Dr. Erna R. Fanger und Hartmut Fanger MA

Seit über 25 Jahren erfolgreiche Dozenten für Kreatives und Literarisches Schreiben, Fernschule, Seminare, Lektorat

Der aktuelle Sachbuchtipp Januar - Februar 2018

© Hartmut Fanger  schreibfertig.com:

 

Zwei Ikonen in Musik und Politik

Liedermacher im Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit  und Humanität. Zeitgeschehen in Biographie und Autobiographie                                                                                                                                        

Jens Rosteck: „Joan Baez. Porträt einer Unbeugsamen“, Osburg Verlag, Hamburg 2017

Wolf Biermann: „Warte nicht auf bessere Zeiten!“, Ullstein Verlag, Taschenbuch, Berlin 2017

 

Für beide Liedermacher und Interpreten war 2016 ein besonderes Jahr. Wolf Biermann feierte seinen 80., Joan Baez ihren 75. Geburtstag. Anlässlich der Jubiläen erschien 2017 im Osburg Verlag die Biographie „Joan Baez. Porträt einer Unbeugsamen“ und im gleichen Jahr im Ullstein Verlag die Taschenbuchausgabe der Autobiographie von Wolf Biermann „Warte nicht auf bessere Zeiten“. Was haben die beiden Musiker, möchte man meinen, so unterschiedliche Sterne des Folk- und Politsongs, miteinander zu tun. Bei eingehender Lektüre stellt sich schnell heraus: eine ganze Menge. So erzählt Jens Rosteck in seiner Biographie, wie Joan Baez im Mai 1966 nach Ost-Berlin kam und eines Nachmittags ‚an der Wohnungstür des regimekritischen Liedermachers läutet’, ihn schließlich an Stasi-Mitarbeitern vorbei mit in ihr Konzert im Staatskabarett „Distel“ schleust, dessen Zugang ihm sonst verwehrt geblieben wäre. Vor dem ausschließlich aus SED-Treuen bestehenden Publikum trägt sie auch ein eigens ihm gewidmetes Lied vor. Dabei versteht es Rosteck, die Episode so spannend wie einen Roman zu erzählen. Wolf Biermann steht dem in nichts nach. Und es ist Volker Weidermann vom „Spiegel“ nur zuzustimmen, der dessen Autobiographie als ’einen großen, einen überwältigenden Deutschlandroman’ bezeichnet. Packend, aus der Feder des einstigen, vom Regime gegängelten DDR-Liedermachers, wie Joan Baez den Türwächtern „wie eine Athena im Zorn“ damit drohte, nicht auftreten zu wollen, wenn er nicht mithineinkäme, und ihm ‚das Herz hoch zum Hals schlug’, als sie ausdrücklich „‚Oh freedom’, dedicatet to my friend Wolf Biermann“, intonierte. Natürlich wurde das einst fürs Fernsehen der DDR aufgezeichnete Konzert nicht gesendet. Über anderthalb Jahrzehnte später begegneten sich Baez und Biermann 1983 auf dem legendären Konzert „Künstler für den Frieden“ im Hamburger St.Pauli-Stadion, wo im strömenden Regen neben Joan Baez auch Harry Belafonte auftrat. 

 

Die Joan Baez-Autobiographie von Jens Rosteck zeichnet sich schon aufgrund der so umfangreich ausformulierten und detaillierten, sich über 30 Seiten erstreckenden Zeittafel am Ende aus. Von der Geburt eines ihrer Vorbilder, Woody Guthrie, im Jahre 1912, bis hin zur Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame im April 2017 und darüber hinaus zu ihrer Ankündigung einer ‚knapp zweiwöchigen Veranstaltungsserie für das Pariser Olympia’ im Jahre 2018. Geburts- und Sterbedaten ihrer Mitstreiter sowie Daten politischer Ereignisse inbegriffen.   

 

