Buchtipp des Monats Dezember 2022 - Januar 2023

© erf: Gott nahe sein in Gottesferne Von der Notwendigkeit, über Erlittenes zu schreiben

 

 In der Welt des funktionalen Menschen verkümmert die Erfahrung existenzieller Gefährdung, das Todes-, Krankheits- und Liebesleben verdorrt, „die Kunst, die immer dem leidenden Menschen zugehört hat und zugehört“, verliert ihr Gegenüber ...

Aus dem Nachwort, „Das Wunder des Romans“, von Lothar Müller

 

Imre Kertész, Heimweh nach dem Tod. Arbeitsbuch zur Entstehung des „Romans eines Schicksallosen“. Herausgegeben und ins Deutsche übertragen von Ingrid Krüger und Pál Kelemen. Rowohlt Verlag, Hamburg 2022

 

Wenn wir uns hier dem Arbeitsbuch eines Imre Kertész zuwenden, tun wir das nicht zuletzt mit einem gewissen Unbehagen. Einerseits das Bestreben, im Zuge jeder Lektüre zu erforschen, wie geht das überhaupt, schreibend das Leben bewältigen, muss sich diese Frage bei Imre Kertész, der das Konzentrationslager überlebt hat, notgedrungen anders stellen. Inwieweit beuten wir hier Erfahrungen aus dem äußersten Rand menschlicher Existenz aus. Andererseits erscheinen uns gerade diese Extreme bedeutsam. Dann von eben solcher Grenzerfahrung erschließt sich, so die grundlegende Annahme, menschliche Existenz in ihrem Wesenskern, weshalb wir uns, entgegen solcher Art Bedenken, der Erkundung der Vorgehensweise Imre Kertész‘ widmen wollen. Damit ist das oben formulierte Unbehagen nicht gelöst es ist nicht zu lösen –, aber auch nicht übergangen worden, woran uns wiederum gelegen ist.

Ein Credo Imre Kerstész‘ sei sogleich ins Zentrum unserer  Betrachtungen gestellt, nämlich, dass sich zum dichterischen Erlebnis niemals das erhöht, dem wir nachrennen und das uns gefällt, sondern nur das, was wir gezwungen sind zu erleben, unser Schicksal an sich. Leseprobe

Damit einhergehend die Erkenntnis, dass diese Annäherung an den eigenen Erfahrungshorizont nur im Zuge der Erforschung des eigenen Innern zu gewinnen, im Außen nicht zu haben ist.

Imre Kertész ist dreißig und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Musik-Komödien, als er das Arbeitsbuch (1958-1962) in Angriff nimmt. Hinter ihm Jahre erfolglosen Schaffens, was ihn zu der darin vorgenommenen „nüchternen Selbstprüfung“ veranlasst, deren Ertrag das hier vorliegende Arbeitsbuch bildet. Im Original 44 dicht beschriebene Seiten.

Heraus kristallisiert sich im Zuge dessen der Entschluss, die Geschichte seiner Deportation als Zwölfjähriger zu erzählen. Packend nehmen wir als Leser am Ringen Kertész‘ nicht nur um die Wahrhaftigkeit der Erinnerung teil, sondern auch um eine literarisch angemessene Form. Dabei greift er immer wieder auf Lektüreerfahrungen  – Dostojewski, Thomas Mann, Camus    zurück, letzten Endes unabdingbare Voraussetzung jeden tiefergehenden Schreibens. Zugleich eine Frage der Verbundenheit mit uns vorausgegangenen Erfahrungswerten, an die wir, je nach dem Resonanzraum, der sich im Zuge solcher Art von Intertextualität ergibt, anknüpfen. Ist Leid doch eine grundlegend menschliche Erfahrung, bei der wir danach fragen, wie andere vor uns damit umgegangen sind, und wovon große Literaturen immer schon Zeugnis abgelegt haben. Bemerkenswert überdies die differenzierte Reflexion der Zufälligkeit, wem dabei die Opfer-, wem die Täterrolle zukommt. Ebenso wie er verstandesmäßig unhaltbare Ambivalenzen ausleuchtet, etwa das Empfinden morbider Lust im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Unaussprechlichen, aber auch die erinnerte Erfahrung von Momenten des Glücks im Lageralltag. 

