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Buchtipp des Monats Juni 2019

©  Erna R. Fanger: 

Viele Seiten hat die Wahrheit – 

Von der Kraft der Versöhnung

Arif Anwar: “Kreise ziehen“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, aus dem kanadischen Englisch von Nina Frey.

Man wünscht diesem starken Debut des aus Bangladesch stammenden, indessen in Toronto ansässigen Autors mehr Aufmerksamkeit als gemeinhin gewährt. Sein beruflicher Werdegang – er hat für diverse NGOs, wie etwa auch UNICEF Myanmar, gearbeitet, hält, was er verspricht. Will heißen, hier wird aus der Perspektive eines Autors erzählt, dessen Ringen um die Wahrheit, um das, was menschliche Existenz in all ihrem widersprüchlichen Facettenreichtum ausmacht, aus jeder Zeile spricht. Und zwar mit der Vision, die Welt neu und vor allem menschlicher zu gestalten. Herausgekommen ist eine Art Epos, das nicht nur Generationen unterschiedlicher indischer Ethnien miteinander verwebt, sondern auch global ‚Kreise zieht’. Wobei sich der Bogen vom Zweiten Weltkrieg mit der Eroberung der britischen Kolonie Birma 1942 seitens Japans und dem Rückzug der Briten nach Indien spannt bis 2004, wo sich der promovierte Protagonist Shar in Washington verzweifelt um eine Green Card bemüht – nicht zuletzt aus Liebe zu seiner kleinen Tochter, deren Mutter Amerikanerin ist, die jedoch mit einem anderen zusammenlebt. 

Ausgangspunkt der hier zur Sprache kommenden und miteinander verknüpften Geschichten wiederum ist das Jahr 1970, wo der so genannte Bhola-Zyklon* über Ostpakistan und Westbengalen wütete und ein Werk der Zerstörung unermesslichen Ausmaßes hinterließ, was 1971 in den Bangladeschkrieg mündete und schließlich zur Gründung des unabhängigen Staates Bangladesch führte. Wobei es sich vornehmlich um Liebesgeschichten handelt, Geschichten von Paaren, die aneinander ebenso scheitern wie sie einander zugetan sind, die sich entzweien und wieder versöhnen. Dies alles jedoch nie im luftleeren Raum. Vielmehr macht der Roman auf vielen Ebenen transparent, wie Krieg und Vertreibung, Kolonialherrschaft und ihre Auswüchse, religiöser Fundamentalismus sich als Gewaltspur manifestieren, deren wirkmächtige Zerstörungskraft Menschen alles abverlangt, sie in die Flucht schlägt oder dem Tod preisgibt, aber auch – und das ist das Entscheidende – über sich hinauswachsen lässt. Das Ganze bei aller Geschichtsträchtigkeit durchdrungen von poetischer Kraft einerseits, andererseits unterstreicht es gerade in Zeiten der Not die Fähigkeit der Figuren, einander zur Seite zu stehen, sich zu unterstützen. Was den weit größeren Raum einnehmen mag als die Gräben des Hasses, etwa zwischen Hindus und Muslimen, die sich seit dem Rückzug der Engländer aus den Kolonien erbitterte Gefechte und Massaker geliefert haben. Zugleich wird wie durch ein Brennglas deutlich, was Krieg für die in der Regel nicht selbst in die Kämpfe verwickelte Zivilbevölkerung heißt: sinnlose Verluste, Elend und Entwurzelung. 

„Kreise ziehen“ ist zugleich ein Buch über die Einzigartigkeit, die Größe von Menschen und ihre Fähigkeit zu lieben. Sei es Honufa, die zu Beginn die buchstäbliche Ruhe vor dem Sturm nutzt, die Hühner schlachtet und einlegt und dafür sorgt, dass ihr kleiner Sohn in Sicherheit ist. Im Gegensatz zu ihr und ihrem Mann Jamir überlebt der kleine Shar den Sturm. Nicht nur das, wird er von dem wohlhabenden und gebildeten muslimischen Paar Rahim und Zamira adoptiert, geprägt von der Fähigkeit zu Empathie und Nächstenliebe. Einst hatten sie bereits seine Mutter Honufa in ihrer Obhut, bis es aus Gründen, die sich erst allmählich enthüllen, zu einem Zerwürfnis kam. Shar wird von dem kinderlos gebliebenen Paar geliebt wie ein eigenes und promoviert schließlich in den USA. Und changieren die einzelnen Erzählstränge gekonnt zwischen den verschiedenen Zeitebenen mit den jeweils unterschiedlichen Protagonisten im indischen Raum, kehrt die Handlung doch immer wieder zurück in die fiktive Gegenwart, dem Jahr 2004, wo wir teilhaben an der zärtlichen Beziehung, die Shar zu seiner neunjährigen Tochter Anna aufgebaut hat. Teilhaben an den Nöten, wenn das Visum abzulaufen droht und damit die unwiderrufliche Trennung von Vater und Tochter im Raum steht. Anna ist es auch, die den Anlass bildet, dass ihr Vater ihr seine Geschichte erzählt.

