Schreibschule
Fernschule Kreatives Schreiben

 

Buchtipp des Monats August - September 2020

 

© Hartmut Fanger: Rindfleisch, Fußball und Nationalismus. Argentinien in den 30erm

 

Martín Caparrós: "Väterland", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020“

 

"Väterland“, der neue Roman des politisch engagierten und in Lateinamerika gefeierten Autors Martín Caparrós, entführt uns– nicht ohne satirischen Biss – in das von Korruption und Wahlmanipulation geprägte Argentinien der Dreißiger.

Dabei enthält er alles, was uns gute Unterhaltung verspricht. Mit Sinn für Humor erzählt, zum Beispiel jede Menge Action und einen sympathischen Helden, der den Kampf gegen das scheinbar übermächtige Böse aufnimmt. Überdies glänzt er mit schillernden Figuren, erhellt brisante politische Verhältnisse und historische Ereignisse. Ebenso wenig wie die Würze eines jeden guten Romans fehlt – die Liebesgeschichte, und das im aufgeladenen Klima eines sowohl politisch als auch wirtschaftlich am Abgrund stehenden Landes. Mit dem Nationalsport Fußball kommt schließlich auch der Sport nicht zu kurz. 

Obwohl das Geschehen des Romans neunzig Jahre zurückliegt und Argentinien weit weg zu sein scheint, sind die Parallelen zu Ländern des heutigen Europas, aber auch vielen anderen Staaten außerhalb, die wirtschaftlich am Abgrund lavieren, unverkennbar. Vor allem dann, wenn vom Erstarken des Rechtspopulismus, der bereits angedeuteten Wirtschaftskrise, einer zwiespältigen Presse und einer schwächelnden Demokratie die Rede ist. Beunruhigend noch immer, wenn von Hitlers Machtergreifung berichtet wird. Es sind unsichere Zeiten, Zeiten des Umbruchs, wie wir sie auch heute, nur unter anderer Akzentuierung, wieder erleben. 

In dieser Gemengelage macht sich der Protagonist Andréas Rivarola auf den Weg, um finanziell über die Runden zu kommen. Gezeichnet als liebenswerter Antiheld, schlägt er sich mittellos durchs Leben, schreibt Gedichte und liebt den Tango. So begibt er sich im Auftrag eines korrupten, reaktionären Despoten und Rinderbarons auf die Suche nach dem berühmtesten Fußballer des Landes namens Bernabé, der in einen Rauschgiftskandal verstrickt sein soll. Dabei gerät er in zahlreiche Verwicklungen, wird involviert in kriminelle Handlungen, Mord und Totschlag. Stets mit den Drohungen des Rinderbarons im Nacken und der Sorge um seine Gesundheit. In sinnfälligem Kontrast hierzu wiederum das Schmieden von Versen und die immer wieder ins Spiel gebrachte Allmacht des weltberühmten argentinischen Nationaldichters Jorge Luis Borges. 

Entgegen den Stimmen der Literaturkritik, dieser zweite Roman stehe dem ersten doch um einiges nach – auch schon wieder Klischee –, ein höchst unterhaltsames, spannendes Lesevergnügen mit teils hinreißend poetischen Passagen, dabei nicht ohne Tiefe. Und trotz der Konfrontation mit der harten Wirklichkeit eines dem Untergang nahen Landes fehlt es dem Ganzen durch den satirischen Unterton auch nicht an Witz.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Klaus Wagenbach!

 

 

   Archiv

Buchtipp des Monats Juli-August 2020 

  © Erna R. Fanger

Von der Einmaligkeit des Menschen - ein Schwanengesang

Georges-Arthur Goldschmidt: „Vom Nachexil“, Wallstein Verlag, Göttingen 2020

In krassem Gegensatz zu den zahlreichen Auszeichnungen, die Goldschmidtsowohl als Autor als auch Übersetzer, etwa von Nietzsche, Walter Benjamin, Kafka, Handke, ins Französische erhalten hat, steht seine Selbstwahrnehmung. So spricht der 92jährige, mit seiner gleichfalls hochbetagten Frau in Paris lebende Autor – obschon mit fröhlicher Gelassenheit – über sein Werk als von einer ‚Nabelschau’, und dass ‚er kein richtiger Autor sei, nie etwas anderes als über sich selbst erzählt habe’: „Es ist mein Schwanengesang: Umso intensiver, als es das letzte Buch ist ... “* Leseprobe

Noch einmal resümiert er in dem schmalen Band die im wahrsten Sinne des Wortes Grund legende Erfahrung des Exils. Kondensiert, verdichtet, dabei mit einer Bildschärfe in der Nahaufnahme, die den Leser angesichts der Unmittelbarkeit der Darstellung der Erfahrung solcher Entwurzelung als Elfjähriger wehrlos macht. Und im Zuge der Lektüre kommt er nicht umhin, vom Strudel des Lebensdilemmas des Autors gleichermaßen erfasst zu werden. Schon mit dem ersten Satz bricht es über ihn herein: „Wer einmal ins Exil getrieben wurde, kommt lebenslang nicht mehr davon ab.“ Leseprobe Fortan ist sein Leben in zwei nicht kompatible Hälften geteilt, einem Vorher, einem Nachher, einhergehend mit zwei sich überlagernden, verschiedenen Raumempfindungen. Die erste der Kindheit zugeordnet, ab dem Exil verbotene Zone, aus der er verstoßen wurde, die zweite, in der man sich erneut mit dem Alltag vertraut machen musste, um zu überleben.Ergreifend, wie Erinnerung sich im Text in einer außerordentlichen Leistung des Gehirns manifestiert:

