Lyrik-Buchtipp des Monats Juni 2020

© Erna R. Fanger

Liebesbilanz in Versen

Barbara Schirmacher: „Lieben gelernt noch einmal von vorn“, Verlag BoD, Hamburg 2020

„Lieben gelernt noch einmal von vorn“, lesbar als poetische Heldenreise in zwölf Stationen, zeugt von Mut und Verzweiflung, von Aufbruch und Angst ebenso wie von der zärtlichen Wucht der Liebe. Spontan gemahnt der Titel an das bekannte Søren Kierkegaardsche Diktum: „Verstehen kann man das Leben rückwärts. Leben muss man es aber vorwärts.“ Denn erst im Rückwärtsmodus, hinterher, erweist sich, inwieweit wir im Zuge solcher Art Bewährungsprobe vorangekommen oder gescheitert sind. Ob uns am Ende Glück beschieden war oder die Schatten überhand nahmen. Und immer wieder betreten wir Neuland, in dem die alten Parameter ihre Gültigkeit verloren haben und das wir neu zu erkunden genötigt sind. Damit verknüpft die Frage, was davon wir hätten steuern können, was wiederum waren wir angehalten, hinzunehmen und durchzustehen. Vor uns in lyrisch-poetischer Verdichtung aufgefächert ein ganzes Leben, Liebesleben. 

Im Sinne einer Definition von Erotik als grundlegend vitalisierender Kraft, die alle Dimensionen menschlichen Seins gleichermaßen durchdringt, zieht sich dieser Tenor durch sämtliche der hier versammelten Gedichte und verleiht ihnen ihre elektrisierende Energie. Eine Schwingung des Begehrens in gebührender Distanz zum Begehrten –  dem lebendigen authentischen Leben schlechthin, um das hier gerungen wird. 

Dementsprechend verweist bereits jeweils der Titel besagter Stationen darauf: von „Stürz endlich mich in deinen Kuss“, über „Selbst Leichtlebigkeit will ihr Brot“, „Zwischen Baum und Borke“, „Der Trauer Raum“, „Auch ich zerteile den Wind“ bis zum nüchtern-ironischen „Der Tropf Die Kanüle Dein Wille“ – um nur einige exemplarisch zu nennen. Ebenso vielfältig wie vielstimmig miteinander verwoben, Perlen durchwirkt – schwebend. Desgleichen miteinander verzahnt und verkeilt, düster und beschwerlich, aber auch Geheimnis evozierend. Gemäß der Bandbreite menschlicher Existenz, hier so facetten- wie nuancenreich ins Bild gerückt. Ein Gewinn überdies die fantasievoll darauf abgestimmten, sensiblen Illustrationen Marion Molters und damit auch gestalterisch ein bemerkenswerter Band. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                         Archiv

Lyrik-Buchtipp des Monats Mai 2020

© Erna R. Fanger  

Poetisierung des Politischen

Sarah Kirsch: „Freie Verse. 99 Gedichte“. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Moritz Kirsch, Manesse-Verlag, München 2020 

Eher hätte Moritz Kirsch, Sohn der preisgekrönten Dichterin Sarah Kirsch (*1935, † 2013), beim Sortieren ihres Nachlasses damit gerechnet, auf dem Dachboden weitere Aquarelle zu finden, als er überraschend auf einen beachtlichen Karton stößt. Darauf handschriftlich vermerkt: „Uralt-Manuskripte S.K.“ Eine kleine Sensation, in diesem Band nun neben bereits bekannten Texten unter dem Kapitel „Neunzehn neue Gedichte“ versammelt.

Doch wie damit umgehen. Nun, Sarah Kirsch hat es ihm leicht gemacht. Hatte sie doch alles kommentiert, teils eindeutig mit „aussortiert“, manches mit Fragezeichen versehen, sodass er seinem Auftrag in ihrem Sinne nachkommen konnte.

