Buchtipp des Monats Juni 2022

© Hartmut Fanger

Kinderverschickung auf Italienisch

Viola Ardone: „Ein Zug voller Hoffnung“ in der Übersetzung aus dem Italienischen von Esther Hansen, Bertelsmann Verlag, München 2022

Die 1974 in Neapel geborene Autorin Viola Ardone hat mit ihrem Roman „Il treno di bambini“ in Italien bereits vor zwei Jahren für eine kleine Sensation gesorgt und es mit über 200.000 verkauften Exemplaren bis ganz nach oben in die Bestsellerlisten geschafft. Inzwischen ist er in 30 Ländern erschienen. Dank dem Bertelsmann Verlag ist das von Esther Hansen exzellent übersetzte Werk unter dem Titel „Ein Zug voller Hoffnung“ nun auch deutschen Lesern zugängig.

Auf so anrührende wie teils humorvolle Weise erzählt die Autorin auf 284 Buchseiten von einer Initiative der politisch Linken in Italien, die es unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglicht hatte, Kinder für ein knappes Jahr aus dem Elend der verarmten südlichen Regionen zu befreien und mit dem Zug in den Norden zu schaffen, um sie dort bei wohlhabenden Familien unterzubringen.

Anhand der Hauptfigur, dem siebenjährigen Amerigo Speranza, wird deutlich, wie wenig Chancen ein Kind in Italien im Jahr 1946 hatte, das in Armut aufwuchs, und was für Möglichkeiten sich eröffnen können, wenn gute Ernährung selbstverständlich und man materiell gut gestellt ist. Unumstößliche Tatsache, die bis heute ihr Gültigkeit nicht verloren hat. So blieben die Talente Amerigos, wie etwa ein Hang zu Zahlen und Mathematik, seinen Gönnern nicht verborgen. Wie er überhaupt auf vielen Ebenen gefördert und zum Beispiel auch an ein Musikinstrument wie die Geige herangeführt wurde. Faktoren, an die im Süden, wo es um das nackte Überleben ging, nicht zu denken war. Nach seiner Rückkehr unterschlägt die Mutter die an ihn gerichteten Briefe und die geliebte Geige ist eines Tages einfach verschwunden. In einem Akt kindlicher Selbstermächtigung haut er schließlich ab zu seinen Gönnern im Norden und macht fortan von dort aus seinen Weg.

Was wohl, stellt sich am Ende Amerigo die Frage, wäre aus ihm geworden, wenn er die Erfahrung im Norden nicht gemacht hätte. Vielleicht hätte er den Beruf des Schusters ergriffen. Denn für Schuhe hatte er sich von früh an interessiert, zumal er stets die seiner Vorgänger auftragen musste, die ihm folglich nicht passten, die drückten und schmerzten. Ein Schmerz, der ihm selbst noch nach über vierzig Jahren in Erinnerung ist, als er seinen Heimatort besucht.

Last but not least ein Buch, das nicht nur im Hinblick auf Konfliktkonstruktion und Figurenzeichnung, sondern auch aufgrund seiner sprachlichen Qualitäten ein pures Lesevergnügen ist. So wird zum Beispiel gekonnt mit Hilfe von Auslassungen ein Erzählfluss von enormer Dichte erzielt, dem man sich kaum entziehen kann. Behutsam wiederum die Einstreuung historischer, den Krieg betreffender Fakten. So geht es immer wieder um den Kampf gegen die nationalsozialistischen Deutschen, um Partisanen und Gefallene. Rundum ein lebenspralles Stück Literatur, das voll und ganz zu Herzen geht. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                           Archiv

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Bertelsmann Verlag

Buchtipp des Monats Mai 2022

© Hartmut Fanger

Eine Tochter und zwei Väter – Ein Deutsch-deutsches Desaster   

Jan Weiler: „Der Markisenmann“ Wilhelm Heyne Verlag, München 2021

Wer kennt  Jan Weiler nicht. Der spätestens seit „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, der gleichnamigen Verfilmung sowie dem Bestseller „Das Pubertier“ bekannte Autor wartet auch im zweiten Corona-Jahr mit einem vielversprechenden Roman auf.  

Wie schon in seinen früheren Büchern, kommt in „Der Markisenmann“ der ihm eigene leise, nichtsdestotrotz markante Humor, gepaart mit menschlicher Wärme und einem Hauch von Sozialkritik, zum Tragen. Mit Blick auf das Jahr 2005 erzählt eine inzwischen erwachsene Tochter namens Kim von dem Verhältnis zu ihrem Vater. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir so von einer materiell verwöhnten, hingegen seelisch vernachlässigten Fünfzehnjährigen, die deshalb schon früh gegen die prekären familiären Verhältnisse rebelliert, insbesondere gegen Mutter Susanne und Stiefvater Heiko Mikulla opponiert. Die konfliktive Eltern-Tochter-Beziehung kulminiert, als sie eines Tages am Swimmingpool mehr oder weniger versehentlich ihren Stiefbruder Geoffrey anzündet. Zur Strafe wird sie während der Sommerferien ins Exil nach Duisburg versetzt, wo ihr leiblicher Vater Ronald Papen, der sogenannte „Markisenmann“, lebt, den sie dreizehn Jahre lang nicht gesehen hat. Dieser entpuppt sich zunächst als das genaue Gegenteil ihres geschäftstüchtigen Stiefvaters, verfügt weder über dessen Selbstbewusstsein noch Skrupellosigkeit, wirkt vielmehr zerbrechlich und hat feinere Manieren – und doch ist da so manches, was die beiden Väter gemeinsam haben.

Mit Sinn für Situationskomik und jeder Menge Lokalkolorit schildert Jan Weiler ein Universum der besonderen Art. Von Gelsenkirchener Verhältnissen bis zum Schönheitsideal der ehemaligen DDR, woher die einstigen Freunde, Stiefvater Mikulla und leiblicher Vater Papen inklusive Markisen, herstammen, was sich am Ende als ein deutsch-deutsches Desaster entpuppt. Allein die einer Lagerhalle entsprechenden Behausung Papens im Industriegebiet hat es in sich. Ebenso der nahezu irrwitzige Versuch, im Ruhrgebiet diese ästhetisch alles andere als attraktiven Schutzdächer an den Mann zu bringen. Ein offenkundig erfolgloses und von Beginn an zum Scheitern verurteiltes Unternehmen. Bis – ja, bis seine fünfzehnjährige Tochter die Bühne betritt und seine geschäftlichen Aktivitäten mit ihren die Grenzen der Legalität überschreitenden Verkaufsstrategien aufmischt ... Von da an ist vieles anders.

Allein wie es Weiler gelingt, sich im Rahmen einer Rückblende gekonnt in eine ‚schwer erziehbare’ Fünfzehnjährige hineinzuversetzen, ist ein gelungener Kunstgriff. Hier stimmt alles. Von der Psychologie einer Heranwachsenden bis hin zu deren Vorlieben und Sprache. Und selbst ihre an den Tag gelegten neunmalklugen Weisheiten kommen in diesem Kontext authentisch rüber. Zugleich eine so anrührend wie tragische Familiengeschichte, die unter die Haut geht. Nicht zuletzt aber eine bemerkenswerte Vater-Tochter-Erzählung mit großer Empathie für das ambivalente Figurenensemble.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                            Archiv

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Heyne Verlag

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