Für den europäischen Leser indessen wird Weltgeschichte bis hinein in die jüngste Vergangenheit nahbar. Die Ferne, mit der man die Namen fremder Regionen wie Indien oder Bangladesch verbinden mag, löst sich im Zuge der im Übrigen fesselnden Lektüre zusehends auf zugunsten einer neuen Sicht auf die  Dinge, die anstelle von Getrenntheit Zusammenhänge und Verbundenheit postuliert, sowohl zwischen Ost und West als auch zwischen den unterschiedlichen politischen und religiösen Lagern, und damit wegweisend sein könnte für die Gestaltung einer künftigen Welt, einer Welt, von der wir uns zu träumen wagen sollten.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

 *Gilt mit 300 bis 500 Tausend Todesopfern bis heute als der gravierendste jeweils verzeichnete Wirbelsturm.

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Klaus Wagenbach 

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Siehe auch Thomas Girst "Alle Zeit der Welt"

Buchtipp des Monats Mai 2019

  ©  Hartmut Fanger: 

Ein Haus in Berlin erzählt 

Regina Scheer: “Gott wohnt im Wedding“, Penguin Verlag, München 2019

Nach ihrem Erfolgsroman „Machandel“ legt die Autorin Regina Scheer mit „Gott wohnt im Wedding“ nach. Im Mittelpunkt ein Haus im einst roten Wedding Berlins, in dem alles zusammenläuft. Zugleich Folie, auf der sich notgedrungen auch die Schrecken seit dem beginnenden 20. Jahrhundert bis heute widerspiegeln. In dem eher konventionellen erzählerischen Rahmen wiederum, wo Scheer besagtem Haus eine Stimme verleiht, treten die Geschichten der Mieter in einem Zeitraum von über 100 Jahren zutage. Die Bedeutung des Begriffs „Geschichte“ kommt hier allerdings doppelt zum Tragen: in den erzählten persönlichen Geschichten und im Hinblick auf den zeit- und weltgeschichtlichen Rahmen, in dem sie sich abspielen. Dabei besticht die Autorin mit ausgezeichnet recherchierten Fakten. Der Zeitraum beinhaltet nicht zuletzt natürlich die großen Krisen der Weltgeschichte, sprich den Ersten und Zweiten Weltkrieg – mit all den Auswüchsen an Grausamkeit, mit Verfolgung und Tod.   

Dementsprechend anrührend und erschütternd zugleich werden die Schicksale der Figuren vor Augen geführt: tragisch, leidenschaftlich, voller verlorener Hoffnungen, existenzieller Ängste, aber auch freudiger Begegnungen. So zum Beispiel die Geschichte von Dragan, der seiner Mitbewohnerin und Protagonistin Laila Fiedler erzählt, wie 1943 mehrere Hundert Roma und Sinti von Deutschen in einem Lager unweit von Niš(Serbien) an einem einzigen Tag zusammengetrieben und getötet worden seien. Wie Überlebende später Probleme hatten, nach Deutschland zu kommen, die meisten abgeschoben wurden. Oder die Geschichte von Leo Lehmann, der einst nach Israel fliehen musste, nun zurückgekehrt ist und seine Stadt nur noch in Ansätzen wiedererkennt –  hatten sich im Lauf der Zeit doch ganze Straßenzüge Berlins verändert, waren mehrmals umbenannt worden. Protagonistin Gertrud Romberg indessen muss erleben, wie Mieter im Zuge von Gentrifizierungsmaßnahmen aus ihren Wohnungen vertrieben werden – Folge übler Tricks und Machenschaften unseriöser Hausbesitzer, was dem Ganzen überdies seine brisante Aktualität verleiht. Doch dies sind nur einige wenige, exemplarische Beispiele des 415 Seiten umfassenden Epos’, das wir nicht nur für Berlin- und Geschichtsliebhaber empfehlen können. 

 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag, München

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Siehe auch Aktueller Buchtipp Saša Stanišić: “Herkunft

Buchtipp des Monats April 2019

 ©  Erna R. Fanger                                                                                                       

Innenraumoptik – Wider das allzu leichte Erlöschen

Angela Krauß: “Der Strom“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

Mit fein ziseliert-zarter Prosa bringt Angela Krauß ihre tiefgründigen Beobachtungen und Gedankensplitter zur Sprache. Dabei stets changierend zwischen Erinnerungen und einem Jetzt, das zu entgleiten droht. Ein Zuviel an Schwere, gesättigt von traumatisch-geschichtsträchtiger Erfahrung – ein rastlos ewig strömendes Jetzt. Halt in dem fragil anmutenden Wirklichkeitskonstrukt bietet allenfalls dieses Driften durch Innenräume, im Zuge dessen Partikel von Wahrheit zwischen den Zeilen aufblitzen. Luzide Erkenntnis hier und dort, die aufhorchen lässt und wieder verschwebt, um einer weiteren Raum zu gewähren. Ohne Handlung fließt die poetisch intonierte Prosa mal leicht und schmerzvoll zugleich dahin, mal mäandert sie, nimmt unvorhersehbare Wendungen, in scheinbarem Einklang mit dem immerwährenden Wandel. Halt vermag der Leser einzig zu finden, wenn er mit der poétesse – als was sie sich selbst nicht ohne ironischen Anklang bezeichnet – mithält. Ihr standhalten zu wollen, wäre von vornherein verfehlt. Mitzuhalten mit der poétesse wiederum verlangt das Äußerste, ein Himmel schreiendes Taumeln ins Offene hin, ausgeliefert dem (erotischen) Strom, imgrunde „weiter nichts als das Lebendige. Man möchte tanzen, doch man denkt zu viel. (...) Eine winzige Ablenkung reicht, und der Mensch erlischt, ohne es zu merken.“ 