Zehn Jahre arbeitet er mit akribischer Gewissenhaftigkeit daran, den erlittenen Einblick in die Abgründe menschlicher Existenz zu erkunden und in die Form eines Romans zu überführen. Allein der Schachzug, ihn aus der unschuldigen Perspektive eines Kindes zu erzählen, verleiht ihm eine so verzweifelte wie tragikomische Note. Und als das Buch endlich erscheint, muss er erleben, dass es in Ungarn zunächst abgelehnt wird und weitere dreißig Jahre dauert, bis es mit dem Erhalt des Nobelpreises endlich der Weltöffentlichkeit bekannt werden sollte.  

Ebenso vielschichtig und komplex sowie geprägt von luzider Einsicht das Fazit, das er schlussendlich zieht und das grundlegend die Fallhöhe des funktionalen Menschen samt dem ihm innewohnenden Gewaltpotenzial skizziert, dem zu entrinnen allenfalls mit List gelingt:

Mit der Akzeptanz dessen, was geschehen ist und was noch geschehen wird, vergeht die Fremdheit gegenüber dem Leben, und wir erreichen auf diese Weise die reinste Erfahrung von Freiheit, die uns die Möglichkeit eröffnet, mit reinem Bewusstsein und erhabener Verachtung weiterzuleben. Leseprobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                                                         Archiv

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag Hamburg 2022

© erf

Einer, der sich weigert, ohne Träume zu leben

 

Werner Herzog, Jeder für sich und Gott gegen alle. Erinnerungen. Carl Hanser Verlag, München 2022

 Ich war wie ein Seiltänzer,

rechts und links Abgründe, aber ich ging weiter,

als sei ich auf einer breiten Straße unterwegs

und nicht auf einem dünnen Kabel

.Werner Herzog

 

Im filmischen Werk Werner Herzogs ebenso wie von den Büchern, die er geschrieben hat*, geht etwas Drastisches aus, etwas Zwingendes. Herzog, sich selbst verpflichteter Abenteurer, zugleich Visionär, der ‚einfach immer nur seine Notwendigkeiten erkannt und ihnen gegenüber Pflichtgefühle entwickelt hat, einer großen Vision zu folgen‘. Ihn interessieren die Extreme, die Ränder, was sich sowohl in seinen Filmen als auch seinen bemerkenswerten Büchern widerspiegelt. Und wie ein roter Faden zieht sich durch sein gesamtes Schaffen das Ringen darum, das Unvorstellbare zu transzendieren und in die Sphäre des Möglichen zu rücken, was nicht zuletzt die Faszination desselben ausmachen mag. Auch hat er keinerlei Risiko gescheut – zum Teil unter nahezu unvorstellbaren Umständen –, seine Ideen umzusetzen. Und nicht selten schien er dabei vom Pech verfolgt. Kraft holt sich Herzog aus dem Buch Hiob der Bibel, in einer Luther-Übersetzung von 1545, die er, neben Livius, Zweiter Punischer Krieg, beim Drehen von schwierigen Filmen mit im Gepäck hat, „immer bereit, mich allem geradewegs zu stellen, was auch immer die Arbeit und das Leben mir entgegenwerfen würden.“

 

Leicht mag man in ihm einen Fantasten sehen. Erst bei genauerem Hinschauen kommt man zu dem Schluss, das Gegenteil ist der Fall. Zwar erforscht er in seinem Werk weniger das Gängige als vielmehr Phänomene des Außerordentlichen, jedoch stets unter der Prämisse des Machbaren, einhergehend mit Besonnenheit, was ihn im Übrigen mit Reihold Messner verbindet. Besagte Machbarkeit erkundet er, bei aller Risikobereitschaft, akribisch. Nachzulesen etwa in Kapitel 22, „Ballade vom kleinen Soldaten“, über die Dreharbeiten zu Gascherbrum, der leuchtende Berg (1985), in Kooperation mit Reinhold Messner.