Es galt jede Einzelheit der Heimat mitzunehmen, das kleinste Detail zu registrieren. Es galt, die Heimat in einigen Momenten so scharf zu photographieren, daß deren Grundzüge als Raster des Empfindens in einem bleiben konnten. Es ist erstaunlich, was das Gehirn bei solcher Gelegenheit alles leisten kann; es arbeitet derart perfekt, daß nach achtzig Jahren alles noch an Ort und Stelle ist, so sehr, dass unter jedem Wahrnehmungsbild der Gegenwart ein anderes, ein Phantombild aus der Vergangenheit hochkommt, nicht aus einer beliebigen Vergangenheit, sondern aus einer verbotenen Vergangenheit, aus der man ausgeschlossen wurde. Leseprobe

Allein der Präzision dieses sich ins Gedächtnis Rufens einer unerhörten Gefühlskonstellation haftet etwas Alarmierendes an. Ins Positive gewendet,  könnte man von einer erhöhten geistigen Wachsamkeit, einer gesteigerten Präsenz sprechen, die sich durch das Gesamtwerk Goldschmidts zieht, hier seinen Höhepunkt erreicht. Und indem er einmal mehr eintaucht in das ihm vom Schicksal zugewiesene Schattenreich des Exils, das Gewesene mit dem geschärften Blick sowie luziden Bewusstsein des geistig hellwachen Hochbetagten in Augenschein nimmt, offenbart sich die ganze Bandbreite des Unfassbaren, die ganze Bandbreite der Ohnmacht. 

Für Georges-Arthur Goldschmidt wiederum Anlass, anders über Bedingungen und Belange des Menschseins in seinem ganz spezifischen Kontext nachzudenken. Exemplarisch etwa in der Rückbesinnung auf all die frechen freien Geister  der französischen Kultur des 17. Jahrhunderts, La Fontaine, La Bruyère, Pascal, Voltaire und Rousseau, die ihn Widerborstigkeit lehrten und wegweisend für ihn waren, selbstständiges Denken zu erlangen. Oder in tiefgreifender Erkenntnis, wie über den nie ganz zu erschließenden Wesenskern eines jeden – weit über vermeintliche ‚Nabelschau’ hinausweisend:

Jeder Mensch fühlt in sich selbst das stumme Raunen seines Selbstgefühls, er allein weiß, wie er selbst ist, wie es in ihm aussieht, wie sein Name nichts von ihm aussagt. Keiner ist, was man ihn zu sein bestimmt ..., was man ihm als Wesenszug aufgesetzt hat ... Jeder ist immer nur, was er ist und von dem er allein weiß, daher die Heiligkeit des menschlichen Seins, die unersetzbare Einmaligkeit eines jeden Menschen ... Leseprobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

* LESART I Beitrag vom 23.04.2020, Georges-Arthur Goldschmidt im Gespräch mit Andrea Gerk 

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Wallstein Verlag

   Archiv

Buchtipp: Benjamin Myers: "Offene See" - Juli - August 2020

   © Erna R. Fanger

 „Die unwürdige Greisin“ reloaded                              Benjamin Myers: „Offene See“, DuMont Buchverlag, Köln 2020. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Angelegt als Coming-of Age-Roman, ist es die Geschichte des indessen gealterten Schriftstellers Robert – zugleich Ich-Erzähler –, beginnend kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Er will raus aus der Enge der kleinen Welt der Bergarbeiter, wo er zuhause ist, bricht auf. Sein Ziel: die See. Doch kurz bevor er es erreicht, bleibt er durch einen Zufall bei der anarchischen Dulcie hängen. Eine Begegnung, die richtungsweisend für sein zukünftiges Leben als Schriftsteller werden soll. Dulcie wiederum legt zugleich eine andere Lesart nahe, gemahnt die ältere Protagonistin doch, unkonventionell, hedonistisch und voller Eigensinn,an Brechts„Die unwürdige Greisin“. In ihr, lebenserfahren, klug, gebildet und rebellisch gegen jede Form von Obrigkeitsdenken, hat der jugendliche Protagonist ein Gegenüber, wie er es von da, wo er herkommt, nie gekannt hat. Und da er kein Geld, Dulcie hingegen nie endende Aufgaben gegen Kost und Logis für ihn hat, verbringt er den Sommer bei ihr und ihrem Hund Butler. Er renoviert ein baufälliges Cottage, wo er auf ein Manuskript mit hochrangigen Gedichten der deutschen, von den Nazis geächteten Dichterin Romy Landau stößt. Dabei kommt er mit einem dunklen Geheimnis zwischen dieser und Dulcie in Berührung sowie mit deren für ihn unverständlicher, entschiedener Abneigung gegen das Meer. 

Dazwischen bleibt viel Zeit, die Robert und Dulcie gemeinsam verbringen, wo Dulcie, Verlegerstocher und einst selbst Inhaberin eines Verlags, die ihm so ferne wie verlockende Welt der Bücher, der Malerei, der Künste überhaupt, nahebringt. Dabei stets im Blick den Wahnwitz des Kriegs, den Abscheu gegen den Nationalsozialismus und seine verheerenden Folgen. All dies konterkariert durch eine regelrechte Feier der Sinnlichkeit, der Welt des Genusses, ob Langusten oder ein saftiger Braten, bunte Gemüse, feinste Weine, Champagner, wie so kurz nach dem Krieg rar und seitens guter Freunde ihr ‚zugeschoben’. Dulci, gezeichnet als Freigeist und Lebenskünstlerin, zieht nicht selten vom Leder, wenn es um politische Gegner oder die Welt der Kleingeister und Spießer geht. Und ja, sie ist ein bisschen übertrieben, pathetisch bisweilen, was im Übrigen auch ihrem Schützling Robert anzulasten ist. Überdies überlagert sich gelegentlich die Perspektive des betagteren Schriftstellers mit der seines Jugend-Ichs. Schwächen, die man dem Roman jedoch allein schon insofern verzeiht, als er eine glühende Hommage an das Künstlertum ist, unabhängig, frei, voller schöpferischem Elan und Aufbruchsenergie. Und in der Danksagung am Schluss bestätigt sich einmal mehr für alle, die dieses Buch so lieben und sich von ihm in seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die Kraft des Worts anstecken ließen, der Grund: „Es ist ... allen gewidmet, die sich darum bemühen, anderen ihre Leidenschaft für die Kraft des geschriebenen Wortes zu vermitteln.“

