Buchtipp des Monats September-Oktober 2018

© Erna R. Fanger  

Dekonstruktion einer Vatertochter 

Francesca Melandri: „Alle, außer mir“.Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018

Melandri hat mit „Alle, außer mir“ einen bedeutsamen Roman über die unglückselige Verquickung eurpäischer Kolonialpolitik mit der heutigen Flüchtlingskrise vorgelegt und damit eine Perspektive auf die gegenwärtigen Probleme Europas eröffnet, die längst fällig war, im Übrigen gerne unterschlagen wird. Zugleich ist es ihr Verdienst, die Menschheitsgeschichte mit den Wechselfällen in den Geschichten der Individuen überzeugend zu verknüpfen. Erzählt wird von einer italienischen Familie. Das komplexe Werk entfaltet sich aus verschiedenen Erzählperspektiven. Vornehmlich aus der Sicht Ilarias, einer engagierten Lehrerin Mitte vierzig, und der ihres Vaters Attilio Profetis, aber auch diverse Nebenfiguren kommen darin zu Wort. Zugleich bedient sie sich verschiedener Zeitebenen, flicht Rückblenden ein. 

Dreh- und Angelpunkt ist, als vor ihrer Haustür ein Schwarzer auf sie wartet. Der behauptet, sie sei seine Tante, und zeigt ihr einen Pass, auf dem der Name ihres Vaters zu erkennen ist. Der Schwarze erweist sich schließlich als Enkel Attilio Profetis, der dessen Vater einst die Vaterschaft verweigert hatte und von dem keiner in der Familie je erfahren durfte.

Jetzt, in äußerster Not – sein Asylantrag abgelehnt, in seiner Heimat Äthiopien verfolgt, seinen Cousin hatte man zu Tode gefoltert – strandet er bei ihr, Ilaria. Mit seinem Pass in der Hand kann sie noch nicht ermessen, was das für Ihr Leben fortan bedeutet, allenfalls erahnen. Für sie fühlt es sich wie folgt an:  „schlicht so, dass dieser Ausweis (...) eine Leere in sie gerissen hat, wie etwas, das fehlt: die kurzfristige, aber totale Auslöschung jeder kausalen Verbindung zwischen Wahrnehmung und Gedankenwelt“, womit treffend der Prozess einer Art Dekonstruktion des Vaterbildes antizipiert wird, den diese Begegnung einleitet. Denn die Fragen, die daran schließen, öffnen Ilaria, die ihren indessen dementen Vater Attilio Profeti bewundert und geliebt hat, die Augen. Hat dieser sie doch glauben gemacht, er sei im Widerstand gewesen, habe also auf der richtigen Seite gestanden. Ilaria wiederum, gebildet, engagiert, politisch links und hehre ethisch-moralische Werte vertretend, ist entschiedene Gegnerin der politischen Rechten, die unter Berlusconi das Sagen hat, und schämt sich der Flüchtlingspolitik ihres Landes. Dass sie ausgerechnet mit einem Funktionär der Berlusconi-Partei eine erotische Liaison verbindet, passt ins Bild der vielschichtig angelegten Figuren Melandris. Desgleichen die von ihrem Vater im Zuge korrupter Geschäfte finanzierte Wohnung auf dem Esquilin. Dunkle Flecken auf der sauber anmutenden Oberfläche. 

Doch mit dieser Begegnung und den Fragen, die mit ihr aufgeworfen werden, erhält diese nach außen hin glatte Fassade nach und nach immer mehr Risse. Und je mehr die fragwürdige politische Vergangenheit ihres Vaters ans Licht dringt, dieser hinter seiner nach außen hin strahlenden Karriere sich 1935 an entscheidender Stelle in den Ostafrikakrieg unter Mussolini verstrickt erweist, desto mehr ist auch Ilaria angehalten, ihre eigene Position zu hinterfragen. 

An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick auf den italienischen Titel „Sangue giusto“ – „Gerechtes Blut“ zu werfen, das eben diesen Männern, die an diesem grausamen Krieg beteiligt waren, zynischerweise zugesprochen wurde. 

