Sämtliche Beiträge  der Poet's Gallery seit Juli 2013 befinden sich im  Archiv als Download 

Poet's Gallery Beitrag Januar 2023

Waltraud Fitschen

Zu mir: Ich bin in Bremen geboren und aufgewachsen. Lebe in Bremen. (Hamburg gefällt mir auch sehr gut!)

Buchstaben waren von frühester Kindheit an meine Nahrung. Ich habe immer schon viel geschrieben. Seit mehr als zehn Jahren immer wieder und immer regelmäßiger.

Ich habe Gedichte und poetische kurze Geschichten in Sammlungen veröffentlicht.

Sehr lange habe ich als Lehrerin gearbeitet. Auch in diesem Bereich waren Sprache und Schrift mein tägliches Brot.

Noch immer mache ich Schreibwerkstätten für Kinder (seit mehr als 10 Jahren). In Bremen schreibe ich in einer Gruppe mit Frauen. „PoeSie“- nennt sich die Gruppe. Ich habe auf Sylt diverse Schreibwerkstätten besucht. Seit kurzer Zeit nehme ich an den Treffen von „schreibfertig“ teil, und ich bin dankbar und glücklich über diese neue Möglichkeit und die Anregungen.

Ich habe einen Blog: waltraudfitschen.wixsite.com/sophie-precht

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Poet's Gallery Beitrag Dezember 2022

Alle Jahre wieder ... bestreitet "unser Mann zu Weihnachten", Hans Happel, die Poet's Gallery mit seinen immer subtilen, vielschichtigen Storys, so auch diemal mit "Passwort".  

 

Hans Eberhard Happel

 

Passwort

 

 Ich war schon dabei, Neapel zu verlassen, auf dem Weg zum Flughafen, da überfiel mich die Angst. Ich hatte das Passwort nicht mehr im Kopf, das ich, um den vor Wochen gebuchten Rückflug nach Hamburg antreten zu können, im Computer meiner Herberge, der Casa del Monacone, hätte eingeben müssen. Ohne Passwort kein Rückflug-Ticket. Aber die Zeit drängte. Der Taxifahrer wartete schon. Sobald ich eingestiegen war, schrieb ich meinem Freund Philipp in Hamburg eine WhatsApp in der Hoffnung, er erinnerte sich, wie das Passwort hieß, hatte er doch bei der Buchung der Flüge entscheidend geholfen. Und tatsächlich, wenige Minuten später, ich saß noch im Taxi, kam seine Antwort. Es waren drei Worte.

 

Ich schickte sie sofort an Giuseppe weiter, der in der Casa del Monacone die Gäste betreut. Und nur wenige Sekunden später hatte ich es auf dem Handy: das Rückflug-Ticket. Giuseppe schrieb dazu: Vergiss nicht, dein Handy zu kontrollieren. Vielleicht musst du es erneut aufladen. Eine sinnvolle Mahnung: Ich hatte einen Zwischenaufenthalt in Mailand und würde dort das Ticket ein zweites Mal vorzeigen müssen.

 

Zwölf Tage war ich in Neapel gewesen. Napoli ist mir ans Herz gewachsen. Das sagt sich so einfach, und obwohl ich von der Geschichte der Stadt gelesen hatte, die in den letzten Jahrzehnten von Korruption, Armut, Bausünden und bewaffneten Banden geprägt war, denen immer wieder Unschuldige zum Opfer fielen – zum Beispiel im September 2015 der 17-jährige Genny, dem dort, wo es geschah, direkt neben meiner Herberge, der Casa del Monacone, und im Schatten einer der schönsten Kirchen Neapels, der Basilica Santa Maria di Sanità, ein Denkmal gesetzt wurde –, obwohl ich wusste, dass die Stadt am Rande des Vulkans selber ein Vulkan ist, der jederzeit irgendwo ausbrechen kann, hatte ich mich, fasziniert von ihrer Schönheit, eingeigelt in diesem überschaubaren Viertel, das Sanità genannt wird, „Gesundheit“, das ich in den zwölf Tagen als „mein“ Viertel empfand, und das mir so vertraut werden sollte wie das kleine Viertel in St. Georg, meine Hamburger Heimat-Ecke, in dem ich seit fünfzehn Jahren lebe, was keinen gebürtigen Hamburger auf den Gedanken bringen würde, mich als einen der ihren, als Hamburger Jung´, anzusehen.

 

Aber sobald ich auf dem winzigen Platz in Neapels „Rione di Sanità“ saß, nachdem ich täglich am Kiosk, gegenüber meiner Herberge, die Tageszeitung „La Repubblica“ gekauft hatte, täglich fast eine Stunde darin las – das Wetter war gut, es war noch warm–, und sobald ich mir Zeit nahm, die Gesichter der Vorübergehenden zu studieren, und derjenigen, die auf den Bänken oder  auf den kleinen drehbaren Stühlen in meiner Nähe saßen, und sobald ich zum Handy griff, um während der Zeitungslektüre im Google-Übersetzer ein italienisches Wort nachzuschlagen oder unbemerkt ein Foto zu machen, fühlte ich mich von Tag zu Tag weniger fremd, fühlte mich aufgenommen, wieder erkannt, spürte, wie Vincenzo, in dessen kleiner Bar ich morgens einen Cappuccino trank, mich immer freundlicher begrüßte und sein Sohn mit dem tiefschwarzen, penibel geschnittenen Bart und dem schwarzen New-York-Käppi mich jedesmal fragte, ob er einen Löffel Kakao auf die geschäumte Milch streuen solle, und wenn der Zeitungsmann mit seinem vom Wetter gefärbten, vom Alter gezeichneten Gesicht von Tag zu Tag weniger skeptisch guckte, wenn ich nach der „Repubblica“ verlangte, bis er sie mir schließlich schon zureichte, sobald er mich kommen sah, um sich an meinem letzten Napoli-Tag mit Handschlag zu verabschieden – genauer: mit der entgegengestreckten Faust für Corona-Zeiten –, dann wusste ich, ich war angekommen, und der winzige Platz mitten im Viertel Sanità, mit seinem Denkmal für Neapels Nationalheiligen, den Komiker Totò, den Pasolini in seinem Film „Uccellacci, Uccellini“ („Große Vögel, kleine Vögel“) zum unerschütterlichen und unsterblichen Philosophen des Alltags gemacht hatte, weshalb das Denkmal, gleich um die Ecke von Totò´s Geburtshaus, auf keinem Sockel steht und kein typisches Denkmal ist, sondern eine in schlichtem Grau verputzte Mauer, ein Stück Haus-Wand, in der Totò´s Silhouette ausgelassen ist, so dass jeder Mann und jede Frau (und jedes Kind sowieso) sich passgenau in seine Form, die freie Lücke, hineinbegeben und durch die Wand hindurch schreiten können, um sich wie Totò zu fühlen, so groß oder so klein, denn Totò war ein kleiner Mann, aber ein sehr großer Mensch, der die schlimmsten Zeitgenossen mit seinem frechen Mundwerk in die Flucht schlagen konnte und alle anderen zum Lachen brachte, dieser Platz mit seinen paar Bänken und Stühlen, am frühen Abend von alten Männern besetzt und von Frauen mit vollen Einkaufstaschen, Totòs Platz hatte sich in jenen zwölf Tagen, von Tag zu Tag stärker, in mein Herz geschlichen, ja, eingenistet.

 

Das alles ging mir durch den Kopf, als Philipp mir das vergessene Passwort sendete, kein Kommentar, nur die drei Worte, und ich wußte, wo meine Heimat ist.

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Poet's Gallery Beitrag November 2022

Reinhard Glüer

 

Kurzbiographie:

Ich bin in Deutschland geboren, habe dann aber meine Kindheit und Jugend in Äthiopien verbracht. Nach einem langen Berufsleben als Software-Entwickler in Hamburg habe ich jetzt als Rentner genügend Zeit, meinen Hobbys Musik, Malen und Schreiben nachzugehen.

 

Die Kreuzfahrt

Jetzt habe ich es doch gemacht: Ich habe eine Kreuzfahrt gebucht auf einem dieser riesigen schwimmenden Hotels. Dabei hatte ich mir doch früher geschworen, niemals so tief zu sinken, mich auf eine ökologisch so bedenkliche Massenveranstaltung einzulassen. Ja, damals reiste ich noch mit einem Backpacker-Rucksack in Signal-Orange auf individuellen Pfaden. Mein Ziel war nicht profane Unterhaltung, nicht die bedingungslose Unterwerfung unter das Spaß-Diktat, sondern ich wollte die Welt, andere Kulturen und besonders andere Menschen kennenlernen. Ich und meine Mitreisenden waren keine normalen Touristen. Wir reisten bewusst, grenzten uns vom Konsumterror der Spießbürger ab und sahen uns auf der Seite der Arbeiterklasse. Wir hielten uns für etwas Besseres und führten uns doch auf wie arrogante, elitäre Snobs, so wie wir auf Pauschalurlauber und bildungsbeflissene Städtetouristen herabsahen. Wir verachteten den Massentourismus. Dabei war der Konsumverzicht, auf den wir so stolz waren, nur dem knappen Bafög geschuldet, und der Wunsch, andere Menschen kennenzulernen, erschöpfte sich oft genug im Anbändeln mit allein reisenden jungen Frauen.

Zum ersten Mal kamen mir Zweifel an dieser Reisephilosophie nach einem mehrstündigen Flug nach Kreta. Ich hatte eine Individual-Reise gebucht und fühlte mich mit meinem oben schon erwähnten orangefarbenen Rucksack wie ein mutiger Entdecker, wie ein Erstbesteiger unerforschter Gipfel. Aber jetzt stand ich am Gepäckband, auf dem hunderte von ähnlichen Rucksäcken auf der Suche nach ihren Besitzern kreisten. Nach und nach fand jedes Gepäckstück sein Gegenstück und alle Individual-Touristen machten sich auf den Weg zu ihren individuellen Zielen. Zu meiner Überraschung trafen sich all die Individualisten später an den selben besonders angesagten Orten auf der Insel wieder.

Da ist das Konzept der Kreuzfahrten schon ehrlicher. Jeder ist Teil der großen Masse. Entsprechend ist Architektur des Schiffskerns von konsequenter Einförmigkeit. Lange Gänge mit regelmäßig angeordneten Kabinentüren wiederholen sich über viele Stockwerke, genannt Decks. Um die Eintönigkeit zu übertünchen, wird ein gewaltiger Aufwand getrieben. Mit grellen Farben und auffälligen Mustern wird Individualität vorgetäuscht, um die Wohnwaben wiedererkennbar zu machen. Oben aufgesetzt sind dann quietschbunte Bars und Restaurants. Die Fahrtroute ist exakt vorausberechnet und wird mit Hilfe von GPS minutengenau abgefahren. Man rechnet heutzutage nicht mehr mit Untiefen und Schiffbruch, Durst, Hunger, Pest und Cholera. Damit aber den Reisenden diese quälende Ereignislosigkeit nicht auffällt, wird unentwegt für Ablenkung gesorgt. Aufmunternde Ansagen, Spiele, ein ausgeklügeltes Sport- und Fitnessprogramm, ein Show-Event nach dem anderen und ständige Musikberieselung sorgen dafür, dass niemand zur Ruhe kommt. Selbst am Bug, wo man den besten Blick auf das Meer vor sich hat, tönt Musik aus extra dafür angebrachten Lautsprechern, und von ferne tönt das „unk, unk, unk“ aus der Disco-Bar. Das macht aber nichts, weil ohnehin kaum jemand aufs Meer hinaus sehen will. Denn jetzt beginnt die Laser-Show mit Musik auf dem Sonnendeck. Alle Blicke richten sich auf die Leinwand in der Mitte des Schiffes, da kann der Vollmond sich so schön im nächtlichen Meer spiegeln wie er will. So fährt eine ganze Menschenstadt dröhnend laut und grell beleuchtet, dabei aber wie blind und taub durch die Nacht. Wie absurd muss das wohl auf die eigentlichen Bewohner dieser Weltgegend, die Schweinswale, Robben und Seevögel wirken?

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, hauptsächlich auf Rentner zu treffen, aber das ist nicht der Fall. Alle Altersstufen sind vertreten, bis auf die schulpflichtigen Kinder – es sind wohl gerade keine Ferien. Hormonstrotzende junge Männer posieren lässig an Deck, kichernde Bikinischönheiten suhlen sich im Whirlpool, eine Gruppe älterer Männer könnte auch als Skatklub durchgehen, ein Vater schiebt einen Kinderwagen mit Baby vorbei und zwei lustige Omis beobachten das Ganze. Alles atmet die gute Laune beginnender Alkoholisierung. Sorglosigkeit ist oberstes Gebot, man muss sich um nichts kümmern. Acht Restaurants und vierzehn Bars sorgen für die sofortige Befriedigung der Elementarbedürfnisse. Sieht so das Paradies aus? Hier ist alles künstlich, die Palmen sind aus Plastik, genau wie der Zitronenbaum in der Ecke, nur die Kalorien in den Speisen sind echt. Das Ganze ist eine perfekte Simulation des Schlaraffenlandes, eine Kopie, fast schon eine Parodie einer Utopie, die ich aber schon jetzt kaum noch vom Original unterscheiden kann.

Vor vielen Jahren bin ich schon einmal in Norwegen gewesen. Die Reisekasse war so knapp bemessen, dass wir uns wochenlang nur von mitgebrachten Nudeln, gekocht in Flusswasser, ernährten. Frisches Obst, Gemüse oder gar ein Restaurantbesuch waren bei den norwegischen Spitzenpreisen nicht drin. Als wir nach einigen Wochen Autofahrt den Hafen von Bergen erreichten, sahen wir, dass hier ein Kreuzfahrtschiff festgemacht hatte. Leider durften wir das Schiff nicht betreten, aber wir lernten auf der Hafenpromenade einige Mitglieder der Besatzung kennen. Als wir von unserer Ernährungssituation erzählten, organisierte uns einer der Schiffsköche einen Teller mit Speisen aus der Bordküche, mit frischem Gemüse und gebratenem Fleisch, und es gab sogar einen Nachtisch, alles mit dem Hinweis, er habe dieses Essen zwar illegal abgezweigt, aber es wäre übrig geblieben und man hätte es sowieso weggeworfen. Ich habe selten eine Mahlzeit so genossen wie diese, und der verschwenderische Umgang mit Nahrungsmitteln auf dem Schiff kam mir unerträglich dekadent vor.

Und jetzt sitze ich mitten drin in diesem Überfluss. Es gibt eine riesige Auswahl an Speisen, ich könnte den ganzen Tag lang eine Leckerei nach der anderen in mich hineinstopfen. Ich muss an die Flüchtlinge denken, die auf kaum seetüchtigen Booten anderswo auf dem Meer treiben, und ich schäme mich, als ich an den Hunger auf der Welt denke. Ich bin satt. Ich könnte etwas abgeben. Sollte man solch eine Verschwendung verbieten? Oder mindestens so hoch besteuern, dass nur noch die reichsten der Reichen sich das leisten können? Das widerspricht nun aber doch meinem Gerechtigkeitssinn. Ich beginne von der Gleichheit aller Menschen zu träumen, mit vollem Magen geht das ganz leicht. Ob wohl irgendein Mensch auf der Welt eine Mahlzeit mehr zu essen bekommt, wenn ich meinen Teller nicht ganz so voll fülle?

In der folgenden Nacht bekommt die perfekte Illusion von Geborgenheit doch noch ein paar hauchfeine Risse: Es wird stürmisch, und die Seekrankheit greift um sich. Das Bett hebt sich rhythmisch um einige Meter, dann stürzt es wieder in das nächste Wellental. Dabei kippt es und dreht sich jedesmal so, dass ich auf der Matratze hin und her rolle und befürchte, irgendwann aus dem Bett zu fallen. Aber zum Glück gibt es Tabletten gegen Seekrankheit, und so geht auch diese Nacht gut zu Ende.

Ihr fragt euch jetzt sicher, ob mir die Kreuzfahrt gefallen hat. Ja, das hat sie, sehr sogar. Die Landgänge waren grandios. Und ich lasse mich sowieso gerne von großen Maschinen behütet durch die Welt tragen. Die schönsten Momente der Reise waren die Sonnenaufgänge am frühen Morgen, oder abends der Vollmond, der sich in den Wellen spiegelte. Und die kulturellen Darbietungen waren wirklich von hoher Qualität, und das Essen war gut. Das Brummen der starken Motoren beruhigt die Nerven, das sanfte Schaukeln wiegt in den Schlaf. Die Freundlichkeit der Crew und der entspannte Umgang der Gäste miteinander beweisen, dass Menschen prinzipiell auch zu einem Leben jenseits von Konkurrenz und Feindseligkeit in der Lage sind, auch wenn sie 27 verschiedenen Nationen angehören. Wir sitzen alle im selben Boot. Eigentlich gibt es für jeden genug von allem. Aber wir vermeiden den Blick nach draußen über die Bordkante, weil wir eigentlich gar nicht wissen wollen, wohin die Reise geht. Wir lenken uns ab und amüsieren uns nach Kräften. Und warum auch nicht? Wer weiß, wie lange das noch gutgeht? Vielleicht sind die Vorräte in der Küche ja doch nicht unbegrenzt. Vielleicht wartet schon ein Eisberg auf uns da vorne im Nebel. Und möglicherweise gibt sie doch, die Unwetter und Wirbelstürme, vielleicht sogar die Seeungeheuer, und irgendwann hat das alles hier ein Ende. Für jeden. Das jedenfalls ist sicher. Und wenn ich schon träumen darf, würde ich jetzt den Unterschied zwischen Personal und Gästen aufheben, denn es ist mir immer äußerst unangenehm, mich bedienen zu lassen. Es sollte ausreichen, wenn jeder Gast einen Tag in der Woche die anderen bedient. Ich würde das gerne tun, und euch würde es auch nicht schaden. Vielleicht würde ich einmal kochen, ein anderes Mal abends auf der Bühne stehen, und vielleicht darf ich sogar eine Zeit lang das Schiff steuern. Und ich bin überzeugt, von einer solchen Regelung würden wir alle profitieren.

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Poet's Gallery Beitrag Oktober 2022

erf

Lesend & schreibend erforscht sie das Leben. Diese Passion mit anderen zu teilen, macht sie glücklich.

 

Letzte Küsse

Sie fuhren durch die Abenddämmerung, von Zeit zu Zeit unterbrochen von ihrem Plappern, das sich wie ein Regenschauer in das Schweigen ergoss. Sie huldigte der vorüberjagenden Landschaft. Die Stimme er­hoben, fester als sonst, um das leichte Zittern zu übertö­nen. Sie gestikulierte übertrieben, mit fahrigen Bewegun­gen, die vorüber rasenden, im Dämmer schimmernden Wiesen wortreich hervorhebend. Angesichts flüchtiger Blickwinkel im spiegelnden Lichteinfall, zwischen Rostrot und Gold changierend, geriet sie ins Schwärmen. Im Ge­ruch der feuchten, bereits herbstlich duftenden Erde woll­te sie aufgehen. Immer höher der Ton, den sie anschlug, in dessen Gefälle sie sich verlor. Schwarz floh ein Wäld­chen vorüber und verschlang gierig und mitleid­los den letzten Tagesrest. Gegenüber der bewegte Himmel mit sich türmenden Wolken, im wechselnden Schein blau­schwarz leuchtend, inszeniert auf dem Hintergrund der mit Gewalt hinab gerissenen Sonne, schwer und dunkel herabstürzender Samt. Versiegte ihr Redestrom, wuchs das Schweigen in dem dahin rasenden Wagen.

Das Schweigen füllte die Welt zwischen ihr und ihm aus, wie die dahin gehenden Tage die Zeit bis zum Rand füllten. Das Schweigen quoll über, wie die rasante Abfolge der Tage, die alles zu überfluten drohten. Es bedrängte und erleichterte sie gleichermaßen. Weil sie der Stille nicht gewachsen war. Weil jede Rede zwischen ihnen verfäng­lich schien und in die Fallstricke der Lüge und falscher Beteuerungen führte. In all dem hatte das gleichförmige Brausen des Motors in seiner Beständigkeit etwas Ver­söhnliches, das ihr vorübergehend dort Halt gewährte, wo sie in Begriff stand hinabzustürzen. Hinabzustürzen in et­was, das sie nicht kannte, von dem sie allenfalls tief in ih­rem Innern ahnte, dass es sich um etwas Unumgängliches handelte. Erste Sterne blinkten auf. Ein Neumond begann sich an dem schwarzen Himmel abzuzeichnen, an dessen nächtlichem Rand sich hie und da ein heller Schein aus­machen ließ. Tag, der sich wie ein hoffnungsvolles Omen an ein Dunkel schmiegte, das ihn verschlingen wür­de. Das Steuer ruhig in der Hand des Fahrers. Sie vermied es, ihn anzusprechen. Einmal legte sie ihre Hand auf sein Knie, was er mit einer zärtlichen Geste erwiderte. Einen Moment lang meinte sie etwas Flehendes in seinen Augen zu erkennen.

Sie wandte sich ab und malte sich weitere Zusammenkünfte mit ihm aus, von denen sie wusste, dass sie nicht stattfinden würden. Ihm zugewandt, tat sie so, als besäßen sie eine gemeinsame Zukunft. Nicht, dass sie log, mangelte es ihr vielmehr an Vorstellungskraft. Wie ohne ihn, ohne seinen Beistand. Unmöglich, den Ge­danken zu Ende zu denken. Fast gleichzeitig fühlte sie et­was, das sie allmählich auszufüllen begann: Das Wissen um ihre Allmacht. Allmacht und Gleichgültigkeit. Weil, wie immer die Dinge lagen, sie tun und lassen konnte, was sie wollte, weil wie immer sie die Dinge wiederum drehte und wendete, diese ihren Lauf nehmen würden. Ratlos fühlte sie die Welt in der Gewissheit an sich vor­über rasen, in ihr nicht Fuß fassen zu können. Stattdessen sprach sie über gemeinsame Pläne, malte sich die gemein­same Zukunft aus, die sie kurzfristig erfand und auf der sie sich vorübergehend niederließ, wie auf einem beque­men Sessel und für diesen einen Augenblick in der siche­ren Gewissheit, sich nie mehr daraus zu erheben. Indessen schien sich das sie umgebende Zeitgefüge zu verwandeln, dergestalt, dass sie begann, sich außerhalb desselben zu bewegen. Sie glitt auf einer Spirale aus der Geradlinigkeit ihrer Tage mitten hinein in ein Jetzt. Nicht-Ort, an dem die Nacht an ihre Grenzen stieß. Zone, aus der Schmerz und Trennung verbannt schienen. Ein Licht umfing sie. Als sie aus dem Fenster sah, be­merkte sie, dass die Nacht zusehends über sie hereinbrach. In ihr ein Schweigen, eine beredte Stille, durchbrochen allenfalls von der schneidenden Sichel des Neumonds, der ohne Aufhebens über die Zeiten hinweg und hindurch an­schwoll und wieder abnahm, ewiges Wechselspiel. Es gab keine Trennung und es war gleich gültig im buchstäbli­chen Sinn, ob sie sich wieder sehen würden. Kein Wort darüber zu verlieren. Jedes eine Falle.

Warum an Wahrheiten rütteln, die sich jenseits irdi­scher Zeitrechnung ausdehnen und wieder zusammenziehen, um in einem fortwährenden Werden in verschiedene Richtungen, Höhen, Tiefen und Weiten auszuströmen. Die Nacht vor ihnen auf der Landstraße. Ein ausgebreite­ter Mantel ihnen zu Füßen, um Schultern gehüllt. Decke, die Wärme spendete, Schutz gewährte, sie bei Bedarf um­hüllte. Ans Licht gezerrt, scheint die Wahrheit unerträg­lich. In das nächtliche Dunkel gehüllt, nimmt sie eine an­dere Gestalt an. Die starren Umrisse der Tage aufgelöst, verlieren ihre Festigkeit, so dass sich die Dinge verwan­deln und in Bewegung geraten; und manches, was am Tag klar scheint, trübt sich im nächtlichen Dunkel. Re­den kann man über alles. Nichts, dem jetzt eine Bedeu­tung zuzumessen gewesen wäre. Ein Jetzt dehnt sich Au­genblick für Augenblick in die Zeit, ohne Bedeutung, oh­ne Ziel – eine Tatsache, die ihr kurzfristig so etwas wie Trost gewährte in ihrem Geplapper, das er mit Schweigen quittierte. Über was hätte man reden sollen, über was schweigen, wenn nicht über die Liebe. Was sonst. Über den Schmerz und die Lust, den Tod, natürlich den Tod. Und Belanglosigkeiten. Ja. Die Bewegung zielt aufs Äu­ßerste. Keine Mitte. Keine Zeit. Ein Raum dazwischen. Das eben Gesagte vergessen, bevor es noch ausgespro­chen. Die Zukunft, übermächtig, frisst den letzten Rest an Zweisamkeit. Ein Schatten, die Nacht, ein letzter Schein in der Dämmerung, der von der jetzt verloschenen Sonne kündet, und Abschied. Abschied, den keiner wahrhaben will.

Über Landstraßen und Dörfer der Wagen zügig da­hin. Vereinzelt eine Formation von Krähen, kurz vor dem Augenblick, in dem die Nacht sie verschluckt. Letzter Abenddämmer. Das Geräusch des Motors, verschmolzen mit dem Rumor der Seelen vor dem letzten Mal. Immer ist immer und nie, das war etwas Anderes, aber einmal ist es das letzte Mal. Davon will keiner wissen und alle Wahrheit ist vergeblich ins Herz gemeißelt, unter Ver­schluss. Kein Übergang außer zur Tagesordnung. Noch bevor der Wagen zum Stehen kommt: der Abschied. Für immer. Sie lässt es sich nicht anmerken. Nur die geweite­ten Pupillen deuten darauf hin, auch er weiß. Die Drama­tik dieses einen Augenblicks, an dem sich die Wege trennen. So viel Zukunft, Pläne, so viel Süße. Mit einem Mal vernich­tet, ohne dass einer von ihnen Anstalten machte, der Zer­störung ihres doch geteilten Glücks Einhalt zu gebieten. Sie steigt aus. Eine Umarmung, ein Kuss. Noch einmal umarmen sie und küssen sich, bevor sie voneinander lassen. Sie winkt ihm zu – er nickt – und verschwindet. Erst später, viel später, wird sie es begreifen. Dergestalt, wie sich die Bedeutung eines Traums mit einem Mal er­schließt zu einem Zeitpunkt, an dem wir ihn vergessen wähnen.

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Poet's Gallery Beitrag September 2022

Marlene Rusgiarto

 

Das Schreiben hat mir immer viel Freude bereitet, sei es in der Schule, im Studium oder im Beruf. Erst die Pandemie hat mich auf die Idee gebracht, mich an meine Biografie zu wagen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wie viel Spaß mir diese Arbeit macht. Erf und der Schreibgruppe danke ich für die Ermutigung.

 

Lebensreise

Husum, die graue Stadt am Meer. Unser großer Heimatdichter Theodor Storm hat mir keine positiven Gefühle für diese Stadt vermitteln können. Ich empfinde sie als düster und unfreundlich. Vier Jahre habe ich hier gearbeitet und gewohnt, als Wochenendfahrerin. Vielleicht lag es daran, dass mir die Stadt immer fremd geblieben ist.

Dieser Landstrich steht ohnehin nicht für den lebensfrohen Menschentyp. Das sprichwörtliche Grau besagter Stadt erstreckt sich kilometerweit an der Westküste entlang, ins Festland hinein und manifestiert sich in dem Lebensgefühl der Menschen. Herbst und Winter wehen depressive Schwaden über die Tiefebene, von dem sich die Bewohner im Frühjahr und Sommer kurzzeitig erholen, bevor der Herbst schon wieder seine Schwingen ausbreitet. Aufgewachsen in dieser Gegend, war Schwermut meine ständige Wegbegleiterin.

Ich war ungefähr zehn Jahre alt, als ich wieder einmal beim Öffnen der Haustür die schwer auf mir lastende Stimmung einatmen konnte. Diese Atmosphäre schlug mir auf den Magen. Ich fühlte mich wie gelähmt.

Nach dem Mittagessen schwang ich mich auf mein Rad, fuhr durch die Gegend. Der Fahrtwind sollte mich in eine andere Stimmung versetzen. Auf der Höhe der Gastwirtschaft gegenüber der Schule schwor ich mir, nie mehr unglücklich sein zu wollen. Das wurde zu einem Mantra.

Meine Mutter suchte Zuflucht in der Krankheit. Sie war eine Leidende. Enttäuschungen und Verletzungen hatten sie diesen Weg wählen lassen. Ihre Sehnsüchte nach einer liebevollen Ehe und der Wunsch nach Anerkennung blieben unerfüllt.

Mein Vater kehrte 1947 aus russischer Gefangenschaft zurück, gezeichnet von den Tragödien des Krieges. Für diese Traumata gab es keinen Raum, keine Therapie. Es wurde einfach so weiter gelebt und gearbeitet. Im Februar 1948 fand die Hochzeit statt. Es soll kein schönes Fest gewesen sein. Selbst die Fotos misslangen. Kein gutes Omen für die Ehe.

Vom Zug aus sehe ich jetzt die B 5. Seit dem Tag, an dem ich den Führerschein in den Händen hielt, gehörte sie zum festen Bestandteil meines Bewegungsprofils, auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen nach Husum zu C.J. Schmidt, zum Treffen mit Freundinnen und wieder zurück nach Hause.Nun durchfahren wir die Orte Hattstedt, Struckum, Breklum. Dort gab es in den 60ern und Anfang der 70er Jahre an jedem Wochenende große Tanzveranstaltungen für die Jugend der Dörfer. Livebands spielten zum Tanz auf. Es ging sehr traditionell zu. Die jungen Männer forderten die jungen Mädchen, wie das weibliche, unverheiratete Geschlecht damals bezeichnet wurde, auf. So einer Aufforderung musste gefolgt werden, sie abzulehnen, war nicht statthaft. Darauf konnte ein Saalverweis stehen.

Ich mochte diese Veranstaltungen. Meine Freundinnen und ich putzten uns heraus, kleideten, schminkten und frisierten uns nach der neuesten Mode. Auch die jungen Männer machten sich fein. Alle trugen Anzug und Krawatte. Es wurden klassische Tänze wie Foxtrott und Walzer getanzt. Moderne wie Jive und Rock'n Roll hatten es schwer, sich durchzusetzen. In den 70ern verdrängten die Diskos diese Tanzveranstaltungen und das Sterben der Landgasthöfe mit ihren großen Sälen nahm seinen Lauf.

Mit den Discos wurden größtenteils die Paartänze abgeschafft und die jungen Frauen mussten nicht mehr darauf warten, zum Tanzen aufgefordert zu werden. Sie gingen einfach auf die Tanzfläche und bewegten sich nach Lust und Laune ohne Partner zur Musik. Das war eine große Erleichterung und ein erster Schritt in Richtung Emanzipation.

