© Hartmut Fanger
Zwschen Skurrilität und Politiksatire – Eine Parabel
Sascha Filipenko:
Die Elefanten, Diogenes Verlag, Zürich 2026. Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
Das plötzliche Auftauchen von Elefanten erlebt in der Literatur eine Renaissance. Man erinnere sich nur an die Romane „Elefant“ von Martin Suter oder „Das Geschenk“ – erst kürzlich erschienen – der Niederländerin Gaea Schoeters, bei der ebenso plötzlich eine große Menge von Elefanten mitten in Berlin auftaucht.
Nun hat Sascha Filipenko, der belarussische und in der Schweiz lebende
Schriftsteller und Regimekritiker Vladimir Putins, bekannt vor allem durch seinen Erfolgsroman „Die Jagd“, mit „Die Elefanten“ eine skurrile Parabel vorgelegt. Ein Roman, der die Wirklichkeit mit Hilfe eingeblendeter E-Mails und Kreuzworträtsel spiegelt, dessen Handlung damit zugleich jedoch immer wieder unterbrochen wird, was sich auf den Lesefluss zum Teil etwas störend auswirkt.
Davon abgesehen, wirft Filipenko von Beginn an Fragen auf. Wie zum Beispiel ist es möglich, dass plötzlich an jeder Ecke der Stadt, ja selbst in den Wohnungen, ausgewachsene Elefanten auftauchen. Und was ist mit den Leuten los, dass sie diesen Umstand einfach akzeptieren, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Die Bewohner nehmen die Elefanten jedenfalls hin, befolgen anstandslos das Verbot der Regierung, darüber zu sprechen, obwohl die Tiere eine schwere Belastung darstellen und zusätzlich zu all den sonstigen Alltagspflichten gefüttert und gepflegt werden müssen.
Nur bei der Hauptfigur, dem Comedian Pawel, regt sich Widerstand. Er sagt den angepassten Mitmenschen den Kampf an, will Überzeugungsarbeit leisten, auffordern, sich endlich der Realität zu stellen, und scheitert doch kläglich an der Ignoranz. Darüber hinaus kann er die Leute von der Bühne aus nicht mehr zum Lachen bringen und wird schließlich diskreditiert. Eine tragische Komponente kommt hinzu, als er die Liebe zu seiner Freundin Anna verliert, die sich das Leben anders vorstellt, als sich permanent mit Elefanten zu beschäftigen. In Diskrepanz dazu der lockere, ja stellenweise nahezu heitere Erzählton.
Last but not least wird deutlich, wie ein Staat mit aller Macht in persönliche Beziehungen eindringen kann. „Der Mensch muss dressiert werden. Dafür ist der Staat ja da“ heißt es an einer Stelle. Diese unverhohlene Machtdemonstration wie unter dem Brennglas nahezubringen und den Leser zu erschüttern, ist das Verdienst dieses Romans. Aufgezeigt wird, wie das Offensichtliche auf Anordnung hin nicht wahrgenommen und verdrängt wird. Spannend!
Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!
Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Diogenes Verlag in Zürich
© Hartmut Fanger
Zwischen Erinnerung und Fantasie
Sebastian Barry: Jenseits aller Zeit. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Steidl Verlag, Göttingen 2024.
Sebastian Barrys neustes Werk bietet alles, was einen guten Roman ausmacht. Meisterhaft erzählt und genial komponiert, es ist ebenso geheimnisvoll wie von der ersten Seite an spannend. Schließlich ist Protagonist Tom Kettle pensionierter Kriminalpolizist und weiß von so manchem seiner Fälle zu erzählen. Doch dies ist nur eine der vielfach sich überlagernden Erzählebenen und -schichten, in denen sich sensible Wahrnehmungen der Gegenwart mit teils brisanten, teils außergewöhnlichen Ereignissen aus der Erinnerung kreuzen. Wobei das Changieren zwischen Realität und Fantasie einen besonderen Reiz entfaltet. Nicht selten bleibt im Dunkeln, inwieweit die Ausführungen des Ich-Erzählers wahr oder frei erfunden, die Erinnerungen stimmig sind oder eher Wunschgedanken entsprechen, oder ob sie überdies einem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber Umwelt und Mitmenschen entspringen. Dies alles bleibt gekonnt vage, fordert dementsprechend die Fantasie des Lesers heraus.
