Sachbuchtipp des Monats Dezember 2020 - Januar 2021

 © Hartmut Fanger;

„Besonders freue ich mich auf den Elefanten“ Von Goethes Entdeckung des Zwischenkieferknochens bis hin zur Faszination der Schädel von Dickhäutern.

 

Oliver Matuschek: „Goethes Elefanten“, Insel Verlag, Berlin 2020

Wie von der Insel-Bücherei nicht anders gewohnt, ist auch der 1489. Band ästhetisch ansprechend. Kenntnisreich, dabei so eloquent wie anschaulich geschrieben, liegt er überdies gut in der Hand, so dass man ihn kaum weglegen mag. Hinzu kommen die zahlreichen, teils farbigen Abbildungen, bestehend aus Skizzen von Goethe und Bildern seiner Zeitgenossen. 

Der freie Schriftsteller und Kurator Oliver Matuschek führt uns auf 107 Seiten inklusive eines umfangreichen Quellenverzeichnisses, Angaben über weiterführende Literatur und Bildnachweise zurück in die Zeit der Aufklärung. In eine Zeit, wo Forschung und Erkenntnisdrang vorherrschten, sich über Tierschutz hingegen keiner Gedanken machte. Erstaunlich dabei mag sein, dass der schon einst mit dem „Götz von Berlichingen“ als Theater- und mit den „Leiden des jungen Werther“ als Romanautor berühmte Goethe sich 1784 auch auf dem naturwissenschaftlichen Gebiet der Anatomie bewährt hatte. Den zentralen Punkt des Buches bildet dementsprechend seine Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens, was den Menschen als solchen in seiner Entwicklung in die Nähe der Tierwelt verweist und damit einer wissenschaftlichen Sensation gleichkam. Galt bis dahin doch der Gedanke, dass sich der Mensch vom Tier, insbesondere vom Affen, neben allen anderen Belangen auch von der Anatomie her unterschiede. Eine Annahme, die zum Streit zwischen Johann Wolfgang Goethe mit etablierten Wissenschaftlern, insbesondere dem Anatom Samuel Thomas Soemmerring, führte, der von dieser Meinung nicht so leicht abzubringen war. Heute gilt Goethes Forschungsergebnis allerdings als erwiesen. Der vom Erfolg beflügelte Ehrgeiz bewegte diesen dann auch zu weiteren Forschungen. Dabei galt sein Interesse der bis dahin wenig bekannten Spezies der Elefanten. Goethes Lehrer Johann Caspar Lavater bezeichnete dessen ‚natürlichen Ausdruck’ in seinen ‚Physiognomischen-Fragmenten’ bereits 1776 als ein Zeichen von ‚Gedächtnis, Verstand, Klugheit, Kraft und – Delikatesse’. Nicht zuletzt beeindruckte dessen riesenhafter Schädel. Unter welch katastrophalen Umständen wiederum u.a. Elefanten und Nilpferde nach Europa und quer durch Deutschland manövriert wurden, beschreibt Matuschek eindringlich. Ebenso das Sezieren von gerade verstorbenen Menschen und Elefanten, was nicht nur aus heutiger Sicht gruselig erscheinen mag. So, wenn es zum Beispiel in einem Brief aus dem Jahre 1781 von Goethe an Herzog Carl August heißt „Zwey Unglückliche waren uns eben zum Glück gestorben, die wir dann auch ziemlich abgeschält und ihnen von dem sündigen Fleische geholfen haben“ oder der oben bereits erwähnte Samuel Thomas Soemmerring ungerührt im Detail davon berichtet, wie er bei großer Hitze einen durch einen Unfall verstorbenen Elefanten seziert. 

Auch in der Sammlung diverser Schädel seitens Lavaters fand sich ein solcher Elefantenschädel, was im Hinblick auf Tierschutz oder gar Respekt vor unseren Mitgeschöpfen wiederum für sich spricht. Es ist der nüchterne, ja kalt anmutende naturwissenschaftliche Blick eines Universalgelehrten, der akribisch seine anatomischen Kenntnisse vor Augen führt, der heutige Zeitgenossen irritieren mag. Und es kommt in diesem Zusammenhang auch nicht von ungefähr, wenn sich Goethe bereits im hohen Alter 1826 Schillers Schädel zu Untersuchungszwecken bringen lässt. 

So unterhaltsam wie lesenswert bietet diese Lektüre einen detaillierter Beitrag zu einer erweiterten Sichtweise Goethes und dessen naturwissenschaftliche Arbeiten.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Hartmut Fanger

www.schreibfertig.com

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Insel Verlag, Berlin!

Archiv

Sachbuchtipp des Monats 

September-November 2020

  © Erna R. Fanger

 Zahlen schreiben Kulturgeschichte

Albrecht Beutelspacher: „Null, unendlich und die wilde 13“. Verlag C.H. Beck, München 2020.