Nun passieren wir Strukum. Hier verbrachte mein Vater nach einer Chemotherapie einige Wochen in der Reha.

Die fand in einem Altenheim statt. Mein Vater hat dieses Heim verabscheut. Voller alter, kranker Menschen, die keine Ansprüche mehr stellten, nur noch den Tod zu erwarten hatten. Von Hamburg aus habe ich meinen Vater dort an den Wochenenden besucht. Ich fuhr bis Bredstedt und ging zu Fuß entlang der B 5 zum Altenheim. Diese Nachmittage habe ich sehr gemocht.

Zum Zeichen seiner Autonomie ließ mein Vater sich sein Auto vor das Krankenzimmerfenster stellen. Nach Beendigung der Reha setzte er sich selbstbewusst hinter das Steuer und entfloh mit lautem Motor der Diktatur des Altenheims. Er war damals 80 Jahre alt. Noch einmal erlebte ich ihn als Kämpfer. Niemals aufgeben, auch wenn es noch so finster aussieht. Das war sein Motto, selbst ein Jahr vor seinem Tod.

Das letzte Lebensjahr verbrachte er ganz selbständig in seiner Wohnung. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen war dieses Jahr eine gute Zeit. Er bewies sich und anderen, dass er selbst in dieser Situation unabhängig leben konnte. Nach dem Frühstück fuhr er mit dem Auto durch die Dörfer, schaute bei Freunden und Verwandten vorbei und freute sich auf die Besuche aus Hamburg.

Nach dem Tod meiner Mutter fünf Jahre zuvor entdeckte mein Vater das Kochen für sich. Er liebte es, alte Gerichte aus seiner Kindheit nachzukochen. Wenn der Besuch aus Hamburg am Wochenende eintraf, wurden viele Lieblingsgerichte aufgetischt. Die Vorratskammer und der Kühlschrank waren übervoll. Er hat es so genossen, für sich und uns zu kochen. Als er starb, fanden wir zwei Tiefkühltruhen vollgefüllt mit den Ergebnissen seiner Kochkunst vor. Es war ein intensives Abschiedsjahr. Wir sind uns sehr nahe gekommen, ohne Gefühle zu verbalisieren. Er war eben bis zum Schluss ein wortkarger, norddeutscher Bauer. Ein Mann des Handelns, nicht des Redens.

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Poet's Gallery Beitrag August 2022

Miriam Albers

Mein Name ist Miriam Albers. Seit gut einem Jahr hat das Schreiben nach langer Abstinenz wieder einen festen Platz in meinem Leben. 

Dank der Offenen Schreibgruppe von Erf und Hartmut erkunde ich die Welt der Literatur, meine und die anderer. 

Hier einen Text von mir unter meinem Klarnamen zu zeigen, bedeutet mir sehr viel. Es kostet Überwindung und bringt doch so viel Freude!

 

Der Wendepunkt 

 

„…Halb zog es sie, halb sank sie …“ Wie lautet der Satz noch gleich? 

 Felicitas sank an der Altbauwand des hohen Hauses entlang, bis sie auf einer kleinen dunkelbraunen, rauen Bank, mehr Vorsprung, im Treppenhaus zum Sitzen kam. 

 Es soll an dieser Stelle keine Rolle spielen, woher sie kommt; wohin sie will, liegt im Dunkel.

 Das Entscheidende ist, was Feli, wie man sie bis hierher genannt hatte, zieht.

 Es war so unendlich lange eine fremde Lok gewesen. In atemberaubendem Tempo war sie mit ihr durchs Leben gerast. Und wenn sich Feli vor Übelkeit und Rausch Ihres Inneren entledigte, hatten die Mitfahrer entsetzt zu ihr hinübergeblickt.

 „Wieso genießt sie denn nicht?“ „Warum macht sie das?“ „Was hat sie denn?“ 

 Wieder und wieder hatte sie sich den Mund getrocknet, den Blick aus dem stumpfen Fenster gewandt, den Rücken gestreckt und sich der Raserei übergeben.

     Das, was Feli zu einem ganz bestimmten, ihr auf ewig unvergesslichen Zeitpunkt hatte innehalten lassen, was die Kraft gehabt hatte, der Raserei etwas entgegenzusetzen, war das Aneinanderreihen von Worten gewesen. Mitten in voller Fahrt hatte Feli begonnen, Wörter, die dem Nichts entstammten, aneinander zu binden.

Und als sie diese, zu Atem kommend, las, ergaben sie einen Sinn.

 Wunderhaft von fremder Hand begann Felicitas, sich die eigene Welt zu erschließen.

 Als hätte ihr Unbewusstes ihr eine Sprache zugespielt, die lesbar geworden war. 

 Etwas, das man liest, ist so viel einfacher zu begreifen, als die Flüchtigkeit von gefühlten Gedanken, gedachten Gefühlen oder schlimmer noch: die Gedanken anderer über die eigenen Gedanken und Gefühle.

 Und in dem Maß, wie  Felicitas begann, die Worte zu hören, die in ihrem Innersten erklangen, verlor die fremde Lok zunehmend an Bedeutung. 

 Sie zog nicht mehr. Sie raste nicht mehr. Überwältigte sie nicht mehr.

 In der Sekunde, als sie auf die kleine Bank sank, gezogen allein von ihrer inneren Schwere, glitt Feli auf ihren Boden, fand Halt, erhob sich über sie, wendete sich von Außen nach Innen. 

 Von einem Spotlight erhellt, sah Felicitas in sich hinein, gewann ein Gefühl dafür, wohin es für sie gehen würde. Wendepunkt, ab dem für alle Zeiten unvorstellbar sein wird, dass diese Klarheit jemals nicht präsent gewesen wäre. 

 Was war passiert, bevor sie auf die Bank sank?

Sie hatte lang genug geschrieben ...

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Poet's Gallery Beitrag Juli 2022

Petra Thelen

Ich lebe schon seit vielen Jahren als Musikerin mit eigener Saxophonschule in Hamburg an der Elbe, kommend von Trier an der Mosel. Ich liebe Musik und Worte. Ich höre Musik, musiziere, lese und schreibe gerne. Ich schätze sehr die Verbindung zwischen den Künsten, denn sie gleichen und ergänzen sich. In jüngster Zeit habe ich begonnen, mich dem autobiographischen Schreiben zuzuwenden. Meine Ausbildung zur Autorin habe ich u.a. bei "schreibfertig – Kleinefeine Schreibschule für Jung & Alt" mit erf und Hartmut genossen. Das gemeinsame Schreiben dort ist unglaublich inspirierend.

Morgen soll es losgehen

Liebe Ana,

morgen soll es losgehen. Mama und ich haben alles gepackt. In drei Koffer. Mehr passen nicht in den Kofferraum. Mama kam gestern ins Zimmer und sagte uns, dass wir nach Deutschland fahren würden. Schon heute Nacht. Wir schaffen es hier nicht mehr. Merkwürdig sah sie aus. Genau wie Papa hatte sie tiefe Ringe unter den Augen und ihre Augenlieder zitterten leicht. Ich war natürlich total traurig. Mama kam zu mir und setzte sich mit mir auf die Couch. Sie sagte gar nichts mehr, wir weinten einfach nur. Ich weiß, dass Mama mir ihre Angst nicht zeigen wollte, sie will und muss ja mit Papa zusammen die Starke sein, aber glaube mir, ich habe gespürt, wie sie gezittert hat. Erst als Papa ins Zimmer kam und den Arm um uns legte, konnten wir uns etwas beruhigen. Liebe Ana, es ist alles so schrecklich.

Ich habe gestern am Fenster gestanden und gesehen, wie drüben in der Turnhalle, Du weißt schon, da wo Daniil zur Schule geht, Feuer aus dem Fenster kam. Die Fenster sind mit einem Wahnsinnsknall zerberstet, ich habe mich so erschrocken. Daniil sagte, das Feuer könne nicht so schnell in unsere Wohnung kommen. Stell Dir vor, die Hitze ist bis zu unserer Wohnung vorgedrungen. Die Scheibe war ganz heiß. Ich konnte meine Hände daran wärmen. Das war schön. Aber Ana, das Schlimme ist, dass wir uns jetzt gar nicht mehr sehen können. Noch nicht einmal im Keller, wo  es immer so laut und stickig war.  Und es hat so stark nach Müll gerochen, das kam von den Mülleimern, die dort unten stehen . Aber immerhin konnten wir uns sehen.  Du bist doch meine allerbeste und allerliebste Freundin. Wie das wohl werden wird, wenn wir auf der Reise sind? Hoffentlich haben wir genug zu essen und zu trinken. Papa hat uns vorbereitet, dass wir sehr lange fahren würden, aber dass wir in Deutschland sicherer seien. Er hat in den letzten Tagen ganz viel telefoniert, ich habe es immer durch die Tür gehört, obwohl er ganz leise gesprochen hat. Ich werde den Brief Alina mitgeben, ich darf heute Abend nicht mehr raus. Papa sagt, es sei zu gefährlich. Dabei sind es doch nur ein paar Minuten zu Dir. Ich habe mir überlegt, dass ich Dir mein himmelblaues Armband schenken will, als Andenken. Ich lege es in den Briefumschlag mit rein. Ich werde nochmal mit Papa reden, wenn er mitkommt, vielleicht geht das, dann gebe ich Dir selbst den Brief. Ich muss Dich unbedingt nochmal sehen. Und wir können uns umarmen. Ana, wir werden nicht zurückkommen. Papa sagt, wir werden uns jetzt ein neues Leben in Deutschland aufbauen. Dass alles zerstört wäre, wenn wir zurückkommen würden. Und weißt Du schon, dass unser neues Kulturzentrum zerbombt ist? Ich hab`s gesehen per Video. Wir waren doch vor ein paar Wochen noch da und haben getanzt. Das war so schön, mit Dir zusammen zu tanzen. Mein Tanzkleid kann ich leider nicht mitnehmen, ich hatte es doch im Kulturzentrum für die nächste Aufführung gelassen.

Liebste Ana, ich bin auch sehr aufgeregt. Ich bin den ganzen Tag, außer wenn ich Mama beim Koffer packen geholfen habe, durch unsere Wohnung getigert. Ich wollte mir alles ganz genau einprägen. Damit ich es nicht vergesse. Ich war ganz oft in Marias Zimmer. Mama hatte das Bettchen schon abgebaut, denn das wollen wir auf jeden Fall mitnehmen. Maria muss doch irgendwo schlafen. Sie ist doch noch so klein. Sie kann doch nicht auf einer Couch schlafen. Wir schon. Dort lagen an der Seite ihre ganzen Kuscheltiere. Mama sagte, dass wir jeder nur ein Kuscheltier mitnehmen dürften. Daniil hat seinen ausgerupften Löwen zum Einpacken hingelegt. Den hat er solange nicht mehr mit ins Bett genommen. Aber gestern Abend habe ich gesehen, durch die Türe, dass er seine Schnauze ganz zärtlich gestreichelt hat und ihm so wie ganz früher ein paar kleine Haare aus dem Fell gezupft hat. Weißt Du noch, ich hatte Dir den Löwen mal gezeigt, weil sein Kopf schon ganz kahl war. Daniil hat doch immer Daumen gelutscht und dann den Löwen an seine Nase gehalten. Und wir haben uns amüsiert. Mama hat ihn in die große Tasche gesteckt[. Maria muss ihre Kuschisammlung hier lassen, Du weißt ja, sie hatte über 50 Kuschis.

Ich habe viele Bilder von uns und der Tanztruppe eingepackt. Das hat Mama erlaubt. Sie nehmen ja keinen Platz weg, ich habe sie zwischen meine zwei Pullover gesteckt. Meinst Du, dass so etwas zu einem Neuanfang, wie Papa sagt, gehört, dass man nichts mehr oder nur wenig von seinem alten Leben zurückbehalten hat? Ich hoffe nicht. Denn ich will weiter tanzen. Und unsere Freundschaft wird doch alles überstehen. Oder Ana? Ich bin mir sicher. Die Kleider, die ich hier lassen muss, sind mir egal. Wir dürfen auch jeder nur ein paar Schuhe mitnehmen und Papa hat für uns alle Hausschuhe gekauft. Wir fahren nach Hamburg, hat Mama gesagt. Was meinst Du, sind die Mädchen dort anders als hier?  Ich habe mal gegoogelt. Hamburg ist eine riesengroße Stadt. Stell Dir vor, dort gibt es auch Wasser. Es ist wie Mariupol eine Hafenstadt, mit großen und bunten Container Schiffen. Es gibt dort auch einen Strand. So ähnlich wie unser Mariupol`skiy Plyzah. Da werden wir bestimmt hingehen. Und es gibt einen riesigen See, mitten in der Stadt, darauf segeln Leute im Sommer.. Wir wissen gar nicht, wo wir hinkommen. Aber Papa hat eine Bekannte, die spricht russisch, die will uns helfen. Morgen müssen wir erst Mal hier rauskommen. Papa sagt, es ist ganz gefährlich und wir müssen sehr aufpassen, weil auch dort, wo man eigentlich fahren darf, Minen sind. Stell Dir mal vor Ana, wir fahren auf solch eine Mine, ich habe schreckliche Angst davor. Ich habe ganz langsam geatmet, als ich daran dachte. So wie es die Tanzlehrerin uns gezeigt hat. Sie hat doch bei der letzten Aufführung, als wir so starkes Lampenfieber hatten, weil es doch die erste Aufführung in dem neuen Zentrum war und so viele wichtige Leute gekommen sind, gesagt, wenn Du schreckliche Angst bekommst, setz` Dich hin und atme nur. Aber Ana, wir gehen auf die Flucht, das ist was ganz anderes. Das ist keine Tanzaufführung, in der wir Angst haben, weil wir ein paar falsche Schritte machen und alle es merken könnten und wir uns dann fürchterlich schämen müssten. Ana, es ist doch kein Spiel. So wie wir es früher gespielt haben. Weißt Du noch, als Putin in die Krim einmarschiert ist, da haben wir doch Krieg gespielt, da waren wir erst sieben. Es geht doch um Leben und Tod, wenn Papa auf eine Mine kommt … Ach liebste Ana, ich will mir das gar nicht ausmalen. Weißt Du, wir fahren ja alle zusammen, nur Oma will nicht mitkommen. Wir hätten einen Koffer hiergelassen, dann wäre auch noch Platz für sie gewesen, aber Oma wollte nicht mitkommen. Sie hat gesagt, Putin ist schon so lange in der Krim, wir haben doch schon so lange Krieg, ich bleibe hier, es ist meine Heimat. Sie hat mir übers Haar gestrichen, als sie das sagte. Sie hat mich angelächelt und mich ganz lange angeschaut. Ich habe mich so geborgen und sicher gefühlt. Ich werde Oma so vermissen. Ana, ich muss jetzt aufhören, Mama ruft, ich solle ihr helfen. Aber eine Sache will ich Dir noch erzählen. Wir lachen trotzdem ganz viel. Auch wenn alles so schlimm ist, Mama und Papa bringen uns immer zum Lachen. Und Maria, stell Dir vor, so klein sie ist, sie strahlt uns alle immer an. Und Daniel ist ganz vernarrt in sie. Wenn wir lachen, dann denke ich, ach wir schaffen das schon. Das gibt mir jedes Mal Kraft. Dieses schöne Gefühl kann mir hoffentlich niemand nehmen. Und Ana, wir werden auch wieder miteinander lachen.

Wir werden bestimmt viele Tage nicht chatten können, weil wir doch im Auto sitzen. Aber wenn wir in Deutschland sind Ana, dann melde ich mich sofort. Pass auf Dich auf Ana und trage das hellblaue Band, so sind wir verbunden. Ich schaffe es bestimmt, Papa zu überreden noch zu Dir zu kommen. So kann und will ich nicht wegfahren. Ich muss Dich nochmal drücken.

 

In Liebe und tiefer Freundschaft Deine Yulia

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Poet's Gallery Beitrag Juni 2022

Ulrike Litschel

 

 

Ich bin Ulrike Litschel, seit einem Jahr im Ruhestand und entdecke grade, dass das Schreiben Freude machen kann und nicht nur zielgerichtete Arbeit ist. Mal sehen, wohin es mich führt

 

 

Skifahren

Ich erinnere mich, wie ich als Kind auf einem kleinen Hügel in unserem Dorf zum ersten Mal auf Skiern stand. Diese Skier hatte ich in unserem Keller gefunden. Sie waren ziemlich alt. Aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg schätze ich. Die Farbe platze ab und die Bindung war schon damals, Anfang der sechziger Jahre, vorsintflutlich.

Unermüdlich fuhr ich diesen Hügel hinunter, stürzte, stand auf und versuchte es wieder und wieder. Wenn ich abends nachhause kam weinte ich vor Schmerzen, wegen meiner gefroren Füße. Meine Mutter rieb sie zwischen ihren Händen warm. Aber auch das half nicht gegen die juckenden Frostbeulen, die ich in diesem kalten Winter bekam.

Irgendwann waren die Skier aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich erinnere mich nicht was mit ihnen geschah, nur, dass damit meine erste Skikarriere endete.

Mit zwanzig fuhr ich mit einer Studentenorganisation ins Montafon. Ich wollte Skifahren lernen. Die nötige Ausrüstung hatte ich mir von einer Freundin geliehen. Die Ski waren alt, hölzern und sehr lang, aber damals schien mir das kein Hindernis zu sein. Auch dass die Skihose altmodisch war, störte mich nicht.

Aber auf der Piste angekommen, entsetzte mich die Herausforderung des Skifahrens                                   

Ich sehe mich noch oben auf einem Hang stehen und hören, wie unser Skilehrer uns auffordert, ihm in den Abgrund zu folgen. Dieser Hang war so steil, dass man selbst beim Hinunterklettern mit Bergschuhen hätte abstürzen müssen. Und da sollte ich runter? Mich schwindelte

Doch ich beugte mich der Autorität des Skilehrers und fuhr, wie mir geheißen schräg in den Hang hinein. Im Ohr die ständige Aufforderung, nur ja immer den Talski zu belasten und mich damit gegen alle Vernunft dem Abgrund zuzuneigen.

Das Ende kam als ich wenden musste. Zu diesem Zweck zeigen die Skispitzen einen unvermeidlichen Augenblick, eine Nanosekunde in den Abgrund. Ich stürzte in den Schnee, die alte Skibekleidung bot keinen Rutschschutz und mitsamt den Skiern, die an meinen Fußgelenken festgebunden waren, rutschte ich den langen, steilen Hügel unaufhaltsam hinab.

Damit endete meine Skikarriere . Nie mehr würde ich mich diesem Albtraum aussetzen. Ich lieferte die Skiausrüstung bei meiner Freundin ab. Und das wars.

Als ich ungefähr 50 Jahre alt war, pflegte ich zwei Freundinnen zu beschimpfen, die jedes Jahr zum Skifahren in den Süden fuhren. Für mich war der Wintersport vor allem eine große Umweltzerstörung und Geldschneiderei.

Irgendwann luden sie mich ein, sie in die slowenischen Berge begleiten. Ich könne einer anderen Mitreisenden, die auch nicht Skifahren konnte, Gesellschaft leisten. Wir beide Skiverächterinnen nahmen uns vor, täglich zu Wandern und vielleicht auch Schlitten zu fahren

Aber es blieb in diesem Urlaub nicht beim Schlittenfahren. Plötzlich reizte es mich, es nach drei Jahrzehnten doch noch einmal versuchen. Nur kurze Zeit auf den Skiern stehen, um mir hinterher nicht vorzuwerfen, ich wäre feige gewesen.

Seither bin ich dem Skifahren verfallen.

In den nächsten Jahren fuhr ich in jedem März mit den Freundinnen in den Wintersport nach Italien, Österreich oder Frankreich. Egal wohin, Hauptsache Schnee, blauer Himmel und Berge.

Ich fuhr sanfte Hügel hinab und stürzte. Mutiger geworden traute ich mich dann an die steileren Abhänge und stürzte wieder und wieder - und stürze auch heute noch.

Es machte mir nichts aus.

Ich fahre schön langsam die Abhänge hinunter und werde dauernd von besseren und guten Skifahrern und sogar Kindern überholt.

Aber das ist mir egal

Wenn ich beim Skiverleih gefragt werde, welche Art von Skiern ich haben möchte, sage ich immer: Die für Anfänger. Ich bin seit 17 Jahren Anfängerin und werde es auch immer bleiben.

Aber das macht nichts. Ich liebe es einfach.

Meine Freundinnen fahren nicht mehr mit. Sie halten sich für zu alt und haben Angst vor Verletzungen. Ich halte das für einen Vorwand und sage ihnen, sie sollten sich nicht so widerstandslos in ihr Alter einrichten, aber sie weigern sich hartnäckig.

Also fahre ich allein.

Natürlich war es mit der kleinen Gruppe schöner. Aber der Schnee, der Himmel und die Pisten sind immer noch wunderbar und das Hochgefühl, wenn ich einen steilen Abhang geschafft habe.
Und morgen gehe ich wieder auf den Berg und ziehe langsam und in weiten B
ögen die Piste hinunter. Vielleicht werde ich auch stürzen.

 Aber das gehört ja dazu.

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Poet's Gallery Beitrag Mai 2022

Jutta Gritti

 

Jutta Gritti - interessiert an allem, was auf die Bühne, an die Wand oder zwischen zwei Buchdeckel passt. Durch Corona wurden viele Pläne der Rentenzeit ausgebremst, der Spaß am Schreiben, an der kleinen Form, an der Sprache an sich kehrte schließlich zurück. Wenn die Bilder den Weg von meinem Kopf über das Papier in die Köpfe der Lesenden finden, umso besser… 

 

Die Burg

 

Die Burg, oder das, was von ihr noch übrig geblieben war, lag stoisch und von Besucherscharen verschont im warmen Abendlicht, hoch über dem tosenden Atlantik, nah an der Abbruchkante des Steilufers. Man konnte sich vorstellen, warum sie hier einst errichtet worden war: als Bollwerk, das Wind, Wetter und Invasoren trotzen sollte, die in Jahrhunderten immer wieder vergeblich versucht hatten, die Insel zu erobern.

Es musste ein fantastischer Ausblick von oben sein und es war klar, sie würden hinaufgehen. Der kleine handgeschriebene Hinweis am Eingang wies auf das Schließen der Anlage bei Dämmerung hin. „Ach Gott ja“, meinte Nanna, „eine Stunde würde ja wohl reichen, so viel scheint ja an der Burg gar nicht mehr zu besichtigen zu sein.“ Jakob trottete hinter ihr zur Burg hinauf.

Der Weg war länger als gedacht, ein ausgetretener Trampelpfad. Sie stapften und stolperten wortlos mal neben-, mal hintereinander her wie auch sonst oft in ihrem Leben - Jakob und Nanna, beste Freunde, aber kein Paar. Jakob und Nanna waren wie Bruder und Schwester, die sie nie gehabt hatten. Sie kletterten über kleine Felsplatten, rutschten auf lockeren Steinchen aus und erreichten schließlich, von der unerwarteten Anstrengung außer Atem, die Burganlage.

Sie bückten sich, um durch das niedrige steinerne Eingangstor in die Burgreste zu gelangen - die befürchteten Invasoren von damals schienen kleiner gewesen zu sein als die Touristen von heute. Die Ausmaße eines einstmals riesigen Saales schüchterten sie augenblicklich ein. Sie fühlten sich angesichts der Größe des einstigen Rittersaals klein und unbedeutend und gleichzeitig frei, die Jahrhunderte hatten an der Burganlage genagt und die Decke des Saales und die Obergeschosse zerstört. Der Himmel über ihnen gab ihnen die freie Luft zum Atmen. Sie stellten sich vor, wie die Untertanen hier einem Fürsten oder einem König kniend gehuldigt hatten.

Der Zahn der Zeit hatte der Burg den furchteinflößenden Eindruck genommen, aber die faszinierende Aussicht war ihr nicht zu nehmen gewesen.

Sie näherten sich beide respektvoll der ungesicherten – und wie ihm schien – bröckeligen Kante, die über dem Meer zu schweben schien und waren stumm vor Bewunderung… sie konnten hören, wie tief unter ihnen das Meer tobte, wie es an die Felsen klatschte und der Höllenlärm machte jedes Gespräch unmöglich.

Es war nicht möglich, sich dem Zauber dieses Ortes zu entziehen und so legte sich Nanna gerade so weit an den Rand, dass die Kamera am ausgestreckten Arm die Naturgewalt gefühlte 100 Meter tiefer fotografieren konnte. Die Szenerie übte einen so gewaltigen Reiz auf sie aus, dass sie noch näher an die Kante robbte und nun sogar die Wasserwirbel mit eigenen Augen, nicht nur mit dem Auge der Kamera sehen konnte.

Jakob blieb fast das Herz stehen. Nanna wollte doch wohl nicht allen Ernstes da liegen bleiben? Ein weiteres Teil der Kante könnte abbrechen, sie könnte jeden Augenblick das Gleichgewicht verlieren, eine Böe des hier immer stärker werdenden Windes könnte sie erfassen, die Kamera könnte ihr aus der Hand gerissen werden und sie könnte reflexartig versuchen, sie noch zu greifen. Jakob brüllte gegen das Brausen, Nanna möge zurückrobben, man könne doch auch von hier ganz schön sehen. Schließlich schrie er, er würde jetzt gehen, er könne das nicht mehr mit ansehen, wie Nanna jetzt gleich abstürzen würde. Jakob war klar, dass eine solche Drohung Nanna nicht beeindrucken würde, falls sie sie überhaupt gehört hatte. Er war sich ja bewusst, dass Nanna die mutigere und er selbst der ängstlichere oder vorsichtigere war. Und eigentlich wollte er sie doch nur beschützen.

Seine Gedanken wirbelten in seinem Kopf herum, während er sich abwandte, weil er die Anspannung nicht mehr aushielt, bis Nanna in seiner Vorstellung jetzt gleich ganz bestimmt herunterfallen würde. Wenn er nicht hinsehen würde, würde es vielleicht nicht passieren. Und wenn doch? Er sah in seiner Phantasie Nanna hinunterstürzen bei dem Versuch, die herabfallende Kamera zu fassen, er hielt sich die Hände vors Gesicht, wie bei einem entsetzlichen Film, bei dem man die schrecklichste Szene auch nur hinter vorgehaltener Hand ertragen konnte, um sich Nanna in der nächsten Szene unten auf einem Felsen liegend vorzustellen. In Jakobs Kopf raste der eingebildete Film: vielleicht hätte Nanna den Sturz überlebt, - das Schlimmste konnte er sich nun doch nicht vorstellen - man müsste die Küstenwacht alarmieren, ein Arzt müsste ihr helfen, ihrer Mutter, ihrem Vater müsste erklärt werden, was ihrem einzigen Kind passiert war, sie müsste nach Deutschland in ein Krankenhaus gebracht werden. All diese schrecklichen Phantasien rasten ungebremst in seinem Kopf herum, so real als wenn er tatsächlich Zeuge eines entsetzlichen Unfalls geworden wäre. Tränen stiegen ihm in die Augen und rannen über die Wangen.

Plötzlich erinnerte er sich an den Zen-Meister, der geschrieben hatte: Der Unterschied zwischen Dir und mir - wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich stehe, stehe ich, wenn ich gehe, gehe ich. Wenn Du aber sitzt, dann stehst Du schon, wenn Du stehst, dann läufst  Du schon, wenn Du läufst, dann bist Du schon am Ziel.

Hinter sich hörte er Nannas fröhliche Stimme, die so begeistert klang: „Das musst du sehen, das ist unglaublich, einmalig, die Gewalt der Natur, die Gischt, die Felsen, die Möwen und wir hier oben, schau dir die Fotos an!“ Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu schwärmen und wollte Jakob die zahllosen Bilder zeigen, die so ganz anders waren, als die, die er sich vor wenigen Augenblicken noch zusammenphantasiert hatte. Sie stand ganz nah bei ihm und wischte die Fotos auf der Kamera weiter und weiter. Jakob konnte die Begeisterung seiner besten Freundin noch gar nicht teilen.

„Hast du geweint?“

„Nein, der Wind treibt einem hier ja die Tränen in die Augen“. Jakob wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht.

Nannas Begeisterung holte Jakob in die Wirklichkeit zurück und die Freundin hopste geradezu beschwingt den Weg hinunter. Jakob blieb nachdenklich hinter ihr.

 

Die alte Frau wollte gerade das Tor zur Anlage schließen und bedeutete ihnen, dass sie nun nicht mehr lange auf sie gewartet hätte. Sie waren die Letzten, die die Anlage verließen.

„Mann, Jakob, deine Bedenken, dass wir heute die Nacht hier verbringen müssten, waren wie immer vollkommen überflüssig.“

Stimmt, dachte er, und nicht nur die. Aber es war knapp.

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Poet's Gallery Beitrag April 2022

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Ursula Mommsen

 

Ursula Mommsen, Jahrgang 1950, studierte Politikwissenschaft und arbeitete nach ihrem Diplom mehrere Jahrzehnte im Medienbereich. Sie schrieb eigene Texte und redigierte andere. Privat führt sie Tagebuch, um zu beschreiben, zu analysieren und besser zu verstehen, was mit ihr und um sie herum geschieht. Gegenwärtig probiert sie neue Formate des Schreibens aus. Dazu nimmt sie auch an der Schreibwerkstatt des Haus im Park in Kooperation mit der VHS teil. Die Vielfalt der Art der Beiträge und ihrer Themen sowie konstruktives Feedback sind sehr inspirierend, findet sie. Ursula Mommsen hat zwei Kinder.

 

Über Identität

Eine aktuelle Ausstellung. Fotos, vor allem in schwarz und weiß, aber auch Videos. Die Fotografin stammt aus Südafrika. Sie fotografiert Schwarze Menschen, Schwarze Menschen aus der Queer-Szene. Sie waren und sind doppelt unterdrückt, als Schwarze von Weißen sowie als Schwule, Lesben, Bisexuelle oder Transsexuelle von Weißen und Schwarzen. Ihre Suche nach ihrer Identität und ihr Kampf für deren Anerkennung in der Gesellschaft dokumentiert die Künstlerin Zanele Muholi mit ihrer Arbeit. Muholis Modelle stehen bewusst dafür ein, sich ihr Schwarzsein zurückerobern und ihre sexuelle Orientierung und ihre Liebe offen leben zu wollen.

 

Identität. Sie basiert auf Unterscheidung und Abgrenzung. Doch das ist nicht normfrei und neutral, sondern gründet auf Werten, auf Bewertung. Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, Wertvoll oder Wertlos, Schön oder Hässlich. Und das wiederum hat sich über Jahrhunderte in der Weltgesellschaft entwickelt, befördert von Interessen und Macht. Heute wird die Frage nach der Identität - global gesehen - vor allem von Menschen thematisiert, die lange Zeit ausgrenzt waren und immer noch sind.

