Poet's Gallery Beitrag November 2017

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Thorsten Oliver Rehm 

Thorsten Oliver Rehm, Jahrgang 1970, ist selbst passionierter Taucher und Absolvent der „Schule des Schreibens", im Belletristik-Kurs unter der Leitung von Hartmut Fanger.

 

Nach einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung ist er seit vielen Jahren im kaufmännischen Bereich tätig.

 

Seine Leidenschaft für das Schreiben bricht sich nun Bahn. Sein Roman-Debüt: ein Thriller, aber natürlich auch einen Taucherroman!

 

Thorsten Oliver Rehm ist verheiratet und Vater von zwei Kindern

Thorsten Oliver Rehm

Auszug aus seinem Roman „Der Bornholm-Code“, gebunden, mit Schutzumschlag, ca. 500 Seiten, ISBN 978-3-920793-30-6, EUR 26,80 (D), sFr 43,40, EUR 27,80 (A). Ab 27.11.2017 überall im Handel erhältlich.

 

Lars schaltete das Satellitentelefon aus. Gedankenverloren strich er mit der Hand über seine Bartstoppeln und blickte auf die an diesem Tag raue See. Trotz des Seegangs hatten die Forschungstaucher seines Teams heute die übliche Anzahl Tauchgänge unternommen. Die Zeit für das Projekt war knapp bemessen, jeder Tag auf See kostete riesige Summen. Der Etat für diese Expedition war nur widerwillig genehmigt worden. Umso effizienter musste die Mannschaft arbeiten, wenn er eine Chance auf Verlängerung des Projekts haben wollte. Seit den gestrigen Ergebnissen wusste er, dass die angesetzten elf Tage auf See nicht reichen würden.

 

Er schlenderte zum Heck der Baltic Sea Explorer I, dem besten Forschungsschiff des archäologischen Instituts, für das er seit nunmehr dreizehn Jahren tätig war. Das Gespräch mit Frank war ein Flop gewesen. Lars hätte darauf gewettet, dass er seinen früheren Partner aus der Reserve locken würde, doch dessen war er sich nun nicht mehr sicher. Zweifelsohne waren sie hier, vor der Küste der dänischen Ostseeinsel Bornholm, auf sensationelle Funde gestoßen. Diese würden ihn auf die nächste Sprosse seiner Karriereleiter führen. Doch ihm fehlten die entscheidenden Teile im Puzzle. Was sie hier entdeckt hatten, ergab keinen Sinn. Er benötigte Frank, seine Kompetenz, seine Erfahrung, und vor allem seinen Riecher. Franks wissenschaftliche Spürnase hatte sie beide immer zum Erfolg geführt. Fast immer zumindest, denn bei ihrem letzten gemeinsamen Projekt war es anders gelaufen; doch sie würden an dem damaligen Punkt wieder anknüpfen können, da war sich Lars sicher! Ja, er war auf eine heiße Spur gestoßen, auch wenn er noch nicht einschätzen konnte, wohin sie ihn führen würde.

 

„Dr. Berends! Dr. Berends!“, rief ein Mann aus der Tauchereinheit aufgeregt. „Kommen Sie schnell! Das müssen Sie sich ansehen!“

 

An Bord befanden sich Salzwasserbecken. Dort legten sie die aus dem Meer geborgenen Fundstücke ein, um sie möglichst unter Luftabschluss zu halten. Lars sah ein paar Teamleute um eines der Becken stehen und debattieren. 

 

Als er in die große Wanne blickte, weiteten sich seine Augen. Er zog Handschuhe über und nahm eines der Objekte aus dem Becken heraus.„Das kann nicht sein“, die Stimme versagte ihm. Lars räusperte sich. „Aus welchem Wrack habt ihr es?“

Aus Wrack B“, antwortete ein anderer Taucher, der sich gerade aus seinem Trockentauchanzug pellte.

Lars erstarrte.

 

„Das kann nicht sein“, wiederholte er benommen, wohl wissend, dass es tatsächlich so war, denn der Crew unterliefen bei den Aufzeichnungen keine Fehler. Trotz seiner Funktionsjacke bekam er eine Gänsehaut. „Das kann einfach nicht sein.“

 

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Poet's Gallery Beitrag Oktober 2017

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Jutta Weckermann

Dr. Jutta Weckermann

Ärztin und Diplominformatikerin.

Geboren 1959 in Siebenbürgen, heute Rumänien. Seit 1979 in der Bundesrepublik Deutschland

Ich schreibe seit Jahren mit Freude in der „Kreativen Schreibwerkstatt“ im Haus im Park in Bergedorf. Meine Geschichten beruhen immer auf Tatsachen aus dem wirklichen Leben: Erinnerungen aus Kindheit und Jugend in einer anderen Welt, Nachdenkliches und Amüsantes aus meinem Alltag, Naturbeobachtungen aus unserem Garten. Und ab und zu entsteht auch ein kleines, lyrisches Gedicht.

Selbstbestimmt leben - bis an die Grenzen 

 

Kann es passieren, dass eines Tages ein wildfremder Mensch über mich und mein Eigentum bestimmt? Ohne Rücksicht darauf, was ich oder die Menschen aus meinem engsten Lebenskreis möchten? Und das auch noch gesetzlich abgesichert, in Deutschland? Ja, das kann in unserem Land überraschend schnell passieren, wenn ich nicht gewappnet bin für den Fall der Fälle, dass ich nicht mehr rechtsfähig mündig, also nicht mehr geschäftsfähig sein werde.

Für mich hat selbstbestimmtes Leben einen besonderen Stellenwert, da ich in einer kommunistischen Diktatur aufgewachsen bin. Meine Kindheit und Jugend waren durch die Willkür des rumänischen Polizeistaates geprägt. Als Angehörige der deutschsprachigen Minderheit in Siebenbürgen war man besonders im Fokus der Überwachungsorgane. Als meine Familie 1979 die Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik Deutschland bekam, war ich 20 Jahre alt. Hier machte ich alsbald die Erfahrung, dass auch ein Rechtsstaat seine Tücken hat: Die Freiheit, mein Leben selbst zu bestimmen, war so groß, wie ich sie mir in meinen kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können. Aber ich musste meine Rechte auch selbständig und eigenverantwortlich wahrnehmen! Das war eine völlig unerwartete Herausforderung.

Einen Vorgeschmack davon bekam ich in dem „Sonderlehrgang zur Anerkennung der allgemeinen deutschen Hochschulreife“, wo einige Gymnasiallehrer eine freie Meinungsäußerung und die Fähigkeit zum politischen Diskurs voraussetzten. Für mich war das damals etwas „vom anderen Stern“. Seither sind fast 40 Jahre vergangen, in denen mir immer wieder bewusst geworden ist, welche Freiheit ich genießen darf: Nicht nur am Wahltag, wenn mehr als eine Partei und mehr als eine Person zur Wahl steht! Bei meiner Berufswahl wurde ich nicht nach der Parteizugehörigkeit meiner Eltern gefragt, nach dem Abschluss des Studiums nicht an eine staatlich zugewiesene Arbeitsstelle verpflichtet. Wenn man gewohnt ist, keine Wahl zu haben, sind Entscheidungen sehr schwierig. Es war für mich alles andere als einfach, mich um Anmeldung, Bewerbung, Wohnungssuche, Krankenversicherung etc. zu kümmern. Aber ich habe freundliche Menschen kennengelernt, die mir geholfen haben, das Rechtssystem zu verstehen und meinen Lebensweg selbständig zu gehen.

Nach der Heirat wollten mein Mann und ich unseren Lebensweg gemeinsam gestalten. Der Gesetzgeber hat dafür viele Möglichkeiten geschaffen, auch über den Tod hinaus. Als ich erfuhr, dass bei kinderlosen Ehepaaren auch die Eltern des Verstorbenen erbberechtigt sind, machten wir unser Testament und setzten uns gegenseitig als Alleinerbe ein. Der zurückbleibende Partner sollte sich nicht in einer Erbengemeinschaft mit den Schwiegereltern, oder nach deren Tod mit den Geschwistern des Verstorbenen oder deren Kinder, wiederfinden.

Für den Todesfall gibt es seit der Antike Gesetze, jeweils der gesellschaftlichen Entwicklung angepasst. Zurzeit verfolge ich aufmerksam die Rechtsprechung zum digitalen Nachlass und die dadurch entfachte öffentliche Diskussion.

Am Übergang zwischen Leben und Tod hat sich durch die moderne Medizin ein neuer Raum aufgetan: Ein vormals gesunder Mensch wird geschäftsunfähig und überlebt in diesem Zustand längere Zeit, vielleicht Jahrzehnte. Nicht nur Michael Schumacher liegt seit Jahren im Koma. Ein fataler Sturz auf der Treppe, und auch mich könnte dieses Schicksal schon heute ereilen. Und fast jeder kennt zumindest eine Familie, die sich um einen demenzkranken Menschen sorgt. Der Gesetzgeber hat diesem Umstand Rechnung getragen und mit der Regelung von Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht und Vorsorgevollmacht die Grundlage dafür geschaffen, dass auch in diesen Fällen der persönliche Wille des Betroffenen beachtet werden muss! Einzige Voraussetzung: Dieser Wille wurde vor dem Verlust der Geschäftsfähigkeit in der vorgeschriebenen Form geäußert und schriftlich fixiert. Mein Mann und ich haben dies getan. Dafür brauchten wir keinen Notar und gekostet hat es (fast) nur unsere Zeit. (5€ Eintritt für einen Vortrag.)

So konnten wir erleichtert aufatmen, als beim Magazin „Frontal 21“ am 16. Mai 2017 im ZDF (Siehe: Quellenangabe) berichtet wurde, dass die Miteigentümerschaft der Tochter die Versteigerung der elterlichen Wohnung nicht verhindern kann, wenn der gesetzliche Betreuer des Vaters diese beantragt. Ihr Anteil wird einfach mitversteigert. Hätte der Vater rechtzeitig seinen Willen für den Fall der Geschäftsunfähigkeit geregelt, wäre die von ihm bevollmächtige Person als Betreuer eingesetzt worden. Da er dies nicht getan hat, schützt nun das Gesetz sein Vermögen vor dem Zugriff anderer, auch der eigenen Familie! Das Amtsgericht hat die Tochter nicht als Betreuerin zugelassen, mit der Begründung: „Materieller Interessenkonflikt“. Der gerichtlich bestellte Betreuer, selber Anwalt, kann die Wohnung mit der Begründung verkaufen, dies sei für den Unterhalt des Betreuten notwendig. Die Tochter erhält keine Akteneinsicht in die finanziellen Verhältnisse ihres Vaters. Ob der alte Mann das so gewollt hat? Warum hat er niemanden beizeiten als gesetzlich Bevollmächtigten bestimmt? Zum Abschluss der Sendung sagte die Moderatorin: „All dem können Sie zuvorkommen, indem Sie rechtzeitig vorsorgen und festlegen, wer, was, wie entscheiden soll, für den Fall, dass Sie es nicht mehr können.“ 

Ich musste tief durchatmen. Mein erster Gedanke war: Könnte ohne dieses Papier ein Fremder gegen den Willen meines Mannes darüber entscheiden, ob unser Haus verkauft wird, obwohl wir beide als Eigentümer im Grundbuch eingetragen sind? Wie gut, dass ich mir deswegen keine Sorgen machen brauche. Mein Mann kann vor dem Gesetz für mich entscheiden und kein Gericht darf daran rütteln. Er hat meine unterschriebene Vollmacht.

Ich wundere mich immer wieder, wie sorglos die Menschen um mich herum mit diesem Thema umgehen. Was nützt eine Lebensversicherung zur Absicherung der Familie, wenn man noch am Leben ist? Was nützt ein Testament, wenn man nicht tot ist? Was nützt eine gemeinsame Immobilie, wenn ein Fremder per gerichtlichem Beschluss das Sagen hat? Letzteres lässt sich ganz einfach verhindern. Man muss nur beizeiten eine vertraute Person darum bitten, die Verantwortung für eine Vollmacht zu übernehmen und dies gemeinsam schriftlich fixieren. Dazu braucht man keinen Notar, es genügt die Unterschrift. Beratung gibt es bei den Verbraucherzentralen, Betreuungsvereinen und den Beratungsstellen der für die gesetzliche Betreuung zuständigen Ämter der jeweiligen Stadt. Allgemeine Informationen stellt das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz auf einer eigens dafür eingerichteten Informationsseite zur Verfügung. Das Angebot ist da. Warum wird es so selten genutzt?

 

Quellenangabe

https://www.zdf.de/politik/frontal-21/frontal-21-vom-16-mai-2017-100.html

Sendung Frontal 21 vom 16. Mai 2017

Thema: Entrechtet und entmündigt - Wie Berufsbetreuer abkassieren

9 Minuten Video verfügbar bis 17.05.2018, 03:35

Manuskript zum Beitrag als PDF auf dieser Seite zum Herunterladen

 

Weiterführende Information zum Thema

Informationsseite des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz

http://www.bmjv.de/DE/Themen/VorsorgeUndPatientenrechte/VorsorgeUndPatientenrechte_node.html

 

Angebote in Hamburg (Stand September 2017)

·       Veranstaltungen der Verbraucherzentrale Hamburg

http://www.vzhh.de/gesundheit/3462/seminare.aspx

·        Betreuungsstelle HamburgBeratungsstelle für rechtliche Betreuung

      und Vorsorgevollmacht

      Winterhuder Weg 31
22085 Hamburg
Telefon: 040 - 428 63 6070

http://www.hamburg.de/beratungsstelle-rechtliche-betreuung/

·       Formulardownload auf der offiziellen Homepage von Hamburg

 

 Gästebuch 

                                                                                                                   Archiv                                                                                                

Auch das ist Amerika

 

Ort und Zeit:

Naples im Süden Floridas an einem sonnigen Vormittag im letzten Frühjahr.

 

Ich komme vom Einkaufen, fahre eine Nebenstraße und werde gleich in die belebte Hauptstraße einbiegen, die mich nach Hause führt. Auf der rechten Seite schwenkt ein etwa fünfjähriger Junge lebhaft eine weiße Fahne und erreicht damit meine Aufmerksamkeit. Er steht an einer breiten Einfahrt, an deren anderer Seite ich jetzt das Schild: „Carwash 1 $“ wahrnehme. Aus dem Augenwinkel sehe ich Kinder und Erwachsene, die – so scheint mir – das geplante Wagenwaschen vorbereiten; Schläuche, Eimer, Bürsten und Tücher kann ich noch entdecken, dann bin ich auch schon an der Kreuzung und muss auf den Verkehr achten.

 

Die kleine Szene löst jedoch eine lebhafte Erinnerung in mir aus:

Zeit und Ort:

Vor vielen Jahren auf einem Schulgelände in Hamburg-Barmbek.

 

Für unsere geplante Klassenreise brauchten wir noch Geld. Welch’ eine wunderbare Idee meiner Schüler, dieses Geld durch Autowaschen zu verdienen! Und der Platz vor dem Schulhof eignete sich hervorragend! Auch wir hatten Schilder gemalt – damals – hatten Schläuche, Eimer, Bürsten und anderes organisiert. Unseren Traum vom großen Geld machte der Hausmeister mit dem schlichten Satz: „Das ist verboten!“ zunichte, und trotz aller Eingaben und Interventionen bei Behörden und Ämtern blieb unser Vorhaben ‚verboten’. 

 

„Hier in den Staaten entsteht anscheinend durch einige Autowäschen von Schülern keine ‚Grundwasserverseuchung’“, ein wenig Bitternis spielt immer noch in meine Gedanken hinein. Dann weiß ich, was ich im Hier und Jetzt zu tun habe. Bei der nächsten Gelegenheit kehre ich entschlossen um.

In rhythmischem Schwung winkt die weiße Fahne, begleitet mich ein Stück die Auffahrt hoch. Ich halte hinter einem blauen Ford. Anscheinend bin ich erst der zweite Kunde heute Morgen.

Als ich aus meinem Auto steige, klappt bereits ein fröhlicher junger Mann die Scheibenwischer meines Autos nach vorne und sprüht die Windschutzscheibe mit einer Seifenlösung ein. Fast gleichzeitig hockt sich ein Mädchen mit Eimer und Bürste zu den Felgen hinunter. Sie lächelt mich an, ich lächle zurück. Als ich mich umblicke, sind weitere zwei Schüler und zwei Lehrer hingebungsvoll damit beschäftigt, mein Fahrzeug einzuseifen.

Um nicht zu stören, trete ich einige Schritte zurück und betrachte das Szenario. Der blaue Ford vor mir wird jetzt trocken geledert, das Dach glänzt bereits in der Sonne.

Von hinten steigt mir der Duft von gebratenem Fleisch in die Nase, und als ich mich umblicke, entdecke ich den Grill, an dem eine Frau hantiert. „Do you want a ‚Burger’”? Als ich dankend verneine, setzt sie nach: “Can I give you anything to drink? Coke or coffe?” Sie fragt so freundlich, dass es mir beinahe unangenehm ist, wiederum abzulehnen. Meine Aufmerksamkeit wird jetzt jedoch auf die Fahrerin des blauen Ford gelenkt. Sie diskutiert heftig mit einem Lehrer. Von der Unterhaltung bekomme ich nur so viel mit, dass sie ihm wohl eine unangemessen hohe Spende geben will.

 

„Fünf Dollar statt einem sind sicher O.K.“, entscheide ich für mich, „und einen Dollar extra für den kleinen Winker.“

Zehn Hände haben mein Auto inzwischen poliert, es erstrahlt in neuem Glanz. Es strahlen auch die Gesichter der fleißigen Schüler nach meinem begeisterten: „Wonderful, nearly new!“

Sie äußern sich jedoch nicht, als ich mich bedanke, und auf meine Frage, wer denn ihr Kassenwart sei, zeigen sie schweigend zu dem netten Lehrer.

Er kommt mir lächelnd entgegen, doch als ich meine Hand zum Bezahlen ausstrecke, reagiert er so überraschend, dass ich fassungslos vor ihm stehe. „No“, freundlich aber nachdrücklich schüttelt er den Kopf und weist das Geld zurück. „So ist das nicht gemeint.“ Völlig unerwartet gibt er mir einen Dollarschein. „Wir geben Ihnen einen Dollar dafür, dass wir Ihr Auto waschen durften.“ Ich bin total verwirrt und weiß absolut nichts zu sagen.

Der Mann steht immer noch lächelnd vor mir und weist auf das kleine Kärtchen, das an der Dollarnote hängt:

„For you, just because ...

Wir hoffen, dass diese kleine Demonstration christlicher Nächstenliebe deinen Tag erhellt und daran erinnert, dass Gott dich liebt und beschützt. Bitte sag’ uns, wenn wir irgendetwas für dich tun können.“

 

Die wenigen Worte verstärken meine Hilflosigkeit. Ich kann nur ein „Thank you“ stammeln, und verlasse den Platz nachdenklich und tief beeindruckt.                                      

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Poet's Gallery Beitrag August 2017

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Susanne Bertels

Susanne Bertels ist 1958 in Hamburg geboren.

Sie arbeitet hauptberuflich als Pastoralpsychologin; zu einer Hälfte in einer kirchlichen Beratungsstelle und zur anderen als Ausbilderin für Seelsorge 

In ihrer Freizeit schreibt sie seit ein paar Jahren und holt sich mit viel Freude gern Anregungen in Gruppen für Kreatives Schreiben, wie in der offenen Schreibgruppe von Erna R. und Hartmut Fanger.

 

Heimliche Liebe

Zuerst bist du nur da als Ahnung, unbestimmte Sehnsucht. Dann kommt das Verlangen. Ich suche die Begegnung mit dir; weiß dich zu finden in den unterschiedlichsten  Zusammenhängen   im Supermarkt, am Bahnhof, an der Tankstelle.

Fast immer gelingt es mir, dich aufzuspüren. Das Gewand, in dem du daher kommst, ist verheißungsvoll und erhöht die Vorfreude. Deine Figur passt sich den unterschiedlichen Situationen an, wird  vor allem durch die Jahreszeiten geprägt: mal sinnlich rund, mal flach und kompakt.

Ich freu mich darauf, dich in die Hand zu nehmen, auf den Augenblick, da du ganz mir gehörst. Sorgfältig wähle ich dich unter den vielen Möglichkeiten aus.

Und dann ist der Zeitpunkt da.

Mal sofort und voller Ungeduld, mal zelebriert in einem besonderen Ambiente. Unsere Begegnung ist mitunter stürmisch, voller Verlangen, und dann wieder genussvoll, langsam und bedächtig. Liegst du erst enthüllt vor mir, entfaltet sich dein Duft und ich bin ganz hingerissen von deiner Farbe. Meist in schönem, satten Braun, mitunter jedoch auch weiß und manchmal, ja manchmal treffen die Farben aufeinander.

Wenn meine Zunge sich dir nähert, kommt es zum Höhepunkt. In dem Maße, in dem du dahin schmilzt, versinke ich im Glück. Gern würde ich diesen Moment verlängern und ewig wie auf einer Wolke schweben. Aber dann ist es plötzlich vorbei.

Beseelt bleibe ich zurück. Ich ahne schon, dass mein Glücksgefühl nicht ewig anhalten wird.

In der Ferne winkst du mir schon zu und ich werde ihn wieder suchen, den Zeitpunkt dieser Begegnung mit dir, oh du meine - Schokolade!

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Poet's Gallery Beitrag Juli 2017

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Christa Hilscher

 

Christa Hilscher

Geboren: 1951 in Niedersachen. Gearbeitet: bis 2008 als Hamburger „Rechnungswesen“.

Lebe: in Mecklenburg Vorpommern.

Genieße: mein Leben schreibend und lesend     

Foto: Herbert Küpper, Parchim

Vogelbar

Alte Krähe.“ Ich kickte den Kiesel vor mir unwillig zur Seite. Sah verstohlen über die Schulter, sah sie aus dem Augenwinkel immer noch vor dem Haus stehen. Kleine Gestalt, gerade, schwarz. Auch ihr Gesicht war mir noch präsent: zerknitterte braune Lederhaut, und die Hände: Krallen mit gelben Nägeln. Schreckliches Weib, zänkische alte Krähe. 

Im Weitergehen den gestrigen Abend vor Augen. Ich hatte mich zu spät um ein Nachtlager gekümmert, stand an der Straße, hielt den Daumen ausgestreckt, hoffte darauf, dass mich jemand ein Stück weiterbrachte, in den nächsten Ort, die nächste Stadt.

Es war eine einsame Straße, wenig Verkehr, und schon darüber nachdenkend, unter welchem Baum ich den Schlafsack ausbreite, hielt ein Wagen. Vollbesetzt mit jungen Männern, bereits in Partylaune. Ein Nest voller Spatzen, dachte ich. Frech, laut, lustig.  

Sie luden mich lachend ein, einzusteigen und mitzufeiern. Wir fuhren, es war inzwischen Nacht. Die Spatzen wurden müde. Stunden schienen vergangen, als endlich weit vor uns  buntleuchtende  Lichterketten am Straßenrand auftauchten.

„Halt“, rief ich in die Stille. „Bitte, ich bleibe hier. Da ist bestimmt noch ein Zimmer.“ Der Wagen hielt. Der Fahrer drehte sich zu mir. „Freund“, sagte er, „das ist keine Bleibe für dich [. Fahr mit uns weiter. Wir lassen dich nur ungern hier zurück.“ „Ach was, ich brauch ein Bett. Danke für die Fahrt.“

Blitzschnell waren die Rücklichter in der Dunkelheit verschwunden. Obwohl das Gasthaus, vor dem ich jetzt stand, hell erleuchtet war, auch die Zufahrt breit, gut ausgeleuchtet, hörte ich keine Musik, keine Stimmen, nichts Lebendiges drang zu mir. Nach den lauten Spatzen und vollkommen durchdrungen von Müdigkeit, schien ich durchlässig  für Geister und Gespenster.  

