Schreibschule Buchtipp für Jung & Alt
Buchtipp des Monats

 

Buchtipp September 2017 

 

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

„Wenn einer in die Berge geht, dann weil man ihn im Tal nicht in Frieden lässt“

 

Paolo Cognetti: „Acht Berge“, Deutsche Verlags-Anstalt DVA, München 2017. Aus  dem Italienischen von Christiane Burkhardt. Erscheinungstermin 11.September!

Es ist das Bodenständige, die Naturverbundenheit, was bei Cognetti in einfachen, klaren Worten zur Sprache kommt. In Italien zum Bestseller avanciert, gemahnt der Roman „Acht Berge“ mit seinem elliptischen Stil durchaus an die Lakonie und Knappheit eines Ernest Hemingway. Und es ist gewiss kein Zufall, wenn es an einer Stelle „Währenddessen bildeten die Berge die Hintergrundkulisse für mein ‚Fest fürs Leben’“ heißt. Der Kontrast zwischen dem Leben in einer Großstadt wie Mailand oder Turin und dem Leben in den Bergen ist nur ein Aspekt. Den Schwerpunkt bildet die Freundschaft, die den Protagonisten Pietro seit Kindheitstagen mit Bruno verbindet. Mit ihm hat er einst ein Steinhaus auf dem Grund seines Vaters errichtet. Auf die Spuren des Vaters begibt er sich, erklimmt so manchen Gipfel, den dieser einst bewältigte. Hat er von ihm doch die Liebe zur Gebirgswelt ererbt und als Kind mit ihm die ersten alpinen Erfahrungen gemacht. Von der Höhenkrankheit bis hin zur Überquerung einer Gletscherspalte. Fern ab der Zivilisation, die immer wieder ‚rasch abgestreift’ wird. Eine Welt mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und von spezifischer historischer Dimension. Gefilde, zu denen ein Städter nur bedingt Zugang findet. Wer weiß schon, dass der Winter in den Bergen bereits im August beginnt, ‚der Gletscher das Gedächtnis der vergangenen Winter’ sei, ‚das Wasser dort von vor hundert Jahren kommen könne’. Wer kennt den Facettenreichtum in diesen oft entlegenen Regionen, wenn etwa die Mutter des Protagonisten bekennt, „...dass in den Bergen jeder eine andere Lieblingshöhenlage hat: eine Landschaft, die ihm entspricht und in der er sich heimisch fühlt“. So bevorzugt sie selbst ‚die Mittellage mit Fichten- und Lärchenwald, in dessen Schatten Heidelbeeren, Wacholder und Rhododendron gedeihen’; Pietro hingegen ‚fühlt sich mehr zu der daran schließenden Höhenlage hingezogen, zu den Almwiesen, Wildbächen, Hochmooren, Krautpflanzen und Weidetieren.’ Mit zunehmender Höhe wiederum kann man auf ‚Geröllfelder, Felszacken, Schotterrinnen und zerklüftete Kämme’ stoßen, der ‚Ruine einer riesigen, von Kanonendonner zerstörten Festung’ gleichend.

Doch nicht nur die Kulisse einer grandiosen Gebirgslandschaft zieht in den Bann, sondern auch die sich vor diesem Hintergrund ereignenden, so tragischen wie dramatischen Geschichten. So etwa die des Onkels, der bei einem Lawinenunglück stirbt, wofür wiederum Pietros Vater verantwortlich gemacht wird, obwohl ihn keine Schuld trifft. Darüber hinaus kommt das Fernweh des Protagonisten zum Tragen, Pietros Reisen zum Himalaja, von denen er tibetische Gebetsfahnen zurück in die Alpen bringt. In diesem Sinne beruht auch der Titel „Acht Berge“ auf der nepalesischen Vorstellung von der Welt. Der höchste Berg Sumeru im Himalaja, umgeben von weiteren acht Bergen sowie acht Seen, gilt der Legende zufolge zugleich als Zentrum der Welt. Wobei die Tibeter davon ausgehen, dass derjenige, der den Sumeru besteigt, daraus ebenso viel Erkenntnisgewinn zu ziehen vermag wie derjenige, der alle acht Berge vor Augen hat, wenn er diese Gegend bereist. Ein Gleichnis, wie sich am Ende herausstellen soll. Denn Bruno ist derjenige, der dem einen Berg treu bleibt, Pietro hingegen bereist die Welt, sieht die anderen acht Berge. Der gemeinsame Mittelpunkt jedoch ist die heimische Gebirgswelt der Alpen mit dem selbsterrichteten Haus. Dorthin zieht es Pietro immer wieder zurück, auch dann, als Bruno längst mit Lara eine Familie gegründet hat, die kleine Anita geboren ist.

Es ist ein in seiner Schlichtheit und Einfachheit großer Roman, der all das mitbringt, was sich in die Weltliteratur einzuschreiben vermag. Vergleichbar etwa in seiner existentiellen Dimension mit Robert Seetalers „Ein ganzes Leben“. Ein Roman, der in Erinnerung bleibt, bereits verfilmt und in über 30 Sprachen übersetzt wird. In Italien hat er sich unmittelbar nach Erscheinen 70.000 Mal verkauft und den renommierten Literaturpreis Premio Stega erhalten. 

 Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt  DVA

Paolo Cognetti    

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Siehe auch unseren Buchtip für Junge Leser

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp

Buchtipp August 2017

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

Lasst uns pflanzen und fröhlich sein, denn

im nächsten Herbst sind wir vielleicht alle ruiniert.

Vita Sackville-West (1892-1962)

„Liebe auf den ersten Blick“

                                                                                                                                                                                                                                             

“Sissinghurst. Portrait eines Gartens. Vita Sackville-West & Harold Nicolson“. Zusammengestellt von Julia Bachstein. Aus dem Englischen von Susanne Lange. Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt 1997, 2017.

Die Sehnsucht des Menschen nach dem Garten Eden mag sich nicht zuletzt in der Kunst des Gartenbaus manifestieren. Einen Höhenpunkt darin markiert der Garten von Sissinghurst Castle, Grafschaft Kent, unweit von Canterbury, 1930 erworben von Vita Sackville-West und ihrem Mann Harold Nicolson. Doch bevor an das Anlegen des Gartens auch nur zu denken war, galt es, Unmengen von Schutt zu beseitigen. Es würde sie einen harten Kampf kosten. 20 Jahre nach der ersten Besichtigung des Anwesens mit einer ‚Unmenge alter Bettgestelle, Pflugscharen, alter Kohlstrünke, Drahtknäuel und Bergen von Sardinenbüchsen’ heißt es aus der Feder von Vita Sackville-West: „Doch als ich den Ort an einem Frühlingstag des Jahres 1930 zum ersten Mal sah, entflammte er augenblicklich mein Herz und meine Fantasie. Ich habe mich auf den ersten Blick in ihn verliebt.“

Der kleine Band mit attraktivem Cover – Foto des Anwesens hinter einer Hecke, im Vordergrund eine weiße Jugendstil-Gartenbank mit darauf zuführender Treppe – ist das exklusive Zeugnis einer leidenschaftlichen Liebe zu dem Anwesen, von dem Harold Nicolson die Architektur anlegte, während Vita Sackville-West sich um die Bepflanzung kümmerte. In dem besonderen Paar verbindet sich mit dem Betreiben dieses ihres Lebensprojekts gleichermaßen ihr literarisches Talent, das es ihnen, unter prekären finanziellen Verhältnissen, immer wieder ermöglichte, das Ganze zu finanzieren. Häufig voneinander getrennt, dokumentieren hauptsächlich Tagebucheintragungen und  Briefe die Gestaltung des Gartens, der bis zum heutigen Tag noch immer weltweit Anziehungspunkt und Touristenattraktion bildet:

Natürlich wissen wir sehr wohl, daß diese Unsicherheit besser für uns ist als fade, wagnisfreie Sicherheit. Nach dem Essen haben wir uns mit der Vorderfront von Sissinghurst beschäftigt. Wir haben beschlossen, rechts und links der beiden Giebel Linden zu pflanzen, die den Torbogen einrahmen und sich der Pappelallee quer über die Felder anschließen. Das ist unser Leben. Arbeit, Unsicherheit und große finanzielle Vorhaben. Und, liegen wir falsch? Bei Gott! Wir liegen richtig.« (Harold Nicolson, Tagebuch 6. März 1932)

Zugleich handelt dieses Büchlein von der  so freizügigen wie innigen Beziehung zwischen Vita Sackville West und Harold Nicolson, die immer auch anderweitig gleichgeschlechtliche Affären unterhielten, daraus keinen Hehl machten, was die tiefe, liebevolle Bindung zueinander jedoch nie geschmälert hat.* Das mag den Gedanken einer Rückkehr zum Garten Eden, vor dem Sündenfall, nahelegen, womit sich der Kreis schließt. *Nigel Nicolson: „Portrait einer Ehe“. München 1974.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Den Buchtipp für August 2017 zum Herunterladen im Archiv.  

Buchtipp Juli 2017

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

 „Louieschen meinchen...“

 Astrid Lindgren Louise Hartung: „Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft“. Ausgewählt und herausgegeben von Jens Andersen und Jette Glargaard. Aus dem Schwedischen, Dänischen und Englischen von Angelika Kutsch, Ursel Allenstein und Brigitte Jakobeit, mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016.

Mehr als 600 Briefe in einem Zeitraum von elf Jahren gingen zwischen diesen beiden außergewöhnlichen Frauen hin und her: vom ersten Zusammentreffen im Oktober 1953 anlässlich einer Lesereise Lindgrens nach Berlin bis zum Tod Hartungs im Febuar 1965. Astrid Lindgren stand gerade am Beginn ihrer Karriere, als sie die Fotografin und einstige Sängerin im Umkreis von Bert Brecht und dem Duo Kurt Weill und Lotte Lenya, Louise Hartung, kennenlernte. Ihre Karriere musste Hartung im Zuge der Hitler-Diktatur an den Nagel hängen. Indessen operierte sie im Nachkriegsdeutschland als Art Kulturbotschafterin und Bildungsexpertin. Einer Funktion, in der sie sich entschieden für die Verbreitung von Lindgrens Werk in deutschen Schulen und Bibliotheken, und zwar gegen den Widerstand manch konservativer Stimme, einsetzte. Erkannte sie darin doch das Gegenmittel zu einer ideologisch noch ganz der Nazidiktatur verhafteten Nachkriegsgesellschaft. Das liebevoll mit Lesebändchen, Fotos und Abbildungen von Zeitdokumenten ausgestatte Buch im teils mehrfarbigen Druck gewährt dabei einen facettenreichen Einblick in den Wiederaufbau des kulturellen Lebens in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, zugleich aber auch in die Suche nach adäquaten Antworten auf die Fragen, die das Leben an uns stellt, und im Zuge dessen in manch weise Einsicht, hier aus einem Brief Lindgrens an Hartung: 

"Du hast recht, man muss sich im Leben selbst helfen – viele Menschen verstehen das nicht, sie glauben, das Leben sei so eingerichtet, dass  j e m a n d  eingreifen und einem helfen muss, wenn man in äußerster Not ist –, aber so ist das Leben nicht eingerichtet. Letzten Endes ist jeder Mensch ein kleines einsames Wesen, ohne die Möglichkeit, sich an einen anderen anzulehnen."

