Dr. Erna R. Fanger und Hartmut Fanger MA

Seit über 25 Jahren erfolgreiche Dozenten für Kreatives und Literarisches Schreiben, Fernschule, Seminare, Lektorat

 

www.schreibfertig.com: Aktuelle Buchtipps

Buchtipp Juli - August 2021

© Hartmut Fanger: Von den Wirrnissen um die Dracula-Legende

 

Dana Gricorcea: Die nicht sterben ,Penguin Verlag. München 2021

Wer kennt nicht Bram Stoker, den Schöpfer der Dracula Legende. Weniger bekannt ist hingegen dessen großes Vorbild ‚Vlad der Pfähler’. All diejenigen jedenfalls, die sich für den Drachen in seiner kulturhistorischen Bedeutung interessieren und dazu hin ein Faible für die das Tageslicht scheuenden und nur im Zwielicht der Dämmerung sich zeigenden Fledermäuse haben, werden an dem Roman von Dana Gricorcea ihre helle Freude haben. Der in Budapest geborenen Germanistin und Autorin gelingt es in 24 Kapiteln auf 259 Seiten nicht nur, die ‚Wirrnisse um die Dracula Legende so anschaulich wie plastisch vor Augen zu führen, sondern zugleich schreibgewandt blendend zu unterhalten und bis zur letzten Seite für Spannung mit erheblichem Gruselfaktor zu sorgen. 

Eine Autorin, die ihr Handwerk versteht. Wenige Worte benötigt sie, um uns in den abgelegenen, von Aberglauben und Vampirismus geprägten Ort mit dem Kürzel „B.“, in der Walachei, zu entführen. Nicht ausgespart werden dabei Spuren des Kommunismus unter dem ehemaligen Diktator Rumäniens Ceaușescu, geprägt von Korruption, Willkür und Unterdrückung. Eine Welt, archaisch anmutend, zugleich bizarr, die dabei so manche Grausamkeit offenbart. Und blutig geht es wahrlich zu bei Gricorcea, die, obschon in nüchternem Tenor, die Bewertung dem Leser überlassend, die grausamen Praktiken ‚Vlads des Pfählers’ zur Sprache bringt: von furchtbaren spätmittelalterlichen Schlachten, über tausendfaches Pfählen und Leichenschändung bis in die Gegenwart hinein. 

Nicht selten sind es Momente, die uns in eine Art Zwischenwelt, Grauzonen zwischen Realität und Fantasie, entführen, Augenblicke, die der rationalen Wahrnehmung entschlüpfen, schwer fassbar sind und uns erschauern lassen. Unvergleichlich, wenn zum Beispiel nach altem Brauch in uralten Gräbern gebuddelt wird, um die Reste von Knochen und kleinen Accessoires Neuverstorbenen zukommen zu lassen. Unheimlich wiederum, wenn die Ich-Erzählerin des Nachts erwacht und sämtliche Möbel, vom Schrank bis zum Spiegel, verrückt oder gar verschwunden sind, ebenso wenn sie sich im offenen Grab wälzt, dabei tierische Laute ausstößt, mit einem Mal fliegen kann und blutrünstig mit ihren Zähnen einen Rehbock erlegt. Surrealistische Szenen, in denen sich Wirklichkeit, Traum und Albtraum vermischen. Dem Leser erschließt sich dabei eine eigentümlich, eine unheimliche Welt, in der das Motiv des Vampirismus vom 15. Jahrhundert an bis in die Gegenwart den roten Faden bildet. Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag!   Archiv

Buchtipp des Monats Juli - August 2021

© Erna R. Fanger: Heimisch in Erinnerungen

 

Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München 2021

„So konnte ich alle Kälte überleben. Jeden Tag. Bis heute“ Leseprobe, lautet der letzte Satz des ersten Kapitels in dem 300 Seiten zählenden Buch von Helga Schuberts Leben in 29 Geschichten. Der Satz beschreibt präzise, was wir heute als Resilienz bezeichnen, also psychische Widerstandskraft gegen die niederschmetternden Härten des Lebens. Was es dazu bedarf, wird in besagtem Kapitel selbst deutlich. Es ist die Erinnerung an die wunderbaren langen Sommerferien bei der Großmutter, in der Hängematte zwischen zwei Apfelbäumen, den Duft nach warmem Streuselkuchen in der Nase. Diese Großmutter ist es auch, von der sie sich geliebt fühlt, im Gegensatz zur ablehnenden Mutter, die für das kleine Mädchen wenig übrighat. Der Vater ist im Krieg gefallen. Der erste Satz wiederum ist Programm: „Mein idealer Ort ist die Erinnerung“Leseprobe. Und entscheidende Erinnerungen finden sich auch gegen Schluss des Buches wieder, wo sich die Autorin, vier Jahre nach dem Tod der Mutter, erinnert, wofür sie ihr, über den Dank am Sterbebett hinaus, dass sie ihr das Leben geschenkt habe, des Weiteren dankbar sei. Und da kommt überraschend viel zusammen – etwa nach dem Motto Erich Kästners „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit“. Dies bildet die Klammer der hier erzählten Geschichten aus dem Leben Helga Schuberts in der ehemaligen DDR, die gleichsam ein Stück Zeitgeschichte transportieren. Und doch dreht sich letzten Endes alles immer wieder um das schwierige Verhältnis zur Mutter, die immerhin 101 Jahre alt geworden ist, ihrer Tochter somit eine lange Zeitspanne gewährt hat, sich daran abzuarbeiten. Dem kommt Helga Schubert, um Identität ringend, nahe, indem sie zum Beispiel Strategien entwickelt, ‚die Schatten hinter sich zu lassen‘. So notiert sie sich Sätze aus Lektüren, Zeilen von Gedichten oder Liedanfänge, die sie durch Zeiten der Mutlosigkeit und der Trauer tragen. Und „Warum schreiben“ – Kapitel, in dem sie, ausgehend von ihrer Liebe zum Altweibersommer, wo sie ‚endlich ausatmen kann, wie beim Schreiben‘, spielend leicht Zugang zu dem Thema findet und fragt, was Menschen veranlasse, eine Zeit lang alles hinter sich zu lassen, Freunde, Familie, Kollegen, um sich völlig von der Welt zurückzuziehen, in dem Vertrauen, dass sich im Zuge dessen eine Geschichte in ihm verdichte. „Woher kommt der Mut, diese schmale, wankende Brücke zu den Menschen, die am andern Ufer lärmen, zu bauen, diese Brücke ohne Geländer zu betreten und hoch über dem Abgrund zu balancieren, ganz allein?“ Leseprobe Wer schreibt, muss genau hinsehen, dem Erschrecken standhalten angesichts der Abgründe, an denen entlang sich menschliche Existenz hangelt, seien es die eigenen, seien es die der anderen. „Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen.“ Leseprobe

Wie Erinnerung sich vollzieht, in Fetzen und Fragmenten, offenbart sich auf kaum mehr als zwei Seiten im zweiten Kapitel, „Vom Leben innen“, wo neben Orte der Erinnerung, etwa an das Pathos der Mutter beim Singen an der Seite von Blauhemden der FDJ beim Weltjugendtreffen, Belange von Alltagsbewältigung platziert werden, wie ‚daran zu denken, beim Autofahren Gas zu geben, einen Wagen zu lenken‘. Dass davon, nicht wie in der Vorstellung, ganz unmittelbar ‚etwas abhänge‘. Zugleich reichen wenige Pinselstriche aus, die Einsamkeit der Fünfzehnjährigen nahezubringen, die, der Mutter von ihrem „Gefühl der Unwirklichkeit“ erzählend, von dieser der Schizophrenie verdächtigt wird. Über den Selbstmord eines Mitschülers tröstet sie sich mit Klavierspielen hinweg. Ein Jahr lang hatte die Mutter ihr den Unterricht bei einer Pianistin bezahlt, dies, nachdem diese ihr Talent bescheinigte, jedoch wieder eingestellt. 

Immer wieder zieht sich die Erinnerungsspur an die erfahrenen Verletzungen seitens der Mutter durch ihre Geschichten. Und war dies für die bemerkenswerte Professorin, Literaturwissenschaftlerin und Modetheoretikerin Barbara Vinken in Scobels Büchertalk ein entschiedenes No Go, sei dem entgegengehalten, dass es keine Seltenheit ist, dass mit fortschreitendem Alter oft lange unten gehaltene Erinnerungen an empfundenes Unrecht noch einmal an die Oberfläche gespült werden und bearbeitet werden wollen. Bestenfalls, um am Ende seinen Frieden damit zu machen. Und Letzteres ist Helga Schubert mit diesem Kleinod – einem ganzen Leben in lauter kurzen Geschichten – mit Bravour gelungen.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                               Archiv

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem dtv Verlag, München 2021

Buchtipp Juni - Juli 2021

© Erna R. Fanger  

Jahrzehnt im Grenzgang

 

Gabriele von Arnim: Das Leben ist ein vorübergehender Zustand, Rowohlt Verlag, Hamburg 2021

 

„Zehn Jahre lang sitzt die Angst mit am Tisch – oder ihre kleinen Cousinen Unruhe, Sorge, Bangigkeit sitzen neben mir auf dem Sofa, am Schreibtisch, sitzen mit mir am Herd, liegen mit mir im Bett.“ Leseprobe Was bewegt Leser:innen, sich auf die Spuren der intimsten Abgründe eines Schicksals zu begeben, vor dem man innerlich erschaudernd zurückweicht, was Autor:innen, ein solches mit anderen zu teilen, indem sie es öffentlich machen und erzählen. Frage, die an die Grundfeste der Funktion von Literatur rührt.  Und gemeinsam scheint Lesenden wie Schreibenden zu sein, dass sie die Absicht hegen, existenzielle Belange zu erhellen, ihnen auf den Grund zu gehen, genau hinzuschauen und für sich selbst mit jedem Buch die Frage neu zu beantworten und zu vertiefen, wie geht das überhaupt, Leben? Im Falle Gabriele von Arnims jüngstem Buch „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“, wie geht Leben an der Grenze dessen, was ein Mensch zu (er)tragen vermag. So, wenn der langjährige Ehemann im Zuge von Herzinfarkt und Schlaganfall in Folge innerhalb kürzester Zeit vom brillant-eloquenten Intellektuellen und Medienmann zum bettlägerigen Pflegefall mutiert. Geistig hellwach, körperlich versehrt, unfähig, sich zu artikulieren, ohne Aussicht auf Besserung, ist er von nun an vollkommen angewiesen auf die Hilfe anderer. 

Was es für die Autorin bedeutet hat, sich ein Jahrzehnt lang auf dessen Pflege einzulassen, lässt sie uns, nach dessen Tod dem Appell einer Freundin, „erzähl es“, folgend, mit diesem Buch – Art Lebens- und Sterbensbilanz – wissen. Was diesen Prozess auszeichnet, ist die Genauigkeit, ihre Ehrlichkeit, mit der sie sich an den Grund des Unsagbaren herantastet. Diesem Zustand zwischen Schmerz und Entsagung, zwischen Hoffen, Bangen, Resignation und Verzweiflung. Immer wieder aber auch sind es Glücksmomente, Humor und ihr unabdingbarer Sinn für Ästhetik, die sich als tragkräftig erweisen, tiefgreifender vielleicht, als in augenscheinlich weniger dramatischer Daseinskonstellation. Etwa ‚die betörende Sinnlichkeit eines üppigen Tulpenstraußes mit orangenen, roten oder weißen Blüten. Die Kelche geöffnet …‘  Und nicht zuletzt zeugt dieses Buch von der Kraft der vielen Lektüren, die hier einfließen und sich als Schutzwall erweisen. Als Schutzwall gegen das Bodenlose, dem wir in solcher Lage ausgeliefert scheinen. Da gibt es ‚Vordenker‘ wie der Mexikaner Oktavio Paz, den sie zitiert,  der Tod sei für Pariser, New Yorker oder Londoner „ein Wort, das man vermeidet, weil es die Lippen verbrennt“,  in Mexiko hingegen heißt es: „Wenn du mich töten willst, dann mit Küssen.“ Und es gibt Weggefährtinnen, wie die gleichfalls vom Verlust ihrer Lieben gezeichnete und darüber schreibende Joan Didion mit ihrem Credo „Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben“.  

Zu diesen zählt nicht zuletzt die englische Journalistin Elisabeth Tova Bailey, die ein gefährlicher, nicht identifizierbarer Virus über Jahre ans Bett fesselt, wobei ihr eine Schnecke, Mitbringsel einer Freundin auf einer Topfpflanze, zur treuen Begleiterin wird,  Trost und Verbundenheit gewährt. Als Schutzwall gegen das Unvermeidliche fungiert gleichwohl der gesamte kulturelle Echoraum, den Kunst jeden Genres uns offeriert, in dem Leiderfahrung in vielfacher Spiegelung seit Jahrtausenden gespeichert und ‚aufgehoben´ scheint. Dies impliziert eine Verbundenheit in der Bewältigung menschlicher Existenz mit Generationen vor uns, aus der wir Trost ziehen und Kraft schöpfen.

Die Schwierigkeit, sich über diese innere Bilanz von Arnims in einer Rezension zu äußern, besteht darin, dass alles, was es darüber zu sagen gibt, wiederum das ausschließt, was man darüber nicht sagt, dem jedoch ebenso viel Bedeutung gebührte. Denn das Leben im Grenzgang übersteigt geläufige Wahrnehmungs- und Deutungsmuster. Als Leser:innen wiederum werden wir Zeuge davon, wie es augenscheinlich eines solch ungeheuren Einschnitts bedurfte, dass die Ich-Erzählerin, unmittelbar vor diesem Zusammenbruch in Begriff, sich von ihrem Mann zu trennen, am Ende über besagtes Jahrzehnt schreibt, „Denn in all diesen elenden Jahren, in denen wir gekämpft, gelitten und gewütet haben, haben wir uns und einander auch mit neuer Innigkeit kennengelernt.“ Leseprobe Eine Freundin beteuert, sie möge ihn seither viel mehr, fühlte sich von ihm ‚ganz anders wahrgenommen‘. Über seine Todesstunde erfahren wir „Zwischen uns Stille, eine sanfte Stille und darin eine überraschende Harmonie, ein Einklang zwischen ihm und mir“Leseprobe, und vom Tod, der ihn dann ereilt hat: „Gekommen in dem Moment zarten Einklangs“ Leseprobe. Solch tröstlich anmutenden Abschied vernehmend, sind wir verlockt zu glauben, das alles habe letztlich seinen tieferen Sinn erfüllt und ein gutes Ende genommen – und hätten damit doch die ganze ungeheure Tragweite des Geschehens verfehlt. 

Handelt dies Buch im Kern von Schmerz und Leid, Tod und Vergänglichkeit, überstrahlt schließlich die Lebendigkeit des Erzählens alles, die fluide, sinnliche  Bildersprache, angereichert mit Referenzen auf Lektüren, Gedanken, Alltagsbeobachtungen, dem Nachsinnen über Schönheit und Sehnsüchte, Heiterkeit, Melancholie und Zärtlichkeit – am Ende ein Buch über die schiere Fülle des Lebens schlechthin.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag, Hamburg!              Archiv

Buchtipp des Monats Juni-Juli 2021 

 

© Erna R. Fanger  

Von der Wirkmacht der Imagination

 

Anna Baar: Nil, Wallstein Verlag, Göttingen 2021

Vergeblich sucht die Leser:in in Anna Baars drittem Buch, Nil, nach dem roten Faden, der so etwas wie einen Plot erkennen ließe. Und lesen wir im Feuilleton knappe Inhaltsangaben, ist nahezu einhellig, nicht zuletzt im Klappentext, von einer Geschichtenerfinder:indie Rede, die, beauftragt, von einem Frauenmagazin, eine Fortsetzungsstory schreibt. Im Text selbst hingegen vernehmen wir gleich im zweiten Absatz seitens der Ich-Stimme „Erkundigt sich einer nach meinem Beruf, sage ich bloß Erfinder, denn ich erfinde Geschichten …“ Leseprobe Dies wirft natürlich die Frage auf, ob es sich dabei nicht auch um einen Mann handeln könnte, die sich bis zum Schluss nicht eindeutig beantworten lässt. Wie überhaupt das ganze Buch als Großprojekt der Dekonstruktion von Identität angelegt zu sein scheint. Dabei manifestiert sich die bewährte, an Literatur gestellte Frage, wer sind wir, wo kommen wir her, wo gehen wir hin, sich beständig verschiebend, allein zwischen den Zeilen. Die Welt als Ganzes ist atomisiert und steuert zusehendes auf die Zerstörung ihrer eigenen Lebensgrundlagen zu. Der Einzelne findet darin keinen Halt, sich selbst allenfalls in brüchiger Identität wieder. Eben diese Gemengelage spiegelt Nilwider. Zugleich eine Suchbewegung, Erkenntnis über die Wahrheit unserer krisenhaften Existenz zu gewinnen. Hier mit den Mitteln der Literatur, die laut Baar in ihren erfundenen Momenten der Wahrheit näher ist als in den nur scheinbar authentischeren des Autobiografischen. Nil ist insofern in erster Linie ein Buch über das Schreiben, das Erzählen, denn „Wir werden unsere Geschichten nicht los, ob wir sie nun erzählen oder nicht, manchmal rutscht etwas davon heraus, mitten ins Schweigen hinein, in die stehengebliebene Zeit ...“ LeseprobeWas macht den Prozess des Schreibens aus, welche Perspektiven nehmen wir ein. Was passiert, wenn man sich, absichtslos, allein dem Erzählfluss hingibt. Was bewirkt es. Bewirkt es überhaupt etwas. Und welche Funktion kommt dabei der Fiktion zu. Nicht zuletzt fragt sich die Protagonist:in: „Ob man sich infiziert mit dem erfundenen Schicksal, indem man die Nase zu weit zwischen zwei Heftseiten steckt?“ Leseprobe Und als sie aufgefordert wird, die Fortsetzungsstory im Zuge von Leserbeschwerden zu Ende zu bringen, und sei es, dass sie das Paar, von dem sie handelt, ‚von der Klippe springen lässt‘, wird ihr dies zum Verhängnis – „denn wie es geschrieben stand, ging mir alles so nahe, als ginge es um mich, aber nicht rückwärtsgerichtet, nicht memoirenhaft aus dem Leben gegriffen, sondern wahrsagerisch, mitten ins Leben hinein. … Wer weiß, wo die Wahrheit beginnt und wo sie zu Ende ist?“LeseprobeRadikal wird des Weiteren das eigene Schreiben infrage gestellt. ‚Geschichten zu verbreiten sei kein Beruf, vielmehr eine Zumutung. Denn was der Schreibende im Stillen von sich gebe, komme’ „im Leser zum Klingen, und seine Wahrheit verblasst im Licht der fremden Erfindung.“ Leseprobe Über den Prozess des Schreibens weiß die Protagonist:in, in der Wir-Perspektive ansetzend, die in die Ich-Perspektive mündet: „Würden wir je so groß und geschickt, wie man es Kindern vorhersagt, wäre ich heute Dichter“. Leseprobe Bemerkenswert das „wie man es Kindern vorhersagt“, statt „wie man es Kindern nachsagt“. Stilistische Raffinesse, in der in Analogie zum Auflösungsprozess von Identität auch von sprachlicher Übereinkunft abgewichen wird. 

Szenen aus der Kindheit der Ich-Stimme, wo der Vater Zoodirektor ist, ein Krokodil abhanden kommt, verweben sich mit diversen Handlungssträngen. Überdies das immer wieder auftauchende Motiv einer Fotokabine, dazu angetan, darin zu verschwinden, wie das vermisste Krokodil – das Cover suggeriert es. Irritiert diese Diskurs-Vielfalt einerseits, offenbart die radikale Hingabe an den Schreibfluss umso überraschendere Perlen an poetischem Erkenntnisgewinn, deren Faszination die Leser:in in den Bann zieht. So etwa, wenn es heißt, dass ‚wäre sie heute Dichter’, dann „keiner von Rang und Namen, keiner, der nach Publikum schielt, um vor ihm auszustreuen, was er von der Liebe weiß oder von der Angst, oder, noch schlimmer, von sich, mehr ein stiller Bewahrer dessen, was ihn streift und umschwirrt.“Leseprobe Nicht zuletzt impliziert dies eben jene Absichtslosigkeit, unprätenziös und durchlässig für die Dinge des Lebens, was dem Schreiben den Atem des Lebendigen verleiht – zugleich Humus für stilistische Brillanz. Last but not least fährt sie fort: „Ich schriebe nicht für die andern – und nicht für die Nachwelt, gibt es denn eine? –, schließlich bleibt unbestimmbar, ob, was im Augenblick gilt, nicht binnen kurzem alle Gültigkeit verliert.“ Leseprobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Wallstein Verlag, Göttingen!