 

Überdies folgt sein Schaffen dem Credo „Die Welt eröffnet sich dem, der zu Fuß unterwegs ist“, was ihn wiederum mit Bruce Chatwin verbindet, der sich als Reisender tief der nomadischen Kultur verpflichtet sieht und im Beginn der Sesshaftigkeit den Ursprung all der ökologischen Krisen zu erkennen glaubt, mit denen wir heute konfrontiert sind. Als Chatwin schließlich seinem Aidsleiden erliegt, weilt Herzog, ihn auf der letzten Wegstrecke begleitend, an seinem Sterbebett.

 

Ein einzigartiges Zeugnis, das Leben zu Fuß zu meistern, nicht zuletzt aber auch von Herzogs schamanisch anmutendem Vermögen, ist in „Gang durch das Eis“ nachlesen bzw. im von Herzog selbst gesprochenen Hörbuch nachzuhören. Mit erzählerischer Wucht beschreibt er den unbedingten Willen, der sich seiner bemächtigt hat, die, wie ihm zu Ohren kam, im Sterben liegende deutsch-französische Filmhistorikerin und -kritikerin Lotte Eisner eben davon abzuhalten. „Lotte Eisner darf nicht sterben, nicht jetzt. Ich erlaube es nicht …“ beschwört er sein Vorhaben, einem so entbehrungsreichen wie überaus beschwerlichen, 21 Tage währenden Marsch von München nach Paris, wo er Mitte Dezember völlig erschöpft ankommt. Lotte Eisner gesundet daraufhin tatsächlich wie durch ein Wunder und lebt danach noch acht Jahre. Am Ende lebenssatt, bittet ihn scherzhaft die indessen 88jährige, er möge den Fluch des Weiterlebens von ihr nehmen, was er ebenso scherzhaft verspricht. Nach knapp einer Woche stirbt Lotte Eisner.

 

Was er noch dem Gehen zuschreibt, ist die Erkenntnis, dass ‚sich die Bedeutung der Welt aus dem Kleinsten, sonst nie Beachteten ableite, dies der Stoff sei, aus dem sich die Welt ganz neu ergebe‘, woraus sich wiederum der immense Erfahrungsreichtum ergibt, der sein Leben, wie in diesen Erinnerungen nun zugängig, ausmacht.

 

Schließen wir hier mit einem letzten Herzogschen Credo, gleichwohl als Fundament seines Schaffens zu erachten: „Erst die Poesie, erst die Erfindung der Dichter, kann eine tiefere Schicht, eine Art von Wahrheit sichtbar machen“, was wir unterstreichen möchten, ebenso wie wir Ihnen die durchweg packenden Lebenserinnerungen Herzogs nur ans Herz legen können.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser Verlag

 

*Eroberung des Nutzlosen (Hörbuchfassung, 2CDs), Winter und Winter, München 2013,

*Das Dämmern der Welt, Carl Hanser Verlag, München 2021, Vom Gehen im Eis. München-Paris 23.11.-14.12.1974, tacheles!/ RoofMusic, Bochum 2022 

Archiv 

Buchtipp des Monats August - September 2022

© erf:

 

Zwischen Selbstreflektion und Klage 

 

Josefine Klougart: New forest,

Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2022 (Kopenhagen 2016), aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle.

 

Dies so opulente wie umfangreiche Werk – über 500 Seiten – aus der Feder der gefeierten dänischen Autorin verfehlt auch diesmal nicht den Sog, mit dem sie schon die Leser:innen ihres ersten, ins Deutsche übersetzten Romans, Einer von uns schläft (2019) , in den Bann zog. Dies mag sich nicht zuletzt dem Facettenreichtum ihres Wahrnehmungsspektrums verdanken. Neben ihren literarischen Ambitionen ist Klougart in der Musik ebenso zuhause wie in der Malerei, was offenbar einen immensen Reichtum in der Rezeption all dessen befördert, was der Erzähl-Stimme im wahrsten Sinne des Wortes zustößt. Überdies fungiert immer auch die Natur als Folie des Erzählens, was zusätzlich seine Magie ausmacht.