Aus diesem Spannungsfeld heraus zwischen Materie, in der wir befangen sind, und Geist, der sich immer wieder anschickt, uns abhanden zu kommen, zwischen Leichtigkeit und Erdenschwere, werden wir Zeuge winziger Bewegungen im Innern der Ich-Stimme, die in sinnfälligem Kontrast hierzu eine ungeahnte Dynamik entfalten. Mal fliegend, rotierend, mal schwebend: „in dem Maß, wie ein Strom der Entgrenzung, Auflösung mich durchdrang, ein unaufhaltsames, stilles, tief orgiastisches Gewahrsein.“ Orgiastisch, weil solche Art von Entgrenzung die Orientierung stiftenden Koordinaten des Alltagsbewusstseins außer Kraft und uns dem unkontrollierbaren Mikrokosmos inneren Erlebens aussetzt. Jenseits empirischer Erfahrung löst der Prozess Implosionen aus, die uns in ihrer emphatischen Heterogenität schlichtweg überfordern, ebenso wie sie uns ein schier unerschöpfliches Reservoir an Möglichkeiten eröffnen, die zu ergreifen wir die Freiheit hätten, besäßen wir nur den Mut, sie zu nutzen. Und wenn schon nicht dies, so doch den Mut, dieser Wahrheit ins Auge zu sehen: „Es gibt unendlich viele Arten, die Wirklichkeit zu beschreiben. Die Wirklichkeit ersteht und zerfällt in jedem Moment.“

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag, Berlin

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Siehe auch unseren Buchtipp Fernanda Melchors: "Saison der Wirbelstürme" 

Siehe auch  unseren Sachbuchtipp Mathias Bröckers

 

Buchtipp des Monats März 2019

©  Erna R. Fanger & Hartmut Fanger:

Poetischer Abgesang

Einer Grande Dame der Literatur

   

Elisabeth Borchers: „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Ein Fragment“, herausgegeben von Martin Lüdke, Mitarbeit Ralf Borchers. Weissbooks GmbH, Frankfurt am Main 2018

Die aus dem Nachlass publizierten Erinnerungen der 2013 verstorbenen Elisabeth Borchers – bedeutende Lyrikerin und legendäre Suhrkamp-Lektorin – geben vordergründig zunächst einmal  Einblick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes. Wir werden Zeuge vom Umgang mit Schriftstellern ebenso wie von der Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor. Abgerundet wird das Ganze durch den so erhellend wie feinsinnigen Essay des Literaturwissenschaftlers und Kritikers Martin Lüdke.

Aufhorchen lässt gleich der Titel „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“. Wie gelangt das Fragment dennoch an die Öffentlichkeit. In erster Linie ist dies dem Autor Arnold Stadler zu verdanken, der Elisabeth Borchers noch zu Lebzeiten dazu ermutigt und ihr bis zum Schluss beratend zur Seite gestanden hat. Ihr Sohn Ralf Borchers und Martin Lüdke haben das Fragment nun – fünf Jahre nach ihrem Tod – in dem von Borchers ehemaligen Suhrkamp-Kollegen geführten Weissbooks-Verlag auf den Weg gebracht. Ein Buch, von dem sich neben Literaturbegeisterten nicht zuletzt Leser mit eigenen Schreibambitionen einiges versprechen dürften. So erfährt man zum Beispiel spannende Details aus dem offenbar grundlegend konfliktiven Verhältnis zwischen Lektor und Autor. Ebenso wie von dem nicht selten zutage tretenden Widerspruch, einerseits zwischen Autor und Werk, andererseits zwischen literarischen Kriterien des Verlags und dem Postulat, zugleich marktstrategischen Gesetzen gerecht zu werden. Borchers, als Lektorin hier in der Position ‚zwischen den Stühlen’, fühlt sich in diesem Ränkespiel bisweilen wiederum bis hin zur ‚Selbstverleugnung’ genötigt. 

Wie auch immer, erfährt der Leser eines: Selbst bei hoch anerkannten Autoren wird nur mit Wasser gekocht. Und auch der Autor mit großem Namen ist kaum in der Lage, ständig Meisterwerke zu fabrizieren, wie der Öffentlichkeit suggeriert und vom Autor schließlich selbst geglaubt wird. 

Mit scharfer Zunge nimmt Borchers im Übrigen keinerlei Rücksicht auf ehrwürdige Meriten und bezichtigt etwa so arrivierte wie augenscheinlich unumstößliche Ikonen des Literaturbetriebs der Hochstapelei, sei es Martin Walser, Jurek Becker, Max Frisch, Uwe Johnson oder Marie-Luise Kaschnitz. Mit Letzterer geriet das Verhältnis Lektor-Autor am Ende regelrecht zum Gefecht, wobei es dann weniger um das Werk, die Arbeit am Text, als viel mehr um Macht und Einfluss ging, wie Borchers selbst zugibt. 

