Buchtipp des Monats August - September 2022

© erf:

 

Zwischen Selbstreflektion und Klage 

 

Josefine Klougart: New forest,

Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2022 (Kopenhagen 2016), aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle.

 

Dies so opulente wie umfangreiche Werk – über 500 Seiten – aus der Feder der gefeierten dänischen Autorin verfehlt auch diesmal nicht den Sog, mit dem sie schon die Leser:innen ihres ersten, ins Deutsche übersetzten Romans, Einer von uns schläft (2019) , in den Bann zog. Dies mag sich nicht zuletzt dem Facettenreichtum ihres Wahrnehmungsspektrums verdanken. Neben ihren literarischen Ambitionen ist Klougart in der Musik ebenso zuhause wie in der Malerei, was offenbar einen immensen Reichtum in der Rezeption all dessen befördert, was der Erzähl-Stimme im wahrsten Sinne des Wortes zustößt. Überdies fungiert immer auch die Natur als Folie des Erzählens, was zusätzlich seine Magie ausmacht.

 

Im Übrigen folgt Klougart keiner Chronologie, als sie uns vielmehr nach Art des Stream of Consciouness assoziativ in Erinnerungsbilder eintauchen lässt. Ebenso wenig, wie sie durchgehend an einer Erzählperspektive festhält, so kippt die Ich-Stimme bisweilen durchaus in die Distanz wahrende dritte Person. Anlass der Erkundung des eigenen Innenraums ist eine gescheiterte Beziehung, wonach sich die Protagonistin allein mit ihrem Hund aufs Land zurückzieht. Steht zunächst das qualvoll gezeichnete Ende der Beziehung zu dem einstigen Lebensgefährten im Zentrum ihrer Selbsterforschung, münden des Weiteren ihre Gedanken zunehmend in die Welt ihrer Kindheit und Jugend. Dabei kommt die konfliktive Beziehung zu ihren Eltern ebenso zur Sprache wie das von Eifersucht geprägte Verhältnis zu der Schwester. Im Grunde wird das gesamte bisherige Leben auf den Prüfstand gestellt, Wünsche, Träume, nicht zuletzt die Reisen der Protagonistin, stehen Letztere doch für Aufbruch und Weitung des Blicks, worum es in diesem Art Prosa-Poem, getragen von Sprachrhythmus und Wortklang, vornehmlich geht. So streifen wir mit ihr ihre Heimat Jütland, die norwegischen Lofoten, stranden schließlich im griechischen Thira. Am Ende ist es der New Forest, Südengland, in dem Kindheitserinnerungen gespeichert sind.

Traumwandlerisch anmutend, werden hier Abschied und Tod, Trauer und Verlust, Scham auch, poetisch durchdekliniert und in ein funkelndes, bisweilen mit schwarzen Diamanten bestücktes Textgewebe gewandelt. Und doch sei, bei aller Sprachvirtuosität, bei allem Wohlklang, der dem Text eingewoben ist, der Einwand erlaubt: Weniger wäre auch hier mehr gewesen, wie oben erwähnt, immerhin über 500 Seiten ohne Anhaltspunkte im Rahmen eines Handlungsstrangs. Nichtsdestotrotz – ein in schillernden Bildern dahinfließender Erzählfluss, gespeist von Farben und Licht, mal vom Entzücken über Naturschönheit, mal von Melancholie getragen, angesichts letztendlich der Vergeblichkeit menschlichen Strebens. Ein Diskurs, der den Leser, der sich darauf einlässt, selbst auf langer Strecke zu tragen vermag.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

 

Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Matthes & Seitz Verlag!  Archiv

 

Buchtipp des Monats August - September 2022

© erf

Schattenseite der Karrierefrau

 Eva Biringer: Unabhängig. Vom Trinken und Loslassen, Harper Collins, Hamburg 2022

 Seit Jahren geht laut der hier vorgestellten Studien der Alkoholkonsum deutlich zurück, hat angeblich bei Jugendlichen sogar einen historischen Tiefstand erreicht. Ausgenommen einer Gruppe, nämlich bestens ausgebildeter Frauen in gut bezahlten Jobs, wo er kontinuierlich steigt.

 Diese Frauen um die 30 sind Feministinnen, emanzipiert, beruflich erfolgreich mit entsprechendem Verdienst und karrierebewusst. Sie joggen, achten auf Fitness, Figur und Ernährung. Nicht selten befolgen sie Achtsamkeitskonzepte, machen Yoga, greifen zu Bio.