Weit mehr aber haben wir Anteil am stetigen Ringen um Nähe und Distanz der beiden Frauen, von denen uns hier nicht nur, wie der Titel suggeriert, „Briefe einer Freundschaft“ vorliegen, sondern seitens Louise Hartungs zugleich das Dokument einer leidenschaftlichen Liebe. Und wie in jedem Liebes-Arrangement gibt es auch hier den Part desjenigen, der sich darin verströmt und verzehrt, wie desjenigen, der, einem solchen Ansturm nicht gewachsen, zurückweicht. In ihrem so einfühlsamen wie kenntnisreichen Nachwort liefert Antje Rávic Strubel eine brillante Analyse dieser schicksalhaften Liaison und bringt uns Louise Hartung als schutzlos sich einer Art Wertheriade Hingebende nahe. Ganz gemäß ihrem eigenen Motto: „Wir brauchen in der Welt viel mehr »Abenteurer der Hingabe«, sonst ersticken wir an der Geschäftemacherei und der Bürokratie“. Einer Liebe, die allerdings in der Unbedingtheit, wie von Hartung vorgegeben, unerfüllt bleiben wird und das gemeinsame Glück, ob der Unmöglichkeit einer gemeinsamen Perspektive, zusehends überschattet. Zugleich jedoch verdankt sich diesem Briefwechsel laut Struwel Louise Hartung als die Entdeckung.

Andererseits mochte sie die tragische Konstellation zu höchster literarischer Eloquenz inspiriert haben. Von sprühender Intelligenz, voll hellsichtiger Lebensklugheit und immer wieder purer Lebensfreude, in quicklebendiger Bildersprache, ihre Briefe an Lindgren:

Zauberin! – Wie kann ein einziger Brief einen Menschen so froh machen! Erst heute habe ich begriffen, dass Sie anscheinend keine Änderung Ihrer Pläne mehr beabsichtigen, plötzlich sprang diese eingekapselte Freude so hell und lodernd hoch, dass ich fast nicht begreifen kann, wie der Gedanke an einen anderen Menschen eine so reine Freude bringen kann. Musik und Blumen, ja, aber den Menschen ist es kaum gegeben, ungetrübte Freuden zu bringen. Und doch befinde ich mich in reinem C-Dur!

Voller Enthusiasmus lässt sie den Leser an jedem neuen Buch von Lindgren teilhaben. Ebenso an ihrer ansteckenden Begeisterungsfähigkeit für den sinnlichen Genuss, der nach den Entbehrungen in Krieg und Nachkriegszeit umso stärkere Leuchtkraft besitzen mochte: sei es Kunst oder Musik, Naturschönheit und Blumen, Blumen und immer wieder Blumen. Zahllos die Danksagungen Lindgrens über Jahre hinweg: „Wie kann ich Ihnen nur für alles danken, die Blumen ...“  „In einer Vase stehen einige kleine Rosenknospen, sie blühen nicht auf, aber sie verwelken auch nicht. Die letzten Rosen aus dem Louise-Garten. Danke!“

Aber auch ein leckeres Essen oder einen guten Wein wusste sie zu schätzen und Lindgren nahezubringen: „... oder wir fahren an den Bodensee und essen Felchen, frisch aus dem See mit dem unbeschreiblichen Wein dazu, den es nur am Bodensee gibt ...“

Was sie darüber hinaus über all die Jahre hinweg zusammengeschweißt hat, ist ihr brennender Einsatz für das kulturelle Leben. Seitens Lindgrens in ihrer Funktion als Schriftstellerin auf dem Weg zu Weltruhm, seitens Hartungs als Art Kultur-Attaché. So waren Auseinandersetzungen über damit einhergehende Ereignisse in ihrem Briefwechsel immer wieder Thema. So etwa Hartungs Empörung über einen von Bayern gestellten Antrag, „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller als jugendgefährdend einzustufen. Sie hält das Buch für „Kunst“ und ein Verbot für verfassungswidrig. Lindgren hingegen, offenbar kein Fan von Henry Miller, hält sich bedeckt, spricht sich aber gegen die Befürchtungen der Moralisten aus, dass Jugendliche durch solche Literatur sexuell stimuliert würden – was solle daran falsch sein.

„Astrid – merkwürdig, dass man kalte Füße haben kann, während der Himmel blau ist und die Luft heiß und das Wasser warm ...“ heißt es in einem der letzten Briefe Hartungs und mutet wie ein Vorzeichen an. Noch einmal erlebten Lindgren und Hartung, gemeinsam mit deren Lebensgefährtin Gertraud Lemke, zehn Tage lang im neu erworbenen Haus Hartungs auf Ibiza eine Zeit der Idylle, obschon überschattet durch deren schlechten Gesundheitszustand. Ein letztes Mal besucht Lindgren sie am 21. Dezember 1965 im Krankenhaus. Am 24. Februar stirbt Louise Hartung in der Obhut Gertraud Lemkes, die sie gegen den Willen der Ärzte zu sich nachhause holte – zu früh: "„... da ist noch vieles andere, was ich auch noch gerne getan hätte, wenn die  Tage doch länger wären. Und das alles ohne Sinn und Zweck, nur aus Freude.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Ullstein Verlag.

Den Buchtipp für Juli 2017 zum Herunterladen im Archiv.  

Siehe auch unser Archiv:Dateien zum Herunterladen:  Buchtipp für Junge Leser vom Mai 2014: Astrid Lindgren, „Mio, mein Mio“, vom Mai 2017: Astrid Lindgren, „Karlsson vom Dach“.

Buchtipp des Monats Juni 2017

 © Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Sensationeller Fund und demokratisches Gedächtnis

                                                                                                                                                                                                                                             

Walt Whitman: „Jack Engles Leben und Werk“, Manesse Verlag, Zürich 2017. Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli mit einem Nachwort von Wieland Freund.

Eine Sensation auf dem literarischen Büchermarkt! In akribisch philologischer Kleinarbeit gelang es dem Whitman-Forscher Zachary Turpin 2016 den einst anonymen Autor des Romans „Life and Adventures of Jack Engle“ ausfindig zu machen: kein Geringerer als der US-amerikanische Dichter Walt Whitman, mit seinem Lyrik-Band „Grashalme“ schon zu Lebzeiten in die Welt-Literatur eingegangen. Erschienen als Fortsetzungsroman im New Yorker „Sunday Dispatch“ zwischen 14. März und 18. April 1852, liegen nun, nach sage und schreibe 165 Jahren, neben der amerikanischen, gleich zwei deutsche Fassungen vor. Eine dritte ist in Arbeit! Wir begnügen uns hier mit der gekonnten Übertragung so arrivierter Übersetzerinnen wie Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli im gleichfalls renommierten Manesse Verlag samt aufschlussreichem Anmerkungsteil und einem so umfangreichen wie fundierten Nachwort von Wieland Freund.

Der Autor Walt Whitman (1819-1885) ist auch in Deutschland kein Unbekannter. Neben den oben bereits erwähnten ‚Grashalmen’ wird sich so mancher an den Spielfilm „Der Club der toten Dichter“ aus dem Jahre 1989 erinnern, wo der von Robin Williams verkörperte, von allen geliebte Lehrer John Keating von seinen Internatsschülern mit Versen aus einem Gedicht Whitmans angesprochen wird: „Oh Captain, my Captain“, womit zugleich ein Bezug zu dem ermordeten US-Präsidenten Abraham Lincoln hergestellt wird.

Der Fortsetzungsroman „Jack Engles Leben und Abenteuer’ liest sich mit seinen 22 Kapiteln auf 157 Seiten nahezu wie eine gelungene Auftragsarbeit für eben jene Zeitung “Sunday Dispatch“. Auch wenn die Ausdrucksweise eines im 19. Jahrhundert lebenden Autors in New York zugegebenermaßen nicht selten gewöhnungsbedürftig scheint. Doch jeder, der Klassiker liebt, wird darüber hinwegsehen können. Man denke nur an Schriftsteller wie Edgar Allen Poe und Mark Twain oder den Briten Charles Dickens. Letzterer hatte auf Whitman offenkundig keinen geringen Einfluss. Wieland Freund macht in seinem Nachwort deutlich, dass sich „Thema, Motive, Stil, Handlungsführung und der alles zugrunde liegende Sentimentalismus ganz dem Londoner Großmeister verdankt“. Dementsprechend ist auch der Held des Romans, wie bei Dickens, ein Waisenkind, das es in die Großstadt zieht. Bei dem englischen Vorbild ist es London, bei Whitman New York. In beiden Fällen wiederum treibt ein krimineller Anwalt sein Unwesen. Bei Whitman der skrupellose Covert, der hinter der Erbschaft jener jungen Frau namens Martha her ist, die mit dem  Protagonisten auf schicksalhafte Weise verbunden ist.

Herausragend die plastische Figurenzeichnung. Sei es der Milchmann und Ziehvater des Protagonisten, Ephraim Foster, der ihn in jeder Hinsicht fördert, dessen Frau Violet, die der Ich-Erzähler Jack Engle nie vergessen wird. Sei es die ‚Prachtfrau’ und spanische Tänzerin Inez, in die er sich verliebt, oder der hinterhältige Covert. Von besagter Martha ganz zu schweigen, die den Kontakt zu Jack Engle mit einem Brief eröffnet.

Mit zahlreichen Tricks versteht es Whitman außerdem, seine Leser von Fortsetzung zu Fortsetzung bei der Stange zu halten. So brennt der Leser am Schluss jeder Folge darauf, wie es wohl weitergeht:  Erfüllt sich Jack Engles Liebe zu Inez? Wird er es schaffen, Martha zu helfen und in der bürgerlichen Welt sesshaft zu werden? Oder steht vielmehr zu befürchten, dass der Anwalt mit den hinterlistigen Machenschaften seine dunklen Ziele erreicht? Vor allem aber ist es das Geheimnis um den Namen des Helden Jack Engels, das es über viele der obschon kurzen Kapitel hinweg zu enträtseln gilt.

Bezeichnend nicht zuletzt die Faszination, die eine Großstadt wie New York mit ihren demokratischen Grundstrukturen auf den Helden ausübt. Selbst auf dem Friedhof der Trinity Church atmet Jack Engle den Geist der Freiheit, wenn er allein anhand der Grabsteininschriften entsprechende Geschichten von den Verstorbenen erzählt. So etwa von Edward Marshall und dessen Vorstellung von einer „Nation freier Bürger“ und ‚guter Regierungsführung’, von Alexander Hamilton als Patriot von unbestechlicher Rechtschaffenheit, zugleich ‚Staatsmann von vollendeter Weisheit’, oder von James Lawrence in der US-Navy. Vorbilder des Protagonisten, denen allesamt der lebende und in die Politik strebende Anwalt Covert menschlich wie ethisch nicht das Wasser reichen kann.