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem DuMont Buchverlag 

   Archiv

Buchtipp: William Trevor "Letzte Erzählungen - Mai 2020

© Hartmut. Fanger:

Meisterhafte Präzision

 

William Trevor: „Letzte Erzählungen“aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020

 

Wer „Letzte Erzählungen“ des 2002  von Elisabeth II zum Ehrenritter geschlagenen und 2016 verstorbenen irischen Schriftstellers William Trevor in Händen hält, dem wird sehr schnell klar, dass es sich hierbei um ein Werk von Rang handelt. Zehn meisterhafte Erzählungen – ein literarisches Kleinod. Nahezu jeder Satz von existentieller Dimension. Dicht geschrieben, den Leser fordernd, zugleich mitreißend und bis ins kleinste Detail genau. Darüber hinaus anrührend und zum Nachdenken animierend. 

Vergänglichkeit das Stichwort. Immer wieder ist von Endlichkeit, von Einsamkeit und Tod die Rede. Einfühlsam und mit Empathie führt Trevor seine Figuren vor Augen. Melancholisch der Grundtenor.  „Mitten im Leben sind mit dem Tod umfangen ...“ tönt es von Orgel und Chor während der kirchlichen Trauerfeier in „Das unbekannte Mädchen“, was zugleich Leitsatz vieler dieser Erzählungen sein könnte.

Dabei sind in den Haupterzählstrang stets Nebenhandlungen eingebettet, die sich an bestimmten Punkten, wie nach einem geheimen Strickmuster, wieder zusammenfinden. So zum Beispiel das Treffen zweier Frauen „Im Caffé Daria“, wo nach und nach herauskommt, dass sie ein und denselben Mann geliebt haben, von dem sie aus ihrer Erinnerung heraus sprechen. Eine Geschichte, in der es insbesondere um ein Haus, Schicksal, um Freundschaft, Liebe, Verzweiflung und um besagten Tod geht.

In „Mrs Crasthorpe“  wechseln sich zwei Erzählperspektiven ab. Da ist Etheridge, der seine Frau verloren hat und dies nicht fassen und akzeptieren kann. Dann die Titelheldin Mrs Crasthorpe, die in Kontrast hierzu die Rolle der ‚lustigen Witwe’ bevorzugt. Letzteres ist Etheridge natürlich zuwider. Die daraus entstehende Spannung beherrscht den gesamten Text, mündet an einer Stelle in den für das Ganze paradigmatischen Satz: „Ihre Avancen wurden von seinem anhaltenden Zorn über die gleichgültige Gier des Todes überlagert und kaum wahrgenommen.“   

Paradebeispiel für mit Raffinement verschlungene Erzählperspektiven ist „Mr. Ravenswood“, wo sich besagter Titelheld mit der ihm sympathischen Bankangestellten im Restaurant einfindet und im Gespräch herauskommt, dass er vornehmlich von seiner Frau spricht, die bei einem von ihm verschuldeten Verkehrsunfall gestorben ist. Erzählt wird dies jedoch nicht aus der Perspektive des Titelhelden, sondern von der Bankangestellten in einem Moment, wo sich sie sich, im Park ein Sandwich verzehrend, eben daran erinnert.

Und doch sind die Geschichten bei allem Todesschwangeren zugleich prall gefüllt von Leben, treffen sich die Menschen in einer so hektischen Großstadt wie London auf Straßen, Plätzen und in gut besuchten Cafés. Das Ganze kunstvoll arrangiert und gewürzt mit jeder Menge sinnlicher Momente. So zum Beispiel, wenn in das ‚Caffé Daria Geschäftsleute hereinströmen, um das Frühstück nachzuholen, Freunde und Stammgäste nach Zeitungen greifen, die Croissants berühmt sind, das mittägliche Rührei mit geräuchertem Lachs als das beste von London gilt ...’

Bezeichnend, dass sich jede Seite in der großartigen Übersetzung von Hans-Christian Oeser gleich mehrfach zu lesen lohnt. Immer wieder kann man auf Entdeckungen stoßen, die einem beim ersten Lesen entgangen waren. Und  immer wieder gibt es insofern auch Überraschungen. So revidiert der oben bereits erwähnte Etheridge am Ende seine Meinung von Mrs Catherope und versucht ‚das Rätsel’ um ihre Person zu ergründen: „Er ehrte das Geheimnis einer lästigen Frau und sorgte dafür, dass es gewahrt blieb.“ 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020 

iehe auch Buchtipp des Monats Dezember 2015

William Trevor: "Ein Traum von Schmetterlingen"  und Archiv

Buchtipp: Sigrid Nunes "Der Freund" - Juni 2020

Von Schrei    © Hartmut Fanger: Von Schreiben, Freundschaft und einem Hund

Sigrid Nunez: „Der Freund“, Roman; aus dem Englischen von Anette Grube; Aufbau Verlag, Berlin 2020 

Es geht um das, was uns bewegt. Um die Suche nach Sinn, nach einem erfüllten Dasein. Und es geht um das, was vor allem diejenigen berührt, die gerne schreiben, gerne lesen, kurz diejenigen, die eher in der Welt von Lektüren zuhause sind als im wirklichen Leben.  Doch was hat das alles mit einem Hund zu tun. Dem wollen wir in dem hochkarätigen Buch von Sigrid Nunez „Der Freund“ nachgehen, für das sie 2018 den begehrten US-amerikanischen National Book Award erhielt und das sie über Nacht berühmt machte. 

Apollo heißt der Hund, der dem Freund der Protagonistin gehörte und den dieser ihr nach seinem Selbstmord hinterlassen hat, was sie zunächst einmal vor ganz pragmatische Probleme stellt. Zum einen darf in der Wohnung kein Hund gehalten werden, zum anderen ist diese Wohnung, wie in New York üblich, mit ihren 45 Quadratmetern viel zu klein, erst recht für eine so riesenhafte Dogge wie Apollo. 

