erf's Blog

 

Erna R,. Fangers Trends, Tipps & Texte   

www.schreibfertig.com

Fünf Jahre www.schreibfertig.com

 

Wir wünschen ein Gutes Neues Jahr 2018!

Erna Fanger
Schreibschule

 

Schreibschule 

Seit fünf Jahren www.schreibfertig.com.  Seit 25 Jahren erfolgreiche Dozenten und Lektoren

KREATIV-LITERARISCHES, PROFESSIONELLES SCHREIBEN

 

Wir praktizieren: Kreatives Schreiben - Literarisches Schreiben – Schreiben für Sachmedien - Kreativitätstraining für Autoren auf Fernschulbasis und professionellem Niveau.

Weihnachtszeit 2017 

Weihnachtszeit: Fragile Freuden

oder Das Vergnügen, aus zerbrochenen Träumen wertvolles Neues zu schaffen

 

Dieses Jahr hat uns der Andere-Zeiten-Adventskalender“ mit dem in Japan beheimateten Brauch des „Kintsugi“ vertraut gemacht, deutsch: „Goldreparatur“. Kintsugi bedeutet, bei einer wertvollen Schale oder Tasse, sollte sie zerbrechen, die einzelnen Scherben an den Bruchstellen mit einer Art Goldlegierung (in feinstes Goldpulver getauchter Urushi-Lack) wieder zusammenzufügen, sodass sie hinterher in ihren sichtbaren Brüchen zugleich einen besonders ästhetischen Dekorationswert darstellt.

Leicht lassen sich hier Analogien zu existenziellen Belangen ausmachen. Besteht menschliche Existenz doch grundlegend darin, dass wir immer wieder Altes hinter uns lassen müssen. Etwas, das bislang Gültigkeit hatte, erweist sich als brüchig, wir sind angehalten, uns neu zu orientieren. Keine Kunstform, kein schöpferischer Prozess, in dem eben dies nicht zum Tragen käme. Es macht uns aus als Menschen, dass wir nicht stehen bleiben, sondern uns stetig fortentwickeln. Und es ist uns dabei wahrlich nicht immer behaglich zumute. Lieber halten wir am Vertrauten fest. Und freiwillig geben wir Bewährtes in der Regel nicht preis. Und das ist ganz natürlich. Umso heftiger reagieren wir, wenn die Umstände uns zwingen, Gewohntes hinter uns zu lassen. Und schnell passiert es dann, dass wir in eine Krise geraten und vor den Scherben eines vermeintlichen Glücks stehen. Das Leben zwingt uns, uns umzuorientieren, damit wir uns – jetzt auf anderer Ebene – neu einbringen können. Da gilt es, Kräfte zu mobilisieren, und im Nu kann es geschehen, dass wir Hürden nehmen, von denen wir nicht zu träumen gewagt hätten.

Und selbst wenn sich dies erst gegen  Ende eines langen Weges abzeichnen mag, können wir doch mit Fug und Recht von uns behaupten, es sind diese Brüche, die uns letzten Endes zu dem gemacht haben, die oder der wir heute sind, wodurch wir Schritt für Schritt unser Potenzial sozusagen ‚zutage zu fördern’ berufen waren. Und wir dürfen diese unsere so ‚gehobenen’, ureigenen Talente und Fähigkeiten in der Tat als einen Schatz erachten, in all seinen Brüchen, ganz im Sinne besagten Kintsugi, der Goldreparatur.

Die Kunst des Lebens mag vielleicht darin bestehen, einerseits besagte Bruchstellen nicht zu beschönigen, sie aber auch nicht in ihren Möglichkeiten zu unterschätzen. Vielmehr könnte es darum gehen, sie nicht nur in unser Leben zu integrieren, sondern, darüber hinaus, aus eben diesen Bruchstellen ‚Kapital zu schlagen’, sie als den Impuls anzuerkennen, der uns hilft, wertvolles Potenzial aus uns selbst heraus zu erschließen, uns dafür Wertschätzung zukommen zu lassen. Nicht umsonst handelt das Thema im bunten Reigen der Ratgeberliteratur, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau, immer wieder von der Kunst, uns selbst zu lieben.

Und nicht von ungefähr sprechen wir von Weihnachten als dem Fest der Liebe. Jetzt, wo zum Jahresende noch einmal auf den Prüfstand kommt, was uns die letzten zwölf Monate umgetrieben hat, und wo mit der Geburt des Kindes einmal mehr Altes hinter uns gelassen und Neues gefeiert werden soll. Das Zentrum des Weihnachtsfests, dem Jahresausklang, ist immer wieder die Liebe, an der wir stetig scheitern und die wir nicht aufhören können, wieder neu entwerfen, und wo gerade die brüchigen Spuren den Wert wesentlich mitbestimmen.

 

In diesem Sinne

Frohe Weihnachten!

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

Und neues Leben blüht aus den Ruinen.

Aus Friedrich Schiller: Wilhelm Tell 4. Akt, 2 Szene.

 

Kompass, statt Karte!

