Buchtipp „Geschenkbuch“ Novembe-Dezember 2018

©  Erna R. Fanger

                                                                Ein Muss für menschen, die die Ostsee lieben

„Silbergraublau – Ein Strandbuch“ von Ulf Annel, illustriert von Anke Fabian.Demmler Verlag GmbH, Ribnitz-Damgarten 2018.

Für alle Ostseefans liegt mit diesem Büchlein von Ulf Annel, getragen von der Liebe zur Poesie, ob geschrieben, ob gemalt, dasWeihnachtsgeschenk par excellence vor. Jetzt mögen Sie sich fragen „Ein Strandbuch“ als Weihnachtsgeschenk? – im November macht man sich darüber schon mal Gedanken. Die Redaktion von „schreibfertig“ kommt zu einem einhelligen Ja!, mit Ausrufungszeichen! Denn was gibt es Schöneres an dunklen kalten Tagen, als eine Herz erwärmende Lektüre, angereichert mit Farbe und Licht der See, von Ulf Annel buchstäblich ins (Sprach) Bild gesetzt und seitens der Malerin und Restauratorin Anke Fabian mit magisch anmutenden Bilderwelten versehen. Dabei besticht die geglückte Kombination von Bild und Text, die nicht nur den Autor begeistert, sondern auch für den Leser ein Augenschmaus mit immer wieder neuen, überraschenden Bezügen ist. 

So lesen wir etwa von Sehnsuchtsfarben“: „Silbergraublau/Wassergrün/ Gleißendes Weiß/Abendorange/ Nachtschwarzgeglitzer//Noch ein paar Tupfen ins Bild hinein –/schaumkronencremefarbenes Elfenbein“. So der vielversprechende Siebenzeiler und Opener in dem kleinen Band, der auf Anhieb Urlaubsstimmung aufkommen lässt, mitten hinein ins Urlaubsgefühl an der See führt. Die leicht gereimten Gedichte, die Erinnerungen an Sommertage, Urlaub, Meer und Strand aufkommen lassen, sind durchdrungen von leisem Humor und feiner Ironie – sozusagen Markenzeichen Ulf Annels, zugleich Kabarettist und Texter von „Die Arche“ in Erfurt. 

Tippen Sie mit ihm mal an den Horizont, genießen Kitsch, setzen Segel und Satzzeichen, sammeln Hühnergötter, werfen einen Blick durch das Loch in den so bezeichneten Steinen, das soll Glück bringen! Lernen Sie das „Seelenstreichelwetter“ kennen und lieben. Lassen Sie sich – als Mittel gegen Alleinsein und Langeweile – auf Reisen schicken, oder zum Philosophieren anregen – „Alles fließt“. Und: Machen Sie mal Uhrlaub, ‚wo die Zeit nicht rinnt ...’ Am besten natürlich mit einem „Buch am Strand“, dem, ‚vom Wind durchblättert und mit Sandkörnchen, die rannten und brannten, allmählich die Buchsta ... abha ... kamen’.

 Aber: Selber lesen und anschauen macht Spaß!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Ulf Annel und dem Demmler Verlag!

Siehe auch:

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unseren aktuellen BuchtippKatherine Mansfieldi

Siehe auch unseren Buchtipp für dir Jüngsten zu Weihnachten Brigitte Weininger/Julie Witz-Litty 

Lyrik-Buchtipp 

© Erna R. Fanger 

„Schwebend, sommerleicht und formschön“ 

Sie drängen heran

Sie lockern sich lösen sich auf

die Juniwolken

Wakayama Bokusui: „IN DER FERNE/DER FUJI WOLKENLOS/HEITER“, Moderne Tanka, Manesse Verlag München 2018, ausgewählt, übersetzt und mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein. 