Amerika war zur Zeit des Romans bereits ein Einwandererland. Bei Jack Engel wird dies schon allein anhand  der Nebenfiguren deutlich, die etwa aus Irland oder Spanien kommen. Insofern könnte das Ganze tatsächlich als ‚Gegenentwurf zur aktuellen Lage Amerikas’ zu lesen sein, wie es treffend bei der Rheinischen Post „RP Online“ heißt und es einmal mehr an Brisanz nicht fehlen lässt. Figuren unterschiedlicher Konfession und Herkunft tun sich zusammen, empfinden Mitgefühl angesichts der prekären Lage der Waisenkinder. Insofern handelt sich bei dem literarischen Fund auch um eine demokratische Sensation. Zugleich Stimme aus dem Off, daran gemahnend, dass Amerika nicht nur immer schon Einwanderungsland war, sondern auch ein Staat mit demokratischer Tradition und ebenso demokratischen Werten. Alles andere als das, was der derzeit amtierende US-Präsident und New Yorker Bürger Donald Trump repräsentiert.

Dementsprechend gefeiert wird das Werk in namhaften Zeitungen und Radiomagazinen: »Eine Liebeserklärung des New Yorkers Whitman an seine Stadt«, heißt es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). »Dieser bezaubernde und auch ergreifende kleine Roman ist gerade jetzt in unseren oft so engköpfigen Zeiten eine sehr zu empfehlende Lektüre«, verlautbart Gabriele Arnim in „Deutschlandfunk Kultur“. »Eine Hommage an das multikulturelle Amerika, in dem jeder seine Chance auf eine bessere Zukunft bekommt, unabhängig von Herkunft, Stand oder Rasse«, bekennt Theresa Hübner im WDR.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem

Manesse Verlag.

 

 

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Buchtipp des Monats Mai 2017

 © Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Vier Variationen eines Lebens

Paul Auster: „4 3 2 1“, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2017. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.

Ein Buch – mit seinen 1258 Seiten so schwer und so dick wie ein Ziegelstein. Als Bettlektüre dementsprechend weniger geeignet. Im Kontrast dazu der eloquente Erzählstil, die gekonnten, teilweise sich über drei Seiten erstreckenden Satzkonstruktionen. Zu verdanken wohl auch der ausgezeichneten Übertragung ins Deutsche so renommierter Übersetzer wie Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Schnell und zügig gelangt der Leser so in die vom Zufall bestimmten vier Variationen der Lebensgeschichte des jugendlichen Helden Archie Ferguson. Zufälle sind ja die Spezialität des inzwischen siebzigjährigen Autors Paul Auster. Man denke an die inzwischen zu modernen Klassikern avancierten Romane „Die Musik des Zufalls“, „Nacht des Orakels“ und „Stadt aus Glas“. So weist auch hier der ungewöhnliche, aus Zahlen bestehende Titel „4 3 2 1“ auf besagte Zufallsvarianten hin. Bezeichnend an dieser Stelle die Gedanken Fergusons über ‚Schuld’ und ‚Dummheit’, als er von einem Baum stürzt: „Wäre der Ast nur ein winziges Stückchen näher gewesen...Hätte Chuck nicht an diesem Morgen geklingelt...Wären seine Eltern...in irgendeine andere Stadt gezogen. Er liebt es schließlich‚...sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe“. Dergestalt entwickelt sich der Protagonist in vier unterschiedliche Richtungen. Wobei die Familie in einer Variante zu Geld kommt, es in der anderen wieder verliert. Hier stirbt der Vater im Zuge eines kriminellen Aktes. Dort zieht Ferguson zu einer Bekannten seiner Mutter nach Paris. Eine Variante schildert, wie er infolge eines Unfalls eine verkrüppelte Hand zurück behält, eine andere gar seinen frühen Tod. Allen Varianten gemeinsam ist der Bildungshunger des Protagonisten. Reizvoll dementsprechend die Passagen, worin die kulturelle Vielfalt einer Weltstadt wie New York zur Sprache kommt. Beispielsweise, wenn Ferguson von seinen Unternehmungen berichtet, Filme von Godard, Kurosawa oder Fellini sieht, Kunstwerke des Museums of Modern Art betrachtet, zu Musikaufführungen in die Carnegie Hall pilgert oder Theaterstücken von Beckett, Pinter und Ionesco beiwohnt. Unzählige Romantitel fallen im Zuge dessen. Bücher etwa, die der Protagonist als Kind von seiner Tante Mildred geschenkt bekommt, weitere, die er später im Rahmen seines Kreativen Schreibstudiums rezipiert. Von besonderer Bedeutung gewiss jene Bücher, die ‚das Innerste umgekrempelt und ihn zu einem anderen Menschen gemacht haben’. Bücher von Dostojewski, Thoreau und vor allem John Cages „Silence“. In dem gesamten Roman wimmelt es nur so, wie schon angedeutet, von Buch- und Filmtiteln, Autorennamen sämtlicher Epochen, Filmregisseuren, Theaterleuten, Schauspielern – von Ingrid Bergmann bis James Stewart und Cary Grant, oder Musikern – von Glenn Gouldbis hin zu den Beatles, von Bach bis Mozart. Zitate von John Lennon und Cassius Clay bringen dabei zugleich den Zeitgeist zum Vorschein.  

 

Reizvoll nicht zuletzt auch der Werdegang des Protagonisten und angehenden Schriftstellers. Von der Gründung einer Schülerzeitung bis hin zur ersten veröffentlichten Sportreportage, was zu neuen Erkenntnissen in puncto Schreiben führt, wie zum Beispiel, dass es dabei ‚mindestens so wichtig ist, Wörter auszustreichen, wie welche hinzuzufügen’. Von den ersten Gedichten bis hin zur ersten Kurzgeschichte, die von dem Schuhpaar „Hank & Frank“ handelt, von dem Roman „Mulligans Reisen“ bis hin zu seinem essayistischen Sammelband „Wie Laurel und Hardy mir das Leben retteten“, was in einer glühenden Hommage an die beiden Komiker gipfelt. Eine Hommage, die sich schon viele Seiten zuvor angebahnt hat, wo Archie Ferguson als Kind deren Filme exzessiv in Kino und Fernsehen verfolgt. Hinzu kommen die zahlreichen Schreibübungen und Wortspiele, darunter etwa ‚das Nachahmen von  bewunderten Schriftstellern’, das ‚automatische Schreiben’, ‚das Austauschen von Buchstaben’ und vieles mehr. 

 

Doch kommen auch gesellschaftspolitische Verhältnisse, wie zum Beispiel der immer noch latente Rassismus in den USA, zum Tragen. Ebenso historische Ereignisse einer von Gewalt geprägten Staatengemeinschaft, wie etwa die  Attentate auf Malcolm X und Martin Luther King, die Ermordung John F. Kennedys. Über viele Seiten hinweg erhält der Tod dieses einst als ‚Mann der Zukunft’ bezeichneten Präsidenten neben dem Vietnamkrieg ein besonderes Gewicht, bezeichnet er doch einen Verlust, der bildlich gesprochen mit einem „Himmel ohne Mond“, einer „Welt ohne Bäume“ gleichzusetzen ist. 

 

Allerdings erschöpft sich das Werk dann auch wieder in ausführlichen und detaillierten Sportschilderungen. Basketball und Baseball beanspruchen ungewöhnlich viel, ja sogar mehr Raum als die Darstellung der blutig unterdrückten Unruhen in Harlem oder der Studentenproteste in Newark. Ebenso die Schilderung der Pubertät des Helden, was ja bereits einem allgemein zu beobachtenden Trend unterliegt und indessen in unzähligen Varianten hinlänglich bekannt ist. Ebenso fragt sich, warum der Alltag im New York oder Paris der sechziger Jahre im Fokus der spannungsreichen bisexuellen Veranlagung Archie Fergusons einen so auffallend breiten Raum einnehmen muss, wer sich damit heute, wo Zeit und Aufmerksamkeit mit zu den härtest umkämpften Ressourcen gehören, noch in diesem Ausmaß auseinandersetzen will.

 

Nichtsdestotrotz ein lesenswertes Buch, vornehmlich für alle, die selbst schreiben und etwas über das Know How aus erster Hand erfahren sowie Anregungen erhalten wollen. Ebenso für Paul-Auster-Fans, die sich über einen großen Zeitraum mit einem Werk beschäftigen mögen, das es zu enträtseln gilt, die Intellektualität und Introvertiertheit schätzen und gerne dem nachspüren, wo dem Autor anzumerken ist, dass er am liebsten jedes Detail des darzustellenden Objektes in Worte fasst, um dies in einem nicht enden wollenden Flow vor Augen zu führen. Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt-Verlag

 

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Buchtipp des Monats April 2017

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

"Wahnwitzige, Poeten und Verliebte bestehn aus  Einbildung" (W. Shakespeare)

David Foenkinos: „Das geheime Leben des Monsieur Pick“, Roman, Deutsche Verlagsanstalt 2017. Aus dem Französischen von Christian Kolb.

 