Buchtipp des Monats Juni 2021

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

„Forever Young“ – zum  Achtzigsten von Bob Dylan

Maik Brüggemeyert (Hrsg.): „Look Out Kid. Bob Dylans Lieder, unsere Geschichten“, Ullstein Buchverlag GmbH, Berlin 2021   

„Look Out Kid“, eine literarische Anthologie zum 80. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers, zugleich Hommage an den Songwriter und Dichter. Wie ein Musik-Album mit „Tracklistening“ durchkomponiert, erzählen zwanzig Autoren, inspiriert von zwanzig Bob Dylan Songs, zwanzig Geschichten auf 271 Seiten.  Dabei handelt es sich um so unterschiedliche zeitgenössische Musiker und Schriftsteller, wie Jan Brandt, Judtih Holofernes, Michael Köhlmeier und Benedikt Wells, um nur einige zu nennen. Auffallend, dass es sich dabei vornehmlich um jüngere Autoren handelt, die teils noch nicht einmal auf der Welt waren, als Bob Dylan seinen kometenhaften Aufstieg nahm.

 

Jeder Autor verbindet natürlich seine eigene Vorstellung mit der Person, der Musik und den Texten des Altmeisters, seine ureigene Geschichte,  woraus sich die vorliegende Story-Sammlung letzten Endes speist. Zusammengenommen erfahren wir hier jede Menge Zeitgeist! Plastisch scheinen anhand der Songs von Dylan vor allem die 60er, 70er und 80er Jahre auf. So spielt etwa Tom Kummer auf die Englandtournee Dylans 1966 an, kommen das sagenumwobene (angebliche) Konzert in der Royal Albert Hall und Dylans Griff zur elektrischen Gitarre zur Sprache, womit er sein Publikum schockte. Ebenso wird Dylans eindeutige Positionierung gegen Krieg und Rassismus im Hinblick auf prägende politische Ereignisse transparent. Gleichwohl mit Blick darauf bringt uns wiederum Knarf Rellöm die traurige Erkenntnis nahe, dass der grausame Tod des Schwarzen George Floyd durch einen weißen US-Polizisten aus jüngster Vergangenheit „eine unendliche Zahl von Vorgängern“ hat, was in so manchem Dylan-Song immer wieder Thema gewesen ist.  Doch fließen auch die Gegenwart der Pandemie und ihre Auswirkungen hier ein, wie bei Frank Schultz in seiner kunstvoll assoziierten Geschichte zu dem Song „Watching the River Flow“ während eines Ausflugs mit dem Rad an der Elbe.

  

Fesselnd, dabei rätselhaft, wie es ja auch den Liedern Dylans anhaftet, liest sich „Simple Twist of Fate“ von Marion Brasch, worin sie einzelne Motive des Songs in teils surrealistischer Manier zu einer schillernden Geschichte verwebt. Zugleich spiegelt die Anthologie all das wider, was uns an der Person Bob Dylans über seine Texte hinaus so in den Bann zieht. Und sei es die „Wildlederjacke mit zwei Knopfreihen – so wie Bob Dylan sie auf dem unscharfen Foto von Jerry Schatzberg trägt, das man auf dem Cover seines Album Blonde on Blonde sieht“, wie Maik Brüggemeyer es in „Fourth Time Around“ so schön vor Augen führt.  Wie Mode überhaupt nicht unwesentlich das Zeit-Colorit bestimmt, so von Teresa Präuer in „Man in the Long Black Coat“ nahegebracht. Und immer wieder werden Anekdoten erzählt, so bei Polly Roche & Eric Pfeil, wo Bob Dylan in dem Leichenwagen von Neil Young, mit dem er zum Einkaufen fuhr, geschlafen hat. 

 

Darüber hinaus kommt zur Sprache, was Scharen an Dynologen aus den Texten machen, teils streng wissenschaftlich, teils populärphilosophisch und nicht selten kritisch. So verbindet Christiane Rösinger in ihrem Beitrag über „Dont think twice, it’s alright“ das Ganze mit  ‚Erbsenzählerei’, wenn es heißt, dass mittlerweile bei Wikipedia selbst die Erwähnung von Hunden in Dylans Werk aufgelistet wird. Dies wiederum gemahnt an den wissenschaftlichen Umgang etwa mit Klassikern wie Goethe, wo in der großen Weimarer Ausgabe mittlerweile jeder Einkaufszettel gesammelt, textkritisch überprüft und mit einem Anhang  des Herausgebers publiziert wird. 

 

Doch verweilen wir noch ein wenig bei den Geschichten über die Lieder des Großmeisters und gehen mit Bernadette von Hengst in „Boots of Spanish Leather“ auf US-Tournee, nehmen an der Oscar-Verleihung von Julia Roberts in Stefan Kutzenbergers „Let it be me oder Notting Hill“ teil, bei der illustre Namen wie Hugh Grant, Richard Gere und Sting der Story zusätzlich Glanz verleihen, oder lesen bei Frank Goosen in „It’s alright Ma I’m only bleeding“ von den in den 70er Jahren  gängigen Generationen-Kämpfen, all den Vorurteilen der Älteren gegenüber den Jungen mit ihren langen Haaren und ihrer Hippie-Philosophie.

 

Ein Buch, das einfach Spaß macht, in dem man sich leicht wiederfinden kann und das neben Altbekanntem zahlreiche neue Aspekte zu dem Phänomen Bob Dylan beisteuert.  Unbedingt lesenswert!

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                                                           Archiv

Buchtipp des Monats Mai-Juni 2021 


© Hartmut Fanger                           Absurde Verwicklungen

Jochen Schmidt: Ich weiß noch, wie King Kong starb,Verlag C.H.Beck oHG, München 2021

Auf unvergleichliche Art führt uns Jochen Schmidt mit seinem Erzählband „Ich weiß noch, wie King Kong starb“ die Absurditäten im Leben eines Autors, Vaters und Sohns einer alles dominierenden Mutter vor Augen. Stets mit leichter Feder überspitzt, stets mit Sinn für Humor und Skurriles, Freude an ungewöhnlichen Formulierungen, womit er immer wieder für Überraschungen sorgt. Teils lose miteinander verwobene Erzählungen, die am Ende nahezu als Roman durchgehen. Mit auf den ersten Blick einfachen, harmlosen Begebenheiten, die sich, sehen wir näher hin, jedoch eher als alles andere entpuppen, zieht der Ich-Erzähler seine Leser in den Bann. So zum Beispiel, wenn er während einer Familienzusammenkunft bei den Eltern auf die Toilette flieht, jenem einzigen Raum, in dem keine Bücher stehen, stattdessen „drei Dutzend Putzmittelsorten.“ Nur dort vermag er ‚ein bisschen zu sich zu finden’. Oder die Angst vor dem 10-Meter-Turm des indessen bald Mittvierzigers, selbstgestecktes, bislang verpasstes Ziel, das er mit Hilfe teils absurder Gedankengänge immer wieder hinauszuzögern versteht: „Dann bin ich tatsächlich oben, obwohl ich lieber noch weiter Leitern hochgestiegen wäre, denn jetzt rückt der Moment immer näher.“

Bemerkenswert die so ernüchternden wie wenig rühmlichen Erlebnisse eines Autors, der für sein Buch auf Tour geht, gehen muss. In Kauf zu nehmen sind neben langen Anfahrtswegen in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf denen er seine zum Verkauf angebotenen Bücher selbst transportieren muss, das Nächtigen in heruntergekommenen Pensionen, eine besserwisserische Hörerschaft  in einem ehemaligen, zum Kulturzentrum umfunktionierten Schlachthof. Von der verzweifelten Aktion, mit seinen Büchern in einer Buchhandlung präsentiert zu werden, um eine ‚Lücke’ zu füllen, ganz zu schweigen. Insbesondere k-misch und nicht minder kritisch wird es, wenn die Deutsche Bundesbahn mit ihren Zügen als „Stehplatzhotel“ aufs Korn genommen wird. Etliche  Schwarzweißbilder wiederum illustrieren die Reise nach Budapest mit David Wagner. Selbst dort ist der Allerweltname Jochen Schmidt offenbar nicht selten, so dass ihm im Zuge einer Verwechslung ein Buch über Pina Bausch, das er nicht verfasst hat, zum Signieren vorgelegt wird.  

Köstlich nicht zuletzt Plaudereien aus dem Nähkästchen, etwa über den weltabgewandten Proust, wie aus der Feder von dessen Haushälterin Céleste Albaret zu vernehmen, der ‚nachts arbeiten und tagsüber schlafen musste’, panische Angst vor Staub und Mikroben hatte, oder wenn der Ich-Erzähler in der Hauptfigur aus Gontscharows „Oblomow“ weniger den sprichwörtlich faulen Nichtstuer als vielmehr den ‚sympathischen Hypersensiblen’ sieht. Alles in allem ein Feuerwerk an Ideen, an heiteren Episoden und zum Nachdenken anregenden Momentaufnahmen. So leichte wie tiefgründige Lektüre, gerade richtig für die anstehenden Sommertage.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck!

Buchtipp des Monats April - Mai 2021

© Erna R. Fanger 

Corona-Lockdown – „Pantherzeit“ – Vorboten einer neuen Zukunft

Am 28. Dezember 2020 startete auf NDR Kultur die neunteilige Lesung aus dem noch unveröffentlichten Manuskript von Maria Bodrožić , das diesen Februar unter dem Titel Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge im Otto Müller Verlag, Salzburg, erschienen ist. 

 

Einer muss den langen Atem haben

Warum Pantherzeit. Es war für die heute in Berlin lebende, aus Kroatien stammende Autorin eine Eingebung, die sie traf wie ein Blitz, sie Rilke aus dem Regal ziehen ließ, um sich das berühmte Gedicht noch einmal zu Gemüte zu führen:  

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, dass er nichts mehr hält. 
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe 
und hinter tausend Stäben keine Welt. 

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 
der sich im allerkleinsten Kreise dreht, 
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, 
in der betäubt ein großer Wille steht. 

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille 
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein, 
geht durch der Glieder angespannte Stille – 
und hört im Herzen auf zu sein. 

Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris 

Die Relektüre des Gedichts im Kontext der Pandemie beschreibt Bodrožićals ‚starken Moment’, der die folgende Zeit ‚vorweggenommen hätte’, und las es fortan zwei Monate lang mit ihren Nachbar:innen des großen gemeinschaftlichen Wohnprojekts, in dem sie mit Mann und kleiner Tochter lebt, abwechselnd auf dem Balkon. „Durch die Gitterstäbe auf die Welt hinauszusehen, macht die Welt sehr klar und deutlich.“ Im Zuge dessen ist ihr zugleich aber auch bewusst geworden, wie viel Grund sie hat, dankbar zu sein – „das war eine große Erfahrung“. Und haben am Anfang noch viele mitgemacht, war sie zum Schluss mit ihrem Mann allein, es weiterhin allabendlich zu rezitieren: „Einer muss den langen Atem haben und etwas durchschreiten.“

 

Vom Innenmaß der Dinge

Anknüpfend an die Vorstellung der spanischen Nonne Teresa von Avila (1515-1582), dass die menschliche Seele einer inneren Burg mit vielen Zimmern entspräche, habe sie „diese Zimmer schreibend abgeklopft“. Darunter ‚das Zimmer der Schmerzen, das der Biografie, der eigenen Verfasstheit genauso wie das Zimmer der äußeren Welt, etwa der Ökonomie, des Kapitals, aber auch das Zimmer der inneren und der äußeren Zeit’, um nur einige hier festzuhalten. Und wie von vielen zu vernehmen, erlebt sie den ersten Lockdown als ‚ganz großen Spiegel’ und Brennglas zugleich, in dem Abgründigkeit und Unvermögen menschlichen Verhaltens umso schärfer zutage treten. Zwingend macht es deutlich, wie grundlegend es zu hinterfragen ist. Eben dies tut Bodrožić im Zuge ihrer poetischen Bestandsaufnahme, einer Art Introspektion über den Zustand der Welt.

 

Was wir verpassen, wenn wir das Alte zurückersehnen

Angesichts gerade jetzt des Entstehens der Möglichkeit einer neuen Zukunft wird Bodrožićumso mehr bewusst, was sie nicht will, nämlich „dass die alte Mentalität der Ellenbogen und Gleichgültigkeit zurückkehrt“. Mehr als das Neue ängstigt sie das Alte. Ebenso wie allein der Gedanke daran, dass nach dem Lockdown ‚die Autos mit ihrem Krach und Gestank die Stadt wieder an sich reißen und die währenddessen erlebte Stille vergessen machen’, sie mit Trauer erfüllt. Wer nur das sucht, was er kennt, dem ist die Sicht neuer Wirklichkeitsbilder versperrt, eindrucksvoll dokumentiert von dem Begründer des alternativen Nobelpreises Jakob von Uexküll. Der fand, zu Gastbei einem Freund, täglich zum Mittagessen einen irdenen Wasserkrug an seinem Platz vor, den der Diener eines Tages zerbrach und ihm stattdessen eine Glaskaraffe hinstellte. Beim Essen suchte er nach dem Krug, sah die Glaskaraffe nicht. Erst nachdem man ihn ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht hatte, war er in der Lage, sie wahrzunehmen. Solange uns alte Denk- und Sehgewohnheiten nicht bewusst sind, hindern Sie uns nicht selten daran, das Neue, das längst in die Welt drängt, in Augenschein zu nehmen. „Vielleicht“, so Bodrožić, „ist der wichtigste Aspekt dabei, dass das, was vor uns erscheint, zunächst geistig ist ..., das uns seelische Fingerkuppen und geistige Sehkraft, Vorauskraft gleichermaßen abverlangt.“ Vorausgesetzt, wir sind offen dafür. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Otto Müller Verlag!

Buchtipp des Monats April - Mai 2021

© Hartmut Fanger 

Wenn sich alles ändert ...                                                                                                                                                                                                                                            

Matthias Jügler: „Die Verlassenen“Penguin-Verlag, München 2021

Matthias Jügler, 1984 in Halle geboren und Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, zeigt in seinem 169 Seiten und 24 Kapitel umfassenden Roman „Die Verlassenen“, dass er, wie schon in seinem Debut „Raubfischen“ (2015), mit allem Wasser gewaschen in der Lage ist, tiefgreifende Prosa zu verfassen, die, mit leiser Stimme erzählt, dennoch spannend zu lesen ist, zugleich nachdenklich stimmt. 

Schwerpunkt diesmal das Geheimnis um das Verschwinden des schriftstellernden Vaters, der seinen Sohn ohne ein Wort verlässt. Erst Jahre später erfährt der nach dem frühen Tod der Mutter bei seiner Großmutter untergebrachte Protagonist und Ich-Erzähler Johannes Köhler, was es damit auf sich hatte. Als nämlich seine Großmutter stirbt, stößt er auf einen Brief seines Vaters, der fortan sein Leben und seinen eigenen Blick darauf von Grund auf verändert. 

Anrührend die Erinnerungen an den Vater, der als Schriftsteller in dem totalitären System der DDR ins Visier der Stasi gerät und deshalb Lesungen allenfalls im mehr oder weniger privaten Kreis abhält. Während seiner Hochzeitsreise fühlt er sich in Rumänen verfolgt. Nicht ohne Grund, wie sich herausstellen sollte. Verheerend der Moment, wo der heranwachsende Johannes das Manuskript seines Vaters und damit vier Jahre Arbeit vernichtet, ohne zu wissen, was er tut. Anrührend auch, wie der junge Johannes sich von allen verlassen, wie Robinson Crusoe fühlt, einen Schrebergarten renoviert, den Garten wiederherstellt und ein Einsiedlerleben versucht. Unschwer lassen sich hier Referenzen an Ulrich Plenzdorfs Helden Edgar Wibeau von „Die neuen Leiden des jungen W.“ ausmachen, der sich in Rebellion gegen das Kleinbürgertum DDR und aus Liebeskummer gleichfalls im Gartenhaus eines Schrebergarten verschanzt und als Sohn einer Alleinerziehenden Mutter mit dem abwesenden Vater hadert.

Packend die Ausführungen über die Stasiunterlagen aus den Jahren 1981 bis 1988 im zweiten Drittel des Romans, die authentisch die Bespitzelung der einstigen DDR-Bürger mit Hilfe von Beobachtungsberichten des IMS (Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit) und Fotos vor Augen führen. Vom Ich-Erzähler auf der Busfahrt nach Lyngdal in Norwegen eingesehen. Eine Reise, die ihm genügend Distanz ermöglicht, um all das zu verarbeiten, was besagter Brief und die Folgen seiner eigenen Recherche in ihm aufgewühlt haben und wo sich manches anders darstellte, als er selbst es erlebt hat.  

Das Ganze im Ton so warmherzig wie präzise, ein lesenswerter Roman, den wir nur empfehlen können. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

Unser herzlicher Dank für das Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag! 

Buchtipp des Monats März 2021 

  © Hartmut Fanger

Menschenaffen – unsere Brüder

T.C. Boyle. "Sprich mit mir"

Roman, Hanser Verlag GmbH & Co KG, München 2021

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren“

 

Das Ganze spielt in einer Zeit des großen Linguisten-streits über die Frage, inwieweit Affen sprechen lernen, sich zumindest in Gebärdensprache ausdrücken können. Laut dem bekannten, ganz realen Linguisten Chomsky war das Anfang der Siebziger der Forschung ein Dorn im Auge und wurde schlichtweg negiert – und dies, obwohl auf dem Gebiet schon einige Erfolge zu verzeichnen waren. Zumindest weisen die Versuchsreihen im Hinblick auf die Evolution verbaler Kommunikation stark darauf hin. So auch für die Protagonisten des Romans, Professor Guy Schermerhorn und seine Assistentin Aimiee. Der von ihnen betreute Schimpanse Sam erschien ihnen zu allem hin menschlich, galt gar als Familienmitglied. Finanziert wurde ihre Forschungsarbeit von Fördermitteln. Bis Big Boss Moncrieff in Erscheinung tritt, dem Sam gehört und der ihn wieder in Besitz nimmt, um ihn in einen Käfig zu sperren. Von nun an ist das Leben Sams ein völlig anderes, von Angst und Schmerz und ihn umgebender Dunkelheit geprägt. Bis wiederum Aimee ihn auf abenteuerliche Weise befreit. Doch dies Glück ist nicht von Dauer ... 

Dabei wartet Boyle mit jeder Menge weiterer spektakulärer szenischer Darstelllungen auf. Sei es, wenn von der Teilnahme Sams an der Fernsehrateshow „Sag die Wahrheit“  oder von dessen Taufe die Rede ist. Frappierend nicht zuletzt der Kontrast zwischen einem liebevollen, empathischen Umgang mit dem Tier und der Tatsache, dass Tiere juristisch bis heute als Sache definiert werden. 

Wir erleben einerseits den Boyle, den wir schon immer gern gelesen haben, mit witzigen Einfällen und farbigen Schilderungen, exzellenter Recherche und dem unverkennbar lockeren Schreibstil. Andererseits bringt er diesmal wirklich grausame Wahrheiten zur Sprache, indem er ungeschminkt aufzeigt, wie es Tieren ergeht, die zu Forschungszwecken missbraucht werden. Nichtsdestotrotz ein Muss für alle Boyle-Fans. Stehen am Ende – auch wenn dies traurig anmutet – doch Empathie gegenüber der Tierwelt, Umwelt-Engagement und Lust am Text im VordergrundNachhaltig beeindruckend Boyles Versuch, sich in das Denken eines Schimpansen hineinzuversetzen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser Verlag!

Buchtipp des Monats Februar-März 2021

©  Erna R. Fanger 

Arge Geschichten

Wiener Jugend in den 10er Jahren

Stefanie Sargnagel: "Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin“.Rowohlt Verlag, Hamburg 2020“ 

Erinnert werden hier „Arge Geschichten“, erlebt zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr, wie seitens Sargnagels im den Aufzeichnungen vorangestellten „Nicht Prolog“ zu vernehmen. Geschichten, die damit beginnen, dass Sarah, die Neue in der Klasse, in das Leben der Ich-Erzählerin tritt. Letztere hat in der Schule keine guten Karten, weder bei den Lehrern, noch bei den Schülern. Besteht sie doch darauf, ‚ihre Gedanken zu äußern, und ist damit so gut wie allein’. In Sarah hingegen ist sie auf eine verlässliche Verbündete gestoßen, mit der gemeinsam sie die leidlichen Schulstunden, wann immer es irgend geht, schwänzt, im Übrigen ‚durch dick und dünn geht’. Abgehängt wird in Parks, Kneipen und Bars. Dort, wo sich all diejenigen einfinden, die nicht mit dem Strom schwimmen. Darunter Künstler und Intellektuelle ebenso wie Gestrandete aller Art, Exzentriker, Junkies, Alkoholiker, Psychos, Bettler ... Eine bunte Crew von Underdogs, die ihrem eigenen Verhaltenscodex folgt, getragen von teils rührender gegenseitiger Fürsorge, zugleich aber auch gepeinigt von Zusammen- und Gewaltausbrüchen. Geprägt von manch spannender Begegnung, erleben die Freundinnen etliche Abenteuer. Im Zentrum die Beziehung zu dem Aids kranken Michi – genialer Kopf, obschon rettungslos verloren, in dessen Wohnung man gleichfalls Zuflucht findet, sich gemeinsam die Zeit vertreibt. „So ein Tag fühlte sich für mich sinnvoller und richtiger an als jeder Schulbesuch. Michi war mein Lehrer und ich seine Auszubildende.“ LeseprobeSchließlich geht es darum, die Welt zu verändern, um Revolution. Auf der letzten Seite das Foto mit dem Porträt eines rauchenden jungen Mannes mit Hut, darunter „Zur Erinnerung an Michi (1963-2014)“. Somit sind die ‚Aufzeichnungen einer Tagediebin’ auch als Erinnerungsbuch an ihn lesbar.