Hat man die häufig um Naturerscheinungen kreisenden Gedichte Sarah Kirschs seitens des Literaturbetriebs nicht selten des Unpolitischen bezichtigt, betont er seinerseits, dass dies bei ihr nie der Fall gewesen sei. Und natürlich geht es dabei nicht um tagespolitische Kommentare. Aber zum eigenen Lebenskontext muss jede DichterIn eine Haltung an den Tag legen, in der das Politische im weiteren Sinne nicht auszuklammern ist. Und wenn in einem ihrer frühen Gedichte wie gleich im ersten des Bandes, „Fahrt II“, die Rede ist von „Aber lieber fahre ich Eisenbahn/Durch mein kleines wärmendes Land/In allen Jahreszeiten: der Winter“ Leseprobe, geraten einem unschwer bei ‚das kleine wärmende Land’ die sprichwörtliche gegenseitige Hilfsbereitschaft und Solidarität in der ehemaligen DDR in den Blick, wenn es galt, den einen oder anderen Mangel zu überbrücken. Oder wir mögen die Zeile ‚In allen Jahreszeiten: der Winter’ leicht als Metapher für die Erstarrung der Politik in Bürokratismus und Planwirtschaft lesen. 

Vertieft man sich des Weiteren in den Band, steht außer Frage, dass für Sarah Kirsch das Erleben unseres Alltags per se das Politische impliziert und insofern in jedes ihrer Gedichte oder freien Verse einfließt. Und gerade harmlos anmutende Zeilen wie „Nachmittags nehme ich ein Buch in die Hand/Nachmittags lege ich ein Buch aus der Hand/“ Leseprobein „Schwarze Bohnen“ schlagen jäh um, wenn es im dritten Vers heißt „Nachmittags fällt mir ein es gibt Krieg“ Leseprobe, den das Lyrische Ich ‚wie jedweden Krieg, vergisst, Kaffee mahlt’ und der Schluss lautet „Erst schminke dann wasch ich mich/Singe bin stumm“ Leseprobe. Eindringliche Momentaufnahme des Alltäglichen, überschattet von Kriegsgeschehen fernab.  

In ihrer Wahrnehmung erweist sich Sarah Kirsch im Übrigen als schonungslose, messerscharfe Beobachterin. So etwa, wenn die Ich-Stimme in „Georgien, Fotografien“ ‚die leeren Straßen voller Akazienduft während eines Fußballspiels’ schildert, ‚mitgehört aus den Fenstern über Radio und Fernsehen’ – freudige kollektive Anspannung, die mit dem Schluss „Sie überfuhrn einen Hund. Zwei Stunden schrie er im Park“ Leseprobe, einen jähen Bruch erfährt. Und auch das „Waldstück“ bezeichnet alles andere als ein Idyll, wenn ‚der Nordwind die Wolken zerstückelt und die Sonne’ „... an den Tag bringt verrammelte/Wälder abgebrochene Hütten im Dickicht/Die Tränen der Demonstranten kein Gras/Wächst darüber legt sich Beton.“ Leseprobe

Von Melancholie, Trauer über die Bedrohung durch Umweltzerstörung und teils apokalyptischer Bildersprache geprägt sind die ‚neunzehn neuen Gedichte’, konterkariert einzig durch die ihnen eigene poetische Brillanz. So, wenn es in „Wetterumschlag“ heißt „Der Regen schont mein Bett nicht mehr/und reicht schon unters Augenlid/dass Flossen mir und Schuppen wachsen ...“ Leseprobeund „Ein Hagel frißt den Regenweg/schwingt spitz auf meinem Trommelfell/kriecht bis zum Labyrinth ins Ohr/da schreie ich ich Gletscherkauz/vermisse meine Nestgeschwister“ Leseprobe. Und auch der „Ortsengel“ ist alles andere als zimperlich, kommt vielmehr raubeinig und ohne viel Aufhebens daher: „Der mich ins Wasser scheucht/Wenn die Stiere ausbrechen/Dich durch das Watt prügelt/So eine Springflut heraufkommt/Dir möglicherweise auf die/Füße pisst bevor sie erfrieren“. Leseprobe

Noch einmal – und das ist das Verdienst des Bandes – hat sich eine der renommiertesten, eindringlichsten lyrischen Stimmen der Nachkriegszeit Gehör verschafft. Rechtzeitig zu ihrem 85. Geburtstag am 16. April dieses Jahres erschienen und zugleich eine Verneigung vor diesem lyrischen Werk von Rang.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse-Verlag.

