Sachbuchtipp April-Mai 2022

 

©  erf fanger:      Zwei Bemerkenswerte Essaybände einer

US-amerikanischen Ikone

 

Ich schreibe ausschließlich, um herauszufinden, was ich denke,

 was ich anschaue, was ich sehe und was das bedeutet. Joan Didion

Joan Didion: Was ich meine, Ullstein Verlag, Berlin 2022, Joan Didion: Wir schreiben Geschichten, um zu leben, Ullstein Verlag, Berlin 2021. Beide Bände aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Vorwort versehen von Antje Rávik Strubel. 

 

Die preisgekrönte Joan Didion (*1934, † 23.12.2021), hierzulande eher Geheimtipp als einem breiteren Publikum geläufig, gilt als eine der führenden Intellektuellen der USA. Neben ihren journalistischen Arbeiten und Essays, in denen sie dem sprichwörtlichen US-amerikanischen „Way of life“, diesem zweifelhaften ‚Traum von Freiheit‘, auf den Zahn füht, war sie Mitherausgeberin von Vogue und hat fünf Romane geschrieben. International und auch dem breiteren deutschen Publikum bekannt wurde sie mit „Das Jahr des magischen Denkens“ (2005), einem Trauerprotokoll anlässlich des plötzlichen Todes ihres Mannes und der lebensbedrohlichen Erkrankung im selben Jahr ihrer Adoptivtochter.

Wie bereits aus der Präambel ersichtlich, ist Lesen und Schreiben für Didion ein Erkenntnisprozess. Wobei sie weniger die großen Themen interessieren als vielmehr die Peripherie. Von den Rändern her betrachtet, erschließt sich Didion die brutale Mechanik des Ganzen, ausgerichtet einzig auf Zweckmäßigkeit und Wirtschaftsinteressen, in der der Mensch sich aufreibt und verschleißt.

Doch während, von der Westküste Kaliforniens ausgehend, die Hippie-Bewegung, gefolgt von Black-Power-, Frauen- und Protestbewegungen gegen den Vietnamkrieg, augenscheinlich einen Wertewandel ankündigen, stellt Didion deren emanzipatorischen Gehalt eher infrage und kristallisiert vielmehr die Defizite im Hinblick auf deren politischer Zielsetzung heraus. Scharfsichtig nimmt sie im Zuge dessen schon seit den frühen 60er Jahren die zunehmend sich formierende Rechte ins Visier, die 2017 in der Wahl Donald Trumps gipfelt. In einem Interview sagte Didion einmal den bemerkenswerten Satz: „Man ist verpflichtet, Dinge zu tun, die man für sinnlos hält. Es ist wie leben.“ Ein Gefühl, das einen bei jedem Wahlgang beschleichen mag, oder etwa auf einer Demo, deren grundlegende Message wir zwar teilen mögen, zugleich aber nicht selten befremdet sind, wenn wir uns inmitten einer Menge wiederfinden, die anachronistisch anmutende Slogans in Sprechchören von sich gibt, um nur wenige Beispiele zu nennen. Wir gehen in der Regel darüber hinweg, während Didion eben diese Ambivalenz in den Blick nimmt, den Finger auf die Wunde legt.

 

In dem Essayband „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“ (2021) finden sich wegweisende Beiträge wie etwa „Mir will dieses Monster nicht aus dem Kopf“, wo Didion die Programmmacher der Filmindustrie Hollywoods aufs Korn nimmt und ihnen „fehlende Einbildungskraft und Schlamperei im Denken“ vorwirft, was sich leicht auf diejenige der deutschen Fernsehproduzenten übertragen lassen mag. Inwieweit sich ihr Denken, neben der Schule des „New Jounalism“*, an der kulturkritischen Sicht Joseph Conrads „Herz der Finsternis geschult hat, entnehmen wir dem Beitrag „Am Morgen nach den 60er Jahren“, wo so manche Hoffnung in dieser Zeit der emanzipatorischen Aufbrüche nach und nach zerplatzt ist und in erneuten Rückschritt mündete.

Ein Glücksfall wiederum ist die Auswahl in dem jüngsten Essayband aus 2022, „Was ich meine“, insofern, als Didion diese unmittelbar vor ihrem Tod, als Art Vermächtnis, noch selbst getroffen und auf den Weg gebracht hat. Dort finden sich, neben Beiträgen zu entscheidenden gesellschaftspolitischen Debatten, nicht zuletzt wesentliche Essays zum Kern ihres Wirkens, nämlich dem Schreiben selbst, einhergehend mit sprachskeptischer Reflektion desselben. So etwa „Why I write“ oder „Alicia und die Untergrundpresse“, wo sie ihrem Zweifel am Anspruch der Objektivität großer Medien Ausdruck verleiht.

