Buchtipp Juli - August 2021

© Erna R. Fanger: Heimisch in Erinnerungen

 

Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München 2021

„So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute“ Leseprobe, lautet der letzte Satz des ersten Kapitels in dem 300 Seiten zählenden Buch von Helga Schuberts Leben in 29 Geschichten. Der Satz beschreibt präzise, was wir heute als Resilienz bezeichnen, also psychische Widerstandskraft gegen die niederschmetternden Härten des Lebens. Was es dazu bedarf, wird in besagtem Kapitel selbst deutlich. Es ist die Erinnerung an die wunderbaren langen Sommerferien bei der Großmutter, in der Hängematte zwischen zwei Apfelbäumen, den Duft nach warmem Streuselkuchen in der Nase. Diese Großmutter ist es auch, von der sie sich geliebt fühlt, im Gegensatz zur ablehnenden Mutter, die für das kleine Mädchen wenig übrighat. Der Vater ist im Krieg gefallen. Der erste Satz wiederum ist Programm: „Mein idealer Ort ist die Erinnerung“Leseprobe. Und entscheidende Erinnerungen finden sich auch gegen Schluss des Buches wieder, wo sich die Autorin, vier Jahre nach dem Tod der Mutter, erinnert, wofür sie ihr, über den Dank am Sterbebett hinaus, dass sie ihr das Leben geschenkt habe, des Weiteren dankbar sei. Und da kommt überraschend viel zusammen – etwa nach dem Motto Erich Kästners „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“. Dies bildet die Klammer der hier erzählten Geschichten aus dem Leben Helga Schuberts in der ehemaligen DDR, die gleichsam ein Stück Zeitgeschichte transportieren. Und doch dreht sich letzten Endes alles immer wieder um das schwierige Verhältnis zur Mutter, die immerhin 101 Jahre alt geworden ist, ihrer Tochter somit eine lange Zeitspanne gewährt hat, sich daran abzuarbeiten. Dem kommt Helga Schubert, um Identität ringend, nahe, indem sie zum Beispiel Strategien entwickelt, ‚die Schatten hinter sich zu lassen‘. So notiert sie sich Sätze aus Lektüren, Zeilen von Gedichten oder Liedanfänge, die sie durch Zeiten der Mutlosigkeit und der Trauer tragen. Und „Warum schreiben“ – Kapitel, in dem sie, ausgehend von ihrer Liebe zum Altweibersommer, wo sie ‚endlich ausatmen kann, wie beim Schreiben‘, spielend leicht Zugang zu dem Thema findet und fragt, was Menschen veranlasse, eine Zeit lang alles hinter sich zu lassen, Freunde, Familie, Kollegen, um sich völlig von der Welt zurückzuziehen, in dem Vertrauen, dass sich im Zuge dessen eine Geschichte in ihm verdichte. „Woher kommt der Mut, diese schmale, wankende Brücke zu den Menschen, die am andern Ufer lärmen, zu bauen, diese Brücke ohne Geländer zu betreten und hoch über dem Abgrund zu balancieren, ganz allein?“ Leseprobe Wer schreibt, muss genau hinsehen, dem Erschrecken standhalten angesichts der Abgründe, an denen entlang sich menschliche Existenz hangelt, seien es die eigenen, seien es die der anderen. „Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen.“ Leseprobe

Wie Erinnerung sich vollzieht, in Fetzen und Fragmenten, offenbart sich auf kaum mehr als zwei Seiten im zweiten Kapitel, „Vom Leben innen“, wo neben Orte der Erinnerung, etwa an das Pathos der Mutter beim Singen an der Seite von Blauhemden der FDJ beim Weltjugendtreffen, Belange von Alltagsbewältigung platziert werden, wie ‚daran zu denken, beim Autofahren Gas zu geben, einen Wagen zu lenken‘. Dass davon, nicht wie in der Vorstellung, ganz unmittelbar ‚etwas abhänge‘. Zugleich reichen wenige Pinselstriche aus, die Einsamkeit der Fünfzehnjährigen nahezubringen, die, der Mutter von ihrem „Gefühl der Unwirklichkeit“ erzählend, von dieser der Schizophrenie verdächtigt wird. Über den Selbstmord eines Mitschülers tröstet sie sich mit Klavierspielen hinweg. Ein Jahr lang hatte die Mutter ihr den Unterricht bei einer Pianistin bezahlt, dies, nachdem diese ihr Talent bescheinigte, jedoch wieder eingestellt. 

Immer wieder zieht sich die Erinnerungsspur an die erfahrenen Verletzungen seitens der Mutter durch ihre Geschichten. Und war dies für die bemerkenswerte Professorin, Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken in Scobels Büchertalk ein entschiedenes No Go, sei dem entgegengehalten, dass es keine Seltenheit ist, dass mit fortschreitendem Alter oft lange unten gehaltene Erinnerungen an empfundenes Unrecht noch einmal an die Oberfläche gespült werden und bearbeitet werden wollen. Bestenfalls, um am Ende seinen Frieden damit zu machen. Und Letzteres ist Helga Schubert mit diesem Kleinod – einem ganzen Leben in lauter kurzen Geschichten – mit Bravour gelungen.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                               Archiv

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem dtv Verlag, München 2021

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