Lyrik-Buchtipp des Monats April 2020

www-schreibfertig.com

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Ein ‚Mitbringsel’, das sich lohnt 

Walle Sayer: „Mitbringsel. Gedichte, klöpfer.narr GmbH, Tübingen 2019

Kennen Sie ‚das Geheimnis des Kartoffelsalates’? Waren Sie je in einem „Museum der Berufe?“ Oder haben Sie schon einmal von den „Rückenflossen gefalteter Stoffservietten“ gehört? Der schwäbische, vielfach ausgezeichnete Dichter Walle Sayer bringt Ihnen mit Hilfe seiner kunstvoll arrangierten Gedichte seinen spezifischen Blick auf die Besonderheiten des Alltags nahe. Sei es, wenn man besagtem Kartoffelsalat „mit Augenwasser die Schärfe nehmen“ kann. Oder er gar in der ‚Gesichtslandschaft des Scherenschleifers’ ein Museum erkennt. 

Meist sind es die kleinen, unscheinbaren Dinge, die das Leben ausmachen und die die Lyrik Walle Sayers uns ins Herz schreibt. Und stets spiegelt sich darin zugleich das große Ganze. Ein „Schäufelchen“ zum Beispiel, mit dem man Sandburgen baut, „Als warte/ (...) /der große Strand auf eine Art Sinngebung“. Oder eine ’lindgrüne Gießkanne’, die sich, voll bis an den Rand gefüllt, für den lyrischen Helden, je älter er wird, zusehends als ‚Kraftakt’ erweist. Nichts scheint Walle Sayer zu gering, um Poesie daraus zu schlagen, wie etwa die ‚zusammengeknüllten Zeitungsseiten, womit die Schuhe trocknen sollen’, das „Staubsaugen im Jugendzimmer der Tochter“ in “Suchbild“, „Lichtschalter“ und „Fernsehhecke“.

Immer wieder gibt es in diesen zarten, nahezu ‚spartanisch’ anmutenden Kunstgebilden Überraschungen, wird der Leser zum Schmunzeln oder Nachdenken angeregt. Gerade dann liebenswert heiter, wenn schwäbische Mund-und Lebensart durchdringt. So beispielsweise “Bäbbigsüßes“ in „Einlasskontrolle“, die „Brezel“ in „Zeitschaltuhr“, „Rieslingtrauben“ in „Nächtlicher Weinberg“, „Schorlehenkel“ in „Weinfraktion“. Oder aber es geht um genau das, was uns heilig zu sein scheint und zugleich Tiefe verleiht. So in dem Gedicht „Heiligenbildchen“ oder die „Karfreitagsstille“ in „Mirabile ductu“ sowie „Die Taufkerze!“, „Trauerkarten“ und „Grabbeigaben“. 

Das Ganze auf 120 Seiten gebannt und in acht Kapitel gegliedert, in freier Versform, ungereimt und in scheinbar loser Reihenfolge. Gedichte, die sich versiert des Enjambements und der Ellipse bedienen ebenso wie sie sich durch originelle Wortkombination auszeichnen. Ein erlesenes Vergnügen nicht nur für Lyrikfans und Sprachliebhaber.  

Doch lesen Sie selbst , lesen Sie wohl!

Mit Dank für das Rezensionsexemplar an den Verlag „klöpfer, narr“.  

