Dezember 2020 - Januar 2021            

  ©  Erna R. Fanger 

 Virtuos & Wortgewaltig 

 

Gerhard Stadelmaier: „Don Giovanni fährt Taxi. Novelletten",klöpfer.narr, Tübingen 2020

 

Gleich mit der Widmung zu Beginn „den Klaviergeistern aus Schumanns op. 21, mit Dank auch an Max Frisch, Marina Zwetajewa, William Shakespeare, Lorenzo da Ponte, Patrick Süskind – und alle unerhörten Frauen“, wird hier ein beachtlicher Referenzraum eröffnet. Der von Robert Schumann geprägte Gattungsbegriff verdankt sich im Übrigen dessen Intention, in seinen Klavierstücken „größere zusammenhängende abenteuerliche Geschichten“ zu erzählen, die er dann als Novelletten bezeichnete. Nicht selten hat Schumann diese mit Präambeln versehen, etwa einem Zitat aus Shakespeares Macbeth oder Versen aus Goethes West-östlichem Divan und damit einmal mehr eine Brücke zu Literaturen geschlagen, eine Brücke, die sich hier auch wiederum in umgekehrter Folge Stadelmaier zu eigen gemacht hat, indem er etwa, wie oben zu entnehmen, in sechs „Intermezzi“ von insgesamt 15 Novelletten auf Schumanns ‚Klaviergeister aus Op. 21‘ Bezug nimmt. 

Dieser Erzählband des so gefürchteten wie legendären Theaterkritikers, einer der Letzten seiner Zunft in der Tradition eines Alfred Kerr, versammelt hier Geschichten von immenser erzählerischer Wucht und ausgesprochener „Lust am Text“. „Hier steh ich nun, ich kann nicht anders“ – das berühmte Lutherwort möchte man auch Stadelmaier in den Mund legen. Der wiederum kann nicht anders, als die Welt als Bühne zu betrachten. Das Repertoire der Bühnenklassiker hat er sozusagen inhaliert und verwebt die Konflikte seiner Figuren nicht selten mit deren Helden. Schon gleich in der Titel gebenden Geschichte „Don Giovanni fährt Taxi“ fällt dies ins Auge. Dieser Taxifahrer, der seinen Gast zu den Weisen besagter Mozartoper fährt, weiß nicht nur über Oper und Sänger in Ost und West bestens Bescheid, sondern ist auch philosophisch bewandert. Ebenso weiß er, was er nicht (mehr) will und auch sonst Bescheid. So hat er zum Beispiel begriffen, wie schnell man an Dingen festhält, ja dran kleben bleibt. Vor allem an der Liebe. Mit all dem „Schmutz und Schmerz“, den ganzen Scherereien. Nach zwei Ehen Schluss damit. Er kauft sich fortan Liebe, bezahlt dafür. In Art Endlostiraden von martialischer Energie gibt er seine Sicht auf das Leben zum Besten. Vorher ‚Ehedepp im Beziehungsschmutz‘, frönt er jetzt der „Reinheit“, ist „der zärtlichste Mann von der Welt“, kniet auch schon mal vor einer Schönen, innerlich, und zitiert 

 

aus dem Hohelied. Und für ihre Dienste großzügig bezahlend, liegt er „marktwirtschaftlich wie erotisch … hundertfünfzigprozentigrichtig“. Diesem Art Innerem Monolog eines durchgeknallten Taxifahres zu folgen, dabei im Geiste besagten eingeblendeten Opernklängen – der Text in Kursivschrift in Klammern integriert – zu lauschen, ist ein derb-saftiger Lesespaß, der einen unwiderstehlichen Sog ausübt. Und nicht nur bei dieser Geschichte kann man dem Autor nur beipflichten: „Wenn man in der Wirklichkeit die Augen auf macht und die Ohren spitzt vor allem, dann erlebt man seltsame und tolle Dinge.“ 