 Die Frage stellt sich, ob sich in einem schleichenden Prozess mit Feminismus und Alkoholkonsum ein neuer Trend etabliert hat – die Psychotherapeutin Ann Dowsett Johnston spricht gar von einer „Feminisierung der Trinkkultur“. Die Beliebtheit neuer Rosé-Weine und -Sektsorten scheint dies zu bestätigen. „Die Zukunft ist weiblich, der Wein ist pink“ zitiert Biringer die US-Autorin Holly Whitaker aus „Quit Like a Woman“, einem gleichwohl packenden, an Frauen gerichteten Plädoyer für Selbstfürsorge und Selbstverantwortung, statt Flucht in den Alkohol.

Überdies konstatiert Biringer einen deutlichen Zusammenhang zwischen Alkoholismus und Anorexie, wie Magersucht oder Bulimie – viele davon Betroffene trinken außerdem. Auch wenn dies insofern wenig plausibel scheint, als Alkohol kalorienreich ist, überdies mit Kontrollverlust einhergeht, wo es bei diesen Ernährungsstörungen doch vornehmlich darum geht, unter keinen Umständen die Kontrolle über den Körper zu verlieren. Ihres Erachtens macht jedoch gerade das darin sich erweisende Paradox Sinn: Man kann nicht permanent leistungsorientiert und kontrolliert sein, braucht ein Ventil, um diesem von allen Seiten spürbaren Druck zu entkommen. Das Trinken, gesellschaftlich nicht nur legitimiert, sondern, zumindest im Rahmen manch beruflicher Zusammenkünfte, geradezu eingefordert, gehört dazu, um „in“ zu sein.

Hervor sticht die umfassende Recherche nahezu sämtlicher Fakten rund um das Thema. So kann einem der Alkoholkonsum durchaus vergehen, wenn Biringer detailliert diedamit verbundenen gesundheitlichen Risiken erhellt – von Bluthochdruck, erhöhtem Krebsrisiko, Panikattacken, Zittern, um nur einige zu nennen. Entschieden stellt sie auch den ‚moderaten Alkoholkonsum‘ in Abrede, zitiert hier Vertreter*innen des Verbandes der Ernährungswissenschaftler*innen Österreichs: “Es gibt keine gesunde Menge Alkohol“, sowie eine über Jahrzehnte angelegte Studie des US-Zentrums für Gesundheitsstatistiken, die der Auffassung widerspricht, dass etwa geringe Mengen Rotweins die Herzgesundheit förderten. Ebenso stelle sich die Frage, inwieweit die Rede vom ‚moderaten Alkoholkonsum‘ Auslegungssache sei. Abgesehen von der Tatsache, dass Frauen Alkohol sehr viel schlechter vertrügen als Männer, das gesundheitliche Risiko für sie entsprechend höher liege.

Beunruhigend überdies die Tatsache, dass ‚weltweit mehr Menschen durch Alkohol als Verkehrsunfälle, illegale Drogen und Verbrechen sterben‘. Ganz zu schweigen von den immensen Kosten für das Gesundheitssystem. Nicht zuletzt wird die Alkohol-Lobby aufs Korn genommen. So etwa mit der Erwähnung Sabine Bätzing-Lichtenthälers (SPD), letzte Politikerin, die als Drogenbeauftragte u. a. versucht hatte, ein Werbeverbot für alkoholische Getränke vor 20:00 Uhr zu erwirken und sich für eine Steuererhöhung auf Alkohol einsetzte – am Beispiel von Island oder Schottland nachweislich hilfreiche Maßnahmen – jedoch kläglich scheiterte.

