Buchtipp des Monats Juli - August 2021

© Erna R. Fanger  

Zwischen Lust am Text, Frust & List

Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreiben, Ilka Piepgras (Hg.), Kein & Aber Verlag, Zürich 2021

Im Selbstverständnis von Autorschaft gibt es zwischen Frauen und Männern einen fundamentalen Unterschied. Schon allein aufgrund der am Geschlecht haftenden, noch immer wirksamen Rollenklischees. So werden Familienangelegenheiten, etwa Pflege von Angehörigen oder Kinderbetreuung, auch heute noch bevorzugt an Frauen delegiert, geht die Zeit, die sich eine Autorin herausnimmt, um ein literarisches Werk auf den Weg zu bringen, nicht selten mit schlechtem Gewissen und Schuldgefühlen einher. Um dieser brisanten Gemengelage Herr zu werden, bedarf es in der Regel ausgeklügelter Strategien, sich den Raum zum Schreiben freizuhalten.  

Eben diesen nachzuspüren und sie einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, schickt sich die renommierte Zeit-Redakteurin Ilka Piepgras in den hier versammelten 24 erhellenden Beiträgen an. Ausgangspunkt und „Keimzelle“ war die Lektüre des bereits Ende der 70er Jahren entstandenen Essays von Anne Tyler Still just writing(Ich schreibe nur), von bis heute verblüffender Aktualitätim Übrigen Antwort auf die Frage einer anderen Mutter auf dem Schulhof, ‚ob sie immer noch nur schreibe, oder schon eine Arbeit gefunden hätte‘. Nicht viel anders ging es der in Paris lebenden französisch-marokkanischen Autorin Leila Slimani. Als sie ihren Job als Journalistin kündigte, um zu schreiben, meinten die Kolleginnen, sie wolle mehr Zeit mit ihrem gerade mal ein Jahr alten Kind verbringen. Als sie verneinte, wollten sie es nicht hören. Sie blieben dabei: „Das ist schön. Dann verbringst du Zeit mit deinem Kind.“

Elke Schmitter wiederum reflektiert über die „Heldinnen“ ihrer Jugend: Die von quälendem Ehrgeiz und Selbstzweifeln gepeinigte Sylvia Plath, die mit 30 Jahren den Gasherd aufdrehte, Virginia Woolf, die ins Wasser ging, Marina Zwetajewa hängte sich auf, Unica Zürn stürzte sich aus dem Fenster, Djuna Barnes wiederum verstarb verarmt und vergessen. So erhellend wie pointiert ihre bildhafte Perspektive auf die Ehe Plaths mit dem englischen Dichter Ted Hughes. Während Plath „in der Halskrause der Tüchtigkeit [stak], … ruhte [er] auf der Ottomane des Geniekults.“ Leseprobe

Für Sibylle Berg ist „[j]edes fertige Buch … ein gescheiterter Versuch.“ LeseprobeIm Übrigen hält sie sich an Dr. K. Anderssons These, dass es grundsätzlich 10.000 Stunden des Übens bedürfe, um außerordentliche Fähigkeiten zur Entfaltung zu bringen. Irgendwo in der Provinz ein Stipendium abzusitzen, ist ihre Sache nicht. Heute kann sie vom Schreiben leben, weil sie durchgehalten, immer viel gearbeitet hat. Darunter 13 Bücher und 25 Theaterstücke, teils parallel, teils im Wechsel entstanden. Nicht ohne ausgiebige Recherche, wo Berg versucht, Antworten auf die sich ihr stellenden Fragen zu finden – entscheidender Teil ihrer Arbeit, den sie am meisten schätzt.

Allein den ersten Absatz der großartigen Hilary Mantel zu lesen, ist schon für sich eine Offenbarung:

Manche Schriftsteller behaupten, sie schreiben so gleichmäßig wie Zahnpasta, die aus der Tube kommt, oder bauen eine Geschichte wie eine Mauer, so und so viele Ellen pro Tag. Sie setzen sich an den Schreibtisch und stoßen ihr Wortpensum aus, und dann tanzen sie in den Feierabend und putzen sich das Gefieder. Leseprobe

Das ist ihr fremd. Wobei sie eine klare Trennungslinie zwischen dem Schreiben von Sachtexten, Vorträgen oder Rezensionen zum Schreiben von Romanen zieht. Ist Ersteres für Sie ein Job wie jeder andere, wo sie die Ärmel hochkrempelt, Quellen sichtet und das Timing im Auge behält, machten sie Romane… zur Sklavin eines Prozesses, der weder einen klaren Anfang noch ein klares Ende hat, noch lässt sich sein Fortschritt messen. LeseprobeNicht geht der Geschichte ein Plan voraus, vielmehr schreibt sie einem ihr verborgenen, geheimen Plan hinterher, der sich als solcher erst offenbart, wenn die Geschichte geschrieben ist.

