Buchtipp des Monats Dezember 2018 für Jung & Alt              © Erna R. Fanger schreibfertig.com:

Weihnachtszauber Für Jung & Alt!

Brigitte Weninger: „Stille Nacht. Ein Lied geht um die Welt“, Illustration: Julie Wintz-Litty, NordSüd Verlag, Zürich 2018

Dies Buch ist neben der Geschichte, die es erzählt, eine Reise an einen entlegenen und doch zugleich ganz nahen Ort, den jeder kennt und doch auch wieder nicht, zu dem sich jedoch ein jeder immerzu hingezogen fühlen mag: ein Sehnsuchtsort, den jeder in seinem Inneren spürt. Und nicht zuletzt ist dies, neben den lebendig geschriebenen, warmherzigen Texten aus der Feder der österreichischen Brigitte Weninger, dem lockeren Pinselstrich in Aquarell der Französin Julie Wintz-Litty zu verdanken. Dabei versteht sie es, die durchweg inspirierenden Charaktere – Pfarrer Mohr, der Gitarre spielen kann, und Lehrer Gruber, der auch die Orgel betätigt, überdies sein junger Helfer Lukas und dessen kleine Schwester Lisa – ungemein lebensnah vor Augen zu führen. Zugleich strahlen diese Figuren eine unprätentiöse, natürliche Freundlichkeit in entspannter Atmosphäre aus. Und das, obwohl Zeit und Region, in der die Geschichte in Oberndorf nahe Salzburg im Jahr 1818 – also vor 200 Jahren! – angesiedelt ist, aufgrund einer Naturkatastrophe von Hungersnot und bitterer Armut geprägt sind. Umso mehr setzen nun die Dorfbewohner auf die Weihnachtsmesse. Und dann geht bei der Probe dafür mit Lehrer Gruber auch noch die Orgel zu Bruch. Ratlos sind alle zunächst. Da schlägt Lisa vor, ‚einfach was zu singen’. Pfarrer Mohr hat eine Idee ...

Wie es Pfarrer und Lehrer in der vertrackten Situation wider alle Unbill gelingt, ein Hoffnungszeichen zu setzen, ausgerechnet in einem Moment, wo alles verloren scheint, darum geht es in dieser Geschichte. Ein Hoffnungszeichen, ausgehend von einem aus der Not geborenen Lied in einer kleinen Dorfkirche, das sich auf der ganzen Welt verbreiten sollte. Am Ende stimmt alles mit ein und Licht dringt an diesem Weihnachtsabend in die bangen Herzen und Hoffnung, wo man sich vorher durchs Dunkel tastete. Doch das war, wie wir indessen wissen, erst der Anfang von „Stille Nacht, heilige 

Nacht ...“

Aber selber lesen und staunen macht schlau – viel Spaß dabei! 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem NordSüd Verlag!    

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Siehe auch unseren Buchtipp Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste"

Siehe auch unseren Buchtipp: Katherine Mansfield: "Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben. Vignetten eines Frauenlebens  

 

Siehe auch unseren aktuellen Sachbuchtipp: Robert Hobeck: "Wer wir sein könnten"  

Buchtipp des Monats August - September 2018 für Junge Leser

Textfeld: © Erna R. Fanger 

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Von desaströsen Erwachsenen und der Kraft der Wünsche

Fabio Geda: „Vielleicht wird morgen alles besser“. Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt. Albrecht Knaus Verlag, München 2018

