Buchtipp des Monats August 2018

© Erna R. Fanger  

Beckett und die Wirklichkeit der Absurdität 

Jo Baker: „Ein Ire in Paris.Aus dem Englischen von Sabine Schwenk. Albrecht Knaus Verlag, München 2018

Nach ihrem gleich zum Bestseller avancierten Debut „Longbourn“  (2013), wo die aus Lancashire stammende Autorin Jo Baker – Absolventin der Oxford und der Queens University in Belfast – die Geschichte von Jane Austens „Pride & Prejudice“ aus der Sicht der Dienerschaft erzählt, hat sie mit „Ein Ire in Paris“ nun auch ihren zweiten Roman vorgelegt. Mehr noch als der deutsche Titel gibt sein englisches Pendant „A Country Road, A Tree“ (London 2016) ersten Aufschluss über das Vorhaben Bakers, uns Beckett während seiner Zeit im besetzten Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, vornehmlich Paris, in Romanform nahezubringen. Handelt es sich dabei doch um die Regieanweisung zu dem Theaterstück, mit dem Samuel Beckett 1953 in Paris im Téâtre de Babylone, nach der langwierigen Prozedur, überhaupt einen Aufführungsort zu finden, schließlich den Durchbruch erzielt: „Warten auf Godot“, das zu Recht als ein Meilenstein der dramatischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg gilt und ihn zum Mitbegründer des Absurden Theaters gemacht hat. Dabei geht es im Wesentlichen um den Dialog ad absurdum zwischen den beiden Landstreichern Estragon und Wladimir, bar jeder Funktion. Vielmehr dreht sich alles um das Warten, um die Langeweile, die es mit sich bringt, in Verweigerung jedweder Sinnhaftigkeit. Stattdessen wird hier, teils in ironischer Brechung, teils mit philosophischen Implikationen, jede Deutung verweigert. Die Landstraße als Schauplatz, mit einem einzigen Baum, öde, führt nirgendwohin oder ins Ungewisse. Ebenso wie die Figuren in ihrer Identität schwanken und auch der linearen Zeit keinerlei Bedeutung zukommt. Einzig das Warten auf Godot scheint die Figuren zu verbinden. Godot, von dem keiner weiß, ob er je kommt, geschweige denn, ob es ihn überhaupt gibt und wer darunter zu verstehen sei. Zugleich steht “Warten auf Godot“ exemplarisch für die produktivste Schaffensphase Becketts und seines vornehmlich dramatischen Werks. 

Das Verdienst Bakers ist es, dass sie den Leser in drei Teilen und insgesamt 22 Kapiteln bis ins Detail in die Zeit während des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich entführt. Teil I, beginnend mit „das Ende“, bezeichnet Becketts regelrechte Flucht aus familiärer Enge der irischen Heimat Greystones unter dem Regiment der vereinnahmenden Mutter. Zugleich aber auch das Ende der kurzen Friedenszeit zwischen den beiden Weltkriegen. Bei einem Besuch dort von psychomatischen Krankheiten heimgesucht, seine Kreativität lahm gelegt, zieht es ihn trotz des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs zurück nach Paris zu seiner Geliebten und späteren Ehefrau, der Pianistin Suzanne Dumesnil. Und während sich in den ersten Kriegswochen unheilvoll bedrohliche Schatten über Europa legen, durchleben sie das Glück ihrer Liebe. Suzanne, die sich als Klavierlehrerin verdingt, mit feinem Gespür für die Balance zwischen Nähe und Distanz, verwöhnt ihn mit kleinen Aufmerksamkeiten und sorgt dafür, dass sein Aufenthalt behördlich anerkannt wird. Lässt ihm bei allem aber auch den Raum, den er benötigt, um schreiben zu können. 