Der nun vor ihr stehende junge Schwarze, zugleich Verwandte, scheint wie eine in sich stimmige personifizierte Antwort auf die oben angedeutete historische Gemengelage, die Ilaria buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzureißen droht. Der deutsche Titel „Alle, außer mir“ wiederum deutet auf die Mentalität Attilio Profetis hin, der diesen Spruch bereits als kleines Kind als Motto für sich auserkoren hatte, als man ihm eröffnete, dass alle Menschen sterben müssen. Woraufhin er festen Willens beschloss: „Alle, außer mir“. Attilio Profeti setzte sich in dieser Manier über so manches hinweg, was ihm durchaus erheblichen Erfolg beschied.

Vatertöchter, dies ist inzwischen hinlänglich bekannt, beziehen ihre Identität aus der Beziehung zu ihrem Vater, von dem sie sich geliebt fühlen, den sie bewundern und dem sie nacheifern. Der Vater steht, auch das gehört längst zum Allgemeingut der sogenannten Wissensgesellschaft, für die Bewältigung der Realität. Protagonistin Ilaria ist eine solche, die hier jedoch eine erhebliche Zäsur erfährt. Und in dem Maß, in dem das Bild des Vaters demontiert wird, ist auch sie sich ihrer eigenen Identität nicht mehr sicher, gerät ihr Selbstbild ins Wanken. Unmissverständlich dringt die Erkenntnis durch: In diesem über Generationen hin sich erstreckenden Prozess kolonialer Gewaltherrschaft haben sich alle daran Beteiligten schuldig gemacht. Und das Erbe, das er hinterlassen hat, wird uns in Europa noch lange beschäftigen. Wiederum ist es das Verdienst dieses Buches, eben diese Verstrickungen aufzudecken. Wobei weniger die Beziehung zwischen Täter und Opfer im Zentrum der Fragestellung steht, als vielmehr die Frage der Verantwortung, wo unser eigener Platz im fragilen Gleichgewicht zwischen Gut und Böse ist, und dass keiner davonkommt, sprich seine Hände in Unschuld waschen kann.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Verlag Klaus Wagenbach!

Download aktueller Buchtipp im Archiv Francesca Melandri: "Alle außer mir". Roman

Siehe auch unseren Buchtipp Gabriel Tallent: "Mein Ein und Alles". Roman

Siehe auch unseren  Sachbuchtipp Wolfram Eilenberger im Archiv

Siehe auch unseren Buchttipp für die Jüngstenr Der Mann, der eine Blume sein wollte“ 

unseren aktuellen Lyrik-Buchtipp  Bokusui 

Buchtipp September - Oktober 2018
DEKONSTRUKTION EINER VATERTOCHTER
Francesca Melandri: „Alle, außer mir“. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018
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Buchtipp des Monats August 2018

© Erna R. Fanger  

Beckett und die Wirklichkeit der Absurdität 

Jo Baker: „Ein Ire in Paris.Aus dem Englischen von Sabine Schwenk. Albrecht Knaus Verlag, München 2018

Nach ihrem gleich zum Bestseller avancierten Debut „Longbourn“  (2013), wo die aus Lancashire stammende Autorin Jo Baker – Absolventin der Oxford und der Queens University in Belfast – die Geschichte von Jane Austens „Pride & Prejudice“ aus der Sicht der Dienerschaft erzählt, hat sie mit „Ein Ire in Paris“ nun auch ihren zweiten Roman vorgelegt. Mehr noch als der deutsche Titel gibt sein englisches Pendant „A Country Road, A Tree“ (London 2016) ersten Aufschluss über das Vorhaben Bakers, uns Beckett während seiner Zeit im besetzten Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, vornehmlich Paris, in Romanform nahezubringen. Handelt es sich dabei doch um die Regieanweisung zu dem Theaterstück, mit dem Samuel Beckett 1953 in Paris im Téâtre de Babylone, nach der langwierigen Prozedur, überhaupt einen Aufführungsort zu finden, schließlich den Durchbruch erzielt: „Warten auf Godot“, das zu Recht als ein Meilenstein der dramatischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg gilt und ihn zum Mitbegründer des Absurden Theaters gemacht hat. Dabei geht es im Wesentlichen um den Dialog ad absurdum zwischen den beiden Landstreichern Estragon und Wladimir, bar jeder Funktion. Vielmehr dreht sich alles um das Warten, um die Langeweile, die es mit sich bringt, in Verweigerung jedweder Sinnhaftigkeit. Stattdessen wird hier, teils in ironischer Brechung, teils mit philosophischen Implikationen, jede Deutung verweigert. Die Landstraße als Schauplatz, mit einem einzigen Baum, öde, führt nirgendwohin oder ins Ungewisse. Ebenso wie die Figuren in ihrer Identität schwanken und auch der linearen Zeit keinerlei Bedeutung zukommt. Einzig das Warten auf Godot scheint die Figuren zu verbinden. Godot, von dem keiner weiß, ob er je kommt, geschweige denn, ob es ihn überhaupt gibt und wer darunter zu verstehen sei. Zugleich steht “Warten auf Godot“ exemplarisch für die produktivste Schaffensphase Becketts und seines vornehmlich dramatischen Werks. 

