Buchtipp des Monats September - Oktober  2021 

 © Hartmut Fanger  

Generationenroman – so kurzweilig wie brillant  

Jo Lendle: „Eine Art Familie“,   Penguin Verlag, München 2021

Mit „Eine Art Familie“ veröffentlicht der 1968 geborene Jo Lendle seinen fünften Roman. Erzählt wird diesmal die Geschichte seiner eigenen Familie. Dementsprechend sind seine Figuren ‚echt’ und tragen folglich real existierende Namen. So hat es den Protagonisten und Naturwissenschaftler Ludwig Lendle von 1899 bis 1969 tatsächlich gegeben. Eine Zeitspanne, die auch dem Roman zugrunde liegt: vom Kaiserreich bis hin zum  Nationalsozialismus, von  den ersten Tagen der DDR bis hin zur Bundesrepublik. Deutsche Historie pur. Wie dicht beieinander die Abfolge geschichtlicher Ereignisse im Zeitkontinuum liegt, erweist sich anhand lediglich einer ‚kleinen Reihe von Menschenleben’, derer es bedürfe, um ‚beim Christuskind an der Krippe zu stehen’: Ludwigs eigener ‚Großvater hätte als Kind Goethe die Hand geben können. Und Goethe selbst war schon geboren, als Bach noch lebte ...’ und sofort.    

Während Ludwig Lendles Bruder Wilhelm in den Nationalsozialismus abgleitet, hat Ludwig Lendle gegen das System auf vielen Ebenen zu kämpfen, was sich bis in die Arbeitswelt der medizinischen Fakultät bemerkbar macht. So wird er zum Beispiel in einem offiziellen Schreiben des Ministeriums beschuldigt, sich über die Anschaffung einer Hakenkreuzfahne abfällig geäußert zu haben. Dagegen ist seine wissenschaftliche Schlaf-Forschung gerade auch für den politischen Machtinhaber von nicht unerheblichem Belang. Schließlich mündet diese direkt in das im Krieg verwendete Nervengas. Dabei versteht es der Autor, die verheerende Politik mit kleinen Alltagsszenen zu illustrieren, mit den kleinen Freuden, großen Ängsten und Sorgen der Menschen. Denn ‚es geht’ ihm im Hinblick auf die in der Präambel skizzierte Forderung Stendhals um ‚mehr Details’, worin ‚Eigenart und Wahrheit’ zu finden seien. Letztendlich gehe es ‚ums Ganze, das sich wie immer in seinen Teilen zeige’. Von „‚den schwer lesbaren Botschaften der Wolken“  bis hin zu den „zusammengezogenen Augenbrauen einer Radfahrerin“.  Und vor allem geht es dem Titel des Romans entsprechend um eine notgedrungene familienähnliche Situation. So lebt Ludwig Lendle mit seiner Nichte Alma Grau und Fräulein Gerner zusammen. Eine Figurenkonstellation, die Lud Lendle wie folgt selbst auf den Punkt bringt: „Drei eigenartige Menschen, ein seltsam versprengter Haufen, von Zufällen zusammengewürfelt, ohne rechte Verbindung und ohne Zukunft, von denen man nur eines lernen kann: Wie man ausstirbt.“ LESEPROBE Denn von Kindern kann schon aufgrund der verkappten Homosexualität Ludwig Lendles nicht die Rede sein. Wie Sexualität überhaupt im Wesentlichen unterdrückt wird. Stattdessen erfreut man sich an der Suche nach Steinpilzen, an Rahbarbarkuchen oder im Kriegsjahr 1946 an einer Eierlikörtorte, die während eines Gesprächs über „Das Wesen der Lust nach den platonischen Dialogen“ auf der Terrasse des Philosophen Gadamer zu sich genommen wird.

