Buchtipp des Monats April 2018

 Eine Idee mimmt Gestalt an

© Erna R. Fanger                                                                                                                                                                                                                                            

Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint“, DuMont Buchverlag Köln 2018, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe 

Nachdem seine Frau ihn völlig überraschend wegen eines anderen Mannes verlassen hat, nimmt der Ich-Erzähler, seines Zeichens Kunstmaler, die Gelegenheit wahr, die ihm der Zufall beschert, und zieht in das Haus eines ehemaligen Studienkollegen. Dessen Vater, Tomohiko Amada, einst ein berühmter Maler und inzwischen dement, hat auf dem Dachboden ein mysteriöses Bild deponiert, dessen Titel diesem Werk auch voransteht „Die Ermordung des Commendatore“, Band I des auf zwei Folgen angelegten Romans. Besagtes Bild, aber auch das Schicksal seines Erschaffers, der zwischen 1936 und 1938, also zur Zeit des Anschlusses Österreichs an Nazideutschland, in Wien weilte, bildet fortan Dreh- und Angelpunkt des Romans, in dem sich Episoden an Episoden ranken, ‚alles Geschichten, die mit vielleicht beginnen und enden’. Zugleich Anlass, das Leben des Protagonisten in eine vollkommen unvorhersehbare Richtung zu lenken. Wobei  der Titel – fällt dem Protagonisten nach langem Rätseln darüber ein – sich vermutlich auf eine Szene im „Don Giovanni“ bezöge, wo gleichwohl ein Commendatore ermordet wird. Damit steht er exemplarisch für die für Murakami typische Verflechtung asiatischer mit westlicher Kultur. Aber dies ist nur eine von mannigfaltigen Referenzen aus der ganzen Bandbreite, aus der dieser von Lust an Erkenntnis getriebene Autor schöpft und womit er dem Leser, mit dem er diesen Erfahrungsschatz teilt, auf so diskrete wie zugleich intime Weise nahe kommt. Eben dies macht wohl auch einen Großteil des exklusiven Leseerlebnisses aus, das er uns hier offeriert. Des Weiteren ist es die verblüffende Selbstverständlichkeit, mit der er all das beredt zur Sprache bringt, was sich zunächst einmal der Wahrnehmung entzieht. Und es gibt wenige Autoren, die eine Souveränität wie Murakami darin entwickeln, auch noch den verborgensten Vernetzungen des unterirdischen Wurzelgeflechts unseres Bewusstseins nachzuspüren, diese aufzugreifen und sie, gekonnt durch sie hindurchmäandernd, so zur Sprache zu bringen, dass er den Leser sofort in den Bann zieht. Denn was wir nicht nicht unmittelbar (be)greifen können, bindet unweigerlich unsere Aufmerksamkeit und weiß uns, gedanklich zu beschäftigen. 

Hat der Ich-Erzähler bislang sein Brot mit routinemäßiger Porträtmalerei verdient, ist er dessen nun überdrüssig geworden und unterrichtet in einer Volkshochschule, wo er auch die eine oder andere sexuelle Beziehung zu seinen Studentinnen unterhält. Ausgerechnet jetzt vermittelt man ihm jedoch ein Angebot für ein Porträt, so hoch dotiert und in undurchsichtiger Weise als zwingend sich erweisend, dass er es kaum abschlagen kann. Dem Auftraggeber wiederum lässt Murakami eine Aura des Geheimnisvollen angedeihen, die den Leser in ständige Erwartungshaltung versetzt, die zu erfüllen er sowohl verweigert als er ihr bisweilen jedoch auch wieder nachkommt, einem Vexierbild gleich, womit er obendrein den Leser in Schach hält.

Soweit die äußere Folie des Erzählens, die jedoch vergleichsweise dünn anmutet, zieht man die von Selbstzweifeln, Zweifeln an der Kunst, Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung und von Zweifeln am Leben überhaupt geprägten Reflexionen in Betracht, die das ganze Buch im wahrsten Sinne des Wortes ‚durchfurchen’ und einen nicht geringen Teil der Lektüre, wo es vornehmlich um Selbstfindung geht, einnehmen. 

Daneben handelt es sich um eine veritable Spukgeschichte von höchstem Spannungsniveau insofern, als Murikami hier meisterlich fantastische Elemente einzuflechten weiß, im Zuge dessen die Lektüre einen mächtigen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Wobei er die Kunst beherrscht, nicht ohne Raffinesse die Grenzen zwischen rationalem und fantastischem Diskurs zu verwischen, Letzteren irritierend wirklichkeitsnah in Erscheinung treten zu lassen, gewürzt mit feingewiegtem Humor. So, wenn die Figur des Commendatore, sichtbar nur für den Ich-Erzähler, leibhaftig in Gestalt eines kleinen Männchens aus dem Bild tritt und, auf seinem Sofa oder in einem Regal sich positionierend, in eigenwilliger, teils altklug, dann wieder ausgesprochen witziger Manier dessen Gedanken und Überlegungen kommentiert oder in der Rolle des Weisen en passant tiefschürfende Erkenntnisse, an Schopenhauer gemahnend,  preisgibt, wie etwa „Die Welt ist Vorstellung, das ist die Wahrheit. Vorstellung ist Wahrheit und Wahrheit Vorstellung (...) Das Beste ist es, diese Vorstellung einfach mit einem Zug zu schlucken, wie sie ist.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Dumont-Verlag!

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