Buchtipp des Monats Juli 2018

© Hartmut Fanger schreibfertig.com: 

 Nicht nur für Beatles-fans

David Foenkinos: „Lennon“. Aus dem Französischen von Christian Kolb. Deutsche Verlags-Anstalt. DVA, München 2018

 

Wer die 60er und 70er Jahre verstehen will, der kommt an den Beatles schon zwangsläufig nicht vorbei, nicht an deren Musik und Lebensphilosophie, ebensowenig wie an den Schlagzeilen. Zweifellos waren die Fab Four aus Liverpool weltweit populär. Und der Protagonist war ihr Bandleader John Lennon.  Es kommt deshalb auch nicht von ungefähr, dass der gegenwärtige Popstar unter den  französischen Autoren, David Foenkinos, einen Roman über die Ikone verfasst hat, der Dank seiner präzisen und umfangreichen Recherche nahezu wie eine Biografie anmutet. Das Ganze mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen. Für Fangemeinde, Popwelt und Literaturinteressierte ein Grund zur Freude. Im Übrigen liest sich der Roman ausgesprochen gut und vermittelt das außergewöhnliche Leben Lennons aus der Ich-Perspektive, was besonders nah an die Hauptfigur heranführt. 

David Foenkinos John Lennon. Fast kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wäre der Autor eine Symbiose mit dem Gegenstand seines Interesses eingegangen. Authentisch, originell und treffend werden im Rahmen von 18 Sitzungen einer Psychoanalyse, zugleich Kapitel, Höhen und Tiefen im Leben John Lennons ausgelotet. Frappierend, wenn der Leser bisweilen das Gefühl nicht los wird, als würde John Lennon ihn von der Couch aus direkt ansprechen, und so unmittelbar aus dessen Leben erfährt. John Lennon reflektiert: von der Kindheit des Protagonisten bis hin zum Beginn der Beatles, von den ersten großen Erfolgen bis hin zu Yoko Ono, vom „Bombenlärm“ des Zweiten Weltkriegs bis hin zu „Give Peace a Chance“, vom ‚ersten Joint’ mit Bob Dylan bis hin zur Heroinsucht. Ein langer Monolog, der jedoch mit keiner Zeile langatmig wird. Im Gegenteil. Mitreißend, von Lennons Umgang mit dem Ruhm, seinem Verhältnis zu Paul McCartney zu erfahren, von seinem Protest gegen den Vietnamkrieg und seinem Kampf darum, während der Zeit Richard Nixons in Amerka bleiben zu dürfen. Zahlreiche nicht weniger berühmte Zeitgenossen treten in Erscheinung oder werden zumindest erwähnt. Sei es George Harrison, Ringo Starr, Mick Jagger, Frank Sinatra, Allen Ginsberg oder Fred Astaire. Nicht zu vergessen, Maharishi-Jogi. 

Und es wundert dann auch nicht, wenn Foenkinos im Nachwort bekennt, dass John Lennon ‚ein Teil seines Lebens sei, seine Musik ihn überhall hin begleite und er ihn wahnsinnig bewundere’. Dies ist dem mit Herzblut geschriebenen Roman sehr wohl anzumerken und gewiss zugleich auch sein Stärke. Überraschend, dass Foenkinos erst 1974 geboren ist, er also einen Großteil von Lennons Leben erst im Nachhinein hatte kennenlernen können. Zu allem hin bestand die Schwierigkeit, dass nach Foenkinos ’Lennon seine Biografie selbst wohl mehrmals umgeschrieben hat’. Umso beachtlicher die Leistung. Foenkinos ist mit „Lennon“ ein großer Wurf gelungen.

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt DVA!

