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Glück ist ein Politikum

© Erna R. Fanger

 

Die Zeit kommt, in der sich die Menschen auf ihre moralische Stärke besinnen. Dann verlieren sie ihre Angst und stützen sich gegenseitig mit ihrer Hoffnung

Wangari Maathai anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises. Oslo, Dezember2004

„Glück ist machbar“

Dr. Ha Vinh Tho: „Grundrecht auf Glück. Bhutans Vorbild für ein gelingendes Miteinander. Aufgezeichnet von Gerd Pfitzenmaier, nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Stuttgart 2017

1951 väterlicherseits als Spross eines alten Adelsgeschlechts aus Zentral-Vietnam geboren, dessen Familie mit der kaiserlichen Nguyen-Dynastie verwandt war, seine Mutter wiederum Französin, aus einfacher Arbeiterfamilie stammend, bezeichnet Ha Vinh Tho sich selbst als „Wanderer zwischen den Welten“. Was sich gleichwohl der Tätigkeit seines Vaters als Diplomat verdankt, weshalb die Familie in verschiedenen Ländern lebte. Außerordentlich breit gefächert sein Erfahrungsspektrum: von der 68-er- zur Hippiebewegung, über eine Pilgerreise zum Himalaya, wo er mit dem Tibetischen Buddhismus in Berührung kommt. Dann das Studium am Schweizer Goetheanum, geprägt vom Geist der Anthroposophie Rudolf Steiners, wo er christliche Religion eingehend studiert. Nach dem Studium kurze Zeit Waldorflehrer in Deutschland, widmet er sich in der gleichwohl anthroposophisch orientierten Camphill-Gemeinschaft in der Schweiz, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern ohne persönliches Eigentum lebt, der Heilpädagogik in der Behindertenarbeit. 1982, seit dem Ende des Vietnamkrieges erstmals wieder in Vietnam, folgt die für ihn maßgebliche Begegnung mit Thich Nhat Hanh, dem bekannten vietnamesischen Mönch, Lyriker und Achtsamkeitslehrer: „Diese Begegnung veränderte mein Leben. Ich hatte das Gefühl, spirituell zu Hause angekommen zu sein.“ Nach seiner Tätigkeit als Ausbilder in der Heilpädagogik an verschiedenen europäischen Universitäten wechselt er noch einmal das Berufsfeld und wird Leiter des Ausbildungsdepartments des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), im Zuge dessen er Krisen- und Kriegsgebiete auf dem ganzen Globus bereist. Inzwischen ist ihm klar geworden, dass, so unterschiedlich die militärischen Auseinandersetzungen und Auswirkungen von Naturkatastrophen sein mögen, die Wurzel des Übels woanders liegt. Und zwar in der strukturellen Gewalt.

... einer Gewalt, die – um es nur mit einem Beispiel zu verdeutlichen – zulässt, dass Millionen Menschen auf der Erde verhungern, obwohl wir als Menschheit noch nie so reich und satt waren, wie wir es heute in vielen Regionen und Gesellschaften auf der Erde sind.

Immer dringlicher stellt sich für ihn die Frage, wie die Ursachen der strukturellen Gewalt und, damit einhergehend, der strukturellen Ungerechtigkeit, zu beseitigen wären. Bedingt nicht zuletzt durch die Tatsache, dass weltweit der Einfluss von Regierungen zusehends schwindet – zugunsten des Wirtschaftsdiktats multinationaler Konzerne, deren alleinigem Ziel der Gewinnmaximierung alles andere subsumiert wird. Die Folgen sind so komplex wie gravierend: neben der drastisch zunehmenden Spaltung in Reich und Arm, Verarmung immer größerer Teile der Weltbevölkerung, skrupelloser Umgang mit Ressourcen mit dramatischen Auswirkungen, sei es auf Klimawandel, schwindende Artenvielfalt und, damit einhergehend, Klimakatastrophen und Territorialkriege. Antworten auf das ihn bedrängende Anliegen kommen ausgerechnet von einem der ärmsten Länder, dem Himalaya-Staat Bhutan. Geht von dort doch der Impuls aus, der Welt einen neuen Maßstab ans Herz zu legen, der sich nicht an Wirtschaftswachstum und Bruttosozialprodukt orientiert, sondern am Glück seiner Bevölkerung.