Die Mixtur scheint vielversprechend: Die aufstrebende Lektorin Delphine Despero verliebt sich in den jungen Autor Frédéric Koskas, dessen Debut einen Flopp landet, macht mit ihm Urlaub bei ihren netten liberalen Eltern in Crozon – am Ende der Welt in der bretonischen Provinz – streift mit ihm durch die ortsansässige Bibliothek. Dort erkunden sie die stattliche Ansammlung abgelehnter Manuskripte nach dem Vorbild der amerikanischen Brautigan Library, der „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“, Steckenpferd des indessen verstorbenen Gründers der ansässigen Bibliothek und Buchliebhabers Jean-Pierre Gourvec. Neugierig durchstöbern sie die Hinterlassenschaften der Verschmähten und stoßen darunter auf „Die letzten Stunden einer großen Liebe“, ein ‚Meisterwerk’! Delphine wittert ihre Chance. Zumal das Manuskript mit einem Namen, Henri Pick, aus Crozon, versehen ist. Schnell ist die Witwe des Autors, Madeleine, ausgemacht. Gezeichnet als typische Bretonin, bodenständig und geradeaus. Und dass ausgerechnet ihr Mann, der kaum je ein Buch zur Hand nahm, heimlich ein Meisterwerk verfasst haben soll, kann sie sich nicht vorstellen. Allein nach dem nicht nur biblisch, sondern auch wissenschaftlich sanktionierten Motto, ‚wer suchet, der findet’, machen Delphine und Frédéric immer mehr Indizien aus, dass ein augenscheinlich einfacher bretonischer Pizzabäcker mit besagtem abgelehnten Romanmanuskript einen Geniestreich hingelegt hat. Fulminanter Startschuss des künftigen Bestsellers, der nicht nur einen nie geahnten Medienrummel nach sich zieht, sondern darüber hinaus das bis dahin eher verschlafene Örtchen Crozon annähernd zu einem Mekka der Buchliebhaber avancieren lässt. Das Medieninteresse am Wohnort des Autors ist immens und füllt die Gemeindekasse. Kern des Romans ist jedoch, was dies mit dem darin verwobenen, vielfältigen Figurenensemble macht. Daraus ergibt sich zum einen die Lesart als Satire auf den Literaturbetrieb, zum anderen wiederum, in der facettenreichen Verknüpfung zwischen Liebe, Literatur und Leben, eine Fülle an Liebesgeschichten. Mitgerissen vom Strudel der Ereignisse, scheint ein jeder der hier miteinander Verstrickten aus seiner so liebgewonnen wie zugleich verabscheuten Routine herausgerissen. Die Karten sind neu gemischt und so manche unliebsame Wahrheit, aber auch anrührende Hintergrundgeschichte, enthüllt sich. Und ein jeder nutzt die sich darin bietende Chance nach Kräften. Alte Lieben zerbrechen, neue werden eingegangen. Andere, verborgene Lieben werden ans Tageslicht befördert, eine Amour fou durchgezogen, um im letzten Moment doch wieder zum Bewährten zurückzukehren, ohne Reue, obschon nicht ohne verwandelt daraus hervorzugehen. Nicht zuletzt ist es die Liebe zum Buch, zum Erinnern und Erzählen, die hier nicht weniger als die erotische Liebe ihre Magie entfaltet. So etwa bei der Nachfolgerin des Gründers der Bibliothek Jean-Pierre Gourvecs, Magali. Bei ihrem Eintritt in die Bibliothek kaum an Literatur interessiert, anverwandelt sie sich nach Gourvecs Tod offenbar dessen Buchvernarrtheit und tritt sein geistiges Erbe an, engagiert sie sich doch fortan mit Herzblut für das, was einst als seine Sache galt. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Gourvec, mit seiner französischen Version der „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“ und als Urheber des Ganzen, jemanden nur zu sehen brauchte, um zu wissen, welche Lektüre ihm zugeschrieben sei. So anempfahl er Magali einst „Der Liebhaber“. Sie hat es ihm noch unmittelbar vor seinem Tod gedankt. Wie sich ihr eigenes Schicksal wiederum Jahre später darin spiegeln soll, wissen einzig der Autor und der Leser, den er bisweilen zu seinem Mitwisser und Komplizen macht. Allerdings nur, um ihm im Handumdrehen wieder zu verstehen zu geben, dass alles anders kommt, als er ihn bis dahin hätte glauben lassen. Und so enthüllt sich, den russischen ineinander gesteckten Püppchen gleich, eins ums andere, so dass der Leser am besten, neben der Lektüre, zugleich das Hörbuch rezipiert. Denn leicht macht es der Autor ihm nicht, bei all den verworrenen Liebespfaden, ausgelegt mit Charme, Esprit und Ironie, zugleich den roten Faden im Blick zu behalten. Und so sehr die einzelnen, zutiefst menschlich geschilderten Liebesgeschichten bezaubern und berühren, insbesondere, wenn sie sich nicht materealisieren, sondern ihr Eigenleben in imaginären Sphären entfalten, so sehr ist der Leser am Ende nicht selten ratlos, der Kritiker, hier etwa die Kritikerin Nena Bopp, FAZ, enttäuscht. Weniger ist mehr möchte man Foenkinos anraten, auch wenn er uns im Detail immer wieder packt, ja mitreißt.

 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt!

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Buchtipp des Monats März 2017

 

 © Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Tiefgründig - Charmant – Ergreifend!

Muriel Barbery: „Die Eleganz des Igels“, Roman, 7. Auflage, dtv, München 2015. Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder.

 Wer liebt sie nicht, die leicht daher kommende französische Komödie in Film und Literatur. Mit Witz und Charme und Sinn für das Schöne. Dabei durchaus hintergründig und auf den zweiten Blick oft auch tiefschürfend. Flair, das nicht zuletzt den Reiz des mit weit über 600.000 verkauften Exemplaren und bereits verfilmten Werks „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery ausmacht. In über 30 Sprachen übersetzt, avancierte es nicht nur in Frankreich zum Bestseller.

Auf der Sonnenseite von Paris angesiedelt, spielt die Handlung in einem fiktiven Wohnhaus am linken Seine-Ufer, eben da, wo die Reichen zuhause sind. Sinnfällig kontrastiert die Protagonistin, jene vierundfünfzigjährige Concierge, Madame Renée Michel, mit dessen Bewohnern, rühmt sie sich doch, aus eher einfacheren Verhältnissen zu stammen. Geschickt gelingt es ihr, ihr wahres Ich vor Öffentlichkeit und Hausbewohnern zu kaschieren, indem sie nach außen hin sämtliche Klischees des Berufes erfüllt, ja sogar den Fernseher im Hintergrund laufen lasst, wenn jemand etwas von ihr will. Insgeheim jedoch ist sie hoch kultiviert, hat ein Faible für Philosophie und Literatur, liest u.a. die Schriften von Karl Marx, Emmanuel Kant, Husserl oder Romane der Weltliteratur, wie etwa von Tolstoi. Angetan haben es ihr zum Beispiel „Anna Karenina“ und die „Kameliendame“. Doch damit nicht genug. Auf dem Gebiet der Kunst kennt sie sich ebenfalls aus. Von Musik ganz zu schweigen. Mozart, Purcell und Eminem etwa zählen zu ihren Favoriten. Doch der Einzige, der sie durchschaut, ist der neu eingezogene Japaner und Importeur von Unterhaltungselektronik, Monsieur Kakuro Ozu. Und entgegen den Konventionen führt er Madame Michel zum Essen aus, zu einem richtig teuren Sushi-Essen in einem Nobel-Restaurant, versteht sich, was die bis dahin ehr zarten Bande der Freundschaft noch vertieft.

Und dann ist da noch das Pendant von Madame Michel, die zwölfjährige Hochbegabte Paloma, die an ihrem dreizehnten Geburtstag, dem 16. Juni, sterben will und sich gern bei Madame Michel versteckt hält. Sie ist es auch, der einzig die Nachbarin und Concierge Zugang zu ihrem reichen Innenleben gewährt, und die sie dem Titel gemäß wie folgt charakterisiert:

„Madame Michel besitzt die Eleganz des Igels: Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist, wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind.“

Am Ende entscheidet sich Paloma anders, wäre der Selbstmord einer Jugendlichen in dieser heiteren, unterhaltsamen, jedoch nie abflachenden Geschichte doch ein Fauxpas. Nichtsdestotrotz ist, wie im richtigen Leben, so auch hier, der Tod immer wieder gegenwärtig. Bewohner des Hauses sterben. Stets gibt es einen Anlass, der die Erinnerung an längst Verstorbene wachruft, was wiederum Madame Michel und Kakuro Ozu verbindet. 

Nicht konventionell erzählt, mäandert der Roman vielmehr durch  Reflektionen und Überlegungen. Sei es seitens der 54jährigen Concierge, sei es der zwölfjährigen Schülerin und deren tiefgründigen Gedanken und Tagebuchaufzeichnungen. Nicht zuletzt tritt dabei das Denken in Polaritäten, wie Jung und Alt, Reich und Arm, West und Ost zutage. So spiegelt die Freundschaft zwischen Renée Michel und Kakuro Ozu sowohl den Kontrast zwischen Arm und Reich als auch zwischen West und Ost wider, die Verbindung zwischen der Concierge und Paloma den zwischen Alt und Jung, aber auch Ober- und Unterschicht. Spiegelung, die zugleich dazu tendiert, die hier ins Spiel gebrachten Polaritäten aufzuheben, was wiederum den Reiz der Lektüre ausmacht. Laut „Le Figaro“, auf den Punkt gebracht, „Ein modernes Märchen, erfrischend und intelligent“, obschon mit einem jähen, ergreifenden, völlig unerwarteten Schluss.

 Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Buchtipp des Monats Februar 2017

© Erna R. Fanger                                 www.schreibfertig.com

"Es ist ganz richtig (...), dass das Leben rückwärts verstanden werden  muss. Aber (...), dass es vorwärts  gelebt werden muss (...), dass das Leben in der Zeitlichkeit nie recht verständlich wird, eben weil ich in keinem Augenblick vollkommene Ruhe finden kann, um die Stellung rückwärts einzunehmen." S. Kierkegaard

 

Der Existenzialismus oder Die Rückkehr der Philosophie ins Leben

 

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails, Verlag C.H. Beck, München 2016. Aus dem Englischen von Rita Seuß.

 

Mögen als Vorläufer der Existenzialisten all die Unzufriedenen, Rebellen und Entfremdeten seit alttestamentarischen Zeiten wie Prediger Salomo oder Hiob gelten, markiert, laut Sarah Bakewell „die Geburtsstunde“ der Bewegung ein „Abend um die Jahreswende 1932/33“ in Paris im Café Bec de Gaz, Rue Montparnasse, wo drei junge Philosophen sich lebhaft bei Aprikosencocktails und Spezialitäten des Hauses austauschten: die damals 25-jährige Simone de Beauvoir, ihr 27-jähriger Freund Jean-Paul Sartre –heute die prominentesten, spektakulärsten Vertreter des Existenzialismus – und dessen Studienfreund Raymond Aron, brillanter Intellektueller. Gebannt lauscht das Pärchen offenbar Letzterem, der aus Berlin eine ganz neue Philosophie mitbrachte, nämlich die von Husserl begründete „Phänomenologie“. Vorbei die abgehobene Beschäftigung mit abstrakten Fragestellungen und Theorien. Das Leben selbst war zum Gegenstand der philosophischen Betrachtung avanciert, so, wie der Mensch – hineingeworfen in eine Welt voller Dinge, Phänomene, sprich Erscheinungen – es in all seinen Facetten tagtäglich erfahre. Mit Husserl ging es buchstäblich ‚zur Sache’, zu den Dingen, welche die so genannten Phänomenologen zu beschreiben angehalten waren, so wie sie ihnen erschienen, nicht sie zu interpretieren oder erkenntnistheoretisch auf ihren Realitätsgehalt hin zu durchdringen! Husserls Devise: „das vor Augen Stehende sehen, unterscheiden, beschreiben zu lernen“. Sartre ist elektrisiert. Und was Hussel, später gefolgt von seinem Schüler Heidegger, theoretisch begründete, setzte Sartre fortan mit kreativem Eigensinn und Elan in die Praxis um. Dabei kreiste sein Denken um die Pole Freiheit und Verantwortung. Der Mensch, so Sartre, besitze keine festgefügte Natur, sondern erschaffe sich mit jeder Handlung, die er vornehme oder unterlasse, selbst neu, ungeachtet seiner biologischen, sozio-kulturellen oder biografischen Dispositionen.