Orientierung in Zeiten radikalen Wandels

 

„Kompass, statt Karte!“ markiert treffend, was uns als Bürgergesellschaft Orientierung in Zeiten eines so noch nie dagewesenen Wandels gewährt: nämlich zwar die Richtung, in die es gehen soll, vor Augen zu haben, nicht jedoch zu meinen, dass die Wege dorthin bereits bestünden. Dazu sind die Herausforderungen zu groß, zu komplex. „Der Weg entsteht beim Gehen“ bewährt sich einmal mehr bei dem Unterfangen, Innovationen zu befördern. Dies kann nicht gelingen, indem wir auf bislang Bewährtes zurückgreifen, wie in vielen politischen Debatten zu beobachten. So etwa gebetsmühlenartig den Mythos von der Vollbeschäftigung hochzuhalten, wo doch jeder weiß, dass wir mit zunehmender Automatisierung der Arbeitswelt auf das Gegenteil zusteuern. Wohin soll die Reise gehen von der Arbeitsgesellschaft seit der Industrialisierung mit ihren Anfängen im 18. Jahrhundert, wo die Welt noch „leer“, sprich von wenigen Menschen bevölkert war. Letzteres etwa ist nachzulesen im jüngst erschienenen Bericht des Club of Rome von Ernst Ulrich von Weizsäcker, Anders Wijkman u.a.: "Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen.“ Die explosionsartige Vermehrung der Weltbevölkerung habe sich erst in den letzten 50 Jahren herauskristallisiert. Heute lebten wir hingegen in einer „vollen“ Welt, die gänzlich andere Rahmenbedingungen benötigte.

      Der Journalist und Spiegel-Kolumnist Georg Diez wiederum hat in Harald Welzers Online-Plattform FUTURZWEI mit „Die Macht der Beharrung“ einen bemerkenswerten Beitrag vorgelegt. Ausgehend von den Fragen „Was ist die Gestalt des Neuen? Wie erkennt man es? Wie setzt es sich durch? Und warum ist beides so schwer, das Erkennen und das Durchsetzen?“, diskutiert er, welche Kräfte eine Gesellschaft nach vorne bringen und auf welche Hindernisse sie dabei stößt. Fängt man an darüber nachzudenken, wird – man erinnere sich an den hinter uns liegenden Wahlkampf – schnell klar, dass diese Fragen nicht im Zentrum etablierter Politik stehen. Vielmehr werden sie eher von einzelnen Publizisten oder sonstigen engagierten Mitgliedern der Zivilgesellschaft aufgeworfen, deren prominente Vertreter, wie etwa Richard David Precht, Harald Welzer oder Raga Yogeshwar, um nur einige zu nennen, sie dann, abgesehen von ihren Schriften, in diversen Talk-Shows zum Besten geben. Und das nicht selten zu fortgeschrittener Stunde.

     Georg Diez sieht eben darin ‚den zentralen Konflikt’: „die Macht der Beharrung gegen die Notwendigkeit der Veränderungen“. Die daraus resultierenden Kräfte laut Diez, Aufbruchseuphorie auf der einen Seite, Angst vor der Ungewissheit andererseits, führten zu gewaltigen Spannungen, zu einer Art ‚tektonischer Verschiebung’, „bei der verschiedene Zeitplatten aneinander reiben, sich ineinander verkeilen und verkanten ...“ Dies sind Kräfte, die Naturkatastrophen – Erdrutsche, Erdbeben, schlimmstenfalls einen Tsunami – bedingen. Im globalen Zusammenleben stehen dafür

Flüchtlingskrise und Migration auf der einen Seite, Gewaltexzesse des IS, 

aber auch die Exzesse struktureller Gewalt, wie sie seitens multinationaler Konzerne immer mehr ans Licht kommen. Auf Kosten der Mehrheit, etwa durch Steuerhinterziehung im großen Stil, vor allem aber auf Kosten der ärmsten Länder, die nicht nur nachweislich von den Naturkatastrophen weitaus stärker betroffen sind als die westlichen Industrienationen, sondern deren Rohstoffe, etwa im Kongo, ohne Rücksicht auf die Belange der Bevölkerung und in Kooperation mit korrupten Regierungen skrupellos geplündert werden.

     „Die Menschen“, wie es nicht selten seitens manchem Politiker heißt im Tenor, als ginge es um eine sehr entfernte Spezies, ein Großteil der Bürger also, reagiert verunsichert. Besonders im Mittelstand geht die Angst vor dem sozialen Abstieg um. Wer soll für die Renten aufkommen. Die Angst vor Altersarmut und Pflegenotstand, nicht zuletzt vor Einsamkeit in alternden Gesellschaften, kommt hinzu. Viele verschließen angesichts der Vielzahl der Herausforderungen die Augen. Deutlich sei dies bei der plötzlichen Ankunft der vielen Geflüchteten 2015 geworden. Eine Gelegenheit, sich dem Neuen zu öffnen, die zahllose Bürger zwar mit Empathie und Tatkraft ergriffen haben, um dabei zugleich jedoch auch die Erfahrung zu machen: „Die Kräfte des Alten arbeiten mit allen Mitteln daran, das zu verhindern.“

      Mut zur Veränderung also, die, wie von Ranga Yogeshwar in dem soeben erschienenen Buch „Nächste Ausfahrt Zukunft. Geschichten aus einer Welt im Wandel“ eindrucksvoll belegt, ebenso die Chance birgt, ein erfüllteres Leben für alle zu erschaffen. Ein erfüllteres Leben, als es zum Beispiel die Arbeitsgesellschaft gewährt hat, wo es in der Regel nur dem Privilegierten vorbehalten bleibt, sein Potenzial in Gänze zur Entfaltung zu bringen.

     Schritt für Schritt will der Geist des Neuen errungen werden. Ohne Land- oder Straßenkarte, dafür mit Kompass im Gepäck. Veränderung ist möglich! 