Davon ausgehend, dass er seine Arbeit im IKRK bis zu seiner Pensionierung betreibe, erreicht ihn Ende 2011, zu einem Zeitpunkt, wo dort Management-Methoden eingeführt werden sollten, was ihm weniger behagt, unerwartet eine E-Mail mit einem Stellenangebot als Programmdirektor im neu gegründeten „Gross National Happiness Centre“ (Zentrum für Bruttosozialglück) in Buthan. Damit sind die Weichen für eine erneute Wende gestellt. Und am 2. April 2012 ist er in seiner Eigenschaft als Programmdirektor dabei, wenn in New York die Uno den 20. März fortan als Internationalen Tag des Glücks ausruft, Ban Ki Moon ein neues Wirtschaftssystem postuliert, in dem ‚soziales, wirtschaftliches und ökologisches Wohlergehen untrennbar seien’. Ergänzend differenziert der ehemalige Ministerpräsident Bhutans, Jigmi Y Thinley:

Wir unterscheiden klar den Begriff des Glücks im Sinne von Bruttonationalglück von jenem eines oberflächlichen, angenehmen „feel good“-Gefühls, das nur zu oft damit identifiziert wird. Wir wissen, dass dauerhaftes, echtes Glück nicht bestehen kann, wenn andere leiden.

Um dies wiederum dauerhaft zu etablieren, gilt es, drei fundamentale Entfremdungszustände zu überwinden: Die Entfremdung von anderen Menschen. Denn wirkliches Glück kann es nur geben, wenn alle daran teilhaben können. Die Entfremdung von der Natur. Glück erwächst nur in Harmonie mit der Natur. Die Entfremdung von uns selbst. Glück entsteht nur, wenn wir unserer selbst und der einem jeden innewohnenden Weisheit bewusst werden und diese nach Kräften einbringen. Letzteres bestätigt etwa die Gehirnforschung, wonach jeder Mensch von Grund auf mit „Mitgefühl, Güte, Großzügigkeit oder Selbstlosigkeit“ ausgestattet sei. Fähigkeiten, die unserem Vermögen, Glück zu empfinden, vorausgehen. Hinzu kommt jedoch noch eine weitere Herausforderung, nämlich die einer grundlegenden Führungskrise, in der das Gemeingut sträflich missachtet wird. Der Denkhorizont der politischen Eliten scheint verengt. Nur bis zu den nächsten Wahlen reichend, dabei weniger dem Gemeinwohl als vielmehr dem Lobbyismus verpflichtet. Hier sind Kräfte gefordert, die Verantwortung in einem sehr umfassenden Sinne zu übernehmen vermögen, um einer Menschheit am Scheideweg voranzugehen. Eine zentrale Rolle spricht er hingegen in entwickelten Ländern der Zivilgesellschaft zu, die die Mächtigen der Politik, Wirtschaft und Medien durchaus bewegen könnten, neue Wege einzuschlagen. Möge dies Buch, zugleich Vermächtnis eines herausragenden Geistes, dazu beitragen! Die Indikatoren für Glück sind schließlich hinlänglich bekannt, zuverlässig erforscht. Es liegt an uns, den vier Säulen, auf denen das Bruttosozialglück beruht, zunehmend Beachtung zu schenken: 1) ‚eine gerechte, nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung’, 2) Umweltschutz, 3) „Bewahrung und Förderung traditioneller, kultureller Werte“ und 4) U‚eine gute Regierungsführung – Glück ist machbar!  

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Nymphenburger Verlag!

Hier dabei zum Herunterladen:

Glück ist ein Politikum
„Glück ist machbar“ - Dr. Ha Vinh Tho: „Grundrecht auf Glück. Bhutans Vorbild für ein gelingendes Miteinander. Aufgezeichnet von Gerd Pfitzenmaier, nymphenburger in der F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Stuttgart 2017
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