Was ist es, neben seiner enormen Größe und Liebeswürdigkeit, was uns an diesem Tier in den Bann zieht? Da ist zum einen, dass es der Hund eines Schriftstellers und Kollegen, in einer kurzen Episode auch mal Lovers war und nun zum Freund der Ich-Erzählerin und Dozentin für Create Writing avanciert. Imgrunde hat sich für die Dogge also gar nicht so viel verändert. Der Protagonistin hingegen eröffnet es die Möglichkeit, im gemeinsamen Trauern mit dem Hund die Beziehung zu dem toten Freund fortzuleben. Und darin ging es, neben Schreiben und Literatur, um fast nichts anderes als um Frauen. Wozu sich ihm als Dozent für Creative Writing reichlich Gelegenheit bot. Und so bewahrheitet sich der lapidare, bereits zum Klischee geronnene Spruch, „Wer schreibt, der bleibt“, gleich auf zwei Ebenen. Zum einen durch den Hund, in dem für die Protagonistin sein einstiges Herrchen fortlebt, zum anderen in der Arbeit der Dozentin und Autorin, die im Zuge dessen mit dem Schreiben etwas Bleibendes zu hinterlassen vermag.

Dabei liest sich das Ganze, elegant formuliert, ausgesprochen leicht.  Und dies, obwohl es den Leser zugleich herausfordert, in die Tiefen der Literatur einzutauchen, wenn sie den Gedanken W.H. Audens, Samuel Becketts, Gustave Flauberts, Milan Kunderas, Georges Simenons oder Christa Wolfs nachgeht. Und es hat natürlich auch etwas so Heiteres wie Anrührendes, wenn die an Depressionen leidende Dogge lächelt, sobald ihr Rilke vorgelesen wird, oder bei Knausgärd ihre Zuneigung kundtut.

Der in zwölf  Teile gegliederte Roman, auf den dieses Genre vielleicht gar nicht zutrifft, der vielmehr den Verdacht provoziert, es könnte sich auch um einen autobiographischen Text handeln, spielt auf 235 Seiten die Klaviatur der großen Themen der Literatur durch: Tod, Liebe und Sinnsuche. Spannend, heiter, traurig, wie das Leben selbst, zugleich zutiefst wahrhaftig.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Aufbau Verlag, Berlin 2020                                                                                                             Archiv

Buchtipp des Monats Mai 2020

© Erna R. Fanger Verlorengehen und sich wandeln

Marina Frenk, „ewig her und gar nicht wahr“,  Quartbuch, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 

Marina Frenk lässt aufhorchen mit diesem Debut. Dabei schöpft die 1986 in Moldawien geborene, seit 1993 in Deutschland lebende, vielseitige Künstlerin – Schauspielerin, Musikerin und Autorin – nicht nur aus ihrer eigenen Migrationserfahrung, sondern auch der ihrer russisch-jüdischen Vorfahren. Dementsprechend verwebt sie gekonnt mehrere, teils sich in surrealistischer Manier überlagernde Erzählstränge und bietet dem Leser im Zuge dessen ein lebenspralles Erfahrungsspektrum in erfrischend origineller, nuancenreicher Bildersprache. 

Im Zentrum des Art Künstlerinnen- und Selbstfindungsromans Kira Liberman. Mit Marc, dem Vater ihres kleinen Sohnes Karl, in Berlin lebend und wie die Autorin gleichwohl aus russisch-jüdischer Familie stammend. Zugleich junge Malerin, die in ihrer künstlerischen Entwicklung stagniert. Ihre großformatigen Bilder aus früheren Zeiten, wo sie als Künstlerin gefeiert war, haben ihren Platz auf dem Dachboden gefunden, den sie immer wieder aufsucht und wo ihr die eigene Misere umso drastischer vor Augen steht, Suizidgedanken aufkommen lässt. Der Erzähltenor ist jedoch nie larmoyant, sondern geprägt von bisweilen an Sarkasmus grenzender Selbstironie. Statt als bildende Künstlerin, arbeitet sie als Kursleiterin und beschränkt sich darauf, Zeichenkurse für Kinder zu geben. Mit ihrem Lebensgefährten Marc teilt sie sich jedoch lediglich die Verantwortung für den gemeinsamen Sohn. Darüber hinaus scheint die Beziehung auf Eis gelegt. Eine Leerstelle. Wirklicher Austausch findet nicht statt. Allenfalls in Kiras Alpträumen, wo Marc sie im letzten Kapitel drängt, ihn auf eine Trauerfeier zu begleiten, um ihr zu eröffnen, dass es ihre Beerdigung ist. Womit Frenk ein so komplexes wie treffendes Bild kreiert, das die Beziehung der Protagonistin zu Marc präzise umreißt. Kira hat indessen einen Lover, Theodor, Buddhist und der Meditation verschrieben, der sich selten blicken lässt. Sie zieht dann auch zu Nele, einstige Slawistik-Studentin, später Automechanikerin, indessen Musiklehrerin, die raucht, gerne trinkt, viel lacht und schrill drauf ist  – unkonventionell, farbig. Und der kleine Karl hat jetzt in Neles Sohn Manuel so etwas wie einen großen Bruder.