Matt erklomm ich die drei Stufen zum Eingang. Drückte die Türklinke herunter, lehnte mich gegen die Tür. „Ziehen“, alter Freund murmelte ich, „iss ne Kneipe.“ Ich zog und war überrascht. Nachdem die Tür hinter mir zurück ins Schloss gefallen war, mit einem Geräusch, so endlich, als ließe sie sich nie mehr öffnen, fand ich mich in einem Saal wieder.  An den Wänden ringsherum Tischchen, weiß gedeckt, umgeben von samtgepolsterten Stühlen.

Ich hörte Musik, Tanzmusik, Tango. Ich sah tanzende Paare. Frauen, betörend schön, Sehnsüchte weckend, elegante Herren. Ein Ober in schwarzer Livree watschelte auf mich zu. Pinguin, schoss es mir durch den Sinn. Ich nahm das Glas, das er mir mit einer Verbeugung offerierte. Ich trank, schüttelte mich ein wenig, fühlte mich fremd, gleichzeitig leicht und euphorisch

Zwei schlanke Grazien bewegten sich geheimnisvoll lächelnd auf mich zu. Ruckten mit ihren Köpfen, beäugten mich interessiert. Ihre Kleider schillerten im Schein des Kerzenlichts, das den Raum erhellte. Weiße Perlenbänder schmückten die schlanken Hälse. Trippelnd erreichten sie mich, umkreisten mich gurrend, um sich endlich, jede auf einer Seite bei mir einzuhaken und mich zur Treppe zu führen. Willenlos, Schritt für Schritt, schwebte ich die breiten Stufen empor. Die Schönheiten schmiegten sich an mich. Ihr Duft betörte mich. Sie bedeckten meinen Hals mit kleinen zarten Küssen. Ich war verwirrt von der Sinnlichkeit, die sie ausströmten, erfüllt von Lust und Erwartung

Es war ein großes Bett. Zerwühlte Laken, zerbrochene Gläser, seidene Tücher.

Der andere Morgen. Ich wollte mich erheben. Doch der Schmerz in meinem Kopf, hielt mich fest im Kissen. Ich schlief erneut ein. Träumte von Tauben, gurrenden Täubchen. Immer auf der Suche nach Futter, nach Abenteuer und Kurzweil, um ihren Hunger, ihre Neugier zu befriedigen.

Erneut erwacht, stieg ich aus dem Bett. Ich sah mich suchend um. Fand meine Wäsche verstreut. Hastig zog ich mich an. Öffnete leise die Tür. Auf dem Flur mein Rucksack. Nichts wie weg. Eine Stiege führte ins Erdgeschoss. Wo war die breite Treppe? Unten befand ich mich in einem schäbigen Flur. Die Rezeption war nicht besetzt. Sollte ich klingeln? Alles staubig, marode, verlassen, seit Jahren unbewohnt.

Vorsichtig schlich ich zum Ausgang. Drückte die Klinke herunter, die Tür knarrte laut und die Klinke schlug mit schrillem Getöse auf die Fliesen. Und da tauchte sie auf. Mit ihrem grauen Schultertuch, dem uralten Gesicht, den kralligen Händen, schnellte sie aus dem Raum hinter dem Tresen hervor. „Ah, will der Gockel hinausstolzieren“, krächzte sie. „Nein, ich ... “ „Ach was, solche wie dich kenne ich“, wieder die knarrende, laute Stimme. „Erst meine Täubchen verführen, sie locken, ihnen alles versprechen und dann zum nächsten Hof flattern. Aber diesmal entkommst du mir nicht.“

Schon war sie um den Tresen herum, kam auf mich zu gehumpelt, hackte mit ihrem scharfen, harten Schnabel nach mir. Ich entfloh. Stolperte die Stufen hinunter und rannte so schnell ich konnte auf und davon.

Poet's Gallery Beitrag Juni 2017

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Gertrud Degens „Seereisen und Kleines Wörter-Requiem für eine Stimme, die fehlt“ von der Schreibwerkstatt Haus im Park, Hamburg Bergedorf

 

  In memoriam Gertrud Degens (1932 - 2017)

Gertrud Degens, Jahrgang 1932,

ich habe in Ost- und Westdeutschland, den USA und jeweils kurz in Spanien und der Türkei gelebt. Ich  lese, schreibe, fiddle gern im Internet und wünsche mir ganz im Sinn von Walter Benjamin durch anregende Gegenden, städtisch wie ländlich, zu flanieren. Die Bergedorfer Schreibgruppe war und ist mir eine große Freude und ein

großer Gewinn.

 

Publikationen in englischer Sprache unter dem Pseudonym

T. Degens u.a.:

(USA): „Transport 7-41-R“ (Roman)

            „On The Third Ward“ (Roman)

            „Freya on the Wall“ (Roman)

 

Seereisen

Zwei Nachrichten aus jüngster Zeit, die mich stark beschäftigten. Zuerst die vom Pazifik:

In der Zeitung las ich, dass an der Küste Oregons ein Wrack gesehen und in den Hafen von Lincoln geschleppt worden sei. Es handele sich um ein halb zerstörtes japanisches Fischer-boot, das vermutlich von dem Tsunami im März 2011 von Tohoku ins Meer gerissen und seitdem die 8000 km in fast 4 Jahren über den Pazifik gedriftet sei. In einem der Fischtanks hätten sich 20 lebende Gelbschwanzmakrelen und ein quicklebendiger Papageienfisch be-funden, zwei Fischarten, die normalerweise nur in den japanischen Küstenwassern vorkom-men. Ein lokales Aquarium würde sich der Fische mit großem Interesse annehmen.

Nun die vom Atlantik:

Die gleiche Zeitung schrieb, dass ein Geisterschiff voller ausgehungerter Ratten an Bord sich offensichtlich auf Kollisionskurs mit der britischen Küste befände. Es sei die MS Orlova – ein ehemals schmuckes sowjetisches Kreuzfahrtschiff für circa 150 Passagiere – , die sich auf der Fahrt zur Verschrottung in Honduras am 31. Januar 2013 von ihrem Schlepper in schwere Dünung vor Halifax befreit hätte. Menschenleer, steuerlos, und ohne funktionieren-des GPS System sei sie im Nebel verschwunden. Ein Jahr lang wäre die MS Orlova hin und wieder gesichtet worden. Signale eines ihrer Rettungsboote könnten sie zuletzt rund 700 Seemeilen von der Irischen Küste entfernt lokalisiert haben. Die Behörden dort träfen Vor-kehrungen, der mörderischen Ratteninvasion vorzubeugen. 

 

Poet's Gallery Beitrag Mai 2017

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Tina Susanna Martin

 Tina Susanna Martin wurde in Frankenthal (Pfalz) geboren. Ihre Grundschulzeit verbrachte sie in Spanien. Nach dem Studium der Medizin absolvierte sie ihre Facharztweiterbildung in Kliniken der Psychiatrie, Neurologie und Psychosomatik. Heute arbeitet sie als ärztliche Psychotherapeutin in eigener Praxis. Die Autorin lebt in der Pfalz. Sie hat eine Tochter. „Mord in der Psychiatrie“ ist ihr Debütroman.

Tina Susanna Martin

Mord in der Psychiatrie  

IATROS Verlag, Sonnefeld-Gestungshausen 2016

 

Plot: Ein kaltblütiger Mord erschüttert die psychiatrische Abteilung des Sankt Josephs-Krankenhauses in Mannheim. Die Polizei stößt bei ihren Ermittlungen auf ein Geflecht von Lügen, Intrigen und Machtmissbrauch. Bald gibt es jede Menge Verdächtige, aber keine heiße Spur. Die Ärztin Clara Christmann, seit Kindheit mit dem Opfer befreundet, stellt eigene Nachforschungen an und übersieht die Gefahr, in die sie sich begibt. Bis es beinahe zu spät ist

Vier Textauszüge:

Prolog

Der Mann baute sich vor ihr auf. Er stank aus dem Mund. Seine ungesund glänzenden Augen starrten sie an. „Und du willst mich einsperren, was? Mit dirr red ich gar nicht! ... Ich mach dich fertig!“

Die beiden Polizisten, die ihn flankierten, nahmen es gelassen. Mirjam hatte den Eindruck, dass sie sich köstlich amüsierten. Jetzt verstärkten sie ihren Griff, grüßten kurz und zerrten den widerstrebenden Mann hinaus. Seine Schreie hallten durch die Flure der Ambulanz.

Mirjam schloss die Augen vor dem gnadenlosen Neonlicht und barg das Gesicht in den Händen. Der Typ hatte ihr gerade noch gefehlt. Als wäre der Abend nicht schon schlimm genug gewesen. Sie spürte die Wut in sich hochsteigen.

Tief durchatmen. Keine Schwäche zeigen

Obwohl sie das Gefühl hatte, vor Erschöpfung auf der Stelle umfallen zu müssen, straffte sie die Schultern und ging mit festem Schritt in das Ambulanzzimmer.

„Gibt es noch etwas für mich?“

Die diensthabende Krankenschwester brüllte nach hinten:

„Is noch was für die Psych?“

„Nein!“ kam es zurück.

„Okay. Dann bis später.“

„Bis später, Frau Doktor.“

Mirjam wusste, dass diese Anrede keine Achtung ausdrückte. Sie hatte ihren Ruf weg. Sie war  zu unsicher, zu weich für diesen Job.

Trotzdem. Heute hatte sie Stärke gezeigt.

Nicht nachdenken. Sie brauchte ihre Kraft, um den Nachtdienst durchzustehen.

Ihr Blick fiel auf die große Wanduhr. Kurz vor eins.

Sie beschloss, sich eine Weile hinzulegen, bis sie wieder angepiepst würde. 

Die leeren unterirdischen Gänge schienen endlos. Mirjam beschleunigte ihren Schritt, wie immer, wenn sie hier entlangging.

Das Bereitschaftszimmer der Psychiatrie lag weit ab in einem Trakt, in dem sonst nur Wäsche- und Vorratsräume untergebracht waren.

jam öffnete im Halbdunkel die Tür.

Sie wurde bereits erwartet.

 

Bruno Liebig

Der Wagen war einer dieser angesagten Pseudo-Geländewagen, ein SUV, wenn sich Bruno Liebig nicht irrte, ein Jeep zum Brötchenholen um die Ecke, lackiert in  Kackbraun-Metallic.

Liebig störten weder der Wagen noch seine Farbe. Was ihn störte war die Tatsche, dass der Wagen dort stand, wo er nicht hätte stehen dürfen.

Bruno war wütend. Und wenn er wütend war, dann hatte das Konsequenzen.

Betont langsam ging er zurück in seine Wohnung, holte die Kamera und fotografierte den Wagen von allen Seiten. Dann rief er bei der  Polizei an. Die Polizei war schließlich da, um für Recht und Ordnung zu sorgen.

Obwohl Bruno Liebig das Vertrauen in die Polizei schon lange verloren hatte.

Er betrachtete die Fotos. Plötzlich kam ihm die Erkenntnis. Das war doch der Wagen von dem Nachbarn aus dem Eckhaus, der damals behauptet hatte, er, Bruno, würde seine Frau schlagen.

Ha, dem würde er es zeigen.

Sicher, manchmal war es hoch hergegangen zwischen ihnen. Aber Ulrike war nun einmal psychisch krank. Schwer psychisch krank. Er, Bruno, konnte das nicht nachvollziehen. Er war immer ruhig und vernünftig, er hatte nie Probleme gehabt.

Was hätte er tun sollen? Mit einer psychisch Kranken konnte man nicht normal reden. Gute Worte halfen da nicht. Er hatte es ja versucht. Aber sie war so stur, sie wollte nie einsehen, dass er recht hatte.

Sein Blick wanderte zu der Nische, wo er Bilder von ihr aufgebaut und mit Blumen geschmückt hatte.

Ach, Ulrike, warum konntest du kein braves Mädchen sein?

 

Mirjams altes Leben

Mirjam Wolf erwachte von dem verhassten Alarmton des Weckers. Sie hatte das Gefühl, ihr Kopf fliege weg. Panisch warf sie sich auf die andere Seite und schlug um sich, in der Hoffnung, den Wecker zu treffen. Es klirrte. Sie hatte das Wasserglas vom Nachttisch gestoßen. Endlich fand sie den Knopf , und das nervenzerreißende hohe Piepen hörte auf.

Sie knipste die Nachttischlampe an und sah sich um. Die andere Hälfte des breiten Bettes war leer. Der Typ musste irgendwann in der Nacht gegangen sein. Sie versuchte, sich an seinen Namen zu erinnern. Egal. Hauptsache, er war weg.

Mirjam stöhnte. Nein, sie würde heute nicht aufstehen. Sie würde nicht dorthin gehen. In diese grauenvolle Klinik.

Heute war Chefvisite. Diese Aussicht hatte sie veranlasst, gestern ihre abendliche Lexotanildosis zu verdoppeln. Die Weißweindosis übrigens auch. Danach hatte sie noch ein  Wasserglas voll Rum getrunken, zusammen mit dem Typen.

Anständige Menschen tranken Rum nur im Winter, zum Tee. Wie ihre Mutter. Oder im Urlaub, in der Karibik.

Bei ihr war immer Karibik- Zeit. Let’s dance and have fun. Lasst die Hüften kreisen. Immer Rum-Zeit. 

em Typen hatte das gefallen. Er fand sie verrucht.

Männer mochten verruchte Frauen. Sie blieben nur nicht bei ihnen.

Mirjam ging ins Bad und übergab sich. Sie trank aus dem Hahn und betrachtete ihr Spiegelbild. Beinahe makellos. Allenfalls der Teint hätte rosiger sein dürfen. Die Augen blickten unschuldig müde, wie bei einem Kind, das man  zu früh aus seinen Träumen gerissen hat. Beeil dich, du musst in die Schule.

Von den inneren Verwüstungen war nichts zu sehen.

Noch nicht, dachte sie. Wie lange noch? Zwei Jahre? Fünf? Zehn?

Nein, keine zehn. Sie lächelte sich zu. Blonde Locken fielen weich in das blasse Mädchengesicht. Bezaubernd.

Mein Gott. Hilf mir.

Am liebsten hätte sie sich wieder übergeben, aber es kam nichts mehr. Ihr Magen krampfte. Sie aß zu wenig.

Sie ging in die Küche und setzte heißes Wasser auf. Die Schachtel mit den Lexotaniltabletten lag auf der Arbeitsfläche. Mirjam griff danach und überlegte. Dann holte sie die Trittleiter aus der Ecke, ging damit in die schmale Vorratskammer, stieg auf die Leiter und legte die Schachtel in das oberste Regal, hinter Tüten mit Wollresten und Kisten mit alten Nägeln und Werkzeug.

Unsichtbar. Schwer zu erreichen.

Zufrieden kehrte sie in die Küche zurück und goss den Tee auf. Mit der dampfenden Tasse in der Hand begab sie sich ins Bad, duschte und machte sich fertig.

Sie würde hingehen. Auch heute wieder.

 

Der Überfall

Er betrachtete die Klingelknöpfe. Dritter Stock.

Er ging ein Stück zur Seite und beobachtete den Eingang. Als eine alte Dame das Haus verließ, machte er rasch einen Schritt nach vorne, rief „Danke!“ und ließ sich von der verblüfften Mieterin die Tür aufhalten.

Er ging die Treppe hinauf und suchte die richtige Wohnung. Plötzlich erklang wildes Hundegebell. Der Mann wartete. Keine Reaktion. Niemand versuchte, den Hund zu beruhigen.

Nach einer Weile wurde es wieder still. Er wartete geduldig weiter. Als er die Haustür hörte, ging er lautlos eine halbe Treppe höher und verbarg sich im Schatten.

Clara stieg langsam die Stufen hoch. Sie hatte einen anstrengenden Vormittag hinter sich. Die Szene mit Bruno Liebig vom Vortag beschäftigte sie immer noch. Und sie dachte wieder einmal über Silke Hansen nach, mit der sie heute eine Sitzung gehabt hatte. Sie wurde nicht klug aus der jungen Frau. Sicher, Clara war vertraut mit den Unberechenbarkeiten, den Schwankungen im Verlauf der Behandlung schwer gestörter Patienten. Bei Silke Hansen hatte sie jedoch ein ungutes Gefühl, das sie nicht deuten konnt.

Vor ihrer Wohnung blieb sie stehen. Sie ließ ihre Schlüssel durch die Hand gleiten und suchte den richtigen. In dem Augenblick, als sie die Wohnungstür öffnete, warf sich jemand von oben auf sie. In der einen Hand hielt er ein Messer, mit der anderen hielt er ihr den Mund zu. Sie spürte seinen heißen Atem an ihrem Gesicht. „Los, rein!“ flüsterte er dicht an ihrem Ohr. „Als erstes sperrst du den Hund weg, sonst stech ich ihn ab.“

Wortlos drückte Clara die Tür auf und ließ sich in die Wohnung schieben. Jetzt wusste sie, wer der Mann in ihrem Rücken war. „Ruhig, Elli, alles gut.“ Sie streichelte die Hündin, die aufgeregt an ihr hochsprang. „So, und jetzt gehst du schön da rein.“ Sie zeigte auf die Tür zur Küche. „Komm schon.“

Elli winselte und knurrte abwechselnd. Sie hatte sich so auf Clara gefreut, und jetzt sollte sie eingesperrt werden? Und wer war dieser Mann? Elli mochte seinen Geruch nicht. Hier war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Die kleine Hündin beschloss, zum Angriff überzugehen. Laut kläffend stürzte sie sich auf das Bein des Mannes.

Er reagierte schnell. Als Elli die Gefahr erkannte, war es zu spät. Sie sprang zur Seite, aber das Messer traf sie an der rechten Schulter. Die Hündin stieß ein nervenzerreißendes Jaulen aus.

Clara fuhr herum. Sie starrte wie gelähmt auf das blutende Bündel am Boden. Der Mann brüllte: „Halt’s Maul, du widerliche Töle!“ und stieß mit dem Fuß nach Elli. Das Jaulen wurde zu einem schrillen Schrei. Clara vergaß ihre Angst und stürzte sich auf ihn. Er war so überrascht, dass er stolperte und beim Versuch, sich zu halten, das Messer verlor. Clara versuchte, das Messer zu erreichen. „Du Schwein, du hast sie umgebracht“, schrie sie völlig außer sich. Er packte ihren Arm und versetzte ihr eine brutale Ohrfeige. „Mach, was ich sage, dann passiert dir nichts.“ Wie betäubt saß Clara am Boden, während er sich sein Messer zurückholte. Ihr Blick fiel auf Elli, die jetzt nur noch leise winselte. Sie schien schwächer zu werden.

 

Poet's Gallery Beitrag April 2017

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Martina Maria Frank

Geboren 1955 in Lauchheim auf der schwäbischen Alb. Lehramtstudium und  Schuldienst. 1980 Umzug nach Hamburg. Tischlerlehre und anschließendes Kunststudium an der Fachhochschule für Gestaltung, Armgardstraße und der HfbK. Seit 1995 freischaffende Malerin. Der Text "Der Baggersee“ entstand im Rahmen der Offenen Schreibgruppe www.schreibfertig.com Hamburg.

 

Textveröffentlichungen zu folgenden Ausstellungen:

„Der Zeppelin flog am 3. März 1931 über Lauchheim“

„Schwarze Zahlen sind grün genug“

„Einzelteile reduziert“

„Ein Mädchen, das gerne ausreitet- mit ungewissem Ausgang“

„Der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich“

 

Martina Maria Frank

Der Baggersee

Wenn Anfang Juli das Thermometer an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen über 25 Grad anzeigte und wir  schon morgens bis in die Nacht hinein in kurzer Hose und Hemd draußen sein konnten, saßen wir in unausgesprochener Erwartung bei unseren Wochenend-Treffen an der Bushaltestelle am Ende der Dorfstraße und warteten, bis endlich jemand das eine Wort aussprach.

 

Diesmal war es Erich: „wollen wir morgen an den Baggersee?“

 

Das war der Startschuss zum weltraumgroßen Überfluss; Befreiung unseres jugendlichen Eingebundenseins in pflichtbeladene Gehäuse wie Elternhaus, Schule und  Kirche. Und er, der Baggersee, war nicht in Reichweite irgendeines Blickfeldes, das nicht unseres war.

 

Dann rauchten wir mehr Zigaretten als sonst und tranken einige Flaschen des guten Trollingers, die ich immer aus dem Weinkeller meines Vaters auf unbestimmte Zeit ausgeliehen hatte.

 

B a g g e r s e e - Baggersee war gottgegebene Freiheit ohne Einschränkung. Baggersee war Verliebtsein, Lagerfeuer, Singen bei Gitarrenklang, sich in eine Zukunft träumen, ein Berauschtsein mit allen jugendlichen Sinnen bis in die Nervenspitzen hinein; er war das

 

Hereinholen dessen, was uns das Schicksal an den Rand unseres Lebens gelegt hatte. Und Baggersee, in diesem einen Wort lag das Erlebnis-Drehbuch für einen ganzen Sommer.

 

Wir wurden größer, wir wurden stark und wir wurden wir selbst.

 

Und dann sah ich, an der Peripherie unserer Gruppe stehend, die drei „ Dorf-Looser“: Otto, Wilfried und Rosemarie, die sich auf ihre nackten Schenkel klopften und so taten, als gehörten sie zu uns. „Wie kriegen wir die jetzt los?“, fragte mich Hannes, verdrehte dreimal seine Augen im Kreis, bis sie starr am Himmel hängenblieben und nur das Weiße darin nach draußen schien. Ich musste lachen und hatte gleichzeitig Angst, dass diese Stimmungsschmarotzer unseren Sommer vermiesen und damit auch meinen Liebesfortschritt mit Hannes aufhalten könnten.

 

Hannes, der Montags bis Freitags, wenn er unser Haus mit seinem Motorrad passierte, dabei dreimal laut hupte, und sich meine Mutter bei jedem Hupen einige Zentimeter vom Boden abhob, meine Baggersee-Sehnsucht hervortrieb, wie eine Blumenzwiebel das Wachsen zu den ersten Sonnenstrahlen hin.

 

„Was willst du denn mit einem Schmied?“, holte mich fragend meine vom Hupen hysterisch gewordene Mutter auf den schwäbischen Betonboden zurück... „willst du fünf Kinder kriegen, in einem alten Schuppen wie sein versoffener Vater hausen und abends kommt dein Hannes dreckig und ölverschmiert nach Hause, verlangt sein Bier und sonst noch ….was?“

 

Ja, das konnte sie bravourös, sie konnte jeden Sonnenstrahl, der sich in unserem Nordhaus verirrte, hinausjagen und jede scheue Freude, jede zaghafte Übermuts-Stimmung wurde mit einem Schlag in

lustverni­chtende, protestantische Lebensverneinung umgewandelt.

 

Am nächsten Vormittag, es war der Baggersee Samstag, war Herr Benz, der Vater von Hannes, bei uns und dabei, kniend ein Loch an der hinteren Hauswand zuzumauern.