Auf die Frage, was Inspiration sei: … ständige Wachsamkeit. Ständig Ausschau halten nach Material, Tag und Nacht, wach und im Schlaf. Leseprobe

Und selbstverständlich schreibt sie tagtäglich, nicht nur, wenn sie inspiriert ist – wonach sie immer wieder von Journalisten gefragt wird.

Von der nicht selten aufreibenden inneren Dramaturgie schreibender weiblicher Autoren zeugt vielleicht am eindringlichsten Eva Menasses Beitrag. Es kommt darin der Art Spagat   zur Sprache, einerseits extrem durchlässig zu bleiben für die Dinge des Lebens in ihrer ganzen Bandbreite, in ihrer Wucht, ohne jedoch davon überwältigt zu werden und die Kontrolle darüber zu verlieren und damit die Möglichkeit, dieses Konglomerat an Erfahrungen und Erkenntnis dann auch in einen Text umzusetzen, also dementsprechend strukturiert zu bleiben. Dabei vergleicht Menasse das Schreiben mit den wenig kalkulierbaren Fahrwassern der Liebe, unstet, wankelmütig, kann sie genauso schnell in Hass umschlagen. Nichts Handfestes, Verlässliches. Ein ‚hochkompliziertes, störanfälliges System‘, emotional grundiert, gleich ‚hin- und hergeworfenen Fischschwärmen’, kaum unter Kontrolle zu bekommen. Beunruhigend. Ein Spannungszustand, um dessen Lösung tagtäglich zu ringen ist. Weder beim Schreiben noch beim Lieben gibt es Sicherheiten, stets ist der Prozess des Schreibens so unabsehbar wie hochriskant. So spricht sie von dem 

… ganzen verzehrenden Irrsinn eines Romans (Größenwahn, Abstürze, Schreibblockaden …  Verzweiflungsanfälle, Korrekturenrausch, Schreibschübe, die sich anfühlen wie psychische Krankheiten, Selbstzweifel beim Abgeben, Panik beim Erscheinen, Applaus, Größenwahn, Selbstekel) … Es muss immer wieder neu, verführerisch, erregend, furchterregend sein.Leseprobe

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensions-Exemplar gilt dem Kein & Aber Verlag, Zürich                                                                                     Archiv

Buchtipp des Monats Juli - August 2021

© Hartmut Fanger: Von den Wirrnissen um die Dracula-Legende

 

Dana Gricorcea: Die nicht sterben ,Penguin Verlag. München 2021

Wer kennt nicht Bram Stoker, den Schöpfer der Dracula Legende. Weniger bekannt ist hingegen dessen großes Vorbild ‚Vlad der Pfähler’. All diejenigen jedenfalls, die sich für den Drachen in seiner kulturhistorischen Bedeutung interessieren und dazu hin ein Faible für die das Tageslicht scheuenden und nur im Zwielicht der Dämmerung sich zeigenden Fledermäuse haben, werden an dem Roman von Dana Gricorcea ihre helle Freude haben. Der in Budapest geborenen Germanistin und Autorin gelingt es in 24 Kapiteln auf 259 Seiten nicht nur, die ‚Wirrnisse um die Dracula Legende so anschaulich wie plastisch vor Augen zu führen, sondern zugleich schreibgewandt blendend zu unterhalten und bis zur letzten Seite für Spannung mit erheblichem Gruselfaktor zu sorgen. 

Eine Autorin, die ihr Handwerk versteht. Wenige Worte benötigt sie, um uns in den abgelegenen, von Aberglauben und Vampirismus geprägten Ort mit dem Kürzel „B.“, in der Walachei, zu entführen. Nicht ausgespart werden dabei Spuren des Kommunismus unter dem ehemaligen Diktator Rumäniens Ceaușescu, geprägt von Korruption, Willkür und Unterdrückung. Eine Welt, archaisch anmutend, zugleich bizarr, die dabei so manche Grausamkeit offenbart. Und blutig geht es wahrlich zu bei Gricorcea, die, obschon in nüchternem Tenor, die Bewertung dem Leser überlassend, die grausamen Praktiken ‚Vlads des Pfählers’ zur Sprache bringt: von furchtbaren spätmittelalterlichen Schlachten, über tausendfaches Pfählen und Leichenschändung bis in die Gegenwart hinein. 

