Sachbuchtipp des Monats Januar 2023

   ©  Hartmut Fanger:

    Was unser Essverhalten verrät

Dr. Kathrin Vergin: Emotional Eating, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2023

Nach den Feiertagen, in denen wohl jeder dazu neigt, über die Stränge zu schlagen, sprich zu viel, zu fett und zu süß gegessen hat, kommt die „Emotional-Eating-Methode“ von der Ernährungstherapeutin Dr. Kathrin Vergin gerade richtig, unterstützt sie doch unsere daran üblicherweise schließenden guten Vorsätze zum neuen Jahr mit ganz konkreten Vorschlägen.

So unterhaltsam wie lesenswert leistet die Lektüre hierzu einen detaillierten Beitrag. Die persönliche Anrede des Lesers mit dem vertrauten Du wiederum lädt förmlich dazu ein, den Anweisungen zu folgen. Das Ganze wissenschaftlich fundiert, mit vielen in Lila gehaltenen Grafiken und Schaukästen übersichtlich präsentiert und dementsprechend wohl strukturiert. Überdies kommen in vier Kapiteln auf 235 Seiten Expert:innen wie Michaela Mayr, Dr. med Golo Röhrken und Niko Rittenau sowie Patienten zu Wort. Erhellend darüber hinaus das Vorwort von der Foodbloggerin und Ernährungswissenschaftlerin Hannah Frey sowie der umfangreiche Anmerkungsapparat mit Glossar, Kontaktadressen und Hilfsangeboten, Literaturempfehlungen und Literaturverzeichnis.

Dabei greift die Autorin im Hinblick auf Diäten auf eigene Erfahrungen zurück, macht deutlich, dass diese in der Regel auf Dauer eher das Gegenteil bewirken und dementsprechend zu Gewichtzunahme führen. Da allein das Wissen darum nicht genügt, ist ihr Fokus vor allem auf die Psyche gerichtet. Es stellt sich die Frage, warum und in welchen Momenten immer wieder auf kalorienreiche Kost zurückgegriffen wird, obwohl man eigentlich längst schon satt ist. Was also soll der Heißhunger auf Pizza, Eis und Schokolade. Schnell wird klar, dass hierbei Emotionen eine Rolle spielen, Ängste und Stress entscheidend Einfluss nehmen. Um dem Herr zu werden, gilt es, einen Plan zu erstellen. Dabei geht es zunächst einmal darum, sich darüber bewusst zu werden, was hinter Gelüsten solcher Art steckt. Eine erste Hilfe hier bietet das „ABC-Modell der Gewohnheitsanalyse beim emotionalen Essen“, das zugleich als Grundlage für weitere Methoden fungiert. So fragen wir uns beispielsweise in „A“, nach dem „Auslöser“, in „B“ nach dem „Verhalten“ und in“ C“ nach den „Konsequenzen“ unseres emotional gesteuerten Essens. Ziel nach Vergin dabei ist, Zusammenhänge zwischen Essverhalten und vorausgegangenen Stressoren, eingefleischten Gewohnheiten und Verhaltensweisen zu eruieren.  

Heißhunger kann aber auch schlicht aufgrund von Mangelerscheinungen aufkommen. So listet Vergin etwa sehr schön auf, dass u.a. zum Beispiel die unbändige Lust auf Schokolade dem Umstand zu verdanken sein kann, dass dem Körper Glukose oder Magnesium fehlt, dies Manko zum Beispiel durch den Verzehr von Nüssen, Vollkornprodukten oder Bananen behoben werden kann.

Nicht zuletzt überzeugt die Emotional Eating Methode dadurch, dass sie ohne Verbote auskommt, überdies auch keine weitere Diät darstellt, sondern darauf abzielt, Körper und Seele wieder in Balance bringen. Für all diejenigen, die das Thema für sich vertiefen wollen, wird darüber hinaus „Das Emotonal Eating Tagebuch“ angeboten, eine weiteres Hilfsmittel, das eigene  Essverhalten innerhalb von 12 Wochen neu auszurichten.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg!                                                         Archiv

Sachbuchtipp des Monats November-Dezember 2022

© erf

Lesekultur in der Abwärtsspirale?

Moritz Baßler, Populärer Realismus. Vom International Style gegenwärtigen Erzählens. Verlag C.H. Beck, München 2022

Befragt*, was er unter ‚Populärem Realismus‘ verstehe, antwortet der Autor, Professor für Neue deutsche Literaturwissenschaft in Münster, dass erfolgreiche Erzählliteratur unserer Zeit Verfahren der Vermittlung anwende, die dem Leser einen unmittelbaren, direkten Zugang in die Erzählebene gewährten. ‚Man liest das und ist sofort in der erzählten Welt, die Zeichen, die Sprache selbst, ist kein Hindernis mehr, wie zum Beispiel in den Literaturen der Avantgarde. Das ist markttauglich, lässt sich leicht lesen, läuft gut rein, lässt sich mühelos auch in andere mediale Kanäle übersetzen und ohne Verlust verfilmen‘. Darin wäre auch der Unterschied zwischen Daniel Kehlmann und Sebastian Fitzek gar nicht so groß, arbeiteten doch beide mit diesem Verfahren. ‚Populärer Realismus‘ sei im Übrigen insofern auf Realität bezogen, als er ‚mit denselben abgegriffenen, eingeführten, bewährten Mustern arbeite, die wir für unseren direkten Realitätszugriff haben mit den Klischees, mit dem, was uns geläufig ist, was uns als Erstes einfällt‘. Wenig Rechnung getragen werde dabei der hohen Komplexität unserer Realität. ‚Ist nicht in jedem Ding, in jedem T-Shirt der Produktionsprozess und die ganze Chemie, die ganze Semiotik drin‘. Damit eröffnet Baßler im Anschluss an seinen so viel diskutierten wie umstrittenen Essay „Der neue Midcult“ (Juni 2021) eine immer wieder fällige Debatte um die stilistische Qualität von Gegenwartsliteratur sowie dementsprechender Bewertungskriterien. Den Begriff „Midcult“ wiederum definierte Ende der 80er Umberto Eco als „strukturelle Lüge“, die darin bestehe, dass das Werk vorgebe, bedeutende Kunst zu sein, was die Erzählverfahren, die es anwende, jedoch nicht einlösten, blieben diese doch hinter dem Anspruch innovativer Textverfahren, wie etwa der Avantgarde eigen, zurück. Der Leser wähne sich zwar literarisch auf dem Gipfel der Hochkultur, hat es aber eher mit gut verdaulicher Kost, lediglich aufgeladen mit Bedeutsamkeit, zu tun. Dabei würden keine neuen Horizonte erschlossen, keine Denkräume eröffnet. Vielmehr steht eindimensional das unmittelbare Erleben im Vordergrund. Berechtigter Denkanstoß, der schließlich für die schreibende Zunft erhebliche Relevanz besitzen mag.