Wie jedem Handwerker, brachte ich ihm sein Bier. Gewiss, er roch ein wenig nach Alkohol und Schweiß, sein Haar hing wie zusammengeschmolzen herunter, das zerfurchte Gesicht machte ihn älter, als er war, und bevor er zur Flasche griff, wischte er sich mit dem Handrücken den Rotz unter der Nase weg. Dann schaute er erstaunt zu mir hoch, ich bekam plötzlich Angst, dass er meinen Schwiegertochter in spe-Blick erkennen könnte und lief schnell weg.

 

„Kommst du jetzt endlich?“ Renate und Monika warteten auf ihren Rädern in unserer Toreinfahrt. „Ich komme heute nicht mit“, würgte ich hervor, „ich muss heute in der Gastwirtschaft helfen, es ist viel zu tun.“

 

     Und viel zu tun war wirklich!“

 

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Poet's Gallery Beitrag März 2017

www.schreibfertig.com

 

 

Werner Prueher

 

Werner Prüher, geboren 1971 in Rohrbach in Oberösterreich, lebt dort mit seiner Familie und unterrichtet an der Berufsschule. War Organisationsprogrammierer, Bankkaufmann und Projektmanager für Online-Games, hat einen Master in Bildungs- und Medienwissenschaften. In den 90ern Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „Grenzen der Phantasie“, einige Veröffentlichungen in „Findlinge - Literaturkreis Oberes Mühlviertel“ und Lesungen von Mundart-Gedichten. Schulbuchautor und Blogger unter „LernenHeute.blog“.

 Werner Prueher

Rückfallmaßnahme

 

Der Arbeitsvermittlungs-App folgend, lotste mich das Handy diesmal zur „Angelo & Sele GmbH“. Ich drückte die Klingel.

„Ja?“, quäkte die Sprechanlage.

„Ich komme wegen des Jobs.“

„Moment, bin gleich da.“

Kaum hatte ich das Handy in die Jackentasche gesteckt, öffnete auch schon ein Hipster der Marke „Men’s Health Coverfoto“ die Tür: „Hallo, ich bin Angelo. Schön, dich zu sehen. Hier lang, bitte.“

Ein Teppichboden dämpfte unsere Schritte. Überhaupt war es im Bürogebäude merkwürdig still, niemand lief uns über den Weg.

 „Wir sind ein kleines, feines Start-up Unternehmen und beschäftigen uns mit der Resozialisierung von Kriminellen, ihrer Wiedereingliederung in die Arbeitswelt, Maßnahmen bei Rückfällen. Aber keine Angst. Deine Aufgabe ist eher langweilig. Bürokram am PC. Statistiken. Kannst du mit Word und Excel umgehen?“

Bevor ich antworten konnte, stoppte er vor einem Kaffee-Automaten: „Mokka oder Cappuccino?“

„Mokka, bitte.“

Er reichte mir das Getränk in einem „Angelo & Sele GmbH“-Pappbecher. Ich betrachtete das Logo: Rote Fledermaus auf schwarzem Grund.

„Wir machen die dunkle Macht wieder flügge. Gesellschaftsfähig, sozusagen“, kommentierte er meinen Blick. Er öffnete die Bürotür neben dem Automaten und ging hinein.

„Das ist unser Büro, Raum 17. Wir sind zu dritt. Das ist Sele.“

In einer dunklen Ecke des Zimmers lugte hinter einem Schreibtisch Seles bleiches Gesicht aus einem Kapuzensweater hervor. Er war einer jener Typen, die auch mit 35 noch den jugendlichen Drogen-Junkie in Krimiserien spielen konnten. Nach einem gemurmelten „Hey“ vertiefte sich Sele wieder in sein Notebook.

Angelo wies auf einen der zwei Schreibtische am  Fenster, die auf eine fade Betonwand blickten. „Ich zeige dir, was zu tun ist. Nimm Platz.“

 Ich hatte Listen von Kleinkriminellen in Ordnern mit Excel-Tabellen abzugleichen, zu korrigieren und zu ergänzen. Anfangs fragte ich oft und viel, aber nach wenigen Stunden wurde der Job, so wie Angelo gesagt hatte, einfach nur öde. Angelo langweilte sich auch. Er lümmelte in seinem Bürostuhl, starrte aus dem Fenster auf die Betonwand, beobachtete zeitweilig Sele, trank Kaffee und begann im Laufe des Vormittags Online-Games zu spielen. Mausklickend fixierte er den Bildschirm, Kopfhörer übergestülpt. Niemand redete, niemand telefonierte. Ein oder zweimal drehte ich mich nach Sele um. Unsere Blicke trafen sich nie, aber ich hätte schwören können, dass er meinen Rücken anstarrte.

 

Am nächsten Tag schaffte ich es, das Gebäude   überpünktlich auch ohne Smartphone zu finden und wollte eben klingeln, als Angelo hinter mir rief: „Hey, warte!“

Er war gerannt, sein Body-Builder Oberkörper atmete schwer.

„Du solltest nie vor neun Uhr kommen, da ist niemand da, der dir aufsperrt“, sagte er, schloss die Eingangstür auf und ging voraus. Dicht hinter mir betrat Sele das Büro.

 „Hey“.

Keine Ahnung, wo der plötzlich herkam. Schweigend setzten wir uns, ich nahm mir einen Ordner aus dem Aktenschrank und machte mich an die Arbeit.

 

Nach der Mittagspause verlangte mein Notebook ein Passwort. „Angelo?“, fragte ich. Er, Kopfhörer aufgesetzt, starrte mausklickend auf seinen Bildschirm und regte sich nicht.

Plötzlich fühlte ich Seles Atem an meinem Ohr. Ich hatte nicht bemerkt, dass er aufgestanden war. Sein Kopf war so dicht neben meinem, dass ich ihn riechen konnte. Vanille und Knoblauch, wenn ich nicht irrte.

„Probleme?“, fragte er. Das erste Wort außer „Hey“ in zwei Tagen. Seine Stimme klang weiblich.

Ich zeigte auf den Bildschirm: „Das Passwort?“

Angelos Blick schwenkte vom Notebook auf Sele und mich. Seine Augen waren schmal.

Sele beugte sich zu mir vor, um an die Tastatur zu  gelangen. Ich wagte nicht, mich zu rühren, bemerkte schwarz lackierte Fingernägel und spürte ihre Brust an meiner Schulter. Also doch, definitiv weiblich.

Angelo nahm die Kopfhörer ab und legte sie langsam auf den Schreibtisch.

„Okay“, sagte Sele, als Excel wieder am Bildschirm erschien. Als sie sich umdrehte, hechtete Angelo über den Schreibtisch und wir beide krachten mitsamt dem Bürostuhl gegen die Wand. Dann kniete Angelo über mir, riss den Mund weit auf und fauchte. Ich konnte nur mehr auf die spitzen Eckzähne starren, die sich gleich in meinen Hals bohren würden.

Abrupt wurde Angelos Kopf mit Wucht von Seles Stiefelabsatz zur Seite gekickt, ein weiterer Tritt warf ihn von mir herunter und ich konnte wieder nach Luft schnappen. Als ich mich umdrehte, kniete Sele auf Angelo und fixierte seine Hände am Rücken mit Kabelbinder.

„Sorry, habe kurz nicht aufgepasst“, meinte sie schnaufend. „Manchmal wird er rückfällig.“

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Poet's Gallery Beitrag Februar 2017

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Ulrike Fulda

Ich heiße Ulrike Fulda. Den Text "Selig sind" schrieb ich im September 2012, nach einem Konzert-und Tanzereignis in der Baustelle der Elbphilharmonie.

 

In diesen Tagen wird sie eröffnet. Und ich freue mich darauf, dort bald ein Sinfoniekonzert zu hören.

 

Meine Interessen waren immer schon neben denen meines Berufes (Biologie- und Chemielehrerin) das Lesen und Schreiben von Texten und das Hören und Selber-Gestalten von Musik. In Online-Schreibkursen sowie Schreibkursen im Museum und in Cafés habe ich in den letzten Jahren wunderbare Anregungen gesammelt.

 

 Vor ein paar Tagen bin ich auf eine Aussage des kürzlich verstorbenen John Berger gestoßen. Ich war auf der Suche, meine Empfindungen beim gelingenden Schreiben und Musizieren (Improvisation und Kammermusik)  auszudrücken. Ich finde, daß dieser herrliche Text über das Zeichnen ebenso für das Schreiben und Musizieren gelten kann.

 

"Wenn Sie sich anschauen, was uns auf natürliche Weise umgibt – nicht nur das  Menschengemachte – sind Sie im Reich des Unendlichen. Deshalb zeichne ich. Und habe immer gezeichnet. Bäume. Landschaften, Körper, Fische. Zeichnend beginnt man,  die unendliche Komplexität zu sehen, sodaß der Prozeß des Zeichnens – ohne daß etwas  ausgesprochen würde – eine Art des Gebetes" ist.   (John Berger)

 

Ulrike Fulda

SELIG SIND

 

Lieber (Freund)! Was ich an diesem Abend erlebte, hinterließ in mir wortlose Glückseligkeit. Später zog es mich an den Schreibtisch. Ich wollte mir bezeugen, was da mit mir geschehen war. Und mit Dir will ich es teilen.

 

In der Abendsonne im späten September 2012 stand ich auf dem Deck einer der Fähren, die am Anleger der Elbphilharmonie-Baustelle halten. Die Fenster des unfertigen Gebäudes spiegelten rot, die gelben riesigen Kräne ruhten. Ein Lastenaufzug brachte Besuchergruppen nach oben in den 8. Stock.

 

Der Bau in dieser Höhe war an einigen Stellen verbarrikadiert und mit Plastikfolie abgedichtet. Den Boden bedeckte eine Schicht frischer Späne. Auf einem Holzkonstrukt standen mehrere Stehtische, darauf Gläser und Wein. Zum Aufführungsraum kam man durch einen hohen, schweren Filzvorhang über duftenden Rindenmulch.

 

Der weite Saal war mit einem Teppich aus echtem Gras ausgelegt. Ein Flügel stand an der rechten Schmalseite, auf einer großen hölzernen Unterlage, davor zwei Klavierbänke nebeneinander; an der Seite des Podestes sah man große Räder aus Metall und hölzerne Deichseln. Unter dem Instrument lagen mehrere verschnürte, sackleinene Stoffe. Zwei große radförmige Leuchter aus glänzendem Metall hingen hoch oben. Waren sie aus Kran-Material gebogen? An dieser Konstruktion waren lange, dicke Seile befestigt.

 

Der Raum lud zum langsamen Ausschreiten ein.  Dabei fiel der angeregte Blick auf eine Bühne mit breiten gestuften Brettern, auf roh verputzte Säulen und auf überall verteilte ungefärbte Jutestoffe in der Größe kleiner Teppiche. Man erkannte im Dämmerlicht wenige Stühle am Rand. Auf einer hohen Verstrebung hockte ein Junge. An einer Längsseite saßen, von Latten und einem Tisch begrenzt, Techniker mit Aufnahmegeräten; Mikrofone hingen an langen Verbindungen von der Decke herab.

 

Das Licht ging kurz aus, einmal, zweimal. Nikolaus Besch und Jochen Sandig standen auf den unteren Stufen der Bühne. Sie begrüßten uns, und Jochen Sandig regte das Publikum an, sich während des Konzertes frei zu bewegen.

 

Nach einer ruhigen und langen Pause, in der Menschen gingen oder blieben und ich die Augen langsam zugehen ließ, erklang die Eingangsmusik auf dem Flügel, und dann: im pianissimo dicht hinter mir und um mich herum und von überall her im Raum – so leise! – das „Selig sind...“. Ich nahm die Hände vor mein Gesicht. So konnte ich bei mir und ganz im Lauschen sein und meine Tränen behüten.

 

Später öffnete ich ab und zu die Augen. Durch eine Schneise von der linken Seite Sängerinnen, von rechts Sänger gingen aufeinander zu und aneinander vorbei und ihre Klänge erreichten mich wie eine Flut. Zwei Dirigenten waren an verschiedenen Stellen, erhöht und im Licht; keiner der Chorsänger schien direkt zu ihnen zu blicken. Nach etwa der Hälfte des Werkes wurde der Flügel mit den beiden musizierenden Pianisten auf die andere Seite gefahren. Einmal stand überraschend der Solist hell angeleuchtet direkt neben mir. Ich setze mich langsam zu den anderen ins Dämmrige.

 

Weitere Bilder: Sänger hielten sich, hintereinander gehend, an den Schultern, sie gingen gebeugt zum Flügel, umrundeten ihn und stützten sich schwer auf ihn. Einige Kinder liefen mit einem ganz langen Sackleinentuch von einer Schmalseite zur anderen.

 

Direkt vor mir sang eine Choristin. Sie saß auf einer von weit oben herabgelassenen Schaukel. In ruhigem Rhythmus wurde sie von einem Sänger gewiegt. Nun machte sie ihren Platz frei für die weiß gekleidete Solistin, die uns Trost verhieß („Ihr habt nun Traurigkeit“). Zu ihren Füßen kauerten aneinandergelehnt zwei Frauen und ein Mann, lange schweigend und zu Boden schauend, dann der Solistin mit dem Chor antwortend.

 

Ich sah eine ältere Frau mit Tränen in den Augen, den Mund zu den Gesängen mitbewegend. Ich sah in andere weiche Gesichter wie in einen Spiegel.

 

Und nun stand hell angestrahlt der Solist hoch oben im Baugerüst und verkündete, mächtig vom Chor unterstützt, die „Zeit der letzten Posaune“. Im abschließenden „Selig sind...“ fand ich mich vor einem Halbrund von Sopranistinnen. Es zog mich auf den Boden. Liegend lauschte ich, von Klängen umhüllt.

 

Ja, wir bedankten uns, mit Stille und Klatschen. Viele blieben an ihrem Platz stehen und schauten, manche setzten sich auf eine der vielen hängenden Sitze, die nun von den Leuchtern herabhingen. Ich schloß mich denen an, die nach längerem Anstehen durch die zugige Tür auf den Balkon hier oben traten. Von dort sahen wir weit über den nächtlichen Hafen. Durch das Treppenhaus nach unten und mit S-Bahn und Bus gelangte ich nach Hause, noch lange stumm und verzaubert.

 

Rundfunkchor Berlin. Simon Halsey, Leitung(Philip Mayers und Phillip Moll, Klavier/Charlotte Müller Perrier, Sopran/Edwin Crossley-Mercer, Bariton/Konzept und Regie: Jochen Sandig/ Dramaturgie: Sasha Waltz, Ilka Seifert/Künstlerische Mitarbeit: Claudia de Serpa Soares/ Raum: Brad Hwang/Licht: Jörg Bittner/Ton: Holger Schwark/Raumakustik: Ralph Bauer-Diefenbach/Nikolaus Besch, Leiter des Hamburger Theaterfestivals/Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie

 

         Poet's Gallery Beitrag Januar 2017

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Reinhard Barth

Reinhard Barth, Dr. phil., geboren 1943 in Hamburg.Studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie und promovierte 1974 mit einer Arbeit über städtische Auseinandersetzungen im Spätmittelalter.

 

Begann die Berufstätigkeit mit Schulfunk-Hörspielen zu historischen Themen. Danach Redakteur bei einem zeitgeschichtlichen Magazin und einem Münchener Verlagsbüro; betreute dort u.a. „Preußisches Lesebuch“ (Unipart, 1981), „Lexikon des Dritten Reiches“ (Südwest, 1985), „Illustrierte Geschichte des deutschen Kaiserreiches“ (Südwest, 1986), „Lexikon der Weltgeschichte“ (Martin Greil, 1990), „Lexikon des Zweiten Weltkrieges“ (Heyne, 1995) und die Reihe „Deutsche Bibliothek“ (Hilliard Collection, 104 Bände, 1981–1990), daneben Bücher über Rassehunde (Parey), Geschenkbücher und Bildbände zu Sportereignissen (Südwest, Lingen).

 

Veröffentlichungen als Autor: „Wikinger“ (Taschenlexikon, Piper, 2002), „Frauen, die Geschichte machten“ (Primus, 2004), „Diktaturen in Europa“ (Vorwärts, 2005), „Wissen auf einen Blick: Mittelalter“ (Naumann & Göbel, 2007), „Alexander von Humboldt. Abenteurer, Forscher, Universalgenie“ (Bloomsbury, 2008), „Die Vermessung der Erde. Geschichte der Kartografie“ (Fackelträger, 2015). Widmete dem Hamburger Mietshaus, in dem er seit mehreren Jahrzehnten lebt, eine amüsante Biografie: „Das Haus“ (4 Bde. 1986–2014).

 

Adresse: Haynstraße 1, 20249 Hamburg, Tel. 040 48 19 40

 

Reinhard Barth

 Entnazifizierung bei uns zu Haus

 

Im Haus meiner Eltern in Blankenese hing im Wohnzimmer hinter dem Schreibtisch ein Bild in einem Rahmen in gehämmertem Gold oder wie man diesen Holzanstrich nennt, der so alt und würdig aussieht. Und alt und würdig und nicht von dieser Welt stellte sich die Szenerie dar, die hinter Glas zu sehen war. Einer mit langem Haar und riesiger weißer Kopfbedeckung, den schmächtigen Körper gehüllt in ein blaues Kleid oder Mantel, dessen dicke Falten sich über seine Füße breiteten, saß, die Beine übereinander geschlagen, auf einem grünen, gleichfalls von Falten gebauschten, blumenbewachsenen Buckel oder Hügel. Ein riesiges Schwert, in einer schwarzen Scheide, lehnte neben ihm, auf dem Knauf lag das Ende einer Papierbahn oder -fahne, die vom Himmel herunterzuflattern schien. Versonnen, den übergroßen Kopf mit einer Hand gestützt, blickte der Mann, eigentlich eher ein Kind, vor sich hin. Über ihm schwebten ein roter Schild und ein goldener Topfhelm, beide geschmückt mit dem Abbild eines Vogels hinter Gittern, und das Ganze war eingefasst von einem rot-grün-goldenen Rahmen. Darüber stand in altertümlichen Lettern „her walther võ der Vogelweide“, und irgendwann, viel später, erfuhr ich, dass es sich um ein Blatt aus der Großen Heidelberger oder Manessischen Liederhandschrift handelte und dass die Körperhaltung auf dem Porträt genau Herrn Walthers Versen entsprach:

 

 Ich saz uf eime steine,

 und dachte bein mit beine:

 dar uf satzte ich den ellenbogen:

 ich hete in mine hant gesmogen

 daz kinne und ein min wange

 

Aber da hatte sich mir das Bild schon längst tief eingeprägt. In dem Regal darunter bewahrte ich als kleiner Junge meine Spielsachen, ich hatte Herrn Walther immer vor Augen. Wenn man so will, war die mittelalterliche Miniatur das erste Kunstgebilde, das ich kennen lernte. Besonders das Gold hatte es mir angetan; wenn die Sonne drauf schien, leuchteten die vergoldeten Partien des Porträts, Herrn Walthers Halskragen und die Manschetten seines Untergewandes, der Knauf und die Parierstange des Schwertes und der Topfhelm, weit durchs Zimmer. Und immer wieder versuchte ich mir zusammenzureimen, was es mit diesem merkwürdigen alten Kind auf sich haben könnte, das auf dem grünen Faltengebirge hockte, gleichsam daraus hervorwuchs und mit seinen zarten Händen doch nie das ungeheure Schwert würde schwingen können, das größer war als das Männchen selber.

 

Fast fünfzig Jahre also hing des Vogelweiders schön gerahmtes Abbild im Wohnzimmer meiner Eltern. Dann, nach dem Tod meines Vaters und der Umsiedlung meiner Mutter in eine Einliegerwohnung im Haus erfolgte die Haushaltsauflösung, und Mutter war drauf und dran, das Bild mitsamt vielen anderen Erinnerungsstücken wegzuwerfen. Ich konnte es ihr gerade noch entreißen. Ich wusste zwar im Moment nichts damit anzufangen, aber Herr Walther im Müll, das ging nun doch nicht, mindestens bei mir im Keller wollte ich ihn aufbewahren.

 

Eher beiläufig sagte Mutter, ich sollte das Bild zu Hause mal aufmachen, es wäre noch was drin. Ich tat, wie mir geraten. Die Rückseite war aus Pappe, mit einem Etikett „Commetersche Kunsthandlung“ (die gibt es, glaube ich, immer noch), dazu mit Bleistift der Preis geschrieben: 11 Mark. Außen herum lief ein Papierklebestreifen. Den riss ich ab, darunter kam ein zweiter zum Vorschein, der aber Schnittspuren zeigte. Das Bild war also schon mal geöffnet worden. Ich zog mit einer feinen Zange die Haltenägel heraus und hob die Rückseite aus dem Rahmen. Darunter eine dünnere Pappe, wohl das Passepartout. Als ich es gleichfalls heraushob und umdrehte, sah ich: Herrn Walthers Konterfei war nur draufgeklebt, ganz flüchtig an den vier Ecken, und eine war schon los. Ich zog eine weitere Ecke ab und schlug das Blatt zur Seite. Ein Foto kam zum Vorschein: Adolf Hitler.

 

Was war denn das?!

 

Beim nächsten Besuch gab mir Mutter Auskunft: Den Hitler musste man ja haben damals, und sie hatten eben diesen gehabt im schön gehämmerten Goldrahmen für 11 Mark von Commeter. Aber 1945 kamen die Engländer, die durften den Hitler an der Wand nicht sehen. Da hatte sie den Rahmen geöffnet und Walther von der Vogelweide über das Führerporträt geklebt, der war gerade zur Hand, ein Kalenderblatt wahrscheinlich und groß genug, um Hitler zuzudecken.

 

Das war also das Geheimnis. All die Jahre und Jahrzehnte hatte hinter dem Bild aus einer blau-grün-goldenen Ferne das Foto des Mannes gesteckt, der mir schon ganz früh als die Verkörperung des Bösen überhaupt erschienen war. Immer war er an der Wand gewesen, nur ein dünnes vergilbtes Blatt mit dem Porträt eines Minnesängers hatte ihn von mir und meiner Welt getrennt. Eine sagenhafte Geschichte, sie könnte aus einem Film stammen. Eine deutsche Geschichte. So funktioniert Verdrängung.

 

Wir haben uns mit unseren Eltern nie über die Nazizeit gestritten. Meine Brüder taten nichts dergleichen, und ich auch nicht. Das, was doch angeblich eine ganze Generation beschäftigt hat, bei uns fiel es aus. Später, zur Zeit der Studentenrevolte, gab es Zank, schließlich war ich bei den Demonstrationen und den Vollversammlungen dabei und konnte nun wirklich nicht schweigen zu dem, was meine Eltern täglich in Springers Welt über die Ereignisse an den Universitäten lasen. Aber selbst dabei verzichtete ich darauf, eine mögliche Schuld der Eltern an den Verbrechen des Dritten Reiches als Argument in die Auseinandersetzung einzuführen, aus Scheu oder Ehrfurcht oder weil ich den großen Krach vermeiden wollte.