Doch ist die Biographie nicht nur insofern allein schon eine kleine Sensation, als deren Verfasser Jens Rosteck akribisch auch noch kleinsten Regungen im äußeren wie inneren Leben der ‚streitbaren Nachtigall’, so Biermann, nachgeht. Vom streng christlich geprägten Elternhaus bis hin zur begnadeten Vollblutmusikerin, von der ersten Gitarre – einer Gibson – bis hin zur ersten Langspielplatte, von ihrer Beziehung zu den Eltern und derer beruflich begründeten Umtriebigkeit bis hin zum Appell der Sangeskollegin und Freundin Judy Collins an Joan Baez’ 75. Geburtstag: Sie solle für ihr Engagement den Friedensnobelpreis erhalten. Darüber hinaus illustriert von einer Vielzahl an Fotos. Joan Baez, die es zeitlebens verstand, mit ihren zarten Balladen und sozialkritischen Hymnen auch die härtesten Rockanhänger zu überzeugen. Eindrucksvoll vermittelt Rosteck in Rückblenden Konzerterlebnisse, die für jeden, der dabei war, unvergesslich bleiben würden. So zum Beispiel, als sich Joan Baez vor 60.000 Zuhörern mit ruhigen Liedern von Simon & Garfunkel, Bob Dylan und den Beatles auf einer Rock-Show 1978 in Ulm zu aller Überraschung gegenüber Namen wie Frank Zappa und Genesis behauptet. Bezeichnend nicht zuletzt ihr politisches Engagement, sich stets für die Armen und Schwachen, gegen Gewalt und Krieg einsetzend, ebenso wie für ungerecht Behandelte und Verfolgte. Über eine weite Lebenspanne hinweg engagagiert sie sich für Amnesty International, „...für ein besseres, menschenwürdigeres und gerechteres Dasein in Freiheit“. Ebenso wie sie sich gegen das einstige Apartheit-Regime in Südafrika ausspricht, sich im Kampf gegen Aids stark macht, die Rolle der USA in Nicaragua kritisiert oder demokratische Grundrechte in China einfordert, um nur einiges aus ihrem vielfältigen Wirken aufzuführen. Mit Mercedes Sosa steht sie angesichts der damaligen Diktatur in Argentinien auf der Bühne, in Europa mit Konstantin Wecker und Bettina Wegner. Sie trifft Polit-Größen wie Lech Walesa in Polen und Francois Mitterand in Frankreich, setzt sich im Wahlkampf maßgeblich für Barack Obama ein und ist eine so engagierte wie überzeugte Gegnerin von Donald Trump.   

 

Und natürlich gibt ein entscheidendes Kapitel ihre Beziehung zu Bob Dylan ab. Der spätere Literaturnobelpreisträger verglich ihre Stimme, so Rosteck,  einst mit der einer Sirene Homers, die ‚einen in den Bann schlägt’ und dafür sorgt, dass ‚man vergisst, wer man ist’. Ja, Baez und Dylan waren einmal ein Paar. Und dies wird schon aufgrund der Vielfalt an schöpferischer Energie in dieser Beziehung und der daraus resultierenden musikalischen Qualität in Erinnerung bleiben. Schließlich zählt Joan Baez als ‚Dylan-Interpretin der ersten Stunde’, die ‚den Beweis antrat, dass man Dylan-Songs auch schön und konzentriert singen kann’. Dylans „Forever Young“ und jenes „Tears of Rage“ mit seinen „alttestamentarischen und zugleich shakespearhaften Zügen“ belegen dies überzeugend. Und es scheint bezeichnend, dass sie ausgerechnet in dem Jahr, als Martin Luther King und Robert Kennedy jeweils einem Attentat zum Opfer fielen, der Prager Frühling seine Blüten trieb und die Pariser Mai-Unruhen begannen, ein ganzes Doppelalbum mit Dylan-Liedern aufnahm.

 

Von Bob Dylan findet sich hingegen in Biermanns Autobiographie wenig. Dabei hatte Letzterer 2003 ein ganzes Buch über den von ihm selbst übersetzten Song Dylans „Eleven Outlines Epitaphs“, sprich „Elf Entwürfe für meinen Grabspruch“ geschrieben, worin er nicht nur in aller Ausführlichkeit das Lied interpretiert, sondern den Inhalt auch mit seiner einstigen Situation in der ehemaligen DDR vergleicht. Darüber hinaus vertritt er darin die Meinung, dass Dylan den Literaturnobelpreis verdient hätte. In seiner Autobiographie erwähnt er Dylan ein Mal, als er dem durch das Gedicht „Howl!“ bekannten Beat-Poeten und Freund Dylans, Allen Ginsberg, begegnet, den er als „noch ichbesessener als ich“, O-Ton Biermann, beschreibt. Hervorgegangen daraus ist schließlich die „Ballade vom preußischen Ikarus“, die, so Biermann, im Hinblick auf seine Ausbürgerung einen Tag nach seinem 40. Geburtstag im Jahre 1976 „zu einer self fulfilling prophecy missriet“. Den Stasi-Akten konnte er später entnehmen, dass ‚bereits seit Honneckers Machtantritt die Überlegung, seit 1974 der feste Plan bestand, ihn bei einer propagandistisch günstigen Gelegenheit in den Westen zu entsorgen’. In Köln wurde dann das inzwischen legendäre viereinhalbstündige Konzert selbst zu einem denkwürdigen Abend und großen Erfolg. Packend, nicht minder humorvoll, liest sich, wie Biermann sich darauf vorbereitet, sein Programm im kleinen Kreis bei Günter Grass vorstellt, dabei gegen eine Erkältung anzukämpfen hat und schließlich während der Vorstellung, seiner Meinung nach, den ‚schmalen Pfad’ einer ‚solidarischen Kritik’ an der DDR beschreitet. Von der darauf folgenden Ausbürgerung erfuhr er dann am 16. November im Autoradio ... 

