Buchtipp des Monats April-Mai 2021

© Hartmut Fanger 

Wenn sich alles ändert ...

Matthias Jügler: „Die Verlassenen“Penguin-Verlag, München 2021

Matthias Jügler, 1984 in Halle geboren und Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, zeigt in seinem 169 Seiten und 24 Kapitel umfassenden Roman „Die Verlassenen“, dass er, wie schon in seinem Debut „Raubfischen“ (2015), mit allem Wasser gewaschen in der Lage ist, tiefgreifende Prosa zu verfassen, die, mit leiser Stimme erzählt, dennoch spannend zu lesen ist, zugleich nachdenklich stimmt. 

Schwerpunkt diesmal das Geheimnis um das Verschwinden des schriftstellernden Vaters, der seinen Sohn ohne ein Wort verlässt. Erst Jahre später erfährt der nach dem frühen Tod der Mutter bei seiner Großmutter untergebrachte Protagonist und Ich-Erzähler Johannes Köhler, was es damit auf sich hatte. Als nämlich seine Großmutter stirbt, stößt er auf einen Brief seines Vaters, der fortan sein Leben und seinen eigenen Blick darauf von Grund auf verändert. 

Anrührend die Erinnerungen an den Vater, der als Schriftsteller in dem totalitären System der DDR ins Visier der Stasi gerät und deshalb Lesungen allenfalls im mehr oder weniger privaten Kreis abhält. Während seiner Hochzeitsreise fühlt er sich in Rumänen verfolgt. Nicht ohne Grund, wie sich herausstellen sollte. Verheerend der Moment, wo der heranwachsende Johannes das Manuskript seines Vaters und damit vier Jahre Arbeit vernichtet, ohne zu wissen, was er tut. Anrührend auch, wie der junge Johannes sich von allen verlassen, wie Robinson Crusoe fühlt, einen Schrebergarten renoviert, den Garten wiederherstellt und ein Einsiedlerleben versucht. Unschwer lassen sich hier Referenzen an Ulrich Plenzdorfs Helden Edgar Wibeau von „Die neuen Leiden des jungen W.“ ausmachen, der sich in Rebellion gegen das Kleinbürgertum DDR und aus Liebeskummer gleichfalls im Gartenhaus eines Schrebergarten verschanzt und als Sohn einer Alleinerziehenden Mutter mit dem abwesenden Vater hadert.

Packend die Ausführungen über die Stasiunterlagen aus den Jahren 1981 bis 1988 im zweiten Drittel des Romans, die authentisch die Bespitzelung der einstigen DDR-Bürger mit Hilfe von Beobachtungsberichten des IMS (Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit) und Fotos vor Augen führen. Vom Ich-Erzähler auf der Busfahrt nach Lyngdal in Norwegen eingesehen. Eine Reise, die ihm genügend Distanz ermöglicht, um all das zu verarbeiten, was besagter Brief und die Folgen seiner eigenen Recherche in ihm aufgewühlt haben und wo sich manches anders darstellte, als er selbst es erlebt hat. 

Das Ganze im Ton so warmherzig wie präzise, ein lesenswerter Roman, den wir nur empfehlen können. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

Unser herzlicher Dank für das Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag! 

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Buchtipp des Monats Februar-März 2021

©  Erna R. Fanger 

Arge Geschichten

Wiener Jugend in den 10er Jahren

Stefanie Sargnagel: "Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin“.Rowohlt Verlag, Hamburg 2020“ 