Weniger Enthüllungsbuch über die Verlagslandschaft entpuppt sich das Ganze bei fortschreitender Lektüre jedoch als Zeugnis zunehmender Vereinsamung der Autorin und ihres Ringens mit den Beschwernissen des Alterns. Letzteres beklagt zum Teil in Reflexion der nüchternen Betrachtungen desselben in den Worten der Bibel bei Prediger Salomon oder aber der Klage der Psalmisten. In ihren eigenen Worten gibt sie selbst ergreifend zum Besten: 

„Ich habe die Welt abgesucht nach Möglichkeiten, nach Haltepunkten. Wie leer die Welt in solchen Stunden ist. Man wirft Netz um Netz aus, sie bleiben leer. Wie ein leer geschöpftes Meer.“

Berührend überdies die Literarisierung von Wunschvorstellungen, die immer wieder in die Realität der Autorin überzugehen scheinen. So etwa im Hinblick auf die Wucht einer unerwidert bleibenden, großen Altersliebe, die Borchers umtreibt und ihre Spuren im Text hinterlässt. Die Enttäuschung über den ausbleibenden Anruf, das unermessliche und zugleich trügerische Glück, mit dem Geliebten ‚gern in Kirchen’ zu weilen, ist dieser doch in den meisten Fällen präsent allenfalls als Abwesender und bleibt für Borchers unverfügbarer Sehnsuchtsort.

„Ein eigenartiges Gefühl, ganz allein in einem so um sich greifenden Raum [einer Kirche] zu sein ... Ich habe in diesen Raum hinein geredet: da bin ich, ganz allein, bitte ... Ich versuchte dich anzurufen. Keine Antwort und das Handy mit der stereotypen Aufforderung: versuchen Sie’s später noch einmal ... Ach ist ein Synonym für Nichtausgesprochenes. Ach. Nichtauszusprechendes“.

Mit „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“ wird uns die „Femme de lettres“ Elisabeth Borchers in Erinnerung bleiben, als scharfe Kritikerin ebenso wie sanftmütig-sehnsuchtsvoll Liebende und stets vortreffliche Lyrikerin.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Weissbooks Verlag 

Datei als Download im Archiv Elisabeth Borchers 

Siehe auch unseren Buchtipp T.C. Boyle: "Das Licht" 

Siehe auch  unseren Sachbuchtipp Michael Pollan

Buchtipp des Monats März 2019

©  Erna R. Fanger: 

                                                                                                            

Vom Aufstieg und Fall eines Gurus

T. C. Boyle: “Das Licht“, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2019.

Mit „Das Licht“ knüpft T.C. Boyle an frühere Romane an, in deren Zentrum eine Kultfigur steht, etwa Kellog oder Alfred Kinsey. Und wie immer geht es bei diesem Setting darum, wie nah die jeweiligen „Jünger“ dem verehrten Guru stehen, und damit um das Gerangel, zum inneren Kreis zu zählen. Letzteres ist auch das Ansinnen des Protagonisten Fitz, einer der Harvard-Doktoranden um den legendären Drogenprofessor Timothy Leary im Fach Psychologie. Der hat mit Drogen zunächst mal so gar nichts am Hut. Vielmehr hegt er die typischen Karriereträume eines Spießers. Schließlich hat er Frau und Kind. So sind ihm die ‚Sessions’ seiner Studienkollegen, wo es statt um die Erforschung von harten Fakten um Selbstversuche im Zuge von Drogentrips geht, nicht nur fremd, sondern äußerst suspekt. Und er nimmt das lediglich aus Furcht auf sich, sonst womöglich seinen Platz im ‚Inner Circle’ einzubüßen. 

Doch schnell ist er infiziert vom Sehnsuchtsvirus der Bewusstseinserweiterung, der die Ränder einer ganzen Generation erfasst hat, die Ränder, von denen jedoch immer schon die entscheidenden Impulse ausgegangen sind: der Sehnsucht, die Ketten von Materialismus und Spießbürgertum zu sprengen, wie sie nach der einschneidenden Erfahrung des Zweiten Weltkriegs für Europa und die USA prägend waren. Und so sollte nach seiner Entdeckung 1943 seitens des Schweizer Chemikers Albert Hof LSD zu Beginn der 60er Jahre in den USA bahnbrechend das Feld der Psychologie und von dort aus die Welt revolutionieren. Es galt am Ende gar als der direkte Weg zu authentischer Gotteserfahrung, mystischer Verklärung in der Gemeinschaft Gleichgesinnter und markierte die Geburt der Hippiebewegung.

T.C. Boyle, selbst drogenerfahren und eben dieser Generation zugehörig, schildert das Ganze aus der Perspektive des Kenners der Szene, der erhellende Blick auf die Ereignisse von damals von wohlwollender Distanz. Der einst bissige Sarkasmus, abgelöst von feiner Ironie. Dabei zeigt er die Figuren dem Stand ihres sozialen und  entwicklungspsychologischen Kontexts gemäß, ohne sie zu diskreditieren. Was von ihnen zu halten sei, wird jeder Leser für sich entscheiden. Ein unaufgeregter Blick, getragen von nachsichtigem Humor für die Irrwege, die hier beschritten werden. Irrwege, wie sie auch von anderen Communitys der 60er Jahre, etwa den Bhagwan-Anhängern oder der Mühl-Kommune, bekannt sind, und die augenscheinlich allesamt zum Scheitern verurteilt waren. 

So artet der hoffnungsvolle Aufbruch in ein neues Zeitalter der Bewusstseinserweiterung – statt sorgsamer Erforschung und Dokumentation der Experimente mit LSD-Trips – aus in Partyexzesse. Exemplarisch für das Scheitern der Bewegung Doktorand Fitz, dem im Zuge des Prozesses zwischen Aufstieg und Fall der Community nicht nur seine Dissertation aus dem Blickfeld gerät, sondern auch Frau und Kind, während er nach einem experimentellen Partnertausch der 19 Jahre jüngeren Lori verfällt. Ganz zu schweigen von Guru Leary, der das hehr angelegte Experiment wegen eines Models verlässt, dem er wiederum verfallen ist. 