Stark in „Intermezzo II: Fürchtenmachen“ (Kinderszene)gleich der erste Satz: „Da vorne steht es und reißt sein schwarzlackiertes Maul auf wie ein gefräßiges Raubtier“ und damit auf den Punkt gebracht, wie die Klavierschülerin sich kurz vor dem Auftritt vor Publikum fühlt. Nämlich wie „Häppchen roher Mensch, ein Häufchen Kind.“ Da mutieren die Tasten zu scharfen Zähnen eines riesen Mauls, in das hinein es seine Finger legen muss. Und das vor Eltern, Geschwistern, Großeltern. Und das kleine Mädchen mit ihrer Bach-Mottete vor dem Ich-Erzähler, zugleich Leidensgenossen an der Reihe, wird dann auch vom Klaviermaul geschnappt und verschlungen. Die Tränen schluckt es hinunter. Nicht so der Ich-Erzähler, der den ersten Akkord aus Schumanns „Kinderszenen“ lediglich anschlägt, bewundernd den Klängen lauscht und dann zum Entsetzen des erwartungsvollen Musiklehrers die Hände im Maul des Untiers ruhen lässt. Die ganze „Kinderszene“ von erfrischender Vitalität, rübergebracht mit Empathie für die kleinen Opfer der Musikpädagogik, denen der Protagonist hier ein echtes Schnippchen geschlagen hat.

Ein Glanzstück an Empathie wiederum ist „Dorf und Depp“. Als Rondo angelegt, dessen Ausgangspunkt der Tod des hier Porträtierten ist, von wo aus dessen Lebensgeschichte aufgerollt wird, eingebettet in die skurril anmutende Dorfgemeinschaft. Auch hier im großen Stil die Ouvertüre, die am Ende auch den Schluss bildet: „Als sie ihn fanden, lag er da wie ein großes Insekt. Das Gesicht gegen den Ackerboden gedrückt. Arme und Beine weit von sich gestreckt. Er hatte sich wohl im Fallen noch abstützen wollen.“ (Leseprobe) Das im Folgenden geschilderte Dorf-Ambiente mutet kafkaesk an. Etwa die Hütte, die zugleich als Vereinsheim, Wirtsstube und Gesellschaftshaus fungiert, gelegen am Rand eines Teichs inmitten von Feldern und umgeben von „kleineren, durch Zäune voneinander getrennten Parzellen … , in denen Ziegen, Schweine, Ponys, Hasen … gehalten wurden.“ (Leseprobe). Gezeugt im Suff von seinen noch jungen Eltern, die wie etliche Dorfbewohnerim Übrigen eng miteinander verwandt sind, hat Dorfdepp Wilhelm, halbblind und nicht ganz richtig im Kopf, sein Geld durch spontane Gesänge verdient. Nicht über fünf Töne hinausgehend, wohnte diesen nichtsdestotrotz oder gerade deshalb eine verführerische Magie nach Art von Schamanen inne, wie er auch stets mit seinem Gesang dort zugegen war, wo jemand das zeitliche segnete.Erzählerischer Höhepunkt ist hier ein Brötchenkauf am Sonntagmorgen, wo zwischen dem Minuten dauernden Hervorbringen seines Anliegens und der endlosen Inanspruchnahme von Zeit, die abgezählten Münzen auf den Zahlteller am Tresen zu legen – indessen hatten sich lange Schlangen gebildet – dies sowohl von der Verkäuferin als auch der Dorfgemeinschaft mit stoischer, dabei freundlich-wohlwollender Geduld hingenommen wird.  

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt kloepfer.narr in Tübingen.

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Buchtipp des Monats

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Oktober-November 2020            

  ©  Erna R. Fanger 

 

Die Herausforderung der Kunstfreunde

Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst"Verlag Antje Kunstmann, München 2020 

Abgesehen vom Titel, lassen allein die Namensgebung und das Ambiente erahnen, dass den Leser hier eine so feingezeichnete wie süffisante Satire über die Welt der Kunst erwarten dürfte. So, wenn der exzentrische Großkünstler von Weltrang, KD Pratz, auf seiner Burg Ernsteck, hoch über dem Rhein, zurückgezogen residiert. Abgestoßen von der „schlimmen“ Welt, die er indessen ebenso verabscheut wie den Kunstbetrieb, dem er sich von Beginn an seiner Karriere verweigert hat. Aber doch wiederum nicht abgestoßen genug, als dass er, der lange schon jedwedem Besuch den Einlass auf seinem Anwesen verwehrt hat, sich dem nun angekündigten seitens der Mitglieder des Fördervereins des Museums Wendevogel in Frankfurt hätte entziehen können. Immerhin treten sie an, den exklusiv seinem Werk gewidmeten Bau eines Museums finanziell zu unterstützen und auf den Weg zu bringen.