Erinnert werden hier „Arge Geschichten“, erlebt zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr, wie seitens Sargnagels im den Aufzeichnungen vorangestellten „Nicht Prolog“ zu vernehmen. Geschichten, die damit beginnen, dass Sarah, die Neue in der Klasse, in das Leben der Ich-Erzählerin tritt. Letztere hat in der Schule keine guten Karten, weder bei den Lehrern, noch bei den Schülern. Besteht sie doch darauf, ‚ihre Gedanken zu äußern, und ist damit so gut wie allein’. In Sarah hingegen ist sie auf eine verlässliche Verbündete gestoßen, mit der gemeinsam sie die leidlichen Schulstunden, wann immer es irgend geht, schwänzt, im Übrigen ‚durch dick und dünn geht’. Abgehängt wird in Parks, Kneipen und Bars. Dort, wo sich all diejenigen einfinden, die nicht mit dem Strom schwimmen. Darunter Künstler und Intellektuelle ebenso wie Gestrandete aller Art, Exzentriker, Junkies, Alkoholiker, Psychos, Bettler ... Eine bunte Crew von Underdogs, die ihrem eigenen Verhaltenscodex folgt, getragen von teils rührender gegenseitiger Fürsorge, zugleich aber auch gepeinigt von Zusammen- und Gewaltausbrüchen. Geprägt von manch spannender Begegnung, erleben die Freundinnen etliche Abenteuer. Im Zentrum die Beziehung zu dem Aids kranken Michi – genialer Kopf, obschon rettungslos verloren, in dessen Wohnung man gleichfalls Zuflucht findet, sich gemeinsam die Zeit vertreibt. „So ein Tag fühlte sich für mich sinnvoller und richtiger an als jeder Schulbesuch. Michi war mein Lehrer und ich seine Auszubildende.“ LeseprobeSchließlich geht es darum, die Welt zu verändern, um Revolution. Auf der letzten Seite das Foto mit dem Porträt eines rauchenden jungen Mannes mit Hut, darunter „Zur Erinnerung an Michi (1963-2014)“. Somit sind die ‚Aufzeichnungen einer Tagediebin’ auch als Erinnerungsbuch an ihn lesbar.

Frappierend die Mischung aus Verlorenheit, Wut, Lebensgier, Überdruss und zärtlichem Miteinander, die diese Gemeinschaft von Außenseitern zusammenhält. In einem jedoch sind sich deren Mitglieder unausgesprochen einig: Der Rahmen des Erfahrungsraums im normierten gesellschaftlichen Miteinander ist eng gesteckt und lässt nur zu, was diesen nicht überschreitet, womit die Möglichkeiten, sich dort mit seinem ungeschmälerten vitalen Potenzial einzubringen, gering sind. Für Freigeister und Künstlerseelen, Exzentriker aller Couleur mit ihrem unverbrauchten Freiheitsdrang und Erlebnishunger eine Art Vorhölle der Langeweile. Was sie wiederum an sozialer Sicherheit, Wohlstand und Prestige einbüßen, gewinnen sie mit Glück an ursprünglicher Echt-Welt-Erfahrung – Gegengewicht zu den vergleichsweise schalen Versprechungen sinnfreien Konsumententums. 

Und das Glück ist dem Freundinnenpaar bei all den ‚argen Geschichten’, in die sie nicht selten geraten, schließlich doch immer wieder hold. So etwa auf der Klassenreise durch Irland, wo sie nachts aus dem Fenster ihres Herbergszimmers steigen. Alle Pubs geschlossen, sichten sie auf einem Parkplatz ein Auto mit „drei Typen“. Prompt sprechen die beiden Freundinnen sie an und steigen dann zu den wildfremden jungen Männern, Grafikdesigner aus Lettland und Litauen, ins Auto zu einer Art Spritztour zum Killarney Lake, wo sie mit ihnen paradiesisch anmutende Stunden verbringen, Haschpfeifchen gereicht bekommen:

"Sie pflückten Sarah und mir jeweils ein kleines Blumensträußchen. Der Nachthimmel war voller Sterne, und sie gaben sich alle Mühe, uns zum Lachen zu bringen. Kurz vor eins fuhren sie uns wieder in die Herberge zurück. Sie schenkten uns ihre letzten Zigaretten ... Am nächsten Tag  erschien das Ganze wie ein Traum." Leseprobe

Doch nicht jedem in ihrer Clique ist solch’ Glück vergönnt. So mancher unter ihnen hat Pech und kommt in noch jungen Jahren unter die Räder. Wie Michi, dem mit diesem Buch ein berührendes Denkmal gesetzt wurde.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag, Hamburg 2020

                                                                                               Archiv 

Dezember 2020 - Januar 2021            

  ©  Erna R. Fanger 

 Virtuos & Wortgewaltig 

 