 

Ihre Entnazifizierung besorgten meine Eltern selbst, mit den einfachsten Mitteln. Mein Vater hatte es noch am leichtesten, er war in der Zeit, als dergleichen anstand, überhaupt nicht da. Bis 1953 befand er sich in russischer Kriegsgefangenschaft, und als er wiederkam, waren dienstliche Befragungen schon längst abgeschafft. Vater war nach sowjetischer Behauptung Kriegsverbrecher. Worin sein Verbrechen bestanden hatte, darüber sagte er nie etwas, ich nehme an, er gehörte zu den tausenden von Offizieren, die Stalin summarisch verurteilen und in Russland festhalten ließ, um ein Pfand für etwaige Verhandlungen mit dem Westen zu haben. Bei der kämpfenden Truppe war Vater nicht gewesen, immer irgendwo im Hinterland, als Lehrer an Truppenschulen im Baltikum, in Riga, Reval oder sonstwo, und als die Kurlandarmee 1945 abgeschnitten wurde, war er mit dabei und wurde einkassiert. Von der Gefangenschaft erzählte er nur Anekdoten: Wie durch halbstündiges Herumkauen auf einem Stück Brot sich im Mund Zuckergeschmack entwickeln kann. Wie sie Lageruniversitäten organisierten. Wie sie bei 30 Grad minus irgendwo im Ural eine Wohnsiedlung errichten sollten und den Bauleiter darauf hinwiesen, dass bei den Temperaturen kein Mörtel bindet; aber der musste seinen Plan erfüllen und hieß sie mauern, und selbstverständlich fielen ihre Bauwerke zusammen, kaum dass sie die Wände hochgezogen hatten. Vom Ersten Weltkrieg, an dem er schließlich auch teilgenommen hatte, berichtete er noch weniger. Dabei war er eigentlich ein guter Erzähler, baute seine Geschichten umsichtig auf, behielt, behaglich plaudernd, seinen Gegenstand immer im Blick, setzte die Pointen mit sicherem Gefühl für Timing und Wirkung. Das machten übrigens auch andere seiner Generation so. Was sie an Kriegserlebnissen auf Familientagen zum besten gaben, war genauso gut erzählt und genauso harmlos. Und in der Zeit vor dem Krieg schien jeder überhaupt nur seinen gewöhnlichen Geschäften nachgegangen zu sein und von der Hitlerdiktatur rein gar nichts gespürt zu haben. Aber wie gesagt, wir fragten sie auch nicht genauer.

 

Mutter hatte die praktische Entnazifizierungsarbeit zu bewältigen. Das tat sie rasch und mit Sinn fürs Naheliegende. „Mein Kampf“, die Hochzeitsgabe der NSDAP, sowie die von ihrem Vater ererbte antisemitische Literatur, Theodor Fritschs „Handbuch der Judenfrage“ und dergleichen, wanderte in die zweite Reihe des Bücherschrankes, die Militaria aus dem Ersten Weltkrieg, als Prunkstück eine Signalpistole aus Messing, die Vater angeblich in einem britischen Schützengraben erbeutet hatte, verschwanden auf dem Dachboden, Vaters Orden und Ehrenzeichen und seinen Offiziersdolch versenkte sie im Geheimfach des Schreibtisches, einem Zwischenboden zwischen zwei Schubladen. Aus der großen Hakenkreuzfahne, die sie zu Festtagen am Balkon aufgehängt hatten, wurde das Kreuz rausgeschnitten und weggeworfen, das rote Tuch verarbeitete Mutter zu Hemden für uns Jungen. Das alles war irgendwann herausgekommen, oder wir hatten es uns selbst zusammengereimt. Aber vom Verschwinden des Hitler-Bildes hatte ich nie etwas gehört.

 

Eine Nationalsozialistin war Mutter ja nicht, aber eine Widerständlerin auch nicht. Sie war Hausfrau und Mutter und sah zu, dass ihre Jungen anständig aufwuchsen. Und draußen im Villenvorort Blankenese bekam man ja sowieso von der Politik wenig mit. So jedenfalls ihre Äußerung. Mir ist aus meiner Kindheit nur ein einziger kritischer Ausspruch von ihr über den Nationalsozialismus im Gedächtnis geblieben. Mutter behauptete, die führenden Nazis hätten ihre Frauen verstoßen und sich neue, jüngere genommen. Das fand sie gemein. Von Frauen handelte ein weiteres Wort, das sie wesentlich später einmal sagte. Ich hatte inzwischen herausbekommen, dass einer unser Nachbarn zum Polizeibataillon 101 gehört hatte, dessen Mitglieder wegen Massenerschießungen von Juden im Osten nach dem Krieg angeklagt und verurteilt wurden; auch der Nachbar hatte ein paar Jahre gesessen. Ich fragte Mutter, ob sie von der Sache gewusst habe, und sie sagte, das schon, aber da der Mann eine Gefängnisstrafe bekommen hatte, sei der Fall erledigt; unschön hätte sie nur gefunden, dass er seine Frau zu den Exekutionen mitgenommen hätte, das tat man nicht.

 

Soviel wusste ich, meine Mutter kam aus einem antisemitischen Elternhaus, ihr Vater war Geschäftsführer im Deutschnationalen Handlungsgehilfenverband gewesen, einer Organisation, die angeblich die Interessen der Angestellten vertrat, aber hauptsächlich den Marxismus und das Judentum bekämpfte und eine Volksgemeinschaft auf ständischer Grundlage errichten wollte. Auf dem Diebsteichfriedhof in Altona gab es einen pompösen Grabstein mit der Inschrift DEUTSCH SEIN HEISST EINE SACHE UM IHRER SELBST WILLEN TUN, darunter lag der Vater meiner Mutter, er war bereits 1912 gestorben, die Steigbügelhalterdienste, die sein Verband Adolf Hitler später leistete, sind ihm persönlich nicht anzulasten. Aber bei Muttern war dies und das von seinen Einflüssen noch zu spüren, und gewisser dunkler Bemerkungen, dass den Juden ganz recht geschehen sei, kann ich mich aus meiner Kindheit noch erinnern. Das hörte aber auf, als wir erwachsen waren. Adolf Hitler kam in Mutters Äußerungen nicht vor. Mir war aber völlig klar; dass dieser Mensch mit dem schwarzen Bärtchen unter der Nase der Inbegriff des Bösen sei. Woher ich das wusste, kann ich nicht sagen, ich denke mal, das konnte man damals leicht aufschnappen, das war Wissen von der Straße. Nebenbei war ich auch immer des Glaubens, dass wir dem Bildungsbürgertum angehörten. Dafür stand die 16bändige Schiller-Ausgabe im Bücherschrank, die wohlsortierte Schallplattensammlung mit klassischer Musik und die Fähigkeit meines Vaters, Balladen von Uhland aufzusagen und lateinische Inschriften auf öffentlichen Gebäuden zu entziffern. Unsere Eltern hatten ein Abonnement in der Staatsoper, sie schickten uns aufs Gymnasium und sorgten dafür, dass wir ein Musikinstrument erlernten und keine Schundhefte lasen. Im Porträt Walthers von der Vogelweide schien mir die Bildungsatmosphäre in meinem Elternhaus auf den Punkt gebracht. Wer hing sich denn mittelalterliche Miniaturen an die Wand? Anderswo hatten sie röhrende Hirsche oder sturmgezauste Windjammer, womöglich sogar die in Aquarellfarben gemalten Konterfeis der Familienmitglieder, und der Hausherr stand im Besitzerstolz davor: „Meine Kinder“. Nichts davon bei uns. Da gab es nur eine fremdartig-filigrane Farbzeichnung, die einen sonderbar versunken vor sich hin lächelnden Minnesänger mit einem riesigen Schwert an der Seite zeigte. Aber so war das eben, wenn man sich für die Bildung entschieden hatte. 

 

Und nun musste ich feststellen: Genau im Herz dieser Welt von Hausmusik und guten Büchern und dem Sinn für das Höhere saß der Wurm. Herr Walther war die ganze Zeit nur Ersatzmann, das Ensemble aus guten, soliden und dauerhaften Möbeln hatte ein anderer dominieren sollen, der Unhold, der Kinderschreck. Und der Dichter war erst drangekommen, als der Diktator erledigt war. Aber da hätte es auch jedes andere Bild sein können, wenn es nur die richtigen Maße aufwies und die Gruselgestalt dahinter verschwinden konnte. Es war nicht Plan und Absicht, dass Herrn Walthers Gold durchs Zimmer strahlte, sondern Zufall. Und wieso hatte Mutter den Hitler noch aufbewahrt? Hatte sie gar geglaubt, der oder seinesgleichen käme noch mal wieder, und dann könnte man den Minnesänger ja wieder entfernen?

 

Ich habe sie nicht mehr gefragt. Aber was sie vor Jahrzehnten unterlassen hat, nämlich das Hitlerbild wegzuwerfen, habe auch ich nicht getan. Es steckt noch drin im Rahmen, und wenn ich Besucher mal richtig erschrecken will, dann hole ich das Ding aus dem Keller und nehme es vor ihren Augen auseinander. Entnazifizierung, sage ich dann, so haben sie’s gemacht, so leicht ging das.

 

Hans Happel

 

Den Westen gibt es nicht mehr

 

Den Westen wird es nicht mehr geben, schreibt eine große deutsche  Wochenzeitschrift zwei Tage nach der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten. Und weiter: Dieser Mann ähnele den monarchischen Hasardeuren und faschistischen Führern, die den alten Kontinent mehrfach ins Unglück geführt haben. 

Einen „Möchtegern-Mussolini“ nennt ihn die Hamburger Wochenzeitschrift. Er habe die Abgehängten mobilisiert, vor allem abgehängte, frustrierte, wütende weiße Männer, denn er sage, denke und fühle, was sie hören wollten.

Das sei ein Erdbeben der Stärke 8,5, schreibt der Herausgeber im ersten Satz auf der Titelseite, ein Beben, das Amerika und die gesamte Welt erschüttern werde.

 

Ich sitze im LEON, Freitagmittag, ich lese noch immer. Alex sagt, dein Espresso wird kalt. Beim Zahlen fällt mein Blick auf die Hamburger Morgenpost von gestern. Das Titelbild zeigt New Yorks Schutzheilige, die Freiheitsstatue schämt sich. Sie hat die Hände vors Gesicht gelegt.

 

Ich gehe in die Stadt. Auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz leuchten die ersten Weihnachtsbäume, die Buden werden gerade eingerichtet. Am Rand stehen die Fahnenmasten des Thalia-Theaters. Ich lese - schwarz auf weiß - „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“ - „Die Welt ist Geld.“ - „Die Welt ist Wut“.

Im Theater zeigen sie heute Abend „Engel in Amerika“. Ein Zeilenbruch vor dem letzten Buchstaben macht aus dem Engel etwas Schreckliches.

Die Enge, denke ich, passt jetzt zu Amerika.

Durch die großen Scheiben des World-Coffee blicke ich auf den halbfertigen Weihnachtsmarkt und die elektrischen Kerzen, die schon im letzten Laub der Bäume leuchten.

Ich lese „La Repubblica“, Freitag, 11. November.

Der Herausgeber Eugenio Scalfari spricht mit dem Papst.

„Ihre Heiligkeit, was denken Sie über Donald Trump?“

Über Politiker gebe er kein Urteil ab, sagt Franziskus. Er wolle keine neuen Mauern bauen, sondern Brücken. Eugenio Scalfari wünscht sich ein „meticciato universale“. Meticciato? Ich muss googeln: Scalfari hofft auf eine universale „Rassenmischung“.

Das sei ein wahres Wort, sagt der Papst.

Aber viel wichtiger ist ihm etwas anderes: Die Ungleichheit sei das schlimmste Übel auf der Welt.

Vom World-Coffee zu Karstadt sind es wenige Schritte. Ich suche einen Winterpullover. Plötzlich spüre ich einen Verkäufer direkt neben mir stehen. Ich will mich schon wegdrehen, ohne auch nur den Kopf zu heben. Da spricht er mich an:

„Darf ich Ihnen helfen, Herr Happel?“

Jetzt schaue ich auf.

„Guten Tag, Johannes“, sage ich.

„Ich suche einen Pullover für den Winter.“

„Kannst du bis zur nächsten Woche warten?“

„Warum?“

„Nächste Woche werden die Sachen 30% billiger sein, zwei Tage lang ist Personaleinkauf. Dann gebe ich dir meine Karte.“

„Na klar! Ich warte gern“, sage ich, „danke!“

Auf dem Weg nach Hause sehe ich in den Himmel, nachtblau, überdeutlich strahlt ein abnehmender Mond. Die Bahnhofsuhr zeigt 18 Uhr 14.

Zu Hause angekommen, ist Licht in der Küche. Ich öffne die Tür. Da sitzt Khalil. Ohne Baseball-Kappe, so dass die lockigen schwarzen Haare ihm wie eine Krone zu Gesicht stehen. Er ist tief über seine Bücher gebeugt, über Recht, Soziologie und Sozialarbeit, er büffelt für die erste Klausur seines Lebens. Khalil ist in Deutschland geboren. Seine Eltern kommen aus Afghanistan. Der Vater ist aus seinem Leben verschwunden. Seine Mutter ruft ihn manchmal an. Ich mache mir einen Kaffee und setze mich ihm gegenüber. Er spürt, dass ich ihn betrachte. Er sieht zu mir rüber und fragt: Möchtest du, dass ich dir Platz mache?

Ich nehme einen Schluck Kaffee. "Danke, nicht nötig!", sage ich.

Er sieht mich an: „Alles ok?“

„Alles ok!“

Ich bin glücklich.

Aber ich hüte mich, mein Glück zu verraten.

Was würde er denken?

Womöglich hielte er sich für einen Engel, der in meine Küche kam, und einen Auftrag hätte, schon sitzt er da mit ausgebreiteten Armen, und ich müsste ihn beruhigen: Fürchte dich nicht! Niemanden musst du retten! Nichts wird dir geschehen! Es ist alles ok!  

Blue Blues

 Aus ihrem Rucksack nimmt sie Alberts leere Pillendose und seine verschrumpelte Kastanie, legt sie auf die Ablage und sich selbst auf das Bett. Vom Bett aus betrachtet sie nun die kleine, runde Herbstfrucht, die Albert vor seinem Verschwinden stets in seinem Portemonnaie aus schwarzem Rindsleder getragen hatte. "Du alberner Albert", hatte sie lächelnd zu ihm gesagt, an jenem ersten Abend in dem kleinen Café, und seine Hand ergriffen, als er ihr gestand, dass die Kastanie sein Glücksbringer sei.

"Ist es eine besondere Kastanie?", hatte sie ihn gefragt, interessiert und zugleich belustigt.

"Nein, es ist eine gewöhnliche Rosskastanie", war seine Antwort. "Man muss das Glück im Gewöhnlichen finden." Diese Aussage war ihr damals sehr philosophisch und tiefgründig erschienen. Mit den Jahren war sein blondes Haar dünn geworden, dann irgendwann grau, die engen Jeans wichen ockerbraunen Cordhosen - doch die gewöhnliche Kastanie, sein treuer Begleiter, blieb.

Sie richtet ihr Augenmerk auf die braune Baumfrucht. Einst muss sie frisch ausgesehen haben. Sie kann das Laub riechen mit dem der Baum bedeckt gewesen sein muss, bevor er kahl geworden war und alle Früchte abgestoßen hatte. Verschrumpelt ist sie, die Kastanie, jetzt, in diesem Augenblick, wahrscheinlich schon seit vielen Jahren. Nie hatte sie der Kastanie Bedeutung beigemessen. Die Oberfläche der Kastanie muss einst glatt gewesen sein, nun weist sie deutliche Falten auf, ihre Haut ist so runzelig wie die einer Frau, die zu lange unter dem Solarium gelegen hat. Zu viel Sonne ist schlecht für die Haut, denkt sie und schließt die Augen.

Sie kann Albert vor sich sehen, als jungen Mann, seine kräftigen, dunklen blauen Augen, die sie vom ersten Moment an die Farbe des Meeres vor Helgoland erinnert hatten. Nie hätte sie geglaubt, dass jemand so blaue Augen haben könne.

Sie öffnet die Augen, nimmt Alberts Pillendose von der Ablage, jongliert sie von der linken Hand in die rechte und wieder zurück. Sie erinnert sich an Alberts Geruch, an den Klang seines Herzschlages, wenn sie ihr Ohr an seine Brust legte, an das Geräusch, das seine Brusthaare hervorbrachten, wenn sie mit ihren Fingern darüberstrich, an den Geschmack seiner Haut.

Er hat die leere Pillendose zurückgelassen. Sie fühlt das kalte Porzellan unter ihren Fingern, mit denen sie gestern noch Alberts warme Lippen berührt hatte. Wo war Albert? Wie ging es ihm? Wenn es ihm gut ging - wie lange noch? Sie gestattet sich nicht, sich die schmerzhafte Frage nach dem Warum zu stellen, dem Grund seines Verschwindens, denn dann müsste sie sich der Antwort stellen. Und doch lauert die Frage irgendwo tief drin in ihr wie eine listige Klapperschlange und wartet nur darauf, sie anzugreifen, sie zu vergiften, zu töten.

Sie betrachtet die kitschige Abbildung auf der Pillendose. Eine blaue Kornblume. Blau. Die Farbe verfolgt sie. Blau, wie das Wasser vor Helgoland. Sie erinnert sich an das Meer, an das Rauschen der Wellen, manchmal sanft und manchmal aufbrausend, wie eine verärgerte Mutter. 

Sie geht ins Bad, putzt sich die Zähne, doch der schale Geschmack in ihrem Mund bleibt, er lässt sich nicht mit Zahnpasta vertreiben. Trocken fühlen sich ihr Mund und ihre Kehle an. Das Gurgeln, der Laut, der aus ihrer Kehle dringt, hört sich wie ein rostiger Motor an. Er ist ihr fremd, dieser Laut. Ihr ist, als gehöre er nicht zu ihr, nicht zu ihrem Mund, ihrer Kehle, ihrem Rachen, ihrem Körper. Sie spuckt das farblose Wasser ins Emaile-Waschbecken.

Aus dem Spiegel sieht sie ein nichtssagendes Gesicht aus kühlen grauen Augen an. Schmutzig, das sind ihre Augen. Ihre Farbe gleicht der der Elbe. Grau, schlammig, schmutzig, tot, begraben.

Langsam kehrt sie ins Schlafzimmer zurück, kraftlos und schlaff ihr Schritt. Sie fühlt sich wie ein Läufer, dem schon kurz nach dem Start die Puste ausgegangen ist.

Sie legt ihren Körper wieder auf das Bett. In diesem Moment ist ihr, als habe sie sich selbst abgelegt, sich entsorgt, aussortiert.

Die Kastanie kommt ihr wieder in den Sinn. Sie will es sich nicht eingestehen, doch sie WEISS, was Albert ihr mit dieser Geste hatte sagen wollen. Er hatte nicht nur ein albernes kleines, unscheinbares, braunes Etwas zurück gelassen - er hatte sein Glück zurückgelassen. Da wo er hingegangen war, brauchte er es nicht mehr.

 

Unten am Fluss

 

Pflegerl war anders. Hinterhältig wie ein frustriertes Weibsbild. Jedenfalls empfand Breda das so.

Sie parkte ihren Polo und spazierte zur Schotterstraße hinauf auf den Damm, von wo sie wegen des dichten Buschwerks und der sommerlichen Baumkronen nur wenig vom schlammgrünen Fluss sehen konnte.

Sie kannte ihren Nachbarn, den Pflegerl, seit zwei Jahren. Er hatte eine schuppige Haut und wässrige Augen, was allein ihr schon widerlich genug erschien. Aber sich in dem Wohnblock, in dem sie länger als er wohnte, zum Hausmeister aufzuspielen, das ging zu weit. Sie stellte sich genüsslich vor, wie sie alten Urin in seine Blumentöpfe im Stiegenhaus schüttete und Schuhspray auf seine frische Wäsche sprühte. Er war selber schuld, dass sie solche Gedanken hegte. Hätte er nicht ständig ihre Garagenausfahrt verparkt, wenn sie zur Arbeit musste, und nicht aus übertriebener Sparsamkeit laufend den Heizkörper im Trockenraum abgedreht. Wie eine Spinne im Netz hockte er in seiner Wohnung und lauert auf Beute. Und die Beute war sie. Dieser verrückte Alte. Der kann nicht ganz dicht sein. Ein Krähenpaar flog von den Fichtenwipfeln auf, gab ein hässliches Gelächter von sich. Breda zuckte zusammen. Unwillkürlich fasste sie nach dem Autoschlüssel in den Taschen ihrer Cargohose. Ihr Herz blieb stehen. Sie hatte den Schlüssel doch vorhin dort hinein geschoben. Verdammt, wie unkonzentriert sie in letzter Zeit war. Dieser Pflegerl fesselte ihre Gedanken wie Gefangene an ein Holzfloss. Breda nestelte an ihrer Hose herum, erst nach und nach kam die Erinnerung zurück: Der Autoschlüssel hing an einem Band um ihren Hals. Sie lehnte sich gegen einen Birkenstamm und holte tief Luft. Was war bloß los mit ihr. Warum gestand sie dem Pflegerl so viel Aufmerksamkeit zu. Wer zum Teufel war er schon.

Nichts hatte sie vom bisherigen Spaziergang mitbekommen. Verstört lief sie hinunter zu der kleinen Bucht. Von dort aus konnte sie den Fluss überblicken. Jetzt brach sich Sonnenlicht an dessen Oberfläche, ließ das Wasser wie Jade schimmern. Sie sah fauliges Treibholz mit der Strömung fortziehen. Ein Höckerschwan glitt um eine Schilfinsel. Sein Gefieder leuchtete weiß wie eine Kumuluswolke. Distelfalter schwebten über Flockenblumen, und Libellen tanzten einen Reigen um ihr Haar. Sie zog Socken und Joggingschuhe aus, tauchte die Füße ins kühle Nass, strich mit den Zehen über abgeflachte Steine und beobachtete, wie das Wasser sich kräuselte. Eine warme Brise wehte den Duft von Erlen und Wildblumen herüber. Jetzt erst bemerkte sie den Wasserstrudel in der Mitte des Flusses. Ein altes Gefühl tauchte auf. Wie sie sich vor dem Hineingestoßen werden ins Tiefe und Dunkle fürchtete. Pflegerls Konterfei spiegelte sich trüb auf der Wasseroberfläche, zerfloss mit einem Fußstoß ins Nichts. Dann wusste sie es: Sie musste nachhause. Dem Pflegerl fest in die wässrigen Augen blicken. Grenzen verteidigen. Furchtlos eintauchen in die kristallene Tiefe.

Breda hob die Augen zum Horizont, wo die Berge im seidenen Dunst lagen. Das Krähenpaar, inzwischen beruhigt, ließ sich wieder auf den Wipfeln nieder. Der Himmel darüber versprach heute ein besonderes Blau.

 

Poet's Gallery Beitrag September 2016

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Ellen Partovi

 

Ellen Partovi, Jahrgang 1955, Sozialpädagogin, schreibfreudig

 seit 2010, besonderes Augenmerk auf Zwischenzeiligem, seit

Frühjahr 2016 Teilnehmerin der Schreibwerkstatt im HIP.

 

 

Das Leben feiern

Pfff, was gibt es da groß zu feiern...

Oder aber: Ja! Mehr davon...

 

Was auch immer sich als erster Impuls zeigt, kann ein wertvoller Hinweis auf unsere grundlegende Sicht der Dinge sein, auf unsere ganz persönliche Haltung zum Leben.

 

Das Leben feiern? Was soll das heißen? Das Leben will gelebt werden, und zwar jedes anders, individuell, speziell, auf seine ganz eigene, besondere Weise. So ein Leben kann lang, aber auch schnell vorbei sein. Es kann herausfordernd, ja schmerzhaft sein, uns an unsere Grenzen bringen. Ja, man kann aus guten Gründen seines Lebens überdrüssig sein, vor dem Leben davonlaufen, sich in Ablenkungen stürzen. Wir mögen es als langweilig und sinnlos empfinden, es mag uns eine Last ein... Aber es kann auch einzigartig und schön sein! Denn warum sonst sollte man es feiern.