Frappierend die Mischung aus Verlorenheit, Wut, Lebensgier, Überdruss und zärtlichem Miteinander, die diese Gemeinschaft von Außenseitern zusammenhält. In einem jedoch sind sich deren Mitglieder unausgesprochen einig: Der Rahmen des Erfahrungsraums im normierten gesellschaftlichen Miteinander ist eng gesteckt und lässt nur zu, was diesen nicht überschreitet, womit die Möglichkeiten, sich dort mit seinem ungeschmälerten vitalen Potenzial einzubringen, gering sind. Für Freigeister und Künstlerseelen, Exzentriker aller Couleur mit ihrem unverbrauchten Freiheitsdrang und Erlebnishunger eine Art Vorhölle der Langeweile. Was sie wiederum an sozialer Sicherheit, Wohlstand und Prestige einbüßen, gewinnen sie mit Glück an ursprünglicher Echt-Welt-Erfahrung – Gegengewicht zu den vergleichsweise schalen Versprechungen sinnfreien Konsumententums. 

Und das Glück ist dem Freundinnenpaar bei all den ‚argen Geschichten’, in die sie nicht selten geraten, schließlich doch immer wieder hold. So etwa auf der Klassenreise durch Irland, wo sie nachts aus dem Fenster ihres Herbergszimmers steigen. Alle Pubs geschlossen, sichten sie auf einem Parkplatz ein Auto mit „drei Typen“. Prompt sprechen die beiden Freundinnen sie an und steigen dann zu den wildfremden jungen Männern, Grafikdesigner aus Lettland und Litauen, ins Auto zu einer Art Spritztour zum Killarney Lake, wo sie mit ihnen paradiesisch anmutende Stunden verbringen, Haschpfeifchen gereicht bekommen:

"Sie pflückten Sarah und mir jeweils ein kleines Blumensträußchen. Der Nachthimmel war voller Sterne, und sie gaben sich alle Mühe, uns zum Lachen zu bringen. Kurz vor eins fuhren sie uns wieder in die Herberge zurück. Sie schenkten uns ihre letzten Zigaretten ... Am nächsten Tag  erschien das Ganze wie ein Traum." Leseprobe

Doch nicht jedem in ihrer Clique ist solch’ Glück vergönnt. So mancher unter ihnen hat Pech und kommt in noch jungen Jahren unter die Räder. Wie Michi, dem mit diesem Buch ein berührendes Denkmal gesetzt wurde.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag, Hamburg 2020                                                                                                Archiv 

©  Erna R. Fanger 

Wenn aus Freundschaft Liebe wird

Lia Louis: "Jedes Jahr im JuniPenguin Verlag, München2021 

Wen jetzt die Lust auf Sommer und Leichtigkeit, Liebe, Sehnsucht und Abenteuer überkommt, braucht sich nicht zu grämen. Denn in dem Maaß wie Corona dies derzeit verwehren mag, gewährt es uns mittels Lektüren wiederum imaginäre Räume, in denen wir schadlos unseren Leidenschaften huldigen, ja von der damit einhergehenden kathartischen Wirkung noch profitieren können. 

„Jedes Jahr im Juni“, romantische Liebesgeschichte par excellence, hat ihren Ursprung darin, dass die damals 16jährige High-School-Absolventin und Ich-Erzählerin Emmie am 1. Juli 2004 anlässlich eines Schulfests einen Luftballon mit ihrer Adresse in den Himmel steigen lässt und tatsächlich Antwort erhält. Und zwar von Lucas Moreau aus Frankreich, woraus eine langjährige Freundschaft erwächst. Zumindest für Lucas scheint dies so zu sein. Emmie indessen ist seit der ersten Begegnung in ihn verliebt, wagt aber nicht, ihm ihre Gefühle einzugestehen. Treffen tun sie sich ein Mal im Jahr, immer im Juni zur Feier ihrer Geburtstage. Und immer hat Lucas ein Geschenk für sie, womit er jedes Mal ins Schwarze trifft. Und jedes Mal ist Emmie überglücklich. Danach trennt man sich wieder. So ziehen die Jahre ins Land. Doch diesmal, 14 Jahre nach ihrem ersten Treffen, wo sie ihrer beider 30. Geburtstag feiern, sollte das Blatt sich wenden. Als Lucas Anstalten macht, ihr etwas Wichtiges mitzuteilen, scheint für die erwartungsfrohe Emmie das Glück perfekt.

Aber dann wäre keine Liebesgeschichte daraus geworden. Aus glücklicher Liebe erwachsen keine Romane. Vielmehr verdanken sich die großen Liebesgeschichten, wie auch hier, ihrem Scheitern. Letzteres, gleich zu Beginn groß angelegt, erweist sich hingegen im Zuge der Lektüre als regelrechter Trigger für einen so quicklebendigen wie facettenreichen Plot, der mit einem regelrechten Füllhorn an Erinnerungen und Episoden aufwartet, schließlich alles schüttelt, rührt und wendet, um am Ende, nach dem Passieren des Tals der Tränen, in einem fulminanten Happy End zu kulminieren. Packend geschrieben, leichte Lektüre und perfekte Wegzehrung für kleine Fluchten in Zeiten wie diese.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag!

Dezember 2020 - Januar 2021            

  ©  Erna R. Fanger 

 Virtuos & Wortgewaltig 

 

Gerhard Stadelmaier: „Don Giovanni fährt Taxi. Novelletten",klöpfer.narr, Tübingen 2020

 

Gleich mit der Widmung zu Beginn „den Klaviergeistern aus Schumanns op. 21, mit Dank auch an Max Frisch, Marina Zwetajewa, William Shakespeare, Lorenzo da Ponte, Patrick Süskind – und alle unerhörten Frauen“, wird hier ein beachtlicher Referenzraum eröffnet. Der von Robert Schumann geprägte Gattungsbegriff verdankt sich im Übrigen dessen Intention, in seinen Klavierstücken „größere zusammenhängende abenteuerliche Geschichten“ zu erzählen, die er dann als Novelletten bezeichnete. Nicht selten hat Schumann diese mit Präambeln versehen, etwa einem Zitat aus Shakespeares Macbeth oder Versen aus Goethes West-östlichem Divan und damit einmal mehr eine Brücke zu Literaturen geschlagen, eine Brücke, die sich hier auch wiederum in umgekehrter Folge Stadelmaier zu eigen gemacht hat, indem er etwa, wie oben zu entnehmen, in sechs „Intermezzi“ von insgesamt 15 Novelletten auf Schumanns ‚Klaviergeister aus Op. 21‘ Bezug nimmt. 

Dieser Erzählband des so gefürchteten wie legendären Theaterkritikers, einer der Letzten seiner Zunft in der Tradition eines Alfred Kerr, versammelt hier Geschichten von immenser erzählerischer Wucht und ausgesprochener „Lust am Text“. „Hier steh ich nun, ich kann nicht anders“ – das berühmte Lutherwort möchte man auch Stadelmaier in den Mund legen. Der wiederum kann nicht anders, als die Welt als Bühne zu betrachten. Das Repertoire der Bühnenklassiker hat er sozusagen inhaliert und verwebt die Konflikte seiner Figuren nicht selten mit deren Helden. Schon gleich in der Titel gebenden Geschichte „Don Giovanni fährt Taxi“ fällt dies ins Auge. Dieser Taxifahrer, der seinen Gast zu den Weisen besagter Mozartoper fährt, weiß nicht nur über Oper und Sänger in Ost und West bestens Bescheid, sondern ist auch philosophisch bewandert. Ebenso weiß er, was er nicht (mehr) will und auch sonst Bescheid. So hat er zum Beispiel begriffen, wie schnell man an Dingen festhält, ja dran kleben bleibt. Vor allem an der Liebe. Mit all dem „Schmutz und Schmerz“, den ganzen Scherereien. Nach zwei Ehen Schluss damit. Er kauft sich fortan Liebe, bezahlt dafür. In Art Endlostiraden von martialischer Energie gibt er seine Sicht auf das Leben zum Besten. Vorher ‚Ehedepp im Beziehungsschmutz‘, frönt er jetzt der „Reinheit“, ist „der zärtlichste Mann von der Welt“, kniet auch schon mal vor einer Schönen, innerlich, und zitiert 

 

aus dem Hohelied. Und für ihre Dienste großzügig bezahlend, liegt er „marktwirtschaftlich wie erotisch … hundertfünfzigprozentigrichtig“. Diesem Art Innerem Monolog eines durchgeknallten Taxifahres zu folgen, dabei im Geiste besagten eingeblendeten Opernklängen – der Text in Kursivschrift in Klammern integriert – zu lauschen, ist ein derb-saftiger Lesespaß, der einen unwiderstehlichen Sog ausübt. Und nicht nur bei dieser Geschichte kann man dem Autor nur beipflichten: „Wenn man in der Wirklichkeit die Augen auf macht und die Ohren spitzt vor allem, dann erlebt man seltsame und tolle Dinge.“ 

Stark in „Intermezzo II: Fürchtenmachen“ (Kinderszene)gleich der erste Satz: „Da vorne steht es und reißt sein schwarzlackiertes Maul auf wie ein gefräßiges Raubtier“ und damit auf den Punkt gebracht, wie die Klavierschülerin sich kurz vor dem Auftritt vor Publikum fühlt. Nämlich wie „Häppchen roher Mensch, ein Häufchen Kind.“ Da mutieren die Tasten zu scharfen Zähnen eines riesen Mauls, in das hinein es seine Finger legen muss. Und das vor Eltern, Geschwistern, Großeltern. Und das kleine Mädchen mit ihrer Bach-Mottete vor dem Ich-Erzähler, zugleich Leidensgenossen an der Reihe, wird dann auch vom Klaviermaul geschnappt und verschlungen. Die Tränen schluckt es hinunter. Nicht so der Ich-Erzähler, der den ersten Akkord aus Schumanns „Kinderszenen“ lediglich anschlägt, bewundernd den Klängen lauscht und dann zum Entsetzen des erwartungsvollen Musiklehrers die Hände im Maul des Untiers ruhen lässt. Die ganze „Kinderszene“ von erfrischender Vitalität, rübergebracht mit Empathie für die kleinen Opfer der Musikpädagogik, denen der Protagonist hier ein echtes Schnippchen geschlagen hat.

Ein Glanzstück an Empathie wiederum ist „Dorf und Depp“. Als Rondo angelegt, dessen Ausgangspunkt der Tod des hier Porträtierten ist, von wo aus dessen Lebensgeschichte aufgerollt wird, eingebettet in die skurril anmutende Dorfgemeinschaft. Auch hier im großen Stil die Ouvertüre, die am Ende auch den Schluss bildet: „Als sie ihn fanden, lag er da wie ein großes Insekt. Das Gesicht gegen den Ackerboden gedrückt. Arme und Beine weit von sich gestreckt. Er hatte sich wohl im Fallen noch abstützen wollen.“ (Leseprobe) Das im Folgenden geschilderte Dorf-Ambiente mutet kafkaesk an. Etwa die Hütte, die zugleich als Vereinsheim, Wirtsstube und Gesellschaftshaus fungiert, gelegen am Rand eines Teichs inmitten von Feldern und umgeben von „kleineren, durch Zäune voneinander getrennten Parzellen … , in denen Ziegen, Schweine, Ponys, Hasen … gehalten wurden.“ (Leseprobe). Gezeugt im Suff von seinen noch jungen Eltern, die wie etliche Dorfbewohnerim Übrigen eng miteinander verwandt sind, hat Dorfdepp Wilhelm, halbblind und nicht ganz richtig im Kopf, sein Geld durch spontane Gesänge verdient. Nicht über fünf Töne hinausgehend, wohnte diesen nichtsdestotrotz oder gerade deshalb eine verführerische Magie nach Art von Schamanen inne, wie er auch stets mit seinem Gesang dort zugegen war, wo jemand das zeitliche segnete.Erzählerischer Höhepunkt ist hier ein Brötchenkauf am Sonntagmorgen, wo zwischen dem Minuten dauernden Hervorbringen seines Anliegens und der endlosen Inanspruchnahme von Zeit, die abgezählten Münzen auf den Zahlteller am Tresen zu legen – indessen hatten sich lange Schlangen gebildet – dies sowohl von der Verkäuferin als auch der Dorfgemeinschaft mit stoischer, dabei freundlich-wohlwollender Geduld hingenommen wird.  

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt kloepfer.narr in Tübingen.

Buchtipp des Monats 


November-Dezember 2020     

  ©  Erna R. Fanger 

 „Körrt Switters“ – Avantgarde-Künstler und Migrant

Ulrike Draesner: „Schwitters",Penguin Verlag, München 2020 

Draesners „Schwitters“ – Art Künstlerroman von 471 Seiten – ist ein durchweg mimetisches literarisches Unterfangen. Und zwar im so konkreten wie komplexen Sinne von Mimesis als „sich ähnlich machen“, „zur Darstellung bringen“, „ausdrücken“, „vorahnen“*. „Schwitters“ beruht zweifellos auf historischen Fakten. Draesner greift sie reichlich auf und bestens recherchiert. Doch weit darüber hinaus kommt ihre Annäherung an die Figur dieses Ausnahmekünstlers einer Anverwandlung seiner Person sowie dessen dadaistischer Verfahren gleich. Deren Merkmal wiederum ist die Dekonstruktion bestehender Wirklichkeit und damit Revolte gegen konventionelle Kunst und Politik schlechthin. Nicht zuletzt Antwort auf die Zerstörung von Sinn und Werten im Zuge des Ersten Weltkriegs. So gesehen, ist dies opulente Werk über den von den Nazis als „entartet“ abgestempelten und verfolgten Avantgarde-Künstler ein genialer Wurf. Befeuert vom lebendigen Erkenntnisinteresse Draesners an der Figur Schwitters, der heute – nahezu vergessen – als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler der Avantgarde des 20. Jahrhunderts gilt. Verbindet man ihn hierzulande meist allenfalls mit dem Dada-Gedicht par excellence „Anna Blume“, hat sich Draesner eher dem bildenden Künstler Schwitters gewidmet, als der er im englischen Exil offenbar deutlich stärker wahrgenommen wurde als in Deutschland. Dabei nähert sich Draesner, aus verschiedenen Perspektiven erzählend und mit einem gehörigen Maaß an Empathie, nicht nur Schwitters, sondern auch dessen Frau Helma, die bis zu ihrem Tod dafür sorgte, dass sein Werk dem Zugriff der Gestapo entging. Später erfahren wir die hier erzählte Geschichte aus der Sicht der Londoner Geliebten, Edith »Wantee« Thomas, die sich um den von Flucht und Lager gesundheitlich schwer angeschlagenen und geschwächten „Körrt“ rührend kümmerte, woraus eine tiefe Liebe erwuchs, die ihm noch einmal so etwas wie ‚den Zauber des Anfangs’ beschert hat. 

 Draesners fantasievolle, aus der genauen Kenntnis des Werks Schwitters’ gespeiste und empathische Anverwandlung setzt der Verlag wiederum in dem ästhetisch bemerkenswerten Buchumschlag um: Doppelt gefaltet, innen mit Bild- und Textteil, versammelt er linkerseits collageartig die Lebensstationen Schwitters’ unter dem Motto „Kurt pfeift das gute Leben“, rechterseits „Kurt pfeift die andere Seite des Lebens“. Wie sich Draesners Anverwandlung der Figur Schwitters im Text selbst ausnimmt, mag nachstehende Leseprobe verdeutlichen:

„Er hatte seine Gedichtbände vermerzt, jedes Mal zu Beginn seines Auftritts ein Führerbild von der Wand genommen, es an den Rand der Bühne gestellt und das Publikum aufgefordert, es anzuspucken. Das akzeptierte er als Applaus! Er erfand einen braunen Hasen, der um die Ecke sprang, die es nicht gab, erzählte vom stärksten Mann der Welt, der Frauen über das Radio schwängerte, so dass jede Dame, ‚deutsche Präzisionsarbeit’, nach neun Monaten einen Zwerg gebar, und lernte seit einem Jahr seine Gedichte auswendig.“             

Bei besagtem „Vermerzen“ handelt es sich um eine Wortschöpfung, die sich von Schwitters‘ Merzbau  ableitet. Eine höhlenartig über mehrere Stockwerke angelegte, mit allerhand collageartigen Objekten und Skurrilitäten versehene, begehbare Skulptur im Haus seiner Eltern in Hannover, die 1943 einem Bombenangriff zum Opfer fiel. Wobei Schwitters das Wort Merz einem Zeitungsausschnitt mit einer Anzeige der „Kommerz- und Privatbank“, verdankt, indem er die Silbe „merz“ herausschnitt. Auch in seinem norwegischen Exil entstand ein Merzbau, der aber im Zuge eines Brands zerstört wurde. Die im englischen Exil entstandene „Merz Barn“ wiederum blieb unvollendet, als er 1948 starb, bestand nur aus einer Wand. Dass Letztere 1965 auf Initiative Richard Hamiltons abgetragen wurde, um in der Hatton-Gallery der University of Newcastle Einzug zu halten und so noch einmal zu Ehren zu kommen, bildet den glücklichen Schluss dieses Buches.

In drei Teilen erzählt – „Das deutsche Leben“, „Das englische Leben“, „Das Nachleben“ –, werden darin, nicht unbedingt immer der Chronologie folgend, drei Themenschwerpunkte kunstvoll miteinander verwoben: Das Thema Flucht und Vertreibung, die Kunst des 20. Jahrhunderts und, last but not least, das Thema Sprache. Themenschwerpunkte, die Draesner umso mehr mit dem Gegenstand ihres Interesses insofern verbinden, als sie wesentlich ihre eigene Biografie geprägt haben. So entstammt Draesner selbst einer aus Schlesien geflohenen Familie, literarisch in „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ (2014) verarbeitet, und als Schriftstellerin, zugleich „Poeta Docta“, ist sie natürlich auch von der Kunst des 20. Jahrhunderts affiziert, arbeitet bisweilen in intermedialen Projekten auch mit bildenden Künstlern zusammen. Desgleichen ist sie im Medium Sprache doppelt verankert. Lebte sie doch immer wieder in England, switcht zwischen Deutsch und Englisch hin und her und hat „Schwitters“ sogar erst auf Englisch geschrieben. Zweisprachigkeit prägte auch die letzten Lebensjahre Schwitters’, erst in London,später in Ambleside im Lake District. Die hier erhellten biografischen Kreuzpunkte scheinen wiederum geradezu prädestiniert, das eingangs diesem kongenialen Werk zugrunde gelegte mimetische Prinzip zu bestätigen. Dem Leser wiederum bietet es einen großartigen Einblick in das Leben eines so vielseitigen wie unterschätzten Künstlers, der neben seiner sprichwörtlichen Merzkunst auch als bildender Künstler ebenso wie als Schriftsteller und Lyriker in Erscheinung trat. Selbst Theatertücke und das Libretto zu einer Oper hat er verfasst. Eine schillernde Figur, der Draesner hiermit ein wahrlich gebührendes Denkmal gesetzt hat.

Für wissbegierge Sprachbesessene dieLektüre für zwischen den Jahren!

 * Christoph Wulf: Mimesis, in „Einleitung“, ewi-psy.fu-Berlin.de

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag.

Buchtipp des Monats 

November-Dezember 2020            

  ©  Hartmut Fanger 

 

Vom abgründigen Traum, ein Autor zu sein

Hilmar Klute: „OBERKAMPF“Galiani Verlag, Berlin 2020

Ein nicht nur für die schreibende Zunft ungemein lesenswerter Roman. Denn mit dem Protagonisten Jonas Becker, seines Zeichens Schriftsteller, geht es darin stets auch um das Schreiben. Auserkoren hat er sich dazu Paris, Mekka der Künstlerseelen. Sein erklärtes Ziel, ein Buch über den von ihm verehrten Boehmien Richard Stein, gleichfalls Schriftsteller, zu schreiben. Dass seine Ankunft in Paris ausgerechnet mit dem Tag zusammenfällt, wo der Anschlag auf die französische Satirezeitung Charlie Hebdo verübt wird, macht ihn ungewollt zum Zeugen des damit von einem Tag auf den anderen über Paris verhängten Ausnahmezustands. Daran, wie sich das anfühlt, lässt uns der Autor hautnah teilhaben. Thema, das durch die drei jüngsten islamistischen Terroranschläge innerhalb weniger Wochen von trauriger Aktualität zeugt und damit zusätzlich an Brisanz gewinnt. 

Spannend, dabei nicht wenig provokant, liest sich dann auch, wenn Klutes Protagonist im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung Verständnis für die Attentäter zeigt. So sieht er sich immer wieder die Gesichter der beiden Brüder an, die ‚den Spaßvögeln’ der Satire-Redaktion “das Hirn aus den Schädeln geschossen hatten“, und überlegt, inwieweit es sich dabei um „eiskalte Mörder“ handele, „feige Killer“, oder ob es „nicht im Gegenteil sehr viel Mut dazu“ bedurfte, „aus einer der elenden Hochhausburgen der Banlieues in die Stadt zu fahren, in eins der schönen, reichen und stolzen Viertel dort ...“ Sich dann zu Fuß auf den Weg zu machen, bis sie die Leute fanden, „die ihren Gott verhöhnt hatten“. Schließlich kommt Jonas Becker zu dem Schluss, dass das Ganze als „eine Mission, eine Kreuzritterfahrt, ein heiliger Krieg gegen die Ungläubigen ...“ [Leseprobe] angesehen werden könne.