 

Im Übrigen folgt Klougart keiner Chronologie, als sie uns vielmehr nach Art des Stream of Consciouness assoziativ in Erinnerungsbilder eintauchen lässt. Ebenso wenig, wie sie durchgehend an einer Erzählperspektive festhält, so kippt die Ich-Stimme bisweilen durchaus in die Distanz wahrende dritte Person. Anlass der Erkundung des eigenen Innenraums ist eine gescheiterte Beziehung, wonach sich die Protagonistin allein mit ihrem Hund aufs Land zurückzieht. Steht zunächst das qualvoll gezeichnete Ende der Beziehung zu dem einstigen Lebensgefährten im Zentrum ihrer Selbsterforschung, münden des Weiteren ihre Gedanken zunehmend in die Welt ihrer Kindheit und Jugend. Dabei kommt die konfliktive Beziehung zu ihren Eltern ebenso zur Sprache wie das von Eifersucht geprägte Verhältnis zu der Schwester. Im Grunde wird das gesamte bisherige Leben auf den Prüfstand gestellt, Wünsche, Träume, nicht zuletzt die Reisen der Protagonistin, stehen Letztere doch für Aufbruch und Weitung des Blicks, worum es in diesem Art Prosa-Poem, getragen von Sprachrhythmus und Wortklang, vornehmlich geht. So streifen wir mit ihr ihre Heimat Jütland, die norwegischen Lofoten, stranden schließlich im griechischen Thira. Am Ende ist es der New Forest, Südengland, in dem Kindheitserinnerungen gespeichert sind.

Traumwandlerisch anmutend, werden hier Abschied und Tod, Trauer und Verlust, Scham auch, poetisch durchdekliniert und in ein funkelndes, bisweilen mit schwarzen Diamanten bestücktes Textgewebe gewandelt. Und doch sei, bei aller Sprachvirtuosität, bei allem Wohlklang, der dem Text eingewoben ist, der Einwand erlaubt: Weniger wäre auch hier mehr gewesen, wie oben erwähnt, immerhin über 500 Seiten ohne Anhaltspunkte im Rahmen eines Handlungsstrangs. Nichtsdestotrotz – ein in schillernden Bildern dahinfließender Erzählfluss, gespeist von Farben und Licht, mal vom Entzücken über Naturschönheit, mal von Melancholie getragen, angesichts letztendlich der Vergeblichkeit menschlichen Strebens. Ein Diskurs, der den Leser, der sich darauf einlässt, selbst auf langer Strecke zu tragen vermag.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

 

Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Matthes & Seitz Verlag!  Archiv

 

Buchtipp des Monats August - September 2022

© erf

Schattenseite der Karrierefrau

 Eva Biringer: Unabhängig. Vom Trinken und Loslassen, Harper Collins, Hamburg 2022

 Seit Jahren geht laut der hier vorgestellten Studien der Alkoholkonsum deutlich zurück, hat angeblich bei Jugendlichen sogar einen historischen Tiefstand erreicht. Ausgenommen einer Gruppe, nämlich bestens ausgebildeter Frauen in gut bezahlten Jobs, wo er kontinuierlich steigt.

 Diese Frauen um die 30 sind Feministinnen, emanzipiert, beruflich erfolgreich mit entsprechendem Verdienst und karrierebewusst. Sie joggen, achten auf Fitness, Figur und Ernährung. Nicht selten befolgen sie Achtsamkeitskonzepte, machen Yoga, greifen zu Bio.

 Die Frage stellt sich, ob sich in einem schleichenden Prozess mit Feminismus und Alkoholkonsum ein neuer Trend etabliert hat – die Psychotherapeutin Ann Dowsett Johnston spricht gar von einer „Feminisierung der Trinkkultur“. Die Beliebtheit neuer Rosé-Weine und -Sektsorten scheint dies zu bestätigen. „Die Zukunft ist weiblich, der Wein ist pink“ zitiert Biringer die US-Autorin Holly Whitaker aus „Quit Like a Woman“, einem gleichwohl packenden, an Frauen gerichteten Plädoyer für Selbstfürsorge und Selbstverantwortung, statt Flucht in den Alkohol.