 

Meisterhaft die Anwendung des Stilmittels der Auslassung. Kein Wort zu viel, der Verzicht auf überflüssige Adjektive, Füllwörter und unnötige Wiederholungen. Oft ist es zudem der sachlich kalte, nüchterne Bick des Wissenschaftlers und Mediziners, der ähnlich wie schon im „Zauberberg“ des Thomas Mann in den Bann zieht. Doch anstatt der Schilderungen an Tuberkulose Erkrankter sind es hier die Szenen, in denen Tierversuche praktiziert werden, mit Fröschen und Mäusen experimentiert wird. Dabei bleibt dem Leser überlassen, die ganze Tragweite solcher Untersuchungen nachzuempfinden, was wiederum Phantasie freisetzt. Hinzu kommen die so poetischen wie originellen Kapitelüberschriften, wie zum Beispiel „Herz und Abendstern“, „Kautschuk und Nähe“ oder „Schwäne und Himbeeren“. Alles in allem ein ungemein lesenswertes Buch, das uns epochale Wirklichkeiten in Politik, Wissenschaft wie im Alltagsleben nahebringt. Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

 

Mit Dank für das Rezensionsexemplar an den Penguin Verlag!          Archiv

Veranstaltungen mit Jo Lendle "Eine Art Familie":

 

27.-29.8     Erlangen     Poetenfest

Fr. 24.9.     Öhringen     Hohenloh'sche Buchhandlung Rau

Sa,25.9.     Tübingen    Tübinger Bücherfest

Mi 6..10.     München    Literaturhaus, Moderation Knut Corden (BR)

Mi. 13.10    Lüneburg    Lünebuch

Do.14.10    Hamburg     Literaturhaus Moderation Wiebke Porombka

                                      (Deutschlandfunk)

Fr.15.10     Buchholz     Buchhandlung Slawski, Kulturkirche

Di. 2.11      Frankfurt      Literaturhaus

Mi. 9.11.     Köln             Literaturhaus

Do 10.11.   Koblenz       Buchhandlung Reuffel

 

Weitere Veranstaltungen in Vorbereitung

Buchtipp des Monats Juni-Juli 2021 

 

© Erna R. Fanger  

Von der Wirkmacht der Imagination

 