 

Mit diesen Tankas, der ältesten Gedichtform Japans, liegt uns eine moderne Variante des Genres vor, die teils abweicht von der strikt vorgegebenen Form, auf die wir gleich noch zurückkommen, versehen überdies mit fünf Original-Kalligrafien des Autors. Und es ist das Verdienst des herausragenden Japanologen Eduard Klopfenstein, dass Wakayama Bokusui (1885-1928), seines Zeichens Tanka-Großmeister und in diesem Genre als Klassiker der Moderne Japans geltend, nun erstmals dem deutschsprachigen Publikum zugängig gemacht wird. In fünf Gruppen, den Lebensabschnitten des Dichters folgend, verschafft er uns einen im wahrsten Sinne des Wortes erlesenen Überblick über das lyrische Gesamtwerk. Jeweils mit Jahreszahl versehen, folgt der Leser den jahreszeitlich bedingten und gelegentlich durchscheinenden biografischen Spuren Bokusuis in 31 Silben – in Japan spricht man von Moren, die streng genommen nicht mit Silben gleichzusetzen sind, sondern eine davon unterschiedene Takteinheit bilden. Wobei die Magie des Tankas sich aus der Diskrepanz zwischen der strikten Form und der darin sich manifestierenden Poesie und Lebendigkeit des Augenblicks speist, in dem die Zeit den Atem anzuhalten scheint: „Zart sprießende/junge Blätter des Zelkova-Baums/wie im Fluss –/kleine sich kräuselnde Wellen/schwappen wohl gar ans Fenster.“

Das Frühwerk Bokusuis (1904-1910) ist zunächst von der Naturerfahrung im Zuge einer glücklichen Kindheit geprägt, wo er mit den tiefen Wäldern ebenso wie mit den Berghängen, Schluchten und Wasserläufen seiner Heimat, als Gymnasiast mit dem Meer, in Berührung kam. Zugleich ist es aber auch die Beziehung zu den Eltern, die Eingang in seine Dichtung findet: „Vater! Mutter!/Wie ehrwürdige Göttergestalten/habt ihr gelebt/getragen von Erinnerungen/unter Kirschblüten“. Später die Erfahrung einer unerfüllten Liebe, stets getrieben von einer latenten, nicht näher bestimmbaren Sehnsucht, die ihn zu den ersten der noch selbst verlegten Sammlungen, „Stimme des Meeres“ (1908), „Allein kann ich singen“ (1909), „Abschied“ (1910) inspirierte und wo er mit Letzterer den Durchbruch schaffte: „Mitten im Hain/eines alten Tempels/in einem Häuschen/wohnte ich – wartete/Abend für Abend auf dich.“

Es folgen in der zweiten Schaffensphase (1010-1912) Jahre finanzieller Entbehrung mit ständigem Wohnortswechsel, getrübt nicht zuletzt durch die Neigung zum Alkohol – „Jetzt jetzt gerade!/Noch in den Knospen stehend/doch schon verdorrt – /meine jungen Tage/möchte ich ins Meer versenken“, aber letztlich auch die Begegnung mit einer Frau, die er ohne Einwilligung der Eltern heiratet.

Erst im Zuge der dritten Schaffensphase (1913-1917), mit der Heirat der gleichwohl Tanka dichtenden Ota Kishiko, stabilisiert sich sein Leben allmählich: „Meine Frau unten/ich im oberen Stock – öffnen/von Zeit zu Zeit/je ein winziges Fenster/in den wolkenverhangenen Tag.“ Mehr und mehr entfaltet sich jetzt seine Kreativität, obschon stets mit sich und den prekären Verhältnissen hadernd, was sich teils in bitterer Selbstironie Ausdruck verschafft: „Mich selbst betrachte ich/mit Hohn und Spott/Doch vor meinen Augen/sind die Kinder selbstvergessen/in ihr Spiel vertieft.“

Mit zunehmender Reife und Sensibilität gewinnt Bokusui Mitte dreißig in der vierten Schaffensphase (1918-1920) gegenüber den Widrigkeiten der Existenz zunehmend an Distanz und Gelassenheit, gepaart mit einer gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit gegenüber der Natur. Diese sollte er nun nicht zuletzt auf seinen Reisen, wesentlich jedoch im Zuge seines Umzugs von Tokio in eine ländlichere Gegend, in ihrer ganzen Vielfalt kennenlernen: „Die Welt ringsum/ein Spiegel voller/Helligkeit –/Zartgrünes Sommerlaub/regt sich jetzt beginnt zu winken.“