 

© Erna R. Fanger

 www.schreibfertig.com    

 

 

 

 

 

 

erf's aktueller Sachbuchtipp 

© Erna R. Fanger

 www.schreibfertig.com

  

Als ob Wählen, als ob Entscheiden, als ob Nein-Sagen einfach Fähigkeiten wären, die man lernen könnte wie Schnürsenkelbinden oder Fahrradfahren. Die Dinge stießen einem zu. Wenn man Glück hatte,bekam man eine Schulbildung. Wenn man Glück hatte, wurde man nicht von dem Typen missbraucht, der das Fußballteam leitete. Wenn man sehr viel Glück hatte, gelangte man irgendwann an einen Punkt, an dem man sagen konnte: Ich werde Buchhaltung studieren ... Ich würde gerne auf dem Land wohnen ... Ich möchte den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Aus Mark Haddon: „The Gun“

 

Zwischen Autonomie und Ambivalenz: Ringen um die Freiheit

                                                                                                                                                                                                                                             

Beate Rössler: „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“, Suhrkamp Verlag Berlin 2017.

Seit Kant Grundthema der Philosophie und in westlichen Gesellschaften normativ, scheint der Begriff der Autonomie längst seinen festen Stellenwert behauptet zu haben und eine grundlegende Größe darzustellen. Bei näherer Betrachtung erweist sich allerdings, so klar umrissen, wie es scheint, manifestiert er sich in der Lebenspraxis des Einzelnen nicht. Sprich es gibt eine Menge Aspekte, die der Autonomie im Alltag entgegenstehen. So sind nicht selten überhöhte Ansprüche mit dem Begriff verbunden, die keiner in Gänze erfüllen kann. Sind wir doch als Gemeinschaftswesen miteinander verbunden, woraus sich zwangsläufig wechselseitige Abhängigkeiten konstituieren.

Die Spannung zwischen dem Selbstverständnis eines autonom ausgerichteten, selbstgestalteten Lebens und den Hindernissen, die dabei zutage treten können, lotet Beate Rössler, Professorin für Philosophie an der Universität Amsterdam, in neun Kapiteln von jeweils vier bis sechs Unterkapiteln auf 400 Seiten so kenntnis- wie facettenreich und differenziert aus. Im Zuge dessen gelingt ihr das Kunststück, die Stringenz ihres fundiert wissenschaftlichen Diskurses durch zahlreiche literarische Beispiele, in denen die Figuren mit mehr oder weniger Erfolg um Autonomie ringen, so nahezubringe, dass auch dem interessierten Laien ein lebendiger Zugang zu der Auseinandersetzung mit dem Thema und entsprechend Einblick gewährt wird. Auch wenn – es sei an dieser Stelle nicht unterschlagen – die philosophischen Debatten über Autonomie, an denen sich Rössler hier abarbeitet, nicht unbedingt für jedermann zugängig sind, sondern immer wieder geduldiger Nacharbeit bedürfen, ist man nicht bereit, bisweilen darüber hinwegzulesen.  

Dessen ungeachtet gewinnen wir Einsicht von der Definition des Begriffs bis zum Zusammenhang zwischen Autonomie und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Von der Überlegung, wie sich Autonomie zwischen Selbsterkenntnis und Selbsttäuschung etablieren kann, oder wie sie etwa in der Selbstthematisierung vom Tagebuch bis zum Blog in Erscheinung tritt. Zugleich, inwieweit Autonomie im Hinblick auf die von der Furie des Verschwindens bedrohte Privatsphäre im virtuellen Raum nicht Gefahr läuft,  sich selbst zu verleugnen. Ebenso geht Rössler der Frage nach, ob die Autonomie als Wahl zwingend das gute Leben nach sich ziehe, stellt dabei aber auch zugleich die Bedingungen einer solchen autonomen Wahl infrage. Und wie verhält es sich mit der  Autonomie im privaten, häuslichen Bereich, in Beziehungen. Wie in der demokratischen Gesellschaft. Aber auch die sozialen Bedingungen von Autonomie werden durchbuchstabiert, wie z. B. Grenzfälle zwischen Autonomie und Unterdrückung. So etwa im religiösen Kontext einer Muslima, die sich frei dafür entscheidet, ihren Glauben zu leben, auch wenn sie dafür – aus Perspektive der Vertreter westlich-demokratisch geprägter Gesellschaften – Autonomie einbüßt und sich dem Dogma der Vollverschleierung  ebenso beugt wie dem des Gehorsams gegenüber ihrem Mann. Allein schon anhand dieses Beispiels wird deutlich, inwieweit der Begriff der Autonomie nicht zuletzt im Hinblick auf kulturelle, soziale und politische Voraussetzungen relativiert und differenziert werden muss.