Die Rezensionen und Meinungen über Machart und Stil überschlagen sich – von unumwundener Bewunderung über manch Häme des deutschen Feuilletons, wie es im Buche steht. Was die Faszination von „Das Licht“ eigentlich ausmachen mag, ist, dass darin eine  Menschheitssehnsucht verhandelt wird, die noch lange nicht abgegolten scheint und in dem ernsthaften Versuch besteht, wenn nicht das Paradies auf Erden zu installieren, so diese doch zu einem Ort zu machen, der allen Bewohnern ein würdiges Leben gewährt. Diese Vision, der 68er-Generation zugeschrieben und von dieser einst mit Macht vorangetrieben, ist offenbar aus dem Menschheitsgedächtnis nicht zu tilgen. Auch wenn Unkenrufe aus den Reihen der Etablierten uns dies unablässig – gleichwohl mit Macht – auszureden versuchen. Umso berauschender, diese Aufbrüche in Boyles fiktiver Chronik der Ereignisse jetzt nacherleben zu können und sie einmal mehr aufflammen zu lassen.

Dass die LSD-Forschung, nachdem sie lange ein Schattendasein führte, indessen neue Wege einschlägt und evidente Erfolge in der Arbeit mit Sterbenden erzielt hat ebenso wie in der Behandlung von Suchtkrankheiten und Depressionen, bezeugt einmal mehr, dass Boyle hier nur eine Etappe auf einem Weg nachgezeichnet hat, der noch lange nicht zu Ende sein mag. Nicht verschwiegen sei an dieser Stelle das herausragende Werk des exzellenten Journalistik-Professors Michael Pollan, „Verändere Dein Bewusstsein“, Antje Kunstmann-Verlag, das im Übrigen nahezu zeitgleich mit Boyles „Das Licht“ auf dem deutschen Büchermarkt Furore macht und gerade dabei ist, die Sachbuchbestenliste zu erobern. Ein Zufall?! (Siehe hierzu auch unser Sachbuchtipp des Monats März)

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser Verlag, München

 ©  Erna R. Fanger.                                                                                                        

„Von der Pein einer Davongekommenen“

Marceline Loridan-Ivens: “Und du bist nicht zurückgekommen“, aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Insel Verlag, Berlin, 2015.

1944 wird Marceline, fünfzehnjährig, zusammen mit ihrem Vater, Solomon Rozenbaum, nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo man sie trennt. Er ist in Auschwitz interniert, sie in Birkenau. In dem hier vorliegenden Brief nun gibt sie sich, drei Jahre vor ihrem eigenen Tod, noch einmal Rechenschaft über die Legitimation ihrer eigenen Existenz ab. Da ist sie 86 Jahre und damit doppelt so alt wie ihr Vater, als er starb. Dabei stellt sich die Frage, wie viel mehr er, im Gegensatz zu ihr selbst, in der Familie gebraucht worden wäre. Von ihrem jüngeren Bruder zum Beispiel, der sich das Leben nahm. Es sind quälende Fragen, bohrende. Und es bedarf 70 Jahre Abstand, sie zur Sprache zu bringen in einer Gesellschaft, wo nach 1945 Vergessen, Verdrängen angesagt ist, dem Erinnern zunächst kaum Raum gewährt wird. Hinzu kommen Verstörung und Ratlosigkeit der Überlebenden: „Überleben macht einem die Tränen der andern unerträglich. Man könnte darin ertrinken.“ 

„Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen“ heißt es gleich zu Beginn, „ aus Rache dafür, dass wir traurig waren und dennoch lachten“. Doch mit den Jahren nimmt sie eine Veränderung an sich wahr, keine Bitterkeit, wie sie beteuert. Es ist, als wäre sie „schon nicht mehr da“ (...) „Ich habe hier keinen Platz mehr. Vielleicht weil ich das Verschwinden akzeptiere, oder es ist ein Problem des Wünschens. Ich werde langsamer.“ 

Dies bezeichnet die Warte einer radikalen Leerstelle, von der aus Loridan-Ivens sich mit schmerzender Klarsicht diesem Dilemma ihres Lebens stellt. Fortan kreisen ihre Gedanken um die letzte Nachricht ihres Vaters auf einem Zettel – „Mein liebes kleines Mädchen“ –, die der Zufall ihr zuspielen sollte, vier, fünf Sätze, an die sie sich partout nicht mehr erinnert, weil eine andere Erinnerung, die sie zeitlebens bedrängt, sich offenbar darüber geschoben hat. Die Erinnerung an eine Prophezeiung ihres Vaters: „Du wirst vielleicht zurückkommen, weil du jung bist, ich aber werde nicht zurückkommen“, von der Loridan-Ivens schreibt, sie habe sich ihr ‚ebenso stark und ebenso endgültig eingeprägt wie einige Wochen später die Nummer 78750 auf ihrem linken Unterarm’. Es sollte den Beginn eines lebenslangen Aufrechnens markieren, ihr Leben gegen das des Vaters. Noch einmal begegnen sie sich. 