Sein Schaffen der letzten Jahre (1921-1928) ist weiterhin geprägt von reicher Naturerfahrung – „Innig verbunden/schwangen zwei Lerchen/sich zwitschernd empor/weiter und weiter zwitschernd/hinein in die Tiefen des Himmels“. Inspiriert zusätzlich von seinen Wanderungen durch die ihm bislang unbekannte hochalpine Bergwelt, die tiefe Spuren in ihm hinterlässt und ihm zunehmend innere Ruhe beschert: „Himmel und Erde/das Herz der Welt liegt/entblößt vor Augen:/in seinem vollen Glanz/der hohe Fuji-Gipfel.“ Seine finanziellen Verhältnisse konnte er soweit verbessern, dass 1925 der Traum vom eigenen Haus in Erfüllung ging. Zugleich realisierte er den lange gehegten Wunsch, eine ganz neue Poesie-Zeitschrift mit Lyrik aller Art, auch westlicher, herauszugeben – in Japan bislang ein Novum, für das er viele renommierte Köpfe gewinnen konnte. Die erste, im Mai 1926 erscheinende Nummer fand dementsprechend auch beträchtlichen Anklang. Zugleich markiert dieser Höhepunkt jedoch auch den Niedergang Bokusuis. Das Zeitschriften-Projekt überstieg seine finanziellen Ressourcen, was er durch Schreibreisen wettmachte, wo er seine Tanka kalligrafierte. Von der letzten aus Korea kam er krank zurück. Er sollte sich nicht mehr erholen. Abrupt nimmt damit sein Werk ein Ende, ohne ein Abschiedsgedicht, wie in Japan üblich, mitten aus dem Leben: „“Ein Plätschern Rauschen .../Wasser der Kaskade/spritzt über Felsen/einziges Geräusch/zu hören in der Mittagsstille.“

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse-Verlag.

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Lyrik-Buchtipp März - Mai 2018

 

© Erna R. Fanger::

 „Gedichte sind Mißtrauisch“

 

Michael Krüger: „Einmal einfach“, Gedichte, Suhrkamp Verlag Berlin 2018

Einmal einfach“ – da hat man keinen Bahnhof mit computerisierter Schalterhalle im Kopf, sondern einen altmodischen Fahrkartenschalter. Es assoziiert, da will einer allein sein, entschwinden, sich auf unbestimmte Zeit zurückziehen, den Mühen der Existenz müde. Man sieht ihn auch nicht im ICE. Vielmehr ist  es ein gleichwohl altmodischer Regionalzug, der die Provinznester abklappert. „Du hast es nicht eilig./Schrebergärten kriechen/um die Städte herum/wie Schnecken./Am Ende des Lebens ...“ Nicht gerade am Puls der Zeit also, vielmehr entlegen genug, ihr ein Schnippchen zu schlagen und über das Leben zu räsonieren. Michael Krüger tut dies in Gedichten. Ruhig, bedacht, dabei  alles andere als beschaulich. Vielmehr ist die Lektüre beunruhigend, bisweilen beklemmend. Jahrgang 1943, in einem Alter, wo es nicht mehr zu leugnen ist, „unsere Generation nimmt Abschied“. Das lyrische Ich geht „hinunter zum See, um der Post zu entkommen./Seit Tagen redet der Briefträger mit mir/von den letzten Dingen, dem Duft/der Weidenkätzchen nach dem Regen,/der Wahrheitstreue unserer Erinnerungen ...“ Die Liebe zum Leben wurzelt hier tief in der Wahrnehmung von Naturschönheit, ihrer komplexen Einfachheit, das Abgründige, all das, dem wir misstrauen hingegen, spielt sich im Kopf ab.

