Buchtipp des Monats Mai 2022

© Hartmut Fanger

Eine Tochter und zwei Väter – Ein Deutsch-deutsches Desaster   

 

Jan Weiler: „Der Markisenmann“ Wilhelm Heyne Verlag, München 2021

Wer kennt  Jan Weiler nicht. Der spätestens seit „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, der gleichnamigen Verfilmung sowie dem Bestseller „Das Pubertier“ bekannte Autor wartet auch im zweiten Corona-Jahr mit einem vielversprechenden Roman auf.  

Wie schon in seinen früheren Büchern, kommt in „Der Markisenmann“ der ihm eigene leise, nichtsdestotrotz markante Humor, gepaart mit menschlicher Wärme und einem Hauch von Sozialkritik, zum Tragen. Mit Blick auf das Jahr 2005 erzählt eine inzwischen erwachsene Tochter namens Kim von dem Verhältnis zu ihrem Vater. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir so von einer materiell verwöhnten, hingegen seelisch vernachlässigten Fünfzehnjährigen, die deshalb schon früh gegen die prekären familiären Verhältnisse rebelliert, insbesondere gegen Mutter Susanne und Stiefvater Heiko Mikulla opponiert. Die konfliktive Eltern-Tochter-Beziehung kulminiert, als sie eines Tages am Swimmingpool mehr oder weniger versehentlich ihren Stiefbruder Geoffrey anzündet. Zur Strafe wird sie während der Sommerferien ins Exil nach Duisburg versetzt, wo ihr leiblicher Vater Ronald Papen, der sogenannte „Markisenmann“, lebt, den sie dreizehn Jahre lang nicht gesehen hat. Dieser entpuppt sich zunächst als das genaue Gegenteil ihres geschäftstüchtigen Stiefvaters, verfügt weder über dessen Selbstbewusstsein noch Skrupellosigkeit, wirkt vielmehr zerbrechlich und hat feinere Manieren – und doch ist da so manches, was die beiden Väter gemeinsam haben.

Mit Sinn für Situationskomik und jeder Menge Lokalkolorit schildert Jan Weiler ein Universum der besonderen Art. Von Gelsenkirchener Verhältnissen bis zum Schönheitsideal der ehemaligen DDR, woher die einstigen Freunde, Stiefvater Mikulla und leiblicher Vater Papen inklusive Markisen, herstammen, was sich am Ende als ein deutsch-deutsches Desaster entpuppt. Allein die einer Lagerhalle entsprechenden Behausung Papens im Industriegebiet hat es in sich. Ebenso der nahezu irrwitzige Versuch, im Ruhrgebiet diese ästhetisch alles andere als attraktiven Schutzdächer an den Mann zu bringen. Ein offenkundig erfolgloses und von Beginn an zum Scheitern verurteiltes Unternehmen. Bis – ja, bis seine fünfzehnjährige Tochter die Bühne betritt und seine geschäftlichen Aktivitäten mit ihren die Grenzen der Legalität überschreitenden Verkaufsstrategien aufmischt ... Von da an ist vieles anders.

Allein wie es Weiler gelingt, sich im Rahmen einer Rückblende gekonnt in eine ‚schwer erziehbare’ Fünfzehnjährige hineinzuversetzen, ist ein gelungener Kunstgriff. Hier stimmt alles. Von der Psychologie einer Heranwachsenden bis hin zu deren Vorlieben und Sprache. Und selbst ihre an den Tag gelegten neunmalklugen Weisheiten kommen in diesem Kontext authentisch rüber. Zugleich eine so anrührend wie tragische Familiengeschichte, die unter die Haut geht. Nicht zuletzt aber eine bemerkenswerte Vater-Tochter-Erzählung mit großer Empathie für das ambivalente Figurenensemble.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                            Archiv

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Heyne Verlag

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