 

Das Leben ist bunt. Oder doch eher schwarz-weiß? Oder gar schwarz? Vielleicht sind die Farben durch die vielen dunklen Schattierungen einfach nur überdeckt? Und vielleicht ist es gerade jetzt an der Zeit, diesen Grauschleier abzuziehen, um den Farben zu erlauben, ihre Pracht zu entfalten?

 

Das Leben ist einfach, einfach schön, schön einfach.

 

Warum machen wir es uns dann so schwer? Kann es damit zu tun haben, dass wir uns, frühzeitig eingeübt, immer noch auf vorgegebenen Gleisen bewegen, ohne uns jemals gefragt zu haben, ob dies tatsächlich das ist, was wir wirklich wollen? Vielleicht erlauben wir uns ja nicht einmal dieses kurze Aufbegehren? Oder haben uns mit der Vorhersehbarkeit längst arrangiert, sie uns zu eigen gemacht. Und sind dann fassungslos, wenn Krankheit diese Eintönigkeit unterbricht.

Vielleicht sind wir auch mutlos geworden, weil all die beschrittenen Wege uns nicht ans gewünschte Ziel brachten?

 

Das Leben fordert uns heraus, zweifelsohne. Aber nicht, weil es uns übel gesonnen ist, sondern um uns immer wieder zu zeigen, dass wir falsch abgebogen sind. Und es wird nicht müde darin, uns zu ermutigen, unseren eigenen Weg zu erkennen und zu beschreiten. Wie eine gütige Mutter, die ihr Kind immer wieder an die Hand nimmt. Jedes Leben folgt einem eigenen Weg, einer einzigartigen Aufgabe, die es zu erfüllen gilt. Und ist es nicht wundervoll zu wissen, dass Umkehr und Veränderung jederzeit möglich sind?

 

Doch wie erkenne ich meinen Weg? Woher weiß ich, dass ich mich am rechten Platz befinde? Dies herauszufinden erfordert die Bereitschaft, meine Aufmerksamkeit weg von der Außenwelt, nach innen zu richten, weg von der Ablenkung, in die Stille zu gehen. Um dann mit offenem Herzen wahrzunehmen, was ist, was sich zeigt. Und es können sich erstaunliche Dinge offenbaren, darunter Schatten, die uns nicht immer angenehm sind. Sie als zu mir gehörig anzuerkennen und anzunehmen, ist dann wiederum meine Aufgabe. Oftmals bedarf es hierzu mehrerer Anläufe. Der Sog des schönen Scheins, materiellen Güter und all der sich bietenden Ablenkungen, oder gar, wenn ich mich in der Opferrolle eingerichtet habe und vermeintlich nichts dagegen ausrichten kann, sind mächtige Gegner. Man kann dieses Spiel ein Leben lang betreiben. Ich muss mich „nur“ entscheiden. Obwohl bereits der Versuch oder Wunsch nach einer grundlegenden Veränderung aufzeigen kann, dass etwas in meinem Leben fehlt, nicht rund läuft.

 

Das Leben will sich uns geben in all seiner Schönheit und Fülle. Welch ein Geschenk! Und das ist wahrlich ein Grund zum Feiern! Es fordert uns aber auch zu mehr Achtsamkeit auf, zur Wertschätzung der Erde und all dessen, was sie hervorbringt, sowie der Geschöpfe, die auf ihr weilen. Wie oft haben wir den Blick dafür verloren, wenn etwa Alltagssorgen uns fest im Griff haben und uns die Sicht trüben, uns gar blind werden lassen für alles andere. Doch bedenken wir: Auch hier folgt das Leben immer wieder (nur?) unseren Entscheidungen. Aber es ist nicht nachtragend! Vielmehr sendet es uns wieder und wieder Impulse, unseren eingeschlagenen Weg zu überdenken. Und vielleicht hat ja gerade in diesem Moment einer davon Sie ereilt?!

                            

Poet's Gallery Beitrag August 2016

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Hille Schönenbach-Schleining

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hille Schönenbach-Schleining,

Jahrgang 58, schreibt seit 2005,

Köln, seit 2010 beginnend im

Rahmen einer Schreibwerkstatt

im Haus im Park, Forum für

Impulse, Hamburg-Bergedorf

Leopold und Marigard

 (25. Juli 2016, Hille Schönenbach-Schleining, Hamburg)

 

Ja, is eh klar! Noch schnell, wann ist die Beerdigung?

Marigard ging einen Schritt zurück. Sie wird in aller Stille in Hamburg sein.

Ne, komm, das glaub ich jetzt nicht, wo er die Insel doch so geliebt hat?

Während dieser Worte lehnte Marigard langsam die Tür in Richtung Schloss.

Zuerst kam ihr in den Sinn, Frank Allenstein in ihr Vorhaben einzuweihen.

Er wäre mit seiner Kraft eine große Hilfe gewesen, das Erdloch größer auszuheben. Es wurde ihr bewusst, ihn als Polizist zu verführen, das Gesetz  zu brechen. Sie verwarf den Gedanken wieder, legte sich im Regenmantel eingehüllt auf die Couch und schlief vor Erschöpfung ein.

 

Am späten Nachmittag erwachte sie mit Hunger und Durst und einem Schrecken, so lange geschlafen zu haben. Sie setzte Teewasser auf,

schlüpfte nach einer Katzenwäsche im Bad in eine bequeme Hose und zog den blauweiß gestreiften Pulli mit roten Applikationen an, den Leopold so gerne an ihr mochte. Dann schaute sie sich das Innenleben ihres Kühlschranks an. Wie leer er war. Aber Eier und Milch waren noch vorhanden, und so bereitete sie sich einen Apfelpfannkuchen zu. Zimtzucker stand in einem alten Porzellangefäß im Biedermeierschrank immer bereit.

Hellwach und klar im Gedanken, am Abend die Urne zu versenken, aß sie herzhaft das erste Stück Pfannkuchen. Sie vertrieb sich noch die Stunden bis es dunkel wurde mit Zeitunglesen, Aufräumen und Nachrichten aus dem Fernseher.

Irgendwie wollte es nicht dunkel werden. Sie strebte danach ihr Vorhaben zu beenden. Der volle Mond stand als Laterne schon am Horizont. So oder so konnte es gar nicht richtig dunkel werden. Eine Stunde vor Mitternacht schob sie die Zeitung auf dem Erdloch beiseite und betrachtete die Tiefe. Viel war es nicht mehr an Erde, die sie ausheben musste.

Ab und an schaute sie aus dem Garten heraus um sicher zu gehen, dass niemand ihr Vorhaben bemerken konnte. Sie verhielt sich leise und bedächtig.

Ein Maßband hatte sie dabei, um, wie auf einem Friedhof, die Maßeinheiten zwischen 50 und 80 cm Tiefe einzuhalten. Nach einigem Buddeln maß sie 100cm. Sie war erstaunt.

Dann ging sie ins Haus.

Trauer kroch in ihr hoch, als sie vor Leopolds Urne auf dem Nachtschrank stand, und sagte langsam und leise, nun ist es soweit.

Das Marmorgefäß trug sie herzbewegt vor sich her. Im Haus hatte sie alle Lichter gelöscht, so dass man meinen könnte, der Hausherr ginge zu Bett.

Eine kleine Baumkerze vom vergangenen Weihnachtsfest und

Streichhölzer hatte sie noch schnell zusammengekramt.

Am Baum angekommen, pflückte sie ein paar kleine Äpfel von den Ästen als Grabbeigabe.

Diese kamen zuerst in das gebuddelte Loch. Langsam ließ Marigard die Urne an der Schnur nach unten. Sie nahm ein bisschen Erde und drückte diese auf dem Deckel des Gefäßes fest um die Kerze hineinzustellen. Schon beim ersten Versuch zündete der Docht. Leise stand sie von ihrem mitgebrachten Fußbänkchen auf, schaute wiederum nach, ob niemand auf dem Bürgersteig vor dem Garten zugegen war.

Sie schlich zum Blumenbeet und pflückte ein paar Stängel vom Sonnenhut.

Wie betäubt stellte sie die Blumen aufrecht rundherum um die Urne. Es könnten ein paar mehr sein, dachte sie und brach erneut einige ab. Bei der letzten Blüte, die sie ins Urnengrabt stellte, verbrannte sie sich an der kleinen Flamme, was ihr aber nichts ausmachte. Sie saß wie versteinert auf dem Bänkchen und beobachtete die Flamme. Sollte sie so lange warten bis das Licht am Kerzenstummel von alleine ausging oder die lebende Flamme mit Erde ersticken?

Sie hatte nicht bemerkt, dass Wolken aufgezogen waren. Manchmal verdunkelte sich der Himmel, große Wolken schoben sich vor den Mond. Ein leichter Wind strich über den Garten. Weiter entfernt hörte sie Hundegebell. Ein Windstoß löschte das Kerzenlicht. Marigard freute sich, dass sie nicht zu entscheiden hatte und nahm den Bottich mit der losen Erde, schüttelte ihn über dem Erdloch aus und drückte mit ihren Schuhen alles fest, fest für die Ewigkeit.

Zum Schluss legte sie vorsichtig die Grasnarbe oben auf und goß Wasser darüber, damit keine Spuren zu sehen waren. Ein wenig Erde, die nicht mehr passte, schüttete sie neben dem Sonnenhutbeet. Dann rückte sie das Fußbänkchen auf die Grabstätte und setzte sich hin. Sie schaute zuerst in die Wolken. Ihr tränenbenetztes Gesicht hielt sie hin und dachte von Regenwasser befreit zu werden. Aber der Segen blieb von oben aus. Sie traute sich nicht alleine ins Haus zu gehen und weinte.

 

Poet's Gallery Beitrag Juli 2016

Hans Happel

David, Georges&ich

oder: ,,Der Mann, der vom Himmel fiel"

 

David Bowie 8.1.1947 - 10-1.2016

 

Was für ein anmaßender Titel! ,,David, Georges&ich". Aber ist nicht das Leben selber anmaßend? Anmaßend, wenn wir uns ihm mit allen Sinnen öffnen und in seinen Reizen den Duft eines Versprechens von Freiheit einatmen, die in Bildern, in Klängen, in Gesichtern, in Augen, die täglich in hunderten kleinster Details blitzartig aufscheint, und die große Geister zu großer Kunst verdichten?

Zum Beispiel David-Bowie. ,,Boss of me" heißt ein Song, den ich nur deshalb entdecke, weil ich beim Anhören der Bowie-CD ,The next day" die Liedzeilen mitlese: auf einem mehrfach gefalteten Blatt, auf bestem Papier in Rot- und Brauntönen, sind die Texte aller 17 Titel in vier eng geschriebenen Wörter-Säulen ohne Punkt und Komma und so klein gedruckt wiedergegeben, dass ich meine teuerste Lesebrille aufsetzen muss, um David Bowies Worten folgen zu können.

,,Boss of me", so spricht der Sänger ein junges Mädchen an, ,,A small town girl". Geschrieben im Jahr 2013. Hat Bowie gewusst, dass er sterbenskrank war? Er wischt ihr die Tränen von den Lippen. Er bittet sie cool zu bleiben. Ach, wer hätte gedacht, sagt er zu ihr, dass du mal mein Boss sein würdest. ,,Du siehst mich an, und weinst mir den Himmel blau. lch sehe zu den Sternen, ich sehe sie in deinen Augen fließen und flimmern". Lass deinen Freund gehen, singt er wenige Zeilen später. „Let him sail back home tonight". David Bowie stellt sich vor, wie es wäre, mit dem smalltown girl zu tanzen, im Weltraum, von Angesicht zu Angesicht, und dabei so still zu sein wie Georges Rodenbach.

Hier blicke ich auf. Wer ist Georges Rodenbach? Was soll dieser Name? „Mist and silhouette“ heißt die nächste Zeile. Nebel und Silhouette. Nebel und Silhouette? Ich greife zum Smartphone und google.

Georges Raymond Constantin Rodenbach, 1855 in Belgien geboren, mit 43 Jahren, 1898, in Paris gestorben. Sein Roman ,,Bruges-la-Morte" (,,Das tote Brügge“) erscheint 1893, er gelte als das wichtigste Dokument des Symbolismus. 1903 erstmalig ins Deutsche übersetzt, sei er seitdem im Reclam-Verlag vorrätig. Noch am selben Tag gehe ich zu meinem Buchhändler Dr. Wohlers, und am nächsten Tag halte ich das Buch mit dem typischen Reclam-Gelb auf dem festen

Umschlag und der farbigen Pastellzeichnung eines im Abendlicht verdämmernden Kanals in den Händen.

,,Das tote Brügge" ist ein schmaler Roman, 15 Kapitel, 124 Seiten. Kaum länger als ein langsamer Blues. Hugues Viane, ein Mann um die 40, hat sich aus Trauer um den Tod seiner 10 Jahre jüngeren Frau in eine Stadt aus lauter Grautönen zurückgezogen. Die Straßen, die Häuser, die Kanäle, die düstere Stimmung der toten Stadt färben nicht nur die Erinnerung an das geliebte Wesen, sie tauchen den

Trauernden selber in ein Grau, das zugleich außen und innen ist. Eines Tages sieht er eine junge Frau, die der seinen bis aufs Haar gleicht. Unausweichlich die Katastrophe, die ich schon gegoogelt hatte. Der ,,Bruder der Stille und Melancholie des schmerzensreichen Brügge" verwandelt sich - und mit ihm die Stadt. Die junge

Frau lebt ein ,,lasterhaftes Leben", sie ist Tänzerin. Die braven und bigotten Bürger, die alles beobachten, was in ihrer Stadt vorgeht, halten sie für eine Prostituierte. Hueges Viane ,,war ihr gänzlich verfallen".

Und David Bowie? Warum spricht er in ,,Boss of me" von dem Schriftsteller Georges Rodenbach? lst das Mädchen aus der Kleinstadt, das Bowie zu seinem Boss macht, wie jene schöne Fremde, der Georges Rodenbach überall hin folgt? Oder ist David Bowie selber der Fremde, ,,Der Mann, der vom Himmel fiel"? So heißt der Film, in dem der britische Regisseur Nicolas Roeg 1975 seinen jungen

Helden von einem Wüstenplaneten, auf dem die Trockenheit jedes Leben bedroht, zur wasserreichen Erde schickt. Bowie schluckt schmutziges Wasser, gefangen in einer schmerzensreichen Welt, die er nicht mehr verlassen kann. Ein Mann, der kein Mann ist und keine Frau, sondern beides zugleich: Mann und Frau. Sein jungenhaft schmaler Körper, der niemals altert, seine leicht geröteten Lippen, sein verschatteter und doch bohrender Blick, sein kühler Verstand, mit dem er genau registriert, wie die Welt funktioniert, so dass er umstandslos und mit spielerischer Leichtigkeit zum Kapitalisten großen Stils wird, der in einer tiefblauen Luxuslimousine über die Straßen eines trostlos kaputten Amerika fährt: lch gestehe, ich bin noch heute, - 40 Jahre, nachdem ich ihn zum ersten mal gesehen

habe -, fasziniert von diesem Fremden, diesem Alien, der sich von einer jungen Bewohnerin der Erde widerstandslos entkleiden lässt, dessen Nacktheit unberührbar ist und keusch, vor aller Sünde. Keine Gier, nur eine unschuldige Neugier.

Der Mann, der vom Himmel fiel, begegnet mir einmal im Monat. Jan hatte mich zu ihm geführt. Er hatte gesagt, du gehst die ...Straße runter und kurz vor der Kreuzung findest du ihn auf der linken Seite. Hatte mir Jan sogar seinen Namen genannt, der wie ein dunkler Ruf klingt, in dem Herbst und Frühling sich mischen? Oder war es der Name des Salons, den ich betreten müsse, um von einem jungen

Mann begrüßt zu werden, das schwarze, lange Haar zu einem Zopf gebunden, die Hände so fein wie die einer Frau, ein Meister der Schere und des schnellen Schnitts, nach dem ich lange Zeit vergeblich gesucht hatte.

Seit zwei Jahren lege ich jeden Monat meinen Kopf in seine Hände. Unter diesen Händen fliege ich in den Weltraum Wenn ich zurück bin und in den Spiegel schaue, sehe ich sein Gesicht direkt über meinem. Noch einmal drückt er mir den Kopf nach unten, ich spüre den Druck seiner Finger und schließe die Augen, im Dunkeln kreisen die Sterne.

,,Wenn ich dir eine Glatze schneide", flüstert er plötzlich, ,,müsstest du jede Woche kommen."

Da öffne ich die Augen, erschrocken, glücklich: Ein kleiner Gott grinst mich an. Ein kleiner Gott? Ach was! Wie anmaßend so ein Wort! Schon grinst er nicht mehr. Er sieht mich konzentriert an. Mit einer Hand berührt er mein Haar. ,,OK?", fragt er mich.

,,Danke", sage ich.

 

Hans Happel

Hamburg, im Februar 2016

 

 

Poet's Gallery Beitrag Juni 2016

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Stefan Trachsel

 

 

 

 

 

 

 

Stefan Trachsel, zuhause im Berner Oberland/Schweiz, ist verheiratet und hat 2 Kinder. Arbeitet vorwiegend mit Zahlen aber auch mit Menschen, und beschäftigt sich nebenbei sehr gerne mit Liedtexten und deren Vertonung.

Drei Lieder

 

En angeri Zyt                     ( Jan. 2016)

 

Dieser Text ist mir zur aktuellen Flüchtlingsmigration in den Sinn gekommen. Dazu habe ich eine relativ moll-lastige Melodie gewählt, was dazu führte, dass die Beschäftigung mit dem Lied mich zeitweise ziemlich niedergedrückt hat. Und doch wollte ich nichts schönfärben, sondern es bei einem kleinen Aufruf, was die Welt braucht, sowie einem kleinen Hoffnungschimmer auf ein glücklilches Ende belassen.

 

 

Es mues doch e Wäg gäh,                                                     

 zu däm Tau us da.                                                                    

 Es het aube Täg gäh,                                                                

 wo mer aues hei gha.                                                              

 U wo mir hei glacht,                                                                

 u nis um nüt u niemer Sorge hei gmacht.                    

 Aber d‘Zyt, isch en angeri hütt.                                       

 

 Mir früüre a d‘ Fingere,                                                         

 mir früüre a d‘ Bei.                                                                   

 Ma mi no erinnere,                                                                  

 wi’s gsii isch dahei:                                                                 

 Es Hüsli vou Liecht,                                                                

 am Schmineefüür het’s mi so heimelig tüecht,      

 Aber d‘Zyt, isch en angeri hütt.                                       

 

 Warum ghört üs niemer,                                                

 u git üs si Hang?                                                                   

 Es gseht us aus wandle                                                    

 si toub umenang.                                                                 

 

Es Härz wo verschänkt  - bruucht die Wäut      

 nid eis wo nume a sich säuber dänkt.                    

 Aber d‘Zyt, isch en angeri hütt.                                  

 

Herr la nid verlore ga,                                                        

 wär nach Liebi suecht,                                                     

 o we mir dä Wäg da,                                                           

 hei mängisch verfluecht.                                                

 Am Änd vo de Täg                                                               

 steit es Hüsli vouer Liechter am Wäg.                   

 Aber d‘Zyt, isch en angeri hütt.                                  

 

 

Die folgende Übersetzung von „En angeri Zyt“  ins Hochdeutsche erfolgt wortwörtlich: Eine andere Zeit: „Es muss doch einen Weg geben,/aus diesem Tal raus da./Es gab früher Tage,/An denen wir alles hatten./Und wo wir lachten,/und uns um nichts und niemanden/Sorgen  machten./Aber die Zeit, ist eine andere heut.//

 Wir frieren an Fingern,/wir frieren an Beinen./Kann mich noch erinnern,/wie es gewesen ist daheim:/Ein Häuschen voller Licht,/am offenen Kaminfeuer so heimelig. Aber die Zeit, ist eine andere heut.//

 Warum hört uns niemand,/und gibt uns seine Hand?/Es sieht aus als wandeln/sie taub umeinander./Ein Herz dass verschenkt  - braucht die Welt/nicht eines, das nur an sich selber denkt./Aber die Zeit, ist eine andere heut.//

 Herr, lass nicht verloren gehen,/wer nach Liebe sucht,/auch wenn wir diesen Weg da,/oftmals verflucht haben./Am Ende der Tage,/steht ein Häuschen voller Lichter am Weg./Aber die Zeit, ist eine andere heut.

 

 

Uf em Wäg                                                                                  

(Lied, als heiteres Country-Stück gespielt)

 

Refrain:

 I bi uf em Wäg  über Stock u Stei,                                    

 u hie uf em Wäg, da bini dahei.                                          

 U du zeuisch Täg bis i mi iirei,                                          

 wi’s nüt bessers gäb, da blibi lieber frei.                   

 

Strophen:

 Für was geng i däm Strom mitschwümme,             

 da wirsch ertoube, wirsch erblinne,                           

 de lieber zäme gane Bärg erklimme.                            

 Für was geng d’Leitere ufwärts stiige,                       

 da lani di angere gärn la siige,                                           

 u spile derwile chli uf mir Giige .                                    

 

 Es Läbe lang ga Bsitz ahüüffe,                                           

 u d’Sorge drum im Stress ersüüffe,                               

 de lieber chli nach de Stärne griffe .                              

 Mau muesch di gliich vo auem trenne,                         

 je meh du hesch, je meh wirsch gränne,                      

 doch so laht es sich fridlech penne ...  

 

 Die folgende Übersetzung von "Uf em Weg" ins Hochdeutsche erfolgt wortwörtlich:

Refrain:

Auf dem Weg: Ich bin auf dem Weg über Stock und Stein,/und hier auf dem Weg, da bin ich daheim./Und du zählst die Tage bis ich mich einreihe,/als gäbe es nichts besseres, da bleibe ich lieber frei.//

Strophen:

Wofür immer in diesem Strom mitschwimmen,/da wirst du ertauben, wirst erblinden,/dann lieber zusammen einen Berg erklimmen./Wofür immer die Leiter aufwärts steigen,/da lasse ich die anderen gerne siegen,/und spiele derweil ein wenig auf meiner Geige.//

Ein Leben lang Besitz anhäufen,/und die Sorgen darum im Stress ersäufen,/dann lieber nach Sternen greifen./

Einmal musst du dich gleichwohl von allem trennen,/je mehr du hast, je mehr wirst du weinen,/doch so lässt es sich friedlich schlafen.

 

 

Büro Blues

 

 Verse 1-4:

Hocke i däm Büro                                             

vorem PC,                                                               

drücke uf di Taschte,                                       

zeue Zahle zäme,                                                 

u nachhär wider ab.                                         

 

Hocke vorem PC,                                               

drücke d‘Taschte                                               

u mi ä chli ume,                                                    

d'Zyt zeigt achti null vier,                            

bis Kafi no e Stung.                                            

 

Hocke vor de Taschte,                                   

flink u schnäu tönts,                                        

Houptsach geng schön gschäftig,            

aus wo'd süsch no ghörsch isch              

dr Maa im Radio.                                                

 

Hocke a däm Tisch da,                                    

luege grad mis                                                      

Lieblingsdokumänt aa,                                   

dert schteit hütt git's Bratwurscht      

mit Röschti, das isch fein.                             