Das Verdienst von Rösslers Autonomie-Konzeption ist ihre Distanz zu radikalen Konzepten, die allenfalls Theorien, nicht aber dem Alltag standhalten. Demnach läuft sie auch nicht Gefahr, die Bedingungen für Autonomie festzuschreiben. Vielmehr entwirft sie Autonomie als Prozess, in dem eigenständige Entscheidungen sowohl möglich sind, als man dabei zugleich jedoch auch Abstriche machen muss, um die eigene Position zu ringen hat. Im Gegensatz zu radikalen Entweder-oder-Positionen, in denen den Bedingungen von Autonomie weniger Rechnung getragen wird. Rössler gelangt schließlich zu dem Fazit, ‚alle grundsätzlichen Angriffe auf die Möglichkeit und Wirklichkeit von Autonomie zwar aus dem Weg geräumt zu haben’, ohne jedoch vor den mit dem Thema verbundenen Spannungen und Widerständen zurückgewichen zu sein. Des Weiteren räumt sie ein, dass unser normatives Verständnis des Begriffs nie unter durchgängig idealen Bedingungen realisiert werden, sprich immer nur annähernd erfüllt werden kann, dementsprechend nicht ohne Relativierung auskommt. Personen können immer nur bedingt, mehr oder weniger autonom handeln, stets abhängig vom sozialen, politischen oder biografischen Kontext. Damit grenzt sie sich bewusst ab von radikaleren Positionen, wie etwa von Harry Frankfurt vertreten. Sieht sie Autonomie doch immer schon situiert im gesellschaftlichen Kontext, worin die Verletzlichkeit der Akteure bedingt ist. Weshalb sie auch in Zweifel stellt, inwieweit einer Person Autonomie abzusprechen sei. Desgleichen postuliert sie einen Zusammenhang zwischen einem autonomen und einem sinnvollen Leben. Von einem sinnvollen Leben kann man nach Rösslers Definition nur dann sprechen, wenn wir es als unser eigenes Leben betrachten, das wir nach Maßgabe unseres Erkenntnis- und Bewusstseinsstands gewählt haben. Ein Leben, für das wir einzustehen bereit sind. Im Zweifelsfall entgegen allen Widrigkeiten, die unseren Alltag prägen, wie Ambivalenz, Entfremdung, Zerrissenheit. Rössler exemplifiziert dies anhand Siri Huvstedts Protagonistin Harriet Burden in „Die gleißende Welt“ (2015), wo die Unvereinbarkeit von Wünschen und Möglichkeiten durchgespielt wird. Dies erfordert laut Rössler einen gelassenen Umgang mit den Ambivalenzen, die unser Leben prägen, was uns nicht selten abverlangt, verschiedene Identitäten einzunehmen und zu leben. Mehr noch bedinge dies Autonomie geradezu grundlegend. Widersprüche dieser Art schmälern nicht grundsätzlich Autonomie, sondern konstituieren sie vielmehr insofern, als Autonomie durchaus keine Garantie darstellt, diese ohne jede Einschränkung leben zu können, sondern immer nur gemeinsam mit anderen.

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag! 

 

Mo

01

Jan

2018

Fünf Jahre www.schreibfertig.com

KREATIV-LITERARISCHES, PROFESSIONELLES SCHREIBEN

 

Wir praktizieren: Kreatives Schreiben  Literarisches Schreiben – Schreiben für Sachmedien  Kreativitätstraining für Autoren auf Fernschulbasis und professionellem Niveau.

schreibfertig.com Fernschule Schreibgruppe Schreibwerkstatt
Schreibschule
mehr lesen 0 Kommentare

Fr

01

Dez

2017

Tausendundeine Nacht Vom Orient zum Okzident

Wer sich selbst und andre kennt,

Wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident

Sind nicht mehr zu trennen.

Goethe: „Westöstlicher Divan“

 

Spätestens seit der Flüchtlingskrise herrschen jede Menge Vorbehalte, Angst und Skepsis gegenüber allem, was aus dem Orient nach Europa drängt. Immer wieder neue Schreckensmeldungen, Terroristische Anschläge in den Metropolen unterstreichen dies und errichten eine unsichtbare Mauer, die umso schwerer zu überwinden zu sein scheint. Im Gegenteil ziehen immer mehr europäische Staaten Grenzzäune hoch, sammeln Menschen wie Vieh in Auffanglagern und versuchen, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden, sprich abzuschieben. Von einem seit Jahrhunderten gemeinsamen auf Gegenseitigkeit befruchtenden kulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident sind wir so weit wie lange nicht mehr entfernt.

Umso erstaunlicher, wenn man derzeit vor Weihnachten in den Buchhandlungen eine Vielzahl dicker Bände mit orientalischen Märchen aus „Tausendundeine Nacht“ entdeckt. In unterschiedlichster Ausstattung und Übersetzung, ob für Kinder, ob für Erwachsene. Schillernd und mit Strahlkraft, exotisch und außergewöhnlich, nicht selten mit Golddruck und orientalischer Graphik versehen. Diese Märchen haben offenbar nichts von ihrem Zauber verloren und die Verlage wissen dies dementsprechend zu vermarkten. Der persische, bis nach 500 nach Christi zurückführende Anteil der Märchen bildet mittlerweile eine lange Tradition in deutschen Kinderzimmern. Wer hat die Geschichten von „Aladdin und die Wunderlampe“,  „Ali Baba und die Vierzig Räuber“ oder „Sindbad der Seefahrer“, um nur die bekanntesten zu nennen, nicht mit Spannung und Begeisterung verfolgt. Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass in der deutschen Dichtung und Literatur inhaltlich schon früh orientalische Einflüsse zu verzeichnen sind. Insbesondere im 18. Jahrhundert finden sich Übereinstimmungen, Parallelen und Gemeinsamkeiten mit dem Islam, vor allem im Hinblick auf die  Märchen von „Tausendundeiner Nacht“.  Als Goethe 1775 nach Weimar kam, fand er Wieland vertieft in die von Galland ins Französische übersetzten Geschichten aus 'Tausendundeiner Nacht'. Motive aus dieser Sammlung tauchen im gleichen Jahr in Wielands Veröffentlichungen, wie u.a. in der "Geschichte des Weisen Danymed und der drey Kalender" im "Teutschen Merkur" auf. In den Jahren 1781‑1785 übersetzt J.H. Voß Gallands "Les Mille et Une Nuit" ins Deutsche.