In solch krisenhafter Gemengelage liegt es nahe, existenzielle Fragen nach Her- und Zukunft ins Zentrum rücken, was Frenk in collageartig montierten Erzählsequenzen souverän handhabt. So erfolgt der Versuch von Protagonistin Kira, sich in ihrer eigenen Verloren- und Perspektivlosigkeit neu zu verorten, in der Erforschung der Familiengeschichte. Sei es in Rückblenden, teils an der fiktiven Wirklichkeit orientiert, teils da erfunden, wo reale Begegnung nie stattgefunden hat, sei es in Reisen nach New York, Israel und Moldawien zu den indessen weltweit verstreuten Verwandten. Im Zuge all der komplexen Belange, denen Kira versucht gerecht zu werden, vermisst sie ihre Wurzeln und beklagt, sich nicht zu spüren. Wohl wissend, dass während sie, solchermaßen bedrängt: 

„Flüchtlinge an den Grenzen in Käfigen sitzen, Kinder sich in Wärmedecken aus Goldfolie hüllen und ihre Eltern in Lagern und Kellern vergewaltigt oder gefoltert werden. Während andere Menschen in Slums verhungern. Und dann ich. Eine Kira Liberman, die sich nicht spürt in ihrer Wohnung und sich von außen betrachtet.“

Eine Lösung nicht in Sicht. So doch eine Haltung, gleich im Prolog offenbart, die hoffen lässt und sich als Erfahrungswert der damals Fünfjährigen, die ihre Eltern während eines Strandaufenthalts am Schwarzen Meer verlor, bis zum Schluss des Romans durchzieht: „Verloren gehen fühlt sich einsam an, aber auch interessant. (...) Ich akzeptierte, dass ich verlorengegangen war, und versuchte mich zu verwandeln.“ 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Klaus Wagenbach!

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Buchtipp: Pascal Mercer "Das Gewicht der Worte" - April /Mai 2020

© Erna R. Fanger

Präsenz der Poesie

Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“, Carl Hanser Verlag,München 2020. 

Hier war sich das Feuilleton landauf landab einig, und das nicht ohne Häme: zu redundant, das Personal, lauter Feingeister, zu blass, Bildungsbürgertum ... etc. Zugegeben, der Plot wirkt konstruiert, die Figuren in ihrer ethisch-moralischen Überhöhung unfreiwillig überzeichnet.  

Warum wir nichtsdestotrotz eine Lanze brechen für das Werk, ist die Begeisterung für Sprache, die es transportiert – ein glühendes Plädoyer für ‚das Gewicht der Worte’, das trägt. Und es ist das Vergnügen am Sinnieren über Wahrnehmung und Perspektiven, über Lust und Last, die Schreibende anstachelt, die Welt auf ihre ganz eigene Weise immer wieder von neuem durchzubuchstabieren. Und es mag sich bei Lesern und Schreibenden jenseits der Hoheit des Literaturbetriebs ähnlich verhalten wie zwischen Laien- und professionellem Chor. Letzterer mag Ersteren an Perfektion übertreffen, aber die Liebe zum Singen, ohne jeden Sachzwang, wie dem Laienchor substanziell eigen, diese hochtrabende Freude, transportiert einen Zauber, der nicht nur nicht zu verachten, sondern mitunter durchaus auch nicht zu überbieten ist. Und es sind immer wieder Sätze wie dieser: „Jetzt öffnete Kenneth Burke im Nachbarhaus ein Fenster, blieb stehen und zündete eine Zigarette an; auch ihre glühende Spitze hatte, wie die Straßenlaternen, im Nebel einen feinen milchigen Hof“Leseprobe, die uns in ihrer bestechenden Präzision und poetischen Präsenz in den Bann ziehen. 

Von Kind an von Sprachen fasziniert, lernt Protagonist Simon Leyland alle, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden, heiratet schließlich Lydia, eine Verlegertochter aus Triest, und übernimmt später zusammen mit ihr den Verlag, was den in London ansässigen Briten nach Italien verschlägt. Sie haben eine Tochter, die eigentlich Ärztin werden will, jedoch zunehmend vom Gesundheitssystem enttäuscht ist und schließlich Abstand davon nimmt. Zu Beginn des Romans, 24 Jahre später, nachdem er London verlassen hatte, kehrt er dorthin zurück. Lydia ist inzwischen verstorben. Den Verlag hatte er zunächst alleine betrieben. Bis er ihn in einer Art Kurzschlusshandlung angesichts einer tödlichen Diagnose, die sich alsbald als Irrtum herausstellen sollte, kurzerhand verkauft hat. Ein Onkel, Professor für orientalische Sprachen,  hat ihm sein Haus nahe London vererbt, und mit Kenneth Burke vom Nachbarhaus, der sich in seinen letzten Jahren um diesen gekümmert, alles für ihn geregelt hat, zugleich einen Freund. 

An dieser Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt setzt die Erzählung ein. Dabei kreisen seine Gedanken um die Frage, was er aus der Zeit seines Lebens gemacht habe: „Es war ein Dunkel nach dem Ende eines Lebens, ein Dunkel, in dem die Zeit nicht mehr floss. Er würde nachher überall Licht machen und sie von neuem zum Fließen bringen.“LeseprobeDabei werden nicht nur die äußeren Stationen Leylands reflektiert, sondern zugleich neue Perspektiven entworfen. Denn hat Leyland sich bislang nur in Briefen an seine verstorbene Ehefrau Lydia schreibend Ausdruck verschafft, denkt er jetzt daran, weiterzugehen und selbst Erzählungen zu schreiben. Begleitet ist dieser Prozess von überbordendem Gedankenreichtum über die geheimnisvoll anmutende, von Worten ausgehende Schwingung, von ihrer Macht, die ebenso zu verschleiern und zu verdunkeln, als zu erhellen in Begriff steht:

"Wenn man in Gegenwart anderer über sich spricht, sagt man nie genau das, was man eigentlich sagen möchte: Selbst wenn man sich dessen nicht bewusst ist, hemmt einen die Rücksicht, entweder die Rücksicht auf die Wirkung der Worte in den anderen, oder die Rücksicht auf die Art und Weise, wie man für die anderen durch diese Worte erscheinen würde. Und nachher hat man, statt mit sich selbst in der Klarheit einen Fortschritt gemacht zu haben, mit diesen Wirkungen bei den anderen zu kämpfen".Leseprobe,

Stellen wie diese, wo Mercier den Worten und ihrer Wirkmächtigkeit auf den Grund geht, bergen für den literatur- und sprachaffinen Leser  so manchen Schatz, den es in diesem Werk, allerhand Unkenrufen zum Trotz, mannigfaltig zu heben gibt. 