Die Prophezeiung ist falsch. Sie sinkt in seine Arme, „kostbare Sekunden“, die sie damit bezahlt, geschlagen zu werden bis sie ohnmächtig wird. Und immer wieder die Frage, warum sie sich nicht an die letzten Sätze des Vaters erinnert. Vielleicht wegen diese Zuviel an Wärme, an Liebe, so dass es leichter scheint, die Erinnerung daran auszulöschen, als könnte man daran verglühen. Sie bleibt ‚sein liebes kleines Mädchen’ – „Man ist es noch mit fünfzehn. Man ist es in jedem Alter.“

Luzide poetische Bilder wechseln mit Berichten über das Unsagbare in distanzierter Sprache von schneidender Präzision. Immer wieder unterbrochen von den Gedanken, warum die Erinnerung an diese letzten Worte, die wohl von Liebe und Hoffnung gekündet haben mussten, sie verlassen hat. Einmal mutmaßt sie 

... aber es war keine Menschlichkeit mehr in mir, ich hatte das kleine Mädchen in mir getötet, ich grub direkt neben den Gaskammern, jede meiner Bewegungen widersprach deinen Worten und beerdigte sie.

Allen erzählt sie von diesem Brief, aber auch das bringt die Erinnerung nicht zurück, sie bleibt dem Vergessen peisgegeben. Ihrem Vater wiederum klagt sie „... wir scheinen beide derselben Verlassenheit anheimzufallen, dem Fluch und dem Staub.“ Und zunehmend kristallisiert sich heraus, wie sehr der Vater ihr selbst gefehlt hat. Bedingt nur vermittelt sich Erfahrung, zumal die Erfahrung eines Konzentrationslagers, sie lässt die Betreffenden nicht selten stumm und einsam zurück. So heißt es an einer Stelle 

... wir hätten vielleicht nicht oft darüber gesprochen, doch die Ausdünstungen, die Bilder, die Gerüche und die Gewalt der Gefühle hätten uns wie Wellen erfasst, sogar in der Stille, und wir hätten die Erinnerungen durch zwei teilen können. 

Und je mehr sie sich diesen Verlust schreibend vor Augen führt, keimen im Zuge dessen so etwas wie Fünkchen von Hoffnung auf, hat sie im Konzentrationslager doch eines gelernt, nämlich ‚die Tage zu nehmen, wie sie kommen’. „Trotz allem gab es schöne Tage. Dir zu schreiben hat mir gutgetan.“ Auch wenn sie im Gespräch mit ihrem Vater keinen Trost findet, habe es doch ihre Beklemmung gemildert. Loridan-Ivens beendet ihren Brief, indem sie, im Gegensatz zu ihrer gleichwohl aus dem Lager zurückgekehrten Schwägerin, die dies bezweifelt, die bange Hoffnung ausspricht, einmal von sich sagen zu können, „ja, es hat sich gelohnt“, zurückgekommen zu sein.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Stefan Samtleben, Buchhandlung im Literaturhaus Hamburg 

Buchtipp des Monats Dezember 2018 


©  Hartmut Fanger:                                                                          

Alles ist vergänglich, alles?

„Judith Schalansky: „Verzeichnis einiger Verluste“, Suhrkamp Verlag,Berlin 2018

Die spätestens seit dem überaus erfolgreichen Bildungsroman„Der Hals der Giraffe“ bekannte Autorin Judith Schalansky  hat sich in diesem von ihr selbst illustrierten, ästhetisch ansprechenden Band „Verzeichnis einiger Verluste“ zur Aufgabe gemacht, das zu thematisieren, was im Zuge der Geschichte mit all ihren Katastrophen verlustig gegangen oder allenfalls in fragmentarischen Überbleibseln dem Vergessen entronnen ist. In einer umfangreichen Recherche begibt sie sich auf die Spur einer Historie der Verluste. Sei es, wenn sie von der in Archiven dokumentierten Insel Thanaki berichtet, die längst untergegangen ist, oder über die wenigen Wörter und Zeilen von Sapphos Liebesliedern schreibt, die aufgrund der Unvollständigkeit geheimnisvoll, widersprüchlich und rätselhaft anmuten. Dabei führt sie zahlreiche Daten und Fakten ins Feld, so dass das Genre, in dem sich die unterschiedlichen zwölf Kapitel bewegen, zwischen Essay und Erzählung anzusiedeln ist. Der umfangreiche Anhang mit Personen-, Bild- und Quellenverzeichnis deutet überdies auf eine wissenschaftlicheVorgehensweise hin.  

Dabei wartet Sie mit Sinn für überraschend entlegene historische Bezüge auf. Sei es, wenn sie in ihrer Vorbemerkung davon berichtet, dass in der selben Zeit, während sie noch an dem Buch arbeitete, die Raumsonde Cassini in der Atmosphäre des Saturn verglühte oder die Boeing 777 spurlos auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking verschwand und in Palmyra 2000 Jahre alte Tempel gesprengt wurden. Aufhorchen lassen wiederum die Ausführungen in ihrem Vorwort über die kleine Stadt im Norden in der Nähe des Meeres, liegt dort doch nicht wie üblich der Marktplatz im Mittelpunkt, sondern der Friedhof. Im Leben der Bewohner erhält somit der Tod zentral an Bedeutung. So fällt zum Beispiel der Blick einer Frau aus dem Fenster ihres Hauses beim Kochen auf das Grab ihres früh verstorbenen Sohnes. 