Goethes Verbundenheit zum Orient über die Geschichten aus 'Tausendundeiner Nacht' hinaus deutet sich sogar schon früher, bereits in seinen ersten Lebensjahren an. Schließlich stammen auch die biblischen Geschichten, selbstverständlich zu seiner Erziehung gehörend und ihn wesentlich prägend, aus dem Orient. In seiner Jugend dürfte er dann in Straßburg, im Winter 1770/1771, durch Herder Bekanntschaft mit dem Koran gemacht haben. Über zweihundert Jahre später gelangte die Literaturwissenschaftlerin Katharina Mommsen jedenfalls zu der Einsicht, dass Goethes religiöse und philosophische Überzeugungen mit denen der islamischen Lehre zum Teil übereinstimmen. "Dies schuf ein Verwandtschaftsgefühl besonderer Art, intensiv genug, dass man sagen darf: ohne diese Affinität wäre der West‑östli­che Divan schwerlich entstanden." 

Insbesondere "Das Märchen (1785) von Goethe enthält nachweislich Motive aus „Tausendundeiner Nacht“.  Seit seiner Entstehung gilt es als hermetisch und rätselhaft.  Doch die Nähe zu „Aladdin und die Wunderlampe“ und anderen Märchen ist nicht zu übersehen. So zum Beispiel in der Figur des Alten mit der Lampe, der im Gebirge unterhalb der Erde einen Schatz sucht, die Befürchtung, in einen schwarzen Stein verwandelt zu werden, und das Ausstreuen von Goldmünzen unter das Volk. In der „Geschichte von den beiden Schwestern, die ihre jüngste Schwester beneideten“, werden dann tatsächlich Prinzen in ‚schwarze Steine’ verwandelt, nachdem sie sich verbotener Weise nach einem singenden Baum umgedreht haben. Bei Goethe ist es der Mops, der in einen schwarzbraunen Stein verwandelt wird, da er die von Irrlichtern ausgeschütteten Goldmünzen gefressen hat.  

Eine weitere Figur aus „Tausendundeiner Nacht“ korrespondiert mit dem Märchen von Goethe: Die „Lilie“, versehen mit dem Namensattribut 'schön'. Die  ‚schöne Lilie’ besitzt wundersame Kräfte, kann sie doch alles Tote "...durch ihre Berührung lebendig machen, wie sie alles Lebendige durch ihre Berührung tötet". Gleichwohl sieht der französische Literaturkritiker Gonthier Louis Fink darin eine Analogie zum "Feenbasar von 'Tausendundeiner Nacht'". Er verweist in diesem Zusammenhang auf die "Histoire du Roi Hormuz". Dort soll das Motiv der 'lebenspendenden Frau' auftauchen, "…die zu einer todbringende[nl Meduse [wird], deren Blick den Betrachtenden in einen wandelnden Schatten verwandelt' und deren Berührung das Leben raubt." So verwandelt sich der Park der Meduse in einen Friedhof. Vom Garten der schönen Lilie wiederum heißt es: "Alle Pflanzen in meinem (…) Garten tragen weder Blüten noch Früchte; aber jedes Reis, das ich breche und auf das Grab eines Lieblings pflanze, grünt sogleich…" 

Weit mehr Analogien, Parallelen, Figuren und Motive des Goetheschen Märchens zu „Tausendundeiner Nacht“ ließen sich ausmachen, ebenso Bezüge anderer Autoren des 18. Jahrhunderts dazu, inwiefern obige Ausführungen lediglich als exemplarisch zu betrachten sind. Leicht lässt sich daran jedoch der Einfluss entfernter kultureller Errungenschaften aus dem Orient und die befruchtenden Auswirkungen schon damals im sogenannten Abendland ablesen.

Gerade heute, wo im Zuge der Angst vor Überfremdung in gewissen Teilen der Bevölkerung, im Zuge des IS-Terrors, Verunsicherung und, damit einhergehend, Fremdenfeindlichkeit aufflammen, mag eine Rückbesinnung auf den Reichtum, den so ein Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen als fruchtbares Potenzial in sich birgt, erhellend sein. Zumindest im Hinblick auf die literarische Überlieferung ist deutlich geworden, dass, bei allem, was den Orient vom Okzident trennen mag, genügend Gemeinsamkeiten vorhanden sind. Nicht zuletzt sei hier abschließend auf Goethes Verehrung des persischen Dichter Hafis verwiesen, einem weiteren großen Kapitel in diese Richtung.

Wir jedenfalls wünschen eine schöne Weihnachtszeit. Kommen Sie gut ins neue Jahr!

© Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com    

0 Kommentare

Mi

01

Nov

2017

Herzlichen Glückwunsch Jan Wagner zum Büchner-Preis 2017!

Seit 1952  wird der Georg-Büchner-Preis, derzeit höchstdotierter Literaturpreis für deutschsprachige Autoren, jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verliehen. Die Preisträger bilden eine so lange wie illustre Liste renommierter Schriftsteller. Darunter Namen wie  Carl Zuckmayer, Anna Seghers, Gottfried Benn, Marie Luise Kaschnitz, Erich Kästner und Max Frisch oder Hans Magnus Enzenzberger, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Heinrich Böll, Thomas Bernhard, Peter Handke, Christa Wolf, Martin Walser, um hier nur einige der schillerndsten aufzuführen.