Charakteristisch für Didions grundlegend Haltung, die sich aus dem Wissen speist, dass Menschen Fehler machen und daher jede gesellschaftliche Ordnung notgedrungen fehlerhaft ist: „Man nimmt sich zurück. (...) Man bleibt still. (...) man bewahrt das Nervensystem vor dem Kurzschluss und versucht, die Katze im Schimmern zu verorten, die Grammatik im Bild.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

*Geprägt in den 70er Jahren von Tom Wolfe. Es bezeichnet einen Journalismus, in dem Fakten im Rahmen literarisch erzählter Geschichten – Story-Telling – präsentiert werden, das Gebot der Objektivität unterlaufend. Stattdessen soll der Standpunkt der jeweiligen Autor:innen offen zutage treten.

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Ullstein Verlag

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Buchtipp Dezember 2021-Januar 2022

 

© Erna R. Fanger: Aus der Sicht eines Liebenden –

                                             Poetische Montage

 

„Das Abenteuer der Liebe ist Sehnsucht, nicht Erfüllung. Das wollen die

  Menschen nicht glauben, weil sie Verbraucher sind“. Edgar Selge 

Edgar Selge: „HAST DU UNS ENDLICH GEFUNDEN“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2021

Edgar Selge, bislang als begnadeter Schauspieler in Erscheinung getreten, hat uns mit diesem Debut als Schriftsteller überrascht. Werden Metamorphosen dieser Art von der Hoheit der Literaturkritik eher skeptisch in Augenschein genommen, hat Selge jedoch, entgegen manchem Unkenruf im Vorfeld, die Erwartungen durchaus übertroffen. Dass er hier nicht autobiografisch geschrieben, als vielmehr montiert und verdichtet hat, darauf besteht er.*

Den Rahmen dieser Art Collage szenischer Darstellungen – weniger chronologisch als vielmehr Kaleidoskop gleich in 19 Kapiteln plus Epilog arrangiert – bildet das Herforder Jugendgefängnis, dessen Direktor Selges Vater ist. Aufgabe, der er mit Herzblut frönt. Umständehalber nach dem Zweiten Weltkrieg an seiner eigentlichen Mission, Pianist zu werden, gehindert, gehört dazu, die musikalische Erziehung seiner Zöglinge voranzutreiben, im Zuge dessen er nachmittags regelmäßig Hauskonzerte für diese veranstaltet, abends dann für Freunde und Bekannte, wofür er eigens einen professionellen Geiger engagiert.

Aus der Sicht des Zwölfjährigen und mit der Pubertierenden eigenen Luzidität, nicht zuletzt aber auch mit Hilfe des Wissensvorsprungs seiner älteren Brüder, durchdringt er den Wust des verhängnisvollen Erbes des Nationalsozialismus mit seinen fatalen ideologischen Vorzeichen, in dem seine Eltern noch tief verwurzelt scheinen, und der zwiespältigen Jahre des deutschen Wirtschaftswunders, unter deren Decke es zwar brodelt und schwelt, worüber aber ein eiserner Mantel des Schweigens gebreitet scheint. Unter der Decke wiederum der im Hause Selge priorisierter kultureller Aktivitäten – in erster Linie Musik, aber auch Literatur und Malerei –, womit kompensiert wird, was nicht zur Sprache kommen darf, ist das Klima explosiv. Immer wieder entlädt es sich in ätzenden Auseinandersetzungen zwischen dem Vater und Edgars älteren Brüdern, die diesen  schonungslos zur Rede stellen. Erst spät und in einem schmerzhaften Prozess erkennen die Eltern, welcher Geistesverwirrung sie aufgesessen sind.

Was das Buch auszeichnet, ist seine allgegenwärtige Ambivalenz. Nichts scheint eindeutig als vielmehr brüchig, rissig. Nach Manier des Kubismus nimmt Selge Figuren und Ereignisse von allen Seiten gleichzeitig in Augenschein, alles scheint fluid, in beständigem Fließen, Bröseln, im Rutschen begriffen. Dabei enthält sich Selge jeder Wertung. Stattdessen durchdringt er die Dinge in fiktionaler Verdichtung und spürt so die Wahrheit hinter den Phänomenen auf.

So auch den dramatischen Tod seines Bruders Andreas, dem ursprünglich nachspüren zu wollen, Ausgangspunkt war, dieses Buch zu schreiben, was schließlich in den bemerkenswerten Epilog eingeht. Dort hadert Selge mit sich selbst, dem Sterbenden die Bitte verweigert zu haben, ihm einen Schluck Tee wider strikte ärztliche Anordnung zu gewähren. Wider sein Mitgefühl mit dem Dürstenden. Ob er es bereue, fragt Bruder Andreas in einem fiktiven Zwiegespräch. Natürlich. Aber er sei so ein Mensch. Er könne sich hart machen, sich seinen Gefühlen verschließen. Ob er ein anderer sein wolle, fragt er sich selbst. Nein.   

