Lyrik-Buchtipp März - Mai 2018

 

© Erna R. Fanger::

 „Gedichte sind Mißtrauisch“

 

Michael Krüger: „Einmal einfach“, Gedichte, Suhrkamp Verlag Berlin 2018

Einmal einfach“ – da hat man keinen Bahnhof mit computerisierter Schalterhalle im Kopf, sondern einen altmodischen Fahrkartenschalter. Es assoziiert, da will einer allein sein, entschwinden, sich auf unbestimmte Zeit zurückziehen, den Mühen der Existenz müde. Man sieht ihn auch nicht im ICE. Vielmehr ist  es ein gleichwohl altmodischer Regionalzug, der die Provinznester abklappert. „Du hast es nicht eilig./Schrebergärten kriechen/um die Städte herum/wie Schnecken./Am Ende des Lebens ...“ Nicht gerade am Puls der Zeit also, vielmehr entlegen genug, ihr ein Schnippchen zu schlagen und über das Leben zu räsonieren. Michael Krüger tut dies in Gedichten. Ruhig, bedacht, dabei  alles andere als beschaulich. Vielmehr ist die Lektüre beunruhigend, bisweilen beklemmend. Jahrgang 1943, in einem Alter, wo es nicht mehr zu leugnen ist, „unsere Generation nimmt Abschied“. Das lyrische Ich geht „hinunter zum See, um der Post zu entkommen./Seit Tagen redet der Briefträger mit mir/von den letzten Dingen, dem Duft/der Weidenkätzchen nach dem Regen,/der Wahrheitstreue unserer Erinnerungen ...“ Die Liebe zum Leben wurzelt hier tief in der Wahrnehmung von Naturschönheit, ihrer komplexen Einfachheit, das Abgründige, all das, dem wir misstrauen hingegen, spielt sich im Kopf ab.

Drei Schwerpunkte bieten dem Autor Anlass, so facettenreich wie vielgestaltig menschliche Existenz zu durchdringen. Ergeben tun sie sich jeweils aus der Präambel: I „Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte, sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden“ (Goethe zu Eckermann); II „Der Begriff des Reisens ist mit dem Ankommen verbunden. Aber will man überhaupt ankommen? (Günter Metken); III „Die transzendentale Seite der Kunst ist immer eine Form des Gebets“ (John Berger), wo Gedichte von philosophisch-spirituellem Gehalt versammelt sind, die tiefgreifende Fragen aufwerfen oder überraschende Bezüge herstellen, wie gleich im ersten mit dem Titel „Vorbilder“, das an den Leser den Appell richtet „Bitte, nehmt euch ein Beispiel/an den Bienen. Jede einzelne Wabe/wird gleichmäßig gefüllt, auch im Winter/ist genug da für alle. Hört ihr,/wie sie trotzdem das Lob/der Unvollkommenheit summen?" Denn in der Natur herrscht nicht, was der Mensch als ‚vollkommen’ erachtet.  In ihrer Essenz im Geheimnis wurzelnd, kommt sie, aus unserer Sicht, eher ‚unscharf’ daher. Hingegen ist unsere Welt, „im Sprechen entstanden“ – „Am Anfang war das Wort“, für Logos, Rationalität und wissenschaftliche Eindeutigkeit stehend. In unserer Kultur das „Geläufige“. Die Bienen wiederum mögen Übersetzungsarbeit leisten zwischen Mensch und Natur, ihr drohendes Aussterben spricht für sich, setzt Zeichen!

Bei den Gelegenheitsgedichten wiederum kommen wir nicht umhin festzustellen, dass sie durchdrungen sind vom Bewusstsein unserer Vergänglichkeit, vom Schmerz der Existenz, etwa anklingend in „Im englischen Garten, Januar 2017“: „Über dem Schnee eine bedrohliche Lichtflut/wie ein lang anhaltender Schrei,/der huscht über die nicht mehr erkennbare Welt,/als drängte ein Fieber zum Ausbruch ...“, wo die letzten Verse lauten: „Wie oft habe ich hier gestanden,/auf der Selbstmörderbrücke, das brummende Mahlen/der Stadt im Rücken, und auf das Wasser gestarrt,/das  mir wie die Zeit selbst vorkam./Unverhofft gaben die Krähen den Segen.“ Sinnfällig kontrastiert dies zu dem soliden Fundament, auf dem Krügers Lyrik gründet. Nämlich offenbar in der Kindheit, nachzulesen in „Meine Großmutter“. Diese „erwartete weder Lohn noch Strafe/vom Leben, sie wußte genau,/um was es nicht geht, der Rest war/für Männer in Uniform,/oder für   Philosophen ...“ Das Gedicht endet mit der Frage, die sich das lyrische Ich selbst beantwortet: „Aber was dann? Nichts,/um die Wahrheit zu sagen, nichts“. Dazwischen erfährt der  Leser, dass die Großmutter verweigerte, Handschuhe anzuziehen, um sie nicht zu beschmutzen, hingegen „an ihrem Unterricht nahmen teil/Kamille, Kornblume und Saubohne,/weil es gab keine Düngemittel/nach dem großen Krieg ...“ Dies zeugt von einem unverbrüchlichen, zutiefst sinnstiftenden Naturbezug, der heute verlorengegangen zu sein scheint. Ein Naturbezug, der auch aus den letzten Versen von „Im Winter“ spricht. „Ich sah, bei geschlossenen Augen,/die rissigen Hände meiner Großmutter,/wie sie den Apfel viertelte/mit sicherer Hand/und uns zu Gleichen machte/an einem Nachmittag im Winter.“ Ein so schlichtes wie vielstimmiges Bild, das dem Blick des Lesers unversehrten Raum enthüllt, der jedem offenstehen mag im Innen, sei die Welt im Außen noch so zerrüttet. Und es passen dazu, lapidar hingeworfen und nicht frei von Selbstironie, die letzten Verse aus „Allltag“: „Wenn der Apfelbaum nicht wär/in meinem Garten, ich gäbe auf.“

Das Fazit des Bandes erschließt sich gleich aus den ersten Versen des achtstrophigen Eröffnungsgedichts, „Nachtrag zur Poetik“: „Gedichte sind misstrauisch,/sie behalten für sich, was gesagt werden muß./Sie gehen durch geschlossene Türen/ins Freie und reden mit den Steinen./Sie führen uns fort ...“

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag!

 

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