 

Der Roman „Identitti“ von Mithu Sanyal beschreibt die Konfliktlinien heute in Deutschland. Maßstab für bestehende Ausgrenzung und damit dafür, Zugehörigkeit zu verweigern, ist demnach das Aussehen: vor allem die Farbe von Haut und Haaren. Die 1971 in Düsseldorf geborene Kulturwissenschaftlerin und Autorin, deren Eltern aus Indien stammen, schöpft aus eigener Erfahrung. Sie setzt das Leben von People Of Colour in der deutsche Mehrheitsgesellschaft mit witzig schrägem Blick und mit modernen Stilmitteln wie hashtags* in Szene.

Auf der Suche nach Identität. Ist das auch ein Problem für eine Weiße Frau, im reichen Norden der Erde geboren, heterosexuell, mit einer Hautfarbe, die der der Mehrheitsgesellschaft gleicht? Eine Weiße Frau kann sich konfrontiert sehen mit diesem abstrakten Begriff, weil andere Menschen sich diese Frage stellen - und zwar nicht nur im privaten Kreis, sondern im öffentlichen Raum. Damit rütteln sie zugleich an den maßgeblichen Vorstellungen der herrschenden Gesellschaftsordnung. Überdeutlich steht fest: Unsere Narrative sind veraltet.

So ruft auch der Mythos von der Schöpfungsgeschichte in der Bibel nach einer Neuauflage. Seit langem schon wird gemunkelt, dass nicht Eva sondern Lilith die erste Frau von Adam war. Und die Wissenschaft weiß inzwischen, dass es Menschen gibt, die ausgeprägte weibliche und männliche Sexualorgane haben, also nicht eindeutig Junge oder Mädchen sind. Und dass es Menschen gibt, die sich als das Geschlecht fühlen, das anders ist als das, was sie dem äußeren Anschein nach haben. Gott schuf demnach also nicht nur Mann und Frau, sondern auch Zwitter und transsexuelle Individuen. Weil sie EINEN Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, verwies Gott Adam und Eva des Paradieses. Vielleicht müssen wir ALLE Früchte des Baumes der Erkenntnis essen, damit wir wieder das Paradies betreten dürfen: Durch Erkenntnis Vorurteile überwinden und in Respekt vor jedem Lebewesen auf dieser Erde zusammenleben lernen.

 

Ein Elend der Identität kommt vom Vergleichen, auch vom Vergleichen mit Normvorstellungen. Dazu zählt auch die Frage: Bin ich schön? So heißt ein Film von Doris Dörrie. Bin ich gut genug? Gilt meine Meinung etwas? Wenn dieser Zweifel im Hintergrund den Klang eines Lebens bestimmt, auch den eines Menschen der Mehrheitsgesellschaft, stimmt etwas nicht. Ein Dämon, der die Leichtigkeit des Seins verdirbt und sein Opfer ständig zu besonderen Anstrengungen nötigt. Woher kommt diese innere Stimme, die nicht verstummen will - vielleicht trotz Aktivitäten und Erfolge im Außen?

Obwohl auch in Flora und Fauna große Unterschiede bestehen, scheint es bei den Geschöpfen in diesen Bereichen kein Problem mit der Identität zu geben. Eine Eiche fragt sich wohl nicht, ob sie genau so schön ist wie die Rotbuche nebenan? Und ein Goldfisch vergleicht sich sicher nicht mit einem Wal. Auch der Apfel möchte keine Birne sein. Nehme ich mal einfach so an. Warum ist das bei den Menschen anders? Spiegelt der Selbstzweifel nur ein fremdes Augenpaar wider, das uns früher eher lieblos, vergleichend, kritisch angeschaut hat? Ist es verinnerlichte Fremdabwertung der herrschenden Eliten, wie es manche Autoren als Folge der massiven, jahrhundertelangen Kolonialisierung beschreiben?

Verlässt man die Ebene der Identität, die mit sozialen und gesellschaftlichen Aspekten sowie  Gruppen verbunden ist und begibt sich auf die rein persönliche Ebene, ist die individuelle Identität an bestimmten Körpermerkmalen festzumachen. Ein Staat stellt die Identität einer Person fest, indem er deren Fingerabdruck oder die Iris kontrolliert. Einzigartig beschaffen bei jedem Menschen und damit eindeutig und unverwechselbar zuzuordnen.

Letztlich gibt es damit so viele Identitäten wie es Menschen gibt, und das sind derzeit rund acht Milliarden. Acht Milliarden Individuen gleichzeitig und jedes davon ist einzigartig. Damit gibt es im Prinzip gar keine Norm, sondern nur Singularitäten, die aber das genau gemeinsam haben: Jede Einheit ist ein Unikat und unterscheidet sich damit von jeder anderen. Das aber wiederum ist kein Tatbestand, der nur auf Menschen zutrifft. So gleicht zum Beispiel keine Schneeflocke der anderen, jede ist einzigartig in ihrer kristallinen Struktur.

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Poet's Gallery Beitrag März 2022

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Peri Ali

Ich bin Peri, 14 Jahre alt und gehe auf ein Gymnasium in Hamburg. Ich spiele Tennis und schreibe sehr viel. Zudem liebe ich die Farbe Grün, interessiere mich sehr für die Griechische Mythologie und bin ein großer Marvel Fan

 

Hoffnung

Ein Schmerz, so stechend wie eine Flamme. Eine Leere, so tief wie die unendlichen Schluchten der Welt. Einsamkeit, das Gefühl von Verlust. Wut, Hass. Alles in mir brodelte gleichzeitig. Ich sah es noch immer vor mir, ihr strahlend weißes Lächeln, ihre dunkelgrünen Augen, welche wie die Sterne am Nachthimmel leuchteten, ihre wallenden Haare, begraben unter einem aus Ebenholz geschnitzten Sarg und dunkler Erde.

All dies löste eine solche Wut in mir aus, ich wollte gegen die Wand boxen, gar sterben, ich wollte ihm, der sie so grausam aus dem Leben riss, die Knochen brechen, ihn enthaupten. So brutal und schmerzhaft wie er sie tötete, so wollte ich ihn verletzen, ihn so sehr leiden lassen wie er mich. Noch nie hatte ich solch eine Trauer, solch eine Schwärze in mir empfunden. So vieles hatten wir geplant, so vieles hatten wir hinter uns. Und er ... er nahm mir den letzten Funken Hoffnung, das letzte Bisschen meines Glücks und die letzten Teile meiner Seele. Ihr Tod traf mich wie eine Faust ins Gesicht – nein, wie die scharfen Zähne eines Wolfes in die Kehle. Das Gefühl, nie wieder atmen, nie wieder mein Zimmer verlassen zu können.

Und doch stehe ich hier, mit erhobenem Kopf und neu gefundener Freude bin ich bereit, wieder ins Leben zu treten. Ja, es hatte lange, so unendlich lange gedauert, ich selbst zu sein, und obwohl sie nicht mehr an meiner Seite steht, so ist sie tief in mir drin. Nicht in meinem Herzen, nein, in meinem Kopf, in meinen Erinnerungen, in dem, was ich als das Leben bezeichne. Dinge verändern sich, das Leben kommt und geht. Der Tod ist eine einmalige Reise, eine Erlösung unserer Körper und ein Zeichen dafür, dass die Zeit nach so vielen langen Jahren reif ist. So traurig er auch sein mag, der Tod ist wunderschön, und ihn zu fürchten hat keinen Grund. Denn eines Tages, vielleicht auch heute, morgen, oder gar in dieser Sekunde, wird er euch einholen, um das Rennen zu beenden und ein weiteres zu beginnen. Bereit zu sein, macht ihn um ein Ganzes erträglicher, ja, sogar gut.

 

Das letzte Licht

Ich wusste nicht, was es war. Es stand vor mir, die surreal wirkenden Augen bedrohlich und anmutig zusammengekniffen. Es war so wunderschön, majestätisch und doch so hässlich, dass ich fast würgen musste. Ich konnte nicht einschätzen, wohin es schaute, denn die Augen waren so tief schwarz, dass sich meine Seele in ihnen widerspiegelte. Jedoch war ich nicht mehr überrascht, solch ein grausames Wesen zu sehen. In den letzten Wochen geschah so viel, so viel Unerklärliches, Verrücktes, gar Unrealistisches. Schwarze, schattenartige Wesen wimmelten in den Gassen, Kreaturen, bestehend aus nur einzelnen verätzten Hautteilen, welche die kahlen Knochen bedeckten, krochen umher und warteten darauf, ihre nächsten Opfer zu verschlingen, in der Hoffnung, dadurch etwas menschlicher zu werden.

Und ich? Nun, ich wurde langsam verrückt. Sie sprachen mit mir, sie griffen nach mir und mehr als nur einmal hatte ich das schreckliche Gefühl ihrer Hände auf meiner Haut. Das einzige, was mich bei Verstand hielt, waren sie. Wunderschöne schwarze Haare, Muskeln aus Stahl und ein Herz aus Gold. Gewiss waren sie keine Menschen, oh nein. Ihre Haut schimmerte silbern, ihre Hände waren zu eleganten Klauen gekrümmt und ihre Wangen bedeckt mit goldenen Sommersprossen, welche von ihnen als das „Gold der Sonne“ bezeichnet wurden. Sie konnten Dinge, welche die menschliche Vorstellungskraft übertrafen, und waren mutiger als alle Soldaten auf einem Schlachtfeld zusammen. Doch heute, an diesem tristen Freitagmorgen, war ich allein. Allein in der Falle einer Kreatur, mit Hunger und Schadenfreude in den Augen. Mit glänzender, dunkelroter Haut, die wie Blut schimmerte, welches jetzt noch in meinen Adern floss, doch bald schon die grau gepflasterten Straßen bedecken sollte. Ihre spitzen Zähne schimmerten schwarz, so wie ihre Augen, und ihr Schweif ruhte auf dem Boden. Wunderschöne weiße Haare bedeckten ihren Kopf und zogen mich immer tiefer in ihren Bann. Ein Lächeln, so schön, zugleich so boshaft, umspielte ihre vollen schwarzen Lippen, welche bald schon leuchtend rot glänzen sollten.

Ich wusste, dass sie mein Tod war, trotzdem wollte ich nichts anderes als zu ihr zu gehen und den weichen Geruch ihrer Haut aufzusaugen, welcher an ein loderndes Feuer erinnerte. Und dies nun, dies war die Geschichte, wie ich das letzte Mal die Welt erblickte, wie all das Licht in mir erlosch und ich langsam und qualvoll aus dem Leben trat. Ich bin mehr als nur erpicht darauf, eure Geschichte zu hören, so bald wie möglich. Und so möge die Welt hier, bei mir, wieder vereint sein.

Poet's Gallery Beitrag Februar 2022

Sonja Kittel

Sonja Kittel, geb. 31. August 1976 in Bobingen, wuchs, nach den ersten drei Lebensjahren in Bayern, im Rheinland auf.

Nach dem Abitur wollte sie was mit „Medien“ machen, machte eine Ausbildung zur Verlagskauffrau, studierte Public Relations, arbeitete in PR-Agenturen sowie auf Unternehmensseite und ist der Kommunikation bis heute treu geblieben. Sich selbst bezeichnet sie als Menschenfreund, was in ihrem Job definitiv von Nöten ist.

Zum Schreiben ist sie nicht nur berufsbedingt gekommen, sondern auch privat seit 2014, über die und mit der Offenen Schreibgruppe, seit Coronazeiten Gott sei Dank via Skype.

Erklärte Lieblingsstadt ist, neben Köln, Hamburg, wo sie etwas mehr als drei Jahre lebte.

 Ihr Wunsch: Mehr Zeit zum Schreiben zu haben, verbunden mit einer tollen Idee sowie dem Quäntchen Mut, um endlich ihr Kinderbuch zu schreiben.

Sonja Kittel wohnt mit Tochter Tilda und ihrem Lebenspartner in Bergisch Gladbach, auf dem Land, 20 Autominuten von Köln entfernt.

 

Liebeserklärung

Es interessiert mich nicht, welches Auto du fährst.

Ich möchte wissen, ob du mit mir aufs Rad steigst, den Wind in den Haaren, vom Geschwindigkeitsrausch gepackt.

Es interessiert mich nicht, ob du besonders schlau bist.

 Ich will wissen, ob du dich begeistern kannst, empfänglich bist für Albernheiten. Ob du spontan die Schuhe ausziehen und über die Wiese, durch den Sand laufen kannst.

Es interessiert mich nicht, ob du Gewinner des Debattierwettbewerbs bist, jede Diskussion meisterst und alle gegen die Wand reden kannst.

Ich will wissen, wIe sich dein Lachen anhört, ob es von unten nach oben gurgelt. Ob du den Kopf nach hinten wirfst, mit offenem Mund, so dass man dein Zäpfchen hinten im Rachen sehen kann.

Es interessiert mich nicht, wie sehr du dich hinter deiner eigenen Unsicherheit versteckst.

Ich will wissen, ob du meine Traurigkeit erkennst, meine Tränen ertragen und trocknen kannst, ungeachtet jeglichen Unverständnisses.

Es interessiert mich nicht, wie viele Bilder du gemalt und gewinnbringend verkauft hast.

Ich will wissen, ob du mich siehst, meine Farben und meine Lebenslinien.

Es interessiert mich nicht, ob du dich alt fühlst.

Ich will wissen, wo das Kind in dir steckt, ob du mit mir auf Spielplätzen schaukeln gehst und wir uns Zuckerwatte kaufen.

Es interessiert mich nicht, wie sehr dich deine Tätowierung geschmerzt hat.

Ich will wissen, wie leidensfähig du bist, wie viele Achterbahnfahrten du verkraften kannst.

Es interessiert mich nicht, wie sehr ich dich vermisse, solltest du irgendwann nicht mehr in meinem Leben sein.

Ich will wissen, ob du mich vermissen und zu mir stehen wirst, auch in meiner Nebensaison* und bereit bist, dein Leben mit mir zu teilen.

*Lied von Bosse und Nora Tschirner

 

Was kümmert dich

 

was kümmert dich eine welt

voller schurken und helden

denn gott liebt die mädchen

das morgen und die erde

 E. E. Cummings

was kümmert dich eine welt

voller lügen und wahrheiten

denn die liebe liebt das leben,

die freiheit und die weite.

 

was kümmert dich eine welt

mit heute und gestern

denn die zukunft liebt die unbeschriebenen tage,

die kommen und sein werden.

 

was kümmert dich eine welt

in der sie dir sagen „du hast zu sein“, „wieso bist du nicht“,

„man macht nicht“, „andere sind aber“.

du bist, wie du bist. und darfst, was du kannst.

 

Lichte Gestalten

 

Die Dunkelheit frisst das Licht,

legt sich über Land, Wald und Wiesen,

wabert wie zäher, giftgrüner, stinkender Schleim in die Städte,

sucht sich Ritzen und Nischen.

Nistet sich ein. Bleibt. Schwer und dick.

Das Licht, hell, leicht und fidel,

kauert zurück gedrängt in den Ecken.

Wagt sich nicht heraus, wartet.

Verharrt in sich.

Die Dunkelheit raunt mit tiefer Stimme „fort, fort“.

Das Licht wispert verängstigt, kaum hörbar, „ja, ja“.

Aber nicht für immer.

Die Zukunft wartet ab. Beharrlich.

Sie weiß, sie ist klug. Stark. Gemeinsam mit dem Licht.

Verbündete in einer Zeit, in der die Dunkelheit immer unberechenbarer wird.

Die Zukunft, gemacht von guten Gedanken und integren Seelen.

Für eine lebendige Leichtigkeit,

ein aufgeräumtes Sein.

Für ein zusammen und weniger allein,

ein Hoffen und weniger bangen.

Für ein Verstehen, in kruden Zeiten.

Für lichte Momente - in dunklen Gemütern mit verkorksten Geistern.

 

Kind

 

Kittelchen in nano Dasein,

Kamst in nächster Denkbarkeit.

Klein, ist neuer Däumling,

knuddelig, immer nah dabei.

Knutsch‘ ich natürlich dauernd!

 

Keiner ist niedlicher: DU.

(für Tilda)

 

Poet's Gallery Beitrag Januar 2022

Rufus Song

Rufus Song, 1972 in Frankfurt geboren.

Mann der Möglichkeiten.

Adam, Eva und der Baum der Erkenntnis

Gott hatte in sieben Tagen die Erde erschaffen und galt bei den Kollegen als Vorreiter und Visionär. Seit einigen Monaten war es jedoch etwas still um das Projekt geworden. Man wartete im Allgemeinen darauf, dass ein neues Level freigeschaltet würde, doch Gott verharrte in merkwürdiger Lethargie. Im Hauptquartier Himmelreich debattierte man heftigst über die weitere Vorgehensweise. Als Vertreter der Teufelslobby saß Satan auf Gottes linker Schulter, wobei man die Bezeichnung Schulter nicht allzu wörtlich nehmen sollte, denn Gott hat natürlich keine Schulter wie wir sie kennen. Satan stellte, was Gott bisher erschaffen hatte, infrage. „Und, war es das jetzt? Zwei menschliche Kreaturen im Paradies?“, fragte er ketzerisch. „Meine Güte, wie langweilig ist das denn bitte. Hast du nie Big Brother oder Götter unter Palmen gesehen? Da geht’s ab! Die streiten und versöhnen sich, belügen und offenbaren sich, hassen und lieben sich, verraten und verbünden sich, flüstern und schreien, lachen und weinen und tanzen und raufen miteinander. Das ist Leben, das ist Action.“ Man muss wissen, die Teufel hatten anfangs große Hoffnungen in das Projekt Erde gesetzt, mit tausenden von Arbeitsplätzen gerechnet. Pustekuchen! Das Paradies in seiner jetzigen Form war zu perfekt, zu glatt, zu eindimensional. Da gab es keinen Raum für Teuflisches. Seine Litanei beendete Satan mit einem provokanten „Komm schon, du hast doch eh nicht mehr lange…“ Was natürlich völliger Unsinn war, da Gott logischerweise, also wenn einer, dann ja wohl er, unsterblich ist.

 

Gott fühlte sich aktuell aber tatsächlich ziemlich leblos. Satan, das wusste er, verfolgte vor allem die Interessen der Teufel. Hatte er aber nicht Recht damit, dass sein Projekt Erde in einer Sackgasse gelandet war? Es musste irgendetwas passieren und ihm gefiel Satans Enthusiasmus.

Auf seiner rechten Schulter allerdings saß als Vertreter der Engel Community Gabriel, der auch keine schlechten Argumente vorbrachte. „Gott, du solltest wegen der Teufel nicht Kopf und Kragen riskieren. Du hast nicht das Paradies auf Erden geschaffen, sondern die Erde als Paradies. Sie ist perfekt so wie sie ist und die Menschen huldigen dir das. Du wirst als Schöpfer des Friedens und der Eintracht in die Geschichtsbücher einziehen. Das ist keine Sackgasse, sondern eine Autobahn des endlosen Glücks.“

Gott fühlte sich durchaus gebauchpinselt von Gabriels Worten. Das Problem war nur, ihm war langweilig. „Du musst den nächsten Schritt endlich durchziehen“, säuselte sogleich Satan in sein linkes Ohr. „Kommando Selbstbestimmung. Schmeiße diese zwei menschlichen Geschöpfe aus deinem Garten und gib ihnen die Kontrolle über sich selbst.“ „Auf keinen Fall!“ rief Gabriel. „Du wirst sie ins Verderben stürzen! Bedenke, was die anderen Götter von dir halten werden, wenn du deine Schutzbefohlenen aus einer Laune heraus opferst?“

Auch Gabriel ging es in erster Linie um die Interessen der Engel und die befürchteten eine Lawine an Arbeit auf sich zurollen sollten die Menschen außerhalb des Paradieses alleine klarkommen müssen. Einhergehend mit endlosen unbezahlten Überstunden.

Gott wägte ab. Er sah die positiven Aspekte, die die Selbstbestimmung der Menschen mit sich brächte. Bisher war immer er alleine für alles verantwortlich gewesen. Nicht nur, dass er alles erschaffen hatte. Er musste es auch unaufhörlich instand halten. Dafür sorgen, dass reife Früchte an den Bäumen hingen und überall Blumen blühten, dass Wein in den Bächen floss und Mensch und Tier gut miteinander auskamen. Am lästigsten war ihm aber, dass ständig Disteln und Dornen geschnitten und entsorgt werden mussten. Wieso hatte er sie überhaupt erschaffen? Er konnte sich nicht daran erinnern. Er war zu einer Art Hausmeister des Paradieses mutiert. Er, Gott, man stelle sich das mal vor. Peinlich! Er hatte genug von alledem und kürzlich sogar heimlich in der Burnout Ambulanz für Götter einen Termin vereinbart.

Aber auch Gabriel hatte nicht unrecht. Sein Ruf als Gott stünde auf dem Spiel, wenn er Adam und Eva ohne triftigen Grund sich selbst überließe. Er müsste es so hinbekommen, dass die beiden sich aus freien Stücken zu diesem Schritt entschlössen?

Er besann sich. Es galt, einen gangbaren Kompromiss zu finden. Hier war Diplomatie gefragt.

„Was schlagt Ihr also konkret vor?“, fragte er Richtung Teufel.

Satan beriet sich mit seiner Delegation. „Wir machen folgenden Vorschlag. Du erschaffst zwei Bäume, einen nennst Du den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Einen Baum, der Klugheit verspricht, dessen Früchte Adam und Eva unter Androhung auf ewige Verbannung aus dem Paradies aber nicht essen dürfen. Den anderen Baum nennst Du den Baum des Lebens, der ewiges Leben verspricht. Du überlässt es den Menschen alleine, was sie daraus machen.“

Der Schachzug der Teufel ging auf. Gabriel war überrumpelt, Hilfe suchend wandte er sich zu den anderen Engeln um, die ihrerseits mit den Achseln zuckten. Der Vorschlag schien fair.

Gott nickte erleichtert und kürte einen Apfelbaum – oder war es ein Feigenbaum, er war nie gut in Botanik gewesen –  in der Mitte des Gartens zum Baum der Erkenntnis. Einen anderen zum Baum des Lebens. Er rief Adam und Eva herbei, erklärte Ihnen, was es mit den Bäumen auf sich hätte und dass sie hochkant  aus dem Paradies flögen, wenn sie die Früchte des einen Baumes äßen.

Adam und Eva nickten folgsam, warfen sich aber verstohlen aufgeregte Blicke zu. Diese Verkündigung war wahrlich ein Geschenk Gottes. Sie fanden den Alltag im Paradies schon länger ziemlich öde. Nichts war verboten. Alles im Überfluss vorhanden. Jedes Detail von Gott geregelt. Es gab keine anderen Menschen, keine sozialen Kontakte; außer mit den Tieren natürlich.

Hatten sie am Anfang noch viel miteinander gelacht, waren nackt entzückt durch den Garten gesprungen, hatten voller Begeisterung die vielen Früchte probiert und sich in einem fort über Gott und die Welt unterhalten, war ihr Alltag im Paradies mittlerweile doch eher schweigsam und träge. Was sollte ihnen da ewiges Leben bringen. Ewige Langeweile wäre wohl die passendere Bezeichnung.

Andererseits gab es endlich ein Verbot. Und sie könnten es brechen. Und dadurch aus dem Paradies in die Freiheit entkommen.

Da rollte schon die Schlange heran. Bereit, ihre berühmten Worte zu sprechen, aber Eva winkte ab. Die Entscheidung war längst gefallen. Beherzt bissen die beiden in die süßen Früchte und die Einschaltquoten im Götter TV schnellten schlagartig in schwindelerregende Höhen. Gott war wieder auf seinem Zenit und wenn die Menschen nicht gestorben sind, dann ist er es noch heute!

Poet's Gallery Beitrag November 2021

Reinhard Glüer

Kurzbiographie:

 

Ich bin in Deutschland geboren, habe dann aber meine Kindheit und Jugend in Äthiopien verbracht. Nach einem langen Berufsleben als Software-Entwickler in Hamburg habe ich jetzt als Rentner genügend Zeit, meinen Hobbys Musik, Malen und Schreiben nachzugehen.

 

Der frischgebackene Hausmann

 

 Als 24 jähriger Student wollte ich alles besser machen. Zumindest anders als die vorige Generation, die immerhin einen großen Krieg angefangen und verloren hatte. Ich träumte vom Aufbau einer neuen Gesellschaft, in der autoritäre Strukturen überwunden und Aggressionen eingedämmt wären. Der Weg dahin führte über das Aufbrechen traditioneller Rollenklischees, so jedenfalls wurde es in den vielen Büchern, die ich damals begierig las, dargestellt.

 

Dann hatten wir das Kind bekommen – natürlich ungeplant; wir hatten eben nicht richtig aufgepasst, so gedankenlos und übermütig wir damals waren. Aber damit bot sich mir die Gelegenheit, die Welt zu ändern, es lockte ein großes Abenteuer, und so wurde ich Hausmann, nähte mir ein Tragetuch für das Baby und kümmerte mich Tag und Nacht um unser Kind.

 

Jetzt hockte ich also am Rande einer Sandkiste und beobachtete meinen Sohn beim Spielen. Eine Gruppe von Müttern mit ihren Kindern hielt einige Meter Sicherheitsabstand. Ich hatte mich ihnen vorgestellt, hatte erklärt, dass ich Hausmann und für das Kind zuständig sei. Ja, sie fänden das auch toll, hatten sie gesagt; wie schön, dass auch einmal ein Mann diese Aufgabe übernimmt. Aber dann rückten sie doch von uns weg und das Gespräch verstummte. Sie fragten sich, warum sich ein Mann wohl immer wieder zu kleinen Kindern hingezogen fühlte. Im Prinzip waren die Frauen natürlich dafür, dass Männer mehr im Haushalt tun und Erziehungsaufgaben übernehmen sollten, aber sie hätten niemals, niemals ihre eigenen Kinder allein und unbeaufsichtigt in meiner Nähe gelassen – man kann ja nie wissen, man hört ja soviel, und sicher ist sicher. Man konnte ihnen ansehen, wie Missbrauchs- und Kindesentführungsszenen in ihren Gedanken abliefen. Sie tuschelten miteinander, zogen sich zurück und ich blieb allein. 

 

Später hatte ich die Gelegenheit, mit den dazugehörigen Ehemännern und Vätern der Kinder zu reden, und es stellte sich heraus, dass diese noch ablehnender reagierten. Nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt und über unsere jeweiligen Tätigkeiten ausgetauscht hatten, schlug mir offenes Misstrauen entgegen. War es schon sehr schwer, gemeinsame Gesprächsthemen zu finden – sie redeten über ihre Ausbildung, ihren Berufsalltag, Fußball und Autos, ich über Kindernahrung, Windeln und Kinderkrankheiten – sahen sie es anscheinend überhaupt nicht gerne, dass ich mich, während sie arbeiteten, zusammen mit ihren Frauen auf dem Spielplatz aufhielt. Das Problem war weniger, dass das ihre Männer-Rolle in Frage stellte oder dass sie sich um ihre Kinder sorgten, vielmehr befürchteten sie, ich könnte mich so auf hinterhältige Weise an ihre Frauen heranmachen. In ihren Köpfen lief ein Film ab, in dem ich ihre Frauen erst verführte und mich dann bei ihnen zuhause einnistete, ohne dass sie – sie waren ja bei der Arbeit – sich dagegen wehren konnten. 

 

Ein Nachbar brachte diese Ansichten eines Tages auf den Punkt: „Was bist du bloß für ein schlechter Vater!“ Mit deutlicher Abneigung musterte er mich und das Baby, das im Tragetuch an meiner Hüfte saß und von dort aus neugierig das Geschehen verfolgte. „Wieso?“ fragte ich. „Du hast jetzt eine Familie, für die du sorgen musst, Mann! Such dir endlich einen Job und geh arbeiten, statt hier Tag für Tag mit dem Baby abzuhängen.“ Ich sah ihn entgeistert an: „Meine Frau verdient doch das Geld und ich kümmere mich um den Haushalt und unser Kind.“ „Deine Frau ist wirklich eine schlechte Mutter. Wie kann eine Frau nur so verantwortungslos sein, ein Kind zu kriegen und sich dann nicht darum zu kümmern, dafür aber den ganzen Tag ihrem Vergnügen nachzugehen. Und verheiratet seid ihr auch nicht.“ Kopfschüttelnd wandte er sich ab und ließ mich stehen, ohne dass ihm das logische Problem in seiner Aussage aufgefallen wäre. 

 

Auch von meinen Verwandten erfuhr ich wenig Unterstützung. Eines Tages schrieb meine Oma in einem Brief, ich würde Schande über die ganze Familie bringen, weil ich überall offen mit einem unehelichen Kind auftauchte. Ich war mir sicher, sie hätte kein Wort über meine Elternschaft verloren, hätte ich mich von meiner Frau getrennt und der alleinerziehenden Mutter reuevoll monatlich die vorgeschriebene Alimente überwiesen. Das Problem lag einzig darin, dass ich ganz bewusst zu meinem Kind und meiner Vaterrolle stand und damit ihre Vorstellungen von Familie und Ehe in Frage stellte. Damit waren Unzucht und Chaos Tor und Tür geöffnet und das konnte sie nicht dulden.

 

So wurde mir also auf die harte Tour klargemacht, dass es gar nicht so einfach ist, die Gesellschaft auf den Kopf zu stellen und die vorgegebenen Rollen zu durchbrechen.

Aber dieses alles änderte sich in den folgenden Jahren. Man sah in der Öffentlichkeit immer häufiger Männer mit ihren Kindern, das Konzept des gemeinsamen Sorgerechts wurde eingeführt und irgendwann war es auch Männern möglich, in Elternzeit zu gehen. Es hatte sich etwas geändert. Habe ich dazu beigetragen? Damals kam es mir nicht so vor. Vielleicht war die Zeit einfach reif gewesen und ich hatte nur das Glück, von den gesellschaftlichen Veränderungen in eine neue Zeit getragen zu werden. 

Alle Jahre wieder ... bestreitet "unser Mann zu Weihnachten", Hans Happel, die Poet's Gallery mit seinen immer subtilen, vielschichtigen Storys, so auch diemal mit Caravela.  

Hans Happel

Caravela

 1.

Mittwoch, d. 29. September 2021

Stehen wir am Ende einer Pandemie oder kurz vor einem neuen Lockdown? Jan sitzt an der schmalen hinteren Wand des Caravela an einem der hohen Bistro-Tische gegenüber der mächtigen Glasvitrine mit ihrem ausladenden Angebot an  portugiesischen Blätterteigtörtchen. Das Caravela ist seit einigen Wochen wieder geöffnet, hier gibt´s den besten Kaffee der Stadt, hatte Jans Freund Ekkart gesagt, als er ihn vor einigen Jahren zum ersten mal an diesen Ort führte, der sein heimlicher Platz zum Schreiben werden sollte, weil keiner ihm zuschaut, obwohl alle ihn schreiben sehen können, und weil die Gäste, die hier ihren Kaffee trinken, so bunt sind wie nirgendwo in der Stadt.