 

Buchtipp des Monats Juli 2018
NICHT NUR FÜR BEATLES-FANS
David Foenkinos: „Lennon“. Aus dem Französischen von Christiae Kolb. Deutsche Verlags-Anstalt. DVA, München 2018
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Buchtipp des Monats Juni 2018

© Erna R. Fanger 

Der dunkle „Gang der Metaphern“

Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore II. Eine Metapher wandelt sich“, DuMont Buchverlag Köln 2018, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 

Warum der mit Spannung erwartete Band II von „Die Ermordung des Commendatore“ unbedingt lesenswert ist! Und das, obwohl er das Versprechen von Band I, seitens der Kritik nahezu einhellig hochgelobt, nicht ganz zu halten vermochte. Sind es dort bereits etliche Nebenhandlungen, kommt in Band II noch so manch weitere hinzu. Und nicht immer erschließt sich dann in der Gesamtschau zum einen deren Funktion, zum anderen ergeben sich dadurch gelegentlich auch Längen. Das im ersten Band so rasante Spannungsniveau wiederum weicht im zweiten teils langatmigen Passagen. Sei es, wenn immer wieder das Alltagsgeschäft, etwa bei der Zubereitung einer Mahlzeit oder der Vorgang des Essens selbst, allzu breiten Raum einnehmen, sei es, wenn so manche Begebenheit, und sei sie noch so nichtig, ausformuliert oder gar Klischees wie „Zeit ist Geld“ bemüht werden. Ganz zu schweigen von den befremdenden Betrachtungen über den weiblichen Busen oder mancher Sexszene, die eher von Altherrenfantasien als Erotik geprägt ist, was vornehmlich von der weiblichen Kritik teils harsch und nicht zu Unrecht  kommentiert wurde. Ebenso wie man sich über manch angestrengt und verzwungen wirkenden Vergleich nur wundern kann. 

Aber bei aller Kritik vernimmt man zugleich Stimmen, die Murakami gerade im Hinblick auf dieses als Trilogie angelegte Werk als des Nobelpreises würdig befinden. Und die Tragweite dessen, was das Faszinosum Murakamis ausmacht, ist auch hier, obschon nicht unanfechtbar, so doch mitnichten zu leugnen. Und es mag nicht zuletzt darin bestehen, dass er mit einem Wissen operiert, das, gewissen Strömungen der Quantenphysik zuzuordnen, kaum hinlänglich erforscht und von den etablierten Wissenschaften bislang eher hintangestellt wird. Demnach könnte es sein, dass wir Teil einer multidimensionalen Existenz sind und neben der Realität der materiellen Welt die der Welt des Geistes genauso real ist. Östlicher Weisheit oder westlicher Mystik entsprechend, die über ähnliche Konzepte als Grundlage ihrer Lehre verfügen. Eben dies scheint auch auf die Helden Murakamis zuzutreffen, bei dem etwa die Figuren auf dem Gemälde des Tomohiko Amadaals verkörperte Ideen und Metaphern zutage und mit dem Ich-Erzähler in Kontakt treten. Sphären des Sichtbaren und des Unsichtbaren kreuzen sich ebenso wie die jenseitige Welt der Toten mit der diesseitigen der Lebenden. Wobei bestimmte Figurenkonstellationen in verschiedenen Analogien in Erscheinung treten. So etwa, wenn den Ich-Erzähler seine Frau Yuzu von Beginn an an seine zwölfjährig an einem Herzleiden verstorbene jüngere Schwester erinnert, mit der ihn ein inniges Verhältnis verbunden hat. Ebenso entwickelt sich zwischen ihm und der 13-jährigen Marie Aikiwada, die er im Auftrag Menshikis porträtiert, im Laufe der Sitzungen eine gleichwohl damit korrespondierende Vertrautheit. Dieser weitere Auftrag Menshikis bildet im zweiten Teil dann auch den Schwerpunkt der Handlung, entsprechend dem Porträt, das der Erzähler im ersten Teil von diesem angefertigt hat. Wie überhaupt nicht nur das Figurenensemble untereinander durchweg von unsichtbaren Fäden zusammengehalten scheint, sondern überdies die einzelnen Figuren selbst von teils rätselhaft differenzierter Vielschichtigkeit sind, wodurch sie den Leser in den Bann ziehen. In all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit wiederum sind Handlungsweise und Charaktere offenbar von Einflüssen motiviert, die ihm verborgen bleiben. Dies verleiht der Lektüre, neben den gekonnt eingebrachten Momenten des Fantastischen, streckenweise eine unterirdisch anmutende Erotik. 