 

Nicht viel mehr steht dem die Liste der literarischen Auszeichnungen nach, die Jan Wagner für sein noch verhältnismäßig junges Werk erhalten hat.  Seit 1999 vergeht kein Jahr, an dem er nicht mit einem Preis bedacht wurde. Vom Förderpreis der Stadt Hamburg für literarische Übersetzungen 1999 bis hin zum Friedrich-Hölderlin-Preis der Universität Tübingen im Jahre 2011, vom Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2011 bis hin zur aktuellen Büchner-Preis Verleihung 2017.  Darüber hinaus ist er Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

 

In seiner Rede  zu besagtem Anlass scheint es kein Zufall, dass Jan Wagner auf eine gewisse Naturverbundenheit des Namensgebers dieser Auszeichnung anspielt. So, wenn er schildert, wie Büchner seinen „Hessischen Landboten ... im Sommer 1834 zu Fuß von Gießen nach Butzbach trägt“. Weiter lässt Wagner uns wissen, auf welch abenteuerlichen Wegen das brisante Manuskript zur Druckerei nach Offenbach gelangt, indem es

 

"...ausgerechnet in einer Botanisiertrommel versteckt wird, einem jener zylindrischen Blechgefäße, die der naturinteressierte Sammler für den Transport von Pflanzen nutzte, von Blüten und Stengeln, Früchten und Blättern, daß also die handschriftliche Urfassung dieses Dokuments, das die hessische Obrigkeit später als das gefährlichste und subversivste Flugblatt bezeichnen wird, vielleicht mit einem Borkenkäfer, der sich hineinverirrt hat, oder mit etwas Schleierkraut geschmuggelt wird, daß vielleicht ein Blättchen jenes hartnäckigen Doldenblütlers Aegopodium podagraria an den Worten haftete und während der zehn riskanten Stunden Fußweg von Butzbach nach Offenbach diese beiden Blätter einander im Dunkel einer Botanisiertrommel Gesellschaft leisteten."

[Siehe hierzu die gesamte Rede in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/jan-wagners-dankesrede-zum-buechner-preis-15269152.html]

 

Auch Wagners eigener Dichtung  ist eine gewisse Naturverbundenheit nicht abzusprechen. Stellvertretend für sein literarisches Werk soll auch deshalb hier auf das Gedicht „selbstporträt mit bienenschwarm“, das zugleich den Titel seines Gedichtbandes aus dem Jahre 2013 abgibt,  eingegangen werden. Dabei entsteht  bei der Lektüre leicht das Gefühl, dass Jan Wagner Gefahr läuft, hinter seinem Werk zu verschwinden, wenn das lyrische Ich von einem für Poesie stehenden Bienenschwarm, wie einst Maria Magdalena, ‚ganz und gar’ von Haaren bedeckt  wird. Das Bienenmotiv lässt sich schließlich auf den „Lorscher Bienensegen“ aus dem 10. Jahrhundert nach Christi zurückverfolgen, der zu den ältesten gereimten Dichtungen in deutscher Sprache zählt, von einem Mönch auf dem Rand eines Manuskripts notiert.

 

Weniger von umstürzlerischem Elan beseelt, macht Jan Wagner des Weiteren deutlich, dass er vielmehr seine „Mission in einem Akt des Lockerns und  Lösens starrer Zusammenhänge“ sieht, „was gedankliche und sprachliche Räume verändert und erweitert“.  In diesem Sinne entschlüsselt sich auch nachstehender Vergleich eines Bienenschwarms, der das Lyrische Ich bedeckt, mit der von Haaren bedeckten Maria Magdalena. Werden so doch auch hiermit konventionelle Denkart und  Sprachgebrauch aufgebrochen, sprich ‚verändert und erweitert’.

 

[Siehe das Gedicht "selbstporträt mit bienenschwarm" von Jan Wagner unter:https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article115449236/selbstportraet-mit-bienenschwarm].

 

Doch was hat es mit der Behaarung Maria Magdalenas, wie etwa auch von dem Bildhauermeister Tilman Riemenschneider (1460 bis 1531)  umgesetzt, auf sich?  In der christlichen Ikonographie stellt das lange wallende Haar spätestens seit dem Mittelalter ein Zeichen für Prostituierte dar.  Maria Magdalena war, inzwischen wissenschaftlich nachgewiesen, eine sogenannte ‚Sünderin’, die zugleich jedoch als eine der ersten Personen gilt, die Jesus nach seiner Wiederauferstehung erblickten wie man ihr auch eine besonders innige Beziehung zu diesem nachsagt. Nach Jesu Tod lebte sie zur Buße als Einsiedlerin in einer Höhle in Südfrankreich, so die Legende. Um sie vor wilden Tieren zu schützen, ließ Gott ihr ein Fell wachsen. Dass der  Dichter, das lyrische Ich – bedeckt vom besagtem für Poesie stehenden Bienenschwarm und somit behaart – sich mit der Prostituierten vergleicht, mag als Verweis darauf lesbar sein, dass auch er sich mit dem Verkauf seiner Dichtung prostituiert. Dadurch nimmt er zwar einerseits ‚an Dasein’ und ‚Gewicht’ zu, droht aber andererseits zugleich zu verschwinden. Damit wird das Paradoxon sichtbar, in dem sich der Dichter bewegt.  Worauf letztendlich wiederum auch das Rittermotiv, das sogleich den Minnegesang auf den Plan ruft, hinweist. Treffend mag auch dies die Situation des Dichters illustrieren – verleiht die Rüstung zwar einerseits Schutz, schränkt sie andererseits doch die Bewegungsfreiheit ein und trägt somit gleichwohl dazu bei, unsichtbar bis hin zum Verschwinden gebracht zu werden.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll abschließend, dass neuere deutsche Lyrik sich zunehmend dadurch auszeichnet, dass sie nicht ohne weiteres zugängig ist, sich dem Verstehensbegriff entzieht. Ist sie doch zugleich als Reflex einer zunehmend unübersichtlichen Weltlage und Chiffre derselben lesbar. Moderne Dichtkunst bietet insofern in der Regel keinen Trost mehr,  was die Grande Dame der deutschen Lyrik, Elisabeth Borchers (1926-2013), noch 2004 im Rahmen einer Lesung in Hamburg einforderte und wie wir es etwa von den Gedichten einer Rose Ausländer oder Marie-Louise Kaschnitz gewohnt sind. Doch: Keine Angst vor neuen Tönen, die Auseinandersetzung damit ist immer ein Gewinn!