Doch nicht nur die Ereignisse des Anschlags auf Charlie Hebdo beschäftigen den Protagonisten. Da ist zum einen die Liebe zu Christine, mit der er die Nächte verbringt, zum anderen sein Hauptanliegen, die Begegnung mit seinem Idol. Jenem sechsundachtzigjährigen Schriftsteller, Richard Stein, in Fachkreisen hoch angesehen, dessen Bücher jedoch keiner liest. Wider Erwarten führen die Gespräche zwischen Jonas und Stein für Ersteren jedoch zu einem Desaster. Zu Beginn noch hoffnungsvoll, so, wenn die Gespräche um die Bedeutung von Sprache, Gewalt, das gemeinsame Essen kreisen oder sie über Elias Canetti resümieren. Doch zunehmend reißt im Zuge dessen der so brillante wie exzentrische Stein, von unumstößlicher Autorität, das Zepter an sich. Und nach einem Disput, ob Jonas ein Interview oder eine Biographie plane, insistiert dieser, mit dem Verlag sei Letzteres abgemacht. Stein hingegen eröffnet ihm: 

   >„Dann sagen wir dem Verlag, dass wir beide hier, am Abend des schrecklichen Mordtages in Paris, im wunderbaren Restaurant Lao Siam, eine Änderung des Fahrplans beschlossen haben.“ Stein winkte dem Kellner zu, der sofort sein Lächeln anknipste und an den Tisch eilte.

   „Bringen Sie uns doch eine Flasche Champagner, was haben Sie denn Gutes da, Monsieur?“ ... „Bollinger, très bien, magnifique, Kim on va prendre la bouteille.“

   Mit einem triumphalen Lächeln zu Jonas: „Das wird in Ihrem Budget enthalten sein, oder?“<Leseprobe

Einmal mehr beweist der seit seinem Erfolgsdebut „Was dann nachher so schön fliegt“ bekannte Autor Hilmar Klute hier Sinn für Humor, womit er selbst schwerwiegenden Themen, wie einem Terroranschlag, so etwas wie Leichtigkeit abgewinnen kann. 

Auf die Spitze getrieben wird das Verhältnis des ungleichen Paars, als Jonas und Stein sich zwischenzeitlich in Amerika aufhalten, wo sie in San Francisco Steins Sohn suchen und Jonas sich im Nebel verfährt. 

>„Wir sind einmal durch San Francisco gefahren und an der anderen Seite wieder heraus!“, rief Stein. „Wie zwei Idioten. Herr Becker! Wie zwei Vollidioten!“< Leseprobe

Die zunehmenden Spannungen im Zuge besagter Reise kulminieren, indem Jonas Stein eröffnet, dass er kein Buch mehr über ihn schreiben könne, dass er ihm sein Konzept aus der Hand genommen und eigenmächtig geändert habe. Stein wiederum gibt ihm zu verstehen, dass er mit einer Biographie über ihn sowieso überfordert, sozusagen zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Letztendlich entlarvt er ihn, indem er infrage stellt, dass er überhaupt seinetwegen nach Paris gekommen sei, sondern er in Wirklichkeit nur ‚sein bisheriges langweiliges Leben hätte wegwischen wollen’. ...

>Natürlich hatte Stein recht. Jonas hatte sich aus seinem alten Leben gestohlen und war ... in das Leben eines alten Mannes gezogen. Nicht in ein neues, eigenes Leben ... Und zur Strafe dafür saß er jetzt im Nebel der kalifornischen Provinz fest, weil Gott, der begnadete Trash-Regisseur, sie aus der Innenstadt von San-Francisco ins Nirgendwo gestoßen hatte.< Leseprobe

Mit Witz und Esprit werden hier Tiefen und Untiefen des Schriftstellerlebens austariert, Ausflüchte und Fluchten, Sinnsuche und Scheitern als unabdingbare Voraussetzung desselben erhellt.

Ein Buch, das den Leser nicht loslässt, ihn Seite für Seite fesselt und das er erst dann weglegt, wenn er es zu Ende gelesen hat. 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem  Galiani Verlag, Berlin!

Buchtipp des Monats Oktober-November 2020

  ©  Erna R. Fanger 

 

Die Herausforderung der Kunstfreunde

Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst"Verlag Antje Kunstmann, München 2020 

Abgesehen vom Titel, lassen allein die Namensgebung und das Ambiente erahnen, dass den Leser hier eine so feingezeichnete wie süffisante Satire über die Welt der Kunst erwarten dürfte. So, wenn der exzentrische Großkünstler von Weltrang, KD Pratz, auf seiner Burg Ernsteck, hoch über dem Rhein, zurückgezogen residiert. Abgestoßen von der „schlimmen“ Welt, die er indessen ebenso verabscheut wie den Kunstbetrieb, dem er sich von Beginn an seiner Karriere verweigert hat. Aber doch wiederum nicht abgestoßen genug, als dass er, der lange schon jedwedem Besuch den Einlass auf seinem Anwesen verwehrt hat, sich dem nun angekündigten seitens der Mitglieder des Fördervereins des Museums Wendevogel in Frankfurt hätte entziehen können. Immerhin treten sie an, den exklusiv seinem Werk gewidmeten Bau eines Museums finanziell zu unterstützen und auf den Weg zu bringen. 

Bemerkenswert die Erzählperspektive, eine gekonnte Mischung aus sicherer Distanz und intimer Nähe aus der Sicht des Ich-Erzählers Constantin Marx. Als Sohn der Vorsitzenden des Fördervereins, Ingeborg Marx – Psychotherapeutin Anfang 70 und glühende Kunstliebhaberin, Feministin auch –, hat er einen privilegierten Zugang zu dem hier versammelten Personal. Seines Zeichens Architekt, momentan in der Warteschleife, erfordern es die Umstände, dass er schon gleich zu Beginn des Romans seine Mutter auf einer entscheidenden Sitzung des Fördervereins zu vertreten hat, um so notgedrungen Einblick in Tücken und Schwerfälligkeit der Bürokratie einer solchen Unternehmung zu gewinnen. 

Das Ganze spielt im wesentlichen an einem Sommerwochenende in der Umgebung besagter Burg am Rhein, wo die Mitglieder dem von ihnen so geschätzten wie verehrten KD Pratz erwartungsvoll ihre Aufwartung machen. Kunst ist für sie eine Herausforderung, der sie sich mit leidenschaftlichem Engagement stellen. Das Ambiente geradezu prädestiniert, Kunst und Kultur, Wein und kulinarischen Genüssen zu huldigen. Ausflüge zu entsprechenden Sehenswürdigkeiten ‚nimmt man mit’. Allein, da prallen Welten aufeinander und die nicht immer zu vereinbarenden Beweggründe und Motive der in diesem speziellen Kosmos agierenden Figuren sorgen an diesem  Wochenende nicht selten für Zunder – weniger offen ausgetragen als vielmehr subtil vernehmbar, sich zwischen den Zeilen manifestierend. So, wenn den so kunstsinnigen wie beflissenen Mitgliedern des Fördervereins seitens KD Pratz’ mit martialischer Wucht die Unzulänglichkeit des so üblen wie zu verachtenden Weltgetriebes um die Ohren gehauen wird, als wären sie nicht selbst Teil davon, als wären nicht sie es, die hier mit gemeint sind, und gediegener Mittelstand – mal ehrfürchtig, mal zerknirscht, mal verprellt – solche Schelte aber doch über sich ergehen lässt. Entsprechend köchelt und brodelt es, kommt gar zum Eklat. 

Bei all dem entlarvt der Autor zwar seine Figuren in den festgefahrenen Rollenklischees, denen sie verhaftet sind, aber er tut dies ohne Häme, stattdessen mit wohlwollender Nachsicht und einem feinen Gespür für die Komik, die Figurenkonstellationen dieser Art mitunter innewohnt. 

Lesevergnügen erster Güte bieten die gekonnten Dialoge, wo Muskelspiele, deftiger Schlagaustausch oder aber – besser noch – subtile Spitzen und messescharfe Pfeile das argumentative Hin und Her, Mit- und Gegeneinander dominieren. Zugleich versteht es Magnusson – gleichwohl mittels des Dialogs – seine  Figuren als typische Vertreter ihrer Funktion in vorzüglicher Überzeichnung in Erscheinung treten zu lassen. Unterstrichen durch die der Charakterisierung überdies zuträgliche Namensgebung, die, stets witzig, den durchweg satirischen Tenor zusätzlich belebt.  

Heiter, klug beobachtet und nicht zuletzt auch nachsichtige Liebeserklärung an die so wunderbare wie zugleich ach so unvollkommene Welt der Kunst mit ihren exzentrischen Akteuren, die einfach Farbe reinbringt und die wir derzeit umso schmerzlicher entbehren. Im gerade düster anmutenden Corona-Herbst insofern unbedingt eine Lektüreempfehlung!

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag!

Buchtipp des Monats 

September-November 2020            

  ©  Erna R. Fanger 

 

Ansingen gegen den Lebensschmerz 

 

Amy Hempel: „Sing. Neue Stories",aus dem Amerikanischen von Annette Kühn und Christian Lux, marixverlag in der Verlagshaus Römerweg GmbH, Wiesbaden 2020. 

„Wenn die Gefahr sich nähert, sing für sie“ Leseprobe, lesen wir gleich in der ersten, zugleich Titelgeschichte. Und dieses Motto erweist sich dann auch im Hinblick auf die weiteren Storys Amy Hempels in dem ansprechend gestalteten Band mit Prägedruck auf dem Cover als tragfähig. Denn um existenzielle Gefahren geht es darin. Immer wieder kommen dabei triste Paararrangements zur Sprache wie überhaupt Beziehungen. Zwischen Menschen, aber auch zwischen Mensch und Tier. Etwa im Tierheim von Spanisch Harlem, wo es, von der Stadt betrieben, die die Mittel kürzte, nie genug gab. Was wiederum die dort ihre Arbeit Verrichtenden auf sich nehmen, um der gequälten, der Tötung preisgegebenen Kreatur Linderung zu verschaffen, nimmt sich aus wie ein Alptraum.

Und wird etwa in Wolkenland– einzig längere Erzählung – proklamiert, dass Eltern sich mit ihren Kindern nicht anfreunden sollten, weil ihnen eher die Rolle des ungeliebten Korrektivs zugewiesen ist, gilt dies auch für das dort unter anderem verhandelte Verhältnis Lehrer-Schüler. Allein die Protagonistin hält sich nicht daran und lädt einige Schülerinnen zum Tee in ihrer Wohnung ein, wo Kokain die Runde macht. Sie nimmt ein winziges Stück davon. Der Schülerin, die dies der Direktorin kundtut, verübelt sie es nicht. „Es wurde mir gestattet zu gehen, ohne dass eine Anzeige bei der Polizei erstattet wurde, aber es gab keine Empfehlung, falls ich woanders wieder unterrichten wollte.“ Leseprobe Damit ist alles gesagt.  

Letztlich geht es in Hempels Storys um den „Horror des Verlangens. Welches Wort klingt schlimmer – ‚Verlangen’ oder ‚Sehnsucht’?“ Und es geht ums Verlassensein, um Einsamkeit, Trauer und Verlust. Klaglos hingenommen, weben sich die alltäglichen Katastrophen in die Textur des Erzählten. Knapp und präzise, unaufgeregt. Die Gefahren, von denen hier erzählt wird, haben tief im Inneren der Figuren Wurzeln geschlagen und schreiben sich als Störfaktor in das Leben ein, das, nach außen hin Normalität vortäuschend, seinen Gang geht. 

Stoff, der gemeinhin bekannt ist. Amy Hempel weiß das. Entgegen wirkt sie dem durch raffiniert inszenierte Perspektiven, messerscharfe Dialoge, wo man schon genau hinsehen muss, wer spricht, denkt oder erzählt. In den eher dem Stream of Consciousness verpflichteten, minimalistischen handlungsarmen Storys wird in annähernd kubistischer Manier der Gegenstand ihres Erzählens von mehreren Perspektiven gleichzeitig beleuchtet. Und ebenso wenig wie sich ein kubistisches Bild dem Beschauer auf Anhieb erschließen mag, liest man Amy Hempel mal eben so weg. Hier sind wir gefordert, Lesegewohnheiten hinter uns zu lassen und Neuland zu betreten, wo die Semantik der Lücke und der Zwischenräume zum Leuchten gebracht wird. Dabei gewinnen Subtexte aus dem Innenraum des Erzählens die Oberhand und konterkarieren die geglättete Oberfläche im Außen. 

„Sing“ ist kein Verschenkbuch und schon gar kein Schmöker.  „Sing“ blättert schonungslos durch das beschädigte Leben seiner Protagonist*innen, legt den Schmerz offen, hier, seht her. Fühlt ihn. Und es verdankt sich Hempels stilistischer Brillanz, dass wir ihr fasziniert folgen, entsprechend dem Motto Ingeborg Bachmanns „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem marixverlag! 

Buchtipp des Monats August 2020

  ©  Hartmut Fanger 

 

Rindfleisch, Fußball und Nationalismus 


Argentinien in den 30ern

Martín Caparrós "Väterland", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020

 

Väterland“, der neue Roman des politisch engagierten und in Lateinamerika gefeierten AutorsMartín Caparrós, entführt uns– nicht ohne satirischen Biss – in das von Korruption und Wahlmanipulation geprägte Argentinien der Dreißiger.

Dabei enthält er alles, was uns gute Unterhaltung verspricht. Mit Sinn für Humor erzählt, zum Beispiel jede Menge Action und einen sympathischen Helden, der den Kampf gegen das scheinbar übermächtige Böse aufnimmt. Überdies glänzt er mit schillernden Figuren, erhellt brisante politische Verhältnisse und historische Ereignisse. Ebenso wenig wie die Würze eines jeden guten Romans fehlt – die Liebesgeschichte, und das im aufgeladenen Klima eines sowohl politisch als auch wirtschaftlich am Abgrund stehenden Landes. Mit dem Nationalsport Fußball kommt schließlich auch der Sport nicht zu kurz. 

Obwohl das Geschehen des Romans neunzig Jahre zurückliegt und Argentinien weit weg zu sein scheint, sind die Parallelen zu Ländern des heutigen Europas, aber auch vielen anderen Staaten außerhalb, die wirtschaftlich am Abgrund lavieren, unverkennbar. Vor allem dann, wenn vom Erstarken des Rechtspopulismus, der bereits angedeuteten Wirtschaftskrise, einer zwiespältigen Presse und einer schwächelnden Demokratie die Rede ist. Beunruhigend noch immer, wenn von Hitlers Machtergreifung berichtet wird. Es sind unsichere Zeiten, Zeiten des Umbruchs, wie wir sie auch heute, nur unter anderer Akzentuierung, wieder erleben. 

In dieser Gemengelage macht sich der Protagonist Andréas Rivarola auf den Weg, um finanziell über die Runden zu kommen. Gezeichnet als liebenswerter Antiheld, schlägt er sich mittellos durchs Leben, schreibt Gedichte und liebt den Tango. So begibt er sich im Auftrag eines korrupten, reaktionären Despoten und Rinderbarons auf die Suche nach dem berühmtesten Fußballer des Landes namens Bernabé, der in einen Rauschgiftskandal verstrickt sein soll. Dabei gerät er in zahlreiche Verwicklungen, wird involviert in kriminelle Handlungen, Mord und Totschlag. Stets mit den Drohungen des Rinderbarons im Nacken und der Sorge um seine Gesundheit. In sinnfälligem Kontrast hierzu wiederum das Schmieden von Versen und die immer wieder ins Spiel gebrachte Allmacht des weltberühmten argentinischen Nationaldichters Jorge Luis Borges. 

Entgegen den Stimmen der Literaturkritik, dieser zweite Roman stehe dem ersten doch um einiges nach – auch schon wieder Klischee –, ein höchst unterhaltsames, spannendes Lesevergnügen mit teils hinreißend poetischen Passagen, dabei nicht ohne Tiefe. Und trotz der Konfrontation mit der harten Wirklichkeit eines dem Untergang nahen Landes fehlt es dem Ganzen durch den satirischen Unterton auch nicht an Witz.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Klaus Wagenbach! 

Buchtipp Juli - August 2020

  © Erna R. Fanger

  Von der Einmaligkeit des Menschen - ein  Schwanengesang

Georges-Arthur Goldschmidt: „Vom Nachexil“, Wallstein Verlag, Göttingen 2020

In krassem Gegensatz zu den zahlreichen Auszeichnungen, die Goldschmidtsowohl als Autor als auch Übersetzer, etwa von Nietzsche, Walter Benjamin, Kafka, Handke, ins Französische erhalten hat, steht seine Selbstwahrnehmung. So spricht der 92jährige, mit seiner gleichfalls hochbetagten Frau in Paris lebende Autor – obschon mit fröhlicher Gelassenheit – über sein Werk als von einer ‚Nabelschau’, und dass ‚er kein richtiger Autor sei, nie etwas anderes als über sich selbst erzählt habe’: „Es ist mein Schwanengesang: Umso intensiver, als es das letzte Buch ist ... “* Leseprobe

Noch einmal resümiert er in dem schmalen Band die im wahrsten Sinne des Wortes Grund legende Erfahrung des Exils. Kondensiert, verdichtet, dabei mit einer Bildschärfe in der Nahaufnahme, die den Leser angesichts der Unmittelbarkeit der Darstellung der Erfahrung solcher Entwurzelung als Elfjähriger wehrlos macht. Und im Zuge der Lektüre kommt er nicht umhin, vom Strudel des Lebensdilemmas des Autors gleichermaßen erfasst zu werden. Schon mit dem ersten Satz bricht es über ihn herein: „Wer einmal ins Exil getrieben wurde, kommt lebenslang nicht mehr davon ab.“ Leseprobe Fortan ist sein Leben in zwei nicht kompatible Hälften geteilt, einem Vorher, einem Nachher, einhergehend mit zwei sich überlagernden, verschiedenen Raumempfindungen. Die erste der Kindheit zugeordnet, ab dem Exil verbotene Zone, aus der er verstoßen wurde, die zweite, in der man sich erneut mit dem Alltag vertraut machen musste, um zu überleben.Ergreifend, wie Erinnerung sich im Text in einer außerordentlichen Leistung des Gehirns manifestiert:

Es galt jede Einzelheit der Heimat mitzunehmen, das kleinste Detail zu registrieren. Es galt, die Heimat in einigen Momenten so scharf zu photographieren, daß deren Grundzüge als Raster des Empfindens in einem bleiben konnten. Es ist erstaunlich, was das Gehirn bei solcher Gelegenheit alles leisten kann; es arbeitet derart perfekt, daß nach achtzig Jahren alles noch an Ort und Stelle ist, so sehr, dass unter jedem Wahrnehmungsbild der Gegenwart ein anderes, ein Phantombild aus der Vergangenheit hochkommt, nicht aus einer beliebigen Vergangenheit, sondern aus einer verbotenen Vergangenheit, aus der man ausgeschlossen wurde. Leseprobe

Allein der Präzision dieses sich ins Gedächtnis Rufens einer unerhörten Gefühlskonstellation haftet etwas Alarmierendes an. Ins Positive gewendet,  könnte man von einer erhöhten geistigen Wachsamkeit, einer gesteigerten Präsenz sprechen, die sich durch das Gesamtwerk Goldschmidts zieht, hier seinen Höhepunkt erreicht. Und indem er einmal mehr eintaucht in das ihm vom Schicksal zugewiesene Schattenreich des Exils, das Gewesene mit dem geschärften Blick sowie luziden Bewusstsein des geistig hellwachen Hochbetagten in Augenschein nimmt, offenbart sich die ganze Bandbreite des Unfassbaren, die ganze Bandbreite der Ohnmacht. 