Das Caravela hat seit wenigen Tagen einen neuen Mitarbeiter. Einen jungen Mann mit dunkler Hautfarbe, mit einem großen silbernen Ring im linken Ohr, mit einem schlaksigen Gang, mit etwas hängenden Schultern, mit einem festen kurzen schwarzen Haarschnitt, sanft gezogenen Brauen und mit Augen, aus denen Jan nicht klug wird, denn er kann aus ihnen nicht lesen und fragt sich, was sie erzählen. Rühr mich nicht an? Komm mir nicht zu nah? Lass mich in Frieden?

Als müsse er etwas verbergen, was hinter seiner Gesichtsmaske, seinem wasserblauen Mund-Nasen-Schutz nur unzureichend verdeckt wird.

Komm mir nicht zu nahe! Lass mich in Ruhe! Rühr mich nicht an! Edoardo würde am liebsten schreien oder wenigstens mit einem giftigen Blick antworten, wenn er auf dem Weg von der Küche am Tresen entlang nach draußen zu den Tischen am Rand des Bürgersteigs, die Ende September noch gut besucht sind, und auf seinem Weg zurück an diesem Kerl vorbei muss, der einen viel zu kleinen, beigefarbenen Hut trägt und eine schwere dunkle Lederjacke, der ihn jedes Mal anschaut, als wolle er ihn ausziehen. Rühr mich nicht an!, möchte er schreien und darf es ihm noch nicht einmal zuflüstern, aber er fühlt sich jedes Mal von ihm berührt, wenn er an ihm vorbeikommt in dem engen Gang zwischen dem schmalen Tisch, an dem der Fremde sitzt, und der hohen gläsernen Vitrine, die in der untersten ihrer drei Lagen so großzügig angerichtete Hochzeits- und Geburtstagstorten enthält, dass er ihn manchmal beobachten kann, wie er zum Handy greift, um die schönste der jeweils neuesten Torten zu fotografieren. Heute, am 29. September, liest er „Happy Birthday, Clara!“ in rosaroter Schrift auf dem mit Sahne weiß bestrichenen Kuchen, der zweigeteilt die Form der zwei Ziffern einer 12 hat.

In diesem Moment sieht Jan den Jungen auf sich zukommen und im Vorübergehen zum ersten Mal nicht wegschauen, ja, er sieht ihn an, als würde er ernsthaft eine Frage stellen wollen, und wenige Sekunden später hört Jan eine der älteren Frauen, die er vom Sehen schon lange kennt, hinter dem Tresen zu ihm sagen: Du hast ’ne halbe Stunde Pause! Du kannst dir jetzt überlegen, was du machst. Und weiter: Das kann doch jedem mal passieren!

Was mag passiert sein, fragt sich Jan. Das Lokal ist jetzt leer, die Frau schleppt mehrere Pakete nach vorn, der Junge trägt Tassen und Teller von draußen in die Küche. Ich mach etwa fünf Minuten Pause, sagt er zu der Frau, die, wie er, schwarze Kleidung und eine lange dunkelrote Schürze trägt. Ja, mach!, antwortet sie und stellt einem gerade eingetretenen Gast den Kaffee auf den Tresen. Weißt du schon, was du studieren willst nach der Schule? Ich mache erst mal eine Ausbildung, sagt der Junge. Nach der 11. oder 12., vielleicht gehe ich schon vor dem Abi ab. Schule ist das Beste, was du machen kannst, sagt sie. Eine zweite Frau kommt aus der Küche dazu. Sie stellt sich an die schwere doppelte Kaffee-Maschine, jetzt sprechen die beiden Frauen über den Unterschied von Aufschneiden und Durchschneiden. Aufschneiden ist jedenfalls von oben nach unten, sagt eine der beiden lachend, da sieht Jan den Jungen an sich vorübergehen mit einer Tasse Kaffee in der Hand, die er nach draußen trägt, wo jetzt die Sonne den Vorplatz des Caravela hell ausleuchtet und im Hintergrund noch immer das rote Wahlplakat aufleuchtet mit dem kantigen Kandidaten und seinen entblößten schneeweißen Zähnen, die ihn gefährlich wie ein Krokodil aussehen lassen. 

Zeit zu gehen, sagt sich Jan, erhebt sich, lässt sich einen Stempel geben auf einer Karte, die er in seiner Jackentasche wiedergefunden hat und nach dem zehnten Mal für einen Kaffee einlösen kann.

Als er draußen vor dem Caravela steht, sieht er den Jungen an einem der Tische sitzen und Kaffee trinken. Er hat verstanden: Es ist seine Pause. Er würde niemals wagen, ihn nach seinem Namen zu fragen. Edoardo, denkt er, ist ja auch kein schlechter Name.

Edoardo hat ihn wahrgenommen, er blickt sofort woandershin. Er will sich nichts anmerken lassen.

2.

Samstag, d. 2. Oktober

Am Abend setzt sich Jan vor den Fernseher. Zu Corona-Zeiten, als er sich nicht fortbewegen konnte, sein wichtigstes Fenster zur Welt. Er greift zur Programm-Zeitschrift und findet auf ARTE Claude Chabrol´s Verfilmung von „Madame Bovary“. Flauberts Roman hatte er nie gelesen, aber nachdem er Isabel Huppert zwei Stunden lang in der Rolle der Emma bewundert hatte und ihr herbes Gesicht mit dem vor Enttäuschung schneidenden Blick nicht aus dem Kopf bekommt, sucht er im Bücherschrank nach der Werkausgabe Gustave Flauberts, die er vor ewig langer Zeit gekauft hatte, eine Taschenbuch-Edition im Diogenes-Verlag von 1979. Er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals aufgeschlagen zu haben. Aber jetzt überfiel ihn vor Überraschung ein leichter Schauder, als er die Grafik auf dem Buch-Cover sah. Es ist das Gesicht einer Frau, die ihm bekannt vorkommt. Er ist sich sicher, dass er sie schon gesehen hat. Im nostalgischen gelben Farbton des Titelbilds spürt er eine Erinnerung aufsteigen, und bevor er auf der Innenseite nachliest, um wen es sich handelt, zieht er einen anderen Roman aus dem Schuber, und da hat er ihn plötzlich vor Augen, er hat ihn gefunden. Diesem Jungen hatte er vor Jahren nachgespürt, als er in Lissabon im Museo Gulbenkian vor einem Gemälde von Edouard Manet stand, das ihn so faszinierte, dass er den Raum, in dem das Gemälde hing, für mehrere Stunden nicht verließ, und während Brigitta, die mit ihm gereist war, längst durch alle anderen Räume des Museums gestreift war, um ihn schließlich draußen im Park zu erwarten, blieb er vor diesem Jungen sitzen, der mit einem Strohhalm eine Seifenblase vor sich her balancierte, die so groß war, als wäre sie kurz vorm Platzen. Jan hatte, zurück in Hamburg, gegoogelt, wer dieser Junge war, der Manet 1867 Modell gestanden hatte.

Es war sein Stiefsohn, Leon Koella Leenhoff. Geboren am 29. Januar 1852 in Paris, war dieser seifenblasende Junge fünfzehn Jahre alt, als Manet ihn malte. BOY BLOWING BUBBLES, der englische Titel, den Jan auf der Rückseite eines im Museums-Shop erworbenen Notizbuchs findet, gefällt ihm. Er muss ihn laut aussprechen, um die lautmalerische Fülle dieses Klangs auf seinen Lippen zu spüren. Leon ist der Sohn der Pianistin Suzanne Leenhoff, die Edouard Manet später heiraten wird. Siebzehn Gemälde sind von ihm überliefert, auf denen sein Stiefsohn zu sehen ist. Eines ist darunter, das berühmteste, das Jan jetzt - in Form eines Ausschnitts - auf einem anderen Band in seinem Flaubert-Schuber entdeckt. In „Déjeuner à l´atélier“ von 1868 lehnt ein elegant gekleideter Jüngling im Vordergrund des Raums so lässig an einem zum Frühstück gedeckten Tisch, als müsse er dem Maler, seinem Stiefvater Edouard Manet, beweisen, dass im Mittelpunkt dieses Bildes nicht der Raum, nicht die Frühstücks-Utensilien auf dem Tisch, auch nicht die beiden anderen Personen stehen, eine Frau links im Hintergrund, offenbar die Haushälterin, und - rechts - am Tisch sitzend, ein älterer Herr mit Vollbart und Hut, sondern er ganz allein, Leon Koella und sein herausfordernder Blick und seine vollen Lippen, die aussehen, als wollte er endlich geküsst werden, und als würde er alles andere auf diesem Bild zur Staffage machen, ja, geradezu verschlingen. Jan greift zu dem Roman im Flaubert-Schuber, auf dem nur Leon´s Gesicht zu sehen ist, jenes smarte Gesicht mit Strohhut und Schmollmund, und blättert hinein. „L´education sentimental“, „Die Erziehung des Herzens“ war 1869 erstmals erschienen, ein Jahr nach Manet´s „Frühstück im Atelier“. Schon auf Seite 14 entdeckt Jan einen Abschnitt, der ihn augenblicklich ins Caravela zurückführt.

Frédéric, der 18 Jahre alte Protagonist, steht auf einem Dampfschiff, das ihn von Paris aus die Seine hinunter Richtung Süden bringt. Da entdeckt er eine junge Frau, die er nicht aus den Augen lassen kann. Gustave Flaubert ist unverschämt direkt: „Da war es wie eine Erscheinung“, schreibt er. „Sie saß in der Mitte einer Bank, ganz allein, oder zum mindesten vermochte er, geblendet von ihren Augen, niemanden zu unterscheiden. Im Augenblick, als er vorüberging, hob sie den Kopf; unwillkürlich verbeugte er sich; als er sich dann etwas weiter entfernt niedergelassen hatte, betrachtete er sie. (…)

Niemals noch hatte er einen Schimmer wie den auf ihrer bräunlichen Haut gesehen, nie eine so verführerische Gestalt, noch Finger von einer solchen Zartheit wie die ihrigen, durch die das Licht hindurchschien. Er betrachtete staunend ihren Arbeitskorb wie ein ganz außerordentliches Ding. Wie wohl ihr Name sein mochte, ihr Wohnort, ihr Leben, ihre Vergangenheit? Er wünschte sich, die Möbel ihres Zimmers, all ihre Kleider, die sie getragen hatte, und die Leute zu kennen, mit denen sie umging; und die Sehnsucht, sie körperlich zu besitzen, verlor sich in einer tieferen Begierde, in reinem schmerzlichen Wissenwollen, das grenzenlos war.“

Ist es nicht dasselbe „schmerzliche Wissenwollen“, fragt sich Jan, der diese Übersetzung ins Deutsche aus dem Jahr 1926 mit Genuss liest, das ich empfinde, wenn ich im Caravela jenen unbekannten dunkelhäutigen Jungen an mir vorübergehen sehe? Wenn ich ihn betrachte, wie er Kaffee nach draußen trägt und mit den draußen eingesammelten leeren Tassen wieder zurückkommt und direkt an mir vorbeigehen muss, und liegt darin nicht der Grund, weshalb ich ihm den Namen Edouard gegeben habe, ohne dass mir der Zusammenhang bewußt gewesen wäre, ohne dass ich begriffen hätte, dass jener Unbekannte im Caravela mein Leon Koella ist, mit denselben Augen, mit diesem abweisenden, gleichgültigen, kühlen und traurigen Blick, der meiner Entscheidung, ihn Edouard zu nennen, jede Willkür nimmt, denn jetzt begreife ich, woher der Name kommt, und dass mein Caravela, jenes Segelschiff des Kolumbus, das mich täglich an Edouards Seite führt, und in dem ich täglich von dunkelhäutigen Portugiesen umgeben bin, die hier, wie ich, ihren Kaffee trinken, ein Märchenschiff ist, das mich täglich in eine neue Welt versetzt.

3.

Donnerstag, d. 7. Oktober

Am Montagvormittag sah Jan ihn wieder. Er kam an seinen Tisch, draußen vor dem Caravela, um einen Teller abzuräumen, den ein anderer Gast stehen gelassen hatte. Aber bevor er ihn nahm, fragte er, ob er das dürfe. Jan musste nicht nachdenken, er fing seinerseits an, ihm Fragen zu stellen.

Wie lange dauert Ihr Praktikum noch?

Noch eine Woche, antwortet er.

Also hatte Jan richtig geraten, der Junge macht hier sein Schulpraktikum.

Und wie viel Wochen waren es insgesamt?

Zwei Wochen, sagt er.

Sind Sie in der elften Klasse?

Nein, in der neunten.

Oh! Ich hielt Sie für älter. Und von welchem Hamburger Gymnasium kommen Sie? Ich komme aus Stade.

Und als er noch einmal vorbeikommt, um ihm die inzwischen leere Kaffeetasse abzunehmen, fragt Jan weiter.

Wie gefällt Ihnen das Caravela?

Der Junge zögert nicht. Jan hat eine Tür geöffnet.

Sehr gut, sagt er.

Und wie haben Sie ausgerechnet dieses kleine Hamburger Bistro kennengelernt,

sind Sie Portugiese?

Nein, das Caravela kenne ich über meine Oma. Sie ist seit langem mit der Besitzerin befreundet.

Lebt Ihre Oma in Hamburg?

Meine Oma lebt auf der Veddel.

Die Veddel, sagt Jan, da kam ich täglich mit der S-Bahn vorbei, wenn ich auf dem Weg in meine Schule war, die Nelson-Mandela-Schule in Wilhelmsburg.

Und endlich wagt Jan die Frage zu stellen, die dem Jungen einen Namen gibt, keinen erfundenen, sondern den, der zu ihm gehört.

Darf ich fragen, wie Sie heißen?

Ich heiße Adrian.

Adrian, Jan stochert im Nebel, das klingt italienisch. Haben Sie italienische Vorfahren?

Nein, meine Vorfahren kommen aus der Karibik.

Jan gibt Adrian die leere Kaffeetasse und bedankt sich.

Im Caravela gibt es den besten Kaffee in der ganzen Stadt, sagt er.

Adrian antwortet: Und den besten Galao.

 

Auf dem Weg nach Hause fragt sich Jan, an wen ihn Adrians Gesicht erinnert.als er in sein Zimmer geht, und auf dem Foto an der Wand, das er vor sieben Jahren in Kuba gemacht hatte, den Jungen betrachtet, und dann auf der gegenüberliegenden Wand den Heiligen Johannes nach Caravaggio, das große Gemälde seines Freundes Martin Figura, anschaut, wird ihm die Ähnlichkeit bewußt. Der kubanische Junge hat dieselben tiefschwarzen krausen Haare wie Adrian, und Johannes, der - bis auf ein schmales Seidentuch, das kaum sein Geschlecht verbirgt - nackte Hirtenjunge, die letzte Knabenfigur, die Caravaggio 1610 kurz vor seinem Tod gemalt hatte, hat diesen Blick, diesen unergründlichen Blick, mit dem er aus dem Bild, dessen Original in der römischen Villa Borghese hängt, auf die Jugendlichen schaut, die vor ihm stehen, denen Martin Figura richtige Gesichter gibt, wahrhaftige Gesichter, sagt sich Jan jedes Mal, wenn er sie genau betrachtet, sie sehen ratlos aus, peinlich berührt, und sie tun so cool, so unbeteiligt wie möglich.

Sie können die Nacktheit des Heiligen Johannes nicht ertragen. Und das nicht nur wegen der nackten Haut, wovon ihnen täglich auf allen Wegen, in allen Medien zu viel begegnet. Es ist etwas anderes, das aus einer unbekannten Tiefe kommt, für die sie, denkt Jan, noch keine Worte finden, denn der Strom des Gefühls würde ihnen den Boden unter den Füßen wegreißen, unter den Füßen, die Martin Figura wohlweislich gar nicht zeigt.

Die Kids, die sich vor Caravaggio versammelt haben, weichen dem Heiligen in dieser Darstellung aus, sie weichen Johannes aus, denn er bekennt sich vollkommen offen dazu, dass seine Nacktheit keine Rückkehr ins Paradies und auch keine Unschuld ist. Seine Augen verführen, denkt Jan.

Er weiß, was er tun muss, wenn er Adrian wiedersieht. Einen Galao bestellen und ihm seinen Namen sagen. Ein Gebot der Höflichkeit, sagt er sich und kann es schon jetzt kaum aushalten, ins Caravela zurückzukehren.

Epilog

Am Freitag, d. 8. Oktober, Adrians letztem Arbeitstag im Caravela, wagt Jan endlich ihn zu fragen, ob er ein Foto von ihm machen dürfe. Er zögert lange an diesem Morgen, er schiebt die Frage immer wieder hinaus und lässt Adrian, der ein schweres Tablett voller Kaffeetassen und Croissants nach draußen trägt, an sich vorbeigehen, ohne ein Wort zu sagen, er verhält sich so, als würde er ihn nicht beachten und in die Lektüre der Tageszeitung vertieft sein, in Gesine Schwans Äußerungen zur künftigen Ampel-Koalition, in das Porträt des am Vortag gekürten Nobelpreisträgers für Literatur, Abdulrazak Gurnah, von dem er noch nie gelesen hatte, bis er sich plötzlich, ohne weiter nachzudenken, einen Ruck gibt und Adrian anspricht, als er erneut von draußen zurückkommt und direkt auf seiner Höhe ist.

Adrian, erlaubst du, dass ich ein Foto von dir mache?

Ich erlaube es dir, antwortet Adrian ohne zu zögern, und dann fragt er:

Mit oder ohne Maske?

Mit Maske, sagt Jan. Genauso, wie ich dich hier kennengelernt habe.

Bei Budni gegenüber lässt er das Bild im Automaten sofort entwickeln.

Und da begreift er es:

Adrian hat ihn direkt angesehen. In seinem Blick liegt keine Angst, kein Misstrauen, kein Zweifel. Vor seiner dunkelroten Caravela-Schürze hat er die Hände zusammen gelegt, wie zum Gebet.

Jan ist sich sicher, wovon er in Adrians Augen lesen kann.

Er sieht in ihnen den offenen Blick des Heiligen Johannes                                                   . Archiv

Poet's Gallery Beitrag Oktober 2021

Britta Haarmann

Ein paar Zeilen zu mir... verheiratet, 2 erwachsene Kinder ... Lebensmittelpunkt in Lüneburg, wo ich am Theater als Mitarbeiterin an der Kasse und in der Musikschule im Büro tätig bin. Ich spiele Schlagzeug, tanze Swing und liebe es, draußen im Grünen und Bunten zu sein. 

 

Das Leben ist spannend, denn immer im Flow. Ebenso das Schreiben. Den Flow und die unendliche Vielfältigkeit dessen spiegeln auch die zwölf Impulshefte des Online-Schreibkurses „Lust am Text“ von fanger& fanger: Kleinefeine Schreibschule für Jung & Alt – ich kann ihn nur empfehlen, bin nach längeren Pausen kurz vor dem Abschluß, genieße das Schreiben und Lernen unter professioneller Anleitung und Führung! 

 

 Regenbogenrutsche

 

Wie jeden Morgen nahm ich die Zeitung aus dem Briefkasten, wollte am Geldbaum im Flur vorbei zurück in meine Wohnung, als ich vom Blumentopf her ein dünnes Stimmchen meinen Namen rufen hörte, jedoch niemand zu sehen war…                    

 

Ich stoppte und beugte mich runter in die Richtung, aus der ich den Ruf zu hören geglaubt hatte. „Ganz schön trocken schon wieder“, dachte ich, als ich mit Forscherblick die Blumenerde scannte. „Huhu, höher! Hier bin ich. Wenn du den Kopf hebst, sitze ich auf Augenhöhe auf einem Blatt.“ Ich hob den Kopf. Mit Kurzsichtigkeit gesegnet, schob ich meine Gleitsichtbrille hoch und näherte mein Gesicht den Blättern bis auf wenige Zentimeter. Tatsächlich! Da hockte eine kleine Figur, eine Art Zwerg, durch seine grüne Kleidung kaum auszumachen zwischen den Blättern. Ich schloß die Augen. Ich hätte den letzten Gin Tonic am Abend zuvor weglassen sollen! Nachdem ich bis zehn gezählt hatte, öffnete ich erst das rechte, dann das linke Auge. Er war noch da.                                                    

 

„Hallo“, kam es vom Blatt. Definitiv, das Minizwerglein redete mit mir. „Haaallo!!! Ich brauche dringend deine Hilfe!“ „Ähm – worum geht‘s denn?“ „Ich muß wieder nach Hause!“, postulierte das Männlein. Ach so! „Dann geh doch. Ich mach dir die Tür auf“, bot ich an. „Nein – ich kann nicht einfach gehen.“ Ich verstand nicht, warum dies nicht möglich sein sollte. „Du bist ja auch irgendwie hier rein gekommen. Also wirst du auch wieder rausgehen können?!“ „Ich brauche einen Regenbogen, auf dem ich zurück rutschen kann“, jammerte Minimann. Klar! Unsereins reist per Fahrrad, Auto oder Flugzeug, andere rutschen über einen Regenbogen. Ich beschloß, eine kalte Dusche zu nehmen, einen starken Kaffee zu kochen und Dehnübungen auf dem Balkon zu machen. Bei meiner Rückkehr hoffte ich, keine grünen Männchen mehr zu sehen. Ich richtete mich auf und drehte ab.

 

„Halt“! Wow! Dieser Liliputaner konnte ganz schön laut werden. Ich drehte zurück – jetzt stand er auf dem Blatt in voller Größe. Die betrug etwa drei Zentimeter. Grüner Hut auf braunen Locken, grünes Wams und grüne Knickerbocker. Die Füße steckten in braunen Stiefelchen. Irgendwo hatte ich so eine Erscheinung schon mal gesehen. „Wer bist du eigentlich und wie kommst du in meinen Blumentopf?“, echauffierte ich mich.     Der kleine Kerl tat einen langen Zug aus seinem Pfeifchen. Auch noch rauchen unter meinem Geldbaum! „Gestatten: Ich bin ein Leprechaun.“ Genau! Ich erinnerte mich! In jedem Reiseführer über Irland werden die Leprechauns erwähnt. Naturgeister, die dort in den Hügeln und Wäldern hausen. Sie gehören zum Mythos der grünen Insel wie die Meerjungfrau zu Kopenhagen oder die Ratten zu Hameln. Hauptamtlich arbeiten sie als Schuhmacher für die Feen. Sie gelten als kleine Geizhälse, da sie ihr Geld vergraben. Der Sage nach am Ende eines Regenbogens. „Ich habe den falschen Regenbogen genommen und bin nach Südafrika gerutscht“, sagte mein Gesprächspartner. Noch während ich über das Phänomen eines falschen Regenbogens nachdachte, dämmerte mir der Zusammenhang. Den Geldbaum hatte mir meine Nachbarin aus Johannesburg mitgebracht, als Dankeschön dafür, dass ich bei Ihr zwei Wochen die Blumen gegossen hatte. „Wie bist du denn in dem Geldbaum gelandet?“ fragte ich den Kobold. „Ich bin vorzeitig vom Regenbogen abgesprungen, als ich merkte, dass die Richtung nicht stimmte. So bin ich auf dem Markt in einem der Blumenstände in diesem Topf gelandet.“ Den meine Nachbarin erfeilscht hatte. Damit wäre das geklärt. Ich zweifelte zwar noch immer ansatzweise an meinem Verstand, aber die Rauchwölkchen, die aus den Blättern aufstiegen, schienen meinen Verdacht tatsächlich zu bestätigen. 

 

Während ich überlegte, ob Mr. Leprechaun mir nicht auch ein Paar Schuhe nähen könnte, wenn er sich schon mal zu mir verirrt hatte, jammerte das Kerlchen: „Ich muß vor dem nächsten Vollmond zurück sein, sonst kann ich nie wieder auf die Insel, zu meiner Frau und meinen sieben Kindern.“ Mir schwante etwas. Ich bekam grade die Verantwortung für das Glück eines waldschratigen Schusterleins und seiner Familie aufgebrummt. „Wieso hast du eigentlich den falschen Regenbogen genommen?“ (Lach- und Sachgeschichten mit der Maus, tickerte es durch meinen Kopf. Wobei die heutige Folge wohl eher zu den Lachgeschichten gehörte) „Nun…“, zögerte Meister Schuh, „ich hatte am Abend zuvor zu viel Farnschnaps getrunken, da war’s noch etwas neblig in meinem Kopf. Doch ich mußte mein Geld in Sicherheit bringen. Also bin ich auf den nächsten Regenbogen aufgestiegen. Der war ewig lang und gebogen, die Richtung konnte nicht stimmen. Da bin ich gesprungen. Dabei habe ich auch noch den Geldsack verloren“, schloß er und senkte den Kopf. Schimmerte da eine Träne? „Vor dem nächsten Vollmond … einen Regenbogen … bitte!!“ Der ganze Geldbaum zitterte vor lauter Geschluchze. „Ich gebe dir eine Goldmünze, wenn es dir gelingt!!“ Bei einem solchen Angebot war klar: es ging um Leben und Tod!                                          

 

Ich googelte den nächsten Vollmond. Der würde bereits am nächsten Tag am Himmel stehen. Ein Regenbogen war nicht zu erwarten. Die Wettervorhersage verkündete laue Sommerabende und anhaltende Trockenheit. Als ich dem Unglücklichen das Ergebnis meiner Recherchen mitteilte, heulte es erneut los im Geldbaum. Die Pfeife erlosch unter der Tränenflut, von zu trockener Blumenerde konnte keine Rede mehr sein. 

 

„Ich muß jetzt erstmal frühstücken, ohne was im Magen kann ich nicht denken. Uns bleiben noch zwei Tage, um dich nach Hause zu bringen, das sind 48 Stunden, das ist richtig viel Zeit“, beruhigte ich ihn. Es gelang mir, meiner Stimme einen überzeugenden Klang zu verleihen. Er schnüffelte noch ein paarmal in seinen Hemdsärmel, dann fischte er ein Ministreichholz von der Größe eines Holzsplitters aus seiner Hosentasche und bemühte sich, das Pfeifchen wieder in Gang zu bringen. Fehlanzeige! Das Streichholz war feucht geworden. Zum Glück! „Kann ich dir was zum Frühstück anbieten“ fragte ich.“ Nein, danke. Ich nasche hier von den Blättern, wenn du nichts dagegen hast?“ Ich nickte. „Aber vielleicht hast du ja einen Span für mich?“, blinzelte der Wichtel unter seinem Hut hervor. Ich zögerte, aber dann versorgte ich meinen Blumenzwerg mit einem Holzspan vom Kaminholz und mich mit Kaffee und Brötchen. In meinem Kopf rotierte es. Das Schicksal des kleinen Kerls rührte mich nun doch. Konnte man ihn vielleicht im Briefkuvert nach Hause schicken? Sollte ich ein Flugticket nach Irland buchen und den Grünling selbst überbringen? Könnte ich ihn einem LKW Fahrer Richtung grüne Insel mitgeben? Nein, alles keine Lösung. Ein Regenbogen mußte her.                                

 

Ich fing an Spaghetti zu kochen. Mittwochs aß meine Nichte Nelly immer nach dem Kindergarten bei mir. Mein irischer Besucher war eingeschlafen und ich hoffte, er würde sich über den Nachmittag still verhalten.                                                   

 

Als ich mit dem Kind nach Hause kam, blieb alles ruhig. Nelly hüpfte in meine Küche und kippte den Inhalt ihres Rucksacks auf den Fußboden. Brotdose, Trinkflasche, Stoffhase, Regenhose, Wachsmalkreiden. Sie zerrte ein zerknittertes Papier Din A 3 Format hervor. „Nelly, laß uns doch erst essen, bevor du malst“  „Hab noch gar keinen Hunger. Guck mal, was ich Tolles im Kindergarten gemacht habe.“ Ich starrte auf das Papier. 

 

Darauf war der Anfang eines Riesenregenbogens zu sehen. Das war’s! Mary Poppins! In einer Filmszene springt sie mit den Kindern und dem Straßenmaler Bert in eins seiner Bilder. „Nelly, das ist ja ein toller Regenbogen!! Wenn du das Bild fertig hast, schenkst du es mir?“ bat ich. „Klar, wollte ich sowieso!“, kam die Antwort. Die Spaghetti schmeckten mir so gut wie noch nie. Abends, nachdem Nelly abgeholt worden war, weckte ich mein Zwerglein. Er hatte tatsächlich den ganzen Tag geschlafen. Vor dem Geldbaum breitete ich auf dem Fußboden das Bild von Nelly aus. „Was meinst du?“ Der Leprechaun hüpfte im Blumentopf hin und her, schoß Purzelbäume und wäre fast vorzeitig rausgefallen. „Oh, oh, oh, ich wußte, du schaffst es! Danke!!“ Da hatte er mehr gewußt als ich. „Prima! Bist du startklar?“ Er nickte, packte sein Pfeifchen ein, zog den Hut über die Ohren und stellte sich wie ein Turmspringer auf dem Sprungbrett bereit. Ich nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und setzte ihn an den Beginn des Regenbogens. Mit einem schlürfenden Geräusch, wie wenn der letzte Rest Wasser durch den Badewannenabfluß gurgelt, wirbelte er in das Bild – weg war er. Ich konnte ihm nicht mal eine gute Reise wünschen, sah noch seine Hand aus dem Lila winken. Wie hypnotisiert stand ich im Flur. Mein Blick pendelte zwischen Nellys Gemälde und dem Geldbaum. Ich hatte geträumt!  

 

Unter den Blättern des Geldbaums blitzte es. Ich neigte mich zum Blatt, schob die Brille hoch. Eine Goldmünze glitzerte mir entgegen. 

Poet's Gallery Beitrag September 2021

Sabine Bellmund

Sabine Bellmundgeboren 1963 in Hannover und aufgewachsen in Norddeutschland, ertrug sie Kälte und Dunkelheit nur schreibend und lesend. Folglich studierte sie Germanistik, Geschichte und Ethnologie in Göttingen und Hamburg und schrieb ihre Doktorarbeit über den türkischen Autor Aras Ören und seine Reflexion der türkischen Migration. Immer fasziniert von anderen Kulturen, reiste sie durch viele europäische, asiatische und nordafrikanische Länder. An der Hamburger Universität arbeitete und lehrte sie 20 Jahre im Bereich Sprachwissenschaften und interkulturelle Kommunikation. Jetzt lebt sie mehr auf Teneriffa als in Hamburg, weiterhin unterrichtend und schreibend – trotz des sonnigen Klimas. 

Nicht zuletzt auch dank der liebevollen und professionellen Begleitung durch schreibfertig.com zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien, u.a. beim Konkursbuchverlag.