Überdies konstatiert Biringer einen deutlichen Zusammenhang zwischen Alkoholismus und Anorexie, wie Magersucht oder Bulimie – viele davon Betroffene trinken außerdem. Auch wenn dies insofern wenig plausibel scheint, als Alkohol kalorienreich ist, überdies mit Kontrollverlust einhergeht, wo es bei diesen Ernährungsstörungen doch vornehmlich darum geht, unter keinen Umständen die Kontrolle über den Körper zu verlieren. Ihres Erachtens macht jedoch gerade das darin sich erweisende Paradox Sinn: Man kann nicht permanent leistungsorientiert und kontrolliert sein, braucht ein Ventil, um diesem von allen Seiten spürbaren Druck zu entkommen. Das Trinken, gesellschaftlich nicht nur legitimiert, sondern, zumindest im Rahmen manch beruflicher Zusammenkünfte, geradezu eingefordert, gehört dazu, um „in“ zu sein.

Hervor sticht die umfassende Recherche nahezu sämtlicher Fakten rund um das Thema. So kann einem der Alkoholkonsum durchaus vergehen, wenn Biringer detailliert diedamit verbundenen gesundheitlichen Risiken erhellt – von Bluthochdruck, erhöhtem Krebsrisiko, Panikattacken, Zittern, um nur einige zu nennen. Entschieden stellt sie auch den ‚moderaten Alkoholkonsum‘ in Abrede, zitiert hier Vertreter*innen des Verbandes der Ernährungswissenschaftler*innen Österreichs: “Es gibt keine gesunde Menge Alkohol“, sowie eine über Jahrzehnte angelegte Studie des US-Zentrums für Gesundheitsstatistiken, die der Auffassung widerspricht, dass etwa geringe Mengen Rotweins die Herzgesundheit förderten. Ebenso stelle sich die Frage, inwieweit die Rede vom ‚moderaten Alkoholkonsum‘ Auslegungssache sei. Abgesehen von der Tatsache, dass Frauen Alkohol sehr viel schlechter vertrügen als Männer, das gesundheitliche Risiko für sie entsprechend höher liege.

Beunruhigend überdies die Tatsache, dass ‚weltweit mehr Menschen durch Alkohol als Verkehrsunfälle, illegale Drogen und Verbrechen sterben‘. Ganz zu schweigen von den immensen Kosten für das Gesundheitssystem. Nicht zuletzt wird die Alkohol-Lobby aufs Korn genommen. So etwa mit der Erwähnung Sabine Bätzing-Lichtenthälers (SPD), letzte Politikerin, die als Drogenbeauftragte u. a. versucht hatte, ein Werbeverbot für alkoholische Getränke vor 20:00 Uhr zu erwirken und sich für eine Steuererhöhung auf Alkohol einsetzte – am Beispiel von Island oder Schottland nachweislich hilfreiche Maßnahmen – jedoch kläglich scheiterte.

Ermutigend hingegen das ausführliche letzte Kapitel, bezeichnenderweise betitelt mit „Der Anfang“, wo Biringer facettenreich Wege nahebringt, die den Ausstieg aus der Sucht begleiten und den Anfang eines Lebens jenseits der Abhängigkeit markieren. Im Grunde lassen diese sich allesamt unter dem Begriff Selbstfürsorge, Selbstliebe, zusammenfassen. Welche Alternativen bieten sich, statt im Alkohol Zuflucht zu suchen. Das fängt damit an, zu tun, was man liebt. Und das ist bei Biringer nicht zuletzt das Schreiben. Daran schließt die Frage, was nährt uns, im konkreten wie im übertragenen Sinn. Was essen wir, womit beschäftigen wir uns, was erfüllt uns, schenkt uns Zufriedenheit, Freude. Zitiert werden, neben eigenen Erfahrungen, jede Menge authentischer Zeugnisse von Betroffenen, die ihre Sucht überwunden haben. Zeugnisse des Aufschwungs in die Selbstwirksamkeit.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Harper und Collins     Archiv