 

Mit der Ausbürgerung beginnt nicht nur ein weiteres großes Kapitel in Biermanns Leben, sondern, möchte man meinen, auch der Niedergang der einstigen DDR, was Biermann vermutlich eher verneinen würde. Denn die ‚in Feuilletons gelegentlich geäußerte Annahme, dass die Ausbürgerung der Anfang vom Ende der DDR’ sei, hält er schlichtweg für falsch: „Keine  DDR konnte kippen, weil sie irgendeinen jungen Mann mit Gitarre ins Deutsch-Deutsche Exil jagt“. Nichtsdestotrotz hat dies in der Öffentlichkeit Unruhe gestiftet. Solidaritätsbekundungen, insbesondere vieler Schriftsteller- und Musikerkollegen, und erbitterte Gegnerschaft sind die Folge. Zeitgeschehen, das längst schon wieder Geschichte geworden ist. Von seinem in Ausschwitz ermordeten Vater bis hin zum Tod seines Freundes Robert Havemann, von seiner jüdischen Taufe bis hin zu der Überzeugung, Kommunist zu sein. Von seiner Lebenspartnerin Eva-Maria Hagen bis hin zur langjährigen Ehe mit Pamela Biermann. Nicht zu vergessen: seine insgesamt zehn Kinder. Von seiner Absage an den Kommunismus bis hin zum Mauerfall. 

 

Und Biermann gibt zahlreiche Beispiele, Episoden zum Besten, liefert Daten und Fakten und eine dialektische Sicht der Dinge. Mit der Ausbürgerung des einst als überzeugter Kommunist in die DDR übersiedelten und nun vom System verstoßenen Liedermachers und Dichters schien es mit seiner Karriere vorbei zu sein. So zumindest glaubte es Biermann zunächst. Doch es kam anders. Legendäre Konzerte folgten. So am 1. Dezember 1989 in der Leipziger Messehalle oder zum 25. Jahrestag des Mauerfalls (2014) im Berliner Ensemble (BE). Er war prominenter Mitstreiter bei politischen Aktionen, etwa als Teilnehmer an einer Demonstration gegen Atomkraft in Brokdorf. Ebenso wenig wie es an illustren Begegnungen, wie etwa mit Jean-Paul Sartre in Paris, mangelte, von Mikis Theodorakis wiederum wird er nach Kreta eingeladen, wo er den Wahlkampf zur Präsidentschaft von Francois Mitterand in Frankreich vorbereitet. Helmut Schmidt trifft er in der Zeit-Redaktion am Speersort in Hamburg. Und er begegnete noch unzähligen weiteren berühmtberüchtigten Kollegen und Kolleginnen in West und Ost.

Spannend dann die Einsicht in die Stasi-Akten, die Aufarbeitung der DDR-Diktatur und deren Unterdrückungsmechanismen, die ‚bittere Enttäuschungen, aber auch hinreißende Ent-Täuschungen’ mit sich brachten.

 

Wolf Biermann, ein Mann mit Ecken und Kanten, an dem sich die Gemüter bisweilen erhitzen mögen, vor allem aber ein Mann nicht nur des gesungenen, sondern auch des geschriebenen Wortes. Schon deshalb ist seine Autobiographie lesenswert. Hinzu kommen die zahlreichen vorzüglichen Gedichte und Liedertexte, wie zum Beispiel  „Und als wir ans Ufer kamen“ oder „Ermutigung“, sowie eine Vielzahl von privaten wie offiziellen Fotos.

Beide Bücher sind von Zeitgeist getränkt, beinhalten das Ringen bemerkenswerter Künstlerpersönlichkeiten nach Anerkennung, Freiheit, Gerechtigkeit und  Humanität und sind so unterhaltsam wie schon von der Historie her auch lehrreich.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Hartmut Fanger

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Sachbuchtipp Januar 2018
ZWEI IKONEN IN MUSIK UND POLITIK
LIEDERMACHER IM KAMPF FÜR FREIHEIT, GERECHTIGKEIT UND HUMANITÄT. ZEITGESCHEHEN IN BIOGRAPHIE UND AUTOBIOGRAPHIE
Jens Rosteck: „Joan Baez. Porträt einer Unbeugsamen“, Osburg Verlag, Hamburg 2017
Wolf Biermann: „Warte nicht auf bessere Zeiten!“, Ullstein Verlag, Taschenbuch, Berlin 2017
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Der aktuelle Sachbuchtipp Dezember 2017

© Erna R. Fanger  schreibfertig.com 

Alle Wege sind offen,

und was gefunden wird, ist unbekannt.

Es ist ein Wagnis,

ein heiliges Abenteuer.

Pablo Picasso

 

Plädoyer für die Chancen in einer

sich wandelnden Welt

                                                                                                                                                                                                                                             