 

Chaos in Raum 17

Hier in Raum 17 sollte mein Leben und das vieler anderer Menschen eine entscheidende Wendung nehmen, aber das lag damals noch in weiter Ferne oder zumindest außerhalb meines Bewusstseins, als ich mit gerade 29 Jahren auf die Forschungsstation Hermes 2 versetzt wurde. Das war eine große Auszeichnung; normalerweise wurden nur lang gediente Wissenschaftler in diese Bereiche unseres Planeten geschickt. Und ich hatte gerade vor drei Jahren mein Studium der Virologie und Medizingeschichte abgeschlossen, allerdings schon zwei Forschungsprojekte geleitet, die sich mit Fragen der Genetik beschäftigten. Als sie mir dann anboten, eine Aufgabe am Rande unserer bis dato erforschten Zivilisation, im ewigen Eis, zu übernehmen, konnte ich mein Glück kaum fassen und sagte sofort zu. 

Und nun stand ich mit dem Leiter der Forschungsabteilung in diesem dunklen, verstaubten Büroraum aus dem 21. Jahrhundert, und hörte ihn sagen: "Wir freuen uns sehr, dass Sie zu uns gekommen sind. Schon lange suchen wir einen systematisch denkenden, ehrgeizigen jungen Menschen, der bereit ist, diese schwierige Arbeit anzugehen. Schauen Sie sich um, völlig veraltete Technologien. Was sage ich – Karteikästen, Disketten, Laptops. Alles in einem dermaßen ungeordneten Zustand, aber hier könnten sich wahre Schätze verbergen. Spannende Erkenntnisse. Und mit Ihrem Studium der Medizingeschichte sind Sie geradezu prädestiniert für diese Aufgabe, die Forscherdrang und Neugier erfordert. Versuchen Sie, den roten Faden zu finden, Ordnung ins Chaos der Geschichte zu bringen. Brauchen Sie weitere Unterstützung, dann wenden Sie sich an mich." Er klopfte mir auf die Schulter und ging. Genauso hätte er mir sagen können, endlich haben wir einen Trottel gefunden, der sich für diese langweilige und überflüssige Aufräumaktion einfangen ließ. Ich seufzte, zog einen knarzenden Bürostuhl heran, setzte mich, versuchte die Tischplatte vor mir mit einem Tuch vom zentimeterdicken Staub zu befreien und fischte das erste Kärtchen aus einem beliebigen Kasten: Oben stand Berlin 1965. Berlin, Berlin überlegte ich. Hatte ich das während meines Studiums schon mal gehört? War das der Name eines Wissenschaftlers? Einer Krankheit? Ich erinnerte mich nicht. Aber wir hatten uns nur kurz mit den Theorien beschäftigt, welche Lebensformen vor Beginn unserer Zivilisation existiert hatten. Und wenn 1965 eine Jahresangabe war, lag sie weit vor Beginn unserer exakt dokumentierten Geschichte. Plötzlich spürte ich mein Herz klopfen und mein Blick glitt über die aufgetürmten, teilweise zusammengestürzten Kästen, Aktenberge und Regale. An die Arbeit, dachte ich. Aber welchem Kriterium sollte ich folgen: den Namen? Der Jahresangabe? Die Zeit, die zeitliche Chronologie musste mein Leitfaden sein. Ich arbeitete den dritten Tag in meinem Raum 17 und hatte mir einen ersten Überblick über die Karteikästen verschafft: Die frühesten Angaben stammten von 1948 und ich hatte noch viele neue Namen entdeckt: New York, Madrid, Paris, London... Langsam schwante mir, dass es sich um die Namen von Orten handeln musste. Auf welchem Planeten? Darüber hatte ich keine Angaben entdecken können. Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir, eine Hand legte sich mir auf die Schulter – kühl –  ich wandte mich um und erstarrte. Dieses Gesicht hatte mir bis jetzt nur von Bildschirmen entgegengelächelt, wenn wieder neue Forschungserfolge verkündet wurden. Diesmal lächelte mich der Mann en persona an: "Ich wollte doch mal unseren neuen Mitarbeiter begrüßen. Wie kommen Sie voran? Schon auf etwas Interessantes gestoßen?" Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Nein, nein, stotterte ich. "Macht nichts. Lassen Sie sich Zeit. Aber", er hob den Finger und das Lächeln verschwand, ich sah Gefahr in seinen Augen aufblitzen, "sollten Sie etwas Beunruhigendes ent-decken, kommen Sie sofort zu mir, verstehen Sie? Nur zu mir." 

Er bewegte den Finger scherzhaft drohend vor meinem Gesicht hin und her und kurzzeitig fühlte ich mich wie ein hypnotisiertes Kaninchen.

Es ist der 222. Tag des dritten Jahres meiner Recherchen in Raum 17 und ich habe Unglaubliches herausgefunden: Schon lange vor unserer Zeit gab es einen durchaus entwickelten Planeten, allerding im Bezug auf Raumfahrt, künstliche Intelligenz und Genforschung weit hinter uns zurück. Aber abgesehen von Technik und Wissenschaft, die in unserer Gesellschaft den allerhöchsten und alleinigen Wert darstellen, verfügten diese menschlichen Wesen über exzeptionelle Fähigkeiten, von denen ich noch nie gehört hatte: sie reihten schöne Worte aneinander und nannten es Poesie, sie spielten mit Klängen und bewegten sich dazu, sie tanzten, wie sie es nannten, sie trugen bunte Farben auf Papier auf... bis jetzt konnte ich den wissenschaftlichen Nutzen, den Sinn und Zweck, der dahinter steht, trotz aller Mühe nicht erfassen, aber immer wenn ich auf vereinzelte Beispiele stoße, durchläuft mich ein völlig unbekanntes Gefühl, es durchrieselt mich eine Ahnung von Schönheit , Freiheit und Freude. Was soll ich tun? Gehe ich mit diesen Erkenntnissen zu den Oberen, werden sie alles vernichten, denn es stellt eine Gefährdung unserer Ordnung dar. Nein, ich werde auf den Knopf drücken und alle Klänge, Worte und Bilder über das Intranet in alle Köpfe schicken. Es wird eine Explosion auslösen.

Weitere Geschichten von

Sabine Bellmund in

Last Storys aus dem Frühstücksraum, 

hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 2,

tredition 2020  

Siehe auch

Sabine Bellmund in

"Geschichten aus dem Frühstücksraum"

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

 

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Poet's Gallery Beitrag Juli 2021

           Petra Thelen

Petra Themen, lebend und wirkend in Hamburg, unterrichtet seit 25Jahren Saxophon und tritt regelmäßig bei Veranstaltungen auf. „Ich weiß eine Geschichte. Darf ich sie erzählen?“, ist eine Frage, die sie gerne in die Runde stellt. Diese aufzuschreiben, ist ihre neueLeidenschaft.

Sinkflug

Erstaunt schaute ich euch hinterher, während euer Leben zwischenmeinen Augenbrauen zerrann. Kristalle hatten sich gebildet, als ich erkennen musste, dass sich unsere Wege trennen. Aber dass es so schlimm würde, hätte ich nicht gedacht. Es schien alles zu viel, als ich in das Meer sprang und nicht mehr auftauchen wollte. Es fühlte sich gut an. Obwohl es so kalt erschien. Eine lautlose Stille. Ich sank mit geschlossenen Augen und fühlte, dass dies ein Weg sein könnte. Es schien, als wäre die Luft in meinen Lungen nur für mich da und wollte mir noch diesen einen Moment schenken. Mein Mund öffnete sich leicht und Blasen perlten am Schilf entlang. Ich wollte Ja zum Leben sagen, meinte aber Nein. Mit größter Anstrengung schoss es mir durch den Kopf: So geht das nicht, alles, ändere es. Ändere alles, aber ändere nicht dich selbst, denn du wirst dir sowieso wieder begegnen und so wie du bist, bist du gemeint. 

Hatten die Fische jetzt auch schon die Sprache erlernt, als sie mich mit großen Augen zwischen den Gräsern im trüben Wasser fragten, was ich jetzt genau von ihnen wolle? Ihnen mein Leben vor die Füße werfen? Das wollten sie sich nicht gefallen lassen, knabberten aber schon an meinen Sohlen. Die haben Humor, dachte ich. Noch während ich meinen Sinkflug fortsetzte, dem Meeresboden entgegen, erklang eine helle Stimme, die sagte: Überleg es dir nochmal. Ich hinterließ einen Abdruck im sandigen Boden, bevor ich mit dem letzten Atem nach oben schnellte, um dem Leben, meinem Leben, eine weitere Chance zu geben.

Petra Thelen  in:

 

„Last Storys aus dem 

Frühstücksraum“, 

 

hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 2,

tredition 2020  

Weitere Geschichten von Petra Thelen in  Geschichten aus dem Frühstücksraum"

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

 

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Poet's Gallery Beitrag Juni 2021

www.schreibfertig.com

Jürgen Schöneich

Jürgen Schöneich  schreibt für Geld, was seine Kunden lesen wollen. Seit über zehn Jahren verfasst er auch Texte für sichselbst, die er gerne vorliest. Meist sind es kurze Prosastücke mit Überraschungen und kleinen Provokationen. Manches davon findet sich unter www.berlinermax.de. Jürgen Schöneich lässt sich gern zu Lesungen einladen, Kontakt unter berlinermax@gmx.de

Besuchen Sie Jürgen Schöneich am 6. Juni 2021 um 16 Uhr live in Wilhelmsburg auf der Wiese am interkulturellen Garten und im Internet mit musikalischer Begleitung von Renée de la Prade am Akkordeon: 
https://suedlese.de/lesungen/juergen-schoeneich-renee-de-la-prade-schraege-stories-und-crazy-tunes/

Rebirthing   

Es gibt fast nichts, wovor Nico Kleinig Angst hat. Als Bereichsleiter einer bundesweit tätigen Versicherung ist er bekannt dafür, sich weder durch unfreundliche Reaktionen auf seine Geschäfts- anbahnungsversuche noch durch Aufsässigkeiten seiner Mitarbeiter vom geraden Karriereweg abbringen zu lassen. Nico Kleinig ist immer im Gefechtsmodus, tritt das Gaspedal jederzeit durch und kneift niemals. Fast.

Jetzt hat er Angst. Er bewegt sich vorsichtig durch das Gewimmel des Hamburger Doms. Er trägt seinen grauen Geschäftsanzug, schon um klarzumachen, das hier ist ein beruflicher Pflichttermin. Um ihn herum geht sein Team, lauter gestandene Versicherungskaufleute in abendlicher Feierlaune. Seine Angst macht Kleinig hellwach. Er hört das Klingeln am Feuerwehrauto des Kinderkarussells, das Grölen alkoholisierter Jahrmarktsbesucher und immer wieder ein nasskaltes Geräusch, wenn ein Wagen am Ende der Wasserrutsche in den künstlichen Tümpel platscht. Widerwillig nehmen seine Ohren die billige Jahrmarktsmusik und die dämlichen Sprüche wahr, mit denen Opfer für eine Attraktion namens Skyflasher geworben werden. 

Wie gesagt, Kleinig ist nicht freiwillig hier. Nachdem Berichte von Unstimmigkeiten im Team bis zur Geschäftsführung gedrungen waren, wurde der Dombesuch vom Personalvorstand angeordnet. Als Teambildungsmaßnahme, Kosten übernimmt die Firma, Belege sind einzureichen. Ein Rattern und Rauschen dringt an seine Ohren, ergänzt vom Kreischen aus gefühlt tausend gefolterten Kehlen. Die Achterbahn, das Ziel der Gruppe, der Höhepunkt des heutigen Jahrmarktsbesuchs.      Der gemeinsame Besuch des Vierfachloopings ist die ultimative Maßnahme zur Festigung des Teams: Wir lernen uns mal von einer anderen Seite kennen, emotional sozusagen, alle in einem Boot sozusagen. Wir hören den Herzschlag von jedem im Team beim gemeinsamen Sturz ins Auf und Ab des neuen Geschäftsjahres. Grausame Idee für jemanden mit Höhenangst. Kleinig hat seit heute morgen nichts Festes mehr in den Magen bekommen, er hat letzte Nacht nicht schlafen können. Eine zweistellige Zahl von Espressos wirbeln durch seinen Magen, ein Geräusch wie der Milchaufschäumer der teameigenen Nespresso Maschine. 

Jetzt hat die Gruppe die Achterbahn erreicht. Die Teamassistentin, Frau Winterzorn, kauft zwölf Karten und lässt sich den Beleg geben. Zwei bullige Männer öffnen eine Schranke. Kleinig nimmt metallische Geräusche wahr, ein Gestoßenwerden wie im Güterbahnhof, dazu eine leicht jaulende Softjazzmusik, und von weither die Geräusche des Jahrmarkts, alles übertönt vom Rauschen des eigenem Bluts im eigenen Kopf. Die Gruppe setzt sich in einen bereitstehenden Wagen. 

Kleinig landet in der ersten Sitzreihe neben der Praktikantin, einer schwarzgekleideten jungen Frau mit roten Haaren, einigen Totenkopftattoos und metallischen Verzierungen an Mund und Augen. In diesem Auf-zug würde die Dame es in der Versicherungswirtschaft schwer haben, denkt sein Bereichsleitergehirn, als Gespenst für die Geisterbahn würde sie sich besser eignen. Schon klappen Bügel herunter, und ein Entkommen ist unmöglich. Kleinig hat kurz überlegt, ob er sein Arbeitsverhältnis kündigen soll, aber jetzt ist es zu spät. 

Mit einem Ruck setzt sich der Wagen in Bewegung, und zwar steil nach oben. Kleinig kann die Reeperbahn und den Hafen sehen, ein Kreuz-fahrtschiff kommt gerade die Elbe hoch. Die Totenkopf-Praktikantin sagt etwas, das er nicht versteht. Er stimmt zu, sicherheitshalber. Kleinig ist kein Feigling. Der Wagen ist inzwischen sehr, sehr weit oben. Auf dem wackligen Gleis ruckt er noch einmal und bleibt stehen. Weit unten ist der Dom ein kakophones Lichtermeer. 

Kleinig dreht sich zur Totenköpfin um, die grinst und hat ein wildes Flackern in den Augen. Er wendet sich ab und schließt lieber die Au-gen, ein Relais klackt, der Wagen setzt sich in Bewegung und stürzt senkrecht in die Tiefe. Kleinigs Blut und sein Magen kleben an der Schädeldecke, neben ihm ein schrilles Geräusch wie eine Sirene oder eine Kreissäge. Er braucht einen Moment, bis er sich klar wird, das ist die Praktikantin, die schreit. Sie kreischt mit der Stimmkraft einer Death Metal Frontfrau, und ihr Schrei zieht Kleinig mit, der ganz oh-ne eigenen Willen ebenfalls um sein Leben schreit. Aus voller Kehle. 

Mit einer heftigen Bewegung reißt er sich die Krawatte vom Hals, um das Stimmvolumen zu steigern. Er geht völlig auf in seinem Schrei, der als Ausdruck von Angst beginnt, sich in eine mörderische Wut steigert, ein Schrei gegen den morgendlichen Stau, seine doof-dreiste Tochter, den schlechten Kaffee in der Kantine, die Sollzahlen, das Autohaus und die unzuverlässige Werkstatt, die dumme Deutsche Bank, seine vertrocknete Gattin, den ungemähten Rasen, die kleinäugigen Nachbarn, die Deutsche Bahn, gegen die neuen Regeln bei Miles & More, gegen alle seine verzogenen Kunden, gegen den Architekten seines Reihenhauses, das Finanzamt, seine gierige Geliebte, gegen die Kumpel im Golfclub, die Nachbarskinder, das Controlling, gegen die Strafzettel, die Bundesregierung, und vor allem, vor allem gegen den für ihn verantwortlichen Vorstand Human Ressources. 

Kleinig legt sein ganzes verpfuschtes Leben in diesen einen Schrei. Der Wagen kommt unten an, rast jetzt durch die Loopings, das ganze Team wird hin und her geschleudert, er sieht die Totenköpfin an. Sie hat Freudentränen in den Augen und nickt anerkennend: Cooler Schrei,Herr Kleinig, machen wir nochmal, oder? Kleinig nickt. Begeisterung erfasst ihn und lässt ihn grinsen. Klar, nochmal. Wirklich befreiend! Neu geboren werden in weniger als einer Minute und für ganze sechs Euro.

Jürgen Schöneich  in:

 

„Last Storys aus dem 

Frühstücksraum“, 

 

hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 2,

tredition 2020  

Weitere Geschichten von Jürgen Schöneich in  Geschichten aus dem Frühstücksraum"

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

 

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Poet's Gallery Beitrag Mai 2021 www.schreibfertig.com

Mariam Salehizadeh

Mariam Salehizadeh 

 

Geboren 1959 in Hamburg. Sehr norddeutsch geprägt und mit iranischen Wurzeln verbunden, liebt die deutsche Sprache und iranische Musik. In der Offenen Schreibgruppe übt sie sich in Spontaneität, um so ihre Gefühle und Gedanken zu jedwedem Thema in Worte zu fassen.

 

Blattnachrichten

Als ich heute nach Hause schlenderte, sah ich unter den vielen Bäumen und  Sträuchern einen kleinen Busch, der sich so nah an der Parkbank befand, dass ich dachte, vielleicht erkennt dieses Büschlein im Holz der Bank einen seiner Urahnen. Die hellgrünen Blätter an seinen zarten Ästen hingen leicht herab, so wie die Hände einer Pianistin über dem Klavier. Dann tat ich etwas, was ich oft tat. Betrachtete den Busch für eine Weile und zupfte ganz vorsichtig eines der Blätter von ihm heraus. Als ich weiterging, kam mir eine junge Frau entgegen – sie sah mich nicht. Sie schaute auf das Display ihres Smartphones. Vielleicht hoffte sie auf eine Nachricht, ein interessantes Date. Oder sie suchte die neueste Neuigkeit der letzten hundertstel Sekunde. Heute war mein Display dieses grüne Blatt in meiner Hand. Auch ich suchte die neueste Neuigkeit – und das kleine grüne Blatt fing an zu erzählen: „In mir vereinen sich das Wasser und der Staub der Sterne. Ganz neu bin ich, einmalig – es gibt mich nur hier in deiner Hand an diesem Ort und jetzt. Gestern streifte mich ein kleiner Vogel und setzte sich auf das Ästchen, an dem ich hing. Er sang mir ein Lied, das noch nie zuvor zu hören war, und der Staub begann in meinen Adern zu tanzen.“ 

Als das Blättchen so mit mir sprach, streifte ein Windhauch meine Hand und wehte es hinweg. 

 

Gerne gehe ich diesen Weg auch morgen und hoffe auf die neueste    

Neuigkeit dieser Welt.  

 

Mariam Salehizadeh  in:

 

„Last Storys aus dem 

Frühstücksraum“, 

 

hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 2,

tredition 2020  

Poet's Gallery Beitrag März 2021 www.schreibfertig.com

   

Myriam Kunze

Myriam Kunze, Jahrgang 1969, hat als Sekretärin viele Jahre in Hamburg gearbeitet. Heute lebt sie mit Mann, 2 Kindern und Hund in ihrer ursprünglichen Heimat, dem Bergischen Land bei Köln. Einige ihrer Gedichte sind in Anthologien der Frankfurter Bibliothek erschienen und in einer Anthologie des Roloff Verlages mit dem Titel „Wandlungen“. Geschrieben hat sie schon immer: Kurzgeschichten,Kolumne für die hauseigene Zeitschrift  ihres damaligen Hamburger Arbeitgebers,  Lokalberichterstattung für eine Gemeindezeitschrift, Blogbeiträge, Artikel für einen Pfarrbrief und aktuell Web-Content für unterschiedliche Auftraggeber.  

Nachdem sie erfolgreich den Belletristikkurs der kleinen, feinen Schreibschule Hamburg absolviert hat, schreibt sie derzeit an einem historischen Roman, der im Kern die Geschichte einer jungen Frau in Ostpreußen während der Kaiserzeit und ihrer Verschleppung nach Russland während des 1. Weltkrieges erzählt. 

 

Das weiße Land im Osten

Rufus, der neunjährige Kaltblutwallach wog an die 700 kg und hatte einen gelassenen Charakter. So war es nicht verwunderlich, dass er überall auf Gut Bickelbach seinen Einsatz fand. Ob als Kutschpferd, Lastenträger oder als Zugpferd während der herbstlichen Holzfällerarbeiten. Im Frühjahr wurde er vor den Pflug gespannt und im September vor den Leiterwagen. Manchmal diente er der jüngeren Generation als ideales Anfängerpferd. Sein Temperament hielt sich in überschaubaren Grenzen und den Mut, den man aufbringen musste, um auf ihm zu reiten, ebenso. Gelegentlich trug er Heinrich von Dahlen-Imhoff, den Besitzer des Gutes, der selbst an die 120 kg wog und aus diesem Grund ein robustes und gemächliches Pferd zu schätzen wusste, weit über die holperigen Landstraßen Ostpreußen hinaus. Obgleich von Dahlen-Imhoff eine durchaus vorzeigbare Herde Trakehner besaß, bevorzugte er für seine meist sonntäglichen Ausritte das gescheckte Kaltblut. 

Doch im Sommer des Jahres 1907 zeigte sich Rufus von einer bis dahin nie da gewesenen Seite. 

Die Bediensteten des Gutes waren mit der Getreideernte beschäftigt. Die Arbeiten gingen zügig voran. Unterstützt wurden sie von den Bauern der umliegenden Dörfer. Die Männer und deren Söhne gingen mit den Sensen vorweg, die Frauen und Mädchen mit den Harken hinterher. Das frisch gemähte Getreide wurde zu Kebsen aufgeschichtet, so dass es bei gutem Wetter für mehrere Tage abtrocknen konnte. Die Jungschar war dabei nicht immer ganz bei der Sache. Die Kinder, die auf dem Gutshof lebten, und jene aus den Dörfern sahen sich nicht allzu häufig und so ergaben sich zahlreiche Gespräche, die mit Gekicher und Albernheiten einhergingen. Allen voran war Ida Josefine das wohl gesprächigste Kind unter ihnen. Sie plapperte oftmals ohne Unterlass. Ihr Temperament glich zuweilen einem kleinen Tornado, in dessen Auge man sich tunlichst nicht hineindrängen sollte. Jedoch war sie auch ein gescheites Ding und alles, was sie neu erlernte, das setzte sie flink und ohne Kompromisse um. Wohingegen ihre Schwester Martha Louise zurückhaltender Art war. Sie war stets bemüht der Harmonie dem Streitgespräch den Vorzug zu geben. Obwohl auch sie das Kind von Angestellten des Gutes war, hatte sie dennoch ein feines Benehmen, das sich so manches Gutsherrenkind von ihr abschauen konnte. 

Hin und wieder stimmten die Älteren zur Wiederherstellung der Konzentration auf die Ernte beliebte Volkslieder an, derer sich die Kinder dann anschlossen. Ihre hellen, klaren Stimmen wurden weit über das Feld hinaus getragen. 

Rufus, der den kompletten Tag, mit langem Strick am Baum angebunden zwischen Fressen und Dösen wechselte, nahm keinerlei Notiz von den umtriebigen Menschen. Doch nun begann die Dämmerung und es wurde Zeit, die Erntearbeiten zu beenden und die Abfahrt vorzubereiten. Ida übernahm das Anschirren von Rufus. Wenn sie auch mit ihren zehn Jahren nur etwas knapp über ein Meter dreißig maß, ihrer Durchsetzungskraft dem Zugpferd gegenüber tat dies keinen Abbruch. 

Die Erwachsenen saßen erschöpft am Rand des Feldes im Kreis und erholten sich bei Bier und Broten. Die Vorarbeit der Getreideernte war geschafft.

Die Kinder spielten Fangen und Verstecken und liefen kreuz und quer über das Feld. Auch Martha war an diesem Tag ausgelassen und freute sich, im Leiterwagen unter ein paar Decken eines der besten Verstecke gefunden zu haben.

Zur gleichen Zeit saß ihre Schwester Ida auf dem Kaltblut und wartete ungeduldig auf den Aufbruch. Es war ihre Belohnung für das Anschirren, während das Pferd den Leiterwagen mit den Arbeitern und Kindern zog, auf diesem sitzend den Nachhauseweg anzutreten. Sie zappelte mit ihren Beinen, pfiff nach den Kindern und stöhnte, weil die Erwachsenen immer noch nicht zur Abfahrt bereit waren. Obgleich es ihr verboten war, Rufus ohne die Unterstützung eines Kutschers anzutreiben, fehlte ihr an diesem Tag wie auch an vielen anderen der Gehorsam. Sie ließ Rufus antraben. Der Gaul wurde in den frühen Abendstunden ungewöhnlich munter. Sein Trab ging über in einen leichten Galopp. Ida staunte. Nichtsahnend, dass ihre Schwester in ihrem Versteck ebenfalls über die Leichtfüßigkeit des Kolosses verwundert war. Plötzlich hörten sie beide aufgeregtes Gegrunze. Aus dem angrenzenden Waldstück schnellte eine Rotte Wildschweine hervor. In Panik kreuzten sie den Feldweg direkt hinter dem Leiterwagen. Rufus, der wegen seiner Scheuklappen die Gefahr nicht zuordnen konnte, sich  derer aber bewusst zu sein schien, setzte über in einen rasanten Galopp. Die Köpfe der Erwachsenen drehten sich zuerst zum Feld, über das die Rotte weit hinaus lief, dann zum Wagen, der nunmehr in voller Fahrt zwischen Feld und Wald auf unebenen Boden an Geschwindigkeit zunahm. Die kleine Ida versuchte ihr Bestes Rufus mit den langen Zügeln in ihre Gewalt zu bekommen. Doch wollte sie nicht zwischen die Hufe kommen und vom Wagen überrollt werden, musste sie zusehen, sich mit aller Kraft selbst auf dem Pferd zu halten.

So wurde das Kaltblut zunehmend zu einem temperamentvollen Warmblut, das vom Weg auf das Feld zusteuerte und weiter im wilden Galopp auf die sitzende Menschenmenge der Erwachsenen zu raste ...

Poet's Gallery Beitrag Februar 2021 www.schreibfertig.com

   

Manja Kernke

Manja Kernke.

Von geschriebenen Worten genauso fasziniert wie von Zusammenhängen und Wahrheit, lebt und arbeitet mit ihrer Familie in Berlin.

„Mein Laden“

Endlich, ein kleiner Einkaufsladen. „Mein Laden“ schwang sich in schwarzer Schrift über den Eingang. Er war geöffnet. Vor dem Ladenfenster stand ein Tisch mit vier Stühlen. Lorilie stieg vom Fahrrad und klopfte sich den Staub von der Hose. Mit trockener Zunge leckte sie sich über die klebrigen Lippen. 

Dann trat sie ein. Drei ältere Frauen sahen sie an. Nichtssagend. Oder abschätzig? „Ich weiß, dass ich hier fremd bin“, will sie antworten. Aber sie hatten ja gar nicht gefragt. 

Die Frauen warfen einen schnellen Blick durch das kleine Ladenfenster. Das hatte sie gerade ganz deutlich gesehen. „Ja, ich bin allein hier“, wollte sie antworten, „eine schwarze Frau, auf dem Fahrrad, mit Staub im Gesicht und in den Haaren. Und ich habe Durst.“ Aber sie hatten ja nichts gesagt. 

Entschlossen ging sie zum Getränkeregal, nahm sich eine Wasserflasche heraus und lief zu den drei Frauen an die Kasse. Zwei wichen zurück. Oder schien es ihr so? „Einmal“, sagte sie mit fester Stimme und stellte laut – zu laut? – die Flasche auf den Tresen. Die Frau an der Kasse nickte und tippte die Summe ein.

Lorilie zog ihr Portemonnaie aus ihrer kleinen Umhängetasche und stieß mit dem Handrücken gegen die Kante des Tresens. Es fiel dumpf klirrend zu Boden. Ein paar Münzen fielen heraus, blieben liegen oder rollten durch den Laden. Lorilie ging in die Hocke, mit Tränen in den Augen, scharrte das Geld zusammen,  stand wieder auf.  Legte zwei Euro  auf den Tresen, nahm die Wasserflasche und wandte sich um. Vor ihr stand eine der älteren Frauen. Sie hielt die Hand auf. In dieser lagen drei Münzen. 

„Hier“, sagte sie. Ihre Stimme klang weich. 

„Danke“, murmelte Lorilie und fühlte das Rot auf ihren Wangen. Aber das konnten die Weißen nicht sehen. Das konnten sie nie sehen.  

„Wollen Sie einen Kaffee?“, fragte die ältere Frau. Lorilie schüttelte abwehrend den Kopf. 

„Wir haben auch Eistee“, sagte sie einlenkend und strich sich mit der faltigen Hand über ihre Stirn. „Bei der Hitze." 

Lorilie senkte den Kopf, dann nickte sie leicht. „Daswäre schön“, murmelte sie und sah ihr scheu ins faltige Gesicht, „danke.“ 

Manja Kernke in:

 

„Last Storys aus dem 

Frühstücksraum“, 

 

hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 2,

tredition 2020 

 

 

 

Poet's Gallery Beitrag Januar 2021 www.schreibfertig.com

   

Barbara Rossi

Barbara Rossi. Neben Lyrik schreibt sie auch Kurzprosa und Sachtexte. Ihre Arbeiten veröffentlicht sie in Zeitschriften und im tredition Verlag, Hamburg. Sie schreibt regelmäßig Beiträge für die Zeitschrift Experimente.  Außerdem hält sie Vorträge zu den Themen Lebensverkürzende Erkrankungen sowie Tod und gibt Kurse zur kreativen Trauerbewältigung nach dem Tod eines Kindes. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.

 

Barbara Rossi

WINTERLIEBEN

Ich liebte die Nacht vor den Festen. Ich liebte die Kälte, das Einfrieren der Dinge, die Unbeweglichkeit, weil zu kalt, zu dunkel, kein Geld im Januar. Da gehen ja die ganzen Versicherungen vom Konto. Ich liebte die Tannennadeln unter dem Weihnachtsbaum und an meinen Strümpfen. Ich liebte die Landschaften, karg und verdeckt. Ich liebte die Vögel, die tiefer flogen, wenn die Temperatur wieder gesunken war. Ich liebte die Kerzen, die alles erleuchteten. Ich liebte die festliche Dekoration und das Geschirr, welches nur einmal im Jahr benutzt wurde. Ich liebte die Vogelhäuschen, den regen Verkehr meiner gefiederten Besucher, die anderen Plänen folgten. Ich liebte den Geruch vom frisch gefallenen Schnee. Ich liebte meine Winterstiefel, die Sonne am höchsten Punkt und den schmelzenden Schnee. Ich liebte die weißen Tannen, den Igel, der sich darunter verbarg, und die Katze, die alles sah. Ich liebte die zugefrorenen Seen, die Teiche, die Finsternis. Ich liebte das Gefühl der Geborgenheit meiner Winterjacke. Ich liebte meinen Vater, wenn er sagte: „Vielleicht fällt der Schnee so leise, damit man sich besser hören kann.“ 

"Winterlieben" und weitere Geschichten von Barbara Rossi sind nachzulesen in "Last Storys aus dem Frühstücksraum".