"Und nun war ja etwas Neues dazugekommen: das Schreiben, die Arbeit an der eigenen Phantasie und die Suche nach den eigenen Worten, der eigenen Stimme. Das war etwas, was eine eigene Zukunft in sich trug. Wie lange würde sie dauern?"Leseprobe

.Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!       

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Carl Hanser Verlag, München 2020                                                                                               Zum Archiv

Buchtipp: Julia Holbe "Unsere glücklichen Jahre" - März/April 2020

  Vier Freundinnen und ein Mann, der alles verändert   

Julia Holbe: „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“, Penguin Verlag, München 2020

Es sind die Szenen einer innigen Freundschaft zwischen vier Frauen, die dieses Debut der Luxemburger Autorin und einstigen Lektorin des renommierten S. Fischer Verlages so lesenswert machen. Authentisch führt Julia Holbe in „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“ die alljährlich sich wiederholenden, unbeschwerten Sommerferientage an der französischen Atlantikküste vor Augen. Ein Meer voller Träume, Gemeinsamkeit, gegenseitigem Verständnis und Zusammenhalt. Urlaube, wie sie im wahrsten Sinne des Wortes im Buche stehen. Lange Abende am Strand, gutes Essen und so    manches Glas Wein, das man genießt. Aber auch von Verrat und Tod und Trennung ist die Rede. 

Neben anschaulichen Naturbeschreibungen ist es vornehmlich die      aus den Fugen zu geraten drohende Gefühlswelt der Protagonistin     und Ich-Erzählerin Elsa, die den Leser in den Bann ziehen. Sie       verliebt sich ausgerechnet in Sean, den einzigen Mann in der Runde. Sogar ihre Heimat würde sie für ihn verlassen und für immer mit ihm nach Irland ziehen. Jener geheimnisvolle Sean, der kommt und geht   und unverhofft wieder in Erscheinung tritt, um im nächsten Moment schon wieder zu verschwinden. Die Begegnung mit ihm hat für Elsa  alles auf den Kopf gestellt, in ihr eine ‚schreckliche, entsetzliche Sehnsucht’ geweckt, am Ende das Gefühl, ‚nichts mehr im Griff’ zu haben'.  

So berührend wie treffend der grundlegend melancholische Tenor, der sich in den tragischen Handlungsverlauf einschreibt. Und es ist die Magie, die dem Ganzen anhaftet, sei es der Landschaft, dem Meer    und dem Sommerhimmel, sei es dem Verliebtsein, was wiederum     "Lust am Text“ evoziert. So ist Elsa der Meinung, dass Sean ‚ohne Zweifel über magische Fähigkeiten’ verfügt oder der Sommer für sie‚   seit ihrer Kindheit etwas Magisches gewesen sei’. 

Geschickt hält die Autorin den Leser bei der Stange, indem sie vor   allem in dem einen wichtigen Punkt über weite Strecken nur in Andeutungen verfährt: Es muss etwas Gravierendes, alles infrage Stellendes in der Beziehung zwischen Elsa und Sean vorgefallen      sein. Doch was, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.  

Ein Buch, das einerseits in Ferienstimmung versetzt, andererseits      zum Nachdenken über die Phänomene Liebe und Tod anregt.  

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Julia Holbe: „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“

 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag                                                                Archiv

Buchtipp: James Wood "Upstate" - Februar 2020

  © Erna R. Fanger 

  Glanz und Abglanz des Erfolgs

James Wood, „Upstate“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. Aus dem Englischen von Tanja Handels.

Mit „Upstate“ hat der bekannte britische Kritiker, Essayist und Romancier James Wood eine Art Kammerspiel inszeniert, in dem nicht nur von Beginn an die Brüchigkeit der Figuren offen zutage tritt, sondern dieselben zugleich als Repräsentanten einer in sich zerrissenen Mittelschicht fungieren, deren äußerlicher Erfolg zunehmend bröckelt. So spielt sich das Ganze im Wesentlichen zwischen Protagonist Alan Querry, 68, ansässig in Nordengland, und seinen beiden Töchtern Vanessa und Helen ab. Alan, der mit Immobilien bis vor kurzem eine Menge Geld gemacht hat, jedoch seit drei Monaten in finanziellen Schwierigkeiten steckt und sich Sorgen machen muss, weil er die Seniorenresidenz für seine Mutter nicht mehr bezahlen kann. Zu allem hin quält ihn, wie er ihr das beibringen soll. Selbst linksliberal, ist ihm die eher rechte politische Gesinnung seiner zehn Jahre jüngeren Frau Candace zwar nicht genehm, jedoch nicht wirklich ein Hindernis. Sieht er in ihr doch seine Rettung vor Einsamkeit und Alter. Paradebeispiel für die nicht selten skurril anmutenden Widersprüche, in denen sich die Vertreter der gehobenen Mittelschicht häufig verstrickt sehen, ist wiederum Candace in ihrer Eigenschaft als erfolgreiche Unternehmensberaterin, die sich indessen zur buddhistischen Psychotherapeutin ausbilden lässt. Gleichwohl von Erfolg gekrönt die Karriere der beiden Töchter. Während Helen an der Spitze des Musik-Managements eines Konzerns wirkt, dabei unter dem zunehmenden Stress leidet und ihren hochdotierten Job am liebsten an den Nagel hängen würde, lehrt Vanessa hingabevoll Philosophie an einer kleinen amerikanischen Privat-Universität, wird jedoch immer wieder von Depressionen heimgesucht. Soweit das Personal. 

Der Plot dreht sich im Kern um Vanessa. Zwei Jahre älter als Schwester Helen, hat sich von früh auf der Unterschied in Temperament und Charakter der beiden abgezeichnet. Helen, extrovertiert und in der Lage, Glück in ihr Leben zu ziehen, Vanessa, eher in sich gekehrt und zu Depressionen neigend. Und als deren neuer Freund und Geliebter Josh Helen benachrichtigt, sie sei die Treppe heruntergefallen, und mutmaßt, dass Absicht hier im Spiel gewesen sei, informiert Helen wiederum ihren Vater und sie beschließen, nach Upstate New York in die USA zu fliegen, um nach Vanessa zu sehen. 