Ranga Yogeshwar: „Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017

Was zum Leidwesen der Bürger bislang in der Politik eher am Rande behandelt, dafür umso mehr als latente Bedrohung wahrgenommen wird, die Angst macht, fächert Yogeshwar hier im Detail auf: vom Umbruch im Zuge der digitalen Revolution, einhergehend mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen, der Vernetzung immer größerer Datenmengen, Massenüberwachung und dem Schwinden der Privatsphäre, über die Konsequenzen des Internets im Bereich Medien und Bildung, bis zu dem Feld der Gentechnik und Ernährung, Gesundheitswesen, Energiewende, Industrie. Exemplarisch hier die Autoindustrie, deren Krise sich bereits abzuzeichnen beginnt und sich im Zuge von zunehmendem Car-Sharing und Umweltbewusstsein verschärfen könnte. All dies unter den Vorzeichen der so stetigen wie stetig sich beschleunigenden Fortentwicklung und Ausdifferenzierung autonomer Maschinen und intelligenter Algorithmen, die unumgänglich ethisch-moralische, aber auch juristische Belange neu zu definieren erfordern, überdies eine erschreckende Eigendynamik entfalten, wo der Mensch Gefahr läuft, seine Autonomie einzubüßen. Zugleich sprechen wir hier von Innovationen, die sich im Zuge des Endes der Kausalität zugunsten von Korrelation wechselseitig beeinflussen, was das rasante Tempo, in dem sich die Prozesse im 21. Jahrhundert vollziehen, zusätzlich steigert und damit einhergehend die Gefahr, sie nicht mehr steuern zu können. Doch während mancher, der sich mit dem Thema dieses rasanten, in sich komplexen Wandels auseinandersetzt, uns mit ausweglos anmutenden Schreckensszenarien konfrontiert, gelingt es Yogeshwar hier, uns die Risiken, aber auch – und das ist das Verdienst seines Buches – vor allem die Chancen, die er in sich birgt, nahezubringen. Und zwar unaufgeregt, besonnen, mit leichter Feder und im Plauderton, versteht er es doch, seine so breit gefächerten wie fundierten Kenntnisse so in „Geschichten“ zu packen, dass die darin transportierten komplexen wissenschaftlichen Erkenntnisse und Zusammenhänge auch für den interessierten Laien leicht zugänglich, ja durchaus von Unterhaltungswert, da spannend geschrieben, sind.

Yogeshwar, als Naturwissenschaftler und Physiker begnadetes Ausnahmetalent, stellt dabei Wissenschaft grundlegend zugleich auch infrage, erachtet er doch das Geheimnis des Lebens als größer als rationale Erkenntnis. Viele der hier geschilderten Szenarien hat er hautnah miterlebt. So war er etwa mehrmals zu Forschungszwecken und Dreharbeiten in Tschernobyl, ebenso wie er Fukushima besucht hat, dort Zeuge der dramatischen Versuche wurde, die allumfassenden Schäden einzudämmen, Normalität und Alltag wieder in Gang zu bringen. Beide Brennpunkte im wahrsten Sinne des Wortes haben ihm einmal mehr Atomkraft als Irrweg bestätigt. Ebenso wie sich in seinen Augen die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche als Irrweg ausnimmt. So etwa im Gesundheitsbereich oder in der Kultur. Was dort geleistet wird, lässt sich nicht in kommerziellem Nutzen bemessen. Vielmehr bedürfen diese Bereiche der besonderen Unterstützung aller Mitglieder der Gesellschaft.

Yogeshwar verweist auf die ungleiche globale Verteilung des Reichtums ebenso wie auf die Wurzeln besagten Übels, die unschwer in der Rolle Europas und der USA auszumachen sind, die im Zuge des Kolonialismus Jahrhunderte lang indigene Völker „massakrierten“, versklavten und sich deren Rohstoffe bemächtigten, Letzteres bis heute, etwa im Kongo. An dieser Stelle darf auch die weltweite Produktion von Gütern in Billiglohnländern nicht unerwähnt bleiben. Und all dies im Gestus der Überlegenheit der weißen Rasse, was gleichwohl bis heute fortwirkt und nicht zuletzt in der Flüchtlingspolitik seinen Niederschlag findet. So entlarvt er etwa, ist wie so oft von „Nordafrikanern“ die Rede, die Anonymisierung im Zuge solcher Reduktion auf die ethnische Zugehörigkeit als „Merkmal kolonialen Denkens“. Doch auch wenn Yogeshwar immer wieder den Finger in die Wunde legt, soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Weltlage verifizierter statistischer Daten zufolge nicht, wie es den Anschein hat, immer katastrophaler würde, sondern das Leben insgesamt für alle Menschen auf dem Globus in den letzten circa 30 Jahren zunehmend besser geworden ist, überzeugend dokumentiert auf der Internetseite „Our World in Data“. Allein die Veränderung der Rolle der Frau etwa, Stärkung ihrer Rechte und weltweit zunehmende Sensibilisierung für Gewalt gegen Frauen belegen dies. Aber auch die soziale und rechtliche Anerkennung von Transsexualität, der Schwulen und Lesben, jüngst gipfelnd im Ja zur Homoehe im Bundestag.

Die auf uns zukommenden Veränderungen mögen gravierend sein, und sie betreffen alle, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Die Ausführungen Yogeshwars hierzu sind zugleich als Kompass lesbar, zeigt er doch die sich andeutenden Richtungen facettenreich auf. Unmissverständlich weisen sie auf bislang unbekanntes Terrain. Es liegt an uns, eben dies zu erkunden und mutig neue Wege zu erschließen, dabei die Chancen für ein gerechteres, menschlicheres Miteinander für alle aufzuspüren und zu nutzen.

