Buchtipp des Monats Oktober - November 2021

© Erna R. Fanger  

Eine andere Wahrheit – Geschichte eines Störfalls

 

Im Kulturellen und im Politischen, also in dem gesamten Bereich des öffentlichen Lebens, geht es weder um Erkenntnis und um Wahrheit, sondern um Urteilen und Entscheiden 

                                                   Hannah Arendt

 

Marion Karausche: Der leere Platz, Kein & Aber Verlag, Zürich 2021

 

Mit Der leere Platz legt Marion Karausche ein Romandebut vor, das unter die Haut geht. Schon gleich mit den ersten Zeilen zieht sie den Leser in den Bann, beginnend mit dem  Klingeln des Telefons, das sich dunkler ausnimmt als gewohnt. Unheilvolles Omen. Schnell bestätigen sich die Vorahnungen der Protagonistin Marlen. Der Anruf stammt schließlich aus der Psychiatrie in Deutschland und betrifft ihren seit über einem Jahr verschwundenen, 18jährigen Sohn Kai, der sein Auto in Brand gesteckt hatte. 

Was folgt, ist die Geschichte eines Martyriums, das mit umso größerer Wucht daherkommt, als es mit dem privilegierten, im Luxus schwelgenden Lebensstil der in Marokko lebenden deutschstämmigen, der intellektuellen Oberschicht zugehörigen Bilderbuchfamilie in krassem Kontrast steht:

"Marlen war bewusst, dass sie großes Glück hatte. Ihre Familie war ein Vorbild für viele ihrer Bekannten, in deren Familie es häufig krachte ... So etwas gab es in ihrer Welt nicht. In ihrem Leben, dachte sie oft zufrieden, stimmte alles" ... Leseprobe

Der Vorfall dient zugleich als Anlass für die Protagonistin, minutiös die eigene Lebensgeschichte ebenso wie die ihres Mannes Revue passieren zu lassen, nach Spuren tastend, wie es zu solchem Clash kommen konnte. Gefolgt von der allmählichen Zerrüttung der Familie im Zuge der fortschreitenden als Schizophrenie diagnostizierten Krankheit. Wobei Karausche mit für ein Debut bemerkenswerter Souveränität beständig zwischen fiktiver Gegenwart und Rückblenden changiert. Je tiefer sie durch den Vorfall in die Abgründe ihrer eigenen und der ihres Mannes dringt, erweist sich das beschädigte Leben aller darin Verstrickten. Sei es, wenn sie selbst als Pubertierende der Magersucht verfiel, verbissen Ballett übte, bis eine Lehrerin sie fragte: „Isst du denn auch genug“ Leseprobe,  von wo an sie aufhörte, die Nahrung zu verweigern. Oder sei es die gleichwohl zerrüttete Ehe ihrer Eltern, in der es ihrer Mutter, neben dem strengen Vater, einem angesehenen Arzt, verwehrt blieb, ihren eigenen Platz zu finden. Marlen ist er zeitlebens fremd geblieben. Verstörend für das kleine Mädchen, wenn die Mutter sich indessen mit wechselnden Liebhabern tröstete, ihr selbst dabei die Rolle zukam, Schmiere zu stehen, um dieser durch Pfeifen zu signalisieren, dass der Vater im Anmarsch war. Später sollte sie es, heimgesucht von Schuldgefühlen, als Verrat an ihm empfinden. Am Ende versank die Mutter in Verwahrlosung und Demenz während der Vater den Freitod wählte, dies minutiös geplant und umgesetzt hat. 

Im Zuge dieser Art Bilanz kommt überdies das problematische Verhältnis ihres Mannes Martin zu dem vom Krieg traumatisierten Vater zur Sprache, der keine Bindung zu ihm aufbauen konnte, infolgedessen Martin wiederum tunlichst vermieden hat, selbst Gefühle zu zeigen. 

Aber auch die Kehrseite des leichten Lebens in Marokko wird in seinen Abgründen gespiegelt:

"Das ‚arabische’ Leben, jenes der Männer in Lumpen,die an den Straßenrändern standen und den vorbeifahrenden, auf Hochglanz polierten Luxuswagen zuwinkten in der Hoffnung, für ein paar Stunden harter Arbeit aufgesammelt zu werden ... Das Elend wurde durch Stacheldraht und Kameraüberwachung ferngehalten "..Leseprobe

In dieser persönlichen Lebensrückschau erweist sich, neben dem Desaster der drastisch verlaufenden, ausweglos anmutenden Schizophrenie Kais, zugleich das kollektive Ungleichgewicht. Und wie die Familie zusehends in Bedrängnis, die liebevoll gezeichnete Tochter Amy ins Abseits gerät, Martin sich in eine Affäre flüchtet und Marlen von dem Gedanken an Selbstmord immer weniger ablassen kann, scheint die Welt aus der Balance zu geraten, was eine weitere Lesart nahelegt. 

So sieht etwa Ronald D. Laing, Begründer der Anti-Psychiatrie der späten 60er Jahre, der sich bis heute eine Demokratisierung des Psychiatriewesens verdankt, im Wahn der Betroffenen das Symptom einer gespaltenen Gesellschaft: „Der Kranke erscheint ... als Opfer gesellschaftlicher Fehlentwicklungen, sein sogenannter Irrsinn entspringt einem pathologischen Sozialzusammenhang.“Leseprobe

Und unternehmen wir im Innern die Anstrengung, unsere eigene, nicht selten vielstimmige heterogene Wahrheit aufrechtzuerhalten, wird dies konterkariert durch die Übergriffe in Form eines gesellschaftlich postulierten Außerhalb, das als kontrollausübende Instanz fungiert. Dahingegen brachten etwa Naturvölker konstatierten Wahnsinn keineswegs mit pathologischen Zuständen in Verbindung, sondern vielmehr mit ‚heiligem Wahn’, einer geistigen Krise, die dem Ruf vorausging, künftig als Schamane zu wirken. Deutungsmuster,dazu angetan, den letzten Seiten Rechnung zu tragen, bis die Spannung schließlich in einem fulminanten Schluss mit völlig überraschender Pointe kulminiert.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Kein & Aber AG, Zürich – Berlin                                                                                  Archiv

 

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