 

© Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com    

 

Hier ist das Gedicht "selbstporträt mit bienenschwarm" von Jan Wagner mit einem Click einzusehen:  

https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article115449236/selbstportraet-mit-bienenschwarm.

 

Hier die Datei zum Herunterladen:

Herzlichen Glückwunsch Jan Wagner zum Büchner-Preis!
Jan Wagner.Preisverleihung.pdf
Adobe Acrobat Dokument 1.4 MB
0 Kommentare

Do

28

Sep

2017

Nachlese zum G20–Gipfel: Der Protest der Bürger – packend und bunt, kreativ und friedlich!

 

Was angesichts der Bilderflut über die Gewalt im Schanzenviertel unterging:

Bereits im Vorfeld, am 28. Juni, kam der unermüdliche 83-jährige Globalisierungskritiker Jean Ziegler ins Schauspielhaus, stellte die Legitimation des G20-Gipfels radikal infrage, erklärte dafür allein die UNO als zuständig. Zugleich appellierte er an den deutschen Rechtsstaat, der alle Mittel in der Hand hielte, die Strukturreformen, die es zur Veränderung einer „kannibalischen Wirtschaftsordnung“ bedürfe, durchzusetzen. Er müsse sie nur nutzen. Den beeindruckenden Auftakt bildete dann am Mittwoch vor dem Gipfel die Kunstaktion der 1000 Gestalten. Initiiert von der Künstlergruppe „das kollektiv“. In Lehm gehüllt, zunächst strauchelnd, buchstäblich am Boden, teils kriechend, gezeichnet von Resignation, Einsamkeit, Angst und Verzweiflung, vereinzelt und verloren. Grandiose Übersetzung der Kehrseite einer in erster Linie auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Globalisierung, wo der Einzelne zunehmend auf der Strecke zu bleiben droht. Bis die ersten ausbrechen. Sie helfen einander auf, trösten sich gegenseitig. Befreit schreien sie ihre Qual heraus, entledigen sich der mit Lehm verschmierten Klamotten. Bunte T-Shirts darunter. Erst jetzt offenbar werden sie sich plötzlich ihrer Schönheit und Kraft gewahr, jubeln, tanzen und spüren, dass ein jeder hier aufgefordert ist, Verantwortung zu übernehmen. Wir können nicht davon ausgehen, dass dieser Impuls von der Politik kommt, wir als Zivilgesellschaft sind gefordert, Veränderungen zu initiieren. In diesem Sinne hatten am 5. und 6. Juli auch 77 Organisationen und Initiativen aus über 20 Ländern zu einem „Gipfel für globale Solidarität“ in die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel geladen. Auf 11 Podien in mehr als 70 Workshops trafen sich dort über 2000 Besucher zum Austausch über politische Alternativen und Lösungswege. Den Höhepunkt bildete der Auftritt der Umweltaktivistin, ‚Hüterin des Saatguts‘ und Doktorin der Physik aus Indien, Vandana Shiva. In der Laeiszhalle lasen am 5. Juli beim Festival „Lesen ohne Atomstrom“ so bekannte Namen wie Renan Demirkan, Auma Obama, Schwester von Ex-US-Präsident Barack Obama, Günter Wallraff, Konstantin Wecker und viele mehr aus den Werken „Empört Euch!“ und „Engagiert Euch!“ von Stéphane Hessel, dem 2013 verstorbenen Résistance-Kämpfer und Überlebenden des Holocaust, zugleich Mitautor der UN-Menschenrechtserklärung von 1948. Zur selben Zeit gab es die Möglichkeit, im Hauptgebäude der Hamburger Universität an einem interreligiösen Friedensgebet mit Vertretern der Aleviten, Bahai, Buddhisten, Christen, Hindus, Juden und Muslime teilzunehmen. Von der chinesischen Xylophonistin Lin Chen musikalisch hochkarätig initiiert und begleitet. Beim anschließenden Empfang im Café Dell’Arte war Raum für Austausch und Gespräche. Am Freitag, 9. Juli, fand sich wiederum in der Barclaycard-Arena zu einem Konzert im Rahmen des Global Citizen Festivals eine Reihe internationaler Musiker aus Pop und Jazz zusammen, u.a. Shakira, Andreas Bourani, Coldplay und Herbert Grönemeyer, um für eine gerechtere Welt, gegen Armut und Hunger, anzuspielen.

Am Samstag, 8. Juli dann, Ökumenischer Gottesdienst des kirchlichen Bündnisses „global.gerecht.gestal†en“ in der bis zum letzten Platz gefüllten St. Katharinen-Kirche, wo in der Predigt deutliche Wort zu der zerstörerischen globalen Finanzpolitik fielen. Der anschließende Demonstrationszug „Hamburg zeigt Haltung“ mit Bischöfin Kirsten Fehrs an der Spitze sowie nach offiziellen Angaben 10 000 Teilnehmern führte den Hafen entlang bis hin zur Fischauktionshalle. Mit dabei: die Träger des angeblich 340 Meter langen Weltenschals, mit Applaus bejubelt, und immer wieder musikalische Einlagen, Blechbläser und Trommeln, die für gute Stimmung sorgten. Auf der Abschlusskundgebung sprachen unter anderem der New Yorker Bürgermeister, Demokrat und Trump-Kritiker Bill de Blasio und Gesine Schwan. Zahlenmäßig wurde das Ganze mit den über 80 000 Teilnehmern des Linksbündnisses auf der Reeperbahn noch getoppt.