Ermutigend hingegen das ausführliche letzte Kapitel, bezeichnenderweise betitelt mit „Der Anfang“, wo Biringer facettenreich Wege nahebringt, die den Ausstieg aus der Sucht begleiten und den Anfang eines Lebens jenseits der Abhängigkeit markieren. Im Grunde lassen diese sich allesamt unter dem Begriff Selbstfürsorge, Selbstliebe, zusammenfassen. Welche Alternativen bieten sich, statt im Alkohol Zuflucht zu suchen. Das fängt damit an, zu tun, was man liebt. Und das ist bei Biringer nicht zuletzt das Schreiben. Daran schließt die Frage, was nährt uns, im konkreten wie im übertragenen Sinn. Was essen wir, womit beschäftigen wir uns, was erfüllt uns, schenkt uns Zufriedenheit, Freude. Zitiert werden, neben eigenen Erfahrungen, jede Menge authentischer Zeugnisse von Betroffenen, die ihre Sucht überwunden haben. Zeugnisse des Aufschwungs in die Selbstwirksamkeit.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Harper und Collins     Archiv

 

 Zählt im Leben denn nur, was wir bekommen? Zählt nicht unsere Sehnsucht, zählen nicht unsere Träume? ... Julia Holbe

Buchtipp: April 2022

© Hartmut Fanger:

Was zählt im Leben

Julia Holbe: »Boy meets Girl«, Roman, Penguin Verlag, München 2022

 

Nach ihrem erfolgreichen Debut „Unsere glücklichen Jahre“ ist mit „boy meets girl“ bei Penguin nun ein weiterer vielversprechender  Roman von Julia Holbe erschienen Auf über 283 Seiten erzählt die Autorin die Geschichte einer großen Sehnsucht sowie der Suche nach erfüllter Zweisamkeit, die die Protagonistin, Ich-Erzählerin und verheiratete Paartherapeutin Nora umtreibt. In Begriff, sich von ihrem untreuen Mann Paul zu trennen, sieht sie auch in einer Liaison mit ihrem ehemaligen Englischlehrer Gregory keine große Zukunft. Der einzige, den sie wirklich und von tiefstem Herzen liebt, ist ihr alter Freund Jann. Doch Letzterer steckt in einer festen Beziehung ...

Eine Misere. Zumal beide – augenscheinlich ‚nur’ gute Freunde – nicht wirklich  voneinander loskommen, sich immer wieder über den Weg laufen. Stets kommt dabei der Zufall zur Hilfe. Beliebtes Instrument, die Handlung voranzutreiben, eine Geschichte mit einer überraschenden Wendung zu versehen, um den Leser in Schach zu halten, was Julia Holbe hier meisterhaft versteht. So begegnen sich die Figuren gleich zu Beginn nach vielen Jahren rein zufällig im Supermarkt wieder. Ein andermal zusammen mit den jeweiligen Partnern auf dem Weg zum Kino, was zu einem gemeinsamen Essen und – nicht ohne Humor – zu einer Fülle an Komplikationen führt. Wie das Ganze überhaupt spannend und unterhaltsam erzählt ist. Wobei stets die Frage im Raum schwebt, inwieweit sich die Liebe der Protagonistin zu ihrem Freund Jann doch noch erfüllen mag. 

Kern- und Schlüsselsatz des Romans bildet zugleich der Titel „boy meets girl“, ‚Anfang aller zu erzählenden Geschichten‘ überhaupt, wie es gleich zu Beginn, aber auch gegen Ende des Romans heißt. So äußerte sich zumindest der berühmte US-amerikanische Filmemacher Alfred Hitchcock gegenüber seinem französischen Kollegen Francois Truffaut. Was sich schon insofern bestens mit dem Plot vermittelt, als seitens  der ausgesprochen kinoaffinen Hauptfigur über den gesamten Roman verteilt von zahlreichen Filmklassikern die Rede ist. Eine Vorliebe, die sie mit dem von ihr begehrten Jann teilt.

 

Sehr gelungen überdies die Schilderung der Aufenthalte in dem kleinen, nicht weiter benannten und vom inneren Konflikt Noras beherrschten Ort am Meer. Letztendlich wünscht sich die Protagonistin eine Beziehung, die bis ins Alter anhält, was in den Figuren ihrer Eltern ein Spiegelung erfährt. So erschreckend wie anrührend die Passagen, wo die Demenz des Vaters immer deutlicher zutage tritt, die Mutter eine Herzoperation zu überstehen hat, wodurch das Ganze an Tiefe hinzugewinnt.

Alles in allem mit der feingesponnenen Handlung und den sympathischen Charakteren ein vielversprechendes Lesevergnügen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                           Archiv

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem PENGUIN Verlag!