Nicht selten sind es Momente, die uns in eine Art Zwischenwelt, Grauzonen zwischen Realität und Fantasie, entführen, Augenblicke, die der rationalen Wahrnehmung entschlüpfen, schwer fassbar sind und uns erschauern lassen. Unvergleichlich, wenn zum Beispiel nach altem Brauch in uralten Gräbern gebuddelt wird, um die Reste von Knochen und kleinen Accessoires Neuverstorbenen zukommen zu lassen. Unheimlich wiederum, wenn die Ich-Erzählerin des Nachts erwacht und sämtliche Möbel, vom Schrank bis zum Spiegel, verrückt oder gar verschwunden sind, ebenso wenn sie sich im offenen Grab wälzt, dabei tierische Laute ausstößt, mit einem Mal fliegen kann und blutrünstig mit ihren Zähnen einen Rehbock erlegt. Surrealistische Szenen, in denen sich Wirklichkeit, Traum und Albtraum vermischen. Dem Leser erschließt sich dabei eine eigentümlich, eine unheimliche Welt, in der das Motiv des Vampirismus vom 15. Jahrhundert an bis in die Gegenwart den roten Faden bildet. Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag!   Archiv

Buchtipp des Monats Mai-Juni 2021 


© Hartmut Fanger                           Absurde Verwicklungen

Jochen Schmidt: Ich weiß noch, wie King Kong starb,Verlag C.H.Beck oHG, München 2021

Auf unvergleichliche Art führt uns Jochen Schmidt mit seinem Erzählband „Ich weiß noch, wie King Kong starb“ die Absurditäten im Leben eines Autors, Vaters und Sohns einer alles dominierenden Mutter vor Augen. Stets mit leichter Feder überspitzt, stets mit Sinn für Humor und Skurriles, Freude an ungewöhnlichen Formulierungen, womit er immer wieder für Überraschungen sorgt. Teils lose miteinander verwobene Erzählungen, die am Ende nahezu als Roman durchgehen. Mit auf den ersten Blick einfachen, harmlosen Begebenheiten, die sich, sehen wir näher hin, jedoch eher als alles andere entpuppen, zieht der Ich-Erzähler seine Leser in den Bann. So zum Beispiel, wenn er während einer Familienzusammenkunft bei den Eltern auf die Toilette flieht, jenem einzigen Raum, in dem keine Bücher stehen, stattdessen „drei Dutzend Putzmittelsorten.“ Nur dort vermag er ‚ein bisschen zu sich zu finden’. Oder die Angst vor dem 10-Meter-Turm des indessen bald Mittvierzigers, selbstgestecktes, bislang verpasstes Ziel, das er mit Hilfe teils absurder Gedankengänge immer wieder hinauszuzögern versteht: „Dann bin ich tatsächlich oben, obwohl ich lieber noch weiter Leitern hochgestiegen wäre, denn jetzt rückt der Moment immer näher.“

Bemerkenswert die so ernüchternden wie wenig rühmlichen Erlebnisse eines Autors, der für sein Buch auf Tour geht, gehen muss. In Kauf zu nehmen sind neben langen Anfahrtswegen in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf denen er seine zum Verkauf angebotenen Bücher selbst transportieren muss, das Nächtigen in heruntergekommenen Pensionen, eine besserwisserische Hörerschaft  in einem ehemaligen, zum Kulturzentrum umfunktionierten Schlachthof. Von der verzweifelten Aktion, mit seinen Büchern in einer Buchhandlung präsentiert zu werden, um eine ‚Lücke’ zu füllen, ganz zu schweigen. Insbesondere komisch und nicht minder kritisch wird es, wenn die Deutsche Bundesbahn mit ihren Zügen als „Stehplatzhotel“ aufs Korn genommen wird. Etliche  Schwarzweißbilder wiederum illustrieren die Reise nach Budapest mit David Wagner. Selbst dort ist der Allerweltname Jochen Schmidt offenbar nicht selten, so dass ihm im Zuge einer Verwechslung ein Buch über Pina Bausch, das er nicht verfasst hat, zum Signieren vorgelegt wird.  

Köstlich nicht zuletzt Plaudereien aus dem Nähkästchen, etwa über den weltabgewandten Proust, wie aus der Feder von dessen Haushälterin Céleste Albaret zu vernehmen, der ‚nachts arbeiten und tagsüber schlafen musste’, panische Angst vor Staub und Mikroben hatte, oder wenn der Ich-Erzähler in der Hauptfigur aus Gontscharows „Oblomow“ weniger den sprichwörtlich faulen Nichtstuer als vielmehr den ‚sympathischen Hypersensiblen’ sieht. Alles in allem ein Feuerwerk an Ideen, an heiteren Episoden und zum Nachdenken anregenden Momentaufnahmen. So leichte wie tiefgründige Lektüre, gerade richtig für die anstehenden Sommertage.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck!                Archiv

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