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 2,

tredition 2020 

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Weitere Geschichten von Barbara Rossi sind

zudem nachzulesen in "Geschichten aus dem Frühstücksraum".

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

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Weiteres von Barbara Rossi  entnehmen Sie außerdem in https://tredition.de/autoren/renate-haussmann-hg-22853/jetzt-wird-es-spannend-hardcover-140542/  und https://Wenn die Nacht kommt  in Manhattan hrsg. v. Renate Hausmann sowie https://www.barbararossi.de/

https://www.facebook.com/barbararossi.de/

Hans Happel 

Weihnachtsgeschichte 2020

Es ist so: Ich habe mich in diesem Jahr kaum bewegt. Zu Hause bleiben fiel mir nicht schwer. Aber es ist gefährlich. Dem Körper bekommt es nicht gut. Der Kopf jedoch ist voller Bilder, Bilder aus Büchern und aus dem Fernsehen. Nie habe ich soviel gelesen wie in diesem Jahr, auch nie so häufig und so lange vor dem Fernseher gesessen. Auf YouTube las mir der Hamburger Schauspieler Sven Walser 115 Tage lang den „Zauberberg“ vor. Jeden Tag mit Thomas Mann 20 Minuten auf dem Zauberberg. Eingeschneit in Davos, eingesperrt im Lockdown. Das Buch spricht ja von heute, schrieb mir ein Freund erstaunt, dem ich davon erzählte. Aber die Gegenwart ließ sich nicht vergessen. Sie platzte mitten in die Stille hinein. Ich höre die Stimme von George Floyd „I can´t breathe“. Ich lese „Es gibt auch einen Virus Rassismus“. 

Mitte November laufe ich mit Philipp durch die Hafen-City. Später Nachmittag, früher Abend. Plätze und Straßen sind leer. Vor dem Zollkanal ein einziger geöffneter Bratwürstchen-Stand im hellen Weihnachtsglanz. Daneben zwei Männer. Sie essen und unterhalten sich so laut, als wollten sie sich an ihren Stimmen wärmen. Ich kaufe eine Currywurst. Philipp macht ein Foto. Mit dem Handy. Blick auf den Zollkanal und die hundert Jahre alten Handelshäuser. „Hamburg bei Nacht“. Schwarz weiß. Kein Mensch zu sehen. 


Spätabends im Fernsehen, Erstes Programm: „Aufschrei der Jugend“. Ein Jahr Friday For Future. Berliner Aktivisten, Mädchen und Jungen, der Jüngste unter ihnen ist Elias, 14 Jahre alt. Er blickt in die Kamera und seine Augen sagen mir, er weiß, welche Verantwortung seine Generation trägt. Er leidet nicht darunter, im Gegenteil, er zeigt mir einen Glanz, der aus der Zukunft kommt, ich glaube ein Leuchten zu sehen. Aus ihm leuchtet etwas, wofür im letzten Jahrhundert ein Philosoph der Hoffnung jenes Wort und jenes Bild gefunden hatte, das mir unvergesslich ist: Aus diesem Kind leuchtet der Vorschein einer neuen Welt, in der noch niemand gewesen ist.    

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Poet's Gallery Beitrag November 2020 www.schreibfertig.com

   

Leni Vollmer

 

 

 

 

Leni Vollmer 

Jahrgang 1970 

Kommunikationswirtin 

Mutter von drei Kindern 

Arbeitet an einem Jugendroman.

 

Oma Dorn

Ich bin mit meiner Freundin Solly in den Ferien bei ihrer Oma. Oma Dorn. Ihre Lieblingsoma. Die Oma in der Pfalz. Nicht die in Bergedorf. Eine herzliche, kleine rundliche Frau in Kittelschürze. Sie wohnt in einem kleinen Dorf.  

Wir fahren alleine mit der Bahn dorthin. Wir müssen ein Mal umsteigen. Eigentlich zwei Mal. Wir fahren ja erst mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Beim Einsteigen verliert Solly ihren Botten. Der ist auf die Gleise gefallen. Wir müssen erst die Bahn wegfahren lassen, um den Schuh wieder hoch holen zu können. Im Hauptbahnhof passiert das gleiche dann mir. Mein Schuh liegt aber noch auf dem untersten Trittbrett des Zuges. Wir versprechen hoch und heilig, dass wir ab jetzt auf unsere Schuhe aufpassen. 

Oma Dorn hat kein Auto. Wir werden von einer Nachbarin vom Bahnhof abgeholt. Sonst hätten wir mit dem Bus fahren müssen. Der fährt nur drei Mal am Tag. Die gesamte Landschaft ist von einem verwaschenen Gold-beige geprägt. Es sieht aus wie auf verblichenen Fotos aus den 80ern. Wahrscheinlich sieht es so aus, weil die Aufnahmen meine Erinnerungen übertünchen. 

Wir werden zum Blaubeer-Pflücken geschickt. Blaubeeren, auch Heidelbeeren genannt. In den Wald. Alleine. Wir sind elf Jahre alt. Solly sagt, sie kennt sich aus. 40 Jahre später käme niemand auf die Idee, fremde Kinder alleine in den Wald gehen zu lassen. 20 Jahre später höre ich das erste Mal von dem Fuchsbandwurm und wundere mich, wie die Menschen bloß alle überlebt haben? Wir machen uns keine Gedanken und finden mit gefüllten Eimern wieder zurück. 

Es ist heiß und der Rasen im Garten ist verbrannt. Die Kirschen sind gerade reif. Oma Dorn steht den ganzen Tag mit Schürze in der Küche und macht irgendetwas ein. Erst wenn sie die Schürze ablegt und ordentlich gefaltet in den Küchenschrank legt, ist Feierabend. Die Regale im Keller sind schon gut gefüllt. Wer soll das alles essen? 

Oma Dorn ist Spezialistin in Dampfnudeln. Nirgendwo gibt es so gut schmeckende Dampfnudeln. Solly ist ihr größter Fan. Ich schließe mich dem gerne an. Sie benutzt eine extra Pfanne, nur für Dampfnudeln. Die Klöße sind herrlich fluffig und haben unten eine leckere Kruste. Ich lerne, dass man den Deckel nicht anheben darf. Sonst fallen die Knödel in sich zusammen. Wann genau sind sie nun fertig? Geduld, Geduld. Das muss man im Gefühl haben. 

Einen Nachmittag ist uns so langweilig, dass wir uns irgendwann anfangen zu streiten. Solly ist mir argumentatorisch überlegen. Zuhause bei ihr wird immer diskutiert. Sie legt sich auch mit ihren großen Brüdern an. Das tue ich nicht. Meine Brüder sind auch noch viel größer als ihre. Ich weiß mir nicht anders zu helfen und haue ihr mit einem Bauklotz auf den Kopf. Danach ist Funkstille. Wir liegen in dem großen Raum, jede in ihrem Bett, und tun so, als wollten wir nie wieder etwas mit der anderen zu tun haben. Das wird irgendwann langweilig und wir fangen an, zu einander rüber zu schielen. Bis wir uns dabei erwischen und den Streit mit einem Lachanfall besiegeln. 

Oma Dorn denkt sich für uns noch einen Ausflug aus. Wir fahren mit der Nachbarin und ihr zu einer Burgruine. Ich habe noch nie so eine gut erhaltene Burgruine gesehen. Das mag daran liegen, dass es im Norden davon nicht sehr viele gibt. Unsere Fantasie ist entfesselt. Wir stellen uns Burgfräuleins und Ritter vor. Und wir registrieren tatsächlich auch den mühsamen Anstieg. Die Nachbarin hat einen schwarzen Irisch Setter. Der glänzt in der Sonne. Seitdem weiß ich wie Irisch Setter aussehen.

Wir gehen noch zu Kaffee und Kuchen in einem Waldlokal. Solly und ich rutschen unruhig auf den Stühlen rum, bleiben aber artig am Tisch sitzen. 

Wir haben unsere Schuhe nicht mehr in die Bahngleise fallen lassen.

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Poet's Gallery Beitrag Oktober 2020 www.schreibfertig.com

   

Katja Fink

In Lüneburg geboren, arbeitet Katja Fink mit  Freude erfolgreich als diplomierte Musikpädagogin und Pianistin in ihrem eigenen „Kunst & Klavierstudio24“ 

www.kunstundklavierstudio24.de in Hamburg. 2015 gegründet, stellt dies für sie die Symbiose von bildenden Künsten dar, ist Musik doch wie Malerei mit Tönen und Worten. Katja Fink lebt in Hamburg, ist verheiratet und hat einen Sohn.

 

„Klara und Tom im Zauberwald“ ist die Geschichte von den Geschwistern Klara und Tom, zehn und acht Jahre alt. Auf ihrer Suche, wer ihre verschollenen Eltern waren, erleben sie im Zauberwald spannende Abenteuer und Begegnungen, wie die mit dem Waldhüter Aron. 

Nur, wer ist die traurige Cäcilie, wer die geheimnisvolle Elfe Seraphine? Woher kommt plötzlich der Maler Balthasar? Sogar der Tod lugt in schwarzer Gestalt um die Ecke. Was für ein Geheimnis birgt die kostbare goldene Schale? Klara und Tom entdecken eine unheimliche alte Burg. Ist sie so unbewohnt, wie sie aussieht? Werden die beiden vielleicht dort Antwort auf ihre Frage finden, wer ihre Eltern waren? Eine Reise voller Rätsel. 

Nachstehend als Leseprobe das Kapitel „Die traurige Cäcilie“:

 

Die traurige Cäcilie

 

„Glaubst du, wir werden jemals  erfahren, ob unsere Eltern noch leben?“, zweifelte Tom. Inzwischen kamen die Kinder der Burg immer näher. Als sie sie endlich erreicht hatten, fanden sie die große Hebebrücke verschlossen. 

Einen anderen Eingang als diesen sahen sie nicht. 

„Wenn sich die Brücke nicht von selbst herabsenkt, glaube ich das kaum“, erwiderte Klara,  „wir  werden  hier  unser Nachtlager bereiten. Mal sehen, ob jemand kommt und uns einlässt.“ Sie sammelten Holz, um Feuer zu machen. Nach kurzer Zeit rösteten sie ihr mitgebrachtes Weißbrot über den Flammen. Tom liebte das etwas Angebrannte. Klara kratzte sich mit einem Messer die schwarze Kruste herunter.

Allmählich wurde es dunkel.  Der Mond zog seit einer Weile seine Bahn.  Die Sterne funkelten am Nachthimmel. „Schau‘ mal Klara, da! Eine Sternschnuppe!“, unterbrach Tom die Stille. 

„Hotzpotz, wen haben wir denn da? Zwei Kinder, die sich verlaufen haben!“ 

Ein großer Mann mit langem schwarzem Bart und einem grünen, verblichenen Filzhut stand wie aus dem Nichts vor ihnen und schaute sie aus tiefschwarzen Augen an. „Wer hat euch hierher geführt, und warum seid ihr ganz allein hier im Wald?“ „Wir haben ganz alleine hierher gefunden.  Wir glauben, dass wir hier erfahren, wer unsere Eltern waren. Und wer sind Sie? Wer wohnt in dieser Burg?“ Klara sprach mit fester Stimme, nur das Herz schlug ihr bis zum Hals. Tom erging es ebenso. Er versteckte sich hinter seiner Schwester und hielt sich an ihr fest.

„Ihr braucht keine Angst zu haben. Ich tue euch nichts. Mein Name ist Aron. Ich lebe seit langer Zeit  hier im Wald. Ab und zu verirren sich ein paar reisende Gesellen hierher. Denen weise ich den Weg. Übernachtet hat hier noch niemand. Ihr seid die ersten, die sich bis zu dieser Burg gewagt haben. Außer mir wohnen hier nur die Waldgeister.“ Tom nickte. Ein paar hatte er bereits unterwegs gesehen. 

„Es gibt hier in der Burg viele vergessene Seelen ...“, Aron legte einen Finger auf seinen Mund, „psst, hört mal, da weint jemand!“ Arons Stimme klang beruhigend für die Kinder. Sie folgten ihm ohne Zögern zur Burg. 

Als sie ankamen, warf der Mond sein Licht auf ein Kellerfenster. Dahinter erkannten die drei den Schatten einer Frauengestalt in einem langen Ballkleid. Sie weinte und wischte sich mit einem weißen Taschentuch die Tränen vom Gesicht. Eine große Kerze brannte auf einem Holztisch. Ihr Licht erhellte ein wenig den finsteren Raum. „Warum weint die Frau?“, wollte Tom wissen.

„Ich weiß es nicht, vielleicht fragst du sie selbst?“ Aron nahm ein Steinchen und warf es an das Fensterglas. Die Frau erschrak. Sie stieg auf einen Stuhl und öffnete das Kellerfenster.

„Was wollt ihr hier?“ Ihr Ton klang bitter. Klara entgegnete: „Wir haben Sie weinen sehen und dachten, wir fragen, ob wir Ihnen helfen können?“

 

„Ich weine, weil sie  mich hier vergessen haben. Sie haben mich zurückgelassen auf der Erde, und keiner kommt, um mich zu holen.“ „Sind Sie denn tot?“, wollte Tom wissen. „Ja und nein, mein Junge ... wie ist dein Name?“ „Tom, ich heiße Tom.“ „Weißt du Tom, ich hänge fest zwischen zwei Welten.“ Die Frau geriet ins Träumen. „Wir haben wunderschöne Feste gefeiert, prächtige Kleider getragen, herrliche Musik und den Wein genossen. Ich habe auf meinem Flügel gespielt. Alle haben mir zugehört, wie ich die neuesten Kompositionen von Frederik Chopin und Franz Liszt vorgetragen habe.“ „Chopin kenne ich!“, rief Klara. „Der hat sehr schöne Musik geschrieben!“  

„Sie nannten mich Cäcilie“, erzählte sie weiter, „jetzt sind sie alle längst im Himmelreich. Ich werde sie nie wiedersehen.“ 

Tom blickte ratlos zu Aron. Wie meinte sie das?, dachte er.  

„Wenn doch endlich jemand käme und mich erlöste.“ Cäcilie seufzte. 

Aron wurde ungeduldig. „Cäcilie, ich habe dir schon hundertmal gesagt: Nur du selbst kannst dich erlösen! Wende dich ab von deinen weltlichen Wünschen und bete! Dein Engel wartet schon lange auf dich, um dich heimzuführen.“ „Ja Aron, ich glaube, du hast recht. Jetzt bin ich endlich soweit. Ich sehe das Licht aufgehen …“ 

Mittlerweile war fast unbemerkt die Nacht vorübergegangen. Die ersten Sonnenstrahlen schienen auf das Kellerfenster. „Oh, seht nur, seht!“, rief Klara, „Cäcilie ist verschwunden, es ist nur noch Staub dort, wo sie gestanden hat!“

„Das Licht konnte sie erlösen, weil ihr bis zum Tagesanbruch bei ihr geblieben seid“, sagte Aron, „ich danke euch für eure Hilfe.“

„Klara, lass‘ uns endlich nach Hause gehen“, flehte Tom. „Nein, wir geben jetzt nicht auf“, meinte Klara bestimmt. „Vielleicht gibt es jemanden in der Burg, der uns sagen kann, wer unsere Eltern waren.“ Sie war voller Hoffnung. „Aron, kannst du uns begleiten?“ 

Klara drehte sich um, doch auch Aron war wie von Geisterhand verschwunden.

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Poet's Gallery Beitrag September 2020 www.schreibfertig.com

   

Christa Hilscher

Christa Hilscher 

Geboren 1951 in Niedersachsen. Gearbeitet bis 2008 als Hamburger „Rechnungswesen“. Lebt in Hamburg. Genießt ihr Leben schreibend und lesend.

 

 

Tego

Noch ist alles in Ordnung. Mein Leben, mein Haus, meine Zeit. Ich gehe, fahre, reise. Es gibt einen netten Menschen, der gegen eine geringe Gebühr den Rasen mäht. Einkäufe erledige ich noch selbst oder es fände sich auch dafür ein guter Geist, wie auch für die lästige Hausarbeit. So könnten die nächsten Jahre störungsfrei, selbstbestimmt und erfüllt vergehen. 

Und ich mit ihnen. Langsam, kontinuierlich, von mir kaum bemerkt, schleicht sich mein Leben davon. Ich werde in ein Altenheim umgesiedelt und bin auf Gedeih und Verderb dem Rhythmus eines solchen Hauses ausgeliefert. 

Ich hoffe, das geht anders. Ich hoffe, dass mir in den nächsten Jahren von meiner Krankenkasse ein humanoider Roboter genehmigt, zugeteilt wird, damit genügend Zeit bleibt, uns aneinander zu gewöhnen, uns kennenzulernen. Er meine Vorlieben und Bedürfnisse, ich seine Bedienungsanleitung. Tego wird er heißen. Braune Augen wird er haben. Und eine warme Stimme. 

Bis es ihn auf Krankenschein gibt, wird die Technik seine Körpertemperatur der meinen angepasst haben. Auch seine Haut wird sich menschlich anfühlen. Er erledigt die intimsten Pflegeleistungen mit gleichbleibender Höflichkeit und begleitet mich respektvoll durch meinschwindendes Leben. 

Wenn Tego mich des Abends bettet und neben mir bleibt, bis ich eingeschlafen bin, liest er mir vor, flüstert mir Liebesworte ins Ohr und streichelt mich. 

Überhaupt wird er ein Glücksgriff sein. Er ist nie launisch, gestresst, hat nach Dienstschluss keine eigene Brut zu versorgen. Ihn plagen keine Rückenleiden. Er jammert nicht über schlechte Bezahlung und weiß stets genau, wo ich in meiner Angst vor Dieben wieder einmal die Geldbörse versteckt halte.

 

Er wird mein Freund sein in den letzten Jahren, Tagen, Stunden. Er wird mir die Wünsche von den Augen ablesen und ich bin sicher, mein Großenkel wird ihn lieben.

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Poet's Gallery Beitrag August 2020 www.schreibfertig.com     Ava Nitsche

Ava Nitsche, geboren in Hamburg, Jahrgang 1967, studierte Jura und verschlingt Bücher, seit sie des Lesens mächtig ist. Schon als Kind dachte sie sich kleine Geschichten aus und absolvierte später einen Lehrgang in Belletristik. Zurzeit lässt sie sich in der Offenen Schreibgruppe von "schreibfertig.com" zu weiteren kreativen Texten inspirieren. 

 

 

Es sind nicht alle lustig, die tanzen

 

Paula stand an ihrem Küchenfenster und beobachtete die Regentropfen, die auf den Gehweg vor ihrem Haus niederprasselten. Fröstelnd wandte sie sich ab, blickte zur Küchenuhr und erschrak. Es war Sonntag, kurz vor Drei. Wenn sie ihr Vorhaben durchziehen wollte, musste sie sich auf den Weg machen. Erneut sah sie aus dem Fenster und stieß einen Seufzer aus. Schleppenden Schrittes ging sie in den Flur, zog die Winterstiefel an, streifte sich ihre dicke Jacke über, griff die Handtasche und verließ ihre warme Wohnung. Als sie aus dem Hausflur nach draußen trat, spürte sie sofort die nasse Kälte, die sich hartnäckig durch jede Faser ihrer Kleidung tief in ihren Körper bohrte.Unwillkürlich krampfte sie sich zusammen und spannte den Regenschirm auf, der sich aufgrund des starken Windes gleich verbog und drohte, entzweizugehen. Genervt klappte sie ihn wieder zu, zog sich die Kapuze über den Kopf und ging mit schnellen Schritten in Richtung U-Bahn, während sie darüber nachdachte, wie sehr sie diese Jahreszeit verabscheute. Es gib kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung. Wer immer das behauptete, war noch nie an einem typischen morddeutschen Wintertag draußen herumgelaufen. Klar, man konnte sich von Kopf bis Fuß in regenfeste Gummikleidung einhüllen, aber auch dann konnte doch niemand ernsthaft behaupten, dass es Spaß machte! Immerhin, endlich, der Januar war vorbei. Der schlimmste und trostloseste Monat des ganzen Jahres. Aber auch der Februar war nicht viel besser und konnte noch viele kalte und ungemütliche Tage mit sich bringen. Sie war es so leid, mochte ihreWinterjacke nicht mehr sehen und schon gar nicht das tägliche Grau in Grau. Die Bäume sahen traurig aus, ohne ein einziges Blatt am Ast. Es schien ihr, als würden auch sie frieren.Vielleicht sollte ich ihnen ein Jäckchen stricken, schoss es ihr durch den Kopf, und zwar ein farbiges. Bei der Vorstellung, wie bunt ihre Straße aussehen würde, wenn jeder Baum eine andersfarbige Ummantelung trüge, ging es ihr gleich besser. Und da war ja auch schon die U-Bahn. Sie lief die Treppe zum Gleis hinauf, setzte sich in den nächsten einfahrenden Zug und stieg fünf Stationen später wieder aus. 

Nach wenigen Schritten an ihrem Ziel, dem Tanzsaal, angelangt, streckte sie mit klopfendem Herzen ihre Hand in Richtung Türklinke aus. Soll ich oder soll ich nicht. Da ging plötzlich die Tür auf und zwei junge Frauen stürmten heraus, sahen sie kurz an und setzten dann ihren Weg fort, während sie die Köpfe zusammensteckten und miteinander tuschelten. Eine der beiden drehte sich noch um und starrte Paula an, um dann hastig den Blick wieder abzuwenden. 

Paula sah den beiden Frauen, die aussahen, als seien sie einer Modezeitschrift entsprungen, hinterher, drehte sich um und ging mit gesenktem Blick zurück zur U-Bahn. 

Später am Abend klingelte das Telefon. 

„Und wie war es, ich will jedes Detail hören, los, komm erzähl schon!“, wollte Henriette wissen. Henriette, die sechs Jahre älter und ihre engste Vertraute seit Kindertagen war.

„Ich ... da waren diese Frauen und ich ...“ setzte Paula an.

Wie sollte sie Henriette bloß klarmachen, dass sie es einfach fertig gebracht hat, in den Tanzsaal zu gehen.

„Du hast dich nicht getraut, stimmt`s?“ Die Traurigkeit in der Stimme tat Paula weh.

„Ich sage dir jetzt mal was, liebe Paula: Das, was du gut findest, musst du tun!“

Eine Wochenspäter ,am Sonntagnachmittag, in dem zur Abwechslung mal die Sonne schien, machte sich Paula erneut auf den Weg. Diesmal blieb sie gar nicht erst vor der Tür stehen, sondern öffnete diese kraftvoll und schritt hinein. 

„Ich möchte den Basiskurs der Welttänze besuchen“, sagte sie mit fester Stimme zu der Dame in der Rezeption. Diese blickte auf, stutzte, nachdem sie Paula angesehen hatte, ließ sie dann aber die Anmeldeformulare ausfüllen und führte sie in den Saal, in dem bereits ein paar Frauen und Männer warteten.

Kurze Zeit später erschien der Tanzlehrer, stellte sich vor und sprach ein paar einführende Worte.

„Sie werden es nicht bereuen, hier zu sein“, versprach er und lächelte freundlich in die Runde. „Tanzen ist das Schönste, was Füße tun können!“ Dann ging er auf Paula zu, hielt ihr die Hand hin und fragte: „Darf ich bitten?“ 

Zögernd stand Paula auf und ging in die Mitte des Tanzsaals. Das Blut pochte durch ihre Adern bei der Vorstellung, dass alle Blicke auf ihr ruhten.  

„Ich zeige Ihnen nun Ihren ersten Tanz, den Wiener Walzer!“ Der Tanzlehrer ließ sich von ihrer Zurückhaltung nicht beirren und hielt sie fest in einer einwandfreien Tanzhaltung. Als die ersten Takte der Musik erklangen, führte er sie selbstbewusst über das Parkett, und ihre Füße bewegten sich wie von allein. Sie hatte das Gefühl zu schweben und begann, die Bewegung zu genießen und sich zu entspannen. Ein Strahlen ging über ihr Gesicht.

Später tanzte sie mit anderen Partnern und in der Pause lud sie einer der Männer zu einem Drink ein. Nach dem Kurs ging sie mit munteren Schritten nach Hause und telefonierte mit Henriette, um ihr jedes Detail ihrer ersten Stunde zu erzählen.

„Ich bin so froh“, sagte Henriette.

„Und niemand schien sich an meinem Anblick zu stören“, fuhr Paula fort.

„Paula“, unterbrach Henriette sie, „jeder Mensch ist schön, wenn er tut, was er liebt. Ich bin mir sicher, die anderen Tanzschüler haben nur deine Art, dich zu bewegen gesehen und waren fasziniert von dir.“

„Vielleicht“, sagte Paula und strich sich gedankenverloren über ihre Glatze.

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Poet's Gallery Beitrag Juli 2020 www.schreibfertig.com     Jutta Weckermann

Dr. Jutta Weckermann 

Ärztin und Diplominformatikerin

Geboren 1959 in Siebenbürgen, heute Rumänien

Seit 1979 in der Bundesrepublik Deutschland 

Ich schreibe seit Jahren mit Freude in der „Kreativen Schreibwerkstatt“ im Haus im Park in Bergedorf. Meine Geschichten beruhen immer auf Tatsachen aus dem wirklichen Leben: Erinnerungen aus Kindheit und Jugend in einer anderen Welt, Nachdenkliches und Amüsantes aus meinem Alltag, Naturbeobachtungen aus unserem Garten. Und ab und zu entsteht auch ein kleines, lyrisches Gedicht.

 

Erinnerungen an Corona

 

Ein Aufruf des Archäologischen Museums Hamburg im Radio ließ mich aufhorchen: Die Zuhörer wurden aufgefordert, Gegenstände, Fotos und Videos aus ihrem, durch die Corona Pandemie veränderten Lebensraum zu melden und diese eventuell für eine zukünftige Ausstellung zur Verfügung zu stellen. Tröstlich fand ich die Aussicht, einmal auf diese bewegte Zeit zurück blicken zu können. Doch wie würde dieser Rückblick für mich ausfallen?

Ich schaute mich zuerst in der Wohnung um. Alles wie sonst, oder? Nein, an der Garderobe hing unübersehbar der weiße Mundschutz, stets griffbereit. Da ich auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen bin, konnte ich das Haus ohne einsatzbereiten „Virenschutzschirm“ nicht mehr verlassen. Dieses Utensil hatte mittlerweile viele Bezeichnungen: Vom anfänglichen Atemschutz zum Mund-Nasenschutz, von der Atemmaske bis zur Alltagsmaske oder witzige Namen wie „Schnutenpulli“ oder „Gesichtsvorhang“. Manchmal wurde es auch mit einem Maulkorb verglichen, was von seiner Funktionsweise her sogar richtig ist: Schließlich schützt dieser die anderen vor dem Gebiss des Trägers und nicht das Tier vor den Bissen anderer. So schützen auch die vielen selbstgenähten Masken oder sonstigen Mund-Nasen-Bedeckungen nicht ihre Träger, sondern deren Umgebung vor einer unerkannten Infektion. 

An den Anblick maskierter Menschen in Bus und Bahn, an Haltestellen und in Geschäften hatte ich mich gewöhnt. Was würde mir davon besonders in Erinnerung bleiben? Ich dachte an ein Erlebnis im Supermarkt, das ich gerne für die Nachwelt festgehalten hätte: 

Ich stand im Eingangsbereich eines Geschäftes auf einer Abstandsmarkierung der Warteschlange für den Post Shop, der rechts um die Ecke lag. Zu meiner Linken die Ausgänge der Supermarktkassen, geradeaus die gläsernen Automatiktüren des Gebäudes.  Von dort kam eine hochgewachsene, schlanke, von Kopf bis Fuß in Schwarz gehüllte Gestalt auf mich zu. Ob der Stoff vor ihrem Gesicht ein Teil ihres sorgsam drapierten Kopftuches war oder ein extra Gesichtsschleier, der nur ihre Augen frei ließ, konnte ich nicht erkennen.  „Ob sie immer so ausgeht?“, schoss es mir durch den Kopf. Wie mühsam hatte ich mir den Umgang mit meinem „ Gesichtslatz“ bei Einführung der Maskenpflicht angewöhnt, während es für sie vielleicht längst Routine war. Fast wurde ich neidisch. Sie schob flotten Schrittes einen Sportkinderwagen vor sich her, darin ein kleiner Junge, der missmutig dreinblickte. Ich wollte ihm zulächeln, doch dann fiel mir meine eigene Verschleierung ein und machte mir die Vergeblichkeit meines Bemühens schmerzlich bewusst. Da erblickte ich den breitschultrigen Mann an der Kasse, der gerade seine Geldbörse zückte. Für einen Augenblick bildete seine orangefarbene Arbeitskleidung einen grellen Kontrast zu dem tiefen Schwarz der vorübergehenden Frauengestalt.  Ich betrachtete ihn genauer, wahrscheinlich ein Bauarbeiter, der gerade etwas für die Pause einkaufte. Um seinen Hals ringelten sich die Falten eines dünnen, schwarzen Trikotschlauches, dessen oberes Ende bis über beide Ohren gezogen war. Die Konturen von Nase und Kinn zeichneten sich prägnant unter dem elastischen Stoff ab. Wie er so breitbeinig da stand an der Kasse und auf seinen Beleg wartete, hätte er eine wunderbare Vorlage für einen Bankräuber abgegeben. Es fehlte nur die Waffe. Ich fragte mich, was ich früher bei so einem Anblick getan hätte und fühlte mich wie in einem falschen Film.

Als ich nach Hause kam berichtete ich meinem Mann davon. Ich überlegte, was der kleine Junge wohl einmal seinen Enkeln schildern würde, wenn sie ihn neugierig aufforderten: „Opa, erzähl mal von der Pandemie.“ 

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Poet's Gallery Beitrag Juni 2020 www.schreibfertig.com         Sabine Müller

 

Sabine Müller, geboren 1959, liebt Geschichten. Schreiben ist für sie nicht nur Mitteilen oder Hinterfragen, sondern in eine Welt der Phantasie, der Wünsche und Hoffnungen einzutauchen. Mitte der 90ziger Jahre entschloss sie sich, ihrem Hobby ein solides Fundament zu geben und absolvierte neben ihrem Vollzeitjob ein Studium für  Kreatives Schreiben bei der Akademie für Fernstudien in Hamburg.

Diverse nachfolgende Workshops, Schreibreisen und der Kontakt zu anderen Schreibfreudigen motivierte sie dann 2015 zu dem Schritt, ihr erstes Buch mit Kurzgeschichten „Rendezvous im Grünen und andere Geschichten“ im Selbstverlag unter ihrem Mädchennamen Sabine Römer herauszubringen.