Das zentrale Spannungsmoment bildet dann das Verschwinden Maries, womit die fantastischen Elemente vollends die Oberhand gewinnen. Hat der Erzähler doch, um Marie zurückzugewinnen, auf Anweisung des Commendatore etliche Opfer zu bringen. So gerät er in endlos dunkle Gänge und unwegsames Gelände der Unterwelt, um schließlich über mysteriöse Umwege nach einer Ohnmacht in der Grabkammer des Commendatore wieder zu sich zu kommen, wo Menshiki ihn entdeckt und ihm heraushilft. Marie, erfährt er, sei wieder aufgetaucht, womit seine Mission erfüllt ist.

Last but not least sei auf eine bemerkenswert erotische, überaus bedeutsame Sexszene verwiesen, wo eben jene unsichtbaren Kräfte wirken, die Murakami seinen Figuren so gerne angedeihen lässt. Die erlebt der Erzähler mit seiner Frau allerdings lediglich im Traum, obwohl sie tief und fest schläft. Es kommt zu einer innigen sexuellen Begegnung. Als Yuzu ihm später im realen Leben, hoch schwanger, eröffnet, dass sie den Mann, von dem das Kind stamme, nicht heiraten werde, und sich nach und nach abzeichnet, dass sie bereit wäre, wieder zu ihm zurückzukehren, rechnet er nach und kommt zu dem Schluss, dass das Kind genau zum Zeitpunkt dieses Traumes, was er seinen Aufzeichnungen entnimmt, hätte gezeugt sein können. Als es – ein Mädchen, geboren ist, tritt er fraglos die Vaterschaft an. Aus seinen Erlebnissen in der Unterwelt offenbar gestärkt hervorgegangen, bekennt er schließlich: „... meine kleine Tochter Muro war ein Geschenk, das sie* mir zum Zeichen ihrer besonderen Gunst gewährt hatten.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Dumont-Verlag!

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Buchtipp des Monats April - Mai 2018

 Eine Idee mimmt Gestalt an

© Erna R. Fanger                                                                                                                                                                                                                                            

Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint“, DuMont Buchverlag Köln 2018, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe 

Nachdem seine Frau ihn völlig überraschend wegen eines anderen Mannes verlassen hat, nimmt der Ich-Erzähler, seines Zeichens Kunstmaler, die Gelegenheit wahr, die ihm der Zufall beschert, und zieht in das Haus eines ehemaligen Studienkollegen. Dessen Vater, Tomohiko Amada, einst ein berühmter Maler und inzwischen dement, hat auf dem Dachboden ein mysteriöses Bild deponiert, dessen Titel diesem Werk auch voransteht „Die Ermordung des Commendatore“, Band I des auf zwei Folgen angelegten Romans. Besagtes Bild, aber auch das Schicksal seines Erschaffers, der zwischen 1936 und 1938, also zur Zeit des Anschlusses Österreichs an Nazideutschland, in Wien weilte, bildet fortan Dreh- und Angelpunkt des Romans, in dem sich Episoden an Episoden ranken, ‚alles Geschichten, die mit vielleicht beginnen und enden’. Zugleich Anlass, das Leben des Protagonisten in eine vollkommen unvorhersehbare Richtung zu lenken. Wobei  der Titel – fällt dem Protagonisten nach langem Rätseln darüber ein – sich vermutlich auf eine Szene im „Don Giovanni“ bezöge, wo gleichwohl ein Commendatore ermordet wird. Damit steht er exemplarisch für die für Murakami typische Verflechtung asiatischer mit westlicher Kultur. Aber dies ist nur eine von mannigfaltigen Referenzen aus der ganzen Bandbreite, aus der dieser von Lust an Erkenntnis getriebene Autor schöpft und womit er dem Leser, mit dem er diesen Erfahrungsschatz teilt, auf so diskrete wie zugleich intime Weise nahe kommt. Eben dies macht wohl auch einen Großteil des exklusiven Leseerlebnisses aus, das er uns hier offeriert. Des Weiteren ist es die verblüffende Selbstverständlichkeit, mit der er all das beredt zur Sprache bringt, was sich zunächst einmal der Wahrnehmung entzieht. Und es gibt wenige Autoren, die eine Souveränität wie Murakami darin entwickeln, auch noch den verborgensten Vernetzungen des unterirdischen Wurzelgeflechts unseres Bewusstseins nachzuspüren, diese aufzugreifen und sie, gekonnt durch sie hindurchmäandernd, so zur Sprache zu bringen, dass er den Leser sofort in den Bann zieht. Denn was wir nicht nicht unmittelbar (be)greifen können, bindet unweigerlich unsere Aufmerksamkeit und weiß uns, gedanklich zu beschäftigen. 