Fest steht, dass Tom Kettle in einem Mietshaus allein und verwitwet an der irischen Küste lebt und während eines schweren Unwetters eines Abends von zwei jungen Kollegen unerwartet Besuch erhält. Er wird bei einem alten Fall um Hilfe gebeten, seine Berufserfahrung noch einmal wertgeschätzt. Dementgegen fühlt er sich jedoch nicht in der Lage, den beiden Männern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Er lebt inzwischen altersgemäß und, wie bereits der Titel verrät, ‚aus der Zeit gefallen‘ in seiner eigenen Welt. Eingesponnen in Erinnerungen an seine verstorbene Frau und seine ebenso verstorbenen Kinder, an ehemaligen Kollegen ..., das Ganze in tragikomischer Manier zum Besten gegeben.
Darüber hinaus enthält der Roman eine Fülle an Zeit- und Lokalkolorit, wie etwa „Schnappschüsse und Porträts aus längst vergangenen Zeiten, aus dem fremden Land der sechziger Jahre“ Leseprobe. Oder wenn die Frau des Protagonisten mit der neuerworbenen Jeans in die Wanne steigt, damit sie einläuft und Figur gerecht am Körper sitzt. Wer der älteren Semester unter den Lesern erinnert sich nicht daran. Aber auch Film und Musik spiegeln jene Zeit wider, „Rain drops keep falling on my head“ oder Cat Stevens „Oh baby, baby it’s a wild world“. Ebenso haben wir daran teil, wie die irische Jugend die Kinos stürmt, als ”Viva Las Vegas“ mit Elvis Presley gebracht wird, andererseits vom Vietnam-Protest erfasst wird. Hinzu kommen Momentaufnahmen, etwa wie ihm beim Anblick ‚der schönen Nähte‘ eines Anzugs die Erinnerung an die vielen indessen brach liegenden Bahnstrecken in den Sinn kommt: „Schade, dass dieser idiotische Minister in den sechziger Jahren all die kleinen Nebenstrecken in Irland stillgelegt hatte. Nicht profitabel. Aber schön. Nicht, dass sich irische Regierungen sonderlich um Schönheit scherten. Sie stoppten den Blutstrom von Besuchern in tausend Städten“ Leseprobe
Faszinierend im Übrigen die grandiosen Landschaftsbeschreibungen sowie die plastische Skizzierung des Ambientes, worin sich Gegenwart und Vergangenheit gegenseitig durchdringen:
Zu Beginn hatte ihn das Rauschen des Meeres unterhalb des Panoramafensters gelockt, inzwischen aber gefiel ihm alles an diesem Haus – die neugotische Architektur einschließlich der unnützen Zinnen auf dem Dach, das Heckengeviert im Garten, das als Windschutz und als sonniges Fleckchen diente, die Landestege aus gebrochenen Granitsteinen, die Insel, die sich in naher Ferne versteckt hielt, selbst die zerfallenden Abwasserrohre, die vom Ufer ins Wasser ragten. Die beschaulichen Gezeitentümpel erinnerten ihn an jenes leicht zu faszinierende Kind, das er einst, vor sechzig Jahren, gewesen war, und die fernen Rufe der heute in ihren unsichtbaren Gärten spielenden Kinder bildeten dazu eine Art diffus quälenden Kontrapunkt. Diffuse Qual, das war seine Stärke, dachte er. Der herabstürzende Regen, das herabstürzende Sonnenlicht, die armen heldenhaften Fischer, die sich abgemüht hatten ...“ Leseprobe
Ein Roman von bemerkenswerter literarischer Intensität, den wir nur empfehlen können.
Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! Archiv
Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Steidl Verlag, Göttingen!