 Dies wiederum stellt den Rahmen für eine umfassende Auseinandersetzung um Fragen existenzieller Natur nach dem Woher, Wohin und Wozu. Und so kommt auch noch einmal das Trauma zur Sprache, wo die Mutter, indessen verstorben, Mann und die beiden kleinen Mädchen hatte sitzen und die Familie verlassen hatte. Umstand, der zwar beide tief getroffen, jedoch Vanessa, im Gegensatz zu Helen, bei weitem mehr verstört hat. 

Die Versuche Alans und Helens  Vanessa zu helfen hingegen muten hilflos an. Allein gemeinsam darüber zu sprechen, den Fragen nachzugehen, die sich stellen, etwa warum der eine glücksfähig, der andere wiederum von seinen melancholischen Neigungen beherrscht wird, bringen die Figuren einander näher. Auch kommt heraus, dass Josh sich Vanessa und ihren Depressionen nicht gewachsen sieht, nicht weiß, ob er eine enge Verbindung zu ihr auf die Dauer durchstehen würde, was er aber nur Alan offenbart. Die taffe Helen leidet neben dem Stress, dem sie permanent ausgesetzt ist, unter der Trennung von ihren Kindern, während sie ihren Mann Tom, der ihr offensichtlich wenig helfen kann, kaum vermisst. Alan wiederum ...

 ... blickte auf das Band eines Lebens, auf das BandseinesLebens, und er blickte auf das  Ende dieses Lebens; und ganz in der Ferne, am weiten, diffus sonnenhellen, unsichtbaren Horizont, da war der Tod und alle Toten, die einstigen und die künftigen ..." LESEPROBE

 

Damit kommt der Roman sozusagen auf den Grund. Und es hat etwas Erlösendes, zum Kern der Dinge vorzudringen, den Fragen um Liebe und Tod, da, wo wir zur Wahrhaftigkeit genötigt werden. In diesem Sinne hat der Prozess, dem sich die drei Protagonisten zu stellen bereit sind, am Ende keine Lösung parat, stattdessen wartet er allein durch die Bereitschaft der Figuren, einander anzuhören, mit erlösenden Momenten auf. Und während noch die Messlatte des Erfolgs bei allen Figuren dramatisch ins Wanken gerät, scheinen sie im Aufeinanderzugehen Linderung ihrer existenziellen Nöte zu erfahren. 

In stilistischer Hinsicht besticht der Roman durch die vielen Details und minutiösen Beobachtungen, was an manchen Stellen in überbordender Manier aber auch zu kippen droht oder schlicht redundant wird. So, wenn wir zu Beginn gleich mehrmals hintereinander zu lesen bekommen, dass der Protagonist die teure Unterbringung seiner Mutter nicht länger aufrechterhalten kann. Oder wenn etwa in Klammern erklärt wird, dass „faltern“ eine Wortschöpfung aus ‚altern’ und ‚Falten’ sei, wo An- und Abführungszeichen als Wink für den Leser im gegebenen Kontext durchaus genügt hätten, dass er von selbst darauf gekommen wäre. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag GmbH Hamburg                                                                                                           !Archiv

Buchtipp: Sarah Ladipo "Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt" - Januar 2020

© Erna R. Fanger:

Im richtigen Alter, einen Porsche zu fahren

Sarah Lapido Manyika, „Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt“, Hanser Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2019. Aus dem Englischen von Monika Baark.

Mit diesem Büchlein in sympathischem Tenor, Debutroman der nigerianischen Essayistin und Verfasserin von Geschichten Sarah Lapido Manyika, Jahrgang 1968, indessen in San Francisco lebend, halten wir Brechts „Die unwürdige Greisin“ reloaded und versetzt ins 21. Jahrhundert in Händen. Mit warmherziger Frische und Offenheit werden hier herkömmliche Altersbilder ver- und neue Perspektiven auf das Älterwerden entworfen. Ohne die Malaisen zu beschönigen, die die letzte Lebensphase birgt – Verlust von Weggefährten, Nachlassen der Sehkraft, Angst vor Hinfälligkeit und dem allgegenwärtigen Vergessen. Doch dem zum Trotz ist es die unverbrüchliche Neugier auf das Leben und auf die Menschen, Lust auf Sex, wenn auch nicht mehr an zentraler Stelle, die hier überwiegen. Hinzu kommen Freude der Protagonistin an farbenprächtigen Stoffen, einem veritablen Styling, high heels und nicht zuletzt die Liebe zu ihrem alten Porsche, mit dem sie durch die Straßen San Franciscos rauscht. Nicht zu vergessen – die leidenschaftliche Zuneigung zu ihren treuesten Freunden: den Büchern. Und davon besitzt die einstige Diplomatengattin und spätere Literaturprofessorin Morayo da Silva, weitgereist und wortgewandt, mehr als genug. Überdies die Fähigkeit, über dem Wunderbaren, dessen sie in Augenblicken der Begegnung gewahr wird, die Abgründe, die immer lauern, kurzerhand zu vergessen und das Leben zu feiern. Sei es im Hier und Jetzt. Sei es in der Erinnerung – Zeitebenen, die immer wieder wechseln und uns die Figur zunehmend nahebringen. Überdies lernen wir sie zugleich stets aus der Perspektive derjenigen kennen, mit denen sie Umgang pflegt, was sie in ihrem schillernden Facettenreichtum vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden lässt. Angereichert mit mancherlei Referenzen an literarische Weiblichkeitsentwürfe, wie etwa Shakespeares Ophelia, die sie umschreibt und den darin scheiternden Heldinnen ein Happy End angedeihen lässt. 