 

Zwischenteile 1+2:

Angeri hei Hunger,                                            

hei nüt z'Ässe,                                                      

da chöi mir doch nid chlage,                       

d'Chole längt ja meischtens füürig,        

o für öppis drüberii.                                        

 

Besser isch sech schtiu z'ha                       

a der Steu da,                                                         

Sicherheit mues vor ga,                                 

o wen ii no es paar Tröim hätt,                 

doch vo däm wird niemer satt.                

 

Verse 5+6:

Hocke uf däm Stueu da,                                  

ligti lieber,                                                              

niemti no es Nückli,                                          

gseh a derä Wang da                                         

das Zyt u das macht tigg.                               

 

Hocke vorem Biudschirm,                          

gseh wi gäbig                                                        

z'Läbe im Büro isch,                                        

ja du fougsch am Muuspfiu,                         

dr Muuspfiu fouget dir.                                  

 

Zwischenteile 3+4:

Mengisch ja da wott's mi                              

bau verschrisse,                                                 

d' Sehnsucht nach däm Öppis.                   

Isch es würklech was i schaffe,                

für was i gschaffe bi?                                       

 

Ha's nid verdient, das i hie                          

bi gebore,                                                                

im Land vo Chäs u Schoggi,                          

aber itz grad wär i lieber                              

furt im Süde irgendwo;                                  

u dert täti e chli fische,                                   

nid wyt vo mim Bungalow.                         

 

Vers 7:

 Hocke uf mir Arbeit                                        

fescht wüsst Bessers,                                     

s'dörfti ja scho Püetz si,                                

we nes nume Sinn miech.                              

Fyrabe und wäg!                                                

 

Die folgende Übersetzung von „Büro Blues“  ins Hochdeutsche erfolgt wortwörtlich: 

Verse 1-4:

Sitze in diesem Büro vor dem PC, /drücke auf diese Tasten,/zähle Zahlen zusammen,/und nachher wieder ab.//

Sitze vor dem PC,/drücke die Tasten und mich etwas herum,/die Zeit zeigt acht Uhr null vier,/bis Kaffee noch eine Stunde.//

Sitze vor den Tasten,/flink und schnell tönt’s,/Hauptsache immer schön geschäftig,/alles was du sonst noch hörst ist/den Mann im Radio.//

Sitze an diesem Tisch da,/schaue gerade mein Lieblingsdokument an,/dort steht heut‘ gibt’s Bratwurst/mit Rösti, das ist fein.//

Zwischenteile 1+2:

Andere haben Hunger,/haben nichts zu essen,/da können wir doch nicht klagen,/das Geld reicht ja meistens längstens,/auch für etwas darüber hinaus.//

Besser ist sich still zu halten/an dieser Stelle da,/Sicherheit muss vorgehen,/auch wenn ich noch ein paar Träume hätte,/doch davon wird niemand satt.//

Verse 5+6:

Sitze auf dem Stuhl da,/läge lieber,/nähme noch ein Nickerchen,/sehe an dieser Wand da,/die Uhr und die macht „tick“.//Sitze vor dem Bildschirm,/sehe wie angenehm/das Leben im Büro ist,/ja du folgst dem Mauspfeil,/der Mauspfeil folgt dir.//

Zwischenteile 3+4:

Manchmal ja da will es mich/fast zerreissen,/die Sehnsucht nach diesem Etwas./Ist es wirklich was ich schaffe/wofür ich geschaffen bin?//

Habe es nicht verdient, dass ich hier/geboren bin,/im Land von Käse und Schokolade,/aber jetzt gerade wär ich lieber

Weg/im Süden irgendwo;/und dort täte ich ein wenig fischen,/nicht weit von meinem Bungalow.//

Vers 7:

Sitze auf meiner Arbeit/fest wüsste Besseres,/es dürfte ja schon Arbeit sein,/wenn es nur Sinn machte./ Feierabend und weg!

 

 

Poet's Gallery Beitrag Mai 2016

www.schreibfertig.com

Karin Rünger

Karin Rünger

 

Jahrgang 1950

 

Die Abenteuer des Hasen Fiffikus haben ihren Ursprung 1979.

Als Gute-Nacht-Geschichten für meinen damals einjährigen Sohn, ließ ich

meiner Fantasie freien Lauf. Vor zwei Jahren habe ich angefangen diese

zu Papier zu bringen. Eine lieb gewonnene Beschäftigung, bei der ich

wunderbar entspannen kann.

 

 

Der Hase Fiffikus und seine Freunde

 

Es war kurz vor Ostern, Weidenkätzchen und Winterlinge blühten um die Wette. Noch vor einer Woche hatte es geschneit, ein letztes Mal ließ der Winter sich blicken, nun schickte die Sonne ihre wohlige Wärme auf die Erde.

Im Wald ging es lebhaft zu, die Tiere waren erwacht, Nester wurden gebaut, Höhlen gesäubert, ausgebessert und frisches Futter herangeschafft. Die ersten Gräser und Sprossen entpuppten sich als wahre Leckerbissen. Die Wintermonate waren lang und feucht gewesen, alles freute sich auf die warme Jahreszeit.

Auch bei Fiffikus und seinen Freunden war Frühjahrsputz angesagt. Der Igel hatte seinen Winterschlaf beendet und jetzt, wie immer, einen Mordshunger. Mausi und Blümchen, die kleine Häsin, fegten und putzten von früh bis spät, der Igel achtete darauf, ihnen nicht im Wege zu stehen, er wartete auf die Rückkehr von Fiffikus und Willi Waschbär, oder besser gesagt, er wartete auf die Leckereien, die die beiden mitbringen würden. Er hatte es sich vor dem Bau bequem gemacht und rekelte sich in der Sonne. Über ihm in der dicken Buche baute ein Spatz mit seiner Spatzenfrau an einem Nest, eifrig flogen die beiden hin und her, kamen sie zurück, hatten sie die Schnäbel voller Gras, kleiner Zweige und alter Blätter. Daraus entstand eine kunstvolle Halbkugel, die mit Moos ausgepolstert wurde. Immer wieder betrachtete Frau Spatz das Nest skeptisch, bis ihr Gatte mit einer herbstbraunen Blütendolde angeflogen kam, fast größer als er selber, geschickt neben dem Neubau landete und gemeinsam mit seiner Frau die Dolde zerrupfte und verbaute. Nun wurde das Bauwerk für gut befunden und die Bauherren schnäbelten zufrieden miteinander.

Mausi und Blümchen kamen aus ihrem Bau und verkündeten: Auf, auf, komm Igel wir holen Moos, um unser Heim gemütlicher zu machen. "Och nö“, der Igel hatte so gar keine Lust. Aber die beiden Freundinnen ließen ihm keine Ruh,er musste mit. Missmutig trottete er hinter ihnen her. Während die Drei sich also auf den Weg machten, sammelten Fiffikus und Willi junge Gräser, Sprossen und Wurzeln, ihr Körbchen war schon fast voll, als sie den Biberbau erreichten. Herr und Frau Biber arbeiteten an ihrem Damm, es war viel zu tun, Frost und Schnee hatten dem Bauwerk geschadet, doch die beiden waren fleißig und guten Mutes.

Nun aber galt es die Arbeit zu unterbrechen, mit großem „Hallo“ wurden der Hase und sein Freund willkommen geheißen. Sie hatten sich lange nicht gesehen und es gab viel zu erzählen, doch Herr Biber war unruhig, er wollte seine Arbeit fortsetzen. Denn die Schneeschmelze in den Bergen brachte auch für den Bach viel frisches Wasser und er mochte keinen Dammbruch riskieren.

Fiffikus und Willi hatten dafür Verständnis, sie packten gleich mit an, damit die größeren Äste schneller verbaut werden konnten. Nach getaner Arbeit verabschiedeten die Freunde sich und schlugen die Richtung zum Eichenwäldchen ein. Hier hofften sie Porky und seine Familie zu treffen. Sie hatten das Wildschwein zuletzt vor Weihnachten gesehen und freuten sich sehr auf den Freund.

Im Eichenwäldchen war reger Betrieb, Rehe, Hasen, Eichhörnchen und jede Menge Vögel, auch das Hämmern eines Spechts war zu hören, nur kein Wildschwein weit und breit. Niemand hatte die Rotte gesehen. Enttäuscht traten die Freunde den Heimweg an.

Kaum hatten sie den Eichenwald hinter sich gelassen, vernahmen sie ein leises Schluchzen und Wimmern, das sie in ein Brombeerdickicht führte. Mittendrin, zwischen den pieksigen Zweigen, zappelte ein Hasenmädchen in einer Draht Schlinge, dicke Tränen kullerten aus ihren Augen, die als sie Fiffikus und Willi erblickte, vor Schreck riesengroß wurden. Vor Angst versiegte der Tränenfluss und die Häsin versuchte sich rückwärts in das Gebüsch zu drücken „Keine Angst“ ,Willi redete beruhigend auf die Kleine ein, „wir wollen dir helfen.“ Er schaute auf Fiffikus, der wie erstarrt neben ihm stand. Sein Freund stierte auf das Hasenmädchen.

„He,“ meinte Willi und knuffte dem Hasen in die Seite. Da erst kam Leben in Fiffikus. Ohne Rücksicht auf sein Fell bahnte er sich den Weg durch die Brombeersträucher. Er dachte nicht mehr an die Draht Schlinge, sondern umarmte das verängstigte schwarz-weiße

Fellknäuel, dabei hörte Willi immer und immer wieder: Schneewittchen oh, Schneewittchen.

Willi war ganz perplex, nun stand er regungslos, bis Fiffikus von dem Hasenmädchen abließ und rief „ Willi, Willi, komm schnell, das ist meine Schwester Schneewittchen.“

Nun hatte auch Schneewittchen sich von ihrem Schrecken erholt, auch sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen „Fiffikus?“ fragte sie erstaunt. Willi hatte seinen Freund noch nie so aufgelöst gesehen. Der Hase sah seine Schwester an, er hatte 1000 Fragen, doch Willi ging dazwischen, „Bei aller Wiedersehensfreude solltet ihr die Schlinge nicht vergessen.“ Der Waschbär hatte Recht, je mehr sich Schneewittchen bewegte, je enger zog sich der Draht und bohrte sich in ihrem rechten Hinterlauf. Der Draht war am anderen Ende um einen kleinen Baum gelegt und nicht zu lösen. Auf dem Bauernhof, im Schuppen neben der Scheune, gab es Werkzeug, damit hätte man den Draht durch knipsen können. Aber der Hof war weit weg.

Fiffikus drehte sich um, rief „ich hol Hilfe, Willi paß auf meine Schwester auf.“ Schon war er nicht mehr zu sehen. Willi baute für Schneewittchen eine keine Mulde, in der sie es bequem hatte und der Draht sich nicht so spannte. Er setzte sich neben sie, etwas verlegen betrachtete er das Hasenmädchen. Sie sah ihrer Schwester Blümchen gar nicht ähnlich. Schneewittchen hatte schwarzes glänzendes Fell, bis auf Brust und Hals, welche schneeweiß leuchteten. Sie sah jetzt etwas zerrupft aus, ihrer Schönheit tat das keinen Abbruch. „Danke für deine Hilfe, ich habe Glück, dass du Fiffikus so ein guter Freund bist“, meinte die  Häsin. Willi wiegelte ab und erzählte von ihrem Zuhause, von Mausi, dem Igel und natürlich von Blümchen. Damit löste er bei Schneewittchen große Freude aus. „ Und dann haben wir noch viele Freunde auf dem …......,“ der Waschbär unterbrach seine Erzählung und lauschte. „Pst, leise, da ist etwas,“ flüsterte er dem Hasenmädchen zu. Beide duckten sich und spitzten die Ohren. Deutlich war jetzt ein Rascheln zu hören. Nicht weit von ihnen schlich der Fuchs durch den Wald, immer auf der Suche nach Beute. Sie hatten Glück, der Wind stand gut, sodass der rotbraune Geselle sie nicht wittern konnte, aber Vorsicht war geboten, er hatte gute Ohren. Schneewittchen zitterte, erst die Draht Schlinge und nun auch noch die Angst, gefressen zu werden, gut dass sie nicht alleine war, nicht auszudenken was passiert wäre, hätten Willi und Fiffikus sie nicht gefunden. Plötzlich ein Getöse. Zwei Eichhörnchen waren aus einem Baum dem Fuchs direkt vor die Nase geplumpst, bevor dieser jedoch reagieren konnte, hatten sie den nächsten Baum erreicht, doch oh Schreck, eines der Eichhörnchen humpelte. Der Fuchs, nun hellwach, setzte sofort zum Sprung an, doch das pfiffige Eichhörnchen hatte sich nur verstellt, der Fuchs landete im Moos und das schlaue Hörnchen saß bei seinem Bruder im Baum. Willi meinte ein Augenzwinkern bemerkt zu haben bevor beide anfingen, sich keckernd über den Fuchs lustig zu machen, so lockten sie ihn immer weiter in den Eichenwald, weg vom Brombeerdickicht. Willi atmete erleichtert auf, wie gut waren Freunde in der Not. Die Gefahr war vorbei. 

Währenddessen hatte Fiffikus den Bach erreicht, Herr und Frau Biber waren noch bei der Arbeit und staunten nicht schlecht, den Freund so schnell wieder zu sehen. Der Hase sprudelte mit seinem Anliegen heraus. Die Biber schauten sich irritiert an, sie hatten nichts verstanden, nur , dass ihr Freund sie brauchte. Sie ließen alles stehen und liegen und rannten ihm hinterher.

Außer Puste erreichten die Drei den Eichenwald und dann das Brombeergestrüpp. Willi war erleichtert, die Biber zu sehen, da der Fuchs noch in der Nähe sein konnte, fällten die Biber kurzerhand den kleinen Baum, nahmen den Draht und drückten ihn Fiffikus in die Pfote.

„Bring deine Schwester an den Bach, da können wir die Schlinge in Ruhe entfernen“, meinte Herr Biber. So machten sie sich, Schneewittchen wurde von Willi und ihrem Bruder gestützt, auf den Weg zum Bach. Dank der scharfen Zähne von Herrn und Frau Biber war das Hasenmädchen am späten Nachmittag ihre Fessel los. Nun ging es heimwärts. Da bemerkte Willi, dass der Korb mit den Leckereien noch bei dem Brombeergebüsch stand, also erst der Korb, dann der heimelige Bau, schließlich wollten sie es sich nicht mit dem Igel verderben. Endlich zuhause angekommen war die Freunde grenzenlos, Blümchen und Schneewittchen umarmten sich und mochten gar nicht mehr von einander lassen. Der Igel freute sich mit ihnen und muffelte die frischen Sprossen nach und nach in sich hinein.

Mausi war erstaunt ruhig geworden, sie freute sich für ihre Freundin, doch was würde aus der Freundschaft werden, nun wo Schneewittchen da war?

Blümchen bemerkte davon nichts, nur Willi setzte sich neben Mausi, legte den Arm um sie und meinte „ Freundschaft bleibt Freundschaft und Blümchen hat sich dich als Freundin ausgesucht, bestimmt gewinnst du jetzt noch ein Freundin dazu.“ Die Idee gefiel Mausi und sie lächelte Willi dankbar an.

Nachdem alle satt und zufrieden vor ihrem Bau saßen, Blümchen und Maus nebeneinander in gewohnter Eintracht, sollte Schneewittchen ihre Geschichte erzählen. Ihr Bein war verarztet, doch die Freunde merkten, wie erschöpft sie war, fast fielen ihr die Augen zu.

Über ihnen aus dem Baum meldete sich die Eule zu Wort „Lassen wir die Kleine erst einmal schlafen, die Geschichte läuft uns nicht weg. Gute Nacht Freunde.“

Fiffikus nickte „Unsere Freundin Eusebia hat wie immer Recht, lasst uns schlafen gehen, morgen ist auch noch ein Tag.“

 

 

Nadine Herberger

Angstschweiß

 

Wie soll ich ihn endlich dazu bringen, dass er mit mir ins Kino geht?“ frage ich und blicke in den großen Spiegel im Flur meiner Freundin Charleen. Sie steht daneben und trägt Lippenstift auf. Dean holt sie in einer halben Stunde ab. „Tu nicht so, Sue. Es liegt an dir. Frag ihn einfach. Es ist offensichtlich, dass er auf dich steht. Wieso machst du so ein Drama draus? Handy raus, SMS schreiben. Los.“ Ich seufze, denn ich weiß, dass sie im Grunde Recht hat. Wären da nicht meine Ängste. Unglaubliche Ängste. Niemand außer mir weiß davon. Ich schäme mich. Dabei könnte es so einfach sein. Seinem besten Freund Dean gegenüber erwähnte er, dass ich ein „heißer Ofen“ sei und er gern mal den Arm im Kino um mich legen würde. Den Arm! Er will seinen Arm um mich legen! Im Kino! Am liebsten würde ich schreiend davon laufen. Denn das ist meine größte Angst: Achselhöhlen! Es klingt unglaublich. Aber ich habe noch keinen Menschen getroffen, der im Besitz einer gut riechenden oder gut aussehenden Achselhöhle ist. Selbst ich nicht. Meinen Würgereflex habe ich inzwischen, nach jahrelangem Training, im Griff. Hauptsächlich in Hinsicht auf meine eigenen Achselhöhlen, da ich diese penibel reinige und pflege. Des Weiteren klebe ich Slipeinlagen mit Aloeveraduft in Höhe der Achselhöhlen in meine Klamotten, sodass kein Schweißtröpfchen auch nur entfernt eine Chance hätte auf mein Kleidungsstück zu gelangen. Denn der Geruch, der dabei entsteht, ist das Widerlichste überhaupt.

 

Steve ist mein Traummann. Ich weiß es. Mit 17 weiß man, wer der Mann fürs Leben ist und Steve ist es definitiv. Eigentlich bin ich nicht schüchtern. Und bestimmt hätte ich ihn schon nach einem Kinobesuch gefragt. Aber es ist August und Steve trägt gerne Achselshirts. Er sieht auch gut darin aus, mit seinen muskulösen Oberarmen.

 

Das Hupen holt mich aus meinen Gedanken. Charleens Wangen leuchten in der Farbe ihres Lippenstiftes. Zusammen gehen wir raus. Mein Herz macht einen Sprung, als ich Steve in Deans Wagen sehe. Das Verdeck des Cabriolets ist geöffnet. Mit einem Satz springt er auf die Rückbank und klopft daneben. Charleen setzt sich auf die Beifahrerseite. Steve ruft mir zu: „Hüpf rein, wir fahren dich nach Hause!“ Dann legt er seinen Arm auf die Kopflehne neben sich. Meine Augen weiten sich und meine Hände werden feucht. In solchen Momenten wünschte ich mir, Charleen in meine Angst eingeweiht zu haben. Sie lächelt mich an und nickt mir zu. Ich schlucke und antworte: „Tut mir leid, ich kann nicht, ich muss noch zu meiner Oma.“ Charleen verzieht ihr Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. „Wir können dich auch zu deiner Oma fahren, soviel Zeit ist noch“, sagt Dean. Die Slipeinlagen unter meinen Achseln werden schwer. Steve lächelt noch immer und ich sehe kurz in den Himmel. Ich gebe mir einen Ruck und setze mich neben ihn. „Ich muss doch erst nach Hause“, sage ich und Steve startet den V8. Dann passiert es: Dean hebt seinen Arm an und legt ihn erneut auf die Kopflehne. Ich starre auf seine Achselhaare. An ihnen kleben kleine weiße Brocken. Deospray. Vermutlich ein Billiges aus dem Supermarkt. Es gibt bessere Produkte. Aber immerhin ist es kein Deostick. Die wirken nicht so gut, finde ich, und hinterlassen auf der Haut um die Haare herum Streifen, als sei eine Schnecke großzügig darum gelaufen. Mir wird schlecht. Mein Würgereflex meldet sich. Ich rufe: „Tulpen! Tulpen! Tulpen!“ Das hilft. Meistens jedenfalls. Steve nimmt seinen Arm runter und sieht mich mit nach oben gezogenen Augenbrauen an, dann legt er seine Hand auf meinen Arm und fragt: „Was hast du gesagt? Das Auto ist so laut. Alles okay?“ Ich nicke und schlucke meine Panik hinunter. In Gedanken bin ich auf einem Tulpenfeld. Es ist noch ein ganzes Stück bis wir bei mir zuhause sind. Steve bemerkt, dass ich ihn ansehe. Dass ich Angst habe, bemerkt er nicht. Er deutet meinen Blick als Einladung, lächelt und legt seinen Arm wieder auf die Kopflehne und somit um mich. Seine Finger berühren meinen Oberarm. Das beruhigt mich. Denn sie hinterlassen kleine heiße Spuren auf meiner Haut. Mein Herz startet einen Marathonlauf. Ich konzentriere mich nur auf seine Finger, nicht auf seine Achselhöhle. Es funktioniert. Denn wir stehen vor dem Haus meiner Eltern. „Danke fürs Mitnehmen. Viel Spaß im Kino.“ Ich steige die Treppe hinauf und stoppe, als ich eine Bewegung hinter mir bemerke. Steve. „Warte Sue, soll ich dich zu deiner Oma begleiten?“ „Zu meiner Oma?“ Steve sieht mich an und fragt: „Du musst doch noch zu deiner Oma oder nicht? „Ja stimmt, tut mir leid. Aber mein Vater fährt mich hin. Mir ist eingefallen, dass er mitgeht.“ Steve legt den Kopf schief und sagt: „Schade. Aber vielleicht hast du morgen Abend Zeit?“ Sein Lächeln lässt meine Knie weich werden. Ich zittere und bin dankbar, dass er es als Frösteln deutet, denn er reibt meine Arme mit seinen Händen. Das fühlt sich gut an. Seine großen Augen fixieren mich. Ich lecke meine Lippen ab. Da hupt Dean und ruft: Komm schon, wir müssen los! Oder willst du heim laufen?“ Steve zuckt die Achseln und sagt: „Schreib mir ’ne SMS. Dean fährt mich jetzt heim, damit er mit Charleen ins Kino kann. Ich nicke und sehe zu, wie die drei davon fahren.

 

In meinem Zimmer werfe ich mich aufs Bett und ziehe mein Handy aus der Hosentasche. Dann blicke ich auf seine Nummer und tippe eine Nachricht an ihn. Doch ich schicke sie nicht ab. Zu groß ist die Angst. Was ist, wenn er wieder ein Achselshirt anhat? Was, wenn wieder diese widerlichen weißen Klümpchen an seinen dünnen blonden Härchen hängen? Was, wenn ich mich übergeben muss? Nein ich werde ihn nicht fragen, ob er mit mir ins Kino geht. Beschließe ich und schlafe ein.

 

Am nächsten Morgen werde ich durch das Piepen meines Handys geweckt. Ich reibe mir die Augen und schaue nach. Zwei Nachrichten von Steve. Er schreibt, dass er mich gerne sehen würde. Ich nehme all meinen Mut zusammen und schreibe: Lieber Steve, ich möchte dich auch gerne wieder sehen. Heute Abend würde bei mir gehen, doch wie bringe ich dich endlich dazu, dass du mit mir ins Kino gehst?

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Poet's Gallery Beitrag März 2016

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Beate M. B. Kellermann

Beate M. B. Kellermann, geboren in Hamburg, Studium der Anglistik und Pädagogik, als Lehrerin tätig gewesen. Lebt indessen in Schleswig-Holstein

auf dem Land, wo sie mit Begeisterung gärtnert. Ist glücklich verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Träumt davon, einen Bauernhof mit vielen Tieren zu bewirtschaften...