Das Verdienst Bakers ist es, dass sie den Leser in drei Teilen und insgesamt 22 Kapiteln bis ins Detail in die Zeit während des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich entführt. Teil I, beginnend mit „das Ende“, bezeichnet Becketts regelrechte Flucht aus familiärer Enge der irischen Heimat Greystones unter dem Regiment der vereinnahmenden Mutter. Zugleich aber auch das Ende der kurzen Friedenszeit zwischen den beiden Weltkriegen. Bei einem Besuch dort von psychomatischen Krankheiten heimgesucht, seine Kreativität lahm gelegt, zieht es ihn trotz des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs zurück nach Paris zu seiner Geliebten und späteren Ehefrau, der Pianistin Suzanne Dumesnil. Und während sich in den ersten Kriegswochen unheilvoll bedrohliche Schatten über Europa legen, durchleben sie das Glück ihrer Liebe. Suzanne, die sich als Klavierlehrerin verdingt, mit feinem Gespür für die Balance zwischen Nähe und Distanz, verwöhnt ihn mit kleinen Aufmerksamkeiten und sorgt dafür, dass sein Aufenthalt behördlich anerkannt wird. Lässt ihm bei allem aber auch den Raum, den er benötigt, um schreiben zu können. 

Am Horizont erste Anzeichen des Verschwindens und Gejagtwerdens jüdischer Bürger, die vergeblich versuchen, sich gegenseitig Halt zu geben, die Atmosphäre in der gefeierten Metropole Europas gespannt: „Da ist ein Drang nach Gemeinschaft, aber auch der Sog der Angst. Wer möchte schon damit in Verbindung gebracht werden, dazugehören zu dieser Gemeinschaft von Ausgeschlossenen?“ Ungläubig registriert das Paar das bald schon nicht mehr zu übersehende nahende Unheil. Beckett sieht sich genötigt, der drohenden Katastrophe etwas entgegenzusetzen. Er schließt sich der Résistance an, übermittelt verschlüsselte Botschaften. Doch das Wirken im Untergrund gefährdet alle darin Verwickelten. Stets auf der Hut vor der Gestapo, immer wieder Verhaftungen im konspirativen Umfeld. Der Alltag, seit 1940 zunehmend bestimmt von Hunger, Armut, Angst und und Flucht. So verschlägt es Beckett zunächst nach Vichy, wo auch Joyce sich aufhalten sollte. Joyce, den er bewundert, unter dessen Einfluss er seine eigene Schriftstellerkarriere begann ebenso wie eben dieser Einfluss ihm später zum Verhängnis wurde. Die Begegnung mit ihm gerät zum Fiasko. Joyce in erbärmlichem Zustand, halb blind. Kaum in der Lage, auf den Landsmann einzugehen. Beckett, der seine britischen Schecks nicht einlösen kann, ist blank, erhofft sich von Joyce Unterstützung. Doch der geht ganz auf in seiner Verzweiflung über die Zumutungen des Lebens, sei es der Poitik, sei es im familiären Umkreis, will sich mit der Familie in die Schweiz absetzen. Er nennt ihm noch einen Namen, „Larbaud“, woran er sich wenden könne. Der kann helfen. Beckett ist erst mal gerettet. Es ist die letzte Begegnung zwischen den beiden Giganten gewesen. Wenige Monate danach ist Joyce tot. Den Sommer verbringen Samuel und Suzanne mit Marcel Duchamp, der vorhat nach New York zu übersiedeln, und seiner Lebensgefährtin Mary Reynolds, die jedoch vorzieht, in Frankreich zu bleiben. Später erfahren wir von Duchamp aus New York, dass er aufgehört hat zu arbeiten, nur noch Schach spielt, was ’durch ein kompliziertes Netz von Möglichkeiten zu einem Endspielführt, das sich immerzu zu Stille und Schweigen wandelt und zugleich vorhersehbar ist.’ „Endspiel“ gibt dann auch den Titel ab von Becketts 1957 in London uraufgeführtem Einakter, der, an die groteske Verstörung seiner Figuren gemahnend, zunächst auf Unverständnis und Ablehnung stößt und erst zehn Jahre später unter seiner eigenen Regie im Schillertheater in Berlin zu einem Publikumserfolg avancieren sollte.