Hat der Ich-Erzähler bislang sein Brot mit routinemäßiger Porträtmalerei verdient, ist er dessen nun überdrüssig geworden und unterrichtet in einer Volkshochschule, wo er auch die eine oder andere sexuelle Beziehung zu seinen Studentinnen unterhält. Ausgerechnet jetzt vermittelt man ihm jedoch ein Angebot für ein Porträt, so hoch dotiert und in undurchsichtiger Weise als zwingend sich erweisend, dass er es kaum abschlagen kann. Dem Auftraggeber wiederum lässt Murakami eine Aura des Geheimnisvollen angedeihen, die den Leser in ständige Erwartungshaltung versetzt, die zu erfüllen er sowohl verweigert als er ihr bisweilen jedoch auch wieder nachkommt, einem Vexierbild gleich, womit er obendrein den Leser in Schach hält.

Soweit die äußere Folie des Erzählens, die jedoch vergleichsweise dünn anmutet, zieht man die von Selbstzweifeln, Zweifeln an der Kunst, Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung und von Zweifeln am Leben überhaupt geprägten Reflexionen in Betracht, die das ganze Buch im wahrsten Sinne des Wortes ‚durchfurchen’ und einen nicht geringen Teil der Lektüre, wo es vornehmlich um Selbstfindung geht, einnehmen. 

Daneben handelt es sich um eine veritable Spukgeschichte von höchstem Spannungsniveau insofern, als Murikami hier meisterlich fantastische Elemente einzuflechten weiß, im Zuge dessen die Lektüre einen mächtigen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Wobei er die Kunst beherrscht, nicht ohne Raffinesse die Grenzen zwischen rationalem und fantastischem Diskurs zu verwischen, Letzteren irritierend wirklichkeitsnah in Erscheinung treten zu lassen, gewürzt mit feingewiegtem Humor. So, wenn die Figur des Commendatore, sichtbar nur für den Ich-Erzähler, leibhaftig in Gestalt eines kleinen Männchens aus dem Bild tritt und, auf seinem Sofa oder in einem Regal sich positionierend, in eigenwilliger, teils altklug, dann wieder ausgesprochen witziger Manier dessen Gedanken und Überlegungen kommentiert oder in der Rolle des Weisen en passant tiefschürfende Erkenntnisse, an Schopenhauer gemahnend,  preisgibt, wie etwa „Die Welt ist Vorstellung, das ist die Wahrheit. Vorstellung ist Wahrheit und Wahrheit Vorstellung (...) Das Beste ist es, diese Vorstellung einfach mit einem Zug zu schlucken, wie sie ist.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

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