Und obwohl er seitens des Vaters körperliche Züchtigung wie, unvermittelt angedeutet, gar sexuellen Missbrauch erfährt, bekennt er, innerlich zwiespältig und nicht ohne Scham, ihn zu lieben. Zugleich aber auch: „Ich will nicht einer sein, der den liebt, der ihn schlägt“ Leseprobe. Dies schließt an die Präambel an, ‚Das Abenteuer der Liebe ist Sehnsucht, nicht Erfüllung‘, und verweist, wie das gesamte Werk, einerseits auf die Unzulänglichkeit von Menschen, Liebe zu leben, und zielt zugleich auf unser aller Sehnsucht danach ab, wie sie gerade in der Weihnachtszeit zum Tragen kommt.

Wir empfehlen „Hast du uns endlich gefunden“ daher unbedingt als Lektüre zwischen den Jahren und darüber hinaus. Auf jeden Fall ein beachtlicher Einstand Selges als Autor – Chapeau!       

*16.10.2021, Der Tagesspiegel: Gerrit Bartels: „Liebe und Missbrauch“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag

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Sachbuchtipp des Monats Dezember 2021

 © Hartmut Fanger:  Lichtstrahl in dunkler Zeit

 Bernd Brunner: „Das Buch der Nacht“. Galiani Verlag, Berlin 2021

Ein so stimmungsvolles wie ästhetisch ansprechendes Buch. Bereits das von Anne Blanke und Pauline Schröers attraktiv gestaltete Cover verbreitet mit Glitzeroptik auf dunkelblauem Leinen-Grund Zauber. Wie geschaffen zum Trost für die wohl dunkelste Zeit des Jahres. Der Autor Bernd Brunner wiederum bringt uns in seinem Werk dann nahe, wie u.a. Dichter und Schriftsteller, Philosophen und Gelehrte die Nacht erleben und wie facettenreich sie ihre nächtlichen Gefühle zum Ausdruck bringen. Wie Nacht poetisch zu stimulieren vermag, erfahren wir zum Beispiel von Ovid bis Goethe, von Novalis bis Hemingway, von Nietzsche, Marcel Proust, Rilke, Sophie von la Roche, Schopenhauer, Henry David Thoreau, Stefan Zweig und vielen, vielen mehr. Dabei spart Brunner nicht mit Anekdoten, humorvollen Begebenheiten und wissenswerten Details. Von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang. Und es ist einfach spannend, von der ‚Nacht im alten Rom’ zu erfahren, von ‚nächtlichen Verwandlungen’ oder „Nachtgestalten“, oder  dass beispielsweise ‚Dunkelheit Stimmungslagen verstärkt’, manch sogenannte ‚Kopfarbeiter sich in den dunklen Stunden ganz bewusst zurückziehen’, gerade dann ‚besonders kreativ werden, weil sie in dieser Zeit weniger von Lärm gestört und abgelenkt werden und sich besser konzentrieren können.’ Nicht umsonst bezeichnet der kubanische Schriftsteller José Marti die Nacht als „die fördernde Freundin der Poesie.“ Für Brunner Zeit, das Licht von Geschichten zu beschwören‚ von Aufbruch in die Zukunft zu schreiben, von etwas, das sich zeigen, das entstehen und gestaltet werden will. Vielleicht auch deshalb, weil der nächste Tag sozusagen vor der Tür steht. Am dunkelsten ist die Nacht vor der Dämmerung“, wusste laut Brunner schon der US-amerikanische Comic-Held Batman. Und die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison äußerte sich einmal dahin gehend, ,dass es noch unbedingt dunkel sein muss, wenn sie aufsteht und sich eine Tasse Kaffee zubereitet, um, während sie noch trinkt, zu beobachten, wie das Licht kommt’. Zeit, sich, frei nach Rose Ausländer, ‚ins Herz der Zukunft zu träumen’. Denn wozu ‚dienen die Tage’, so die Frage der Filmregisseurin, Musikerin und Performance-Künstlerin Laurie Anderson, nämlich ‚um uns aufzuwecken’ und ‚die endlosen Nächte zu unterbrechen’. Ihr ‚dienen’ diese Nächte ferner dazu, ‚um durch Zeit in eine andere Welt zu fallen’.

Auch „Das Buch der Nacht“ sollte unter keinem Weihnachtsbaum fehlen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Galiani Verlag!           Archiv

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