Und als sie unmittelbar vor ihrem 75. Geburtstag auf dem Badewannenrand balancierend ihr Outfit für die bevorstehende Party im Spiegel überprüft, passiert es: Eine falsche Drehung, sie rutscht aus und erwacht nach Hüftbruch und Operation  © James Manik  
in einem Pflegeheim. Doch auch das stürzt sie nicht, wie man meinen könnte, ins Elend. Vielmehr macht sie dort berührende Bekanntschaften. Etwa mit der liebevoll zugewandten Bella aus Nicaragua, die trotz ihres abgeschlossenen Studiums umständehalber als Pflegerin beschäftigt ist und ihr die besänftigende Wirkung des Gottesglaubens, gerade im Alter, nahelegt. Oder mit dem hingabevoll seine demente Frau umsorgenden Reggie aus Guyana. Wie überhaupt ihre Wahrnehmung stets auf die Einzigartigkeit eines jeden fokussiert scheint. 
 

Und so endet das Ganze nach der Entlassung aus dem Pflegeheim in einem Freiheitsrausch, wo sie in ihrem Porsche noch einmal kräftig aufs Pedal tritt, durchaus im Auge, dem, was sie an Misslichkeiten noch zu erwarten hätte, ein jähes Ende zu bereiten und gegen den nächsten Baum zu fahren. Stattdessen erblickt sie wieder die Obdachlose mit ihrem Hund, die sie von Beginn an der Lektüre im Visier hat. Sie könnte womöglich ihre Hilfe brauchen. Hält an, kommt mit ihr ins Gespräch, macht sich vertraut mit deren tiefgreifenden philosophisch anmutenden Gedanken. Neue gemeinsame Perspektiven tun sich womöglich auf …

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Hanser Berlin!

 

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Weitere Buchtipps

   © Hartmut Fanger

Prophet mit Herz und Empathie

Yavuz Ekinci„Die Tränen des Propheten.  Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2019. Aus dem Türkischen von  Oliver Kontny 

Hervorstechendes Merkmal des Ich-Erzählers und Protagonisten Mehdi – seit seiner Begegnung mit Erzengel Gabriel zum Propheten berufen – ist seine Fähigkeit zur Empathie. Zumal angesichts unablässig auf die Erde hereinbrechender Katastrophen. Immer wieder bricht Mehdi in Tränen aus. Sei es, wenn wieder einmal ein Terroranschlag, kriegerische Auseinandersetzungen und Blutvergießen stattgefunden haben, oder er sich mit Hass und Hetze im Internet konfrontiert sieht. Und immer deutlicher zeichnet sich ab: Er würde den Kampf gegen das Böse aufnehmen, stattdessen mit einer Friedensbotschaft aufwarten. Allem voran wiederum ist es der dem Autor eigene Humor, womit es Yavuz Ekinci gelingt, das Ganze trotz eindringlicher Schilderung menschlichen Leids und Elends lesbar zu halten. Und selbst wenn er einmal an der Welt zu verzweifeln droht, ist dies nicht frei von Selbstironie, was nicht zuletzt den Reiz der Lektüre ausmacht:

Was ist nur aus der Welt geworden. Ich muss mich beeilen. Je länger ich zögere, desto mächtiger wird das Böse. Ich habe keine Zeit mehr. Ich bin Prophet. Ich bin doch geschickt worden, um das Himmelreich Gottes auf Erden herabzubringen“, sagte ich vor mich hin und ging in einen Baumarkt ...  Leseprobe

Nicht ohne Augenzwinkern seitens des Autors wiederum vernimmt der Leser,  dass sich schon zur Zeit von Mehdis Geburt die seltsamsten Dinge ereignet hätten. Wie aus einem Lehrbuch für autobiographisches Schreiben wird dieser Zeitpunkt im Kontext geheimnisvoll, ja mysteriös anmutender historischer Begebenheiten verortet und somit zu einem besonderen Ereignis stilisiert. Ganz nach dem Vorbild Goethes, der in „Dichtung und Wahrheit“ in der besonderen Sternenkonstellation von Sonne, Jupiter und Mars zum Zeitpunkt seiner Geburt um 12 Uhr ein Zeichen sah. Auch hier wieder im feinen selbstironischen Tenor heißt es bei Ekinci, dass in der Geburtsnacht seines Helden ‚geheimnisvolle Dinge überall auf der Welt geschahen’. Der Legende nach sollen Ufos gesehen worden, ein Flugzeug mit einhundertzweiundsechzig Passagieren verschwunden, Decken in Tempeln, Kathedralen und Moscheen eingestürzt, gar ein ‚Haifisch mit zwei Köpfen aufgetaucht sein.

Doch damit nicht genug. Mangelt es Mehdi in seiner Funktion als Prophet zunächst an Durchsetzungs- und Überzeugungskraft, besteht nun seine Aufgabe vornehmlich darin, an sich selbst zu arbeiten, sich zu entwickeln, um seine Botschaft am Ende in die Welt setzen zu können. Köstlich, wenn dies etwa an seinem Kampf mit einem Hühnerauge, dem er mit einem Hausmittel im wahrsten Sinnes des Wortes zu Leibe rückt, beinahe zu scheitern droht. 

Betrachten wir wiederum die opulente Büchersammlung Mehdis, wird schnell klar, woher er seine Botschaften nimmt. Dabei geht’s quer Beet durch die Religionen. Sei es der ‚Koran, den er besser kannte als mancher Imam, seien es die Gleichnisse in den Evangelien, die Bibelzitate, mit denen er gern ein Gespräch eröffnet, oder die Thora, der er geradezu verfallen war’ ... Undogmatisch, melancholisch, zugleich heiter, folgen wir den Wegen und Irrwegen des Protagonisten. Und bei all den dabei verhandelten Erkenntnissen aus den großen monotheistischen Welteligionen ein zugleich hoch aktueller wie brisanter Roman. Kurz: Ein Lesespaß mit Tiefgang, wie wir es uns für zwischen den Tagen nur wünschen können. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Antje Kunstmann, München 2019  

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