Sachbuchtipp des Monats 

September-November 2020

  © Erna R. Fanger

 Zahlen schreiben Kulturgeschichte

Albrecht Beutelspacher: „Null, unendlich und die wilde 13“. Verlag C.H. Beck, München 2020.

Noch immer kokettieren nicht selten Absolventen der  Geisteswissenschaften mit ihrer Ahnungslosigkeit von Mathematik. Und nach wie vor hört man Heerscharen von Schülern unter dem Joch dieses Faches stöhnen – Mathe gilt vielfach noch immer als No-go. 

Mit diesen Vorurteilen räumt der vielfach ausgezeichnete emeritierte Prof. für Diskrete Mathematik und Geometrie Albrecht Beutelspacher in diesem Büchlein auf. Schon im Vorwort wird deutlich – Mathematik ist elementar und hat ihre Funktion in allen möglichen Lebensbereichen. Erfunden vor 30.000 Jahren, markierte sie einst den Übergang von der Schätzung eines bestimmten Wertes, was ja stets subjektiv ist, hin zur objektiven Gewissheit darüber. Zur Lösung praktischer Probleme dienend, trägt die Zahl bis heute zum Verständnis der Welt bei. Seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. wiederum, als die wissenschaftliche Astronomie in Mesopotamien ihren Anfang nahm, war es die Mathematik, die diese nach vorn brachte und enorme Erkenntnisse generierte. Ein neues Licht auf die Zahl warfen wiederum im sechsten Jahrhundert v. Chr. die Pythagoreer. Bei der Frage nach dem Urgrund des Seins, dem Getriebe der Welt, erachteten sie dieZahlals entscheidende Größe. 

Inwieweit Zahlen über ihre rein mathematisch-lineare Funktion als Schlüssel zum Weltgeschehen gelten, davon erzählt dies Buch so unterhaltsam, locker wie von fundierter Fachkompetenz, doch stets auch für den Laien verständlich. Der dabei von Beutelspacher inspirierten Lust an Erkenntnis kann sich der Leser schwerlich entziehen. Schon die vielversprechenden Kapitelüberschriften wecken dementsprechend Neugier. So etwa „42 Die Antwort auf alle Fragen“, laut Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“; was es damit wiederum auf sich hat, sei hier nicht verraten. Des weiteren „666 Die Zahl des Tieres“, beruhend auf der biblischen Apokalypse des Johannes, wo „666“ als solche ausgewiesen wird und bis heute Rätsel aufgibt. 

Und nach dem Motto „Aller guten Dinge sind drei“ und um nicht zuletzt der Drei als Synthese zwischen der Eins, dem Einen, Einzigartigen – nicht selten mit Göttlichem gleichgesetzt –, und der Zwei, die den Unterschied macht, Rechnung zu tragen, ein drittes Beispiel: „65 537 Die Zahl im Koffer“ die wiederum als Weltrekordzahl ausgegeben wird, wobei unklar bleibt, ob sie als solche überboten werden kann oder Gültigkeit für die Ewigkeit besitzt. Dahinter verbirgt sich der Titel des Buchs Konstruktion eines 65 537-Ecksdes Gymnasiallehrers Johann Gustav Hermes (1846-1912), eines zugleich akribischen Tüftlers. 200 Seiten umfassend, von 55 cm Breite und 47 cm Höhe, hielt das Monumental-Werk in einem eigens dafür angefertigten Holzkoffer Einzug in das Mathematische Institut der Universität Göttingen. 

Wie vielleicht schon anhand obiger Beispiele deutlich geworden, ist das Buch nicht zwingend chronologisch zu lesen. Vielmehr kann man sich dabei von Lust und Erkenntnisinteresse leiten lassen. Last but not least sei hier noch einmal eines der bemerkenswertesten Kapitel herausgegriffen: „14  B + A + C + H“. Wobei, jedem Buchstaben des Alphabets eine Zahl zugeordnet, B = 2, A = 1, C = 3, H = 8, die Quersumme 14 ergibt. Nehmen wir die Anfangsbuchstaben des Vornamens hinzu I/J = 9, S = 18, kommen wir insgesamt auf die Quersumme von 41, Spiegelzahl von 14. Zugleich sind dem Namen Bach aber auch die Noten b-a -c- h zugeteilt, wie in Bachs Kunst der Fuge, die unvollendet blieb und genau an der Stelle abbricht, wo besagte Tonfolge im Bass auftritt. Vom Totenbett aus soll Bach seinem Schwiegersohn das Ende des Zyklus’, einer Bearbeitung des Chorals Vor Deinen Thron tret ich hiermit,diktiert haben. „Wenn man die Noten zählt“, so Beutelspacher, „erlebt man ein Wunder: Die Melodie hat genau 41 Noten, die erste Zeile 14. Und der lange Schlusston der Melodie dauert genau 14 Schläge.“ 

Zahlen sind nicht nur Zahlen, eine wie die andere, linear, chronologisch. Zahlen erzählen Geschichten. Zahlen schreiben Kulturgeschichte. Und nicht zuletzt besitzen Zahlen Magie.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck!

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