Anna Baar: Nil, Wallstein Verlag, Göttingen 2021

Vergeblich sucht die Leser:in in Anna Baars drittem Buch, Nil, nach dem roten Faden, der so etwas wie einen Plot erkennen ließe. Und lesen wir im Feuilleton knappe Inhaltsangaben, ist nahezu einhellig, nicht zuletzt im Klappentext, von einer Geschichtenerfinder:indie Rede, die, beauftragt, von einem Frauenmagazin, eine Fortsetzungsstory schreibt. Im Text selbst hingegen vernehmen wir gleich im zweiten Absatz seitens der Ich-Stimme „Erkundigt sich einer nach meinem Beruf, sage ich bloß Erfinder, denn ich erfinde Geschichten …“ Leseprobe Dies wirft natürlich die Frage auf, ob es sich dabei nicht auch um einen Mann handeln könnte, die sich bis zum Schluss nicht eindeutig beantworten lässt. Wie überhaupt das ganze Buch als Großprojekt der Dekonstruktion von Identität angelegt zu sein scheint. Dabei manifestiert sich die bewährte, an Literatur gestellte Frage, wer sind wir, wo kommen wir her, wo gehen wir hin, sich beständig verschiebend, allein zwischen den Zeilen. Die Welt als Ganzes ist atomisiert und steuert zusehendes auf die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlagen zu. Der Einzelne findet darin keinen Halt, sich selbst allenfalls in brüchiger Identität wieder. Eben diese Gemengelage spiegelt Nilwider. Zugleich eine Suchbewegung, Erkenntnis über die Wahrheit unserer krisenhaften Existenz zu gewinnen. Hier mit den Mitteln der Literatur, die laut Baar in ihren erfundenen Momenten der Wahrheit näher ist als in den nur scheinbar authentischeren des Autobiografischen. Nil ist insofern in erster Linie ein Buch über das Schreiben, das Erzählen, denn „Wir werden unsere Geschichten nicht los, ob wir sie nun erzählen oder nicht, manchmal rutscht etwas davon heraus, mitten ins Schweigen hinein, in die stehengebliebene Zeit ...“ LeseprobeWas macht den Prozess des Schreibens aus, welche Perspektiven nehmen wir ein. Was passiert, wenn man sich, absichtslos, allein dem Erzählfluss hingibt. Was bewirkt es. Bewirkt es überhaupt etwas. Und welche Funktion kommt dabei der Fiktion zu. Nicht zuletzt fragt sich die Protagonist:in: „Ob man sich infiziert mit dem erfundenen Schicksal, indem man die Nase zu weit zwischen zwei Heftseiten steckt?“ Leseprobe Und als sie aufgefordert wird, die Fortsetzungsstory im Zuge von Leserbeschwerden zu Ende zu bringen, und sei es, dass sie das Paar, von dem sie handelt, ‚von der Klippe springen lässt‘, wird ihr dies zum Verhängnis – „denn wie es geschrieben stand, ging mir alles so nahe, als ginge es um mich, aber nicht rückwärtsgerichtet, nicht memoirenhaft aus dem Leben gegriffen, sondern wahrsagerisch, mitten ins Leben hinein. … Wer weiß, wo die Wahrheit beginnt und wo sie zu Ende ist?“LeseprobeRadikal wird des Weiteren das eigene Schreiben infrage gestellt. ‚Geschichten zu verbreiten sei kein Beruf, vielmehr eine Zumutung. Denn was der Schreibende im Stillen von sich gebe, komme’ „im Leser zum Klingen, und seine Wahrheit verblasst im Licht der fremden Erfindung.“ Leseprobe Über den Prozess des Schreibens weiß die Protagonist:in, in der Wir-Perspektive ansetzend, die in die Ich-Perspektive mündet: „Würden wir je so groß und geschickt, wie man es Kindern vorhersagt, wäre ich heute Dichter“. Leseprobe Bemerkenswert das „wie man es Kindern vorhersagt“, statt „wie man es Kindern nachsagt“. Stilistische Raffinesse, in der in Analogie zum Auflösungsprozess von Identität auch von sprachlicher Übereinkunft abgewichen wird. 

Szenen aus der Kindheit der Ich-Stimme, wo der Vater Zoodirektor ist, ein Krokodil abhanden kommt, verweben sich mit diversen Handlungssträngen. Überdies das immer wieder auftauchende Motiv einer Fotokabine, dazu angetan, darin zu verschwinden, wie das vermisste Krokodil – das Cover suggeriert es. Irritiert diese Diskurs-Vielfalt einerseits, offenbart die radikale Hingabe an den Schreibfluss umso überraschendere Perlen an poetischem Erkenntnisgewinn, deren Faszination die Leser:in in den Bann zieht. So etwa, wenn es heißt, dass ‚wäre sie heute Dichter’, dann „keiner von Rang und Namen, keiner, der nach Publikum schielt, um vor ihm auszustreuen, was er von der Liebe weiß oder von der Angst, oder, noch schlimmer, von sich, mehr ein stiller Bewahrer dessen, was ihn streift und umschwirrt.“Leseprobe Nicht zuletzt impliziert dies eben jene Absichtslosigkeit, unprätenziös und durchlässig für die Dinge des Lebens, was dem Schreiben den Atem des Lebendigen verleiht – zugleich Humus für stilistische Brillanz. Last but not least fährt sie fort: „Ich schriebe nicht für die andern – und nicht für die Nachwelt, gibt es denn eine? –, schließlich bleibt unbestimmbar, ob, was im Augenblick gilt, nicht binnen kurzem alle Gültigkeit verliert.“ Leseprobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Wallstein Verlag, Göttingen!         Archiv

 

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