Drei Schwerpunkte bieten dem Autor Anlass, so facettenreich wie vielgestaltig menschliche Existenz zu durchdringen. Ergeben tun sie sich jeweils aus der Präambel: I „Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden“ (Goethe zu Eckermann); II „Der Begriff des Reisens ist mit dem Ankommen verbunden. Aber will man überhaupt ankommen? (Günter Metken); III „Die transzendentale Seite der Kunst ist immer eine Form des Gebets“ (John Berger), wo Gedichte von philosophisch-spirituellem Gehalt versammelt sind, die tiefgreifende Fragen aufwerfen oder überraschende Bezüge herstellen, wie gleich im ersten mit dem Titel „Vorbilder“, das an den Leser den Appell richtet „Bitte, nehmt euch ein Beispiel/an den Bienen. Jede einzelne Wabe/wird gleichmäßig gefüllt, auch im Winter/ist genug da für alle. Hört ihr,/wie sie trotzdem das Lob/der Unvollkommenheit summen?" Denn in der Natur herrscht nicht, was der Mensch als ‚vollkommen’ erachtet.  In ihrer Essenz im Geheimnis wurzelnd, kommt sie, aus unserer Sicht, eher ‚unscharf’ daher. Hingegen ist unsere Welt, „im Sprechen entstanden“ – „Am Anfang war das Wort“, für Logos, Rationalität und wissenschaftliche Eindeutigkeit stehend. In unserer Kultur das „Geläufige“. Die Bienen wiederum mögen Übersetzungsarbeit leisten zwischen Mensch und Natur, ihr drohendes Aussterben spricht für sich, setzt Zeichen!

Bei den Gelegenheitsgedichten wiederum kommen wir nicht umhin festzustellen, dass sie durchdrungen sind vom Bewusstsein unserer Vergänglichkeit, vom Schmerz der Existenz, etwa anklingend in „Im englischen Garten, Januar 2017“: „Über dem Schnee eine bedrohliche Lichtflut/wie ein lang anhaltender Schrei,/der huscht über die nicht mehr erkennbare Welt,/als drängte ein Fieber zum Ausbruch ...“, wo die letzten Verse lauten: „Wie oft habe ich hier gestanden,/auf der Selbstmörderbrücke, das brummende Mahlen/der Stadt im Rücken, und auf das Wasser gestarrt,/das  mir wie die Zeit selbst vorkam./Unverhofft gaben die Krähen den Segen.“ Sinnfällig kontrastiert dies zu dem soliden Fundament, auf dem Krügers Lyrik gründet. Nämlich offenbar in der Kindheit, nachzulesen in „Meine Großmutter“. Diese „erwartete weder Lohn noch Strafe/vom Leben, sie wußte genau,/um was es nicht geht, der Rest war/für Männer in Uniform,/oder für   Philosophen ...“ Das Gedicht endet mit der Frage, die sich das lyrische Ich selbst beantwortet: „Aber was dann? Nichts,/um die Wahrheit zu sagen, nichts“. Dazwischen erfährt der  Leser, dass die Großmutter verweigerte, Handschuhe anzuziehen, um sie nicht zu beschmutzen, hingegen „an ihrem Unterricht nahmen teil/Kamille, Kornblume und Saubohne,/weil es gab keine Düngemittel/nach dem großen Krieg ...“ Dies zeugt von einem unverbrüchlichen, zutiefst sinnstiftenden Naturbezug, der heute verlorengegangen zu sein scheint. Ein Naturbezug, der auch aus den letzten Versen von „Im Winter“ spricht. „Ich sah, bei geschlossenen Augen,/die rissigen Hände meiner Großmutter,/wie sie den Apfel viertelte/mit sicherer Hand/und uns zu Gleichen machte/an einem Nachmittag im Winter.“ Ein so schlichtes wie vielstimmiges Bild, das dem Blick des Lesers unversehrten Raum enthüllt, der jedem offenstehen mag im Innen, sei die Welt im Außen noch so zerrüttet. Und es passen dazu, lapidar hingeworfen und nicht frei von Selbstironie, die letzten Verse aus „Allltag“: „Wenn der Apfelbaum nicht wär/in meinem Garten, ich gäbe auf.“

Das Fazit des Bandes erschließt sich gleich aus den ersten Versen des achtstrophigen Eröffnungsgedichts, „Nachtrag zur Poetik“: „Gedichte sind misstrauisch,/sie behalten für sich, was gesagt werden muß./Sie gehen durch geschlossene Türen/ins Freie und reden mit den Steinen./Sie führen uns fort ...“

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag!

 

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