Am Horizont erste Anzeichen des Verschwindens und Gejagtwerdens jüdischer Bürger, die vergeblich versuchen, sich gegenseitig Halt zu geben, die Atmosphäre in der gefeierten Metropole Europas gespannt: „Da ist ein Drang nach Gemeinschaft, aber auch der Sog der Angst. Wer möchte schon damit in Verbindung gebracht werden, dazugehören zu dieser Gemeinschaft von Ausgeschlossenen?“ Ungläubig registriert das Paar das bald schon nicht mehr zu übersehende nahende Unheil. Beckett sieht sich genötigt, der drohenden Katastrophe etwas entgegenzusetzen. Er schließt sich der Résistance an, übermittelt verschlüsselte Botschaften. Doch das Wirken im Untergrund gefährdet alle darin Verwickelten. Stets auf der Hut vor der Gestapo, immer wieder Verhaftungen im konspirativen Umfeld. Der Alltag, seit 1940 zunehmend bestimmt von Hunger, Armut, Angst und und Flucht. So verschlägt es Beckett zunächst nach Vichy, wo auch Joyce sich aufhalten sollte. Joyce, den er bewundert, unter dessen Einfluss er seine eigene Schriftstellerkarriere begann ebenso wie eben dieser Einfluss ihm später zum Verhängnis wurde. Die Begegnung mit ihm gerät zum Fiasko. Joyce in erbärmlichem Zustand, halb blind. Kaum in der Lage, auf den Landsmann einzugehen. Beckett, der seine britischen Schecks nicht einlösen kann, ist blank, erhofft sich von Joyce Unterstützung. Doch der geht ganz auf in seiner Verzweiflung über die Zumutungen des Lebens, sei es der Poitik, sei es im familiären Umkreis, will sich mit der Familie in die Schweiz absetzen. Er nennt ihm noch einen Namen, „Larbaud“, woran er sich wenden könne. Der kann helfen. Beckett ist erst mal gerettet. Es ist die letzte Begegnung zwischen den beiden Giganten gewesen. Wenige Monate danach ist Joyce tot. Den Sommer verbringen Samuel und Suzanne mit Marcel Duchamp, der vorhat nach New York zu übersiedeln, und seiner Lebensgefährtin Mary Reynolds, die jedoch vorzieht, in Frankreich zu bleiben. Später erfahren wir von Duchamp aus New York, dass er aufgehört hat zu arbeiten, nur noch Schach spielt, was ’durch ein kompliziertes Netz von Möglichkeiten zu einem Endspielführt, das sich immerzu zu Stille und Schweigen wandelt und zugleich vorhersehbar ist.’ „Endspiel“ gibt dann auch den Titel ab von Becketts 1957 in London uraufgeführtem Einakter, der, an die groteske Verstörung seiner Figuren gemahnend, zunächst auf Unverständnis und Ablehnung stößt und erst zehn Jahre später unter seiner eigenen Regie im Schillertheater in Berlin zu einem Publikumserfolg avancieren sollte.

Der folgende Winter in Paris ist hart, aber erträglich. Noch findet sich Brennmaterial in den Parks, mit dem der Kamin angezündet werden kann. Und immer wieder: Hunger. „’Ich habe eine Steckrübe gekauft’, ruft Suzanne. ‚Und wir haben noch zwei Möhren. Da mache ich später Püree draus’.“ Unmerklich schnürt die Not sie zusammen, zwängt sie in ein Leben, das keiner sich ausgesucht hätte und unter dem nicht zuletzt ihre Liebe buchstäblich in die Pflicht genommen wird, der ursprünglichen Freiheit ihrer Verbindung beraubt. 

Weit härter und brutaler sind die Sommer und Winter, die folgen. Getriebene des Schicksals, jeden Sinns beraubt, ihr Weg gesäumt von Leidensgenossen, Geschundenen, Gedemütigten. Unzählige verschwunden. Gequält. „Paris ist nicht mehr Paris.“ Jetzt ist der Krieg überall. Immer weitere Verhaftungen, darunter engste Freunde. Für nichts und wider nichts. ‚Der Huger eine gefährliche Waffe, durch die man sich selbst augeliefert ist’. Leben im „Fegefeuer“, dementsprechend auch der Titel von Teil 2. „Sein Leben reduziert sich auf essen und ausscheiden ... Es ist demütigend und macht ihn zum Tier.“ Überall lauert die Gestapo. Die Liebe aufgerieben. „Eine Berührung löst Frösteln aus. Ein harmloses Wort kann Anstoß erregen.“ Das Schreiben hat seinen Sinn verloren: „Nun starrt er auf die drei Wörter, die er geschrieben hat. Sie sind vollkommen lächerlich, das ganze Schreiben ist lächerlich. Ein Satz, jeder Satz ist absurd.“

All dies gibt die Folie ab zu Becketts Schaffen seit „Warten auf Godot“. Und das Kriegsende 1945 bezeichnet in Teil 3, „Beginn“, zugleich den Anfang der literarischen Produkion Becketts, mit der er sich einen Namen machen sollte. Auf so komplexe wie subtile Weise kommt dabei der Zivilisationsbruch zur Sprache, der auf den Menschen der westlichen Hemisphäre schwer lastet. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg, auf die Spitze und weit darüber hinausgetrieben mit dem Zweiten Weltkrieg. Ethisch und moralisch ist die Menschheit am Nullpunkt angekommen. Sämtliche Errungenschaften der Aufklärung bis dahin nicht nur infrage gestellt, sondern in ihren Grundfesten erschüttert. Der Mensch ist aus der Bahn geschleudert. Die Werte haben sich verkehrt und Becketts Schaffen seit seinem Durchbruch spiegelt dies wider, in all seiner so fragwürdigen wie fragmentarischen Wucht, dem darin zutage tretenden Widersinn, in seiner Absurdität und abgrundtiefen Zerrissenheit. 

Dies hat Jo Baker uns eindrucksvoll nahegebracht. Ihren Stil muss man mögen. Und nicht jedes Detail wäre hier nötig gewesen, um sich ein Bild von jenen Tagen machen zu können. Ebenso wenig wie die Wahl des durchweg atemlosen Präsens, jede Distanz zum Geschehen verhindernd, ausnahmslos glücklich scheint. Nichtsdestotrotz: In Erhellung des politisch-historischen Hintergrunds im Schaffen Becketts, das ihm 1969 nicht zuletzt den Nobelpreis für Literatur eingebracht hat, so lesens- wie empfehlenswert.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus Verlag!

 

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