Für Georges-Arthur Goldschmidt wiederum Anlass, anders über Bedingungen und Belange des Menschseins in seinem ganz spezifischen Kontext nachzudenken. Exemplarisch etwa in der Rückbesinnung auf all die frechen freien Geister  der französischen Kultur des 17. Jahrhunderts, La Fontaine, La Bruyère, Pascal, Voltaire und Rousseau, die ihn Widerborstigkeit lehrten und wegweisend für ihn waren, selbstständiges Denken zu erlangen. Oder in tiefgreifender Erkenntnis, wie über den nie ganz zu erschließenden Wesenskern eines jeden – weit über vermeintliche ‚Nabelschau’ hinausweisend:

Jeder Mensch fühlt in sich selbst das stumme Raunen seines Selbstgefühls, er allein weiß, wie er selbst ist, wie es in ihm aussieht, wie sein Name nichts von ihm aussagt. Keiner ist, was man ihn zu sein bestimmt ..., was man ihm als Wesenszug aufgesetzt hat ... Jeder ist immer nur, was er ist und von dem er allein weiß, daher die Heiligkeit des menschlichen Seins, die unersetzbare Einmaligkeit eines jeden Menschen ... Leseprobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

* LESART I Beitrag vom 23.04.2020, Georges-Arthur Goldschmidt im Gespräch mit Andrea Gerk

  Zum Archiv

Buchtipp Juli - August 2020

   © Erna R. Fanger

  „Die unwürdige Greisin“ reloaded                              Benjamin Myers: „Offene  See“, DuMont Buchverlag, Köln 2020. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Angelegt als Coming-of Age-Roman, ist es die Geschichte des indessen gealterten Schriftstellers Robert – zugleich Ich-Erzähler –, beginnend kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Er will raus aus der Enge der kleinen Welt der Bergarbeiter, wo er zuhause ist, bricht auf. Sein Ziel: die See. Doch kurz bevor er es erreicht, bleibt er durch einen Zufall bei der anarchischen Dulcie hängen. Eine Begegnung, die richtungsweisend für sein zukünftiges Leben als Schriftsteller werden soll. Dulcie wiederum legt zugleich eine andere Lesart nahe, gemahnt die ältere Protagonistin doch, unkonventionell, hedonistisch und voller Eigensinn,an Brechts„Die unwürdige Greisin“. In ihr, lebenserfahren, klug, gebildet und rebellisch gegen jede Form von Obrigkeitsdenken, hat der jugendliche Protagonist ein Gegenüber, wie er es von da, wo er herkommt, nie gekannt hat. Und da er kein Geld, Dulcie hingegen nie endende Aufgaben gegen Kost und Logis für ihn hat, verbringt er den Sommer bei ihr und ihrem Hund Butler. Er renoviert ein baufälliges Cottage, wo er auf ein Manuskript mit hochrangigen Gedichten der deutschen, von den Nazis geächteten Dichterin Romy Landau stößt. Dabei kommt er mit einem dunklen Geheimnis zwischen dieser und Dulcie in Berührung sowie mit deren für ihn unverständlicher, entschiedener Abneigung gegen das Meer. 

Dazwischen bleibt viel Zeit, die Robert und Dulcie gemeinsam verbringen, wo Dulcie, Verlegerstocher und einst selbst Inhaberin eines Verlags, die ihm so ferne wie verlockende Welt der Bücher, der Malerei, der Künste überhaupt, nahebringt. Dabei stets im Blick den Wahnwitz des Kriegs, den Abscheu gegen den Nationalsozialismus und seine verheerenden Folgen. All dies konterkariert durch eine regelrechte Feier der Sinnlichkeit, der Welt des Genusses, ob Langusten oder ein saftiger Braten, bunte Gemüse, feinste Weine, Champagner, wie so kurz nach dem Krieg rar und seitens guter Freunde ihr ‚zugeschoben’. Dulci, gezeichnet als Freigeist und Lebenskünstlerin, zieht nicht selten vom Leder, wenn es um politische Gegner oder die Welt der Kleingeister und Spießer geht. Und ja, sie ist ein bisschen übertrieben, pathetisch bisweilen, was im Übrigen auch ihrem Schützling Robert anzulasten ist. Überdies überlagert sich gelegentlich die Perspektive des betagteren Schriftstellers mit der seines Jugend-Ichs. Schwächen, die man dem Roman jedoch allein schon insofern verzeiht, als er eine glühende Hommage an das Künstlertum ist, unabhängig, frei, voller schöpferischem Elan und Aufbruchsenergie. Und in der Danksagung am Schluss bestätigt sich einmal mehr für alle, die dieses Buch so lieben und sich von ihm in seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die Kraft des Worts anstecken ließen, der Grund: „Es ist ... allen gewidmet, die sich darum bemühen, anderen ihre Leidenschaft für die Kraft des geschriebenen Wortes zu vermitteln.“

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem DuMont Buchverlag 

Buchtipp des Monats Juni 2020

  ©  Hartmut Fanger 

Von Schreiben, Freundschaft

und einem Hund

Sigrid Nunez: „Der Freund“, Roman; aus dem Englischen von Anette Grube; Aufbau Verlag, Berlin 2020 

Es geht um das, was uns bewegt. Um die Suche nach Sinn, nach einem erfüllten Dasein. Und es geht um das, was vor allem diejenigen berührt, die gerne schreiben, gerne lesen, kurz diejenigen, die eher in der Welt von Lektüren zuhause sind als im wirklichen Leben.  Doch was hat das alles mit einem Hund zu tun. Dem wollen wir in dem hochkarätigen Buch von Sigrid Nunez „Der Freund“ nachgehen, für das sie 2018 den begehrten US-amerikanischen National Book Award erhielt und das sie über Nacht berühmt machte. 

Apollo heißt der Hund, der dem Freund der Protagonistin gehörte und den dieser ihr nach seinem Selbstmord hinterlassen hat, was sie zunächst einmal vor ganz pragmatische Probleme stellt. Zum einen darf in der Wohnung kein Hund gehalten werden, zum anderen ist diese Wohnung, wie in New York üblich, mit ihren 45 Quadratmetern viel zu klein, erst recht für eine so riesenhafte Dogge wie Apollo. 

Was ist es, neben seiner enormen Größe und Liebeswürdigkeit, was uns an diesem Tier in den Bann zieht? Da ist zum einen, dass es der Hund eines Schriftstellers und Kollegen, in einer kurzen Episode auch mal Lovers war und nun zum Freund der Ich-Erzählerin und Dozentin für Create Writing avanciert. Imgrunde hat sich für die Dogge also gar nicht so viel verändert. Der Protagonistin hingegen eröffnet es die Möglichkeit, im gemeinsamen Trauern mit dem Hund die Beziehung zu dem toten Freund fortzuleben. Und darin ging es, neben Schreiben und Literatur, um fast nichts anderes als um Frauen. Wozu sich ihm als Dozent für Creative Writing reichlich Gelegenheit bot. Und so bewahrheitet sich der lapidare, bereits zum Klischee geronnene Spruch, „Wer schreibt, der bleibt“, gleich auf zwei Ebenen. Zum einen durch den Hund, in dem für die Protagonistin sein einstiges Herrchen fortlebt, zum anderen in der Arbeit der Dozentin und Autorin, die im Zuge dessen mit dem Schreiben etwas Bleibendes zu hinterlassen vermag.

Dabei liest sich das Ganze, elegant formuliert, ausgesprochen leicht.  Und dies, obwohl es den Leser zugleich herausfordert, in die Tiefen der Literatur einzutauchen, wenn sie den Gedanken W.H. Audens, Samuel Becketts, Gustave Flauberts, Milan Kunderas, Georges Simenons oder Christa Wolfs nachgeht. Und es hat natürlich auch etwas so Heiteres wie Anrührendes, wenn die an Depressionen leidende Dogge lächelt, sobald ihr Rilke vorgelesen wird, oder bei Knausgärd ihre Zuneigung kundtut.

Der in zwölf  Teile gegliederte Roman, auf den dieses Genre vielleicht gar nicht zutrifft, der vielmehr den Verdacht provoziert, es könnte sich auch um einen autobiographischen Text handeln, spielt auf 235 Seiten die Klaviatur der großen Themen der Literatur durch: Tod, Liebe und Sinnsuche. Spannend, heiter, traurig, wie das Leben selbst, zugleich zutiefst wahrhaftig.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Aufbau Verlag, Berlin 2020                                                                                                             Archiv

Buchtipp des Monats Mai 2020

 © Hartmut. Fanger:

   Meisterhafte Präzision

 William Trevor: „Letzte Erzählungen“,   aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020

Wer „Letzte Erzählungen“ des 2002  von Elisabeth II zum Ehrenritter geschlagenen und 2016 verstorbenen irischen Schriftstellers William Trevor in Händen hält, dem wird sehr schnell klar, dass es sich hierbei um ein Werk von Rang handelt. Zehn meisterhafte Erzählungen – ein literarisches Kleinod. Nahezu jeder Satz von existentieller Dimension. Dicht geschrieben, den Leser fordernd, zugleich mitreißend und bis ins kleinste Detail genau. Darüber hinaus anrührend und zum Nachdenken animierend. 

Vergänglichkeit das Stichwort. Immer wieder ist von Endlichkeit, von Einsamkeit und Tod die Rede. Einfühlsam und mit Empathie führt Trevor seine Figuren vor Augen. Melancholisch der Grundtenor.  „Mitten im Leben sind mit dem Tod umfangen ...“ tönt es von Orgel und Chor während der kirchlichen Trauerfeier in „Das unbekannte Mädchen“, was zugleich Leitsatz vieler dieser Erzählungen sein könnte.

Dabei sind in den Haupterzählstrang stets Nebenhandlungen eingebettet, die sich an bestimmten Punkten, wie nach einem geheimen Strickmuster, wieder zusammenfinden. So zum Beispiel das Treffen zweier Frauen „Im Caffé Daria“, wo nach und nach herauskommt, dass sie ein und denselben Mann geliebt haben, von dem sie aus ihrer Erinnerung heraus sprechen. Eine Geschichte, in der es insbesondere um ein Haus, Schicksal, um Freundschaft, Liebe, Verzweiflung und um besagten Tod geht.

In „Mrs Crasthorpe“  wechseln sich zwei Erzählperspektiven ab. Da ist Etheridge, der seine Frau verloren hat und dies nicht fassen und akzeptieren kann. Dann die Titelheldin Mrs Crasthorpe, die in Kontrast hierzu die Rolle der ‚lustigen Witwe’ bevorzugt. Letzteres ist Etheridge natürlich zuwider. Die daraus entstehende Spannung beherrscht den gesamten Text, mündet an einer Stelle in den für das Ganze paradigmatischen Satz: „Ihre Avancen wurden von seinem anhaltenden Zorn über die gleichgültige Gier des Todes überlagert und kaum wahrgenommen.“   

Paradebeispiel für mit Raffinement verschlungene Erzählperspektiven ist „Mr. Ravenswood“, wo sich besagter Titelheld mit der ihm sympathischen Bankangestellten im Restaurant einfindet und im Gespräch herauskommt, dass er vornehmlich von seiner Frau spricht, die bei einem von ihm verschuldeten Verkehrsunfall gestorben ist. Erzählt wird dies jedoch nicht aus der Perspektive des Titelhelden, sondern von der Bankangestellten in einem Moment, wo sich sie sich, im Park ein Sandwich verzehrend, eben daran erinnert.

Und doch sind die Geschichten bei allem Todesschwangeren zugleich prall gefüllt von Leben, treffen sich die Menschen in einer so hektischen Großstadt wie London auf Straßen, Plätzen und in gut besuchten Cafés. Das Ganze kunstvoll arrangiert und gewürzt mit jeder Menge sinnlicher Momente. So zum Beispiel, wenn in das ‚Caffé Daria Geschäftsleute hereinströmen, um das Frühstück nachzuholen, Freunde und Stammgäste nach Zeitungen greifen, die Croissants berühmt sind, das mittägliche Rührei mit geräuchertem Lachs als das beste von London gilt ...’

Bezeichnend, dass sich jede Seite in der großartigen Übersetzung von Hans-Christian Oeser gleich mehrfach zu lesen lohnt. Immer wieder kann man auf Entdeckungen stoßen, die einem beim ersten Lesen entgangen waren. Und  immer wieder gibt es insofern auch Überraschungen. So revidiert der oben bereits erwähnte Etheridge am Ende seine Meinung von Mrs Catherope und versucht ‚das Rätsel’ um ihre Person zu ergründen: „Er ehrte das Geheimnis einer lästigen Frau und sorgte dafür, dass es gewahrt blieb.“ 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020 

 

Siehe auch Buchtipp des Monats Dezember 2015: 

William Trevor: "Ein Traum von Schmetterlingen"  und Archiv

Buchtipp des Monats Mai 2020

 © Hartmut. Fanger:

Mit mathematischer Präzision

Patrick Hofmann: „Nagel im Himmel“, Penguin Verlag, München 2020

Ein Roman für Leser mit Sinn für die Schönheit der Mathematik, sprich Zahlen, insbesondere Primzahlen, Formeln und naturwissenschaftliches Fachvokabular. Doch auch für diejenigen, die Spaß daran haben, sächsischen Dialekt einmal gedruckt zu sehen, und vor Passagen in Englisch nichtzurückschrecken. Leicht zu erkennen, dass es sich hierbei um einen Bildungs- und Entwicklungsroman handelt. 

Dementsprechend wird der Weg des hochbegabten Protagonisten Oliver aufgezeigt. Von dessen unglücklicher Kindheit bis hin zu seinen großen Erfolgen mit internationalen Preisen, wie die Auszeichnung im Rahmen der Mathematik-Olympiade in Montreal. Dabei ist es für den Protagonisten wahrlich nicht einfach. Genauso, wie er von Erfolg zu Erfolg schreitet, scheitert er auch immer wieder. 

Bemerkenswert die zwei Entdeckungen, die Olivers Lebensweg von Jugend an begleiten und dementsprechend von Bedeutung sind, sich wie ein roter Faden durch das Gewebe des handlungsreichen Romans ziehen. Da sind zunächst einmal die leichten Stücke von Bach, die er als „die Kanalisierung des Himmels, die Mathematik der Sphären, die Mechanik der Schönheit“ bezeichnet. Und dann das Bier, das berauscht und die Musik ruft, der dann wiederum die Mathematik folgt. Dementsprechend heißt es an einer Stelle bezeichnenderweise auch: „Bach und Bier machten Olivers Welt heller. Damit schwebte er über der Bodenlosigkeit seines Lebens“. Am Ende mag sich herausstellen, dass die Vorliebe für Mathematik ebenso eine Flucht vor realen Begebenheiten darstellt wie das Trinken. Dies muss nicht zuletzt seine Freundin Ina feststellen, was wohl seine Rettung ist. Was folgt, ist jedenfalls eine so zarte wie anrührende Liebesgeschichte. 

Der Roman enthält außerdem jede MengeSpannungselemente,die den Leser fesseln. Sei es, wenn Oliver an einem Bankautomaten überfallen wird oder auf der Trauerfeier seines jüngst verstorbenen Vaters nachJahren plötzlich die kurz vor der Wende  in den Westen geflüchtete Mutter wieder auftaucht. Ohne wenn und aber: abenteuerlich. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem  Penguin Verlag, München 2020

Buchtipp des Monats April - Mai 2020

© Erna R. Fanger

Präsenz der Poesie

Pascal Mercier „Das Gewicht der Worte“, Carl Hanser Verlag,München 2020. 

Hier war sich das Feuilleton landauf landab einig, und das nicht ohne Häme: zu redundant, das Personal, lauter Feingeister, zu blass, Bildungsbürgertum ... etc. Zugegeben, der Plot wirkt konstruiert, die Figuren in ihrer ethisch-moralischen Überhöhung unfreiwillig überzeichnet.  

Warum wir nichtsdestotrotz eine Lanze brechen für das Werk, ist die Begeisterung für Sprache, die es transportiert – ein glühendes Plädoyer für ‚das Gewicht der Worte’, das trägt. Und es ist das Vergnügen am Sinnieren über Wahrnehmung und Perspektiven, über Lust und Last, die Schreibende anstachelt, die Welt auf ihre ganz eigene Weise immer wieder von neuem durchzubuchstabieren. Und es mag sich bei Lesern und Schreibenden jenseits der Hoheit des Literaturbetriebs ähnlich verhalten wie zwischen Laien- und professionellem Chor. Letzterer mag Ersteren an Perfektion übertreffen, aber die Liebe zum Singen, ohne jeden Sachzwang, wie dem Laienchor substanziell eigen, diese hochtrabende Freude, transportiert einen Zauber, der nicht nur nicht zu verachten, sondern mitunter durchaus auch nicht zu überbieten ist. Und es sind immer wieder Sätze wie dieser: „Jetzt öffnete Kenneth Burke im Nachbarhaus ein Fenster, blieb stehen und zündete eine Zigarette an; auch ihre glühende Spitze hatte, wie die Straßenlaternen, im Nebel einen feinen milchigen Hof“Leseprobe, die uns in ihrer bestechenden Präzision und poetischen Präsenz in den Bann ziehen. 

Von Kind an von Sprachen fasziniert, lernt Protagonist Simon Leyland alle, die rund um das Mittelmeer gesprochen werden, heiratet schließlich Lydia, eine Verlegertochter aus Triest, und übernimmt später zusammen mit ihr den Verlag, was den in London ansässigen Briten nach Italien verschlägt. Sie haben eine Tochter, die eigentlich Ärztin werden will, jedoch zunehmend vom Gesundheitssystem enttäuscht ist und schließlich Abstand davon nimmt. Zu Beginn des Romans, 24 Jahre später, nachdem er London verlassen hatte, kehrt er dorthin zurück. Lydia ist inzwischen verstorben. Den Verlag hatte er zunächst alleine betrieben. Bis er ihn in einer Art Kurzschlusshandlung angesichts einer tödlichen Diagnose, die sich alsbald als Irrtum herausstellen sollte, kurzerhand verkauft hat. Ein Onkel, Professor für orientalische Sprachen,  hat ihm sein Haus nahe London vererbt, und mit Kenneth Burke vom Nachbarhaus, der sich in seinen letzten Jahren um diesen gekümmert, alles für ihn geregelt hat, zugleich einen Freund. 

An dieser Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt setzt die Erzählung ein. Dabei kreisen seine Gedanken um die Frage, was er aus der Zeit seines Lebens gemacht habe: „Es war ein Dunkel nach dem Ende eines Lebens, ein Dunkel, in dem die Zeit nicht mehr floss. Er würde nachher überall Licht machen und sie von neuem zum Fließen bringen.“LeseprobeDabei werden nicht nur die äußeren Stationen Leylands reflektiert, sondern zugleich neue Perspektiven entworfen. Denn hat Leyland sich bislang nur in Briefen an seine verstorbene Ehefrau Lydia schreibend Ausdruck verschafft, denkt er jetzt daran, weiterzugehen und selbst Erzählungen zu schreiben. Begleitet ist dieser Prozess von überbordendem Gedankenreichtum über die geheimnisvoll anmutende, von Worten ausgehende Schwingung, von ihrer Macht, die ebenso zu verschleiern und zu verdunkeln, als zu erhellen in Begriff steht:

"Wenn man in Gegenwart anderer über sich spricht, sagt man nie genau das, was man eigentlich sagen möchte: Selbst wenn man sich dessen nicht bewusst ist, hemmt einen die Rücksicht, entweder die Rücksicht auf die Wirkung der Worte in den anderen, oder die Rücksicht auf die Art und Weise, wie man für die anderen durch diese Worte erscheinen würde. Und nachher hat man, statt mit sich selbst in der Klarheit einen Fortschritt gemacht zu haben, mit diesen Wirkungen bei den anderen zu kämpfen".Leseprobe,

Stellen wie diese, wo Mercier den Worten und ihrer Wirkmächtigkeit auf den Grund geht, bergen für den literatur- und sprachaffinen Leser  so manchen Schatz, den es in diesem Werk, allerhand Unkenrufen zum Trotz, mannigfaltig zu heben gibt. 

"Und nun war ja etwas Neues dazugekommen: das Schreiben, die Arbeit an der eigenen Phantasie und die Suche nach den eigenen Worten, der eigenen Stimme. Das war etwas, was eine eigene Zukunft in sich trug. Wie lange würde sie dauern?"Leseprobe

.Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!       

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Carl Hanser Verlag, München 2020                                                                                               Zum Archiv

Sachbuchtipp des Monats  April 2020

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Ein Muss für jeden, der schreibt

Peter-André Alt: „Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten“,Verlag C.H. Beck oHG, München 2020

Bereits von Hemingway in „Paris, ein Fest fürs Leben“ wissen wir, wie schwer es sein kann, den ersten ‚wahren Satz’ zu finden. Peter-André Alt hat sich nun in seinem neuesten Werk mit wissenschaftlicher Akribie auf die Suche in der Weltliteratur gemacht, hat Romane und Erzählungen durchforstet. Worin liegt die Faszination im ersten Satz, was zieht den Leser gleich zu Beginn in den Bann, sodass er nicht mehr aufhören kann zu lesen. Bei dieser Lektüre von über 260 Seiten stößt er auf eine Schatzkiste, ein Füllhorn schier unendlicher Möglichkeiten. Unter die Lupe genommen werden erste Sätze literarischer Größen von Homer bis zu Handke, von Goethe bis zu García Márquez, von Thomas Mann bis hin zu Martin Walser, um nur einige zu nennen. Allen gemein ist das Außergewöhnliche, das, was aufhorchen lässt. Sei es, wenn ein Roman etwa mit dem ‚Steckbrief einer Person, mit einem plötzlichen Ereignis, Bekenntnissen, Sprechakten, Gerüchten oder mit etwas ganz und gar Unwahrscheinlichem’ beginnt. 