Lyrik-Buchtipp des Monats März 2020

www-schreibfertig.com

  © Erna R. Fanger 

  Vermächtnis zwischen Lust und Häme

Wiglaf Droste „Tisch und Bett. Gedichte“. Verlag Antje Kunstmann, München 2020. 

An die Vorläufer „Nutzt gar nichts, es ist Liebe“ (2005) und „Wasabi dir nur getan?“ (2015) anschließend, ist dies nun der letzte, posthum veröffentlichte Gedichtband der Trilogie des stets hoch pokernden Querdenkers, Dissidenten, Provokateurs und frei schaffenden Satirikers, der sich nirgendwo ‚einordnete’. Und warum auch.

Im Bewusstsein, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben wird, von Droste 2018/19 fertiggestellt, erwartet den Leser dieser Sammlung in 11 Kapiteln mit insgesamt nahezu 200 Gedichten ein lebenspralles poetisches Vermächtnis des im Mai 2019 mit 57 Jahren verstorbenen Dichters. Dabei stellt Droste einmal mehr unter Beweis, dass er sein Metier beherrscht, und wartet mit einer Fülle an Formen auf. So erweist er sich in seinen Liebesgedichten als so luststrotzend wie vergnügter Liebhaber, Sinnesfreuden ebenso zugeneigt wie der im besten Sinne kindlich aufgeweichten Gestimmtheit danach, etwa in Morgendichtung: „Morgens zwischen sechs und sieben/hab ich ein Gedicht geschrieben./Ach, das war ein großer Spaß/und ich machte mich fast nass,/weil das Teil so komisch war,/furchtbar ulkig, wunderbar!/Worum es ging in dem Gedicht?/Tut mir leid, das sag ich nicht.“ 

Umso erbitterter hingegen die Attacken gegen Rechte, AFD und Co.: „Wie sie hetzen, hecheln, zischeln, fälschen intrigieren,/prahlen und krakeelen/ aus ‚Wir-als Deutsche-müssen-wieder-alles-zahlen!’-Geizgeil-Kehlen“. Oder wenn in Wunsch und Welt„Das Schein-statt-Sein der Häppchen und der Schnäppchen,/der vollgedopten Grinsies auf dem Siegertreppchen,“ aufs Korn genommen wird, er des Weiteren gegen Fremdenhass zu Felde zieht. Dabei bedient er sich des Pamphlets ebenso wie des Sinngedichts oder des Aperçus, wie in Kleiner Radschlag: „Willst du die Birne aus dem Hirne nicht verlieren,/musst du dich internetzig absentieren.“ 

Und noch dem Tod sieht er unerschrocken ins Angesicht: “Bitte setz dich, mein Freund Hein, was soll es sein?/Willst’ du ’n Kurzen, einen Longdrink, ein Glas Wein?“ Dass es aber selbst bei diesem von unbändigem Lust- und Lebenswillen getriebenen Droste ohne ein „Gebeetchen“ dann doch nicht geht, ist nur eine Facette der verblüffende Vielfalt mit der er hier aufwartet und gar mit dem Höchsten in Dialog tritt:  „Nimm, Guter –  Niemals Lieber! – Gott mich him/so wie ich bim.“ Zeugnis von Drostes souveräner poetischen Vitalität, seinem Einfallsreichtum, seiner Wortschöpf- und Reimlust ohne Rücksicht auf das Regelwerk der Grammatik. 

Was wiederum ins Herz sticht, ist die Tatsache, dass dieser überbordende Sprach und Bilderreichtum, die immense Bandbreite, nicht zuletzt Leid und Leiden eines verzweifelt Suchenden geschuldet ist, was schließlich in der Sucht mündet: „Und so ist man suchtverflucht,/wenn man sucht und sucht und sucht.“ Ausgestattet mit martialisch anmutendem Temperament, war Droste den Zumutungen und Zurichtungen der Gesellschaft schwerlich gewachsen. Eben daraus speist sich dieser kleine Geniestreich von einem Gedichtband. Wir erweisen seinem Schöpfer die Ehre –„Chapeau!“ 

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag

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