Diese Geschichte beginnt mit einer Hetzjagd. Der 15jährige Held, Ercole, und sein gerade mal sechs Jahre alter Halbbruder Luca sind auf der Flucht vor der Polizei. Sie klettern eine Lagerhalle hoch und verstecken sich auf dem Dach, während die Polizei Ercole auffordert, die Waffe wegzulegen und ‚heraus zu kommen ...’ Erzählt wird dies aus der Perspektive des indessen 19jährigen Protagonisten. Mit diesem Schachzug gelingt es Geda, die Situation des damals Fünfzehnjährigen mit dem Verständnis des jungen Erwachsenen auszuleuchten, im Zuge dessen er bis in Ercoles frühere Kindheit dringt. Ercole ist sechs und in der ersten Klasse, als innerhalb einer Woche seine geliebte Oma, Fischverkäuferin, auf dem Markt von einem Gabelstapler überfahren wird, die Mutter Mann und Kinder verlässt und kurz darauf auch der Opa verschwindet. Danach besteht seine „Familie“ vornehmlich aus Asia, der fünf Jahre älteren Schwester. Sie ersetzt Mutter und Vater, kümmert sich verantwortungsvoll um den Haushalt und um Ercole. Sorgt dafür, dass er sich ordentlich wäscht und kleidet; sie kocht und bezahlt die Rechnungen oder bittet die Vermieterin um Aufschub, wenn wieder mal kein Geld im Haus ist. Und sie hält Ercole nachts die Hand, wenn die Gespenster aus der Wand kommen. Auf ihren Vater, Pietro, können sie nicht zählen. Er ist schlicht „von der Rolle“. Wenn etwa in der Schule nach dessen Beruf gefragt wird, lässt er Ercole angeben, ‚er genieße das Leben’. In Wahrheit ist er fast jede Nacht unterwegs und tagelang verschwunden, um Ware durch ganz Italien zu kutschieren. Alkoholiker, prügelt er sich nicht selten. Asia und Ercole haben sich um ihnzu kümmern. Was für das Geschwisterduo nicht zuletzt heißt, beständig auf der Hut zu sein: vor Gutmenschen oder Vertretern des Sozialamts. Vor Kümmerern aller Art, die ihnen ‚nur helfen wollen’. Es würde bedeuten, dass man ihnen auch noch den Papa wegnimmt und sie beide womöglich trennte.  

Bemerkenswert die Figurenzeichnung, vornehmlich des Vaters und der ,Mutter, ohne sie in ihrem offenkundigen Versagen als Eltern zu diskreditieren. Einerseits blass, dann wieder einfühlsam im Detail, treten dabei, teils zwischen den Zeilen, ihre Wünsche und Träume zutage. Zugleich nimmt man sie als Reflex einer sich rapide wandelnden, globalisierten Welt wahr, in der alte Ordnungen zerbrechen, ohne dass neue sich abzeichneten. Weltweit ökonomische Krisen und zunehmende Spaltung in Arm und Reich, in diejenigen, die dem rasanten Paradigmenwechsel standhalten, und denen, die dahinter zurückfallen, den Anschluss verpassen, wie Ercoles Eltern. In diesem Prozess, begleitet von innerer und äußerer Haltlosigkeit, geht so manche Identität zu Bruch, löst sich auf. Das ist es auch, was die Blässe in der Figurenzeichnung ausmacht, sei es des Vaters, sei es der Mutter. Und es ist Gedas Verdienst, diese Gemengelage nahezubringen. Im ziel- und hilflosen Straucheln und Niedergang seiner Figuren ohne Orientierung, in ihrem Leiden daran, wird hier konkret, was so oft abstrakt in unseren Medien verhandelt wird.

Doch die Träume der Kinder von Eltern auf der Verliererseite sind deshalb nicht weniger klein. Ercole selbst über sein Äußeres scheint dies zu unterstreichen: mit „dunklen Augen und langen Wimpern ... dazu einen Gesichtsausdruck der ... so aussieht, als wäre ich ständig verliebt oder würde ein Feuerwerk bestaunen.“ Dass er sich mit 15 tatsächlich verliebt hat, in Viola, aus behütetem Hause, und dass diese Liebe erwidert wird, eingebettet in eine intakte Familie, ist das Glück, dessen es vielleicht bedarf, die so vorhersehbaren wie alltäglichen Katastrophen in besagter Konstellation hinter sich zu lassen. 

Nach kaum vorstellbar abenteuerlichen Manövern von atemberaubender Dramaturgie ist Ercole am Ende, wie wir wissen, mit Bruder Luca auf der Flucht vor der Polizei. Es kommt zum packenden Showdown. Ercole endet schließlich vor dem Jugendrichter. Auf Geheiß von Asia ‚packt er aus’, was das hohe Gericht nicht unberührt zu lassen scheint. Doch nach dem bewähren Motto ist frei nach Hölderlin, ‚wo die Not am größten, das Rettende auch nah’. Es ist dies der Anfang vom Ende einer höllischen Kindheit. 

Ein so berührender wie ergreifender Roman, nicht nur für Jugendliche!

Aber: Selber lesen macht schlau – viel Spaß dabei!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus Verlag!

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Siehe auch unseren Buchtipp Jo Baker: Ein Ire in Paris

Siehe auch unseren Buchtipp für unsere Jüngstenr 

unseren Lyrik-Buchtipi Bokusui   

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp Wolfram Eilenberger

und FuturJETZT: Michael Steinbrecher  und Günther Rager 

 

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