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Kiepenheuer und Witsch!

Sachbuchtipp Dezember 2017
"Plädoyer für die Chancen in einer sich wandelnden Welt"
Ranga Yogeshwar: „Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel“. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017
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Der aktuelle Sachbuchtipp November 2017

© Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com

 

Die Heimatlosigkeit eines Konservativen                                                                                                                                                                                 

Ulrich Greiner: „Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen“. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2017    

Das Wort „Heimat“ – inzwischen in aller Munde – wird von Politikern aller Couleur diskutiert. Von ganz links bis rechts außen. So reiht sich auch das neue Buch des ehemaligen Chefs des Zeit-Feuilletons nahtlos in das Thema. Dabei beklagt er vor allem den Verlust einer politischen Heimat, die er als einstiger SPD- und Grünen-Wähler angesichts der Entwicklungen in den letzten Jahren nicht mehr sieht. Als Konservativer vertritt er die Meinung, dass die große Koalition von CDU und SPD unter Angela Merkel zu linksmittig, die FDP zu angepasst, die AFD zu rechts und vor allem ‚zu völkisch und braun’ sei. Unter Vorbehalt könne ein Konservativer allenfalls, wenn überhaupt, die Grünen ‚als Menschheitsretter und Weltverbesserer’ in Betracht ziehen. Die CSU wiederum, allzu rechts, könne er nicht  wählen. Ähnlich geht es dem Autor mit den Leitmedien, von den tonangebenden Zeitungen bis hin zu öffentlich-rechtlichen Anstalten, denen er „Anpassungsmoralismus“ vorwirft. 

Dabei greift er inhaltlich all das auf, was die Gemüter spätestens seit der Flüchtlingskrise und Pegida erregt, und holt zu einem Rundumschlag aus.  Von der berühmten Äußerung der Kanzlerin, „Wir schaffen das“, die zu einer unkontrollierten Einwanderung von Flüchtlingen geführt habe, bis hin zu dem Unwort „Lügenpresse“, dem er als Zeitungsmann sogar nicht einmal ganz abgeneigt zu sein scheint. Und er reflektiert die Bewertung der politischen Begriffe von links und rechts, wobei aus seiner Sicht die rechte Position eher benachteiligt sei. Dabei tut sich für ihn die Frage auf, was in der neueren Geschichte schlimmer gewesen sein mag, die Verbrechen des Nationalsozialismus oder die des Stalinismus. Darüber hinaus sieht er in dem zunehmenden Sprachgebrauch des Englischen seitens der Eliten die Gefahr, dass dadurch ‚die Kluft zum Staatsvolk unüberbrückbar wird’. Doch nicht nur das. Er beschäftigt sich auch mit der Homo-Ehe, die er ablehnt, diskutiert Befürwortung und Ablehnung der Sterbehilfe wie er ferner seine Ablehnung von Praktiken biotechnischer Reproduktion deutlich macht. Darüber hinaus kommen Glaubensfragen zur Sprache. So, wenn er zum Beispiel davon ‚überzeugt’ ist, dass „... die Differenz zwischen Orient und Okzident  noch immer, und leider immer stärker, ihre Wirkung entfaltet“. Die Äußerungen zur Islamkritik und über „Das Wunder des Christentums“ lesen sich hier besonders spannend. Denn Ulrich Greiner ist nicht nur bekennender Konservativer, sondern auch bekennender Christ. Zweifellos ein streitbares Buch, in dem sich zum einen Befürworter bestätigt sehen, zum anderen klare Gegner herausbilden werden.

Unverkennbar ist sein geisteswissenschaftlicher Ansatz. Der relativ schmale Band sprudelt nur so von Zitaten literarischer und philosophischer Größen, wie zum Beispiel Goethe und Schiller, Gottfried Benn, George Orwell, Heinrich Böll, Immanuel Kant, Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Niklas Luhmann, um nur einige zu nennen. Dabei versäumt der Autor nicht, darauf hinzuweisen, in welch ehrbarer Reihe er sich mit manch anderen namhaften, als konservativ geltenden Intellektuellen weiß, wie  beispielsweise Rüdiger Safranski, Sibylle Lewitscharoff, Martin Mosebach oder Peter Sloterdijk.

Mögen die Ansichten des Lesers noch so entgegengesetzt sein, bestechen an dieser Auseinandersetzung mit der aktuellen gesellschaftspolitischen Wetterlage der so unaufgeregte wie aufrichtige Tenor ebenso wie das immense Wissen eines Homme de lettres, aus dem sie sich speist. Überdies lesenswert ist das Buch aufgrund des wunderbar leichtfüßigen, dabei nicht minder kunstvollen Sprachstils eines Mannes, der sich zeitlebens nahezu ausschließlich im Rahmen von Journalismus und Feuilleton schriftstellerisch bewegt und so wunderbare Bücher wie den „Leseverführer“ geschrieben hat.

