R. Fanger

schreibfertig.com

 

 

 

 

 

Dr. Erna R. Fanger    Hartmut Fanger   www.schreibfertig.com

 


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