 

       In 14 mitreißenden Kapiteln bringt Bakewell uns, neben den Irrungen und Wirrungen der Bewegung, vor allem deren Strahlkraft nahe. Und die reicht, allein im Zuge der Emanzipationsbestrebungen seitens Frauen- und Schwulenbewegung, nicht zuletzt der Schwarzen aus dem Joch der Unterdrückung, weit bis in das 21. Jahrhundert hinein. Darüber hinaus könnte das „Café der Existenzialisten“ mit der biografischen Durchdringung einer ganzen Bewegung und ihrer Vertreter nachgerade eine Renaissance derselben einläuten. Fällt die Aufarbeitung Bakewells aktuell doch in ein Klima, wo die Menschheit angesichts weltweiter ökonomischer und ökologischer Krisen, angesichts von Terror und Verteilungskämpfen, vielleicht mehr denn je aufgefordert ist, die Verantwortung, die ihr aufgebürdet ist, zu überdenken. Was nichts anderes heißt, als die uns bedrängenden Fragen immer wieder den Erfordernissen gemäß neu zu stellen, um zu angemessenen Antworten zu gelangen. Klima, in dem poststrukturalistische Beliebigkeit mit ihrem Blick auf die Welt als Spiel von Signifikanten und Signifikat sich als Sackgasse erwiesen hat. Und die großen, bereits seitens der Existenzialisten gestellten Fragen, „Was sind wir? und „Was sollen wir tun?“  brennen uns heute umso mehr auf der Zunge: Was beutet es, in einer säkularisierten Welt, ohne Gott und religiöse Bindungen – die führenden Existenzialisten, etwa Sartre, de Beauvoir oder Camus waren Atheisten – , ein authentisches, sinnvolles, glückliches, selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Verantwortung zu führen. In Gemeinschaft mit allen Individuen. Dabei den Blick auf die Entrechteten, Ausgegrenzten und Unterdrückten zu richten, sich für deren Befreiung ebenso einzusetzen wie für die eigene Emanzipation. Für die Erhaltung der Natur ein-, der Anwendung von Gewalt entgegenzustehen. Bereits die Existenzialisten der 50-ziger und 60-ziger Jahre wussten um „Angst und Überforderung angesichts permanenter Entscheidungszwänge“, was sich im fortschreitenden 21. Jahrhundert um ein Vielfaches potenziert haben dürfte.

 

       Kernstück der Bewegung war der gedankliche Austausch, das Gespräch, die Debatte. Und debattiert wurde dementsprechend viel, emotional und heftig, ja gestritten. Teils mit Folge unversöhnlicher Entzweiung. Etwa zwischen Martin Heidegger und dessen einstigem Mentor Edmund Husserl oder zwischen Sartre und Camus. Im Zuge dessen verbinden sich Philosophie, Biografie und Psychologie der im „Café der Existenzialisten“ sage und schreibe79 „Mitwirkenden“ aufs lebendigste. Bakewell beschert dem Leser mit diesem Meisterwerk, sprachlich brillant, dabei von begeisternder Zugkraft, Teilhabe an einer aufregenden, packenden Welt. Einer Welt, wo eben die Belange zur Sprache kommen, die ihn persönlich zutiefst (be)treffen. Wurden dort doch Fragen verhandelt, die bis heute einen jeden bewegen, den es drängt, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Der sich einmischen und einbringen, es nicht belassen will, wie es ist, sondern zu verändern bestrebt ist, was uns als Individuen daran hindert, die Erde aus all dem ‚Unheimlichen’ zu erlösen, das uns bedrängt, und sie zur Heimstatt für alle werden zu lassen, die auf ihr weilen. Und es scheint durchaus vorstellbar, dass das Werk eine Wiederauferstehung der Lesezirkel von einst initiieren könnte. In den 70ern die  Kapital- in den 80ern Peter-Weiß-Ästhetik-des-Widerstands-Lese-Gruppen. Mögen in den Teenager-Jahren des 21. Jahrhunderts Treffs à la „Café der Existenzialisten“ wie Pilze aus dem Boden schießen, wo wieder debattiert und neu entschieden wird, wie wir leben wollen. Warum nicht?

 Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck!

 

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Buchtipp des Monats Februar 2017
Der Existenzialismus oder Die Rückkehr der Philosophie ins Leben
Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails, Verlag C.H. Beck, München 2016.
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Buchtipp des Monats Januar 2017

© Erna R. Fanger                                 www.schreibfertig.com

  Wenn es hundert Schriftsteller gibt, gibt es auch hundert Wege, einen Roman zu schreiben.

 Haruki Murakami

 

Dem Fluss der Imagination folgend – Murakami, entschieden und bescheiden

 

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller, DuMont Buchverlag, Köln 2016, in der Übersetzung von Ursula Gräfe

Schon gleich im ersten Kapitel erfahren wir von Murakamis Auffassung über den Berufsschriftsteller, dass ‚sich entspannt einzurichten’ dem Verlust seiner Kreativität gleichkäme: „Schriftsteller sind wie Fische. Wenn sie nicht ständig gegen den Strom schwimmen, sterben sie“. Zugleich gibt es kaum ein Kapitel, aus dem nicht hervorginge, dass es in erster Linie Beharrlichkeit und Disziplin sind, die den Alltag dieser Zunft ausmachen: „Deshalb schreibe ich jeden Tag zehn Seiten. Wie eine Stechuhr.“ Als ein Höhepunkt ist hier gewiss Kapitel 6 „Die Zeit als Verbündete“ zu bezeichnen, wo er im Detail preisgibt, wie entscheidend es für ihn beim Schreiben eines Romans ist, sich die Zeit zu lassen, die es dafür braucht. Etwa Vorbereitungszeit: „’eine „Zeit der Stille’, in der man den Keim des Romans (...) in sich heranzieht und wachsen lässt, in der man den Willen, einen Roman zu schreiben, in sich aufbaut.“ Erst danach folgt "...die Zeit für die konkrete Umsetzung, Zeit, um das Entstandene an einem kühlen, dunklen Ort ‚einzulagern’, es wieder hervorzuholen und im natürlichen Licht zu bleichen, Zeit, um das Ergebnis genau zu prüfen, Zeit für die Feinmechanik..." Darüber hinaus ist es Verantwortung, die dem Schriftsteller obliegt: „Worte haben Macht, aber sie sollten einer gerechten Sache dienen.“

Unabdingbar gehört für Murakami das Lesen zum Schreiben:

"Durch die vielen verschiedenen Bücher, die ich verschlang, relativierte sich meine Weltsicht ganz von selbst (...) Ich entwickelte eine komplexere Perspektive, indem ich die in den Büchern beschriebenen Gefühle nachempfand, in meiner Fantasie frei durch Zeit und Raum reiste (...) ich betrachtete die Welt nicht mehr nur aus meiner Warte, sondern war auch in der Lage, meine eigene Weltsicht von außen wahrzunehmen."

Murakami vergleicht das Schreiben damit, „ein Musikstück zu spielen“. Weniger vom Kopf her also, vielmehr aus sinnlicher Erfahrung heraus, und, nicht zuletzt, aus purem Vergnügen. „Das Schreiben bereitete mir Freude, und ich verspürte ein unmittelbares Gefühl von Freiheit.“

Große Distanz hegt er gegenüber dem Literaturbetrieb, gegen den er sich eher wappnet, wie auch gegen Verlagslektoren, die sich bei ihm selten als unterstützend, vielmehr als nörglerisch und wenig konstruktiv erwiesen haben. Ebenso wenig, wie er etwas auf Literaturpreise und das Gerangel darum gibt. Und auch wenn er entschieden nicht für den Leser schreibt, zollt er diesem den allerhöchsten Respekt und erachtet es als seine „oberste Pflicht“, hier sein Bestes zu geben, weder Mühe noch Zeit zu scheuen, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Erhellend seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Originalität. Die attestiert er zunächst Musikern wie Bob Dylan, den Beach Boys oder den Beatles und legt drei Punkte fest, die hier auch für das Schreiben vorausgesetzt sein dürfen: 1) ein eigener Stil, 2) Ersteren aus eigener Kraft weiterzuentwickeln, 3) Mit besagtem eigenen Stil Maßstäbe zu setzen.

Über das Worüber man schreibt sinnierend, entwickelt er zunächst einmal ex negativo anschaulich, wie kontraproduktiv schnelle Schlüsse und Urteile sind. Stattdessen gelte es, die Wahrnehmung dahingehend zu schulen, die Dinge, Charaktere und Geschehnisse unvoreingenommen in das Reservoir der Erinnerung eingehen zu lassen. Zugleich bilde dies das Archiv zum Schreiben, aus dem man dann schöpft. „Fantasie ist Erinnerung“, so James Joyce, den Murakami in diesem Zusammenhang zitiert.

Und es bedarf auch keiner spektakulären Abenteuer, um ein spannendes Buch zu schreiben. Der Alltag, mit geschärfter Wahrnehmung unter die Lupe genommen und angereichert mit der eigenen Vorstellungskraft, bietet Stoff zur Genüge, „in Wirklichkeit wimmelt es (...) von magischen, geheimnisvollen Rohdiamanten, die nur darauf warten, geschliffen zu werden. Schriftsteller sind Menschen, die einen besonderen Blick dafür haben (...)

Nicht zu vergessen, legt Murakami großen Wert auf die Beziehung zwischen Körper und Geist. Je älter man wird, desto mehr wird dies evident. Weshalb er regelmäßiges Training für unabdingbar hält – er selbst hat sich dem täglichen Laufen verschrieben. Denn täglich stundenlang am Schreibtisch geistig zu arbeiten ist eine erhebliche physische Herausforderung.

Ausführlich lässt sich Murakami über das Eigenleben seiner Figuren aus, hinter die er als Autor zurückzutreten und ihnen zu folgen aufgefordert ist. Sara in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki* zum Beispiel gab mit ihrer Bemerkung, „Du wirst nicht sehen, was du sehen willst, sondern sehen, was du sehen musst“, dem Roman eine unverhoffte Wende. War dies für den Protagonisten doch Anlass, seine vier Freunde, die ihm aus für ihn unerfindlichen Gründen den Rücken gekehrt hatten, nach Jahren aufzusuchen. Aber auch über den langen Prozess, den es bedurfte, sich von der früheren Ich-Stimme zu lösen und in der Distanz gebietenden dritten Person zu schreiben, erfährt der Leser und gewinnt dabei einen differenzierten Einblick in die Funktion von Erzählperspektiven.

Nicht zuletzt ist ihm eine Lektion ‚in Fleisch und Blut’ übergegangen: dass, was immer er schreibt, es von der Kritik schlechtgemacht wird. Es sind die Leser seiner Bücher, die ihm ihre Anerkennung zollen und denen Murakami eine besondere Verbundenheit attestiert. Sein Fazit – ein Zitat aus dem Song „Garden Party“ von Ricky Nelson:

You see ya can’t please everyone/ So ya got to please yourself

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem DuMont Buchverlag!

 * Siehe auch Buchtipp des Monats Februar 2014 in unserem Archiv!