Umso mehr mag man bedauern, dass hier bewahrt werden soll, was sich allenfalls augenscheinlich bewährt hat. Indessen der Benjaminsche „Engel der Geschichte“ unvermindert Trümmer, Grauen und Leid sich anhäufen sieht und wir doch wissen, dass längst nicht mehr politische Entscheidungen den Lauf der Welt bestimmen, sondern Machtinteressen multinationaler Konzerne, die in transnationalen Abkommen mit dem alleinigen Ziel der Gewinnmaximierung durchgesetzt werden. Über die Köpfe von Politikern und Staaten hinweg. Nicht zu beklagen, vielmehr von der Menschheitsfamilie erst noch einzulösen wäre, den Planeten zu einem Ort zu machen, der ihr in ihrer Gesamtheit Heimat böte. 

 © Hartmut Fanger

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag!

Sachbuchtipp November 2017
Ulrich Greiner: „Heimatlos. Bekenntnisse eines Konservativen“. Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2017.
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Der aktuelle Sachbuchtipp September-Oktober 2017

© Erna R. Fanger

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Zwischen Autonomie und Ambivalenz: Ringen um die Freiheit

                                                                                                                                                                                                                                             

 

Beate Rössler: „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“, Suhrkamp Verlag Berlin 2017.

 

 

Als ob Wählen, als ob Entscheiden, als ob Nein-Sagen einfach Fähigkeiten wären, die man lernen könnte wie Schnürsenkelbinden oder Fahrradfahren. Die Dinge stießen einem zu. Wenn man Glück hatte, bekam man eine Schulbildung. Wenn man Glück hatte, wurde man nicht von dem Typen

missbraucht, der das Fußballteam leitete. Wenn man sehr viel Glück hatte, gelangte man

irgendwann an einen Punkt, an dem man sagen konnte: Ich werde Buchhaltung

studieren ... Ich würde gerne auf dem Land wohnen ... Ich möchte den

Rest meines Lebens mit dir verbringen. Aus Mark Haddon: „The Gun

 

Zwischen Autonomie und Ambivalenz: Ringen um die Freiheit

                                                                                                                                                                                                                                             

Beate Rössler: „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“, Suhrkamp Verlag Berlin 2017.

Seit Kant Grundthema der Philosophie und in westlichen Gesellschaften normativ, scheint der Begriff der Autonomie längst seinen festen Stellenwert behauptet zu haben und eine grundlegende Größe darzustellen. Bei näherer Betrachtung erweist sich allerdings, so klar umrissen, wie es scheint, manifestiert er sich in der Lebenspraxis des Einzelnen nicht. Sprich es gibt eine Menge Aspekte, die der Autonomie im Alltag entgegenstehen. So sind nicht selten überhöhte Ansprüche mit dem Begriff verbunden, die keiner in Gänze erfüllen kann. Sind wir doch als Gemeinschaftswesen miteinander verbunden, woraus sich zwangsläufig wechselseitige Abhängigkeiten konstituieren.

Die Spannung zwischen dem Selbstverständnis eines autonom ausgerichteten, selbstgestalteten Lebens und den Hindernissen, die dabei zutage treten können, lotet Beate Rössler, Professorin für Philosophie an der Universität Amsterdam, in neun Kapiteln von jeweils vier bis sechs Unterkapiteln auf 400 Seiten so kenntnis- wie facettenreich und differenziert aus. Im Zuge dessen gelingt ihr das Kunststück, die Stringenz ihres fundiert wissenschaftlichen Diskurses durch zahlreiche literarische Beispiele, in denen die Figuren mit mehr oder weniger Erfolg um Autonomie ringen, so nahezubringe, dass auch dem interessierten Laien ein lebendiger Zugang zu der Auseinandersetzung mit dem Thema und entsprechend Einblick gewährt wird. Auch wenn – es sei an dieser Stelle nicht unterschlagen – die philosophischen Debatten über Autonomie, an denen sich Rössler hier abarbeitet, nicht unbedingt für jedermann zugängig sind, sondern immer wieder geduldiger Nacharbeit bedürfen, ist man nicht bereit, bisweilen darüber hinwegzulesen.  

Dessen ungeachtet gewinnen wir Einsicht von der Definition des Begriffs bis zum Zusammenhang zwischen Autonomie und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Von der Überlegung, wie sich Autonomie zwischen Selbsterkenntnis und Selbsttäuschung etablieren kann, oder wie sie etwa in der Selbstthematisierung vom Tagebuch bis zum Blog in Erscheinung tritt. Zugleich, inwieweit Autonomie im Hinblick auf die von der Furie des Verschwindens bedrohte Privatsphäre im virtuellen Raum nicht Gefahr läuft, sich selbst zu verleugnen. Ebenso geht Rössler der Frage nach, ob die Autonomie als Wahl zwingend das gute Leben nach sich ziehe, stellt dabei aber auch zugleich die Bedingungen einer solchen autonomen Wahl infrage. Und wie verhält es sich mit der  Autonomie im privaten, häuslichen Bereich, in Beziehungen. Wie in der demokratischen Gesellschaft. Aber auch die sozialen Bedingungen von Autonomie werden durchbuchstabiert, wie z. B. Grenzfälle zwischen Autonomie und Unterdrückung. So etwa im religiösen Kontext einer Muslima, die sich frei dafür entscheidet, ihren Glauben zu leben, auch wenn sie dafür – aus Perspektive der Vertreter westlich-demokratisch geprägter Gesellschaften – Autonomie einbüßt und sich dem Dogma der Vollverschleierung  ebenso beugt wie dem des Gehorsams gegenüber ihrem Mann. Allein schon anhand dieses Beispiels wird deutlich, inwieweit der Begriff der Autonomie nicht zuletzt im Hinblick auf kulturelle, soziale und politische Voraussetzungen relativiert und differenziert werden muss.