Gerhard Stadelmaier: „Don Giovanni fährt Taxi. Novelletten",klöpfer.narr, Tübingen 2020

 

Gleich mit der Widmung zu Beginn „den Klaviergeistern aus Schumanns op. 21, mit Dank auch an Max Frisch, Marina Zwetajewa, William Shakespeare, Lorenzo da Ponte, Patrick Süskind – und alle unerhörten Frauen“, wird hier ein beachtlicher Referenzraum eröffnet. Der von Robert Schumann geprägte Gattungsbegriff verdankt sich im Übrigen dessen Intention, in seinen Klavierstücken „größere zusammenhängende abenteuerliche Geschichten“ zu erzählen, die er dann als Novelletten bezeichnete. Nicht selten hat Schumann diese mit Präambeln versehen, etwa einem Zitat aus Shakespeares Macbeth oder Versen aus Goethes West-östlichem Divan und damit einmal mehr eine Brücke zu Literaturen geschlagen, eine Brücke, die sich hier auch wiederum in umgekehrter Folge Stadelmaier zu eigen gemacht hat, indem er etwa, wie oben zu entnehmen, in sechs „Intermezzi“ von insgesamt 15 Novelletten auf Schumanns ‚Klaviergeister aus Op. 21‘ Bezug nimmt. 

Dieser Erzählband des so gefürchteten wie legendären Theaterkritikers, einer der Letzten seiner Zunft in der Tradition eines Alfred Kerr, versammelt hier Geschichten von immenser erzählerischer Wucht und ausgesprochener „Lust am Text“. „Hier steh ich nun, ich kann nicht anders“ – das berühmte Lutherwort möchte man auch Stadelmaier in den Mund legen. Der wiederum kann nicht anders, als die Welt als Bühne zu betrachten. Das Repertoire der Bühnenklassiker hat er sozusagen inhaliert und verwebt die Konflikte seiner Figuren nicht selten mit deren Helden. Schon gleich in der Titel gebenden Geschichte „Don Giovanni fährt Taxi“ fällt dies ins Auge. Dieser Taxifahrer, der seinen Gast zu den Weisen besagter Mozartoper fährt, weiß nicht nur über Oper und Sänger in Ost und West bestens Bescheid, sondern ist auch philosophisch bewandert. Ebenso weiß er, was er nicht (mehr) will und auch sonst Bescheid. So hat er zum Beispiel begriffen, wie schnell man an Dingen festhält, ja dran kleben bleibt. Vor allem an der Liebe. Mit all dem „Schmutz und Schmerz“, den ganzen Scherereien. Nach zwei Ehen Schluss damit. Er kauft sich fortan Liebe, bezahlt dafür. In Art Endlostiraden von martialischer Energie gibt er seine Sicht auf das Leben zum Besten. Vorher ‚Ehedepp im Beziehungsschmutz‘, frönt er jetzt der „Reinheit“, ist „der zärtlichste Mann von der Welt“, kniet auch schon mal vor einer Schönen, innerlich, und zitiert 

 

aus dem Hohelied. Und für ihre Dienste großzügig bezahlend, liegt er „marktwirtschaftlich wie erotisch … hundertfünfzigprozentigrichtig“. Diesem Art Innerem Monolog eines durchgeknallten Taxifahres zu folgen, dabei im Geiste besagten eingeblendeten Opernklängen – der Text in Kursivschrift in Klammern integriert – zu lauschen, ist ein derb-saftiger Lesespaß, der einen unwiderstehlichen Sog ausübt. Und nicht nur bei dieser Geschichte kann man dem Autor nur beipflichten: „Wenn man in der Wirklichkeit die Augen auf macht und die Ohren spitzt vor allem, dann erlebt man seltsame und tolle Dinge.“ 

