Buchtipp des Monats Juli - August 2021

© Hartmut Fanger: Von den Wirrnissen um die Dracula-Legende

 

Dana Gricorcea: Die nicht sterben ,Penguin Verlag. München 2021

Wer kennt nicht Bram Stoker, den Schöpfer der Dracula Legende. Weniger bekannt ist hingegen dessen großes Vorbild ‚Vlad der Pfähler’. All diejenigen jedenfalls, die sich für den Drachen in seiner kulturhistorischen Bedeutung interessieren und dazu hin ein Faible für die das Tageslicht scheuenden und nur im Zwielicht der Dämmerung sich zeigenden Fledermäuse haben, werden an dem Roman von Dana Gricorcea ihre helle Freude haben. Der in Budapest geborenen Germanistin und Autorin gelingt es in 24 Kapiteln auf 259 Seiten nicht nur, die ‚Wirrnisse um die Dracula Legende so anschaulich wie plastisch vor Augen zu führen, sondern zugleich schreibgewandt blendend zu unterhalten und bis zur letzten Seite für Spannung mit erheblichem Gruselfaktor zu sorgen. 

Eine Autorin, die ihr Handwerk versteht. Wenige Worte benötigt sie, um uns in den abgelegenen, von Aberglauben und Vampirismus geprägten Ort mit dem Kürzel „B.“, in der Walachei, zu entführen. Nicht ausgespart werden dabei Spuren des Kommunismus unter dem ehemaligen Diktator Rumäniens Ceaușescu, geprägt von Korruption, Willkür und Unterdrückung. Eine Welt, archaisch anmutend, zugleich bizarr, die dabei so manche Grausamkeit offenbart. Und blutig geht es wahrlich zu bei Gricorcea, die, obschon in nüchternem Tenor, die Bewertung dem Leser überlassend, die grausamen Praktiken ‚Vlads des Pfählers’ zur Sprache bringt: von furchtbaren spätmittelalterlichen Schlachten, über tausendfaches Pfählen und Leichenschändung bis in die Gegenwart hinein. 

Nicht selten sind es Momente, die uns in eine Art Zwischenwelt, Grauzonen zwischen Realität und Fantasie, entführen, Augenblicke, die der rationalen Wahrnehmung entschlüpfen, schwer fassbar sind und uns erschauern lassen. Unvergleichlich, wenn zum Beispiel nach altem Brauch in uralten Gräbern gebuddelt wird, um die Reste von Knochen und kleinen Accessoires Neuverstorbenen zukommen zu lassen. Unheimlich wiederum, wenn die Ich-Erzählerin des Nachts erwacht und sämtliche Möbel, vom Schrank bis zum Spiegel, verrückt oder gar verschwunden sind, ebenso wenn sie sich im offenen Grab wälzt, dabei tierische Laute ausstößt, mit einem Mal fliegen kann und blutrünstig mit ihren Zähnen einen Rehbock erlegt. Surrealistische Szenen, in denen sich Wirklichkeit, Traum und Albtraum vermischen. Dem Leser erschließt sich dabei eine eigentümlich, eine unheimliche Welt, in der das Motiv des Vampirismus vom 15. Jahrhundert an bis in die Gegenwart den roten Faden bildet. Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag!   Archiv

Buchtipp des Monats Mai-Juni 2021 


© Hartmut Fanger                           Absurde Verwicklungen

Jochen Schmidt: Ich weiß noch, wie King Kong starb,Verlag C.H.Beck oHG, München 2021

Auf unvergleichliche Art führt uns Jochen Schmidt mit seinem Erzählband „Ich weiß noch, wie King Kong starb“ die Absurditäten im Leben eines Autors, Vaters und Sohns einer alles dominierenden Mutter vor Augen. Stets mit leichter Feder überspitzt, stets mit Sinn für Humor und Skurriles, Freude an ungewöhnlichen Formulierungen, womit er immer wieder für Überraschungen sorgt. Teils lose miteinander verwobene Erzählungen, die am Ende nahezu als Roman durchgehen. Mit auf den ersten Blick einfachen, harmlosen Begebenheiten, die sich, sehen wir näher hin, jedoch eher als alles andere entpuppen, zieht der Ich-Erzähler seine Leser in den Bann. So zum Beispiel, wenn er während einer Familienzusammenkunft bei den Eltern auf die Toilette flieht, jenem einzigen Raum, in dem keine Bücher stehen, stattdessen „drei Dutzend Putzmittelsorten.“ Nur dort vermag er ‚ein bisschen zu sich zu finden’. Oder die Angst vor dem 10-Meter-Turm des indessen bald Mittvierzigers, selbstgestecktes, bislang verpasstes Ziel, das er mit Hilfe teils absurder Gedankengänge immer wieder hinauszuzögern versteht: „Dann bin ich tatsächlich oben, obwohl ich lieber noch weiter Leitern hochgestiegen wäre, denn jetzt rückt der Moment immer näher.“

Bemerkenswert die so ernüchternden wie wenig rühmlichen Erlebnisse eines Autors, der für sein Buch auf Tour geht, gehen muss. In Kauf zu nehmen sind neben langen Anfahrtswegen in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf denen er seine zum Verkauf angebotenen Bücher selbst transportieren muss, das Nächtigen in heruntergekommenen Pensionen, eine besserwisserische Hörerschaft  in einem ehemaligen, zum Kulturzentrum umfunktionierten Schlachthof. Von der verzweifelten Aktion, mit seinen Büchern in einer Buchhandlung präsentiert zu werden, um eine ‚Lücke’ zu füllen, ganz zu schweigen. Insbesondere komisch und nicht minder kritisch wird es, wenn die Deutsche Bundesbahn mit ihren Zügen als „Stehplatzhotel“ aufs Korn genommen wird. Etliche  Schwarzweißbilder wiederum illustrieren die Reise nach Budapest mit David Wagner. Selbst dort ist der Allerweltname Jochen Schmidt offenbar nicht selten, so dass ihm im Zuge einer Verwechslung ein Buch über Pina Bausch, das er nicht verfasst hat, zum Signieren vorgelegt wird.  

Köstlich nicht zuletzt Plaudereien aus dem Nähkästchen, etwa über den weltabgewandten Proust, wie aus der Feder von dessen Haushälterin Céleste Albaret zu vernehmen, der ‚nachts arbeiten und tagsüber schlafen musste’, panische Angst vor Staub und Mikroben hatte, oder wenn der Ich-Erzähler in der Hauptfigur aus Gontscharows „Oblomow“ weniger den sprichwörtlich faulen Nichtstuer als vielmehr den ‚sympathischen Hypersensiblen’ sieht. Alles in allem ein Feuerwerk an Ideen, an heiteren Episoden und zum Nachdenken anregenden Momentaufnahmen. So leichte wie tiefgründige Lektüre, gerade richtig für die anstehenden Sommertage.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck!                Archiv

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