In der Trödelscheune                                                                          

„Ich hab was entdeckt“, flüsterte Herbie Eva zu und wies mit dem Kopf zur  gegenüberliegenden Ecke der Trödelscheune. "Die gusseiserne Platte dort,

ich werd’ runterhandeln, misch dich nicht ein!"

Während sie weiter in den Regalen mit Porzellan stöberte, steuerte Herbie auf einen Mann zu, der schräg gegenüber im Kassenbereich Ware aus einem Pappkarton holte und mit Preisaufklebern versah.

„Hallo! Sind Sie hier der Verkäufer?“

Die Gestalt richtete sich auf : „Junger Mann, ich bin der Inhaber!“

„Würden Sie mir trotzdem etwas verkaufen?“

„Darum bin ich ja hier!“

„Ich weiß aber noch nicht, ob ich etwas kaufen will.“

„Warum fragen Sie dann?!“

„Es könnte sein, dass ich etwas kaufe. Ich weiß aber noch nicht, ob es passt!“

„Wie meinen Sie das? Was haben Sie denn gesehen?“

„Da hinten in der Ecke“, machte sich Herbie auf den Weg, den Inhaber im Schlepptau, „da hinten, die gusseiserne Platte mit Relief, die kann ich eventuell gebrauchen. Sehen Sie, diese hier!“

„Hmmm“, brummte der Inhaber und fixierte den Blick.

Herbie trat näher an die Platte heran: „Die ist ja total verstaubt!  Webplatz für Spinnen! Kann ich meiner Frau gar nicht zeigen, die schreit und läuft weg! - Wie lange steht denn die schon!?“

„Kann ich Ihnen nicht sagen, wie soll ich das wissen bei den Massen!“, verteidigte sich der Inhaber.

„Hat sich wohl noch kein ernsthafter Interessent dafür gefunden, verstaubt und eingewebt, wie sie ist!“

„Ist eben was Spezielles, was für Liebhaber!“, zog der Händler nach.

„Liebhaber bin ich auch, aber nicht von verstaubten Platten! Haben Sie nicht 'ne Hübschere?“

„Nee, das ist meine Einzige! Gibt es nicht oft!“

„Was soll die überhaupt kosten?“

„120 Euro, steht doch dran!“

„Das hab ich für 'nen Witz gehalten!“

„Diese Platten gibt's nicht oft! Hab ich schon gesagt!!“

„Mag sein. Bisher hat sie aber niemand zu dem Preis gekauft! Und es gibt Schönere!“

„ Motive mit Gänsen sind beliebt!“

Der Inhaber unterbrach den Abtausch und putzte die Platte mit der Hand ab: „Also, für 100 Euro würd’ ich sie Ihnen geben! Top Preis! Runde Sache! So günstig kriegen Sie so was sonst nirgendwo!“

„Ich muss erst mal sehn, ob sie von den Maßen her überhaupt passt. Es ist so: Wir haben zu Hause einen gusseisernen Ofen. Etwa 60 cm davon entfernt befindet sich in der Wand, die mit alten holländischen Kacheln versehen ist, eine Verteilerdose. Zugang muss bleiben. Nicht zu ändern. Soweit klar?“

„Meine Frau“, setzte er fort, „möchte die Dose verdeckt haben, passt optisch nicht, sagt sie.- Kann ich Ihren Zollstock?“

Der Inhaber zog den Zollstock aus der Latzhose und streckte ihn Herbie hin.

„Mal sehn...“, machte sich Herbie ans Ausmessen, „das haben wir gleich... Oh, oh, oh! 25 cm! Die Platte ist nur 25 cm hoch, hab ich schon befürchtet! Dann guckt die Dose 4 cm über. Das sieht blöd aus!“

„Da können Sie Holzfüße druntersetzen!“

„Haben Sie welche?“

„Alles hab ich nun auch nicht!! Können Sie selber machen! Kantholz vom Baumarkt! Kost' nicht viel.“

„Aber die Zeit! Und muss auch ausseh'n!“

„Können Sie lackieren! Schwarz passt!“

 „Dann muss ich auch noch Farbe kaufen! Und überhaupt: Die Platte ist schwer, der Unterbau muss solide gearbeitet werden! Sonst kippt das Ding

noch auf die Bodenfliesen, wenn meine Frau beim Saubermachen dagegen stößt! Dann sind die obendrein kaputt!“

 „Da haben Sie nicht ganz Unrecht", lachte der Inhaber auf. „Das kenn ich!“

 „Und ich bin nicht mal sicher, ob meine Frau die Platte leiden mag. Vielleicht gefällt ihr das Motiv nicht! Hat ihre eigenen Vorstellungen... Also, 20 Euro würd' ich Ihnen dafür geben.“

 „Nein! Aus! Auf gar keinen Fall! Kein Geschäft zu machen! Wir brauchen gar nicht weiterzureden!“ Schnaubend drehte er sich um und stampfte in Richtung Kasse los, wo er das Aufkleben von Preisschildern wieder aufnahm.

 Herbie indes holte bei Eva ein Porzellan-Set ab, bestehend aus Vase und Leuchter, und tänzelte damit zur Kassenzone: „Meine Frau möchte gerne die Vase hier. Die kostet 5 Euro?“

 Der Inhaber blickte auf: „Meinetwegen; eigentlich 6 Euro.“

 „Sagen wir, ich zahle für die Platte 30 Euro, und Sie geben mir die Vase dazu?“

 "65 Euro! Keinen Cent weniger!“

 „35 Euro!“

 „Nein!“

 Abermals beugte sich der Inhaber über seine Etikettier-Utensilien. Herbie setzte nach: „Was wollen Sie denn mit all dem Zeugs?! Hier passt doch gar nichts mehr rein! Sie müssen auch mal was verkaufen!“

 „Nicht unter Preis!“

 „Sie zahlen doch nichts für den Krempel! Die Leute sind froh, wenn abgeholt wird, wollen Omas Häuschen verkaufen, zahlen Geld obendrauf!“

 Jetzt richtete sich der Inhaber zu voller Größe auf: „Aber wir arbeiten dafür!“

 „Arbeiten muss ich auch!“, konterte Herbie und nahm ebenfalls eine straffe Haltung an. „Letztes Angebot: Sie geben mir die Vase und den Leuchter hier dazu, und ich zahle Ihnen für die Platte 40 Euro! Da klingelt die Kasse!“

 „Bei Kunden wie Ihnen geh ich pleite! Haben Sie's wenigstens passend?!“

 Herbie zog das Portemonnaie aus der Hosentasche: „Tut mir leid, hab nur 44 klein - da haben Sie mein sauer Verdientes!“

 „Sie machen mich fertig!“ Der Inhaber strich das Geld ein. „Für Appel und Ei mir aus dem Laden gefischt! Und unsereins kommt auf keinen grünen Zweig, bei all der Plackerei nicht!“

 Herbie räusperte sich: „Das sehen Sie ganz falsch: Sie haben jetzt rund 45

 Euro mehr in der Kasse als vorher, dazu sind Sie was von Ihrem Plunder losgeworden! Eigentlich sollten Sie mir dankbar sein! Ich habe Grund zu jammern! In meinem Portemonnaie sind an die 50 Euro weniger als vorher, ich trage mehr oder minder wertloses Zeugs nach Haus und hab mit der Platte noch jede Menge Arbeit am Hals! Dazu musste ich mich hier fusselig reden und weiß nicht mal, ob meine Frau die Platte leiden mag! Vielleicht hängt bei uns gleich der Haussegen schief! - Wer von uns beiden hat da wohl Grund zu klagen: Sie oder ich!!?“

 

Poet's Gallery Beitrag Februar 2016

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Judith-Katja Raab

 

Nach meiner Tätigkeit als Feuilleton-Redakteurin erschienen lyrische Arbeiten und Kurzgeschichten in Anthologien sowie in eigener Regie bei Monsenstein & Vannerdat:"Alter Ego- Lyrisches zum täglichen Wahnsinn"; "Fluchfelder, Fluchtpunkte und die Fliehkraft der Worte- Lyrik und Gedichte zum real existierenden Kaputtalismus"; die Romane: "Am Ende des Ganges oder der Ruck"; "Muttertage"; "Wir Zombies vom Fimmelberg";  "Die graue Zeit der kalten Sophie".

Drei Gedichte rund ums Ballett:

 

Klassisch von der Stange

 

Klassisch von der Stange

 

Aus dem Hals die Stickluft im Saal

hängt der Spiegel rings um die Stange

Wiegefüsschen und Elfenhändchen

wächserne Masken elegisches Siegel

Schweiß poliert das Haar im Dutt

gefedert die Gummigliederpüppchen

in Marzipanstrümpfen

Stumpen aus Wolle um Fesseln

Trikots klassisch Geheimnis offen

die zweite Haut verkeilt eine fahle Schale

auf Hohlwegen verbrühte Münder blühen

stumm gerissene Augen schattig gefeilt

Schweben erträumen fern der Schwere

blutender Zehen und gesplitterter Nägel

 

rigoros die Kunst des Augenblicks

ein Höhenflug zur Unsterblichkeit

erhungert und erkotzt im Takt

die Pose - Folter des Stumpfsinns

           

wider den eigenen Leib im Krieg

choreographisch zensiert

diktatorisch dressiert

Schritt für Schritt

           

 

Schwanensee

 

Schwanensee

 

Gefiederte Grille vom Sieg des Guten übers Böse

irrlichtert Rotbarts Zaubermacht im schwarzen Schwan

zweiundreißig Fouettés brechen die Fiktion

weiß allein die Siegerin das liebende Gefühl nichts

als Geometrie der Grazie rettet das Kalkül

bewährter Register lichter Träumereigen

im Flug zwischen Himmel und Erde in Kälte und Glut

 

die zerbrechliche Königin in den Fängen lauter

Windgeschöpfchen des Heut und Nun

trügerisches Geflügel -  fragile Narzißchen

                                    knabenhafte Nymphchen

                      

                        in Serie aus dem FF geklont die schale

Haut über Knochen flüchtig umwandet

vermessen verstümmelt verschnürt gedrängt gezwängt

                      

Wolkenvögel mit Schwingspitzen geschärft

                        die Becken unterm Federflaumröckchen

reizvoll Spitzenschuhe en dehors

gestelzt die Pas de deux de trois de quatre

 

Zündhölzchen die sich einer streicht

aus den Lagern der Dompteure.

 

 

Verhüstelte Schritte

 

Verhüstelte Schritte

 

Im Rhythmus verhüstelter Schritte

die Reize verweht der Früchtegarten

holder Wahn von Sphärenklängen auf Zehenspitzen

Spinnen über den Schädel rückwärts

laufen aus dem Takt der Zeit           

die verrosteten Gedankenspiralen

geschundener Stunden voller Fehltritte

Misstöne überspannter Bögen

 

abgeblättert die Stirn zur Erde stürzt

das vergilbte Zeugnis angezettelter Tänze

welker Lieder lauter Sterbenswörter

mezzoforte im rasenden Zug

 

verbuchstolpere ich Buchstaben rundbäuchig

schwänzelnde Stoffel in Reih und Glied

auf dem Strich nach meiner Pfeife tanzen

widerständig gegen den Terror der gepfefferten Feder

auf zerrissenem Papier der Silbentausch

 

nach Belieben das herrschsüchtige Spiel

meine ausgelaufenen Sätze mit nackten Sohlen

steppen für das Buch des Lebens

einer verlöschenden Schrift.

 

Poet's Gallery Beitrag Januar 2016

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Beate Berkhan

 

 

 

 

Beate Berkhan,

Jahrgang 1951, 

seit 2010 in der

Schreibwerkstatt

im Haus im Park,

Forum für Impulse,

Hamburg-Bergedorf,

hat Spaß am Text

und an Kreativität

 

Beate Berkhan

Kersti aus Omma  

 

Es waren die Augen, die mir sofort auffielen, einen zweiten, sogar einen dritten Blick wert waren. War es der Ausdruck oder das Leuchten? Dunkle Knopfaugen, so lebendig …

Die alte Frau wirkte zufrieden, gelassen,  fast verschmitzt. Das Gesicht war völlig von Falten durchzogen, runzelig wie bei einem vertrockneten Apfel. Angedeutet die geschwungenen Augenbrauen, leicht hochgezogen, dazu

die wohlgeformte Nase, nicht zu groß.

Der Mund,  fest geschlossen, aber nicht verbissen. Ein Lächeln umspielt ihn.  Auch hier viele Runzeln, das runde Kinn ausgeprägt, dann  der Übergang zum  faltigen Hals.

Das dünne  Haar über der hohen Stirn ist in der Mitte gescheitelt, hinten zusammengefasst; vielleicht zu einem kleinen Knoten? Ein kräftiges Ohr ist mir zugewandt.

Der Gesamteindruck dieses Gesichtes ist Güte und  Zufriedenheit. Im Vordergrund eine erhobene Hand, gedrehte Finger halten eine flach gewölbte Schale empor. Vom Daumen sieht man nur die Kuppe, die Nägel des Zeige-, Mittel- und Rindfingers sind gerade und kurz geschnitten, der kleine Finger ist nicht zu sehen.

 

Die Signatur des Künstlers unter dem Bild ist schwer zu lesen, datiert war die Kohlezeichnung auf 1929.

Über dem Bild zwei Zeilen in altem schwedisch.

Begeistert von diesem Portrait begann ich mit dem Händler ein Gespräch. Wir spekulierten über das Leben der alten Dame. Sicher war sie schwere, körperliche Arbeit im Freien gewohnt. Was bedeutete die Schale? Völlig einig waren wir uns über die lebhaften Augen und den lebendigen  Gesichtsausdruck. Das Bild hatte einen passenden Rahmen und mein Mann und ich einigten uns mit dem Verkäufer auf einen fairen Preis.

Daheim begann ich dann mit meinen Recherchen. Wie lautete der Name des Künstlers? „ Jan Akkson“, hatte mir der Händler gesagt. Meinte auch, es wäre ein altes schwedisches Sprichwort in dem Text. Meine Neugier war jedenfalls geweckt.

Nach einiger Zeit hatte ich die Identität des Malers: Carl Ola Jonas Akesson (1879-1970), geboren in Malmö. Mit drei verschiedenen Schriftzügen signierte er während seines künstlerischen Schaffens. Zu 1929 passte die im Netz abgebildete  Unterschrift mit der auf meinem Bild überein.

Kaum konnte ich es fassen, als ich den Titel des Bildes herausfand: „Kersti aus Omma“

Es gehört zu den bekannteren Werken des Künstlers.

 

Nun kam meine Freundin Heike auf den Plan. Sie und ihr Mann hatten lange Zeit ein Haus in Schweden besessen. Sie verfügt über schwedische Sprachkenntnisse, die nun gefordert waren. Nachdem wir mühsam die altertümlichen Buchstaben entziffert und sie ihr Wörterbuch geblättert hatte, kam folgender Text zustande: Mein Vater Ola Akesson  … (unbekannter Verwandtschaftsgrad)  Kersti aus Omma, 87 Jahre alt. „Werft eure Sorgen weg – das ist es, was sie euch sagt“.

Hans Eberhard Happel:

Die Beatles in Hamburg

                                                                für Delio Malär und Jan Sarbac

 

Eigentlich hatte ich gar keine Lust allein hinzugehen. Allein in „Backbeat - die Beatles in Hamburg“. Aber ich fühlte mich verpflichtet, Ekkart hatte mir am Abend zuvor so dringend zugeraten, so leidenschaftlich von den vier jungen Schauspielern erzählt, die selber singen und Gitarre spielen, und die Musik so rüberbringen würden, dass die alten Gefühle wieder wach würden.

„Hans, sie sind großartig“, sagt er, „du musst sie dir ansehen. Sie sehen aus wie die Beatles damals, du denkst, du hättest Paul und John vor dir stehen.“

Ich wußte, wenn Ekkart so spricht, ist Widerstand zwecklos. Annelore fragte mich, wieviele Karten ich haben wolle, sie könne mir Steuerkarten besorgen zum ermäßigten Preis, schließlich ist einer der jungen Schauspieler, Delio Malär, ihr Schüler. „Zwei“, sagte ich, und am nächsten Tag schrieb mir Jan, Annelore und Ekkarts Sohn, eine sms: „Hans, du hast zwei Karten.“

Eine Karte hätte ich gerne Jan geschenkt, ja, ich gestehe, ich wollte nicht allein hingehen, ich hätte es schön gefunden, wenn neben mir der 16-jährige Jan gesessen und gesehen und gehört hätte, mit welcher Musik ich in seinem Alter aufgewachsen bin. Aber das klingt so verdammt erwachsen, verdammt pädagogisch.

Am Vorabend sagt Ekkart zu mir: „Ach, Hans, schade, dass Jan nicht mitgehen will.“ Jan sitzt daneben, wir sind in der Küche, Ekkart hat eine Rotweinflasche geöffnet, „nein“, sage ich zu Ekkart, „der Junge muss seine eigenen Wege selber finden.“ Ich fühle mich zwar ziemlich gut bei diesem Satz, aber ich möchte trotzdem, dass er mitkommt, ich möchte nicht aufgeben, irgendein Funke könnte ja vielleicht überspringen, aber, ehrlich, vor allem möchte ich nicht allein sein, wenn ich diese alte Geschichte ansehe.

Natürlich bin ich allein gegangen, Hermann hatte auch keine Zeit und Lennard, in meiner Theatergruppe einer der besten und ein brillianter Rockmusiker, hat sich auf meine sms-Anfrage hin - höflich, wie er ist - gar nicht erst gemeldet.

Ich bin allein nach Altona gefahren, zum ersten mal besuche ich das Altonaer Theater, ich sitze in der 13. Reihe, ziemlich weit links, der große Saal mit Balkon fasst bestimmt 600 Leute, er ist so gut wie ausverkauft, auf der Bühne mit seinem glitzernden Rundumvorhang ist die klassische Beatles-Band-Formation aufgebaut, Mikrofonständer, in der Mitte leicht erhöht das Schlagzeug, an dem in den Hamburger Jahren vor allem Ringo Starrs Vorgänger Pete Best gesessen hatte, dann betreten vier Schauspieler mit ihren Gitarren die Bühne, und sobald sie hinter den Mikros stehen und loslegen, passiert etwas eigenartiges, etwas Unfassbares: Sie verwandeln sich in die Beatles, in die Jungs, die in den frühen 60-er Jahren in Hamburger Kellerclubs vor trunkenen Matrosen, Halbstarken und Prostituierten mit ihrem Sound den ganzen Muff der spießigen deutschen Wohnstubenwelt, der verstaubten tristen Wohlstandskultur wegblasen, einfach wegfegen, die uns ein Fenster geöffnet haben, die uns eine andere Welt gezeigt haben, und heute - am Samstagabend in Hamburg, einem besonderen Samstagabend, denn es ist der Vorabend zum vierten Advent, ist sie plötzlich hörbar: die Ankunft von etwas, für das wir damals - ein halbes Jahrhundert vorher - keine Worte gefunden hätten, aber in dieser Musik hatten wir sie vernommen: eine Botschaft, eine Verkündigung, als wären uns Engel erschienen, in vierfacher Gestalt, und hätten uns eine große Freude verkündigen wollen, die vier Jungs auf der Bühne strahlen plötzlich genau jenen seltsamen Glanz, jene ganz außerordentliche Freude aus, die ich als 14-jähriger hören konnte, in ihren Songs auf der ersten Langspielplatte, die ich mir vom gesparten Taschengeld - ohne zu fragen - gekauft hatte, etwas vorher nie Dagewesenes, etwas Unerhörtes lag darin, und plötzlich sah ich es wieder, am 20. Dezember 2014 auf der Bühne des Altonaer Theaters, als Eike Keller John Lennon und Delio Malär Paul McCartney spielen, aber nein, sie spielen sie nicht, sie verkörpern sie, John und Paul scheinen in sie eingedrungen zu sein wie Feuergeister und sprühen jetzt aus ihren Augen und ihre Stimmen klingen, als würde gerade in diesem Moment alles das passieren, was sie uns als eine alte Geschichte erzählen, ja, wir, die meisten, die hier sitzen, sind alt geworden, ich sehe in der Pause meine Generation so zahlreich wie selten im Theater, lauter leicht gebeugte Silberhaare, manche schon am Stock, aber alle werden wir wach, fangen an mitzuklatschen und mitzusingen, sobald die RocknRollfetzen fliegen, und am Ende ist der Jubel groß und die Zugaberufe so echt, als wären wir jetzt tatsächlich noch mal so jung wie die Jungs auf der Bühne, wie Eike Keller und Delio Malär, die sich fast verwundert über das, was da vor ihren Augen abgeht, umsehen, sich anlächeln und verstehen, welches Wunder die Beatles damals vollbracht haben müssen, denn hier und in diesem Moment geschieht es gerade noch einmal. Natürlich weiß ich, alles Theater. Aber ist das nicht die Kunst des Theaters, etwas Verborgenes zu wecken, das zwischen den Zeilen der immer wieder neu erzählten alten Geschichte vom Aufstieg einer unbekannten Kellertruppe in den weltweiten Sternenhimmel plötzlich aufflammt, ein unbekannter Funke, jener Funke, der uns damals alle entzündet hatte, der uns an die eigene Unsterblichkeit glauben ließ, der uns das Leben nicht als irdisches Jammertal, sondern als ein großes Strahlen erscheinen ließ, dessen Glanz in uns selber saß und so heftig herausbrach, dass er hier im Altonaer Theater - ein halbes Jahrhundert später - wieder zum Vorschein kam, und ich ihn jetzt ganz deutlich sehen kann in den strahlenden Augen dieses Jungen, Delio Malär, der die Züge Paul McCartneys angenommen hat, etwas Schönes und Sanftes und Wildes, der mit seiner rauen Stimme jenen Ton findet, zerbrechlich und klar, mit dem die Beatles eine neue Welt ankündigten.

Was, wenn Jan neben mir gesessen hätte? Wäre der Funke übergesprungen oder hätte ich ihn selber abgewehrt? Aus Höflichkeit, um nicht wie ein alter Kauz zu wirken? Was für Fragen, denke ich, es ist Sonntag, der vierte Advent, zum Kaffee werde ich vier Kerzen anzünden und die Beatles auflegen. Die erste Platte.

Ich lege sie auf? Ach nein! Ich schiebe die CD „Please Please Me“ in den Player

und drücke auf Start.


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Poet's Gallery Beitrag November 2015

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Britta Haarmann

Ein paar Zeilen zu mir ...

verheiratet, 2 erwachsene Kinder. 1 Hund... mein Lebensmittelpunkt liegt in Lüneburg, wo ich am Theater als Schauspielinspizientin, Regisseurin, Ticketverkäuferin tätig bin. Das Leben ist bunt und aufregend und Schreiben ein weites Feld, das ich mir gerade Stück für Stück erobere, es erforsche, wahrnehme und  begehe...    

Warten

Vor mir sind Fünfundzwanzig - bis auf die Straße hinaus. Kinderwagen, Hunde, Einkaufstrolleys – alles dabei. Von fünf Schaltern sind zwei besetzt. 

Die Luft flirrt.

„Entschuldigung, darf ich mal an Ihnen vorbei zu den Kuverts?“ Ich lasse das junge Mädchen passieren – ein paar Piercings zu viel, aber sonst ganz süß. Der Herr vor mir mit Schweißperlen auf der Glatze tritt mir im Rückwärtsgang massiv auf die Zehen.

Schon will ich „Alles o.k. – das macht doch nichts“ erwidern – aber von vorne kommt nichts – die erwartete Entschuldigung fällt aus.

Vorne kämpft sich die gepiercte Maus weiter zu den Kuverts durch.