Noch immer kokettieren nicht selten Absolventen der  Geisteswissenschaften mit ihrer Ahnungslosigkeit von Mathematik. Und nach wie vor hört man Heerscharen von Schülern unter dem Joch dieses Faches stöhnen – Mathe gilt vielfach noch immer als No-go. 

Mit diesen Vorurteilen räumt der vielfach ausgezeichnete emeritierte Prof. für Diskrete Mathematik und Geometrie Albrecht Beutelspacher in diesem Büchlein auf. Schon im Vorwort wird deutlich – Mathematik ist elementar und hat ihre Funktion in allen möglichen Lebensbereichen. Erfunden vor 30.000 Jahren, markierte sie einst den Übergang von der Schätzung eines bestimmten Wertes, was ja stets subjektiv ist, hin zur objektiven Gewissheit darüber. Zur Lösung praktischer Probleme dienend, trägt die Zahl bis heute zum Verständnis der Welt bei. Seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. wiederum, als die wissenschaftliche Astronomie in Mesopotamien ihren Anfang nahm, war es die Mathematik, die diese nach vorn brachte und enorme Erkenntnisse generierte. Ein neues Licht auf die Zahl warfen wiederum im sechsten Jahrhundert v. Chr. die Pythagoreer. Bei der Frage nach dem Urgrund des Seins, dem Getriebe der Welt, erachteten sie dieZahlals entscheidende Größe. 

Inwieweit Zahlen über ihre rein mathematisch-lineare Funktion als Schlüssel zum Weltgeschehen gelten, davon erzählt dies Buch so unterhaltsam, locker wie von fundierter Fachkompetenz, doch stets auch für den Laien verständlich. Der dabei von Beutelspacher inspirierten Lust an Erkenntnis kann sich der Leser schwerlich entziehen. Schon die vielversprechenden Kapitelüberschriften wecken dementsprechend Neugier. So etwa „42 Die Antwort auf alle Fragen“, laut Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“; was es damit wiederum auf sich hat, sei hier nicht verraten. Des weiteren „666 Die Zahl des Tieres“, beruhend auf der biblischen Apokalypse des Johannes, wo „666“ als solche ausgewiesen wird und bis heute Rätsel aufgibt. 

Und nach dem Motto „Aller guten Dinge sind drei“ und um nicht zuletzt der Drei als Synthese zwischen der Eins, dem Einen, Einzigartigen – nicht selten mit Göttlichem gleichgesetzt –, und der Zwei, die den Unterschied macht, Rechnung zu tragen, ein drittes Beispiel: „65 537 Die Zahl im Koffer“ die wiederum als Weltrekordzahl ausgegeben wird, wobei unklar bleibt, ob sie als solche überboten werden kann oder Gültigkeit für die Ewigkeit besitzt. Dahinter verbirgt sich der Titel des Buchs Konstruktion eines 65 537-Ecksdes Gymnasiallehrers Johann Gustav Hermes (1846-1912), eines zugleich akribischen Tüftlers. 200 Seiten umfassend, von 55 cm Breite und 47 cm Höhe, hielt das Monumental-Werk in einem eigens dafür angefertigten Holzkoffer Einzug in das Mathematische Institut der Universität Göttingen. 

Wie vielleicht schon anhand obiger Beispiele deutlich geworden, ist das Buch nicht zwingend chronologisch zu lesen. Vielmehr kann man sich dabei von Lust und Erkenntnisinteresse leiten lassen. Last but not least sei hier noch einmal eines der bemerkenswertesten Kapitel herausgegriffen: „14  B + A + C + H“. Wobei, jedem Buchstaben des Alphabets eine Zahl zugeordnet, B = 2, A = 1, C = 3, H = 8, die Quersumme 14 ergibt. Nehmen wir die Anfangsbuchstaben des Vornamens hinzu I/J = 9, S = 18, kommen wir insgesamt auf die Quersumme von 41, Spiegelzahl von 14. Zugleich sind dem Namen Bach aber auch die Noten b-a -c- h zugeteilt, wie in Bachs Kunst der Fuge, die unvollendet blieb und genau an der Stelle abbricht, wo besagte Tonfolge im Bass auftritt. Vom Totenbett aus soll Bach seinem Schwiegersohn das Ende des Zyklus’, einer Bearbeitung des Chorals Vor Deinen Thron tret ich hiermit,diktiert haben. „Wenn man die Noten zählt“, so Beutelspacher, „erlebt man ein Wunder: Die Melodie hat genau 41 Noten, die erste Zeile 14. Und der lange Schlusston der Melodie dauert genau 14 Schläge.“ 

Zahlen sind nicht nur Zahlen, eine wie die andere, linear, chronologisch. Zahlen erzählen Geschichten. Zahlen schreiben Kulturgeschichte. Und nicht zuletzt besitzen Zahlen Magie.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck!

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