Am Ende ist es die Spannung, die von einem ersten Satz ausgehen muss. Denn, so Peter-André Alt: „Literatur lebt davon, dass sie Erwartungen weckt“, und „[g]erade erste Sätze müssen die Kunst der Andeutung entfalten“. Als Beispiel hierzu wird u.a. Arthur Conan Doyles berühmter Sherlock-Holmes-Roman „Das leere Haus“ angeführt, worin laut Alt der ‚Eröffnungssatz alles enthält, was die Erwartung des Lesers anheizt’: „Im Frühling des Jahres 1894 war das gesamte London neugierig und die Oberschicht der ganzen Welt bestürzt über den Mord am ehrenwerten Ronald Adair, der unter den ungewöhnlichsten und rätselhaftesten Umständen zu Tode kam“. Natürlich möchte der Leser jetzt die Hintergründe in Erfahrung bringen. Wie und warum konnte so eine abscheuliche Tat geschehen. Wer war der Mörder. Wie kann der Fall aufgeklärt werden. Was steckt wirklich hinter dem ungewöhnlichen, rätselhaften Geschehen. 

Ja selbst „Kitsch und Triviales“ kann unsere Neugierde wecken. So, wenn Alt den ersten Satz mit der trivialen Personenbeschreibung einer rätselhaften Frau zur Zeit der Cholera in Hamburg in Georg Bindings Novelle „Der Opfergang“ aus dem Jahre 1912 vor Augen führt. Trivial, nicht mehr, als dass sie ‚schön und verkleidet ist und an der Alster dahinschreitet’, erfahren wir von der Frau. Nichts Besonderes und doch ein Arrangement, das fesselt und den Leser dazu animiert, hinter die Beweggründe der Figur zu kommen. Warum ist sie verkleidetund was lässt sie angesichts der Seuche so friedlich dahinschreiten. 

Unverzichtbar für alle, die schreiben, ist das Werk bestens recherchiert, obendrein gespickt mit jeder Menge Wissenswertem aus der Welt der Literatur, inklusive Anmerkungsapparat und einem Register der zitierten Anfänge . 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Mit Dank für das Rezensionsexemplar an den Verlag C,H. Beck. 

Buchtipp des Monats März - April 2020

© Hartmut Fanger:

Vier Freundinnen und ein Mann, der alles verändert

Julia Holbe: „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“, Penguin Verlag, München 2020

Es sind die Szenen einer innigen Freundschaft zwischen vier Frauen, die dieses Debut der Luxemburger Autorin und einstigen Lektorin des renommierten S. Fischer Verlages so lesenswert machen. Authentisch führt Julia Holbe in „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“ die alljährlich sich wiederholenden, unbeschwerten Sommerferientage    an der französischen Atlantikküste vor Augen. Ein Meer voller Träume, Gemeinsamkeit, gegenseitigem Verständnis und Zusammenhalt. Urlaube, wie sie im wahrsten Sinne des Wortes im Buche stehen.    Lange Abende am Strand, gutes Essen und so manches Glas Wein,   das man genießt. Aber auch von Verrat und Tod und Trennung ist die Rede. 

Neben anschaulichen Naturbeschreibungen ist es vornehmlich die      aus den Fugen zu geraten drohende Gefühlswelt der Protagonistin     und Ich-Erzählerin Elsa, die den Leser in den Bann ziehen. Sie       verliebt sich ausgerechnet in Sean, den einzigen Mann in der Runde. Sogar ihre Heimat würde sie für ihn verlassen und für immer mit ihm nach Irland ziehen. Jener geheimnisvolle Sean, der kommt und geht   und unverhofft wieder in Erscheinung tritt, um im nächsten Moment schon wieder zu verschwinden. Die Begegnung mit ihm hat für Elsa  alles auf den Kopf gestellt, in ihr eine ‚schreckliche, entsetzliche Sehnsucht’ geweckt, am Ende das Gefühl, ‚nichts mehr im Griff’ zu haben'.  

So berührend wie treffend der grundlegend melancholische Tenor,      der sich in den tragischen Handlungsverlauf einschreibt. Und es ist die Magie, die dem Ganzen anhaftet, sei es der Landschaft, dem Meer    und dem Sommerhimmel, sei es dem Verliebtsein, was wiederum     "Lust am Text“ evoziert. So ist Elsa der Meinung, dass Sean ‚ohne Zweifel über magische Fähigkeiten’ verfügt oder der Sommer für sie‚   seit ihrer Kindheit etwas Magisches gewesen sei’. 

Geschickt hält die Autorin den Leser bei der Stange, indem sie vor   allem in dem einen wichtigen Punkt über weite Strecken nur in Andeutungen verfährt: Es muss etwas Gravierendes, alles infrage Stellendes in der Beziehung zwischen Elsa und Sean vorgefallen      sein. Doch was, das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.  

Ein Buch, das einerseits in Ferienstimmung versetzt, andererseits      zum Nachdenken über die Phänomene Liebe und Tod anregt.  

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!  

Julia Holbe: „UNSERE GLÜCKLICHEN TAGE“

 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem 

Penguin Verlag

Buchtipp des Monats März 2020

   © Erna R. Fanger

   Friedrich Hölderlin – Göttersucher

„Friedrich Hölderlin. Bald sind wir aber Gesang“Eine Auswahl von Navid Kermani, Verlag C. H. Beck textura, München 2020. 

Eine Offenbarung, zugleich Meilenstein für Liebhaber sowohl der Dichtung Hölderlins als auch der Buchkunst ist die zwischen 1975 und 2008 von D. E. Sattler herausgegeben Ausgabe seiner Werke im Verlag Stoemfeld/Roter Stern. Zumal darin verschiedene Fassungen berücksichtigt sind, selbst handschriftliche, sowie  Notizen und Bruchstücke. Umso mehr trägt dieses Vorgehen dem prozessualen und fragmentarischen Charakter von dessen Dichtung Rechnung, im Gegensatz zu den vorausgehenden Werk-Editionen, die eine Abgeschlossenheit suggerieren, die Hölderlin weniger entspricht. Und findet Kermani in jüngeren Jahren kaum Zugang zu dem melancholischen Göttersucher mit dem ‚enervierend’ hohen Ton, leitet besagte neue Ausgabe einen Wendepunkt ein in Kermanis Hölderlin-Rezeption. So erkennt er jetzt in ihm den verzweifelt Suchenden, Ringenden. Sei es um seine Verbindung zu den Göttern, sei es um den Zugang zur Poesie. Nicht zuletzt ringt Hölderlin um die Anerkennung Schillers, den er glühend verehrt und der ihn nicht ernst nimmt, in dem Brief an Schiller unter die Haut gehend dokumentiert. 

Und beginnt Kermani sein Nachwort noch mit „Wir sind es gewohnt, in Dichtungen uns wiederfinden zu wollen, Auskunft in ihnen zu suchen über unsere eigenen Fragen, den eigenen Schmerz“ und auf das prophetische Potenzial von „Nietzsche, Kafka, Beckett“ verweist, unterstellt er Hölderlin das Gegenteil: 

„Sein Werk weist nicht in die Zukunft, es blitzt der modernen Zivilisation, just auf dem Gipfel der Aufklärung, etwas Anfängliches, unwiderruflich Zerstörtes darin auf – der Mensch, der sich als Teil der Schöpfung, aber damit auch heillos höheren Mächten ausgesetzt sieht (...)“

Und geht im Zuge emanzipatorischer Bestrebungen der Neuzeit Subjektivität als wesentliches Merkmal mit Literatur einher, spricht Kermani Hölderlin dies dezidiert ab. Vielmehr bescheinigt er der Klage Hölderlins über den Verlust dieser Einheit zwischen Subjekt und Schöpfung, worin zugleich die Einheit zwischen Subjekt und Objekt anklingt, das Fehlen jeder Subjektivität. Stattdessen sind es Stimmungen und Empfindungen, angesiedelt in einem vielstimmigen poetischen Bedeutungsraum. Damit stellt er das individuelle Leiden Hölderlins am Verlust dieser Einheit in einen übergeordneten Zusammenhang und identifiziert es als Leiden an der Moderne, die zugleich – nach dem Mythos’ der Vertreibung aus dem Paradies – als zweiter Sündenfall betrachtet werden kann.

 

Die Auswahl, die Kerman hier vorlegt, ist, wie er bekennt, rein subjektiv. Dabei folgt er seiner ureigenen Liebe zur Literatur. Und im Zuge dieser Liebe finden sich unter den von ihm vorgestellten 28 Gedichten eben nicht nur die bekannten, sondern auch viele weniger rezipierte, etwa aus Hölderlins späten Jahren; gefolgt von Auszügen aus dem „Hyperion“, dem „Tod des Empedokles“; daneben Ausätze und Aphorismen sowie Übersetzungen. Einen intimen Blick in die existenziellen Nöte und das Ringen um Integrität gewähren die Briefe von 1792 bis 1828, des Weiteren eine Stammbucheintragung „Für einen Unbekannten“ aus dem Jahr 1840. Dabei stützt sich Kermani auf die gleichwohl renommierte dreibändige Ausgabe „Sämtliche Werke und Briefe“, herausgegeben von Michael Knaupp im Carl Hanser Verlag aus dem Jahr 1992/93.

Sich in das Werk Friedrich Hölderlins zu vertiefen, ist ein gewiss so zeitaufwendiges wie lohnendes Unterfangen. Wer sich hingegen außerstande sieht, in das  Gesamtwerk einzutauchen, dem Hölderlin jedoch nichtsdestotrotz ein Anliegen ist, darf sich mit dieser Auswahl glücklich schätzen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck! 

Buchtipp des Monats März 2020

  © Erna R. Fanger 

  Verlorengehen und sich wandeln

Marina Frenk, „ewig her und gar nicht wahr“,  Quartbuch, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 

Marina Frenk lässt aufhorchen mit diesem Debut. Dabei schöpft die 1986 in Moldawien geborene, seit 1993 in Deutschland lebende, vielseitige Künstlerin – Schauspielerin, Musikerin und Autorin – nicht nur aus ihrer eigenen Migrationserfahrung, sondern auch der ihrer russisch-jüdischen Vorfahren. Dementsprechend verwebt sie gekonnt mehrere, teils sich in surrealistischer Manier überlagernde Erzählstränge und bietet dem Leser im Zuge dessen ein lebenspralles Erfahrungsspektrum in erfrischend origineller, nuancenreicher Bildersprache. 

Im Zentrum des Art Künstlerinnen- und Selbstfindungsromans Kira Liberman. Mit Marc, dem Vater ihres kleinen Sohnes Karl, in Berlin lebend und wie die Autorin gleichwohl aus russisch-jüdischer Familie stammend. Zugleich junge Malerin, die in ihrer künstlerischen Entwicklung stagniert. Ihre großformatigen Bilder aus früheren Zeiten, wo sie als Künstlerin gefeiert war, haben ihren Platz auf dem Dachboden gefunden, den sie immer wieder aufsucht und wo ihr die eigene Misere umso drastischer vor Augen steht, Suizidgedanken aufkommen lässt. Der Erzähltenor ist jedoch nie larmoyant, sondern geprägt von bisweilen an Sarkasmus grenzender Selbstironie. Statt als bildende Künstlerin, arbeitet sie als Kursleiterin und beschränkt sich darauf, Zeichenkurse für Kinder zu geben. Mit ihrem Lebensgefährten Marc teilt sie sich jedoch lediglich die Verantwortung für den gemeinsamen Sohn. Darüber hinaus scheint die Beziehung auf Eis gelegt. Eine Leerstelle. Wirklicher Austausch findet nicht statt. Allenfalls in Kiras Alpträumen, wo Marc sie im letzten Kapitel drängt, ihn auf eine Trauerfeier zu begleiten, um ihr zu eröffnen, dass es ihre Beerdigung ist. Womit Frenk ein so komplexes wie treffendes Bild kreiert, das die Beziehung der Protagonistin zu Marc präzise umreißt. Kira hat indessen einen Lover, Theodor, Buddhist und der Meditation verschrieben, der sich selten blicken lässt. Sie zieht dann auch zu Nele, einstige Slawistik-Studentin, später Automechanikerin, indessen Musiklehrerin, die raucht, gerne trinkt, viel lacht und schrill drauf ist  – unkonventionell, farbig. Und der kleine Karl hat jetzt in Neles Sohn Manuel so etwas wie einen großen Bruder.

In solch krisenhafter Gemengelage liegt es nahe, existenzielle Fragen nach Her- und Zukunft ins Zentrum rücken, was Frenk in collageartig montierten Erzählsequenzen souverän handhabt. So erfolgt der Versuch von Protagonistin Kira, sich in ihrer eigenen Verloren- und Perspektivlosigkeit neu zu verorten, in der Erforschung der Familiengeschichte. Sei es in Rückblenden, teils an der fiktiven Wirklichkeit orientiert, teils da erfunden, wo reale Begegnung nie stattgefunden hat, sei es in Reisen nach New York, Israel und Moldawien zu den indessen weltweit verstreuten Verwandten. Im Zuge all der komplexen Belange, denen Kira versucht gerecht zu werden, vermisst sie ihre Wurzeln und beklagt, sich nicht zu spüren. Wohl wissend, dass während sie, solchermaßen bedrängt: 

„Flüchtlinge an den Grenzen in Käfigen sitzen, Kinder sich in Wärmedecken aus Goldfolie hüllen und ihre Eltern in Lagern und Kellern vergewaltigt oder gefoltert werden. Während andere Menschen in Slums verhungern. Und dann ich. Eine Kira Liberman, die sich nicht spürt in ihrer Wohnung und sich von außen betrachtet.“

Eine Lösung nicht in Sicht. So doch eine Haltung, gleich im Prolog offenbart, die hoffen lässt und sich als Erfahrungswert der damals Fünfjährigen, die ihre Eltern während eines Strandaufenthalts am Schwarzen Meer verlor, bis zum Schluss des Romans durchzieht: „Verloren gehen fühlt sich einsam an, aber auch interessant. (...) Ich akzeptierte, dass ich verlorengegangen war, und versuchte mich zu verwandeln.“ 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Klaus Wagenbach!

Zum Archiv

Buchtipp des Monats März 2020

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com: Geliebte Helden ...

 

Gudrun Hammer: "Lieberkühn",       edition wohlwill, Hamburg 2017

Bekanntermaßen haben es Kurzgeschichten, Storys oder Erzählungen nicht gerade leicht, an den Leser gebracht zu werden. Ein Phänomen, zumal es sich dabei in der Regel um kleine Kunstwerke handelt, die dem Autor einiges Knowhow abverlangen. Nicht zuletzt geht es darum, mit möglichst wenigen Worten möglichst viel auszusagen und dabei beredt zu verschweigen, was die Fantasie des Lesers umso mehr anregt, diesen aktiv ins Geschehen zu involvieren. 

Gudrun Hammer beweist in ihrem 13 Geschichten und 187 Seiten umfassenden Band „Lieberkühn“, dass sie ihr Metier beherrscht. Und sie liebt ihre Figuren. Sei es, wenn in „Anettes Reich“ vom Atelier einer Malerin außergewöhnlichen Charakters die Rede ist, oder in „Schuldlos“ davon berichtet wird, wie Marion Giese ihre Einstellung zu dem verstorbenen Chef und Psychiater Dr. Broszat auf ihre ganz eigene Weise nahebringt. Gewagt dann am Schluss der Teil über „Die Ängste des Seemanns vor dem Land“, was allein schon von der Namensgebung her des Kapitäns, „Hammer“, autobiographische Züge erwarten lässt. 

Und immer wieder entführt uns die Autorin in die Welt der Wörter und Buchstaben. Sei es in der Titelgeschichte „Lieberkühn“, wo sich die Protagonistin Beatrice im Zuge der Untreue und Unehrlichkeit ihres Partners dessen Briefe im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt. Oder Hans, dem angesichts der Lektüre des  Manuskriptes seiner schreibwütigen Partnerin Greta im Umfang von neunhundertundsechs Seiten der Kopf schwirrt und dem die Buchstaben vor seinen Augen tanzen. Greta wiederum, die, sich ihren Traum erfüllend, völlig in ihren Geschichten und Romanen aufgeht, selbst des Nachts im Traum mit ihren Figuren spricht und ihn am Tage kaum mehr wiedererkennt. Überdies verleiht dem Ganzen manch’ literarische Anspielungen Substanz. So etwa in „Die Suche“, wo der in einer Krise steckende, weithin bekannte Erfolgsautor Martin W. die Hamburger Bücherszene nervt. Oder gleich zu Beginn, wo nicht ohne ironischen Tenor Arthur Schnitzlers „Der Reigen“ ins Spiel und in Zusammenhang mit den dort um den Beischlaf konstruierten Dialogen gebracht wird. Alles in allem ein Lesevergnügen par excellence, raffiniert eingefädelt und stets mit Augenzwinkern.

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der edition wohlwill 

Siehe auch  Poet's Gallery 

Datei als Download im Archiv

Buchtipp des Monats Februar 2020

  © Erna R. Fanger

   Glanz und Abglanz des Erfolgs

James Wood, „Upstate“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. Aus dem Englischen von Tanja Handels.

Mit „Upstate“ hat der bekannte britische Kritiker, Essayist und Romancier James Wood eine Art Kammerspiel inszeniert, in dem nicht nur von Beginn an die Brüchigkeit der Figuren offen zutage tritt, sondern dieselben zugleich als Repräsentanten einer in sich zerrissenen Mittelschicht fungieren, deren äußerlicher Erfolg zunehmend bröckelt. So spielt sich das Ganze im Wesentlichen zwischen Protagonist Alan Querry, 68, ansässig in Nordengland, und seinen beiden Töchtern Vanessa und Helen ab. Alan, der mit Immobilien bis vor kurzem eine Menge Geld gemacht hat, jedoch seit drei Monaten in finanziellen Schwierigkeiten steckt und sich Sorgen machen muss, weil er die Seniorenresidenz für seine Mutter nicht mehr bezahlen kann. Zu allem hin quält ihn, wie er ihr das beibringen soll. Selbst linksliberal, ist ihm die eher rechte politische Gesinnung seiner zehn Jahre jüngeren Frau Candace zwar nicht genehm, jedoch nicht wirklich ein Hindernis. Sieht er in ihr doch seine Rettung vor Einsamkeit und Alter. Paradebeispiel für die nicht selten skurril anmutenden Widersprüche, in denen sich die Vertreter der gehobenen Mittelschicht häufig verstrickt sehen, ist wiederum Candace in ihrer Eigenschaft als erfolgreiche Unternehmensberaterin, die sich indessen zur buddhistischen Psychotherapeutin ausbilden lässt. Gleichwohl von Erfolg gekrönt die Karriere der beiden Töchter. Während Helen an der Spitze des Musik-Managements eines Konzerns wirkt, dabei unter dem zunehmenden Stress leidet und ihren hochdotierten Job am liebsten an den Nagel hängen würde, lehrt Vanessa hingabevoll Philosophie an einer kleinen amerikanischen Privat-Universität, wird jedoch immer wieder von Depressionen heimgesucht. Soweit das Personal. 

Der Plot dreht sich im Kern um Vanessa. Zwei Jahre älter als Schwester Helen, hat sich von früh auf der Unterschied in Temperament und Charakter der beiden abgezeichnet. Helen, extrovertiert und in der Lage, Glück in ihr Leben zu ziehen, Vanessa, eher in sich gekehrt und zu Depressionen neigend. Und als deren neuer Freund und Geliebter Josh Helen benachrichtigt, sie sei die Treppe heruntergefallen, und mutmaßt, dass Absicht hier im Spiel gewesen sei, informiert Helen wiederum ihren Vater und sie beschließen, nach Upstate New York in die USA zu fliegen, um nach Vanessa zu sehen. Dies wiederum stellt den Rahmen für eine umfassende Auseinandersetzung um Fragen existenzieller Natur nach dem Woher, Wohin und Wozu. Und so kommt auch noch einmal das Trauma zur Sprache, wo die Mutter, indessen verstorben, Mann und die beiden kleinen Mädchen hatte sitzen und die Familie verlassen hatte. Umstand, der zwar beide tief getroffen, jedoch Vanessa, im Gegensatz zu Helen, bei weitem mehr verstört hat. 

Die Versuche Alans und Helens  Vanessa zu helfen hingegen muten hilflos an. Allein gemeinsam darüber zu sprechen, den Fragen nachzugehen, die sich stellen, etwa warum der eine glücksfähig, der andere wiederum von seinen melancholischen Neigungen beherrscht wird, bringen die Figuren einander näher. Auch kommt heraus, dass Josh sich Vanessa und ihren Depressionen nicht gewachsen sieht, nicht weiß, ob er eine enge Verbindung zu ihr auf die Dauer durchstehen würde, was er aber nur Alan offenbart. Die taffe Helen leidet neben dem Stress, dem sie permanent ausgesetzt ist, unter der Trennung von ihren Kindern, während sie ihren Mann Tom, der ihr offensichtlich wenig helfen kann, kaum vermisst. Alan wiederum ...

   "... blickte auf das Band eines Lebens, auf das BandseinesLebens, und er blickte auf das Ende dieses Lebens; und ganz in der Ferne, am weiten, diffus sonnenhellen, unsichtbaren Horizont, da war der Tod und alle Toten, die einstigen und die künftigen ..." LESEPROBE

 

Damit kommt der Roman sozusagen auf den Grund. Und es hat etwas Erlösendes, zum Kern der Dinge vorzudringen, den Fragen um Liebe und Tod, da, wo wir zur Wahrhaftigkeit genötigt werden. In diesem Sinne hat der Prozess, dem sich die drei Protagonisten zu stellen bereit sind, am Ende keine Lösung parat, stattdessen wartet er allein durch die Bereitschaft der Figuren, einander anzuhören, mit erlösenden Momenten auf. Und während noch die Messlatte des Erfolgs bei allen Figuren dramatisch ins Wanken gerät, scheinen sie im Aufeinanderzugehen Linderung ihrer existenziellen Nöte zu erfahren. 