 

Nicht zuletzt dürfte der ‚Populäre Realismus‘ in der Definition Baßlers und die damit einhergehende Kritik an den Rezeptionsgepflogenheiten aber auch dem Zeitgeist geschuldet sein. Denn Lesekultur steht im Zeitalter von Digitalisierung, begleitet von Klimakrise, Pandemie, Kriegsgefahr, Inflation, Wegfall bisher feststehend geglaubter Sicherheiten, alles andere als im Zentrum. Damit einhergehend im Übrigen ein gesellschaftlicher Transformationsprozess noch nicht erfassten Ausmaßes, der überdies von jedem seinen Tribut abverlangt. Dass Zeit zum Lesen wiederum ein Luxusgut, immer schon gewesen ist, ist hinlänglich bekannt, auch wenn es immer wieder in Vergessenheit zu geraten scheint. Doch zu welcher Lektüre greifen wir, wenn das Leben auf gleich mehreren Ebenen von Ungewissheit und Existenzsorgen geprägt ist. So unterschiedlich die Beweggründe sein mögen, suchen Leser, neben den kleinen Fluchten, die nicht selten das Abtauchen in Lektüren gewähren, doch immer auch Antworten auf die existenziellen Fragen im Großen wie im Kleinen, die ihr eigenes Leben ausmachen. Die immense Beliebtheit bei einer weitgefächerten Leserschaft der Romane Dörte Hansens, die diese Klaviatur perfekt beherrscht und mit großem Einfühlungsvermögen die teils ausweglos anmutenden Nöte ihrer Figuren, aber auch wiederum deren Ideenreichtum und Eigensinn nahebringt und damit gewiss den Kriterien des ‚Populärer Realismus‘ laut Baßler unterlieg, spricht für sich. Und ja, sind solche Primärbedürfnisse erfüllt, hat der Anspruch, dass die sprachlichen Zeichen, innovativ angeordnet, Impulse bieten, neue Räume zu eröffnen, oft nicht mehr Bestand. Vielmehr mag die Leserschaft in Zeiten fundamentaler Krisen in erster Linie Trost suchen. Die große Lyrikerin und Grande Dame der Literatur, langjährige Lektorin beim Suhrkamp-Verlag, Elisabeth Borchers, *1929, 2013, bestätigte 2004 auf einer Lesung in Hamburg, dass Literatur nicht zuletzt eben diese Aufgabe zukomme, nämlich Trost zu vermitteln.

Unter solcher Prämisse kommt dem von Baßler angesteuerten Wertekanon eine noch andere Gewichtung zu. Scheinen die von ihm so einsichtig wie nachvollziehbar beschriebenen, durchaus zu begrüßenden Kriterien zur Qualitätsprüfung stilistischer Verfahren in den Beispielen, die er aufführt, zum Teil dann doch fraglich. So etwa vermisst man Namen wie Felicitas Hoppe, Sibylle Lewitscharoff, Marica Bodrožić, Anna Baar, Helene Hegemann, um nur einige zu nennen, denen durchaus innovatives Potenzial ihrer Literaturen zu bescheinigen wäre.

Literaturhistorisch problematisch wiederum die harsche Kritik an Bölls Kurzgeschichten der Nachkriegszeit. Unterscheidet sich die Kurzgeschichte hierzulande doch von der um 1900 aufgekommenen Short-Story  aus den USA insofern, als sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 voll zum Tragen kam. Ein Neuanfang sollte nicht nur in der Politik, sondern auch in der Literatur gemacht werden. ‚Kahlschlag’, der sich mit Hilfe einer einfachen und sachlichen Sprache vom nationalsozialistischen Pathos ab- und sich kritisch mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt. Mag dies dem Qualitätsmaßstab von Baßler auch widerstreben, ist doch in solch historischer Hinsicht Bölls innovativer Ansatz nicht ganz zu leugnen.

Wie auch immer Baßlers Vorstoß, ausgehend von der Debatte um den Midcult, bewertet werden mag, ist die hier weiterführende Auseinandersetzung für alle Literatur-Freunde sowie Autor:innen ein nicht zu unterschätzender Gewinn. Nicht zuletzt und hier schließen wir uns Andreas Wirthensohn von der Wiener Zeitung an , „vor allem deshalb lesenswert, weil man sich wunderbar daran reiben kann“.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

*SWR2 Literatur, Debattengespräch 08.09.2022

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem C.H. Beck Verlag        Archiv

 

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