 

Buchtipp des Monats Dezember 2016

© Erna R. Fanger                                 www.schreibfertig.com

 

Faction, Fiction & Magie

 

Hans Christoph Buch: Elf Arten, das Eis zu brechen, Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main 2016

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. (...) ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Franz Kafka, 27. Januar 1904 in einem Brief an Oskar Pollak

 

Was in der obigen Präambel postuliert wird, erfüllt Hans Christoph Buch, Jahrgang 1944, Literaturtheoretiker, Essayist, Publizist, Erzähler, sehr wohl. Selten hat ein Buch so präzise menschliche Existenz ins Visier genommen, die, je tiefer wir in sie einzudringen vermögen, sich dem rationalen Zugang umso mehr zu entziehen droht. Worauf übrigens gleich die Präambel von Jules Verne aus „Die Eissphnix“ hindeutet: Mit jeder Drehung der Schraube drang ich tiefer ins fahle Innere des Eisbergs vor. Mit jeder Schicht veränderte sich meine Sicht. Der Eisberg wurde für mich zu einer Person, und je lichter er wurde, desto stärker fühlte ich so etwas wie Verlust, ja Vergänglichkeit. Denn je mehr wir wissen, desto weniger sicher wähnen wir uns. Sei es in der Bewertung des eigenen Lebens, sei es in der Einschätzung des Laufs der Zeit, des Laufs der Welt, die gleichwohl weniger einer erkennbaren Logik folgen, als sie sich vielmehr in grotesk anmutenden Sprüngen vollziehen.

Woran wir uns als Leser halten können, ist die klare Struktur, die der Autor vorgibt. Nach dem Vorspann, der, auf das letzte Buch anspielend, ein Rondo ergibt, erfolgen drei Bücher mit den bekannten grundlegenden Fragen: Erstes Buch: WER BIN ICH?, Zweites Buch: WOHER KOMME ICH?, Drittes Buch: WOHIN GEHE ICH? Unterteilt in jeweils vier, ein Mal drei Kapitel.

       Wobei der Autor sich im ersten Buch: WER BIN ICH? weniger über sich selbst als Person definiert, als vielmehr in seinen Verstrickungen in ein Beziehungsgeflecht teils wahnwitziger Verbindungen, die ihn, als Schriftsteller, ehemals Kriegsreporter weltweit unterwegs, hautnah mit den Wirren des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in Berührung kommen lassen. Im ersten Kapitel, „Russland nackt“, als Kritiker etwa von Wladimir Snominski, der bei Lew Kopelew Germanistik studiert hatte und an einer Geschichte der Westberliner Literatur arbeitete, nach Moskau eingeladen, entpuppt sich dieser später als Hauptmann des KGB. Dort hatte seine Karriere ‚mit dem Diebstahl eines handgeschriebenen Briefs von Bertolt Brecht an Boris Pasternak begonnen, den er nach der Wende

meist bietend auf einer Auktion versteigerte’. Unter dem Einfluss von Schaschlik zum Frühstück aus jedweden Fleischsorten und stets in Strömen

fließendem Alkohol – ob Bier, ob Wein, Champagner, Krimsekt, Wodka, Kognak oder Likör – erfährt der Leser von so tollen wie zugleich haarsträubenden Geschichten. So etwa, wenn die liebeshungrige Witwe eines hochbezahlten, obschon wenig begabten, Staatsdichters und Ex-Tänzerin des Bolschoi-Balletts sich allem Anschein nach gleichwohl als Mitglied des KGB erweist und dem Ich-Erzähler nach einem so kurzen wie heftigen erotischen Stelldichein der Pass fehlt!

       In „Kaukasische Nemesis“ erfahren wir über einen Aufenthalt in Tschetschenien und seine Bewohner, deren Mentalität Buch dem Leser über ein Puschkin-Zitat nahebringt: „Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers. Mord ist bei ihnen nur eine Körperbewegung“. Dies wiederum verleiht dem Zusammentreffen mit dem gewaltbereiten tschetschenischen Terroristen Schamil Bassajew seine spezifische Tönung. Eines Nachts seitens tschetschenischer Rebellen mit Kalaschnikow bedroht, haben die es – Alkohol ist strengstens verboten und wird mit öffentlicher Auspeitschung bestraft – lediglich auf seinen mit einer Flasche Johnny Walker bestückten Koffer abgesehen, die sie von Mund zu Mund wandern lassen.

       Der Höhepunkt an Brutalität und Unmenschlichkeit erfolgt in Kapitel „Sok Sinn oder die Rast am Nudelberg“ über die Gräuel der roten Khmer. Hat Buch angesichts der Kriegsruinen im Kosovo „Das Unbeschreibliche – hier ist’s getan“, Zitat aus Goethes Faust, bemüht, trifft dies einmal mehr auf das Leid in den so genannten, über ganz Kambodscha verstreuten „Killing Fields“ zu. Vor dem Rückflug auf eine seit Monaten im Souterrain des Flughafens vegetierende Gruppe illegaler Flüchtlinge aus dem Kongo treffend, bleibt als Mittel der Darstellung nur noch der Schwenk ins Surreale, demgemäß „es jenseits der von Lebenden bewohnten Welt eine zweite Wirklichkeit gibt, in der Untote, die nicht sterben können, Kanalgitter umdrängen, durch die trübes Licht (...) sickert...“

       Im vierten Kapitel, „Die Verlobung in Port-au-Prince“, größtenteils Collage aus Amtsschreiben, Dokumenten und persönlichen Briefen, kommt Buch auf ein dunkles Familiengeheimnis seines mit einer Einheimischen verheirateten Großvaters auf Haiti zu sprechen. Zugespielt hat es ihm eine „Laune des Schicksals“, und zwar in Gestalt eines französischen Historikers, der ihm einen Briefwechsel aus dem Archiv des Auswärtigen Amts mailte.

Im zweiten Buch: WOHER KOMME ICH? geht es um die Personen, die ihn von Kind auf geprägt haben – „Portalfiguren“ seines Lebens. So wird in „Sätze über meinen Vater“ die Kluft des Schweigens zwischen Vater und Sohn offenkundig. Zeichnet Ersterer sich doch, wie alle Väter jener Zeit, durch Abwesenheit aus. Im Übrigen ist er, seines Zeichens Diplomat, zugleich Bildungsbürger, so glänzend gezeichnet wie unnahbar: kultiviert, belesen, rezipiert er Shakespeare ebenso im Original wie die Bibel und ist des Klavierspielens mächtig. Schilderungen wechseln hier mit Passagen des Inneren Monologs und geben so ein komplexes Bild ab.

       Dieses Verfahrens bedient er sich auch in „Zwei, drei Dinge, die ich über sie weiß“, wo es in Anlehnung an den Godard-Film gleichen Titels um die seltsam blass bleibend Beziehung zur Mutter geht, die nach einer

Tumoroperation zu malen beginnt, Picasso Modell sitzt und von diesem auch gefördert wird.

       Glanzstück ist die Auseinandersetzung in „Der Freund meines Vaters“ mit dessen Beziehung zu Dr. Nüsslein, hochgebildet und kultiviert, wie dieser. Auf der Prager Burg machte er als Protégé von Heydrich eine

Blitzkarriere in der NSDAP und hatte so manches Todesurteil unterschrieben. Nach dem Krieg von den Amerikanern wieder nach Prag überstellt und wegen Kriegsverbrechen zu Zwangsarbeit verurteilt, wurde er 1955 in den Westen abgeschoben. Das gesamte Kapitel kreist angesichts des Besuchs des Autors des 90-jährigen Dr. Nüsslein in einer Seniorenresidenz in vielfältigen Umdrehungen um die eine Frage: Warum hatte Buchs Vater, selbst kein Nazi, geduldet, dass Dr. Nüsslein im Auswärtigen Amt noch einmal so etwas wie ein Lebensstelle bekleiden durfte. Auf eine Antwort wird er nicht stoßen: „(...) alles zählte nicht mehr, war bedeutungslos gegenüber dem, was jetzt vor ihm lag, eine Grabplatte aus grauem Granit, ein furnierter Eichensarg (...)“

       So blass die Beziehung zur  Mutter, so farbig in „Erziehung durch Tanten“ die zu Tanti Mosler, Nachbarin und Nenntante, die ihn in den Nachkriegsjahren zu sich nahm, wenn seine Mutter sich nicht um ihn kümmern konnte. Überzeugt davon, dass er später einmal Chefarzt oder Professor würde, verwöhnte sie ihn mit Bitterschokolade, die er nicht mochte, und Torte. Als Buch sie Anfang der 80-er Jahre besucht, erfährt er von ihrer großen Liebe Franz, einst musisch begabter Stabsarzt und in Galizien gefallen. Aus Mitleid hat sie dessen hirnverletzt aus dem Krieg heimkehrenden Bruder geheiratet, Onki Mosler.

Im dritten und letzte Buch: WOHIN GEHE ICH? wird noch einmal der Faden zum Vorspann mit dem Motiv des Eisbrechens auf- und der Leser in „Reise zum Pol der relativen Unzulänglichkeiten“ auf eine Antarktis-Expedition mitgenommen. Gefolgt von „Birds of Central America“, wo Buch einem Schriftsteller Kongress in Managua, Hauptstadt Nicaraguas, beiwohnt. Um in „Ultima Thule“, Bezeichnung für den letzten Rückzugsort der von der Zivilisation verdrängten Eskimos, noch einmal, diesmal in die Arktis, aufzubrechen. Die drei Kapitel wiederum verbindet die rätselhaft inszenierte Beziehung Buchs zu dem Art Alter Ego und zugleich Spiegelfigur Hans Busch, einem Ornithologen aus der früheren DDR, der herausgefunden haben soll, dass die als Skuas bezeichneten Raubmöven auf ihren Vogelzügen von der Antarktis zur Arktis fliegen. Auch die Frage, wohin gehe ich, wird mitnichten beantwortet. Allenfalls mag sie sich im 9. Abschnitt des zweiten Kapitels entschlüsseln, wo er in Buch der Prediger auf eine für die von ihm unternommene Zeitreise in seinen Augen passende Bibelstelle stößt: „Was geschieht, ist zuvor geschehen, was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen, und Gott sucht wieder auf, was vergangen ist.“

 Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

  Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH! 

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Buchtipp des Monats Dezember 2016
Faction, Fiction & Magie
Hans Christoph Buch: "Elf Arten, das Eis zu brechen", Frankfurter
Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main 2016
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Buchtipp des Monats November 2016

© Hartmut Fanger                                 www.schreibfertig.com

Wahre Geschichten des Meisterspions

 

John Le Carré: Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben, aus dem Englischen von Peter Torberg, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016

Ein Buch nicht nur für John-le-Carré-Fans, sondern für alle, die, über das Lesevergnügen hinaus, etwas über das Schreiben aus eloquenter Feder erfahren und sich mit dem Schriftstellerleben an sich beschäftigen wollen. So wird der Leser hier Zeuge, wie sich die unterschiedlichen Leben John le Carrés, als Spion einerseits, als Schriftsteller andererseits, miteinander verweben und dabei zutage tritt, wie er zu so manch brisantem Stoff seiner Thriller-Romane gekommen ist. Insbesondere von „Der Spion, der aus der Kälte kam’, und „Dame, König, As, Spion“, die bereits preisgekrönt verfilmt wurden. Und natürlich werden ebenso wie in seinen fiktiven Erzählungen auch hier sogenannte Überläufer, Maulwürfe und Doppelagenten thematisiert.