In stilistischer Hinsicht besticht der Roman durch die vielen Details und minutiösen Beobachtungen, was an manchen Stellen in überbordender Manier aber auch zu kippen droht oder schlicht redundant wird. So, wenn wir zu Beginn gleich mehrmals hintereinander zu lesen bekommen, dass der Protagonist die teure Unterbringung seiner Mutter nicht länger aufrechterhalten kann. Oder wenn etwa in Klammern erklärt wird, dass „faltern“ eine Wortschöpfung aus ‚altern’ und ‚Falten’ sei, wo An- und Abführungszeichen als Wink für den Leser im gegebenen Kontext durchaus genügt hätten, dass er von selbst darauf gekommen wäre. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag GmbH Hamburg!

Buchtipp des Monats Januar 2020

© Erna R. Fanger:

Im richtigen Alter, einen Porsche zu fahren

Sarah Lapido Manyika, „Wie ein Maultier, das der Sonne Eis bringt“, Hanser Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2019. Aus dem Englischen von Monika Baark.

Mit diesem Büchlein in sympathischem Tenor, Debutroman der nigerianischen Essayistin und Verfasserin von Geschichten Sarah Lapido Manyika, Jahrgang 1968, indessen in San Francisco lebend, halten wir Brechts „Die unwürdige Greisin“ reloaded und versetzt ins 21. Jahrhundert in Händen. Mit warmherziger Frische und Offenheit werden hier herkömmliche Altersbilder ver- und neue Perspektiven auf das Älterwerden entworfen. Ohne die Malaisen zu beschönigen, die die letzte Lebensphase birgt – Verlust von Weggefährten, Nachlassen der Sehkraft, Angst vor Hinfälligkeit und dem allgegenwärtigen Vergessen. Doch dem zum Trotz ist es die unverbrüchliche Neugier auf das Leben und auf die Menschen, Lust auf Sex, wenn auch nicht mehr an zentraler Stelle, die hier überwiegen. Hinzu kommen Freude der Protagonistin an farbenprächtigen Stoffen, einem veritablen Styling, high heels und nicht zuletzt die Liebe zu ihrem alten Porsche, mit dem sie durch die Straßen San Franciscos rauscht. Nicht zu vergessen – die leidenschaftliche Zuneigung zu ihren treuesten Freunden: den Büchern. Und davon besitzt die einstige Diplomatengattin und spätere Literaturprofessorin Morayo da Silva, weitgereist und wortgewandt, mehr als genug. Überdies die Fähigkeit, über dem Wunderbaren, dessen sie in Augenblicken der Begegnung gewahr wird, die Abgründe, die immer lauern, kurzerhand zu vergessen und das Leben zu feiern. Sei es im Hier und Jetzt. Sei es in der Erinnerung – Zeitebenen, die immer wieder wechseln und uns die Figur zunehmend nahebringen. Überdies lernen wir sie zugleich stets aus der Perspektive derjenigen kennen, mit denen sie Umgang pflegt, was sie in ihrem schillernden Facettenreichtum vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden lässt. Angereichert mit mancherlei Referenzen an literarische Weiblichkeitsentwürfe, wie etwa Shakespeares Ophelia, die sie umschreibt und den darin scheiternden Heldinnen ein Happy End angedeihen lässt. 

Und als sie unmittelbar vor ihrem 75. Geburtstag auf dem Badewannenrand balancierend ihr Outfit für die bevorstehende Party im Spiegel überprüft, passiert es: Eine falsche Drehung, sie rutscht aus und erwacht nach Hüftbruch und Operation in einem         © James Manyika Pflegeheim. Doch auch das stürzt sie nicht, wie man meinen könnte, ins Elend. Vielmehr macht sie dort berührende Bekanntschaften. Etwa mit der liebevoll zugewandten Bella aus Nicaragua, die trotz ihres abgeschlossenen Studiums umständehalber als Pflegerin beschäftigt ist und ihr die besänftigende Wirkung des Gottesglaubens, gerade im Alter, nahelegt. Oder mit dem hingabevoll seine demente Frau umsorgenden Reggie aus Guyana. Wie überhaupt ihre Wahrnehmung stets auf die Einzigartigkeit eines jeden fokussiert scheint. 

Und so endet das Ganze nach der Entlassung aus dem Pflegeheim in einem Freiheitsrausch, wo sie in ihrem Porsche noch einmal kräftig aufs Pedal tritt, durchaus im Auge, dem, was sie an Misslichkeiten noch zu erwarten hätte, ein jähes Ende zu bereiten und gegen den nächsten Baum zu fahren. Stattdessen erblickt sie wieder die Obdachlose mit ihrem Hund, die sie von Beginn an der Lektüre im Visier hat. Sie könnte womöglich ihre Hilfe brauchen. Hält an, kommt mit ihr ins Gespräch, macht sich vertraut mit deren tiefgreifenden philosophisch anmutenden Gedanken. Neue gemeinsame Perspektiven tun sich womöglich auf …

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Hanser Berlin!

Buchtipp des Monats Dezember 2019

© Erna R. Fanger

Mikrokosmos des Alltäglichen 

Stewart O‘ Nan: Henry Persönlich“, Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel.

Mit diesem 500-Seiten Schmöker wendet O’Nan den Blick noch einmal zurück, handelt es sich doch um das letzte Buch einer Art Trilogie rund um das Leben der Maxwells, beginnend mit  Abschied von Chautauqua (2005), gefolgt von Emily allein (2011) – zum Bestseller avanciert –, in dem ihr Leben als Witwe nach dem Tod von Henry zur Sprache kommt.

Wobei „Henry persönlich“ ein Phänomen ist. Es passiert im Grunde nichts. Nichts Nennenswertes. Vielmehr handelt es sich um das Altersporträt des Titelhelden Henry Maxwell, einem ehemaligen Ingenieur, der seinen handwerklichen Fähigkeiten mit der ihm eigenen Akribie nun in seinem Ruhestand im Eigenheim frönt. Zugleich liegt uns hier das Porträt des Vertreters einer ‚aufgeräumten‘ amerikanischen Mittelschicht vor, deren Leben konventionell in geordneten Bahnen verläuft. Allein ist es Stewart O’Nans detailgetreuer Blick auf das Innenleben seines Helden, geprägt von Empathie und Zärtlichkeit, der den Leser in den Bann zieht. Auf Anhieb gewinnt der mit Alter und Hinfälligkeit kämpfende Protagonist umso mehr unsere Sympathie. 

So erlebt der Leser in an die 100 überschaubaren kleinen Kapiteln mit Henry und seiner Familie – vornehmlich seine Frau Emily, mit der er seit fast 50 verheiratet ist, und der kauzig gezeichneten, ledigen älteren Schwester Arlene – den Jahreskreis. Dabei nehmen wir teil an den sich wiederholenden Ritualen. Vom Valentinstag über Ostern, Sommerferien in Chautauqua, Thanksgiving und Weihnachten – wobei in den Ferien und jährlich wiederkehrenden Festen stets das Wiedersehen mit den geliebten Enkeln den Mittelpunkt bildet. Und so beschaulich und wohl sich der Alltag von Henry und Emiliy gestalten mag, lebt das Ganze letzten Endes von der Spannung des guten Lebens, konterkariert durch die Angst vor sozialem Abstieg, wie in unmittelbarer Umgebung spürbar, nicht zuletzt aber die Erfahrung von Hinfälligkeit und der Furcht vor dem nahenden Tod. ‚Es kann jederzeit passieren’, meint er zu Emily, die sich darüber erbost und sich dem Gedanken energisch verweigert. Auch macht ihm etwa zu schaffen, als er ein Verkehrsschild übersieht und ‚um ein Haar’ frontal mit einem Schulbus kollidiert. Als er Emily zum Valentinstag feudal zum Essen einlädt, kämpft er zwischen kulinarischer Genuss-Kultur, Champagner und Krabbencocktail mit Magenproblemen: „Als er sein zweites Glas Champagner zur Hälfte geleert hatte (...) sah er plötzlich im Fenster sein Spiegelbild, seinen gespenstischen Zwilling, der über dem Abgrund schwebte.“Leseprobe Und während er auf dem Rückweg auf die Kabine wartet, die sie von der Anhöhe, wo ihr Lokal lag, wieder zurück ins Tal brächte, nimmt er die stetig sich verändernde, unter ihnen sichtbare Skyline von Pittsburgh wahr, ‚sich mal wieder des Gefühls erwehrend’, „der Vergangenheit anzugehören“. LeseprobeGanz zu schweigen von der alkoholkranken Tochter Margaret, deren Ehe gefährdet ist und um die er und Emily sich stets sorgen.

Zugleich bilden Erinnerungen die Kehrseite des Buches, die allenthalben aufbrechen und in denen Kindheit und Jugend Henrys zum Tragen kommen. Nicht zuletzt die einschneidende Erfahrung des Zweiten Weltkriegs in Europa. Aber auch seine Sozialisation bis hin zu den Ahnen kommt zur Sprache und bildet in der Gesamtheit das Mosaik eines ganzen Lebens. Eines Lebens, das, obschon nicht ohne Drama, am Ende seinen Sinn zu erfüllen scheint, den vom Schicksal zugewiesenen Platz einzunehmen und mit Leben zu füllen. Sei es innerhalb der Familie, sei es beruflich oder in der Gemeinschaft von Nachbarn, Freunden, innerhalb der Kirchengemeinde, wo Henry sich im Vorstand engagiert. 

Mit zunehmender Lektüre – und das mag ihr Faszinosum ausmachen – werden wir Zeuge, wie der klischeebehaftete Begriff „Alter“ sich mit Leben füllt. Berührend und komisch zugleich etwa, wenn Henry im Zuge eines Kirchenbesuchs mit sich selbst ins Gericht geht – sein Knie schmerzt und er will sich partout nicht helfen lassen:

Er musste zugeben, dass er immer zu stolz sein würde. Immer glauben würde, im Recht zu sein. Nicht zuhören würde. Groll hegen würde. Er musste netter zu Margaret sein, und aufhören, sich selbst zu bemitleiden, weil er alt und nutzlos war. „Amen“ sagte er zusammen mit der Gemeinde, doch ihm fiel noch mehr ein. Verbitterung. Missgunst. Falschheit. Wenn man einmal anfing, seine Sünden aufzuzählen, nahm es kein Ende. Leseprobe

Was Henry jedoch nicht abhält, voller Hingabe den bescheidenen Freuden des Alltags zu frönen. „Am Ende des Tages hatte er gern das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Nichts genoss er so sehr, wie im Bett zu liegen und eine Liste der Dinge aufzustellen, der er am nächsten Tag erledigen musste.“ LeseprobeAber auch ein mit Puderzucker bestreuter Zitronenkuchen konnte ihn beglücken oder der nach langen Wintertagen nahende Frühling:

Die Bäume trieben Knospen, helle Wolken schwebten durch den blauen Himmel, und obschon es nicht stimmen konnte, glaube er zu spüren, dass die Welt sich drehte und er sich mit ihr. Er sah es als eine Verheißung. Leseprobe

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag GmbH Hamburg

Datei als Download im Archiv

 © Hartmut Fanger 

 Von der Suche nach Sinn und Erkenntnis 

Paolo Cognetti: Gehen ohne je den Gipfel zu besteigen.Penguin Verlag, München 2019: 

Mit Gehen,ohne je den Gipfel zu besteigen knüpft Cognetti inhaltlich an sein erfolgreiches Romandebut Acht Berge(2018) an. Wieder geht es um das Erlebnis der Bergwelt. Diesmal jedoch nicht in Romanform, vielmehr werden wir Zeuge einer Reise des Autors durch den Himalaya, und zwar ganz im Sinne des bewährten buddhistischen Mottos „Der Weg ist das Ziel“. Und dieser Weg führt, gleichwohl in buddhistischer Tradition, nirgendwo hin als zu sich selbst. In der Einsamkeit der entlegensten Regionen der Bergwelt Nepals kommt es ihm dementsprechend nicht darauf an, etwaige Gipfel zu erklimmen oder gar den leuchtenden Kristallberg zu erspähen. So erweist sich besagtes Unternehmen zunehmend als Pilgerreise, auf der dementsprechend das Gehen selbst zur Mission wird. Als Vorbild hierzu diente ihm u.a. das Buch „Auf der Spur des Schneeleoparden“ von Peter Matthiessen (1978), das nach Cognetti heute noch in allen Buchhandlungen Kathmandus erhältlich ist. Nicht nur hat es Cognetti letztlich zu dieser Reise inspiriert, sondern begleitet es ihn überdies auf Schritt und Tritt. Zu allem hin ist er mit fast vierzig Jahren genauso alt wie Matthiessen, als dieser einst seine Reise antrat. Spannend schildert er den Werdegang seines Vorbilds. So hatte sich Matthiessen einst wie Hemingway oder Fitzgerald in Paris niedergelassen, wo er zu den Gründern der legendären Literaturzeitschrift „Paris Review“ gehörte, schließlich zum Umweltschützer avancierte, um sich später, nach umfangreicher Drogenerfahrung, dem Buddhismus zuzuwenden.  

Cognettis Weg in Nepal wiederum ist insofern nicht unwesentlich von der Erfahrung meditativer Einsichten und tiefgreifender Erkenntnis geprägt. „Selbst wenn man nicht weiß, wonach man sucht, ist ein Wildbach der beste Weg, dem man nur folgen kann“, heißt es an einer Stelle. „Er gibt unbeirrbar die Richtung vor, führt bis zu seiner Quelle, und während man zusehen kann, wie er immer klarer wird, spürt man, wie man nicht nur seiner, sondern auch der eigenen Läuterung entgegengeht!“ 

Dabei trifft er immer wieder auf tibetische Klöster und Mönche, wie zum Beispiel Shey Gompa, für ‚den vierzig Jahre wie in einem Wimpernschlag verflogen’ sind: „(...) ganz ohne Entdeckungen und Erfindungen, Kriege, Revolutionen, Jugendbewegungen, untergegangene Reiche und Ideologien, ganz ohne Musik und Literatur.“ Und immer wieder macht er Entdeckungen, die ihn staunen lassen. So zum Beispiel die größte Ansammlung von Gebetssteinen, die der Autor auf einem Gelände hinter einem Kloster findet, wo er eigentlich einen Friedhof vermutet hatte.  

Nicht nur veranschaulicht durch die plastischen Beschreibungen

der Bergwelt, des kargen Landes und der darin nicht selten anzutreffenden schillernden Persönlichkeiten, erzeugen darüber hinaus die mit feinem Pinselstricht geführten, detailgetreuen Zeichnungen Cognettis zugleich eine unmittelbare Nähe zu dem Autor und seinem Kosmos. 

Unbedingt empfehlenswert und denjenigen als Lektüre zwischen den Jahren ans Herz gelegt, die nach Sinn, wahrhafter Natur und meditativem Bewusstsein streben.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin Verlag, München 2019 

Buchtipp des Monats November - Dezember 2019

  © Erna R. Fanger: 

Am Anfang steht das Anderssein 

Ilma Rakusa: Mein Alphabet“, Literaturverlag Droschl GmbH, Graz 2019

A wie „Anders“ steht in diesem poetischen Alphabet nicht nur für den Anfang, sondern scheint zugleich Programm zu sein. Denn das ist eine der ersten Erfahrungen der Autorin als Schulkind, festgehalten in diesem sehr persönlichen Buch: Sie ist anders als ihre Mitschülerinnen. Man zeigt mit dem Finger auf sie, grenzt sie aus. Sie hingegen bleibt „draußen am Zaun“. Dort lernt sie, was wesentlich für ihr späteres Leben als Schriftstellerin sein wird: zu beobachten, in Berührung mit der heilenden Kraft der Natur zu kommen ebenso wie mit ihren Träumen und ihrer Fantasie. Allesamt erweisen sie sich als tragende Kraft durch Schatten und Licht, von der die hier unter besagtem Motto versammelten Kurzprosatexte und Gedichte zeugen. 

Tauchen wir ein in die Lektüre, beginnt, jenseits von Hektik und Aufgeregtheit, die derzeit den öffentlichen Diskurs dominieren, eine andere Zeitrechnung. Nämlich die des Kairos, Zeit des Eingedenkens, statt des Kronos‘, des chronologischen, linearen Aspekts der fortschreitenden Zeit. Und eine eigentümliche, ja beinahe schon Sucht erzeugende Ruhe geht von den poetischen Miniaturen des Rakusaschen Kosmos‘ aus, getragen von einer Fülle an Referenzen an Literaturen und ihre Autoren, an bildende Kunst oder die Entdeckung auf Reisen unterschiedlicher Kulturen, an Naturbeobachtungen. Sei es die Erhabenheit ehrfurchtgebietender Berge, sei es die eher ängstigende Wildheit von ‚Atlantik, Pazifik und anderer Ozeane‘ im Gegensatz zum geliebten Mittelmeer der Kindheit in und um Triest.

Und wer einen Zipfel vom Paradies erhaschen will, möge der Lektüre des G wie Granatapfel folgen. Hier liegt die Schönheit besagter Frucht weniger im Auge des Betrachters als vielmehr an der sprachlichen wie faktischen Präzision, mit der Rakusa sie uns nahebringt. Sei es im Hinblick auf die changierende Farbvielfalt, dem Strahlen, „sein Kelchblatt wie ein Krönchen hochreckend“, oder wenn in seinen diversen ,Kammern mit rubinrot leuchtenden Perlen sich ein Schatzkästchen auftut‘. Wobei eine einzelne Frucht bis zu 400 Samen birgt – ‚an ein Wunder grenzend‘. Und wer einmal aus den Augen Rakusas Malewitschs „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund« (1915)“ in Augenschein genommen hat, wird, wie Rakusa selbst, eines ‚Erweckungserlebnisses‘ teilhaftig, von dem sie uns wissen lässt: „… es initiierte mich in die gegenstandslose Malerei.“ Wobei die religiöse Diktion kein Zufall ist, vielmehr erfahren wir, dass dieses Schwarz, ‚in seiner Vieldeutigkeit vibrierend, für Malewitsch selbst Ikone war, die er wie ein Heiligenbild in seinem Haus aufhängte‘, wo man seinem ‚dynamischen Schweigen, seinem Rhythmus und seiner Erregung‘ huldigen konnte. 

Den Schluss bilden, dem Z gemäß, „Zwetajewa“ und „Zaun“. Marina Zwetajewa (1892-1941), die große russische Dichterin, Dramatikerin und Essayistin. „Fast bin ich mit ihr befreundet, so viele Jahre habe ich mich lesend und übersetzend mit ihr beschäftigt, sie in imaginären Gesprächen um Rat gefragt.“ Schwester im Geiste Rakusas, zugleich Art Spiegelfigur. Zu ihr entfaltet sich allein im Zuge der Herausgabe und Übersetzung ihrer Werke im Suhrkamp Verlag eine so innige Beziehung, dass man die beiden Poetinnen vor dem geistigen Auge zusammen sieht wie zwei eng miteinander vertraute Freundinnen: 

      »Marina!« Sie schaut mich an. Wachsam. Hinter der Wachsam-

      keit erkenne ich tiefe Müdigkeit. Aber es kommt keine Klage. Nur 

      der Satz, sie müsse noch auf den Markt. »Gehen wir zusammen.«

Last but not least „Zaun“, womit sich der Kreis schließt: „Sie hingegen bleibt „draußen am Zaun“ (siehe oben). Wobei sie zwischen dem poetischen Holzzaun und dem unerbittlichen aus Metall unterscheidet, wo kein Geflüchteter mehr durchkommt. Dem wiederum setzt sie ihr ganz eigenes Plädoyer entgegen: „„Ich plädiere für löchrige Zäune, die symbolisch einhegen. Wie ein zärtlicher Wink. Und dich zum Schauen einladen. Komm, komm …“

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Literaturerlag Droschl in Graz 

© Hartmut Fanger

Prophet mit Herz und Empathie

Yavuz Ekinci„Die Tränen des Propheten.  Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2019. Aus dem Türkischen von  Oliver Kontny 

Hervorstechendes Merkmal des Ich-Erzählers und Protagonisten Mehdi – seit seiner Begegnung mit Erzengel Gabriel zum Propheten berufen – ist seine Fähigkeit zur Empathie. Zumal angesichts unablässig auf die Erde hereinbrechender Katastrophen. Immer wieder bricht Mehdi in Tränen aus. Sei es, wenn wieder einmal ein Terroranschlag, kriegerische Auseinandersetzungen und Blutvergießen stattgefunden haben, oder er sich mit Hass und Hetze im Internet konfrontiert sieht. Und immer deutlicher zeichnet sich ab: Er würde den Kampf gegen das Böse aufnehmen, stattdessen mit einer Friedensbotschaft aufwarten. Allem voran wiederum ist es der dem Autor eigene Humor, womit es Yavuz Ekinci gelingt, das Ganze trotz eindringlicher Schilderung menschlichen Leids und Elends lesbar zu halten. Und selbst wenn er einmal an der Welt zu verzweifeln droht, ist dies nicht frei von Selbstironie, was nicht zuletzt den Reiz der Lektüre ausmacht:

Was ist nur aus der Welt geworden. Ich muss mich beeilen. Je länger ich zögere, desto mächtiger wird das Böse. Ich habe keine Zeit mehr. Ich bin Prophet. Ich bin doch geschickt worden, um das Himmelreich Gottes auf Erden herabzubringen“, sagte ich vor mich hin und ging in einen Baumarkt ...  Leseprobe

Nicht ohne Augenzwinkern seitens des Autors wiederum vernimmt der Leser,  dass sich schon zur Zeit von Mehdis Geburt die seltsamsten Dinge ereignet hätten. Wie aus einem Lehrbuch für autobiographisches Schreiben wird dieser Zeitpunkt im Kontext geheimnisvoll, ja mysteriös anmutender historischer Begebenheiten verortet und somit zu einem besonderen Ereignis stilisiert. Ganz nach dem Vorbild Goethes, der in „Dichtung und Wahrheit“ in der besonderen Sternenkonstellation von Sonne, Jupiter und Mars zum Zeitpunkt seiner Geburt um 12 Uhr ein Zeichen sah. Auch hier wieder im feinen selbstironischen Tenor heißt es bei Ekinci, dass in der Geburtsnacht seines Helden ‚geheimnisvolle Dinge überall auf der Welt geschahen’. Der Legende nach sollen Ufos gesehen worden, ein Flugzeug mit einhundertzweiundsechzig Passagieren verschwunden, Decken in Tempeln, Kathedralen und Moscheen eingestürzt, gar ein ‚Haifisch mit zwei Köpfen aufgetaucht sein.