Ernüchternd mutet dann die Feststellung an: „Im Grunde ist jedes Ding immer schon Müll. Jedes Gebäude  immer schon Ruine und alles Schaffen nichts als Zerstörung ...“ und weiter: „Gewiss, der Untergang allen Lebens und Schaffens ist Bedingung seiner Existenz.“ Für Schalansky ist es nur ‚eine Frage der Zeit bis alles verschwunden ist, zerfallen und verrottet, vernichtet und zerstört’. „Zeugnisse der Vergangenheit“ sind „ ... allein Katastrophen zu verdanken“. Indiz hierfür sieht sie etwa in den in Pompeji gefundenen ‚gipsernen Abgüssen der beim Ausbruch des Vesuvs lebendig begrabenen Menschen und Tiere’ oder den ‚an Häuserwänden verbliebenen menschlichen Schattenrissen’, die sich während der Atomexplosion in Hiroshima eingebrannt hatten.  

Anrührend und erschütternd dementsprechend die jeweiligen Geschichten. So die einer Tigerin im alten Rom, die in der Arena zur Zeit von Kaiser Claudius getötet wird. Mit der vorangestellten Passage und dem damit einhergehenden Bewusstsein, dass der letzte Kaspische Tiger 1964 gesichtet wurde, erzeugt der Text eine besondere Wirkung, zugleich spannt sich ein Bogen über Jahrhunderte hinweg. Hautnah erfährt der Leser so das Gefühl unmittelbarer Betroffenheit. Nicht viel anders verhält es sich mit dem Gemälde von Caspar David Friedrich, das den am Rycktal grenzenden Hafen von Greifswald zeigt. Auch hier wird vorab informiert, was daraus geworden ist, nämlich, dass es 1931 bei einem Brand im Münchner Glaspalast zerstört wurde. Es folgt danach jedoch keine Bildbeschreibung, vielmehr wird stattdessen geschildert, wie ein Ich-Erzähler die Moorlandschaft des Rycktals durchwandert. Umso eindringlicher wird dem Leser der Verlust des Bildes und des damit verbundenen romantischen Lebensgefühls bewusst. 

Hervorzuheben ist nicht zuletzt der oben bereits angedeutete Abschnitt über die Liebeslyrik der Sappho. Wer macht sich schon Gedanken darüber, dass zu ihren Lebzeiten ‚Buddha und Konfuzius noch nicht geboren, die Idee der Demokratie und das Wort Philosophie noch nicht erdacht’ waren. Doch zeigen die Fragmente ihrer Gedichte bereits Ansätze moderner Lyrik, wo es insbesondere die Leerstellen sind, die zum Nachdenken anregen, Fantasie freisetzen. Hinlänglich bekannt, galt die in den Textstellen bekundete Liebe insbesondere Frauen. Witzig in diesem Zusammenhang die Beobachtung, dass laut Wörterbuch nach dem Wort >lesbar< gleich das Wort >lesbisch< folgt. 

Last but not least ein Buch, das faszinierende Geschichtsschreibung praktiziert. Anschaulich, plastisch, klug und gelehrt, dabei stets spannend, zieht es den Leser in den Bann. Zu Recht wurde Judith Schalansky dafür mit dem diesjährigen Wilhelm Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag, Berlin!

Download aktueller Buchtipp im Archiv Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste".

Siehe auch unseren Buchtipp Katherine Mansfield: "Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben. Vignetten eines Frauenlebens", Tagebuch

Siehe auch unseren  Sachbuchtipp Robert Habeck"Wer wir sein könnten". 

Siehe auch unseren Buchttipp für Jung & Alt "Ein Lied geht um die Welt“ 

Buchtipp des Monats

November 2018 

© Erna R. Fanger:

 

Das Volk der Honigbiene – 

Ein Gefühl von Heimat

Helen Jukes: „Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen. Aus dem Englischen von Sofia Blind. DuMont Buchverlag GmbH, Köln 2018.

Helen Jukes, Jahrgang 1984, studierte Psychologin und journalistisch im Bereich Natur unterwegs, hat mit diesem Buch und seinem originellen Titel ihr Debut vorgelegt. Die erzählte Zeit erstreckt sich exakt über ein Jahr, beginnend mit November, streng chronologisch nach Monaten aufgeteilt, die sich wiederum in sieben Kapitel gliedern. Dass es mit „1 Hintertür“ beginnt, durch die die Ich-Erzählerin in den Garten tritt, in dem sie fortan als Imkerin wirken soll, steht zugleich dafür, dass sie dazu ganz absichtslos, eben nicht zielgerichtet, kam. Die Selbstfindungs- und Entwicklungsgeschichte ist eine geglückte Mischung aus Autobiografie, naturgeschichtlicher Studie und Kulturgeschichte der Bienen, aber auch jeder Menge Mythen, die sich um die Honigbiene ranken. So erfährt man zum Beispiel so wunderbare Dinge, wie dass im Litauischen das Wort ‚Freund’ mit dem für ‚Biene’ verwandt ist. Oder dass in ganz Nordeuropa mit Bienenstöcken nicht gehandelt, diese vielmehr verschenkt oder als Leihgabe vergeben wurden, der Handel mit ihnen Unglück brächte. Gelungen nicht zuletzt die Kombination kompetenten Fachwissens mit persönlichem Erleben, angereichet mit detaillierten Informationen über das Handwerk des Imkerns. Früchte nicht zuletzt exzessiver Lektüre, an der uns die Ich-Erzählerin teilnehmen lässt. Aber auch philosophische Reflexionen, etwa über die ‚Ursprünge des Heims als „Seinszustand“’, machen den Gehalt dieses Buches aus.