Stark in „Intermezzo II: Fürchtenmachen“ (Kinderszene)gleich der erste Satz: „Da vorne steht es und reißt sein schwarzlackiertes Maul auf wie ein gefräßiges Raubtier“ und damit auf den Punkt gebracht, wie die Klavierschülerin sich kurz vor dem Auftritt vor Publikum fühlt. Nämlich wie „Häppchen roher Mensch, ein Häufchen Kind.“ Da mutieren die Tasten zu scharfen Zähnen eines riesen Mauls, in das hinein es seine Finger legen muss. Und das vor Eltern, Geschwistern, Großeltern. Und das kleine Mädchen mit ihrer Bach-Mottete vor dem Ich-Erzähler, zugleich Leidensgenossen an der Reihe, wird dann auch vom Klaviermaul geschnappt und verschlungen. Die Tränen schluckt es hinunter. Nicht so der Ich-Erzähler, der den ersten Akkord aus Schumanns „Kinderszenen“ lediglich anschlägt, bewundernd den Klängen lauscht und dann zum Entsetzen des erwartungsvollen Musiklehrers die Hände im Maul des Untiers ruhen lässt. Die ganze „Kinderszene“ von erfrischender Vitalität, rübergebracht mit Empathie für die kleinen Opfer der Musikpädagogik, denen der Protagonist hier ein echtes Schnippchen geschlagen hat.

Ein Glanzstück an Empathie wiederum ist „Dorf und Depp“. Als Rondo angelegt, dessen Ausgangspunkt der Tod des hier Porträtierten ist, von wo aus dessen Lebensgeschichte aufgerollt wird, eingebettet in die skurril anmutende Dorfgemeinschaft. Auch hier im großen Stil die Ouvertüre, die am Ende auch den Schluss bildet: „Als sie ihn fanden, lag er da wie ein großes Insekt. Das Gesicht gegen den Ackerboden gedrückt. Arme und Beine weit von sich gestreckt. Er hatte sich wohl im Fallen noch abstützen wollen.“ (Leseprobe) Das im Folgenden geschilderte Dorf-Ambiente mutet kafkaesk an. Etwa die Hütte, die zugleich als Vereinsheim, Wirtsstube und Gesellschaftshaus fungiert, gelegen am Rand eines Teichs inmitten von Feldern und umgeben von „kleineren, durch Zäune voneinander getrennten Parzellen … , in denen Ziegen, Schweine, Ponys, Hasen … gehalten wurden.“ (Leseprobe). Gezeugt im Suff von seinen noch jungen Eltern, die wie etliche Dorfbewohnerim Übrigen eng miteinander verwandt sind, hat Dorfdepp Wilhelm, halbblind und nicht ganz richtig im Kopf, sein Geld durch spontane Gesänge verdient. Nicht über fünf Töne hinausgehend, wohnte diesen nichtsdestotrotz oder gerade deshalb eine verführerische Magie nach Art von Schamanen inne, wie er auch stets mit seinem Gesang dort zugegen war, wo jemand das zeitliche segnete.Erzählerischer Höhepunkt ist hier ein Brötchenkauf am Sonntagmorgen, wo zwischen dem Minuten dauernden Hervorbringen seines Anliegens und der endlosen Inanspruchnahme von Zeit, die abgezählten Münzen auf den Zahlteller am Tresen zu legen – indessen hatten sich lange Schlangen gebildet – dies sowohl von der Verkäuferin als auch der Dorfgemeinschaft mit stoischer, dabei freundlich-wohlwollender Geduld hingenommen wird.  

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt kloepfer.narr in Tübingen.

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Buchtipp des Monats

Buchtipp des Monats 


Oktober-November 2020            

  ©  Erna R. Fanger 

 

Die Herausforderung der Kunstfreunde

Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst"Verlag Antje Kunstmann, München 2020 

Abgesehen vom Titel, lassen allein die Namensgebung und das Ambiente erahnen, dass den Leser hier eine so feingezeichnete wie süffisante Satire über die Welt der Kunst erwarten dürfte. So, wenn der exzentrische Großkünstler von Weltrang, KD Pratz, auf seiner Burg Ernsteck, hoch über dem Rhein, zurückgezogen residiert. Abgestoßen von der „schlimmen“ Welt, die er indessen ebenso verabscheut wie den Kunstbetrieb, dem er sich von Beginn an seiner Karriere verweigert hat. Aber doch wiederum nicht abgestoßen genug, als dass er, der lange schon jedwedem Besuch den Einlass auf seinem Anwesen verwehrt hat, sich dem nun angekündigten seitens der Mitglieder des Fördervereins des Museums Wendevogel in Frankfurt hätte entziehen können. Immerhin treten sie an, den exklusiv seinem Werk gewidmeten Bau eines Museums finanziell zu unterstützen und auf den Weg zu bringen.

