Buchtipp des Monats

Juni 2018

© Hartmut Fanger:

Flashback  – Amerikanische Wirklichkeit 

gestern und heute

Sinclair Lewis: „Main Street“, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt  von Christa E. Seibicke, mit einem Nachwort vom Heinrich Steinfest, Neuausgabe,  Manesse Verlag, München 2018.

Wer sich für die kommenden Tage, gar die Ferien, ein besonderes Lesevergnügen gönnen möchte, dem können wir „Main Street“ von Sinclair Lewis aus dem Jahre 1920 nur empfehlen. Humorvoll, intelligent und derart flüssig geschrieben, dass der Leser, erst einmal angefangen, mit der Lektüre nicht mehr aufhören kann. Auf immerhin 950 Seiten (!) gelingt es dem Autor sehr wohl, Lesesucht zu erzeugen. Dazu kommt die vom Manesse Verlag gewohnheitsgemäß liebevolle Ausstattung, hier mit Fadenheftung und dem 27 Seiten umfassenden Anmerkungsapparat, der so manch’ weniger geläufige Begrifflichkeit erklärt, die im Zuge von nahezu 100 Jahren in der Versenkung verschwunden ist. Von der vorzüglichen Neuübersetzung Christa E. Seibickes und dem sorgfältig aufbereiteten Nachwort Heinrich Steinfests ganz zu schweigen.  

In diesem Jahr wird kein Nobelpreis für Literatur vergeben. Zeit also, an einen Nobelpreisträger der ersten Stunde zu erinnern. Sinclair Lewis erhielt 1930 als erster US-amerikanischer Autor die begehrte Auszeichnung, die ihm einst Weltruhm einbrachte. Dabei hätte er schon im Jahre 1925 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden sollen, den er jedoch abgelehnt hatte, nachdem ihm diese Trophäe zuvor vorenthalten wurde. „Main Street“ (1920), womit Lewis zugleich seinen literarischen Durchbruch erzielte, zählt zusammen mit „Babbit“ (1922) und „Elmer Gantry“ (1927) von insgesamt 21 Romanen zu seinen bedeutendsten Prosawerken, von denen Ersteres 1936 unter dem Titel  „Kleine Stadt mit Tradition“ von Archie Mayo verfilmt wurde. 

„Main Street“, Hauptstraße, steht für das, was jedem Ort Amerikas seinen Stempel aufdrückt. Dementsprechend könnte der Roman, wie Lewis gleich zu Beginn verrät, ebenso „in Ohio oder Montana, in Kansas, Kentucky oder Illinois“ spielen. Wobei eine solche amerikanische ‚Main Street’ nicht mehr und nicht weniger ‚als der Höhepunkt der Zivilisation’ gilt. Und natürlich hat auch der fiktive Ort „Gopher Prairie“ eine solche – obwohl es in der Provinz mit der ‚Zivilisation’ nicht gerade zum Besten bestellt ist. Die kleine Stadt ist von Grund auf hässlich und verfügt über allenfalls ein Minimum an Kultur. Besonderen Reiz erfährt das Ganze, wenn sich jemand wie Carol Kennicot, die hinreißend charmante, so gebildete wie engagierte Hauptfigur, Großstädterin und Frau des ortsansässigen Arztes es sich zur Aufgabe macht, die kleine Provinzstadt kulturell auf Vordermann bringen und modernisieren zu wollen. Ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt  zu sein scheint. Dies erweist sich spätestens in dem Moment, wo die von ihr inszenierte Theateraufführung wirkungslos bleibt und sie sich vorerst geschlagen geben muss. Ihr größtes Problem ist dementsprechend, dass sich die Bevölkerung für jedwede Veränderung als resistent entpuppt. 

Dabei ist das Engagement, das die Protagonistin an den Tag legt, immens. So macht sie sich in der oberen Gesellschaft des Nestes bekannt, zieht ihre Fäden, versucht Freundschaften zu schließen und wird, noch bevor sie einen eigenen Salon gründet, gar Mitglied im erzkonservativen „Frauenkulturclub Thanatopsis“, der sich, man lese und staune, gegen das Frauenwahlrecht ausspricht, sich zugleich jedoch mit Vorliebe, wenn auch etwas oberflächlich, den Literaturen Europas widmet. Doch schon an den britischen Dichtern scheiden sich spätestens bei Swinburne, der aufgrund seiner Vorliebe für Erotik als Schunddichter in Verruf stand, die Geister. Aber auch die Vorstellung Carols von der Höhe der Bezahlung der Dienstmädchen kommt nicht gut an. Ebenso wie ihre Mode – sie trägt knöchelfreie Röcke – Aufsehen erregt, gilt dies doch als anstößig. Eine Bürde zu allem hin, dass sie ausschließlich vom Haushaltsgeld ihres Mannes leben soll, der dies nur allzu gerne zu zahlen vergisst. Und dann die Tatsache, dass jeder von jedem so gut wie alles weiß. Selbst die zum Trocknen aufgehängte Unterwäsche Carols ist vor der Dorfjugend nicht sicher.  

Wie leicht zu erkennen, treffen hier unterschiedliche Weltbilder aufeinander. „Urbane Liberalität und ländlicher Eigensinn“Weitsicht und Enge. Unschwer tun sich dabei Parallelen auf zu den USA heute. Der Riss dort zwischen Land- und Stadtbevölkerung ist spätestens mit dem letzten Wahlergebnis von 2017 eklatant zutage getreten. Die Politik wiederum eines Donald Trump mit seinen nationalen Ambitionen und populistischen Parolen scheint dementsprechend eine logische Konsequenz. Dies war zu der Zeit, in der dieser Roman spielt, im ersten Jahrzehnt des zwanzigstens Jahrhunderts, offensichtlich nicht viel anders und verleiht dem Ganzen seine Aktualität und Brisanz, wie auch anhand vieler kleiner Details ablesbar. 

Inwieweit  Carol Kennicot es nun gelingen mag, Fuß zu fassen, sich Anerkennung und Respekt zu verschaffen und die sture Bevölkerung Schritt für Schritt hin in Richtung Veränderung zu bewegen, mit dem Ziel, aus dem Ort ein kulturelles Schmuckkästchen zu machen, wird hier nicht verraten. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse-Verlag! 

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Siehe auch unseren Buchtipp für  die Jüngsten

unseren Lyrik-Buchtipi  Bokusui

 

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