Buchtipp Januar 2022

© Hartmut Fanger: Eine Familie Anfang der Siebziger in Amerika

 Jonathan Franzen: „Crossroads“ Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2021

Wer von denen, die sie selbst erlebt haben, erinnert sich nicht an die siebziger Jahre, an die Musik, die Mode, jenen Aufbruch, der 1968 mit der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung seinen Lauf nahm, gefolgt von den bald weltweiten Anti-Vietnam-Demonstrationen. Die Jüngeren wiederum werden auf über 800 Seiten in Jonathan Franzens „Crossroads“ umfangreich und detailgenau davon erfahren. Auftakt einer großen Roman-Trilogie. Dabei nimmt der Autor ausgerechnet eine mittelständische Pastorenfamilie wie die Hildebrandts in Chicago zum Ausgangs- und Mittelpunkt seines Epos‘, womit jede Menge Reflexion, religiöse, ethische wie moralische Fragestellungen zum Tragen kommen. Und Franzen lässt wahrlich nichts aus, dringt in die innerste Psyche seiner Protagonisten, erzählt dabei eloquent deren Geschichte. Da changieren persönliche Krisen und Nöte von Kindern in der Pubertät mit denen der Erwachsenen in der Midlife-Crisis. Zugleich kommen spießige und von Schuld beladene außereheliche Liebesbeziehungen zur Sprache, wo sich Abgründe auftun, wie etwa die verschämten regelmäßigen Besuche von Mutter Marion in einer als Zahnarztpraxis getarnten psychotherapeutischen Einrichtung. Junge Männer wiederum unterm Banner von Vietnamkrieg und dem Damoklesschwert des per Losverfahren drohenden Militärdiensts. Und natürlich spielt dem Zeitgeist entsprechend die Drogenproblematik eine Rolle. Es geht ums Dealen, Kiffen und darum, wie man es schafft, high zu sein. Beeindruckend und minutiös beschrieben die erste Marihuana-Erfahrung von Tochter Becky, einem spirituellen Erlebnis – ‚Gebet an Gott auf einem Dachboden der Kirche im Dunkel der Nacht’ sowie die Erkenntnis, dass ‚Zeit nicht ohne Licht gemessen werden kann’. 

Außergewöhnliche Ereignisse, etwa auch Wetterlagen, erfordern in der Regel außergewöhnliche Maßnahmen und sind gerade deshalb im Kreativen Schreiben ein beliebtes Stilmittel, bergen sie doch immenses Spannungspotenzial. Franzen nutzt dies verstärkt, indem er es in dem ersten, mit „Advent“ überschriebenen Teil auf vielen Seiten nahezu unentwegt schneien lässt. Da kommen so manche der Protagonisten sprichwörtlich wie im übertragenen Sinne ins Rutschen, bleiben Autos stecken, gerät so mancher Zeitplan durcheinander, ist von Räumungsarbeiten die Rede.

Der Verdacht liegt nahe, dass wir es mit einem Roman zu tun haben, wie man ihn heute eigentlich nicht mehr schreiben kann. Alles ist ausformuliert, so dass für den Leser kaum mehr Spielraum für eigene Deutungen bleibt. Und dennoch entsteht von Beginn an ein Lesefluss, ja Sog, dem man sich, stilistisch ausgefeilt, bis zum Schluss hin kaum entziehen kann. Der Leser möchte jedenfalls unbedingt wissen, wie es weitergeht. Franzen ist einfach einer der ganz großen Erzähler der Gegenwartsliteratur!

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                                                Archiv

 

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