Die Gewerkschaftsangestellte nutzt ihr Hobby, um ihrem hektischen Alltag einen Ruhepol zu geben. 

Schon jetzt hat sie wieder viele Ideen für neue Schreibprojekte, arbeitet aktuell an ihrem ersten Roman und absolviert nebenbei die Romanwerkstatt der Kleinenfeinen Schreibschule. Die Autorin lebt mit ihrem Lebenspartner in Bremen.

 

Mutter

 

Du sitzt vor mir mit müden Augen,

seufzt und fragst, was das Leben noch für einen Sinn hat.

Die Gelenke schmerzen, das Gehör schwindet, die Augen werden immer schlechter.

Es ist so viel passiert in den Jahren, die hinter dir liegen.

Du hast es mir erzählt, immer wieder.

Und doch gibt es ein paar Geschichten, die nie erzählt wurden. 

Warum?

Wer will sie hören, fragst du mich.

Ich will sie hören ... und verstehen.

Ach Kind, belaste dich nicht damit.

Genieße dein Leben, sagst du und ich versuche,

in deinem Gesicht zu lesen, die Falten zu deuten,

die Gedanken hinter deiner Stirn zu erkennen.

Ein leises Lächeln umspielt deine Augen.

Es ist gut so, sagt dieses Lächeln.

Und ich versuche, es zu glauben.

 

 

Was ist wichtig?

Ja, was ist eigentlich wichtig im Leben? Das habe ich mich schon öfters gefragt. Lasse ich mein Leben Revue passieren, so merke ich, dass sich die Antworten auf diese Frage im Laufe der Jahre immer wieder geändert haben. Ich denke, das ist normal. Mit 15 sind die Ansprüche an das Leben natürlich anders als mit 61. War früher der Wunsch nach Erfolg, Anerkennung und Besitz ein ständiger Antreiber, so ist es mir jetzt wichtiger gesund zu bleiben, die Menschen, die mir wichtig sind, um mich zu haben, gemeinsame Zeit miteinander zu verbringen ….. nicht erst seit Corona aber jetzt ganz besonders. Die Frage, wie es in Zukunft weitergehen soll, weitergehen wird, treibt nicht nur mich um.

Was ist wichtig? 

Ich ertappe mich, Pläne zu machen. Pläne für die nächsten Monate, Pläne für das nächste Jahr. Und dann frage ich mich, ob es Sinn macht zu planen oder ob es nicht sinnvoller ist, den Moment im Hier und Jetzt zu genießen. Das Leben zu genießen, so wie es mir meine Mutter geraten hat.  Das verunsichert mich. Ich stelle fest, dass ich immer alles in meinem Leben geplant habe. Ohne Plan habe ich Angst, mich zu verlieren. Brauchen wir nicht alle irgendwie Pläne? Ein Plan schafft eine Struktur. Eine Struktur, an der ich mich entlang hangeln kann, die mir Sicherheit bietet. Ohne diese Sicherheit kann ich nicht genießen. Das Leben genießen bedeutet auch, sich mit einem Plan Vorfreude zu sichern. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf meinem Sofa, das Laptop auf den Knien. Ich habe mir für heute Urlaub genommen. Die Waschmaschine läuft, die Steuererklärung habe ich heute früh erledigt. Das habe ich gestern für heute geplant und kann nun diese Zeit genießen. Heute gibt es zum Abendessen Fisch, ich werde ein neues Rezept ausprobieren. Das ist mein Plan und ich freue mich darauf, ihn abends umsetzen zu können. Planen und genießen schließen sich also nicht aus. Es macht insofern durchaus Sinn zu planen, auch wenn sich manche Pläne zurzeit nicht realisieren lassen. So wie der geplante Urlaub im Ausland, die geplante große Feier mit der Familie und den Freunden …. alles zurzeit nicht möglich. Doch ist das wichtig? Nein, wichtig ist das nicht. Es wäre schön gewesen, aber es ist wichtiger, dass wir gesund bleiben, um uns zu einem späteren Zeitpunkt zu sehen, um uns auf eine Reise zu einem späteren Zeitpunkt zu freuen – um uns auf die Zukunft zu freuen. Nicht den Mut verlieren, das Leben zu planen und zu genießen. 

Das ist wichtig!

 

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Poet's Gallery Beitrag Mai 2020 www.schreibfertig.com         Beate Berkhan

Beate Berkhan, Jahrgang 1951, seit 2010 in der Schreibwerkstatt im Haus im Park, Forum für Impulse, Hamburg-Bergedorf, hat Spaß am Text und an Kreativität.

 

Ein fotografisches Gedächtnis                    

Ein einfaches Backsteinhäuschen. Davor eine Bank, auf der eine Frau und ein Mann sitzen. Vergnügt sehen sie aus, halten jeder etwas in der Hand. Der Mann hat eine runde Sonnenbrille auf, er schmunzelt. Seine Augen kann man nicht erkennen. Er trägt einen Schnauzbart. Die Frau hat ihre Sonnenbrille oben in das Haar geschoben. Sie lacht in die Kamera. Auf dem Tisch steht eine Getränkeflasche, ein Teller daneben, zerknülltes Papier.

Wasser glitzert hinter ihnen in der Sonne. Schemenhaft kann man auch ein Boot ausmachen. Fahrräder stehen in der Nähe der zwei Personen, die so fröhlich sind. Man kann die Sättel und die Fahrradklingeln erkennen, ebenso ein Stück des Lenkers. Die buntkarierte Bluse der Frau harmoniert mit dem Hemd des Mannes. Es sieht nach einem Sommertag aus, warm, unbeschwert, nach Urlaub. Nach einer Brotzeit. 

Ich bin die Frau auf diesem Bild. Wenn ich es betrachte, spüre ich die Wärme der Sonne, höre das Kreischen der Möwen, kann mich genau an die Situation erinnern, die Stimmung spüren. Der Mann neben mir ist ein Freund von uns gewesen. Viel zu früh gestorben. Gerade mal 60 geworden. 

Wir waren für ein paar Tage auf den Darß gefahren, seine Frau, mein Mann und wir auf dem Foto. Es ist auf der Boddenseite aufgenommen worden. Ein kleiner Fischerort, bekannt für die köstlichen Fischbrötchen, die wir auf dem Foto gerade verzehren. 

Herrliche Tage waren es; zu viert hatten wir viel Spaß, ähnliche Interessen und freuten uns immer, zusammen etwas zu unternehmen. Die Fahrräder hatten wir dabei, erkundeten gemeinsam die Umgebung, von der wir schon einen Teil kannten und mit Kenntnis "angeben" konnten. Durch den Wald an der Westküste hatte uns die Fahrt heute geführt, direkt an das Meer, ohne anzuhalten, da wir sonst Beute der Mücken geworden wären. Die Strände sind dort oft menschenleer, traumhaft schön,  altes Treibholz, herrliche Steine und anderes Strandgut liegen fast überall parat. Der Waldrand gesäumt von"Windflüchtern", knorpelige Bäume, vom Wind in Richtung Landesinnere gebogen. Manfred hatte seine Socken zum Trocknen aufgehängt, da er einen Sprung über einen Baumstamm schlecht berechnet hatte und in einem Wasserrinnsal landete. Nasse Schuhe, Füße und Socken waren das Resultat, unsere Schadenfreude groß!

Wir waren uns auch immer einig, irgendwo einzukehren. Barbara hatte ständig Hunger. Also, hier ein Eis, dort einen Cappuccino und abends nicht zuletzt das ersehnte Fischbrötchen. Die Möwen lauerten, ob nicht etwas zu ergattern sei. Einmal war es mir passiert, dass eine Möwe den Fisch aus dem Brötchen stahl. Ich hatte abgebissen und gedankenlos das Backwerk in der Hand gehalten. Sie flog eine Attacke und zog geschickt den ehemaligen Meeresbewohner heraus.

Diesen Tag am Bodden werde ich nicht vergessen, ab und zu "rufe ich ihn ab", hänge den Gedanken nach und spüre heute noch seine Schwerelosigkeit..                                                    

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Poet's Gallery Beitrag April 2020 www.schreibfertig.com Barbara Schirmacher

Barbara Schuhmacher wuchs an der Ostsee auf. Sie studierte in Hamburg und Tübingen Pädagogik und Theologie. Es folgten zwanzig Jahre Lehrtätigkeit und dann die Ausbildung zur Psychotherapeutin mit weiteren Berufsjahren in eigener Praxis. Sie lebt mit ihrem Mann, erwachsenen Kindern und Enkelkindern auf dem Lande und in Hamburg. Schreibend erforscht sie ihre Fragen an das Leben. 

 

2018 veröffentlichte sie "Ein aufrechter Mensch. Mein Großvater Otto Globig". Eine Spurensuche, das Schicksal ihres Großvaters zur Zeit der Naziherrschaft betreffend. 

 

 

Nachstehend präsentieren wir drei Gedichte aus dem Band „Lieben gelernt noch einmal von vorn“, BoD – Books on Demand, Norderstedt 2020, von Barbara Schirmacher. Die Autorin bringt uns diesen Prozess existenziellen Ringens um Lebendigkeit und erfülltes Dasein in poetischen Bildern von vitaler Sprachkraft nahe.

 

 

 

Lila lila

humpedei

 

spring in dein Glück

spring nicht vorbei

finde den Flügel

setz dich nicht drauf

lauf mit den Tränen

halt sie nicht auf

spür das Geheimnis

lach mit dem Sturm

trau auf die Wolken

wag dich nach vorn

hör auf die Flöte

sprich mit den Weisen 

sammle das Schweigen

 streichle den Tod

 Lila singt leise

von Blau und von Rot

 

 

... die Liebe aber

 

Wenn du die Hände um mein Gesicht legst

wenn ich die Wangen an deine Wärme schmiege

taucht etwas auf zwischen uns

aus vergessener Tiefe

nicht von dieser Welt

doch ohne jeden Zweifel

es war

einst

und immer noch

malt es sich auf jede Pore

ein Glanz vielleicht oder ein Schimmer

der leuchtet noch 

wenn du gegangen

 

 

Kleiner Sommer

 

Salderatzen Tolstefanz

Falke Milan Wolkenberge

reinzubeißen draufzuhauen

Hüpfburg Urviech Drachenhöhle

Sommerrausch auf schmaler Straße

Kornblumen Johanniskraut

unerwartet stundenlang

Sonne im Tief Angelika

 

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Poet's Gallery Beitrag Januar 2020

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Thorsten Oliver Rehm


Thorsten Oliver Rehm, Jahrgang 1970, ist selbst passionierter Taucher und Absolvent der „Schule des Schreibens“.

Nach einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung ist er seit vielen Jahren im kaufmännischen Bereich tätig.

 

Nach „Der Bornholm Code“ (2017) hier ein Auszug aus seinem zweiten Roman:

Thorsten Oliver Rehm– Leseprobe von „Subliminal. Das Experiment“, Ruhland-Verlag, Bad Soden 2019

 

Natascha betrat die Tiefgarage des Edelhotels. Es war spät geworden. Sie hatte gehofft, dass mit jedem Whiskey Stenzels Zunge lockerer werden würde, doch allzu viel Neues hatte sie nicht erfahren. Einzig seine Reaktion auf ihre Fragen war von Minute zu Minute immer seltsamer geworden. Aber warum, darauf konnte sich Natascha keinen Reim machen.

Das Klackern ihrer Absätze hallte in der ansonsten gespenstischen Stille, die mitten in der Nacht hier unten herrschte. Müdigkeit machte sich in ihr breit. Eine halbe Stunde Fahrt lag vor ihr, dann würde sie ins Bett fallen und wie ein Stein schlafen.  

Sie erreichte ihr Auto. Das Piepsen des Funkschlüssels, das übliche Geräusch der Türentriegelung – als käme es durch einen Lautsprecher. Sie öffnete die Tür und warf ihre Handtasche auf den Beifahrersitz.

„Frau da Silva.“

Die Worte rissen Natascha einmal um die eigene Achse, so sehr hatte sie sich erschreckt. 

„Wer sind Sie? Was wollen Sie?“, fuhr Natascha dem Mann an, der plötzlich hinter ihr  aufgetaucht war. 

"Alles gut, ruhig! Ich wollte Sie nicht erschrecken! Ich tue Ihnen nichts, ich möchte Sie nur kurz sprechen.“ Die Stimme klang ... fast sanft. „Wenden Sie bloß nicht Ihre Selbstverteidigungskünste an mir an, mir liegt nämlich etwas an meinem  Gesicht.“ Der Fremde lächelte. 

          Woher weiß er das?

         „Wer – sind  – Sie?“, hakte Natascha barsch nach. Gleichzeitig nahm sie wahr, dass von dem athletischen Mann offensichtlich keine Gefahr ausging, wenngleich er ihr auf eine nicht greifbare Art Unbehagen einflößte. Wahrscheinlich waren es nur der Schreck und die Hilflosigkeit, in der sie sich befand, sollte sich herausstellen, dass er  doch keine lauteren Absichten hatte. Ihr Blick fiel auf eine der Überwachungskameras. Sie rang um Fassung, ihre Gedanken rasten. Am liebsten 

hätte sie dem Unbekannten für seine Dreistigkeit eine gescheuert, doch gleichzeitig übte dieser Mann eine unbeschreibliche Faszination auf sie aus. Sie konnte nicht sagen, ob sie jemals einem so schönen Mann begegnet war, es war wie ein Sog. Jede Sekunde, die sie ihn anblickte, war, als schmelze ihr Widerstand dahin. 

In etwas gemäßigteren Tonfall sagte sie: „Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen. Was schleichen Sie sich an mich heran – oder vielmehr hinter mir her?! Ihre Stimme hob sich unwillkürlich wieder, ihr Herz raste noch immer.

„Es ging nicht anders. Tut mir leid. Ich musste sichergehen, dass Sie nicht verfolgt werden.“ Da war kein Lächeln mehr. 

„Verfolgt?“ Die Situation nahm plötzlich bizarre Züge  an. „Hören Sie, ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und was Sie wollen. Ich steige jetzt in mein Auto, fahre los und vergesse, dass das hier jemals stattgefunden hat. Okay? Sie gehen! Oder: ich rufe die Polizei!“

„Sie haben sich heute Abend mit Professor Dr. Dr. Stenzel getroffen. Sie wissen, an was er insgeheim seit Jahren arbeitet?" 

Natascha schluckte. „Haben Sie mich beobachtet?“ Jetzt stieg ihr südländisches Temperament in ihr auf. „Sie stalken mich?!“ Sie brodelte – ein Vulkan, Sekunden vor dem Ausbruch. „Was fällt ..."

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Poet’s Gallery Beitrag November 2019

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Gudrun Hammer

Gudrun Hammer schreibt Geschichten, ob kurz oder lang. Am liebsten nach dem  Motto: Was du nicht begreifst, davon musst du erzählen.

Anfang der Kurzgeschichte 

Die Suche aus dem  Erzählband

" Lieberkühn“, edition wohlwill, Hamburg 2017 


Ich frage in einer Buchhandlung nach Martin und dem Fortgang seiner Arbeit. Die Buchhändlerin erteilt mir Auskunft. Mit  sorgenvollem Gesichtsausdruck erzählt sie, dass der  Schriftsteller  zurzeit und zu seinem Leid schon seit Längerem n den Filialen der Großbuchhandlung Heinrich, und zwar in Altona, aber auch in der kleinen Freiheit, anzutreffen sei. Ein kleines Lächeln glättet die Stirnfalten der Frau. Martin W. würde sich nur noch ungern dort aufhalten. Er hätte mit der Recherche für seinen neuen Roman bereits vor einem halben Jahr begonnen und würde nun damit  fortfahren, weil er, das sei ein offenes Geheimnis, sich einen Beginn der Schreibarbeit nicht vorstellen könne. So sei er jeden Tag in einer der beiden Buchhandlungen anwesend, um Menschen zu treffen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Im Grunde genommen hätte er aber keine Lust mehr zu diesem Zeitvertreib. Ein Abschied von der Öffentlichkeit würde ihn jedoch an den Schreibtisch zwingen, und dieser Situation fühle er sich erst recht nicht gewachsen. So treibe er sich zumeist in den hinteren Räumlichkeiten des jeweiligen Ladens herum, schaue mürrisch dem Publikumsverkehr zu, sei nur selten zu einer Auskunft über seine Person oder eines seiner Werke bereit und habe beinahe jegliches Interesse an den Kunden verloren. Martin W., verrät mir die Buchhändlerin, wirke verstört. Er befinde sich in einer Krise, die eigentlich eine Schreibkrise sei. Das wage sich der berühmte Schriftsteller allerdings nicht einzugestehen und so quäle er das Verkaufspersonal der Firma Heinrich mit seiner schlechten Laune. Vor einem halben Jahr habe er seine Umgebung noch mit Witzen und kleinen Späßen aufgemuntert, er habe den Kunden viele Fragen gestellt und einen Schreibblock nach dem anderen mit seiner bescheidenen Schrift gefüllt. Ja, er habe ein echtes Interesse am lesenden Menschen gezeigt. Jetzt jedoch bleibe er auf seinem Stuhl sitzen, schlage die Beine übereinander, kreuze die Arme vor der breiten Brust und enerviere die Kolleginnen und Kollegen mit seinem gelangweilten Gesichtsausdruck. Ab und zu würde er den Tisch mit den Neuerscheinungen inspizieren, hier und dort ein Buch in die Hand nehmen, mit dem Zeigefinger den Text einer willkürlich aufgeschlagenen Seite verfolgen und dabei den Kopf schütteln. Martin W. mache einen sehr unzufriedenen Eindruck, sagt mir die Buchhändlerin. Doch wage niemand einzuschreiten. Denn einerseits würden viele Menschen den Laden nur seinetwegen betreten, zwischen den Regalen wandeln und auf eine Ansprache des Meisters warten. Es sei in der Kleinen Freiheit vorgekommen, dass ein in der Buchhandlung unbekannter, schüchterner junger Mann eine ganze Stunde hin und her gelaufen sei, von der Lyrik bis zum Ratgeber für Hobby-Gärtner alles in der Hand gehalten, dabei des Öfteren einen verschämten Blick in Richtung Martin W. geschickt habe und mit einer zutiefst unglücklichen Miene und ohne mit jemandem gesprochen zu haben, die  Heinrichsche Buchhandlung verlassen habe. Da manche dieser Neugierigen und zugleich um Aufmerksamkeit Heischenden nicht wagen würden, ohne den Kauf eines Buches getätigt zu haben wieder zu gehen, würde sich sogar die Anwesenheit einer griesgrämigen Berühmtheit bezahlt machen. 

 

Das Geschäftliche rangiere schließlich vor dem Betriebsklima und komme letztendlich dem angestellten Personal wieder zugute.

Die Buchhändlerin stößt einen kaum merklichen Seufzer aus. Zudem würde beinahe in jeder Woche ein Pressevertreter nach Martin W. schauen. Es würde sich immer um denselben Mann, Lokalredakteur eines Stadtteilblattes, handeln. Die wirklich wichtigen Kollegen seien nicht mehr interessiert. Die Nachricht vom Dichter in der Buchhandlung sei Schnee von gestern und ein müder Dichter keine Schlagzeile

wert. Meine Informantin rückt einen neben der Kasse liegenden Bücherstapel gerade und zuckt mit den Schultern. So sei es nun einmal. Aber man könne Martin W. schließlich nicht vor die Tür setzen. Herr Heinrich sei ein Freund des Schriftstellers, diese Verbindung würde  die derzeitige Situation verschlimmern. Die Buchhändlerin schweigt und sieht mich über die Kasse hinweg an. Ich bedanke mich bei ihr für die Informationen. Dann frage ich sie nach dem Weg zur Kleinen Freiheit, die, wie sich herausstellt, parallel zur Großen Freiheit liegt. …

 

Siehe auch Buchtipp für März 2020 Gudrun Hammer  

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Poet’s Gallery Beitrag August 2019

Petra Thelen

Petra Thelen  

Petra Thelen lebend und wirkend in Hamburg, unterrichtet seit 25 Jahren Saxophon und tritt regelmäßig auf Veranstaltungen auf. „Ich weiß eine Geschichte. Darf ich sie erzählen“, ist eine Frage, die sie gerne in die Runde stellt. Diese aufzuschreiben, ist ihre neue Leidenschaft.

 

HANNAH 

Kaffee duftet. Ich habe den Frühstückstisch für Hannah und mich gedeckt. Croissants mit Vanillefüllung und Puderzucker, der sich während des Backens mit der Konsistenz des Teiges verbunden hat und nun als glänzende Schicht den Gaumen lockt. Die Croissants kaufen wir bei der mürrischen Mama Rosa vom Schulterblatt. Die CD von Pino Danielle, den wir im vorigen Jahr in Bologna auf dem Jazzfestival auf der Plazza noch life erleben durften, spielt im Hintergrund.

 

Was für ein Morgen! Die Sonne erhitzt die Wintergartenverglasung, hinter der Hannah und ich gut abgeschirmt über den kommenden Wanderurlaub auf Sizilien plaudern. Sie sieht ausgeruht aus. Entspannt. Ehrlich gesagt sexy. Die Haare frisch gewaschen mit diesem Shampoo, das sie bei der veganen Friseurin einkauft und damit jeden Besuch preislich in die Höhe treibt. Das Tuch, anfänglich ihre Schultern wärmend, hat sie achtlos auf die Lehne gelegt. Ihr Blick ist klar, direkt und hat etwas Verführerisches. Ganz leicht nur sind die Wimpern mit Schwarz getuscht, um das eisige Blau ihrer Iris hervorzuheben. Gestern Abend schon war ich aufgeladen mit dieser typischen Wochenendlust, die sich wegen Müdigkeit meist nicht erfüllt. Sie denkt, ich höre ihr zu. Ab und zu nicke ich und gebe ein bestätigendes Ja von mir, was sie zu befriedigen scheint.“

 

Das warme Croissant und der zweite Cappuccino haben mich träge gemacht. Hannah beschreibt noch einmal ganz genau die Vorteile ihrer Scarppa Schuhe, die sie gestern bei Globetrotter ausgesucht, anprobiert und für gut befunden hat. Wie es ihre Art ist, hat sie sich eine Nacht Bedenkzeit erbeten, um keine voreiligen Geldausgaben zu tätigen. Ich weiß, sie wird die „Schuhe nehmen. In Blau. Ihrer Lieblingsfarbe. Später. So eng sie in Geldfragen ist, so großzügig gibt sie ihrem Empfinden Raum. Ich liebe das so sehr an ihr. Es macht mich weich und begehrend. Mitten im Satz stoppt sie, schaut mich verwundert an, schiebt ihren Stuhl nach hinten, steht auf, der Schal rutscht auf den Holzfußboden. Ihr Rock raschelt, während sie hinausgeht, um wenige Minuten später zurückzukehren.

 

Ich lausche ihrem stillen Gang. Traue mich nicht, die Augen zu öffnen, als sie von hinten ihre Arme um meine Schultern legt und mich auf den Nacken küsst. Sie erwischt genau diese kleine Stelle, diese kleine Kuhle, in die sie mit ihrer Zunge spielend und vorsichtig hineingleiten kann. Ein unglaubliches Gefühl von Liebe erfasst mich, Dankbarkeit und Frieden. Ich nehme vorsichtig ihre Hand, ziehe ihren ganzen Körper dicht an mich heran und spüre dabei, dass sie ihr Höschen ausgezogen hat.

 

Ihre unverblümte Direktheit erschüttert mich ein wenig. Hannah nimmt meine Umarmung ganz selbstverständlich entgegen. Die Vögel sind leiser geworden. Obwohl ich ganz bei ihr bin, die Augen geschlossen halte, höre ich, wie die Magnolienknospen aufplatzen, um danach langsam ihre Blätter zu öffnen. Frisch, weiß und leuchtend, schon etwas rosa an den Rändern. Im Kern dehnen sie sich. Ich küsse Hannah. 

"Hannah" und weitere Geschichten von Petra Thelen sind nachzulesen in

"Geschichten aus dem Frühstücksraum".

Hrsg. v. Erna R. Fanger & Hartmut Fanger,

Edition schreibfertig.com No 1,

tredition 2018 

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Poet’s Gallery Beitrag Juli 2019

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  Ich habe einen Blog: waltraudfitschen.wixsite.com/sophie-precht

 

     Hafenrandstraße

 

Eines Tages, nachdem so viele Jahre vergangen sind, steige ich wieder in die Straßenbahn. Sie fährt knirschend an, nimmt dann elegant die Kurve. 

Nächste Haltestelle Werft, oder das, was von ihr übrig geblieben ist. 

Früher ließ die Straßenbahn müde Menschen herausfallen, müde wie Vater. Der ging morgens mit seinem Henkelmann in die Schiffsschlosserei. Da war schwer was los. 

Ein Hämmern und Dröhnen, das die feinsten Nerven erreichte und sie abstumpfte. Vater kam mit erschöpften Augen nach Haus und brachte den Geruch von Arbeit mit. 

Vater, ach Vater, heute würde ich den Tisch für dich decken und dir die Suppe auftun. 

Ein heller Anfahrtston,  jetzt fahren zwei Bahnen parallel. 

Ich schaue in die Fenster von gegenüber und sehe in den Gesichtern Abwesenheit  und Müdigkeit. 

In meinem Blickfeld erscheint eine Moschee mit goldener Kuppel, 

wie eine Fata Morgana. 

Die Bahn surrt weiter, das gemütliche Rumpeln von damals ist fast verschwunden. 

Nächste Haltestelle Liebenzeller Straße.                   

Die Liebe in allen Zellen. Sie breitet sich aus wie ein warmes Tuch. Diese Liebe wünsch ich mir. 

Meine Gedanken möchten die Erinnerungen zurechtschmirgeln, so dass eine schöne Geschichte daraus wird. 

Die Straßenbahn gleitet auf schnurgeraden Gleisen an den grauen Hafengebäuden entlang. Der Geruch von Fischmehl steigt mir in die Nase. Früher spielten wir auf dieser Strecke Luftanhalten. 

Kap Horn Straße. Ist hier die Welt zu Ende? Wer hier aussteigt ist Arbeiter bei der Getreidemühle oder will sich mit den Bordsteinschwalben vergnügen, die weiter hinten an den Straßen stehen, den Kinderblicken halb entzogen und umso neugieriger beäugt. 

Wir Mädchen schauten schamhaft interessiert auf die roten Lackstiefel. Die Jungs gaben hinter vorgehaltener Hand verächtlich faszinierte Kommentare ab. 

Jetzt steigt ein schöner Mann ein, setzt sich vor mir auf die Bank und knispelt an seinen Fingernägeln. Ob er schwarz fährt? 

In dem Gedränge von früher kam ich häufig nicht an den Fahrkartenautomaten. 

Aber lass dich bloß nicht erwischen.            

Das hätte Mutter traurig gemacht und Vater wütend.

Dort drüben war der Bäckerladen, ich kaufte mir vom Taschengeld in der Pause ein Mandelhörnchen.  

Ich steige aus. 

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Poet’s Gallery Beitrag Mai 2019

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Thomas Pötsch

Personalleiter, Projektleiter, Künstler, Systemischer Coach & Supervisor, Trainer, Spätzünder…

Als ich 57Jahre alt wurde, fragte mich meine Frau, ob ich nicht mal meine Geschichten aufschreiben wollte?

Ich dachte lange nach, dann antwortete ich: "Ja, warum eigentlich nicht!“

 

Eine (un)normale Geschichte

Seit ich diese Weiterbildung begonnen hatte und mich mit der Philosophie konstruierter Wirklichkeiten beschäftigte, passierte etwas in mir. Irgendetwas war in Bewegung gekommen. Nur konnte ich nicht genau sagen, was. Ich denke, es begann mit dieser seltsamen Geschichte, in der ein Mann von sich behauptete, ein Rührei zu sein, und dies sogar von einem Professor mit den Worten: „Wenn er meint, er wäre ein Rührei, dann ist er auch eines", bestätigt wurde. Von da ab hatte ich häufig ungewöhnliche Gedanken, Träume oder skurrile Tagträume. Ab und an passierten gar seltsame Dinge. Teilweise wusste ich nicht mehr, ob ich das träumte oder ob es real war.

Neulich, als ich nach einem längeren Spaziergang eine kleine Pause auf der Parkbank direkt im Wald am See gemacht hatte, hörte ich plötzlich ein  Geräusch und unmittelbar vor mir, in der Luft auf dem See, entstand ein Riss, durch den ein Mann herausgeklettert kam. Wie sich später zeigte, handelte es sich um Leonard Cohen. Wir führten ein angenehmes, freundliches und vor allem humorvolles Gespräch. Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe und er war wirklich so, wie ich es mir vorgestellt hatte, elegant, wortreich, achtsam und unglaublich inspirierend.

Einen Tag später flog ich auf einem Teppich nach Paris, traf dort Lou Reed und wir meditierten gemeinsam auf der Spitze des Eifelturms. Zum Abschied sangen wir „It´s a perfect day“. Nach einem Zwischenstopp in Warschau, wo ich einen leidenschaftlichen, unvergesslichen Tanz, einen lupenreinen Tango mit Marina Abramovic hinlegte, da landete ich in Jasjana Poljana und diskutierte mit Leo Nikolajewitsch Tolstoi über die Sehnsüchte in uns und die 

folgenschweren Auswirkungen, wenn wir diese nicht stillten. Später kam Fjodor Nikolajewitsch Dostojewski hinzu und wir beschäftigten uns mit der Frage, „wer sind wir“? Ganz besonders interessierten uns die drei verschiedenen paar Schuhe: Wie wir sind, wie wir wünschten zu sein und wie andere uns sahenDrei verschiedene Aspekte derselben Medaille, je nachdem, worauf man schaute.

So und so ähnlich ging das tagtäglich. Das fand ich zunächst nicht weiter schlimm, weder bereitete es mir Sorgen, noch nahm ich es allzu ernst, im Gegenteil, ich fand es sogar lustig, überdies spannend, je nachdem. Was mich beunruhigte war, dass diese merkwürdigen Gedanken einfach nicht aufhörten. War das normal?

Irgendwann las ich einen Spruch auf dem Klo, der ungefähr so ging:

 

Vielleicht stimmt etwas

nicht mit mir.

Vielleicht!

Vielleicht bin ich

unnormal,

weil das

normal ist?

Vielleicht!

Ich weiß nicht!

 

…danach fand ich mich ziemlich „unnormal“, aber das war ja normal.

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Poet’s Gallery Beitrag Januar 2019

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Barbara Schirmacher

Barbara Schirmacher wuchs in Heiligenhafen an der Ostsee auf. Sie studierte in Hamburg und Tübingen Pädagogik und Theologie und war etwa 20 Jahre lang Lehrerin.

Dann ließ sie sich zur Psychotherapeutin ausbilden und arbeitete in eigener Praxis. Sie zog drei Kinder auf, lebt mit ihrem Mann in Hamburg und hat Freude an ihren fünf Enkelkindern. Das Schreiben ist indessen in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt.