 

Lesungen:

Freitag 18.03. 2022; LEIPZIG, Blaues Sofa, ZDF,, Kongresshalle am Zoo, 15.40 Uhr, Mod.: Susanne Biedenkopf (ZDF)

Donnerstag 07.04.2022: BÜSINGEN, i.R. von "Erzählzeit ohne Grenzen"

 

Fr.eitag 08.04.2022: NEUNKIRCH (CH), i.R. von "Erzählzeit ohne Grenzen"

 

Donnerstag 22.06.2022: FRANKFURT/M., Literaturhaus, “Beziehungsweisen“ - Ein Abend mit Judith Kuckart, Kristine Bilkau und Julia Holbe, 19:30 Uhr

 

Freitag. 23.09.2022: WITTLICH, Casino, 20 Uhr (i. R. der Reihe “Literatur im roten Salon” der Eifel-Kulturtage)

 © Mathias Bothor/Photoselection

Julia Holbe, Jahrgang 1969, ist Luxemburgerin. Sie lebt in Frankfurt am Main und in der Bretagne. Zwanzig Jahre arbeitete sie als Lektorin für internationale Literatur, bevor sie mit »Unsere glücklichen Tage« ihren ersten Roman schrieb, der auf Anhieb auf der Bestsellerliste landete.

 

Buchtipp: Februar 2022

© Hartmut Fanger

Rettet die Hühner

Deb Olin Unferth: „Happy Green Family“ Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2022, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Barbara Schaden

Die US-amerikanische Autorin, ehemalige Sandinista in Nicaragua und Preisträgerin zahlreicher literarischer Auszeichnungen, Deb Olin Unferth, hat einen Roman vorgelegt, der nicht nur vielen Tierschützern aus dem Herzen sprechen wird, sondern auch den Verbraucher zum Nachdenken anregt, sein Konsumverhalten – spätestens beim Frühstücksei – zu überdenken. Es geht um die riesigen Hühnerfarmen in dem US-amerikanischen Bundesstaat Iowa, wo die Tiere unter unvorstellbar grausamen Umständen eingepfercht sind. Dabei versteht es Deb Olin Unferth, den Leser mit Witz, lockeren Formulierungen und einem gekonnten Spannungsaufbau auf 288 Seiten bei der Stange zu halten und trotz detailgetreuer Schilderungen der verwahrlosten Legehennenbetriebe bis zum Schluss weiterlesen zu lassen.

Doch wie bringen die zwei Legehennenbetriebsprüferinnen die fünfzehnjährige Janey und die Freundin ihrer verhassten Mutter, Cleveland –, es fertig, einen 150 Meter langen Stall in der Größe von fast anderthalb Fußballfeldern, „so groß wie die vier größten Dinosaurier, die je auf Erden gewandelt sind“ und worin sage und schreibe von ‚hundertfünfzigtausend Legehennen vierzig Millionen Eier produziert’ werden, heimlich und illegal leerzuräumen. Es gilt ja nicht nur, die Tiere zu befreien, sondern zugleich an anderer Stelle unter hygienischen Bedingungen unterzubringen. Kein leichtes Unterfangen. Und was, wenn eines Tages vor Ort ein Feuer ausbricht …

Spannend dementsprechend die geschilderten Umstände, die frei nach Nietzsche eine „Umwertung aller Werte“ beinhalten: Eine Welt, in der Tierquäler auf der Seite des Rechtes stehen und die Schützer der Schöpfung von vornherein kriminalisiert werden. Da mutieren die Protagonisten – nach dem Vorbild des legendären Rebellen in mittelalterlichen englischen Balladen, der sich bekanntlich für Unterdrückte und sozial Benachteiligte gegen das Gesetz eingesetzt hat – zu einer Art modernem Robin Hood. 

Kenntnisreich schildert die Autorin überdies die Hühnergattung, dringt bis in deren Gehirnstruktur vor. Wie denken die Tiere, wie nehmen sie die Welt wahr, was benötigen sie, um in einer für sie zuträglichen Umgebung aufzuwachsen. Zugleich geht sie der Spezies bis zu deren Ursprung nach – ohne dabei auch nur im Ansatz den Anspruch erheben, den Leser belehren zu wollen.

Ein Roman, der, teils nah an der Realität, in seiner Fiktion jedoch stets genügend Freiraum lässt, um Phantasie freizusetzen, zugleich Lesevergnügen trotz der darin zur Sprache kommenden harten Fakten.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Klaus Wagenbach Verlag!

 

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