Das Verdienst von Rösslers Autonomie-Konzeption ist ihre Distanz zu radikalen Konzepten, die allenfalls Theorien, nicht aber dem Alltag standhalten. Demnach läuft sie auch nicht Gefahr, die Bedingungen für Autonomie festzuschreiben. Vielmehr entwirft sie Autonomie als Prozess, in dem eigenständige Entscheidungen sowohl möglich sind, als man dabei zugleich jedoch auch Abstriche machen muss, um die eigene Position zu ringen hat. Im Gegensatz zu radikalen Entweder-oder-Positionen, in denen den Bedingungen von Autonomie weniger Rechnung getragen wird. Rössler gelangt schließlich zu dem Fazit, ‚alle grundsätzlichen Angriffe auf die Möglichkeit und Wirklichkeit von Autonomie zwar aus dem Weg geräumt zu haben’, ohne jedoch vor den mit dem Thema verbundenen Spannungen und Widerständen zurückgewichen zu sein. Des Weiteren räumt sie ein, dass unser normatives Verständnis des Begriffs nie unter durchgängig idealen Bedingungen realisiert werden, sprich immer nur annähernd erfüllt werden kann, dementsprechend nicht ohne Relativierung auskommt. Personen können immer nur bedingt, mehr oder weniger autonom handeln, stets abhängig vom sozialen, politischen oder biografischen Kontext. Damit grenzt sie sich bewusst ab von radikaleren Positionen, wie etwa von Harry Frankfurt vertreten. Sieht sie Autonomie doch immer schon situiert im gesellschaftlichen Kontext, worin die Verletzlichkeit der Akteure bedingt ist. Weshalb sie auch in Zweifel stellt, inwieweit einer Person Autonomie abzusprechen sei. Desgleichen postuliert sie einen Zusammenhang zwischen einem autonomen und einem sinnvollen Leben. Von einem sinnvollen Leben kann man nach Rösslers Definition nur dann sprechen, wenn wir es als unser eigenes Leben betrachten, das wir nach Maßgabe unseres Erkenntnis- und Bewusstseinsstands gewählt haben. Ein Leben, für das wir einzustehen bereit sind. Im Zweifelsfall entgegen allen Widrigkeiten, die unseren Alltag prägen, wie Ambivalenz, Entfremdung, Zerrissenheit. Rössler exemplifiziert dies anhand Siri Huvstedts Protagonistin Harriet Burden in „Die gleißende Welt“ (2015), wo die Unvereinbarkeit von Wünschen und Möglichkeiten durchgespielt wird. Dies erfordert laut Rössler einen gelassenen Umgang mit den Ambivalenzen, die unser Leben prägen, was uns nicht selten abverlangt, verschiedene Identitäten einzunehmen und zu leben. Mehr noch bedinge dies Autonomie geradezu grundlegend. Widersprüche dieser Art schmälern nicht grundsätzlich Autonomie, sondern konstituieren sie vielmehr insofern, als Autonomie durchaus keine Garantie darstellt, diese ohne jede Einschränkung leben zu können, sondern immer nur gemeinsam mit anderen.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

© Erna R. Fanger

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag!

Den aktuellen Bucht zum Herunterladen:

Sachbuchtipp September-Oktober 2017
"Zwischen Autonomie und Ambivalenz: Ringen um die Freiheit".
Beate Rössler: „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“, Suhrkamp Verlag Berlin 2017.
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Der aktuelle Sachbuchtipp Juli/August 2017

© Erna R. Fanger

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Glücksschmiede unter die Lupe genommen

                                                                                                                                                                                                                                             

Nicolas Dierks: „Luft nach oben. Philosophische Strategien für ein besseres Leben“, Reihe rowohlt POLARIS, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2017.