Nachstehend präsentieren wir den Beginn von „Ein aufrechter Mensch. Mein Großvater Otto Globig“, BoD – Books on Demand, Norderstedt 2018, von Barbara Schirmacher. Die Autorin begibt sich dabei auf Spurensuche nach ihrem Großvater, dem die unverbrüchliche Freundschaft und Treue zu dem jüdischen Arzt, der seiner Tochter einst das Leben rettete, unter dem Regime des Naziterrors zum Verhängnis wurde und dessen Schicksal über Jahrzehnte unter dem Siegel des Verschweigens verborgen war. 

 

Ein aufrechter Mensch

Mein Großvater Otto Globig

 

Lieber Großvater,

ich bin noch nicht geboren, doch Du weißt, dass ich schon bei Mama im Bauch bin. Und ich weiß, dass Du heute der einsamste Mensch auf der Welt bist. Allein in einer Gefängniszelle, an einem Ort, wie er trostloser nicht sein kann. Jetzt, wo die Zellentür hinter Dir zugefallen ist und der Wachmann sich entfernt hat, bin ich, Deine erste Enkelin, zu Dir geschlüpft. Weil ich Dir etwas sagen muss. Etwas Wichtiges: Ich freue mich auf Dich, meinen Großvater! Ich hab Dich lieb. Ich freue mich darauf, Dich kennenzulernen, Dir näher zu kommen.

Deine ungeborene Enkelin Im Sommer 1940

Jahrzehnte später 

Jahrzehnte später stieß ich in einer Ausstellung in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin auf ein Schwarz-Weiß-Foto. Es zeigte eine Zelle des Strafgefängnisses Tegel. Der Eindruck des düsteren schmalen Raumes legte sich augenblicklich beengend um meinen Brustkorb und ich wich unwillkürlich zwei Schritte zurück. Eine vom vergitterten Fensterchen schräg über Hocker und Pritsche einfallende Lichtbahn verstärkte die hoffnungslose Atmosphäre.

Die Ausstellung war einem der prominenten Gegner des Nationalsozialismus, Helmuth James von Moltke, gewidmet. Er und seine Frau Freya hatten während seiner Haftzeit fast täglich Briefe gewechselt. Sie schrieb ihm nach der Verurteilung zum Tode, es sei ihr ein Trost, dass er nicht für Hitler sterbe wie die vielen da draußen, sondern gegen ihn. 

Mein Großvater war einer der kleinen Leute. Er führte ein anständiges, unauffälliges Leben, wie unzählige andere auch. Dennoch wurde er verurteilt. Sein Freund, der Rechtsanwalt, war nach der Verhandlung so erschüttert, dass er kaum bemerkte, wie der Zug von Berlin zurück nach Landsberg über die Oderbrücke rumpelte. Lange hat meine Großmutter ihm auf seinen Bericht hin den Rücken zugekehrt. Lange stand sie am Fenster und starrte mit ihren tiefblauen Augen blicklos nach draußen. In einer Wortlosigkeit, aus der sie ihr Leben lang nicht wieder herausfinden sollte, wenn es um ihren Mann ging.

Die Wahrheit über meinen Großvater, ein unter dem Nebel des Verschweigens verborgenes Geheimnis. Seit dem Besuch der Ausstellung rumorte es in mir, ließ mich nicht mehr los. Noch einmal löcherte ich Tante Gertrud, als sie bereits in ihren Achtzigern war. Als Angestellte der Polizeiverwaltung, das Büro mit Aussicht auf den Gefängnishof, hatte sie ihren Vater im Blickfeld, als er dort während der Untersuchungshaft seine Runden drehen musste. 

Ob er einmal zu ihr hinauf gewinkt hat? Er wusste doch wahrscheinlich, in welchem Zimmer der Polizeiverwaltung ihr Schreibtisch stand. Ebenso wird ihm klar gewesen sein, dass sie ihn von oben sehen konnte. Aber – wollte er sich überhaupt zu erkennen geben? Oder lähmte ihn die Scham? Die Scham, den Blicken seiner Tochter ausgesetzt zu sein. Ohne die Möglichkeit, sich diskret der Situation zu entziehen. Jeden Tag wieder gezwungen, diese Stunde durchzustehen. Hinter seinem Vordermann her trottend im engen Kreis. Hände auf dem Rücken. Blick zu Boden. „Ich hab ihn gesehen, den Papa, im Gefängnishof, man kann sich ja vorstellen, wie mir zumute war“, sagte sie. Dann schwieg sie wieder und es war klar, sie würde auch diesmal nicht weitersprechen. Ich nickte und begrub meine letzte Hoffnung, doch noch etwas über das hinaus, das ich von meiner Mutter über ihn wusste, von ihr in Erfahrung zu bringen.

*

Doch der Stein, der mit der Ausstellung in der Berliner Gedächtniskirche ins Rollen gekommen war, ließ sich nicht mehr aufhalten. Es arbeitete in mir. Meine Gedanken kreisten um die Ereignisse, die sich seit seiner Verhaftung abgespielt haben mochten. Die Bruchstücke, die ich herausbekam, ergänzte das Bewusstsein mit Bildern, die in mir aufstiegen, und Atmosphären und Empfindungen, die sie untermalten.

Der Familie, auch ihm selbst, musste klar gewesen sein, er würde im Gefängnis nicht lange durchhalten. Von Tag zu Tag spürte er den Druck in seinem Herzen stärker werden. Ein zierlicher Mann, von schlankem Knochenbau. Schon in guten Zeiten neigte er zur Hohlwangigkeit. Jetzt, in der Haft, vertieften sich die Schatten in seinem Gesicht von Tag zu Tag. Er atmete auf, als sein Rechtsanwalt, ein guter Freund der Familie, der an Sommerabenden gern auf ein Gläschen zu ihm in den Garten kam, endlich nach Wochen die Nachricht brachte, dass die Untersuchungshaft ein Ende haben würde. Die Gerichtsverhandlung war für den 3. Juni 1940 angesetzt. Allerdings nicht in Landsberg an der Warthe, sondern in Berlin. Am Sondergericht. Der Rechtsanwalt entschloss sich, dies nicht als schlechtes Omen zu nehmen, und ermutigte seinen Freund Otto nach Kräften. Wir fahren nach Berlin zu der Verhandlung und abends sind wir wieder zurück in Landsberg. Selbst die Nazis können aus einer solchen Bagatelle nichts Großes machen. Otto Globig fuhr also zuversichtlich nach Berlin. Mit Handfesseln, hinten auf der harten Holzbank der Grünen Minna, begleitet von einem Wachmann. An den vergitterten Fensterchen huschten die Chausseebäume des Warthebruchs in ihrer frühsommerlichen Pracht vorbei. Die Kirschbäume in seinem Garten hatten hoffentlich gut angesetzt. Wie jedes Jahr würde er einen Teil der Ernte zu Kirschwein verarbeiten. In einer Anwandlung behaglicher Tatkraft wollte er sich die Hände reiben und wurde sich ruckartig der Handfesseln bewusst. Das Polizeiauto rumpelte auf den Pflasterstraßen von Küstrin und Ottos Herz machte Sprünge. Das schmerzte. Wenn alles gut ging, würde er das Gericht als freier Mann verlassen. Dafür würde sein Verteidiger plädieren. Unbescholtener Bürger Landsbergs, nein, unbescholtenes Mitglied der Volksgemeinschaft, in tapferem Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg hatte er dem Vaterland seine Gesundheit geopfert und brachte auch jetzt Opfer ohne Rücksicht auf die eigene berufliche Existenz. Sein eigentlich unabkömmliches Auto stand im Dienst der neuen Zeit und seine ausgedehnten Dienstfahrten in die Umgebung Landsbergs führte er, der gesundheitlich angeschlagene, vierundfünfzigjährige Angestellte der Victoria-Versicherung, mit dem Fahrrad aus.

Otto knirschte mit den Zähnen. Diese Hunde. Diese Hakenkreuz behängten Hunde. Grinsend zeigten sie die Zähne, als sie ihm den Autoschlüssel für kriegswichtige Zwecke abnahmen. Höhnisch grüßten sie ihn mit ihrem Heil Hitler aus dem offenen Wagenfenster seines Opel Olympia, auf dem Rücksitz zwei lachende junge Frauen.

*

Otto Globig war ein Junge vom Lande. Seine Mutter führte die Gastwirtschaft im Dorf Gruhno, Kirchspiel Friedersdorf, Kreis Luckau, wo er 1886 geboren wurde. Als sein Vater starb, war Otto gerade elf Jahre alt. Als die Mutter dem Vater ins Grab folgte, war er zwanzig. Nach Volksschule und Konfirmation arbeitete er in der Landwirtschaft, dann folgte der Militärdienst bei der Artillerie Seiner Majestät des Kaisers. Am 18. September 1911 wurde er bei der Victoria-Versicherung eingestellt. Der nun Fünfundzwanzigjährige arbeitete zunächst als Einnehmer. Ging von Tür zu Tür und kassierte wöchentlich die geringen Prämien für die Volksversicherung, eine 1892 eingeführte Lebensversicherung mit niedriger Versicherungssumme für die „untere Volksklasse“, so eine Verlautbarung der Victoria. Aus dem Ersten Weltkrieg kam er mit einer dreißigprozentigen Kriegsbeschädigung an Herz und Magen zurück und schaffte es trotzdem, in den Inflationswirren nicht mit der großen Zahl der Einnehmer entlassen zu werden, sondern in der Victoria-Versicherung voranzukommen. Er wurde Generalagent für Landsberg und Umgebung mit einem monatlichen Gehalt von 250.- Reichsmark plus Reisespesen und konnte sich 1934 sein erstes Auto leisten, einen Ford Cabrio, stolzes Zeichen seines Erfolges. Die beiden Töchter Gertrud und Gretel, meine Mutter, mit ihren damals zwanzig und neunzehn Jahren fast volljährig, machten bald den Führerschein und genossen eine weitere Facette ihres sorglosen Lebens als berufstätige, finanziell unabhängige junge Frauen. Ihr Vater ließ sie großzügig ans Steuer, wie er überhaupt seinen behaglichen Wohlstand gerne mit Freunden und Bekannten teilte. Er liebte Geselligkeit im sommerlichen Garten und an Winterabenden in der Meydamstraße bei Hausmusik und Kirschwein. Meine Mutter sprach gern von ihrem Papa; von ihr wusste ich, wie fröhlich er war und wie viel ihm daran lag, dass die Menschen um ihn herum es auch waren. Ich erinnere mich an das Foto auf der Anrichte in der Wohnstube im Heiligenhafen meiner Kindheit. Damals schienen mir seine Augen immer dunkel und traurig und ich hielt dem Bild nur deshalb etwas länger stand, weil die Mutter mit so warmer Stimme zu dem Foto hinsprach, mein Papa. Aber in mir scheute etwas davor zurück, Fragen nach ihm zu stellen.

Er hatte es gerne lustig, sagte die Mutter, und ich stellte mir vor, er hätte mich als kleines Mädchen kennengelernt. Er hätte meine Hand in seine genommen und wir wären zusammen um den See in seinem Garten gewandert. Er hätte mir dunkelrote Kirschen über die Ohren gehängt und vielleicht hätte er im Gartenhaus einen festen Bogen Papier gefunden und mir einen Hut gefaltet. Dann wären wir vom Bootssteg aus in den kippligen Kahn geklettert. Er hätte die Ruder ins Wasser getaucht und mir die große weite Welt gezeigt. Ich habe eine Postkarte gefunden, die er aus einem Kurort geschrieben hat. Er musste gut auf sein Herz achten. Auf dieser Karte schrieb er der Oma: „Die Damen hier tragen neuerdings Dauerwelle. Das sieht sehr hübsch aus. Lass dir doch auch so etwas machen.“ Und außerdem ermahnte er sie, und das hat mich ganz innig berührt, weil ich an das heiß gedrückte Fünfzigpfennigstück dachte, mit dem ich als Kind auf dem Jahrmarkt haushalten musste, er hingegen ermahnte sie: „Lass die Kinder tüchtig Karussell fahren.“ Wenn mein Großvater mit mir zum Jahrmarkt gegangen wäre ... Wie sehr vermisste ich ihn, wie sehr fehlte er uns allen. (...)

 

An dieser Stelle laden wir zugleich herzlich ein zu der Lesung von Barbara Schirmacher im Rahmen der 

Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus 

Hauptkirche St. Michaelis 

am 27. Januar 2019, 16:00 Uhr.    

Aktueller Buchtipp

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Vier Gedichte

                  

Die verlassenen Schuhe

 

Die verlassenen Schuhe

                       stehengelassen am Meer,

am Bett, im KZ, am schier

unüberwindbaren Berg.

Große und Kleine, selten alleine,

sehen mich an, aus gelebten Tagen.

 

Zufrieden mit sich, und gepflegt,

von dem, der darin im häuslichen Wohlbehagen

gelaufen, geliebt und gelebt.

Der wohl manches Mal, voller Kraft,

in diesen Schuhen gebebt.

 

Trotz Lasten und Bürden, trotz Freude und Leid.

Es ging über Felsen und Hürden,

über Berge und Heid.

 

Sein Blut, es pulsierte,

der täglich, und redlich marschierte.

Alle Spuren verwehte der Wind.

 

 

Das große Theater

 

Der Gaukler, der Pastor,

auch Oma und Vater.

Alle spielen hier mit, im Theater.

 

Für Privilegien stehen sie ihren Mann,

hetzen und rennen, und strengen sich an,

reichern mit Wissen und Schönheit sich an.

 

Die Menschen sind hungrig.

In endlosen Zügen suchen sie emsig,

sich zu vergnügen. In Industrie und

bei Führungsbossen brauchen sie Erfolg,

auch Gesinnungsgenossen.

 

Lassen sich nicht leicht beiseiteschieben, 

behaupten sich tapfer, für ihre Lieben.

Manch’ einer fällt dabei in den Sumpf,

denn so viel Wettrennen macht einfach stumpf.

 

Das endet mit Krankheit,

braucht Geld und Berater.

Vorbei nun das Spiel, im Welttheater.

  

 

Gewitter

 

Der Himmel zieht seine Vorhänge zu.

Unruhe, wechselnde Bühnenbilder.

Wolkenberge, rätselhaft, grau,

verhüllen in Eile das Frühlingsblau.

 

Schon drohen Blitze am Himmelsbogen,

zeichnen gefährliche Wirbel droben.

Das Wolkenspiel, du schaust es mit Bangen,

droht unheilschwanger, düster, verhangen.

Alarm aus der Ferne, ein grollender Donner.

 

 

Ein Meisterwerk

 

Der Morgentau hat nach 

dunkler Nacht, aus Spinnweben

ein faszinierendes Kunstwerk

gemacht.

 

Der Baumeister braucht keine

Hütte. Sein Unterschlupf liegt

wohlbeschirmt in seines 

Werkes Mitte. 

 

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Poet's Gallery Beitrag Februar 2018

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Martina Frank

Geboren 1955 in Lauchheim auf der

schwäbischen Alb.

Lehramtsstudium und Schuldienst.

1980 Umzug nach Hamburg.

Tischlerlehre und anschließendes

Kunststudium an der Fachhochschule

für Gestaltung, Armgardstraße und der HfbK. Seit 1995 freischaffende Malerin. 

                      Martina Frank Selbstporträt:

Textveröffentlichungen zu folgenden Ausstellungen:

„Der Zeppelin flog am 3. März 1931 über Lauchheim“

„Schwarze Zahlen sind grün genug“

„Einzelteile reduziert“

„Ein Mädchen, das gerne ausreitet- mit ungewissem Ausgang“

„Der Weiher wurde dunkel und kräuselte sich“

   

Die ganze Verwandtschaft...                   t

 

Ein Gesicht ist das untrügliche Merkmal des       Seelischen und zeichnet alle inneren Vorgänge auf. Am deutlichsten zu erkennen sind affektive Befindlichkeiten wie Schmerz, Freude, Angst, Ekel, Empörung; wer aber gut im Lesen feinerer Mimik ist, kann auch Zweifel, Unsicherheit, Enttäuschung, Langeweile, Ignoranz, Einsamkeit, Erwartung, ein inneres Frieren, Trauer, ja sogar ein tiefes Nachsinnen in einem Gesicht ablesen.

 

Im Jahre 1998 begann ich, auf Anregung meines Professors, „zu jeder Vita eines Künstlers gehören Selbstportraits“, mein Konterfei auf die Leinwand zu malen. Ich war nicht gerade motiviert, hatten mich doch die Portrait-Bilder vieler Künstler, die ich in Katalogen und Museen betrachtet hatte, meist abgestoßen. Sie erschienen mir zu stoisch und ich konnte weder natürliche Stimmung noch  Geschichten in den Gesichtern lesen; immer nur Antlitze. Zu ernst und verkrampft blickten mich aus der Leinwand stierige Blicke aus mageren, ausgezehrten Gesichtern an. Auch dachte ich, dass man an Gefallsucht leiden musste, fertigte man ein Portrait seiner selbst, und ich zweifelte, ob derjenige, der dann an der Wand hängt, auch der Mensch ist, der gelebt hat.

 

Das Aufstellen der Staffelei und des Spiegels, dabei galt es den richtigen Winkel und die Höhe zum Betrachten auszutarieren, das Herrichten der Farben und Pinsel, denn ich wollte auf keinen Fall mit einem Stift vorzeichnen, versetzten mich dann doch in eine neugierige, erwartungsvolle Spannung.

 

Aber die ersten Versuche enttäuschten mich. Ja, dilettantisch fand ich das Ergebnis; der Hals, zu lang, wirkte wie angeschraubt, die Nasenlöcher zu groß, da ich beim Malen den Kopf zu weit anheben musste, und so glich das Gesicht einer Totenmaske. Auch sah ich mich nicht getroffen: ein Massengesicht, ein gemaltes Scheitern belustigte meine Augen, das war ich nicht!

 

Mein Meister riet mir, die Arbeit auf größeren Leinwänden fortzufahren, und wie aus einem zweiten Himmel geboren, schwebte nun mein Pinsel absichtslos, geführt von fremder Hand über die Leinwand, holte sich elementare Farben aus den Töpfen und übersetzte das Spiegelbild in bunten Flächen in ein Gesicht.

 

In diesem Rauschzustand über mehrere Stunden malte ich, in einer kreativen Tourettewolke gefangen, manchmal sang und schrie ich, schnitt Grimassen oder tanzte vor der Leinwand, die ganze Nacht hindurch so viele Bilder bis ich am Ende erschöpft und glücklich in einem Selbstbildniswald erwachte und hatte das Gefühl hatte, als hätte mich die Ausdruckskraft der Farben aus Verfangenem gehoben und befreit.

 

Obwohl ich für die bevorstehende Ausstellung schon die Bildreihung mit dem Galeristen abgesprochen hatte, überzeugte ich ihn davon, die Selbstbildnisse zu einem Teil mit in die Ausstellung aufzunehmen.

 

Am Abend, kurz vor der Eröffnung, sah ich zum ersten Mal die Bilder, gerahmt und mit großem Abstand voneinander, an den hohen, weißen Wänden der Galerie hängen.

 

Mir war, als stünde ich vor einem Abgrund, heißes Blut schoss in mein Gesicht und meine Beine verloren das Gleichgewicht; auf den Bildern glotze mir meine ganze Familie, inklusive der Väter- und mütterlichen Seite meiner Verwandtschaft entgegen: meine Cousine Christel erkannte ich auf den Wangenseiten, das lange Gesicht und die Nase waren die Merkmale meiner Mutter, die Ohren und die Stirnpartie waren eindeutig die meines Vaters. Die Augen blickten melancholisch in eine ins Unendliche gerichtete Sehnsucht , gaben aber auch dunkle, misstrauische, verstohlene und boshafte Blicke in den Galerieraum ab, als demonstrierten sie vergangenes, entbehrungsreiches Leben aus schwäbischer Ahnenreihe; ein Zeugnis bis ins Mittelalter zurück.

 

Der Mund, aus Schmerz und Leid geformt, zeigte die Narben meines Fortlebens des Familienschicksals. Der sichtbare Ausdruck des Farbengesangs als Geheimschrift der Seele stand nackt und hilflos aus dem Rahmen gefallen, vor aller Öffentlichkeit.

 

Auf dem Heimweg flossen starkfarbige Tränen aus meinen schwarzen Augen, über Christels Wangen, bildeten einen See auf der Oberlippe der Ahnenreihe und liefen dann in geteilten Rinnsalen über den Hals in die Furche meiner Brüste.    

Poet's Gallery Beitrag Januar 2018

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Franz Molnar

Franz Molnar    

1961 in Österreich geboren. Koch, Naturkostfachkraft und Bioexperte, Überlebenskünstler und Freigeist:

    "Schon in den frühen 80ern bin ich auf der Suche nach einer  eigenen Identität in Hamburg gestrandet. Kein Ziel, nur ein Landeplatz brachte mich hierher. Getrieben von der Ohnmacht und dem Schweigen, das wie Teer in meinen Federn klebte. Flüchtige Begegnungen, Jugendherbergen, die Straße am Ende des Weges. Der erste Job im Schattenbereich. Im Gastgewerbe kein Problem. Zudem überlebenswichtig, denn die Ausländerbehörde arbeitete langsam und fühlte sich oft nicht zuständig. Eine Aktennotiz entschied über Menschenmaterial. Ich nahm es hin, denn ich war jung und ich zählte meine Wunden nicht mehr.

    So nach und nach und mit der selbstlosen Hilfe einer lebenserfahrenen Bardame bekam ich den ersten offiziellen Job und ein kleines Zimmer in Blankenese, so wenig und doch so viel.

    Heute, so viele Leben später, bin ich zurückgekehrt in die Sprache meiner Kindheit. Denn schon in frühen Tagen fand ich in der Schrift eine Freiheit, die mir das Leben nicht bot. Jetzt in der »kreativen Schreibwerkstatt« suche ich das Lächeln wieder im Inneren meines Raumes".

 

Franz Molnar: "Kinderglaube"

 

Damals als mein Glaube noch wahrhaftig war, im Maß meiner Kindheit, da war die Welt noch voller Bilder und Phantasia nistete im Schatten eines Hinterhofs.

 

Meine Neugier war so groß wie das Vertrauen in die Möglichkeit,  dass es jenseits des Alltäglichen eine andere Welt geben müsse. Schule war Pflicht wie Schuhe putzen, Hausaufgaben machen oder alles aufessen. Man war sauber gekämmt und trug die Hosen schon in der zweiten Generation. So vorzeigbar, wie es die Tradition verlangte in jenen Tagen, wo der Postbeamte noch Uniform trug und Väter im trauten Heim das Sagen hatten.

 

Man scherte sich nicht um ein Kinderherz, das so unfertig, war, wie ein Haus ohne Möbel. Nein, man schliff und beschlug es wie ein Steinmetz. Es musste sich fügen!

 

So fügte auch ich mich, obschon widerwillig. Doch in den stillen Momenten, in denen ich mit kurzen Lederhosen, Sandalen und der Schultasche auf dem Rücken den kleinen Feldweg entlang ging, der mich von der Grundschule zurück nach Hause führte, da schaute ich hinauf in den Himmel. Telefonieren nannte ich es, wenn ich mit ihm sprach.

 

Ein Telefon war etwas Besonderes, damals in den 60ern, in einer kleinen Arbeitersiedlung, wie sie so typisch war zu dieser Zeit. Ich ging ohne Eile, schlenderte den Weg entlang, wobei meine  Hand bedächtig  über jene schlanken Holzstämme strich, die am Wegesrand entlang einen Grenzverlauf markierten.

Wie selbstverständlich sah ich dabei hinauf zu den Wolken, wo oben, weit über`m Horizont, ein alter Mann saß, der wohlwollend zu mir herunter sah! Seinen Arm auf die Lehne eines großen Holzstuhls gestützt, blickte er mich an, und es schien mir, als könnte ich unter seinem üppigen weißen Bart ein Lächeln erkennen. Ich sprach, telefonierte mit ihm, so frei, wie nur ein Kind es kann, das glaubt ohne Maß.

 

Ich schloss die Augen, ließ mich leiten von den schlanken Holzstämmen, die am Wegesrand entlang führten. So grenzenlos war mein Vertrauen in diesen Momenten, wo der Glaube Gewissheit und die Welt noch voller Bilder war.

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Poet's Gallery Beitrag November 2017

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Thorsten Oliver Rehm 

Thorsten Oliver Rehm, Jahrgang 1970, ist selbst passionierter Taucher und Absolvent der „Schule des Schreibens", im Belletristik-Kurs unter der Leitung von Hartmut Fanger.

 

Nach einer betriebswirtschaftlichen Ausbildung ist er seit vielen Jahren im kaufmännischen Bereich tätig.

 

Seine Leidenschaft für das Schreiben bricht sich nun Bahn. Sein Roman-Debüt: ein Thriller, aber natürlich auch ein Taucherroman!

 

Thorsten Oliver Rehm ist verheiratet und Vater von zwei Kindern

Thorsten Oliver Rehm

Auszug aus seinem Roman „Der Bornholm-Code“, gebunden, mit Schutzumschlag, ca. 500 Seiten, ISBN 978-3-920793-30-6, EUR 26,80 (D), sFr 43,40, EUR 27,80 (A). Ab 8.12.2017 überall im Handel erhältlich.

 

Lars schaltete das Satellitentelefon aus. Gedankenverloren strich er mit der Hand über seine Bartstoppeln und blickte auf die an diesem Tag raue See. Trotz des Seegangs hatten die Forschungstaucher seines Teams heute die übliche Anzahl Tauchgänge unternommen. Die Zeit für das Projekt war knapp bemessen, jeder Tag auf See kostete riesige Summen. Der Etat für diese Expedition war nur widerwillig genehmigt worden. Umso effizienter musste die Mannschaft arbeiten, wenn er eine Chance auf Verlängerung des Projekts haben wollte. Seit den gestrigen Ergebnissen wusste er, dass die angesetzten elf Tage auf See nicht reichen würden.

 

Er schlenderte zum Heck der Baltic Sea Explorer I, dem besten Forschungsschiff des archäologischen Instituts, für das er seit nunmehr dreizehn Jahren tätig war. Das Gespräch mit Frank war ein Flop gewesen. Lars hätte darauf gewettet, dass er seinen früheren Partner aus der Reserve locken würde, doch dessen war er sich nun nicht mehr sicher. Zweifelsohne waren sie hier, vor der Küste der dänischen Ostseeinsel Bornholm, auf sensationelle Funde gestoßen. Diese würden ihn auf die nächste Sprosse seiner Karriereleiter führen. Doch ihm fehlten die entscheidenden Teile im Puzzle. Was sie hier entdeckt hatten, ergab keinen Sinn. Er benötigte Frank, seine Kompetenz, seine Erfahrung, und vor allem seinen Riecher. Franks wissenschaftliche Spürnase hatte sie beide immer zum Erfolg geführt. Fast immer zumindest, denn bei ihrem letzten gemeinsamen Projekt war es anders gelaufen; doch sie würden an dem damaligen Punkt wieder anknüpfen können, da war sich Lars sicher! Ja, er war auf eine heiße Spur gestoßen, auch wenn er noch nicht einschätzen konnte, wohin sie ihn führen würde.

 

„Dr. Berends! Dr. Berends!“, rief ein Mann aus der Tauchereinheit aufgeregt. „Kommen Sie schnell! Das müssen Sie sich ansehen!“

 

An Bord befanden sich Salzwasserbecken. Dort legten sie die aus dem Meer geborgenen Fundstücke ein, um sie möglichst unter Luftabschluss zu halten. Lars sah ein paar Teamleute um eines der Becken stehen und debattieren. 

 

Als er in die große Wanne blickte, weiteten sich seine Augen. Er zog Handschuhe über und nahm eines der Objekte aus dem Becken heraus.„Das kann nicht sein“, die Stimme versagte ihm. Lars räusperte sich. „Aus welchem Wrack habt ihr es?“

Aus Wrack B“, antwortete ein anderer Taucher, der sich gerade aus seinem Trockentauchanzug pellte.

Lars erstarrte.

 

„Das kann nicht sein“, wiederholte er benommen, wohl wissend, dass es tatsächlich so war, denn der Crew unterliefen bei den Aufzeichnungen keine Fehler. Trotz seiner Funktionsjacke bekam er eine Gänsehaut. „Das kann einfach nicht sein.“

 

Siehe auch                                                                           

www.thorstenoliverrehm.de 

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Poet's Gallery Beitrag August 2017

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Susanne Bertels

Susanne Bertels ist 1958 in Hamburg geboren.

Sie arbeitet hauptberuflich als Pastoralpsychologin; zu einer Hälfte in einer kirchlichen Beratungsstelle und zur anderen als Ausbilderin für Seelsorge 

In ihrer Freizeit schreibt sie seit ein paar Jahren und holt sich mit viel Freude gern Anregungen in Gruppen für Kreatives Schreiben, wie in der offenen Schreibgruppe von Erna R. und Hartmut Fanger.

 

Heimliche Liebe

Zuerst bist du nur da als Ahnung, unbestimmte Sehnsucht. Dann kommt das Verlangen. Ich suche die Begegnung mit dir; weiß dich zu finden in den unterschiedlichsten  Zusammenhängen   im Supermarkt, am Bahnhof, an der Tankstelle.

Fast immer gelingt es mir, dich aufzuspüren. Das Gewand, in dem du daher kommst, ist verheißungsvoll und erhöht die Vorfreude. Deine Figur passt sich den unterschiedlichen Situationen an, wird  vor allem durch die Jahreszeiten geprägt: mal sinnlich rund, mal flach und kompakt.

Ich freu mich darauf, dich in die Hand zu nehmen, auf den Augenblick, da du ganz mir gehörst. Sorgfältig wähle ich dich unter den vielen Möglichkeiten aus.

Und dann ist der Zeitpunkt da.

Mal sofort und voller Ungeduld, mal zelebriert in einem besonderen Ambiente. Unsere Begegnung ist mitunter stürmisch, voller Verlangen, und dann wieder genussvoll, langsam und bedächtig. Liegst du erst enthüllt vor mir, entfaltet sich dein Duft und ich bin ganz hingerissen von deiner Farbe. Meist in schönem, satten Braun, mitunter jedoch auch weiß und manchmal, ja manchmal treffen die Farben aufeinander.

Wenn meine Zunge sich dir nähert, kommt es zum Höhepunkt. In dem Maße, in dem du dahin schmilzt, versinke ich im Glück. Gern würde ich diesen Moment verlängern und ewig wie auf einer Wolke schweben. Aber dann ist es plötzlich vorbei.

Beseelt bleibe ich zurück. Ich ahne schon, dass mein Glücksgefühl nicht ewig anhalten wird.

In der Ferne winkst du mir schon zu und ich werde ihn wieder suchen, den Zeitpunkt dieser Begegnung mit dir, oh du meine - Schokolade!

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