 

 Zählt im Leben denn nur, was wir bekommen? Zählt nicht unsere Sehnsucht, zählen nicht unsere Träume? ... Julia Holbe

Buchtipp: April 2022

© Hartmut Fanger:

Was zählt im Leben

Julia Holbe: »Boy meets Girl«, Roman, Penguin Verlag, München 2022

 

Nach ihrem erfolgreichen Debut „Unsere glücklichen Jahre“ ist mit „boy meets girl“ bei Penguin nun ein weiterer vielversprechender  Roman von Julia Holbe erschienen Auf über 283 Seiten erzählt die Autorin die Geschichte einer großen Sehnsucht sowie der Suche nach erfüllter Zweisamkeit, die die Protagonistin, Ich-Erzählerin und verheiratete Paartherapeutin Nora umtreibt. In Begriff, sich von ihrem untreuen Mann Paul zu trennen, sieht sie auch in einer Liaison mit ihrem ehemaligen Englischlehrer Gregory keine große Zukunft. Der einzige, den sie wirklich und von tiefstem Herzen liebt, ist ihr alter Freund Jann. Doch Letzterer steckt in einer festen Beziehung ...

Eine Misere. Zumal beide – augenscheinlich ‚nur’ gute Freunde – nicht wirklich  voneinander loskommen, sich immer wieder über den Weg laufen. Stets kommt dabei der Zufall zur Hilfe. Beliebtes Instrument, die Handlung voranzutreiben, eine Geschichte mit einer überraschenden Wendung zu versehen, um den Leser in Schach zu halten, was Julia Holbe hier meisterhaft versteht. So begegnen sich die Figuren gleich zu Beginn nach vielen Jahren rein zufällig im Supermarkt wieder. Ein andermal zusammen mit den jeweiligen Partnern auf dem Weg zum Kino, was zu einem gemeinsamen Essen und – nicht ohne Humor – zu einer Fülle an Komplikationen führt. Wie das Ganze überhaupt spannend und unterhaltsam erzählt ist. Wobei stets die Frage im Raum schwebt, inwieweit sich die Liebe der Protagonistin zu ihrem Freund Jann doch noch erfüllen mag. 

Kern- und Schlüsselsatz des Romans bildet zugleich der Titel „boy meets girl“, ‚Anfang aller zu erzählenden Geschichten‘ überhaupt, wie es gleich zu Beginn, aber auch gegen Ende des Romans heißt. So äußerte sich zumindest der berühmte US-amerikanische Filmemacher Alfred Hitchcock gegenüber seinem französischen Kollegen Francois Truffaut. Was sich schon insofern bestens mit dem Plot vermittelt, als seitens  der ausgesprochen kinoaffinen Hauptfigur über den gesamten Roman verteilt von zahlreichen Filmklassikern die Rede ist. Eine Vorliebe, die sie mit dem von ihr begehrten Jann teilt.

 

Sehr gelungen überdies die Schilderung der Aufenthalte in dem kleinen, nicht weiter benannten und vom inneren Konflikt Noras beherrschten Ort am Meer. Letztendlich wünscht sich die Protagonistin eine Beziehung, die bis ins Alter anhält, was in den Figuren ihrer Eltern ein Spiegelung erfährt. So erschreckend wie anrührend die Passagen, wo die Demenz des Vaters immer deutlicher zutage tritt, die Mutter eine Herzoperation zu überstehen hat, wodurch das Ganze an Tiefe hinzugewinnt.

Alles in allem mit der feingesponnenen Handlung und den sympathischen Charakteren ein vielversprechendes Lesevergnügen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                           Archiv

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem PENGUIN Verlag!