Bemerkenswert die Erzählperspektive, eine gekonnte Mischung aus sicherer Distanz und intimer Nähe aus der Sicht des Ich-Erzählers Constantin Marx. Als Sohn der Vorsitzenden des Fördervereins, Ingeborg Marx – Psychotherapeutin Anfang 70 und glühende Kunstliebhaberin, Feministin auch –, hat er einen privilegierten Zugang zu dem hier versammelten Personal. Seines Zeichens Architekt, momentan in der Warteschleife, erfordern es die Umstände, dass er schon gleich zu Beginn des Romans seine Mutter auf einer entscheidenden Sitzung des Fördervereins zu vertreten hat, um so notgedrungen Einblick in Tücken und Schwerfälligkeit der Bürokratie einer solchen Unternehmung zu gewinnen. 

Das Ganze spielt im wesentlichen an einem Sommerwochenende in der Umgebung besagter Burg am Rhein, wo die Mitglieder dem von ihnen so geschätzten wie verehrten KD Pratz erwartungsvoll ihre Aufwartung machen. Kunst ist für sie eine Herausforderung, der sie sich mit leidenschaftlichem Engagement stellen. Das Ambiente geradezu prädestiniert, Kunst und Kultur, Wein und kulinarischen Genüssen zu huldigen. Ausflüge zu entsprechenden Sehenswürdigkeiten ‚nimmt man mit’. Allein, da prallen Welten aufeinander und die nicht immer zu vereinbarenden Beweggründe und Motive der in diesem speziellen Kosmos agierenden Figuren sorgen an diesem  Wochenende nicht selten für Zunder – weniger offen ausgetragen als vielmehr subtil vernehmbar, sich zwischen den Zeilen manifestierend. So, wenn den so kunstsinnigen wie beflissenen Mitgliedern des Fördervereins seitens KD Pratz’ mit martialischer Wucht die Unzulänglichkeit des so üblen wie zu verachtenden Weltgetriebes um die Ohren gehauen wird, als wären sie nicht selbst Teil davon, als wären nicht sie es, die hier mit gemeint sind, und gediegener Mittelstand – mal ehrfürchtig, mal zerknirscht, mal verprellt – solche Schelte aber doch über sich ergehen lässt. Entsprechend köchelt und brodelt es, kommt gar zum Eklat. 

Bei all dem entlarvt der Autor zwar seine Figuren in den festgefahrenen Rollenklischees, denen sie verhaftet sind, aber er tut dies ohne Häme, stattdessen mit wohlwollender Nachsicht und einem feinen Gespür für die Komik, die Figurenkonstellationen dieser Art mitunter innewohnt. 

Lesevergnügen erster Güte bieten die gekonnten Dialoge, wo Muskelspiele, deftiger Schlagaustausch oder aber – besser noch – subtile Spitzen und messescharfe Pfeile das argumentative Hin und Her, Mit- und Gegeneinander dominieren. Zugleich versteht es Magnusson – gleichwohl mittels des Dialogs – seine  Figuren als typische Vertreter ihrer Funktion in vorzüglicher Überzeichnung in Erscheinung treten zu lassen. Unterstrichen durch die der Charakterisierung überdies zuträgliche Namensgebung, die, stets witzig, den durchweg satirischen Tenor zusätzlich belebt.  

Heiter, klug beobachtet und nicht zuletzt auch nachsichtige Liebeserklärung an die so wunderbare wie zugleich ach so unvollkommene Welt der Kunst mit ihren exzentrischen Akteuren, die einfach Farbe reinbringt und die wir derzeit umso schmerzlicher entbehren. Im gerade düster anmutenden Corona-Herbst insofern unbedingt eine Lektüreempfehlung!

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag!

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