Leicht kommt es uns in den Sinn, noch schneller über die Lippen, das derzeit Nonplusultra der Lebenskunst – das Hier und Jetzt. Axiome dieser Art weiß Nicolas Dierks, promovierter, an der Leuphana Universität in Lüneburg lehrender Philosoph, gekonnt zu hinterfragen. So konterkariert er besagtes Diktum z.B. sinnfällig zur trostlos anmutenden Perspektive eines Demenzkranken, für den dies die einzige Option ist, womit Dierks besagte Strategie schnell wieder entzaubert. Der Leser hält inne und ihm dünkt einmal mehr: Es kommt immer drauf an; die Fragen, die uns das Leben aufbürdet, sind vielschichtig und erfordern entsprechend differenzierte Antworten. Bei diesem Prozess des Sondierens hilft Dierks uns auf die Sprünge. „Das Leben im Hier und Jetzt ist nicht einfach und ursprünglich, sondern komplex und fortgeschritten“, erfordert es doch einen stets neu zu ermessenden Umgang mit dem eigenen Zeithorizont. Um diesen adäquat auszuschöpfen, kommen wir nicht umhin, zwischen Hier und Jetzt, Vergangenheit und Zukunft zu pendeln. Was die mit dem Hier und Jetzt verbundenen Vorteile nicht schmälern soll: nämlich was uns beschwert, jederzeit hinter uns zu lassen „und in den Strom des Lebens zurückzukehren, dort, wo alles fließt“ und wir wieder zur Ruhe kommen.

Letzten Endes geht es darum herauszufinden, wer wir sind. Dazu gibt uns Dierks, basierend auf Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“, ein solides Instrumentarium zur Hand: „»Wissen« meint, die Fähigkeit, sich nach Tatsachen zu richten“ – so Dierks „Arbeitsdefinition“. Wobei er einräumt, dass es unmöglich sei, im Übrigen auch  nicht nötig, ‚jemals alle Tatsachen, die auf uns zutreffen, zu kennen’. Spannend wird es, wenn der Autor in dem Abschnitt „Wie Willenskraft unsere Selbsterkenntnis sabotiert“ die Tücken des menschlichen Willens entlarvt. Deutlich gemacht anhand der Thesen im Buch des Wiener Psychiaters, zugleich Begründers der Logo-Therapie, Viktor Frankl,  „... und trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ (1946). Frankl propagiert darin eine »proaktive« Haltung gegenüber dem Leben, worunter zu verstehen sei, weniger (reaktiv) die Ursachen für das eigene Schicksal zu erforschen, als vielmehr (proaktiv) die Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. So tiefgreifend wie überzeugend und hilfreich der Ansatz, ist er jedoch leicht zu verfehlen, tragen wir nicht auch der Tatsache Rechnung, dass ‚unser Handeln in der Welt nicht allein aus willentlicher Aktivität besteht’.

So facettenreich wie erhellend wird im Folgenden infrage gestellt, was wir  über das Leben zu wissen glauben, stets untermauert durch die Erkenntnisse der großen Philosophen, etwa eines Aristoteles’, Marc Aurels, Descartes’, Kants oder Hegels:

-       ‚Wissen wir, was wir tun, wenn wir tun, was wir wollen, oder müssen wir       dahin kommen, zu wollen, was man tun muss?’

-       ‚Was im Leben ist uns wichtig, was leitet sich daraus für unseren Alltag ab? Nehmen wir, was wir als unhinterfragbar wichtig erkannt haben, wichtig genug und setzen uns mit allem, was in unserer Macht steht, dafür ein? Tun wir dafür das Richtige, und woran erkennen wir, dass es das Richtige ist?’

     Wobei Fragen dieser Art weniger gestellt werden, um klar beantwortet zu werden. Vielmehr ist ihre Funktion, uns Impulse zu geben, darüber tiefer nachzudenken und zu Einsichten zu gelangen, die weiter greifen. So etwa auch zu hinterfragen,

-       ob Freiheit die Fähigkeit zur Autonomie ist, unser Leben nach unseren  eigenen Vorstellungen zu gestalten. Und inwieweit es dabei unsere Gewohnheiten sind, die uns hier nicht selten einen Strich durch die Rechnung machen, ‚indem was wir tun müssen und dann tatsächlich tun, auseinanderklafft, wir dann nicht im Einklang mit uns selbst sind’.

-     -  Und wie steht es mit unserer inneren Freiheit angesichts eines unausweichlichen Schicksals? Wo ist demgegenüber Akzeptanz gefordert, an welchem Punkt müssen wir alles daran setzen und mit der Kraft unseres Willens zur Veränderung einer unliebsamen Situation ansetzen? Und was, wenn wir zu innerer Freiheit, innerem Frieden, zur Weisheit in uns vorgedrungen, feststellen müssen, dass wir verletzlich sind und bleiben, um den Schmerz, den die menschliche Existenz bereit hält, nicht herumkommen?

-     -  Oder geht mit hohem Lebensstandard zwingend entsprechende Lebensqualität einher, fallen Reichtum und Glück zwingend zusammen?

Dierks offeriert und erläutert schließlich vier Fähigkeiten, die ein gelingendes Leben, also Lebensqualität, ausmachen, und betont einmal mehr: „Unser Leben hängt ab von den Fragen, die wir stellen.“ Damit wir die richtigen Fragen zu stellen vermögen, gibt er uns einen Fragenkatalog an die Hand. Ebenso Übungen, zu produktiven Fragen zu gelangen. Wir bekommen vier Strategien von ihm geliefert, neue Gewohnheiten zu verankern, obendrein, zu guter Letzt – ein Rückfall-Management. Alles im Griff?

© Erna R. Fanger

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag!

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