 

Lesungen:

Freitag 18.03. 2022; LEIPZIG, Blaues Sofa, ZDF,, Kongresshalle am Zoo, 15.40 Uhr, Mod.: Susanne Biedenkopf (ZDF)

Donnerstag 07.04.2022: BÜSINGEN, i.R. von "Erzählzeit ohne Grenzen"

 

Fr.eitag 08.04.2022: NEUNKIRCH (CH), i.R. von "Erzählzeit ohne Grenzen"

 

Donnerstag 22.06.2022: FRANKFURT/M., Literaturhaus, “Beziehungsweisen“ - Ein Abend mit Judith Kuckart, Kristine Bilkau und Julia Holbe, 19:30 Uhr

 

Freitag. 23.09.2022: WITTLICH, Casino, 20 Uhr (i. R. der Reihe “Literatur im roten Salon” der Eifel-Kulturtage)

 © Mathias Bothor/Photoselection

Julia Holbe, Jahrgang 1969, ist Luxemburgerin. Sie lebt in Frankfurt am Main und in der Bretagne. Zwanzig Jahre arbeitete sie als Lektorin für internationale Literatur, bevor sie mit »Unsere glücklichen Tage« ihren ersten Roman schrieb, der auf Anhieb auf der Bestsellerliste landete.

 

Buchtipp: Februar 2022

© Hartmut Fanger

Rettet die Hühner

Deb Olin Unferth: „Happy Green Family“ Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2022, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Barbara Schaden

Die US-amerikanische Autorin, ehemalige Sandinista in Nicaragua und Preisträgerin zahlreicher literarischer Auszeichnungen, Deb Olin Unferth, hat einen Roman vorgelegt, der nicht nur vielen Tierschützern aus dem Herzen sprechen wird, sondern auch den Verbraucher zum Nachdenken anregt, sein Konsumverhalten – spätestens beim Frühstücksei – zu überdenken. Es geht um die riesigen Hühnerfarmen in dem US-amerikanischen Bundesstaat Iowa, wo die Tiere unter unvorstellbar grausamen Umständen eingepfercht sind. Dabei versteht es Deb Olin Unferth, den Leser mit Witz, lockeren Formulierungen und einem gekonnten Spannungsaufbau auf 288 Seiten bei der Stange zu halten und trotz detailgetreuer Schilderungen der verwahrlosten Legehennenbetriebe bis zum Schluss weiterlesen zu lassen.

Doch wie bringen die zwei Legehennenbetriebsprüferinnen die fünfzehnjährige Janey und die Freundin ihrer verhassten Mutter, Cleveland –, es fertig, einen 150 Meter langen Stall in der Größe von fast anderthalb Fußballfeldern, „so groß wie die vier größten Dinosaurier, die je auf Erden gewandelt sind“ und worin sage und schreibe von ‚hundertfünfzigtausend Legehennen vierzig Millionen Eier produziert’ werden, heimlich und illegal leerzuräumen. Es gilt ja nicht nur, die Tiere zu befreien, sondern zugleich an anderer Stelle unter hygienischen Bedingungen unterzubringen. Kein leichtes Unterfangen. Und was, wenn eines Tages vor Ort ein Feuer ausbricht …

Spannend dementsprechend die geschilderten Umstände, die frei nach Nietzsche eine „Umwertung aller Werte“ beinhalten: Eine Welt, in der Tierquäler auf der Seite des Rechtes stehen und die Schützer der Schöpfung von vornherein kriminalisiert werden. Da mutieren die Protagonisten – nach dem Vorbild des legendären Rebellen in mittelalterlichen englischen Balladen, der sich bekanntlich für Unterdrückte und sozial Benachteiligte gegen das Gesetz eingesetzt hat – zu einer Art modernem Robin Hood. 

Kenntnisreich schildert die Autorin überdies die Hühnergattung, dringt bis in deren Gehirnstruktur vor. Wie denken die Tiere, wie nehmen sie die Welt wahr, was benötigen sie, um in einer für sie zuträglichen Umgebung aufzuwachsen. Zugleich geht sie der Spezies bis zu deren Ursprung nach – ohne dabei auch nur im Ansatz den Anspruch erheben, den Leser belehren zu wollen.

Ein Roman, der, teils nah an der Realität, in seiner Fiktion jedoch stets genügend Freiraum lässt, um Phantasie freizusetzen, zugleich Lesevergnügen trotz der darin zur Sprache kommenden harten Fakten.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Klaus Wagenbach Verlag!

 

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