Dabei gibt Le Carré großzügig Auskunft darüber, welche schriftstellerischen Tricks er angewandt - und wie überhaupt er das Schreiben erlernt hat. Der große Autor Graham Greene zum Beispiel, von dem er viel profitiert hat, wird immer wieder zitiert. Eine Fülle von Episoden, in sich abgeschlossen, von reißerischer, spannender und brisanter Dramaturgie, ziehen den Leser in den Bann. Zugleich ein Stück Zeitgeschichte, so unterhaltsam wie aufrüttelnd vor Augen geführt: vom kalten Krieg nach 1945 bis hin zu dem tödlichen Attentat auf John F. Kennedy, von Perestroika unter Gorbatschow bis zum Mauerfall, von der Begegnung mit dem schillernd in Szene gesetzten PLO Chef Arafat bis hin zum 11. September 2001, von Guantánamo bis zu Edward Snowden.

Faszinierend und exotisch muten die Erlebnisse in der Opium-Höhle von Laos an, die Mission in Hongkong oder Phnom Penh sowie die zahlreichen Reisen zu den Brennpunkten der Welt: Beirut, Moskau und Jerusalem. Dabei stoßen wir immer wieder auf eine außerordentliche, nahezu unglaubliche Vielfalt menschlicher Existenz aus einer Perspektive eines Geheimagenten, die dem Durchschnittsbürger in der Regel verschlossen bleibt.

Darüber hinaus zeigt John le Carré auf, dass er als Brite, einst in Oxford dem Studium der Deutschen Sprache und Literatur verschrieben, sehr wohl bewandert war in den „Dramen von Goethe. Lenz, Schiller, Kleist und Büchner“, er von Thomas Mann und Hermann Hesse schwärmt und sich nicht zuletzt in Deutscher Geschichte auskennt. Sei es, wenn er von den Verbrechen des Nationalsozialismus vor und während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere von Konzentrationslagern, berichtet. Oder wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg beanstandet hat, dass ‚die alte Nazi-Garde sich auch weiterhin an die besten Posten klammerte’ und unter Adenauer üble Gesetze schuf. Von der daraus resultierenden Gegenbewegung und der radikalisierten Bader-Meinhof-Gruppe mit ihrer Roten-Armee-Fraktion ganz zu schweigen.

Historie wird bei John le Carré dann besonders plastisch, wenn er entscheidende Momente in Szene setzt. So zum Beispiel, als der einstige Kanzlerkandidat der SPD, Fritz Erler, zur Adenauerzeit den damaligen scheidenden britischen Premierminister Macmillan trifft und diesen in dessen Beisein angesichts seiner Einschätzung der Atomwaffenpolitik der USA als ‚nicht regierungsfähig’ einstuft.

Doch damit nicht genug. Immer wieder spannend lesen sich auch die Begegnungen mit zeitgenössischer Prominenz, insbesondere aus dem Filmgenre. So etwa mit den Schauspielern Richard Burton oder Alec Guinness, den Carré in einem Geleitwort porträtiert. Des Weiteren das Zusammentreffen mit den Regisseuren Sydney Pollack oder Francis Ford Coppola. Unvergesslich das Zusammentreffen mit Fritz Lang, als im Zuge dessen sich immer deutlicher abzeichnet, wie der einst gefeierte Regisseur von „M“ mit Peter Lorre als Kindsmörder,  „Metropolis“ oder „Dr. Mabuse“  in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, nun, Mitte der sechziger Jahre im hohen Alter, der Blindheit nah, nicht mehr gefragt war, dies jedoch nicht wahrhaben wollte. Le Carré nahm ihm diesen Glauben nicht, als sie auf Wunsch Langs zusammenkamen, um aus dem „Kleinen Buch Ein Mord erster Klasse einen Film zu machen. Lang indessen gab sich, entgegen den auch äußerlich sich manifestierenden Zeichen des Niedergangs, wie eine Diva.

Besonders nah kommt der Leser dem Autor, wenn er von seinem Vater erzählt, den er bei dessen Vornamen „Ronnie“ nennt und als „Hochstapler, Phantast“ und „immer wieder mal Knastbruder“ bezeichnet. Dieser Ronnie hatte seinem Sohn keine glückliche Kindheit beschert und seine Mutter schon früh veranlasst, ihren nichtsnutzigen Gatten samt ihm, seinem Sohn, zu verlassen. Erst nach dessen Tod war es John le Carré möglich, sich mit ihm zu versöhnen. Obschon ‚er manchmal noch immer der Berg’ sei, ‚den es zu bezwingen gilt’.

Ein Buch, das sich von der ersten Seite an packend liest und das man bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen kann. 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für das uns freundlicherweise überlassene Rezensionsexemplar gilt dem Ullstein-Verlag!

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Buchtipp des Monats November 2016
Wahre Geschichten des Meisterspions
John le Carré: "Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben", Ullstein Buchverlage, Berlin 2016
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Buchtipp des Monats Oktober 2016

© Erna R. Fanger                                 www.schreibfertig.com

Mit der Allmacht der Liebe wider den Terror des Kriegs

oder ‚die Dinge des Lebens’

 

Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant (1962, dt. 1979), suhrkamp taschenbuch (2007), 8. Auflage 2016

Wer Der Garten über dem Meer – unser Buchtipp vom September – beendet hat, fängt entweder wieder von vorne zu lesen an oder greift zum nächsten Werk Rodoredas (1908-1983). Wir haben Letzteres bevorzugt und uns dem Roman gewidmet, der sie berühmt machte: Auf der Plaça del Diamant, über den spanischen Bürgerkrieg aus der Sicht einer jungen Frau. Sich einer Art Innerem Monologs bedienend, bringt Rodoreda mit frappierender Intensität den emotionalen Aufruhr der Protagonistin entsprechend ihrer Zerrissenheit fragmentarisch zur Sprache: in Gedanken, Assoziationen, Bildern und Erinnerungsfet­zen. Emotionaler Aufruhr, zunächst dem Furor der Liebe geschuldet, bestimmt zugleich den Ausgangspunkt der Geschichte: Die Konditoreiverkäuferin und Ich-Stimme lässt sich von Freundin Julieta – sie kann niemandem etwas abschlagen – dazu drängen, nachdem sie ‚den ganzen Tag über Kuchen und Törtchen verkauft hatte’, mit auf die Plaça del Diamant zu kommen. Dort wird gefeiert, musiziert und getanzt. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen, als unverhofft ein Mann sie anspricht, darauf beharrend, dass sie seine Frau würde, obwohl sie ihm sagt, dass sie verlobt sei. Unbeirrt lacht Quimet, von Beruf begeisterter Möbeltischler, darüber und hält an seiner Prophezeiung fest, nennt sie Colometa und lässt sich auch davon nicht abbringen, obwohl sie Natàlia heißt. Er soll recht behalten. Die beiden heiraten, bekommen zwei Kinder, haben Freunde... „Und alles ging so seinen Gang, mit den paar kleinen Sorgen, die jeder hat, bis die Republik kam...“ Schleichend zunächst, dann immer gravierender, die Auswirkungen des Bürgerkriegs. Lebensmittelknappheit und Armut belasten zunehmend die kleine Familie und der ‚frische Wind’, den der politische Aufruhr der Linken zunächst mit sich brachte,

(...) verging und alles, was danach kam, war nicht mehr so wie diese Frische von damals, von diesem Tag, der so einschneidend war in meinem Leben, denn es war April, und die Knospen waren noch zu, als aus meinen kleinen Sorgen große Sorgen wurden.

Quimet, der als Möbeltischler kaum mehr Arbeit findet, setzt auf Taubenzucht in der kleinen Wohnung, was die Familie zusätzlich belastet und sich zusehends zu einer Zerreißprobe auswächst, bis Natàlia schließlich die Brut unterbindet. Immer seltener weilt Quimet zu Hause. Dort wiederum nagt der Hunger. Natàlia bittet schließlich eine mütterliche Freundin, sich um ihre Kinder zu kümmern, und sucht sich eine Putzstelle. Bei den wenigen Besuchen von Quimet oder Freund Cintet schaffen diese Lebensmittel heran und beklagen den Krieg: „(...) daß es wirklich ganz traurig sei, daß wir, die nichts anderes als Frieden und ein bißchen Freude im Leben haben wollen, in so ein Stück Geschichte verwickelt werden müßten.“ Als Natàlia sich zunehmend außerstande sieht, zwei Kinder zu ernähren, bringt sie den älteren Antoni unter traumatischen Umständen und herzzerreißenden Szenen in einer der gefürchteten Kinderkolonien unter, wo er wenigstens zu essen hätte, während die jüngere Rita bei ihr bleibt. Als schließlich eines Tages ein Milizsoldat klingelt und Natàlia kundtut, dass Quimet und Cintet „mannhaft gefallen seien“, verliert sie, die Verheerungen des Bürgerkriegs im Blick, buchstäblich den Boden unter den Füßen:

(...) ich lachte jetzt nicht mehr. Man sah sehr alte Männer, die noch lernten, wie man auf der Straße Krieg führt. Jung und Alt, alles mußte in den Krieg; der Krieg saugte alles in sich hinein und brachte allen den Tod. Viele Tränen, viel Kummer, drinnen und draußen.

Als sie kurz darauf erfährt, dass man ihren Freund und Vertrauten Mateu erschossen hatte, reagiert sie kaum. „Aber der große Schmerz kam erst nach fünf Minuten heraus, und ich sagte leise vor mich hin, so, als ob mir die Seele in meinem Herzen stirbt, nein, das kann nicht sein, das kann nicht sein...“ Noch einmal fragt sie bei der alten Herrschaft um Arbeit. Als die sie abweist, weil Quimet auf der falschen Seite gekämpft hatte, steht ihr Entschluss fest. Ohne Geld, mit dem Vorsatz, dem Mann aus dem Laden, in dem sie einst Taubenfutter gekauft hatte, zu sagen, sie hätte es zuhause vergessen, kauft sie Salzsäure für sich und die Kinder und macht sich auf den Heimweg. Doch frei nach Hölderlin ‚ist, wo die Gefahr am höchsten, das Rettende auch nah’: Es wendet sich das Blatt des Schicksals noch einmal überraschend zu ihren Gunsten. Der Mann aus dem Laden geht ihr nach, sie eindringlich bittend, doch mit ihm dorthin zurückzugehen. Er bietet ihr eine Putzstelle an, was den Beginn einer allmählich, sehr behutsam sich vollziehenden, wundersamen Rettung markiert. Bezeugt auf den letzten Zeilen in der für Roderoda typischen Art, im Detail den ‚Dingen des Lebens’ zu huldigen – wie in ihrer Präambel bezeugt und von Gabriel García Marquez in seinem beachtenswerten Nachwort bestätigt, in dem er Rodoreda noch einmal anlässlich ihre Todes im April 1983 seine Bewunderung zollt:

... und in jeder Wasserpfütze, so klein sie auch sein mag, war ein Stück vom Himmel ... und manchmal brachte ein Vogel den Himmel durcheinander ... ein Vogel, der Durst hatte und der, ohne es zu wissen, mit seinem Schnabel den Himmel durcheinanderbrachte, diesen Himmel aus Wasser... oder ein paar Schreihälse, die von den Bäumen heruntergeschossen kamen und sich mitten in die Pfütze setzten und sich badeten und ihre Federn aufplusterten und den Himmel schmutzig machten mit ihren Schnäbeln und mit ihren Flügeln. Vor Freude ...