Insgesamt waren es an die 100 000 Hamburger, darunter große und kleine Initiativen, die ihrem Protest gegen die Allmacht der Konzerne, Rüstungsexporte, Bildungsdefizite, gegen Hunger und Krieg friedlich und ideenreich Ausdruck verliehen haben. Von den Medien, bis auf wenige Ausnahmen, eher zögerlich während des Gipfels aufgegriffen und längst wieder in Vergessenheit geraten. Stattdessen beherrschen bis heute die Ausschreitungen im Schanzenviertel das Bild, emotional aufgeladen, Betroffenheit heischend. Der viel gerügte Schwarze Block ist laut Friedenspreisträgerin Carolin Emcke „ein dankbar angenommenes Bild“ mit der Funktion, von der eigentlichen Kritik abzulenken. Statt stichhaltiger Analyse der Vorfälle gibt es gegenseitige Schuldzuweisungen, die der Wahrheitsfindung wenig dienlich sind. Zahlenmäßig ist der Schwarze Block eine deutlich kleine Minderheit – gewaltbereite, teils kriminelle so genannte Revolutionstouristen, die nachweislich den Hauptteil der Gewalttaten zu verantworten hatten, mitgerechnet. Von der seitens einer beherzten jungen Hamburgerin ins Leben gerufenen Aktion „Hamburg räumt auf“, wo nach den Krawallen über achttausend Bürger das Zepter in die Hand nahmen, aufräumten und putzten, spricht im Nachhinein kaum noch jemand.

Wer allerdings, die historische Gunst der Stunde nutzend, unter den vielen friedlich Demonstrierenden war, die sich mit den Missständen nicht abfinden, sondern für ein menschliches globales Miteinander einstehen wollen, mochte ermutigt und bestärkt aus diesen Tagen hervorgehen. Könnte dies doch ein Auftakt sein, es dabei nicht zu belassen, sondern weiter gegen Unrecht, gegen Hunger, Leid, Ausbeutung und Krieg aufzustehen, immer wieder.

Erna R. Fanger und Hartmut Fanger

www.schreibfertig.com

mehr lesen 0 Kommentare

Sa

02

Sep

2017

Neu im September

Gedicht des Monats

September an der Nidda

Herrlich ist der Anblick heller Flüsse/Darin sich die dunklen Bäume spiegeln/Groß und schwankend, während fahle Blätter/Vielfach quer durch ihre Kronen schwimmen.//Welch ein klares Blau liegt dem zugrunde!/ Unbeirrbar zieht ein fernes Flugzeug/Eine weiße Spur, bis bunte Menschen/Sie kopfüberradelnd löschen. Herrlich.“                                                        Robert Gernhardt

mehr lesen 0 Kommentare

nichts leichter

 

vereinzelt noch tönen

ahorn, buche und birke

ihr rot, gelb und gold

schwebend zwischen

himmel und traum

verwischen die farben

nichts leichter als

 

sterben

Sommerende 

Während wir

geträumt haben

unter dem Brückenbogen

von Sonnenstrudeln 

und Lichtsalven#

wird Tee gereicht 

unter gestreiften Markisen

wo die Zeit unter dem 

Gewicht des Tages 

zum Erliegen kommt

und die Schwingen

                                                    des Sommers verstummt sind 

                                                    verkehren Engel und

                                                    Schimären wispern

                                                    Bäumen ihr Geheimnis

                                                    spielen Schatten leuchten 

                                                    stromabwärts

                                                    im Blattwerk fließen 

                                                    Sterne am Himmel

                                                    erster Vogelzug 'gen Süden    erf

 

 

Dezember wieder

ein Jahr das geht

an dunklen Nachmittagen

durch lichte Straßen

flanieren wir bange

Fragen versiegen

bei einer Tasse Tee

Stollen auch dabei

feiern wir das tolle Leben

Dezember wieder                                                                              

                                erf

 

                              

Schreibschule
Fernschule Kreatives Schreiben

5 Jahre  Schreibschule www.schreibfertig.com 

Fernschule
www.schreibfertig.com - Schreibschule
Schreibschule
Fernstudium

Hier geht's zum Angebot der Fernstudiengänge:

Wecke die Sehnsucht

Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern wecke in ihnen die Sehnsuch nach dem Meer.

Antoine de saint-Exuppéry

 

OFFENE SCHREIBGRUPPE

Hamburg /Seminar unter Aktuell

  - Kreatives Schreiben

  - Literarisches Schreiben

  - Autobiografisches Schreiben

  - Kreativitätstraining

Schreibwerkstatt Hamburg

Aktuell

- Schreibwerkstatt iin  Bergedorf -

  Haus im Park

- Offene Schreibgruppe

schreibfertig.com
www.schreibfertig.com

Den aktuellen Newsletter zur Ansicht hier:

Hier können Sie den aktuellen Newsletter

herunterladen:  

Newsletter Januar 2018
Newsletter01-18.pdf
Adobe Acrobat Dokument 1.1 MB

Vergangene Newsletter im  Archiv