Bemerkenswert die Erzählperspektive, eine gekonnte Mischung aus sicherer Distanz und intimer Nähe aus der Sicht des Ich-Erzählers Constantin Marx. Als Sohn der Vorsitzenden des Fördervereins, Ingeborg Marx – Psychotherapeutin Anfang 70 und glühende Kunstliebhaberin, Feministin auch –, hat er einen privilegierten Zugang zu dem hier versammelten Personal. Seines Zeichens Architekt, momentan in der Warteschleife, erfordern es die Umstände, dass er schon gleich zu Beginn des Romans seine Mutter auf einer entscheidenden Sitzung des Fördervereins zu vertreten hat, um so notgedrungen Einblick in Tücken und Schwerfälligkeit der Bürokratie einer solchen Unternehmung zu gewinnen. 

Das Ganze spielt im wesentlichen an einem Sommerwochenende in der Umgebung besagter Burg am Rhein, wo die Mitglieder dem von ihnen so geschätzten wie verehrten KD Pratz erwartungsvoll ihre Aufwartung machen. Kunst ist für sie eine Herausforderung, der sie sich mit leidenschaftlichem Engagement stellen. Das Ambiente geradezu prädestiniert, Kunst und Kultur, Wein und kulinarischen Genüssen zu huldigen. Ausflüge zu entsprechenden Sehenswürdigkeiten ‚nimmt man mit’. Allein, da prallen Welten aufeinander und die nicht immer zu vereinbarenden Beweggründe und Motive der in diesem speziellen Kosmos agierenden Figuren sorgen an diesem  Wochenende nicht selten für Zunder – weniger offen ausgetragen als vielmehr subtil vernehmbar, sich zwischen den Zeilen manifestierend. So, wenn den so kunstsinnigen wie beflissenen Mitgliedern des Fördervereins seitens KD Pratz’ mit martialischer Wucht die Unzulänglichkeit des so üblen wie zu verachtenden Weltgetriebes um die Ohren gehauen wird, als wären sie nicht selbst Teil davon, als wären nicht sie es, die hier mit gemeint sind, und gediegener Mittelstand – mal ehrfürchtig, mal zerknirscht, mal verprellt – solche Schelte aber doch über sich ergehen lässt. Entsprechend köchelt und brodelt es, kommt gar zum Eklat. 

Bei all dem entlarvt der Autor zwar seine Figuren in den festgefahrenen Rollenklischees, denen sie verhaftet sind, aber er tut dies ohne Häme, stattdessen mit wohlwollender Nachsicht und einem feinen Gespür für die Komik, die Figurenkonstellationen dieser Art mitunter innewohnt. 

Lesevergnügen erster Güte bieten die gekonnten Dialoge, wo Muskelspiele, deftiger Schlagaustausch oder aber – besser noch – subtile Spitzen und messescharfe Pfeile das argumentative Hin und Her, Mit- und Gegeneinander dominieren. Zugleich versteht es Magnusson – gleichwohl mittels des Dialogs – seine  Figuren als typische Vertreter ihrer Funktion in vorzüglicher Überzeichnung in Erscheinung treten zu lassen. Unterstrichen durch die der Charakterisierung überdies zuträgliche Namensgebung, die, stets witzig, den durchweg satirischen Tenor zusätzlich belebt.  

Heiter, klug beobachtet und nicht zuletzt auch nachsichtige Liebeserklärung an die so wunderbare wie zugleich ach so unvollkommene Welt der Kunst mit ihren exzentrischen Akteuren, die einfach Farbe reinbringt und die wir derzeit umso schmerzlicher entbehren. Im gerade düster anmutenden Corona-Herbst insofern unbedingt eine Lektüreempfehlung!

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag!

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