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

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Buchtipp Oktober 2016
Mit der Allmacht der Liebe wider den Terror des Kriegs oder ‚die Dinge des Lebens’
Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant (1962, dt. 1979), suhrkamp taschenbuch (2007), 8. Auflage 2016
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Buchtipp des Monats September 2016

© Erna R. Fanger                                 www.schreibfertig.com

 

Sechs Sommer und eine Liebe in Scherben

 

 Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer, Roger Willemsen (Hg.), Berlin Verlag, 3. Auflage Juni 2016, TB (mareverlag, Hamburg 2014)

 

 Nicht umsonst gilt Mercè Rodoreda (1908-1983) als die Grande Dame der katalanischen Literatur, hoch geehrt und mit Preisen bedacht, die 1962 den wohl berühmtesten katalanischen Roman, Auf der Plaça del Diamant, vorlegt. Der große Gabriel García Márquez soll ihn wieder und wieder gelesen, ja eigens dafür katalanisch gelernt haben.

 

            Als 1967 Der Garten über dem Meer erscheint, lebt Rodoreda – in Spanien herrscht die Franco-Diktatur – im Genfer Exil. Der Roman spielt in den späten 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Schauplatz und zugleich Kulisse ist der Garten um ein Herrenhaus über dem Meer, in sechs Sommern hintereinander bewohnt von den „jungen Herrschaften“, einem reichen Paar und seinen exaltierten, ebenso wohlhabenden Freunden. Angesagt sind vergnügliche Tage mit Schwimmen, Malerei, jede Menge Partys, darunter rauschende Feste. Erzählt aus der wohlwollenden Perspektive der Erinnerungen des alten Gärtners, der nachts nicht selten durch den Garten streift, ‚um ihn atmen zu hören’, und dessen geliebte Frau ihm einst ‚unter den Händen wegstarb, fast wie ein Vogel’: „Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre ... Eher weil ich Menschen mag, und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr.“ Er kennt sie alle, nimmt an ihrem Leben teil, wie etwa an dem des Malers Feliu Roca, der nur ein Motiv hat – das Meer – und immer wieder daran scheitert, es auf die Leinwand zu bannen. Der Gärtner, sich um alles was wächst und sprießt kümmernd, teilt den Alltag mit etlichen weiteren Bediensteten, vornehmlich Köchin Quima, die mit argwöhnischer Bewunderung, dabei nicht immer ohne Neid, das sorglose Leben der Herrschaften verfolgen. Doch zunehmend beunruhigen Risse, Ausläufer eines unsichtbaren, aber nicht zu leugnenden Bebens, augenscheinliche Leichtigkeit und Glanz. So, wenn im Sommer nach dem grandiosen Fest anlässlich Rosamarias Schwangerschaft, das ihr Mann Francesc im Überschwang seiner Freude veranstaltet hat, herauskommt, dass sie ihr Kind im Zuge einer Fehlgeburt verloren hat.

 

Wendepunkt ist in einem August, zu Mariä Himmelfahrt. Die Herrschaften sind auf einem Ausflug. Da kommt ein altes Ehepaar auf der Suche nach ihrem Sohn Eugeni. Gebrochene, verstörte alte Leutchen. Von weit herkommend, werden sie von dem alten Gärtner in Empfang genommen und wollen von ihm wissen, „ob Rosamaria irgendetwas über Eugeni gesagt hat“. Und aus den Bruchstücken der Erzählung der beiden offenbaren sich vereinzelt die Splitter einer zerbrochenen Liebe zwischen dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Eugeni und Rosamaria aus reichem Hause. Unzertrennlich seit den Tagen ihrer Kindheit, sind sie später ein Liebespaar. Bis dann Francesc in die Nähe zieht ...

 

Damit ist die Spur gelegt, auf der sich der Gärtner in der Erinnerung vollends entlanghangelt. Zugleich als Leser ihr folgend, offenbart sich nach und nach ein existenzielles Drama von umfassender Zerstörungsmacht, das schließlich mit dem, wie Roger Willemsen es in seinem so zartfühlenden wie furiosen Nachwort ausdrückt, ‚Triumphieren der Liebe ex negativo’ endet.  

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

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Buchtipp des Monats August 2016

© Erna R. Fanger                                 www.schreibfertig.com

Die Lüge ‚als Kehrseite der Wahrheit mit ihren hunderttausend Spielarten’ Michel de Montaigne (1533-1592)

 

Isabel Bogdan: Der Pfau, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

 

Die preisgekrönte Übersetzerin vornehmlich zeitgenössischer britischer Literatur hat mit „Der Pfau“ ihren ersten Roman vorgelegt, der es im Nu in die Spiegel-Bestenliste geschafft hat. Die knapp 250 Seiten umfassende Geschichte könnte, was das den Figuren entgegengebrachte Wohlwollen anbelangt, vom lieben Gott höchst persönlich geschrieben sein. Vom wohlgesonnenen lieben Gott aus Kindertagen, der verwundert und zugleich höchst amüsiert die Kapriolen seiner Geschöpfe verfolgt. Seiner Geschöpfe, denen er doch nur das Beste zugedacht hatte, und die es nichtsdestotrotz fertigbringen, sich fortwährend in Unpässlichkeiten zu verstricken. Um es sich nicht anmerken zu lassen, schwindeln sie, was das Zeug hält. Wobei sie erstaunlich erfinderisch sein können. Stets bedacht, sich nicht erwischen zu lassen. Ob sie wissen, dass sie dabei zum Schreien komisch sind?

 

   Das Personal, das sich hier um den Titel gebenden Pfau rankt, könnte farbiger nicht sein. Angefangen von Lord und Lady McIntosh, er Altphilologe, sie Ingenieurin, die in den abgelegenen schottischen Highlands ein Anwesen aus dem 16. Jahrhundert teils bewohnen, teils an Feriengäste vermieten. Tierlieb, wie sie sind, besitzen sie zwei Hunde, Albert und Viktoria, eine ‚grantige alte Gans’ und – nicht zuletzt fünf Pfauen. Mit Letzteren hatten sie indessen ein Problem. War einer der Pfauen doch offenbar verrückt geworden und stürzte sich neuerdings auf alles was blau war, um es mit einer für niemanden nachvollziehbaren Zerstörungswut zu verwüsten.

 

   Für das bevorstehende Novemberwochenende hatte sich nun eine Gruppe von Bankern zwecks Teambuilding-Training angesagt. Eine Köchin, Helen, die sich um ihr leibliches Wohl kümmern sollte und dies mit Liebe und Leidenschaft tat, war eigens dazu von ihnen engagiert. Die Vorbereitung bei den McIntoshs lief auf Hochtouren. Und dann war es soweit: „Die Chefin der Investmentabteilung der Londoner Privatbank und ihr Irish Setter kamen in einem nagelneuen blaumetallicfarbenen Sportwagen, der Rest der Gruppe fuhr in gediegenem Schwarz vor.“

 

     Und natürlich lässt das sich anbahnende Desaster nicht lange auf sich warten. Es kommt, wie es kommen muss: Der Pfau macht sich

 

ungesehen an besagtem „blaumetallicfarbenen Sportwagen“ von Chefin Liz zu schaffen und hinterlässt am linken hinteren Kotflügel Dellen, Kratzer sowie etliche Stellen mit abgeplatztem Lack. Was tun, fragt sich der Lord, so, wie sich die Chefin schon gleich am Tag ihrer Ankunft „wegen ein bisschen Gänsedreck am Schuh aufgeführt hatte...“ Mit schlechtem Gewissen gedenkt er jedoch, das Ganze zu vertuschen, und entschließt sich schweren Herzens, den Pfau zu erschießen. Erfahren soll davon – erst einmal – niemand. Er lässt ihn deshalb zunächst mit Laub zugedeckt im Wald zurück, um ihn später zu vergraben.     

 

   Dort jedoch findet ihn, während eines Spaziergangs der Investment-Banker samt Chefin, deren Hund Mervyn und apportiert ihn naturgemäß Frauchen zu Füßen in Erwartung ihres Lobs. Betrachtet er dies doch als seine Aufgabe. Die Chefin samt Banker wiederum denken nun, Mervyn hätte den Pfau gerissen. Und Frauchen ist darüber höchst erbost:

 

 „Er verstand überhaupt nicht, warum sie ihn ... anschrie und beschimpfte, ihn sogar schlug, was sie sonst nie tat, und warum diese unangenehme Aufregung unter den Menschen entstand. Alle waren ganz aus dem Häuschen, aber offenbar nicht vor Freude, sondern sehr böse auf ihn. Er zog den Schwanz ein und verkroch sich. Er hatte doch alles richtig gemacht.“

 

Die Chefin samt Banker wollen den toten Pfau nun ihrerseits im Wald verschwinden lassen.

 

   Ausgehend von diesen beiden, allgemein als Notlügen legitimierten kleinen Unwahrheiten, rankt sich nun Lügengeschichte um Lügengeschichte um die jeweiligen Interessen der verschiedenen ‚Parteien’. Als nun aber Banker David die Aufgabe zugetragen wird, den Pfau beiseitezuschaffen, ist ihm das durchaus nicht geheuer. Außerdem ekelt er sich vor dem toten Tier. Darüber zerknirscht in der Küche weilend, nimmt sich Köchin Helen seiner an. Sodass sie am Ende Beide beschließen, den Pfau gemeinsam verschwinden zu lassen. Allein, es kommt anders. Weiß Helen doch als exzellente Köchin: Pfau ist eine Spezialität! Dem kann sie allerdings nicht widerstehen. Und natürlich konnte sie den Investment-Bankern nicht zumuten, ihnen besagten Pfau zu servieren. Sie würde ihn als Fasan ausgeben...

 

   Damit ist der höchst vergnügliche Reigen der Lügengeschichten mit jeder Menge komischer Verwicklungen perfekt. Ganz im Sinne Montaignes der Lüge ‚als Kehrseite der Wahrheit mit ihren hunderttausend Spielarten’.          

 

 Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

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Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsuch nach dem Meer.

Antoine de saint-Exuppéry

 

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