© Erna R. Fanger

 

Unerhörte Signale: Prophetische Strukturen in der Literatur

Jürgen Wertheimer: Sorry Cassandra! Warum wir unbelehrbar sind,  konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, Tübingen 2021

 

Jürgen Wertheimer, Professor für Internationale Literatur in Tübingen, legt hier so spannende wie alarmierende Ergebnisse des von ihm ins Leben gerufenen Forschungsprojekts vor: Cassandra: Krisenfrüherkennung durch Literaturauswertung im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung.

Strukturiert ist das Ganze in 12 Kapitel, jeweils aufgeteilt in 4 Abschnitte unter dem Titel „Zwischenruf“.  Erschreckend offenbart Wertheimer uns das „Cassandra-Syndrom“, jene fatale Liaison zwischen Wissen und hartnäckigem Nichtwissenwollen. Letzteres wiederum habe insofern System, als dadurch verhindert werde, in die Handlung zu gelangen, etwas zu tun, sprich ‚in die Hand zu nehmen‘. Zwar vermag Literatur weniger, konkrete künftige Ereignisse vorherzusagen als vielmehr seismographisch Strukturen aufzuspüren, die uns unheilvolle Konstellationen mit bedrohlichen Folgen für menschliche Gesellschaften offenbaren.

Dabei geht Wertheimer gleichwohl der Frage nach, wie wir es verstehen, die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit so zu verstellen, dass es uns versagt bleibt, daraus Erkenntnisgewinn mit entsprechendem Hang zur Handlung zu ziehen. Obwohl es an Daten, Fakten, ja geradezu einer Flut an Informationen im Zeitalter der Digitalisierung wahrlich nicht fehlt – eher ist das Gegenteil der Fall. Und das, obwohl seit der Antike immer wieder Mahner:innen ihre Stimmen erhoben haben. Als Stimmen moderner Mahner:innen aus jüngster Zeit werden etwa Susan Sonntag, Juli Zeh, Michel Houellebecq, Amos Oz oder der israelische Schriftsteller David Grossmann betrachtet, alle hochgeschätzt, hochgeachtet.

 Doch bleibt es letztlich bei unerhörten Signalen. Denn ihnen nachzugehen, bedeutet, sich aus der Komfortzone, sei es politisch, sei es privat, herauszubequemen und den Finger in die Wunde zu legen, wofür man bekanntermaßen selten Beifall erntet.

 

Nicht zu unterschätzen sind dabei Unabhängigkeit und Freiheit der Literatur, deren Funktion es ist – neben der zu unterhalten –, verkrustete Verhältnisse aufzubrechen und deren dunkle Stellen zu erhellen. Wobei es hingegen in Politik und Wirtschaft weniger um Wahrhaftigkeit und Erkenntnisgewinn als vielmehr um den Erhalt und Ausbau von Machtverhältnissen geht. Ungeachtet der Bedeutung für das Individuum „kann [Literatur] sozusagen in die Eingeweide einer Gesellschaft schauen“. Leseprobe.

Dementsprechend wohnt Literaturen ein immenses Potenzial inne, das uns in vielfältiger Spiegelung Gefahrenzonen für die menschliche Spezies, aber auch zugleich ihrer Mitgeschöpfe vor Augen führt, das jedoch, machen wir es uns nicht nutzbar, vertan bleibt.

Um so verlockender Mannheimers Appell, sich der strukturellen Prognosen anzunehmen und dagegen anzugehen, noch bevor die darin sich abzeichnenden Katastrophen sich in unserer Wirklichkeit realisiert haben. So etwa die lange schon vorauszusehende Flüchtlingskrise im Zuge vielfach ineinander verzahnter Machtfaktoren und Ausbeutungsverhältnisse. Einst infolge des Kolonialismus, indessen des global herrschenden Turbokapitalismus, um nur ein Beispiel zu nennen, was in seinem strukturell sich abzeichnenden unheilvollen Potenzial uns bekanntermaßen noch lange in Schach halten wird, ohne dass von politischer Seite effizient dagegengehalten würde.  

Doch Wertheimer geht, entgegen den düsteren Erfahrungswerten bisheriger Warnungen in Literaturen, davon aus, dass wir uns dieses hoch zu schätzende Potenzial nutzbar machen, und insofern „Glückliche Cassandras“ auf dem Plan rufen könnten.

Am Ende lautet das so herausfordernde wie zugleich Hoffnung stiftende Fazit: „[N]iemand anderer als wir selbst sind die Akteure unseres >Schicksals<.Leserobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem konkursbuch Verlag Claudia Gehrke

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