Der aktuelle Sachbuchtipp Juli 2017

© Erna R. Fanger

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Glücksschmiede unter die Lupe genommen

                                                                                                                                                                                                                                             

Nicolas Dierks: „Luft nach oben. Philosophische Strategien für ein besseres Leben“, Reihe rowohlt POLARIS, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2017.

Leicht kommt es uns in den Sinn, noch schneller über die Lippen, das derzeit Nonplusultra der Lebenskunst – das Hier und Jetzt. Axiome dieser Art weiß Nicolas Dierks, promovierter, an der Leuphana Universität in Lüneburg lehrender Philosoph, gekonnt zu hinterfragen. So konterkariert er besagtes Diktum z.B. sinnfällig zur trostlos anmutenden Perspektive eines Demenzkranken, für den dies die einzige Option ist, womit Dierks besagte Strategie schnell wieder entzaubert. Der Leser hält inne und ihm dünkt einmal mehr: Es kommt immer drauf an; die Fragen, die uns das Leben aufbürdet, sind vielschichtig und erfordern entsprechend differenzierte Antworten. Bei diesem Prozess des Sondierens hilft Dierks uns auf die Sprünge. „Das Leben im Hier und Jetzt ist nicht einfach und ursprünglich, sondern komplex und fortgeschritten“, erfordert es doch einen stets neu zu ermessenden Umgang mit dem eigenen Zeithorizont. Um diesen adäquat auszuschöpfen, kommen wir nicht umhin, zwischen Hier und Jetzt, Vergangenheit und Zukunft zu pendeln. Was die mit dem Hier und Jetzt verbundenen Vorteile nicht schmälern soll: nämlich was uns beschwert, jederzeit hinter uns zu lassen „und in den Strom des Lebens zurückzukehren, dort, wo alles fließt“ und wir wieder zur Ruhe kommen.

Letzten Endes geht es darum herauszufinden, wer wir sind. Dazu gibt uns Dierks, basierend auf Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“, ein solides Instrumentarium zur Hand: „»Wissen« meint, die Fähigkeit, sich nach Tatsachen zu richten“ – so Dierks „Arbeitsdefinition“. Wobei er einräumt, dass es unmöglich sei, im Übrigen auch  nicht nötig, ‚jemals alle Tatsachen, die auf uns zutreffen, zu kennen’. Spannend wird es, wenn der Autor in dem Abschnitt „Wie Willenskraft unsere Selbsterkenntnis sabotiert“ die Tücken des menschlichen Willens entlarvt. Deutlich gemacht anhand der Thesen im Buch des Wiener Psychiaters, zugleich Begründers der Logo-Therapie, Viktor Frankl,  „... und trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ (1946). Frankl propagiert darin eine »proaktive« Haltung gegenüber dem Leben, worunter zu verstehen sei, weniger (reaktiv) die Ursachen für das eigene Schicksal zu erforschen, als vielmehr (proaktiv) die Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. So tiefgreifend wie überzeugend und hilfreich der Ansatz, ist er jedoch leicht zu verfehlen, tragen wir nicht auch der Tatsache Rechnung, dass ‚unser Handeln in der Welt nicht allein aus willentlicher Aktivität besteht’.

So facettenreich wie erhellend wird im Folgenden infrage gestellt, was wir  über das Leben zu wissen glauben, stets untermauert durch die Erkenntnisse der großen Philosophen, etwa eines Aristoteles’, Marc Aurels, Descartes’, Kants oder Hegels:

-       ‚Wissen wir, was wir tun, wenn wir tun, was wir wollen, oder müssen wir       dahin kommen, zu wollen, was man tun muss?’

-       ‚Was im Leben ist uns wichtig, was leitet sich daraus für unseren Alltag ab? Nehmen wir, was wir als unhinterfragbar wichtig erkannt haben, wichtig genug und setzen uns mit allem, was in unserer Macht steht, dafür ein? Tun wir dafür das Richtige, und woran erkennen wir, dass es das Richtige ist?’

     Wobei Fragen dieser Art weniger gestellt werden, um klar beantwortet zu werden. Vielmehr ist ihre Funktion, uns Impulse zu geben, darüber tiefer nachzudenken und zu Einsichten zu gelangen, die weiter greifen. So etwa auch zu hinterfragen,

-       ob Freiheit die Fähigkeit zur Autonomie ist, unser Leben nach unseren  eigenen Vorstellungen zu gestalten. Und inwieweit es dabei unsere Gewohnheiten sind, die uns hier nicht selten einen Strich durch die Rechnung machen, ‚indem was wir tun müssen und dann tatsächlich tun, auseinanderklafft, wir dann nicht im Einklang mit uns selbst sind’.

-     -  Und wie steht es mit unserer inneren Freiheit angesichts eines unausweichlichen Schicksals? Wo ist demgegenüber Akzeptanz gefordert, an welchem Punkt müssen wir alles daran setzen und mit der Kraft unseres Willens zur Veränderung einer unliebsamen Situation ansetzen? Und was, wenn wir zu innerer Freiheit, innerem Frieden, zur Weisheit in uns vorgedrungen, feststellen müssen, dass wir verletzlich sind und bleiben, um den Schmerz, den die menschliche Existenz bereit hält, nicht herumkommen?

-     -  Oder geht mit hohem Lebensstandard zwingend entsprechende Lebensqualität einher, fallen Reichtum und Glück zwingend zusammen?

Dierks offeriert und erläutert schließlich vier Fähigkeiten, die ein gelingendes Leben, also Lebensqualität, ausmachen, und betont einmal mehr: „Unser Leben hängt ab von den Fragen, die wir stellen.“ Damit wir die richtigen Fragen zu stellen vermögen, gibt er uns einen Fragenkatalog an die Hand. Ebenso Übungen, zu produktiven Fragen zu gelangen. Wir bekommen vier Strategien von ihm geliefert, neue Gewohnheiten zu verankern, obendrein, zu guter Letzt – ein Rückfall-Management. Alles im Griff?

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag!

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