Der folgende Winter in Paris ist hart, aber erträglich. Noch findet sich Brennmaterial in den Parks, mit dem der Kamin angezündet werden kann. Und immer wieder: Hunger. „’Ich habe eine Steckrübe gekauft’, ruft Suzanne. ‚Und wir haben noch zwei Möhren. Da mache ich später Püree draus’.“ Unmerklich schnürt die Not sie zusammen, zwängt sie in ein Leben, das keiner sich ausgesucht hätte und unter dem nicht zuletzt ihre Liebe buchstäblich in die Pflicht genommen wird, der ursprünglichen Freiheit ihrer Verbindung beraubt. 

Weit härter und brutaler sind die Sommer und Winter, die folgen. Getriebene des Schicksals, jeden Sinns beraubt, ihr Weg gesäumt von Leidensgenossen, Geschundenen, Gedemütigten. Unzählige verschwunden. Gequält. „Paris ist nicht mehr Paris.“ Jetzt ist der Krieg überall. Immer weitere Verhaftungen, darunter engste Freunde. Für nichts und wider nichts. ‚Der Huger eine gefährliche Waffe, durch die man sich selbst augeliefert ist’. Leben im „Fegefeuer“, dementsprechend auch der Titel von Teil 2. „Sein Leben reduziert sich auf essen und ausscheiden ... Es ist demütigend und macht ihn zum Tier.“ Überall lauert die Gestapo. Die Liebe aufgerieben. „Eine Berührung löst Frösteln aus. Ein harmloses Wort kann Anstoß erregen.“ Das Schreiben hat seinen Sinn verloren: „Nun starrt er auf die drei Wörter, die er geschrieben hat. Sie sind vollkommen lächerlich, das ganze Schreiben ist lächerlich. Ein Satz, jeder Satz ist absurd.“

All dies gibt die Folie ab zu Becketts Schaffen seit „Warten auf Godot“. Und das Kriegsende 1945 bezeichnet in Teil 3, „Beginn“, zugleich den Anfang der literarischen Produkion Becketts, mit der er sich einen Namen machen sollte. Auf so komplexe wie subtile Weise kommt dabei der Zivilisationsbruch zur Sprache, der auf den Menschen der westlichen Hemisphäre schwer lastet. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg, auf die Spitze und weit darüber hinausgetrieben mit dem Zweiten Weltkrieg. Ethisch und moralisch ist die Menschheit am Nullpunkt angekommen. Sämtliche Errungenschaften der Aufklärung bis dahin nicht nur infrage gestellt, sondern in ihren Grundfesten erschüttert. Der Mensch ist aus der Bahn geschleudert. Die Werte haben sich verkehrt und Becketts Schaffen seit seinem Durchbruch spiegelt dies wider, in all seiner so fragwürdigen wie fragmentarischen Wucht, dem darin zutage tretenden Widersinn, in seiner Absurdität und abgrundtiefen Zerrissenheit. 

Dies hat Jo Baker uns eindrucksvoll nahegebracht. Ihren Stil muss man mögen. Und nicht jedes Detail wäre hier nötig gewesen, um sich ein Bild von jenen Tagen machen zu können. Ebenso wenig wie die Wahl des durchweg atemlosen Präsens, jede Distanz zum Geschehen verhindernd, ausnahmslos glücklich scheint. Nichtsdestotrotz: In Erhellung des politisch-historischen Hintergrunds im Schaffen Becketts, das ihm 1969 nicht zuletzt den Nobelpreis für Literatur eingebracht hat, so lesens- wie empfehlenswert.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus Verlag!

 

Download aktueller Buchtipp im Archiv Jo Baker "Ein Ire in Paris" Roman

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