Die Art Großstadtnomadin und Ich-Erzählerin, nach etlichen Umzügen und wechselnden Jobs mit unbefristeten Verträgen mit einer Freundin in einem Reihenendhaus in Oxford gestrandet, sitzt fest. Der Job, weshalb sie hierher gezogen ist, hat sich als Flopp erwiesen, ist stressig und erschöpfend. Aber während sie noch mit ihrem Schicksal hadert, drängen beim Durchstreifen des zum Endreihenhaus gehörigen kleinen verwilderten Gartens Erinnerungen ans Imkern in den Vordergrund. Ans Imkern mit Luke, dem Freund einer Freundin, der über ganz London Bienenstöcke verteilt hatte und dies Procedere indessen erfolgreich vermarktet. Und ohne einen Plan gefasst zu haben, macht sie schnell eine Stelle aus, die für einen solchen Bienenstock geeignet wäre. Dabei versteht sie es, uns Lesern die Magie, die offenbar vom Imkern ausgeht, nahezubringen. So, wenn Imker etwa davon sprechen, “es habe sie gepackt, es gehe ihnen unter die Haut– als wären die Bienen zur Besessenheit geworden und das Imkern zur Zwangshandlung.“ Ja, dass die Wahrnehmung von Farbe sich im Zuge dieser Tätigkeit verändere, dass Luke, seitdem er als Imker gearbeitet hätte, viel mehr Blautöne – von Bienen bevorzugte Farbe –  wahrnehme, auch außerhalb des Pflanzenreichs, wie etwa bei Servietten und anderen Gegenständen. 

Zu Weihnachten legen die Freunde zusammen und schenken Helen ein Bienenvolk, abzuholen im Frühling. Bis dahin muss der Bienenstock stehen. Das heißt, jede Menge recherchieren. Der Leser wird dabei zusehends in den Entscheidungsprozess involviert und erfährt so zahlreiche Details rund um die Honigbiene, wie zum Beispiel, dass sie ‚vor über 6000 Jahren zu unseren ersten Haustierrassen gehörte’, wobei man sie nie ganz domestizieren konnte, haben sie sich doch bis heute stets ihre Unabhängigkeit bewahrt.

Im März ist es endlich soweit, es ist wärmer geworden, Helen holt ihr Bienenvolk ab. Spannend die bangen Fragen, die sich im Zuge eines Rückfalls in den Winter stellen: Werden die Bienen es schaffen? Aber auch als es wieder wärmer wird, folgt eine Zeit der Ungewissheit. Werden die Bienen den Stock als ihr Zuhause annehmen? Indes wir von der Arbeiterin unter ihnen erfahren, dass sie zunächst ‚Putzkraft, dann Kindergärtnerin für die Larven in der Wabe ist, später dann zur Wärterin der Königin aufsteigt, darüber hinaus zuständig ist, den Bienenstock in stabiler Temperatur zu halten’. Doch die Angst vor dem Scheitern bleibt. Und mit Helen bangt der Leser. Zitterpartie von Woche zu Woche, wo der Bienenstock überprüft wird. Bis es sich endlich abzeichnet, dass das Bienenvolk ihn angenommen hat. 

Ihre unermüdliche Fürsorge hat sich am Ende gelohnt. Helens Bienen kommen durch die Schwarmsaison, das Volk ist zusammengeblieben, gedeiht zusehends. Die Krönung bildet die Honigernte – sieben Gläser kommen dabei heraus. Wobei eine Honigbiene in ihrem gesamten Leben circa ein zwölftel Liter Honig produziert! Die einzelne Biene erbringt also Honig ausschließlich als Teil einer so komplex wie effizient zusammenarbeitenden Gemeinschaft, wie dem Bienenvolk.

Frappierend die Diskrepanz zwischen dem offenkundig als sinnstiftend erlebten Imkern und dem wie ein dunkles Band sich durchziehenden Untergrund gesellschaftlicher Missstände, wie etwa die Nöte, einen menschenwürdigen Job zu finden, oder ökologische Fehlentwicklungen. Neben Helen selbst beklagt Freundin Kath, von vier „klasse“ Jobs erschöpft zu sein, das Gefühl, sich im Kreis zu drehen. Urlaub ist nicht drin. Ebenso wie EU-Umweltsünden zur Sprache kommen, wenn die Stadt aufgrund ihrer Artenvielfalt als guter Ort für die Bienenzucht erachtet wird, im Gegensatz zu Monokultur und Agrochemikalien auf dem Land mit Artensterben als Folge. Umso bedeutsamer das Fazit gegen Schluss: 

"Für mich hatte der Bienenstock damit zu tun, aus jenem Ort der Schwierigkeiten zu entfliehen; oder er hatte gar nichts mit Flucht zu tun, sondern mit dem Wachsen meiner eigenen, hart erkämpften Überzeugung, dass innerhalb dieser unvollkommenen Bandbreite etwas anderes möglich war – eine andere Art von Wahrnehmung, von Beziehung."

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem DuMont Buchverlag, Köln!

Download aktueller Buchtipp im Archiv Helen Jukes: "Das Volk der Honigbiene" - Ein Gefühl der Heimat!

Siehe auch unseren Buchtipp Gabriel Tallent: "Mein Ein und Alles". Roman

Siehe auch unseren  Sachbuchtipp Wolfram Eilenberger im Archiv

Siehe auch unseren Buchttipp für die Jüngstenr Der Mann, der eine Blume sein wollte“ 

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