„Hey, vordrängeln gibt’s nicht.“ Ein hagerer Mann mit Stock und Schiebermütze macht sich so breit wie er kann.

„Schön hinten anstellen“, zickt eine junge Frau mit plärrendem Prinzesschen an der Hand. Pinkfarbene Himbeereistropfen punkten auf seinem rosa Rüschenkleidchen.

„Ich möchte doch nur ein Päckchen Kuverts dort aus dem Ständer holen.“ „Ja, und dann vorne in die Schlange mogeln.“ Ein Bierbauch, der sich aus kurzen Hosen wölbt, zittert vor Empörung. Auch in mir baut sich Unmut auf. Allerdings contra Bierbauch und pro Piercingmaus.

Die zwei Postbeamtinnen hinter den Tresen bearbeiten gleichmütig die Anliegen der Kunden.

Noch einundzwanzig. .

Ich wechsele Standbein und Spielbein und wühle in meinem Korb nach etwas Kaubarem.

 Noch neunzehn.

„He, Fräulein, wie wär’s , wenn Sie mal einen weiteren Schalter besetzen würden?!“ Eine Dame in roten High Heels drei Positionen vor mir wedelt energisch mit ihrem Lacktäschchen.“

„Wenn Sie wollen, können Sie ja hier Platz nehmen – die anderen Kollegen sind krank oder haben Urlaub.“

„Das ist ja wohl unglaublich. Und dann wird auch noch gestreikt! Ich hab weder Zeit noch Lust, um hier stundenlang in der Schlange zu stehen.“ Doch anstatt zu gehen, tupft sie sich stöhnend und seufzend mit einem weißen Tüchlein die Schweißperlen von Hals, Stirn und Nase.

Noch sechzehn.

Ich habe eine Rolle Pfefferminzdrops gefunden und fange an, das Papier aufzudrisseln. Der Typ vor mir mit Rasterlocken  im Shabby-Schick-Shirt dreht sich grinsend um –

„Wacken – I‘ll come“ lese ich in Augenhöhe. „Kann ich auch einen haben?“ „Klar“, ich halte ihm die Rolle hin. „Danke!“ Er zwinkert mir zu. „Illustre Gesellschaft hier, was?“ Ich nicke und grinse zurück.

Piercingmaus reiht sich mit Kuverts wieder hinter mir ein und bekommt auch einen Drops.

Noch vierzehn.

Mitten in unserem lutschenden Dreieinigkeits-Peppermint-Frieden jault es  laut auf. Der Jauler kommt von einem schwarz-braun gefleckten Collie, der bisher brav eine Position vor Lady Lackschuh auf den kühlen Fliesen gelegen hatte und nun hin und her tänzelt. Einer ihrer Pfennigabsätze scheint seinen Schwanz genagelt zu haben. „Verdammt nochmal, können Sie denn nicht aufpassen?“, dreht sich das Frauchen um und schiebt ihre Sonnenbrille hoch. “Ja, was nehmen Sie denn Ihren blöden Köter auch bei solchem Wetter mit zur Post?  Das grenzt ja an Tierquälerei“, zischt es zurück.

„Jetzt halten Sie mal die Luft an“, mischt sich Zitterbauch ein. „Das geht Sie doch gar nichts an, ob und wohin die Dame ihren Hund mitnimmt. Außerdem war der ganz zufrieden, bis Sie ihm mit Ihrem Absatz auf den Schwanz getreten haben. Da würde ich auch jaulen.“

Die Luft steht.

Die Beamtinnen stoppen.

Rasterlocke und ich starren uns an.

Und prusten los.

Eine Welle des Kicherns läuft durch den Raum und Lady in red flüchtet zur Tür.

Es weht ein sanfter Luftzug.

Noch sieben.


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Poet's Gallery Beitrag Oktober 2015 

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Christiane Schlenzig

Christiane Schlenzig lebt heute in der

Oberlausitz bei Bautzen. Sie ist verheiratet,

hat zwei Töchter und fünf Enkelkinder.

Nach Abschluss eines zweijährigen Fern-

studiums für Belletristik, erste Veröffent-

lichungen in Anthologien und bei Wettbe-

werben, zuletzt bei Amnesty International,

EDITION ROESNER in „Wer die Wahr-

heit spricht …“

„Ausflug ans Meer“ erschien in ihrem Debutroman „Flügel zitternd im Wind“ (2012) Zehn Geschichten, jede eine Erzählung für sich, und doch romanartig miteinander verknüpft. Fiktives und Autobiografisches aus den schützenden Nischen einer Diktatur

Engelsdorfer Verlag 

            1. Auflage 2012
           Engelsdorfer Verlag
           Sprache: Deutsch
           Taschenbuch, 182 Seiten
    

Ein Ausflug ans Meer

 

Er hört das Rauschen der Wellen. Die Luft riecht nach Meer, Salz und Frische. Ein Geruch, der an ferne, gute Zeiten erinnert. Kinderspuren im nassen Sand. Das Eingraben, ein beliebtes Spiel. Der Vater musste seine Füße suchen, immer und immer wieder.

Die Ostsee: Jahr um Jahr für Tausende von Urlaubern das beliebte Urlaubsziel. Die Quartiere waren überfüllt, die Campingplätze auch – erschwingliche Preise für jeden. Auch ihn hatte die Ostsee fasziniert – damals. Heute liegt ein Schatten über allem. Vorsichtig hebt er den Kopf, um einen Blick auf das Meer zu wagen. Sanfte Schaumkronen auf dem Wasser. Purpurrot die untergehende Sonne, die einer leuchtend goldenen Naht gleich, den Horizont vom Meer trennt. Er hängt letzte Erinnerungsfetzen auf das Wasser, bis sich eine dicke Angstschicht darüber legt.

Noch einmal geht er gedanklich alle Arbeitsgänge durch, jede Einzelheit, jeden möglichen Zwischenfall, dann wartet er auf die Dunkelheit. Unter dem Geäst von alten trockenen Kiefernzweigen hält er sein Schlauchboot versteckt. Statistisch gesehen stehen seine Chancen nicht besonders gut … Ihn fröstelt. Die Versuchung, nach der Kognakflasche zu greifen, die seitlich in seinem Seesack steckt: Nein, die wird er später dringender brauchen.

Letzte Strahlen der späten, sanften Sonne – ein letzter Abglanz, dann sieht er die grellen Scheinwerfer. Die Küstenwache schickt ihren kalten Lichtkegel langsam tastend über den Sandstreifen, das Meer, den Horizont. Die schwarzen Kiefernstämme starren ihn regungslos an. Er zieht eilig seine warme Wattejacke an und wirft sich auf den Sandboden, den Blick auf die Armbanduhr gerichtet. Jetzt muss er sich konzentrieren. Präzise genau die Zeit stoppen, wann und wo der Scheinwerfer über den Strand und das Wasser gleitet. Nach einer reichlichen Stunde wagt er es. Er atmet schwer, sein Herz beginnt zu rasen, eine ungewohnte Weichheit dringt in seine Knie.

Er muss schnell und sicher die Berührung mit dem Meer aufnehmen, die kurze Zeitspanne, wenn das suchende Auge des Scheinwerfers weit hinten über dem Horizont steht. Das Boot gleitet ins Wasser. Ein lautloser Paddelschlag, der Konzentration erfordert.

Der Wunsch nach Freiheit, nach Leben, nach Überleben, ein reißender Strom von Lebenswillen, gespeist von der Hoffnung, dass er es schafft, gibt ihm Kraft.


Heute läuft er leichtfüßig über den warmen Sandboden am Saum des Wassers entlang und lässt die Schaumkronen auf der Haut spielen. Er lenkt seine Schritte hin zum Festland. Der Seewind bringt eine leichte Brise über die Dünen.

Erinnerungen überlagern sich.

Seine Blicke flattern, einer Magnetnadel gleich, sie wollen orten. Er sucht nach dem Stein. Der dichte Kiefernwald irritiert. Ein Gewirr von Ästen, die hoch in den blauen Himmel ragen. Woran soll er sich orientieren? Es riecht nach Harz und die Nase atmet plötzlich alte Angst. Er fühlt, trotz des heißen Sommertages, das Frösteln und die Feuchtigkeit des kalten Seewindes von damals.

Was will er hier? Warum ist er bloß hierher gekommen? Er muss weg von diesem grausigen Ort der Erinnerung! Er setzt sich auf den Sandboden und presst die Handballen gegen die Schläfen, so dass sein Kopf wie in einem Schraubstock zwischen den Fäusten hängt.

Seine Augen wandern weiter über den Sandboden ...

Dort zwischen trockenen Kiefernnadeln und Kienzapfen im weißen Sand. Das muss er sein! Er wischt mit der rechten Hand behutsam die kleine Erhebung im Sand frei und hebt den Stein mit beiden Händen hoch, dann dreht er die Unterseite nach oben – sein Herz schlägt höher. Ein leichtes Schwindelgefühl: Der Stein!

Seine Initialen, eingeritzt mit dem Taschenmesser, darunter das Fluchtdatum – grau, verwaschen jetzt.

Er wollte ein Lebenszeichen hinterlassen, damals.

 

„Papa, wo steckst du denn? Ich schaffe das nicht allein mit dem Boot“, eine vom Meeresrauschen verschluckte Stimme bringt ihn in die Gegenwart zurück. Er erhebt sich und winkt seiner Tochter. Den Stein legt er behutsam an seinen Ort zurück, streift mit der Hand über den schuppigen Stamm der Kiefer, schaut nach oben in die Wipfel der Zweige, die Hände klebrig vom Harz und lächelt: Das wir beide uns im Alter noch einmal wieder sehen würden …

„Ach, wie stellst du dich denn an“, der Vater ist bei seiner Tochter. Laura mit ihren zu schwarz gefärbten Haaren und zu tief sitzenden Jeans, sie steht vor einem vergilbten, farblosen Etwas und macht sich an einer Hubpumpe zu schaffen. „Ich habe das Boot mit meiner eigenen Luft aufgeblasen. Mein Rekord waren sieben Minuten!“ Der Vater setzt sich neben die Bootshaut, die muffig und nach altem Gummi riecht. „Wollen wir wirklich mit diesem alten Boot aufs Wasser? Das ist viel zu klein für uns beide. Es schaukelt wie eine Nussschale mit uns auf den Wellen. Das macht keinen Sinn, Papa!“ Die Tochter mault.

„Lass es uns versuchen! Du bist doch sonst so abenteuerlustig.“

„Irgendetwas ist mit dir. Das merke ich schon seit unserer Abreise.“ Die Tochter wartet auf eine Erklärung …

 

Er war gestrandet. Durchfroren – fast bewusstlos – krank.

Das Auffanglager. Das Misstrauen. Die vielen bohrenden Fragen. Wieder Verhöre – jetzt von der anderen Seite.

Er wurde gesund aus dem Lager entlassen – schneller als andere, bekam eine Arbeitsstelle und eine Wohnung zugewiesen. Doch fühlte er sich wie ein Tiefseetaucher, der die Sonne vom Meeresboden aus sehen wollte.

Frei? Freiheit? Gab es das überhaupt? Er blieb ein Kritiker, ein Zweifler. Ein Fremder.

Nun sitzt er auf dem Sandboden und denkt zurück. Ein Teil von ihm schreitet ständig voran und hat Erfolg, der andere nagt gefräßig an ihm. Er hatte geglaubt, seine Vergangenheit ließ ihn einfach so los.

Die Tochter, welche Rolle spielt sie in seinem Leben? Sie bewohnt eine Welt, die ihm unbekannt ist. Eine Welt voller Geschichten und Fragen, die ihm fremd sind.

Sie kippt vor ihm, gelangweilt, den Inhalt des zweiten Packsackes auf den Sandboden: Eine leere Trinkflasche, ein Strick, ein Plastbeutel mit Schraubventilen, ein Paddel: „Moment mal, da hängt noch etwas …“ Sie fühlt und angelt und greift mit der Hand auf den Grund. Ein spitzer Gegenstand hat sich in der Stoffnaht festgehakt. Mit einigen Mühen fischt sie ein kleines graues Betonstück heraus. „Was ist denn das, Papa?“

Der Vater ist überrascht. Er hatte diesen kleinen Zementblock verloren geglaubt: „Das ist ein Stück Mauer.“

„Was für eine Mauer?“

„Na, von d e r Mauer! D i e, die durch Berlin ging.“

„Ach, Mauer, Mauergeschichten … ich kann es nicht mehr hören. Eure schlimme Vergangenheit. Schon mal was von Mexiko gehört? Oder Nord- und Südkorea? Oder fahr doch mal nach Zypern, von Süd nach Nord! Weißt Du eigentlich, dass die Mauer in Israel doppelt so hoch ist, wie Eure war?“ Er sieht, wie sie seine Reliquie in den Händen hin und her wendet, sie in die Höhe wirft. Beim Auffangen eine kleine Schürfwunde am Zeigefinger. Die Tochter schiebt den Zeigefinger zwischen die Lippen. Und, als müsse sie ihre aggressiven Worte mit diesem Stein aus der Luft zurückholen: „War das wirklich so schlimm, wie alle erzählen?“ „Ich habe dieses Mauerstück eigenhändig herausgeschlagen, damals.“ Die Tochter betrachtet den grauen Klumpen und legt ihn zurück zu den anderen Dingen.

Die Tage glitten dahin, wie ein Zug auf vorgeschriebenen Gleisen. Die Jahre verschmolzen langsam miteinander. Etwas hatte angefangen, seinen Alltag zu überwuchern. Seine Hoffnungen, sein freudiges Vertrauen, seine Erwartungen waren brüchig geworden. Sein Tagesablauf hatte sich gegen ihn erhoben und verlangte eine neue Orientierung. Plötzlich, irgendwann in dieser Zeit, war die Ostzone stärker als zuvor in aller Munde.

Die Zeitungen schrieben von Demonstrationen. Es lag Veränderung in der Luft, die herüberwehte. Sein Alltag belebte sich, es war spannend geworden.

Mit eiligem, zielgerichtetem Gang lief er nach der Arbeit in seine Behausung, stieg hastig, zwei Treppen auf einmal nehmend, die Stufen nach oben. Öffnete die Tür und eilte ins Wohnzimmer. Er schaltete den Fernseher ein, setzte sich in den Sessel und starrte  mit hitzigem Kopf auf das Bild. Ihn beschlich Angst. Angst um seine Eltern, seine Freunde. Menschen strömten in die Kirchen – Scheinwerfer, Kameras, Polizeiketten ... Ein unbekannter vulkanartiger, tosender Ausbruch erwachender Kräfte. Um Mitternacht – er erinnert sich noch sehr genau – klingelte das Telefon. Er hatte schon geschlafen, nahm schlaftrunken den Hörer in die Hand: „Mach dich auf, alter Junge, steige ins Auto … die Mauer …“, die aufgeregte Stimme seines Cousins drang wie eine Fanfare in seine Gehörgänge.

Er spürt noch das kantige, scharfe Mauerstück, eingeschlossen in seiner Faust – blutige Kratzer nicht nur auf der Haut. Das kann ich meiner Tochter nicht vermitteln. Worte, hundertmal gesagt und weggeworfen wie Papierfetzen – wertlos, zerrissen. Diese verzweifelte Vergänglichkeit. Warum fragt sie nicht? Es gibt so viel Ungesagtes, das sich sperrig vor uns auftürmt.

„Na, Alter, was ist? Willst du aufblasen? Schaffst du es noch? Ich guck auf die Uhr: Sieben Minuten!“

Die Tochter hat das Gefühl, den Vater aufheitern zu müssen. „Ich glaube, du hast Recht, wir sollten unsere Bootsfahrt bleiben lassen.“ „Ha, ha - du kneifst“, die Tochter lacht.

Das will er nicht auf sich sitzen lassen. Er hebt das luftlose Gummi auf und hält das Ventil an den Mund. Die Wangen voller Luft, beginnt er zu pusten. Die Tochter stoppt die Zeit: „Eine Minute, zwei Minuten …“

Das Schlauchboot will nicht mehr, seine Zeit ist wohl vorbei. Der Vater jappst nach Luft. Gerade noch hochrot im Gesicht, wird er plötzlich blass, kreideweiß – fällt zu Boden. Die Tochter schreckt zusammen, rüttelt ihn: „Papa, hallo! Papa, was ist mit dir?“ Nichts rührt sich. Bewusstlos liegt er im weißen Ostseesand.

Die Tochter überlegt fieberhaft: Wo ist das Handy? Der Notruf … „Hallo … Ja, sofort … Am Strand in der Nähe des Leuchtturmes. Sofort bitte!“

Eine leichte Abenddämmerung breitet sich im Krankenzimmer aus. Die Sonne ist untergegangen,  ein letzter Abglanz orangefarbenen Lichts fällt auf das Bett. Er erwacht, blinzelt, zwischen schmalen wässrigen Augenlidern hindurch, in das Gesicht seiner Tochter.

Er atmet ruhig. Seine Stimme ist leise und schwer, aber klar und deutlich: „Ich habe in meinem Koffer eine Akte: Staatsicherheit Berlin. Ich wollte mit dir darüber reden. Bitte, nimm sie dir und lies.“ Die Worte gehen ihm schwer über die Lippen, es ist ihm, als stehe jetzt der Großvater an seinem Bett: Ohne Vergangenheit, keine Zukunft, hatte der Großvater gesagt, damals, als er ihm seine Geschichte erzählt hatte, die Geschichte von Krieg, Verzweiflung und Flucht.

Poet's Gallery Beitrag September 2015 

www.schreibfertig.com

Sonja Kittel

Sonja Kittel in der Poet's Gallery www.schreibfertig.com
Sonja Kittel

Geboren am 31.8.1976 in Bobingen, aufgewachsen im Rheinland, in Bad Honnef. Ausbildung zur Verlagskauffrau und Studium zur PR-Fachwirtin, 2000 Umzug nach Köln – nach 13 Jahren Domstadt, viel Karneval sowie Anstellungen in Agenturen und Unternehmen der Entschluss, sich seit Ende 2013 in Hamburg frischen Wind um die rheinische Nase wehen zu lassen. Die Texte entstanden im Rahmen der Offenen Schreibgruppe www.schreibfertig.com in Hamburg. Großes Ziel: Veröffentlichen eines (Kinder)-Buches.    

Mondäugigkeit und Wald- und Wiesenekstasen

 

Der Mann im Mond – ob es ihn tatsächlich gibt?, fragten sich die Kinder und sahen in den Himmel hinauf.

 

Der dicke, runde Mond glänzte am dunkelblauen, fast schwarzen Himmel und warf silbrige Schatten auf die Erde. Seit gestern Nacht war er komplett ausgefüllt und zeigte sich in seiner ganzen Pracht. Vereinzelte leicht beige bis dunkelbraune Flecken zierten ihn und wenn die Kinder die Augen leicht zukniffen, umgab ihn ein glänzender Schein, ein glitzernder Kranz, der sich nach außen hin leicht bläulich verfärbte.

 

„Säufer Sonne“, hatte der Vater verächtlich gebrummt, als sie nach dem Abendessen darum baten, noch ein wenig aufbleiben zu dürfen. „Der Dicke am Himmel raubt mir meinen Schlaf. Ich bin froh, wenn er wieder weg ist“, waren seine Worte und er scheuchte die Kinder ins Bett. Heimlich waren sie wieder aus ihren Betten gekrabbelt und standen wie die Orgelpfeifen um das Fenster im Dachboden herum. Die Köpfe im Nacken und den Blick gen Himmel gerichtet.

 

Den Nachmittag hatten sie, wie immer in den großen Ferien, im Freien verbracht. Waren durch Wälder und über Wiesen gestreift, hatten sich schwindelig gelaufen, Klatschmohn gepflückt und ihre erhitzen Körper im nahe gelegenen Bach abgekühlt. Das Baumhaus war fast fertig geworden und sie hatten es mit alten Teppichen ausgelegt, alte Decken und Kissen heran geschleppt, um es so gemütlich wie möglich zu machen. Bald wollten sie dort übernachten, das hatten sie sich fest vorgenommen. Die Eltern mussten es nur noch erlauben.

 

Und der Mann im Mond? Der gab Acht, hielt Wacht und blickte mit treuen Augen auf die Kinder und ihre voller Lebensfreude gefüllten Herzen. Es gab ihn. Er war immer da, für jeden, der an ihn glaubte. Selbst wenn er nur als Sichel am Himmel erschien, fein und zart.

 

 

Sturmschwalbe (Wörter: Stern, Taxi, Uhu, Rosa, Meer, Schwimmen, Chamäleon, Hoch, Welle, Ameise, Libelle, Berlin, Eisenbahn, Nordpol)

Ich schwimme im Meer, liege auf dem Rücken und lasse mich von den Wellen tragen – hoch hinaus und mit einem großen Schwung wieder hinab.

 

Eigentlich war ich nach Berlin unterwegs, bin jedoch kurzerhand vom Weg abgekommen und nun in Richtung Nordpol unterwegs. Dabei weiß ich jetzt schon, dass es mir dort viel zu kalt sein wird. Ich bin ja kein Chamäleon. Während ich das denke, überlege ich, ob Chamäleons auch ihre Temperatur anpassen können. Oder nur ihre Farbe?

 

Farben – am liebsten hätte ich das Leben stets rosa, durch die rosafarbene Brille. Das macht gute Laune. Tja, gute Laune. Mit der war es seit dem Eisenbahnstreik etwas schwierig bestellt. Ich fuhr fast ausschließlich Taxi, um problemlos mein Tierreich zu transportieren. Der schneeweiße Uhu Friedolin, meine kleine Ameisenfreundin Lilli sowie Lena Libelle. Sie sind mir so ans Herz gewachsen, dass ich sie nicht mehr hergeben möchte. Begegnet sind wir uns damals, als wir uns zufällig auf dem Stern trafen, da sie den Weg nicht fanden. Ach ja, so dachte ich über all das Vergangene nach, während mich die nächste Welle hoch nach oben hob.

 

Farben

 

Es regnete. Mal wieder. Er musste los, sich beeilen. Der Bus kam in exakt 2 Minuten und 44 Sekunden.

 

Er betrat das Treppenhaus, zog die Wohnungstüre hinter sich zu und stapfte die Stufen hinunter. Er verließ das Haus in seinem gewohnten Outfit. Er besaß auch nicht viel anderes. Wozu auch.

Es regnete immer noch.

 

Sie sah ihn schon von weitem. Wie immer und jeden Morgen, wenn sie sich begegneten, erkannte sie ihn. Blaue, verwaschene Jeans, an den Knien ausgebeult. Hellgrauer Kapuzenpulli, darüber die abgewetzte schwarze Lederjacke, mit Flohmarktcharme. Schwarzer Schirm, die Schultern hochgezogen und schweren Schrittes kam er die Straße herunter. Dumpf, einen Fuß vor den anderen setzend, leicht untersetzt wölbte sich sein Bauch über den Hosenbund und spannte den Pulli.

 

Oh nein, die schon wieder. Es blieb ihm aber auch nichts erspart. Den gelbleuchtenden Schirm kannte er. Selbst bei diesem Sauwetter trug sie die glänzenden blonden langen Haare offen. Er kannte ihre blau-grünen Augen nur allzu gut, hatte er doch bereits viele Male in sie geblickt. Sie hatte ein Faible für Röcke, in jeglicher Farbgebung, gerne kombiniert mit einem geringelten Oberteil. Mit grünen Gummistiefeln und einem pinken Friesennerz stand sie also auch heute wieder an der Bushaltestelle und lächelte ihn an.    

    

 

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