Doch damit nicht genug. Mangelt es Mehdi in seiner Funktion als Prophet zunächst an Durchsetzungs- und Überzeugungskraft, besteht nun seine Aufgabe vornehmlich darin, an sich selbst zu arbeiten, sich zu entwickeln, um seine Botschaft am Ende in die Welt setzen zu können. Köstlich, wenn dies etwa an seinem Kampf mit einem Hühnerauge, dem er mit einem Hausmittel im wahrsten Sinnes des Wortes zu Leibe rückt, beinahe zu scheitern droht. 

Betrachten wir wiederum die opulente Büchersammlung Mehdis, wird schnell klar, woher er seine Botschaften nimmt. Dabei geht’s quer Beet durch die Religionen. Sei es der ‚Koran, den er besser kannte als mancher Imam, seien es die Gleichnisse in den Evangelien, die Bibelzitate, mit denen er gern ein Gespräch eröffnet, oder die Thora, der er geradezu verfallen war’ ... Undogmatisch, melancholisch, zugleich heiter, folgen wir den Wegen und Irrwegen des Protagonisten. Und bei all den dabei verhandelten Erkenntnissen aus den großen monotheistischen Welteligionen ein zugleich hoch aktueller wie brisanter Roman. Kurz: Ein Lesespaß mit Tiefgang, wie wir es uns für zwischen den Tagen nur wünschen können. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Antje Kunstmann, München 2019  

Buchtipp des Monats November 2019

© Hartmut Fanger: 

Axel Hacke: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“, Verlag Antje Kunstmann, München 2019

Der Autor und Kolumnist Axel Hacke wagt sich mit seinem Buch „Wozu wir da sind“ an ein noch immer tabuisiertes Thema: Sein Held Walter Wemut schreibt seit über dreißig Jahren Nachrufe für eine Zeitung – „eine eigene Seite nur für die Toten und für mich.“ Dementsprechend geht es also vornehmlich um den Tod. Diametral dazu das Paradox, als er den Auftrag erhält, über das gelungene Leben einer achtzigjährigen Freundin zu schreiben. Zusehends evident wird, dass sich die scheinbar unversöhnlichen Pole, Tod und Leben, Leben und Tod, nicht voneinander trennen lassen. Nicht von ungefähr von daher auch das Motto seiner Seite: „Die Toten der Woche./That*s life“. Und so steckt in diesem Buch gleichermaßen die Fülle eines prallgefüllten, bunten Lebens. Und Axel Hacke versteht es in dem von ihm versiert eingesetzten Plauderton im Stil seiner Zeitungskolumnen, dem Unausweichlichen eine Sprache zu verleihen. Zugleich vermittelt sich aber auch Daseinsfreude im Zuge der so spannenden wie lesenswerten Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit ein Leben gelingt, ob es überhaupt möglich ist, diesbezüglich vom Scheitern zu reden. Tiefgreifende Reflexionen, gespickt mit Anekdoten und Zitaten bekannter Dichter wie Rilke oder Schriftsteller wie Stephan Zweig und sein „Die Welt von Gestern“ oder George Simenon und dessen Kommissar Maigret, illuster inszeniert. Aber auch Musiker und Bands, wie George Harrison, John Lennon und Yoko Ono sowie Jethro Tull mit ihrem Album „Locomotive Breath“ sind mit von der Partie. Besonders aussagekräftig die Gedanken über Leonard Cohen. Erst nach dessen Tod im November 2016 ist dem Protagonisten dessen Bedeutung anhand der berühmten Zeilen des Liedes „Anthem“ überhaupt bewusst geworden. Bezeichnend die Strophe, in der es um jenen Riss in allem geht. Zum einen Defekt, zum anderen jedoch zugleich die Möglichkeit, dass eben jener Riss dazu angetan sei, Licht freizusetzen. Nach Cohen heißt es seitens des Protagonisten: „Es gebe keine perfekten Lösungen, nirgendwo, schlimmer noch, die Welt sei voller Risse. Aber genau dort dringe das Licht ein, und genau dort liege die Möglichkeit zur Umkehr, zur Reue. In der Konfrontation mit der Kaputtheit der Dinge“. Und vielleicht liegt ja gerade hierin das Geheimnis eines gelungenen Lebens. Dementsprechend auch das Fazit: „Halten Sie Kontakt zur Welt. Überprüfen Sie ab und zu die Drähte dorthin. Lächeln Sie einen Kaktus an! Achten Sie auf die Risse in den Dingen und den Menschen. Seien Sie bereit, falls das Glück Sie aufsuchen möchte. “

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Antje Kunstmann Verlag in München                                                                                                                 Zum Archiv

Aktueller Buchtipp Oktober 2019

© Hartmut Fanger: 

Lesley Nneka Arimah WAS ES BEDEUTET, WENN EIN MANN AUS DEM HIMMEL FÄLLTAus dem Englischen von Zoë Beck, CulturBooks Verlag, Hamburg 2019

"Was eine Erzählung ausmacht,, … dass … Hörer und Leser notwendig so und nicht anders denken können.“

Goethe an K. Streckfuß 27.1.1827

Die Nigerianische, in den USA lebende preisgekrönte Autorin Nneka Arimah versteht ihr Handwerk. Beleg dafür ihr literarisches Debut, der Erzählband mit dem originellen Titel „Was es bedeutet, wenn ein Mann aus dem Himmel fällt“. Facettenreich, zugleich ungeschminkt und ungemein realistisch führt sie darin die harten Bedingungen in Nigeria, insbesondere in Lagos und Biafra im Südosten des Landes, vor Augen. Bis heute noch sind die Auswirkungen des Biafra-Kriegs spürbar.Und es bedarf nicht erst, sich der Story „Kriegsgeschichten“ zu widmen, um sich davon ein Bild machen zu können; hier sprechen die Zeilen des Dialogs zwischen der Ich-Erzählerin und deren Vater für sich: „Und was ist dann mit dem Lieutenant passiert?“, fragte ich und wollte eine andere Geschichte hören, die diese auslöschte. „Er starb, Nwando. Sie alle starben.“ „Und wieso bist du nicht gestorben?“ „Weil ich gerannt bin“, sagte er, „als es soweit war.“ Oder in der Titel-Erzählung „Was es bedeutet, wenn ein Mann vom Himmel fällt“, wo am Beispiel Kionis, der Ex-Freundin der Protagonistin, deutlich wird, was der Krieg in den Seelen der Menschen anrichtet: „Mit wie vielen Menschen hatte Kioni im letzten Jahrzehnt gearbeitet? Fünftausend? Zehn ...? Zehntausende Traumata in ihrer Psyche, die aneinander vorbeidrängten und um die Aufmerksamkeit ihres Wirtskörpers wetteiferten. Was würde geschehen, wenn man nicht vergessen könnte (...)“

Immer wieder kommt es zu bösen Überraschungen. So auch in der Geschichte mit dem sarkastischen Titel „Die Zukunft sieht gut aus“, wo die Schwester der von ihrem Mann misshandelten Protagonistin nur schnell deren Sachen abholen will, dabei jedoch von diesem kurzerhand erschossen wird. Oder wenn in „Wild“ eine aufmüpfige Teenagerin – von ihrer Mutter aus den USA nach Nigeria geschickt – dort das Leben ihrer eher angepassten Cousine aufmischt. Nur ein Beispiel für das konfliktive Verhältnis zwischen Mutter und  pubertierender Tochter –  weiteres zentrales Motiv. Eklatant kommt in ironischer Brechung die Abhängigkeit Letzterer in „Wer erwartet dich zu Hause“ anhand eines alten Liedes zur Sprache. Darin heißt es zum Beispiel: „Wohin gehst du?/ Ich gehe nach Hause//Was erwartet dich zu Hause?/Meine Mutter erwartet mich.//Was wird deine Mutter tun?/Meine Mutter wird mich segnen.//“ Immer wieder ist die Entfremdung zwischen Mutter und Tochter Thema, oft über Kilometer hinweg. Und auch der Tod fungiert hier mitnichten als versöhnender Katalysator. So in „Zweite Chancen“, wo eine Tochter, acht Jahre noch nach dem Tod ihrer Mutter, die konfliktive Beziehung zu dieser in einer Art Endlosschleife so variantenreicher wie unerbittlicher Präsenz immer wieder durchlebt. Wobei die Zahl Acht hier nicht von ungefähr zum Tragen kommt, steht sie doch in der Numerologie sowohl für das Leben nach dem Tod als auch für Unendlichkeit. Erlösendes Moment, wenn die Tochter es schließlich fertig bringt, die Mutter nach endlos anmutenden Kämpfen um Vergebung zu bitten.  

Gradlinig und schnörkellos erzählt, dabei kein Wort zu viel, sind die Geschichten Lesley Nneka Arimahs sperrig im besten Sinne, sprich sie widersetzen sich dem Leser und nötigen ihn, den differenzierten Realitäten, wie die Autorin sie entwirft, unvoreingenommen im Text zu folgen. Wobei sie nie ganz preisgeben, was sie zu sagen haben. Vielmehr erfüllen sie, was schon Goethe von Erzählungen erwartete, nämlich, ‚dass Hörer und Leser’ in dem Moment der Lektüre ‚notwendig so und nicht anders denken können’. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem CulturBooks Verlag in Hamburg 

Archiv

Siehe auch unseren aktuellen Sachbuchtipp: 

Andrea Gerk – Moni Port: „FÜNFZIG DINGE,..

Buchtipp des Monats September 2019 

 © Erna R. Fanger: 

Von der Wirkkraft der Poesie und der Liebe

Kathy Page: „All unsere Jahre“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, aus dem Englischen von Beatrice Faßbender.

Ihren achten Roman hat die 1958 in London geborene, indessen in Kanada lebende, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Kathy Page hier vorgelegt – ihr erster wiederum in deutscher Sprache. Schon die feinsinnige Struktur zeugt von der wohl durchdachten, stringent durchkomponierten Machart des Werks: drei Hauptteile – „Fast wie Musik“, „Blau“ und „Hotel Paris“, unterteilt in Einzelkapitel, von denen wiederum jeweils das letzte, sozusagen als Rondo, den Titel des Hauptteils trägt und eben darauf hinausläuft. Wobei die hier vor Augen geführte, über 70 Jahre währende Liebe eines ungleichen Paares, Harry und Eveline, im Laufe der großen Romanerzählung zu einem so beachtlichen wie komplexen Œvre avanciert. Doch ist die dabei verhandelte Liebesgeschichte nicht die einzige Lesart. Denn genauso lassen sich in dem Roman die Voraussetzungen für Resilienz studieren, die Wirkkraft von Poesie und Literatur ebenso wie er als Antikriegsroman lesbar ist. Nicht zuletzt steht er für den stillen Glanz von Nebenfiguren. Angespielt sei hier auf Lehrer Whitehorse des Protagonisten Harry, der seine Schüler mit glühender Leidenschaft in die Dichtkunst einführt. Doch bevor er noch ein Wort über Literatur verliert, spricht er über seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, der ihn das rechte Auge kostete. Und ebenso eindringlich, wie er seinen Schülern die Kraft des dichterischen Wortes nahebringt, warnt er vor den Greueln des Kriegs und entlarvt die Aussage, ‚er habe im Krieg ein Auge verloren’, als Euphemismus: „Granatsplitter haben mein Auge und den dahinter liegenden Nerv durchbohrt ...“ Damit macht er zugleich deutlich, dass Sprache neben ihrem erhellenden Gehalt ebenso eine verschleiernde Funktion birgt. Erst nach diesem Statement kündigt er seinen Lehrplan für diesen Kurs an, schließend mit den Worten „ihr werdet Poesie so erfahren, dass sie für immer wie ein zweites Herz in euch schlagen wird ...“ Eine für Protagonist Harry zeitlebens gültige Prophezeiung, zieht sich doch die Beschäftigung und das Festhalten an solchermaßen erworbenem Wissen durch jede Etappe seines Lebens und erweist sich als entscheidender Faktor, sie zu meistern. Ebenso wie im Zuge der Rezeption von Shakespeare, Shelley oder Yeats, um nur einige zu nennen, in seinem Unterricht existenzielle Fragen anklingen. Etwa inwieweit Kunst stets auch Opfer erfordere, oder im Wettbewerb mit menschlicher Zuneigung stünde. Fragen, die sich nicht zuletzt durch Harrys Leben ziehen, der seine Sehnsucht nach Freiheit,nach mehr Lesen und Schreiben, zugunsten der Sicherheit seiner Familie mit drei Töchtern opfert und um seiner materiell anspruchsvollen Frau Eveline das bieten zu können, was ihr so wichtig ist. Dass Whitehorse am Ende von konservativen Eltern gemobbt wird und das Feld räumt, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Jedoch nicht ohne Harry „Die gesammelten Gedichte von Thomas“ mit Widmung zum Abschied zu schenken. 

Kathy Page wiederum erweist sich als genaue Beobachterin der Schwächen und Stärken der beiden unterschiedlich angelegten Charaktere. Dabei widersteht sie der Versuchung, sie gegeneinander auszuspielen oder abzuwerten – ihr Blick geprägt von Empathie und Zärtlichkeit. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begegnen sie sich erstmals in der Bibliothek. Unmittelbar bevor Harry eingezogen wird, heiraten sie, gefolgt von der Geburt der ersten Tochter Lillian. Packend die Briefe, die Harry während des Kriegs an Eveline schreibt, zum Teil wortwörtlich übernommen aus diesen zugrunde gelegten Briefen von Kathy Pages Vater. Eindringlich wird darin reflektiert, wie Krieg droht, jede menschliche Regung zunichte zu machen. Doch auch hier sind es die Verse der großen Dichter, die Harry über so manchen Engpass geleiten. Mit der Phase des Wiederaufbaus ist der Roman zugleich als typisch europäische Sozial- und Wirtschaftsgeschichte lesbar. Denn der mehr oder weniger europaweite ökonomische Aufschwung mit seinen Annehmlichkeiten hat bekanntlich seine hässliche Kehrseite im Tenor des ‚höher, schneller, weiter, mehr’, indessen die dabei beiseitegeschobenen Kriegstraumata und -Verstörungen allenthalben unterschwellig gären.

Beide, sowohl Harry als auch die unabhängige, willensstarke Eveline stammen aus kleinen Verhältnissen und sind geprägt von unabdingbarem Aufstiegswillen. Wobei Harry, gezeichnet als großer Liebender und aus dessen Perspektive das Buch erzählt ist, was er so selbstlos gibt, nie ganz zurückbekommen soll. Doch ebenso wie ihnen der soziale Aufstieg gelingen soll, scheitern sie aneinander und an den vielfältigen Herausforderungen ebenso wie sie aneinander wachsen, dabei beiderseits manch erotischer Versuchung widerstehend. Fein gezeichnet von Page all die Facetten des Glücks, der gegenseitigen Faszination ebenso wie die sich einschleichenden Entzweiungen und Widersprüche, die das Leben mit seinen Anforderungen seinen Figuren einschreibt. Und auch der Aufstieg hat seinen Preis, wie die Entfremdung von den eigenen Wurzeln, wenn etwa die Eltern der beiden eher befremdet sind von dem komfortablen Haus in besserer Gegend, als dass sie die Freude über diesen Erfolg unbefangen mit ihnen teilen könnten. 

Mit das Berührendste wiederum ist die Schilderung des gemeinsamen Alterns – Harry und Eveline sind indessen in ihren 90ern angelangt. Eveline, nicht gewillt, den immer vergesslicheren Harry länger zu ertragen, sorgt schließlich dafür, dass er in einer entsprechenden Einrichtung für Senioren unterkommt. Auch das trägt Harry, wie all die vorhergehenden Verwerfungen seitens Evelines, mit beachtlicher Größe, durchschauend, dass Evelines Härte gegenüber menschlicher Schwäche jedweder Couleur von ihren Ängsten herrührt. Und bis zum Schluss – Eveline ist bereits gestorben – lebt er in Versen, Büchern und Erinnerungen, glücklich auf sein Weise und zeitlebens geprägt von seinem einstigen Lehrer, einem säkularen Heiligen, der seinen Schülern mit auf den Weg gab „Die Liebe sei das Einzige, was am Ende zähle.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl

Buchtipp des Monats September 2019 

  © Hartmut Fanger: 

Sex, Drugs & Rock’n Roll in der Wendezeit

 

Gregor Sander: „Alles richtig gemacht“, Penguin-Verlag, München 2019.

Schlimmer könnte es kaum kommen für den Protagonisten Thomas Piepenburg im jüngsten Roman von Gregor Sander: Sein Freund Daniel taucht nach langer Abwesenheit wieder auf; die Frau ist, zusammen mit den gemeinsamen Kindern, auf und davon; und in seinem Beruf als Anwalt sieht es auch nicht gerade rosig aus

Erzählt wird vom Leben in der ehemaligen DDR, sprich von Erinnerungen an Rostock und Berlin, an Zeiten, in denen sich selbst für die noch in einigermaßen gesicherten Verhältnissen lebenden Eltern des Protagnisten das Diktum Kempowskis „Uns geht’s ja noch gold“ nicht mehr aufrecht erhalten ließ. Eindringlich schildert Sander aber auch die Veränderungen, die sich zur Zeit der Wende einstellen. Von der Bedrohung seitens der Neo-Nazis und ihren Schlägern bis hin zu den alltäglichen Fluchten in Drogenrausch, später in Reisen nach Irland oder in die USA, wo das Ganze aufgrund eines Kunstschwindels zeitweilig in einen Krimi mündet. Dazwischen immer wieder Spielarten der Liebe. Von einer Männerfreundschaft, wechselhaften Beziehungen bis hin zur ménage à trois. Schnörkellos und unterhaltsam geschrieben. Der Autor versteht sein Handwerk, arbeitet gekonnt mit Auslassungen, die Spielraum für eigene Interpretationen gewähren. Spannend, dabei mit jeder Menge Überraschungen aufwartend. Etwa wenn die Freunde nach zahlreichen Streitigkeiten immer wieder zusammen kommen, Freund Daniel nach Irland geht und Piepenburg ‚den Traum von Frau’, die Assistentin und wahrscheinlich Geliebte des einstigen DDR-Maffiosi Iwan, wegschnappt, wofür Letzterer schließlich büßt. 

Inwieweit sich am Ende der verheißungsvolle Titel ‚alles richtig gemacht’ tatsächlich erfüllt hat, bleibt offen und erweist sich eher als ironischer, ja fast schon provokanter Tenor. Stellt sich doch von Beginn an die Frage, was daran ‚richtig’ gewesen sein mag, inwieweit Kategorien wie richtig und falsch nicht von vornherein unangemessen sind. Den Leser regt es an, sich über den Roman hinaus, seine eigenen Gedanken zu machen. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag 

Datei als Download im Archiv

Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"

Buchtipp des Monats Juli 2019

 ©  Hartmut Fanger 

Von der abgründigen Schönheit der Kunst

David Foenkinos: „Die Frau im Musée d’Orsay“, Penguin-Verlag, München 2019, aus dem Französischen von Christian Kolb.

 

Von Beginn an lebt das Buch von dem Geheimnis umwobenen Protagonisten, Professor Antoine Duris. Wie kommt es, dass er plötzlich seinen hochdotierten Job an der Hochschule der Schönen Künste von Lyon kündigt und in Paris als Wärter im Musée d’Orsay ein neues Leben beginnt? Warum würde er am liebsten ganz verschwinden? Im digitalen Zeitalter so gut wie unmöglich. Mit Spannung verfolgt der Leser all die Hintergründe, die nach und nach zutage treten. Erzählt in diesem beschwingt leichten Tenor, der uns in französischen Lektüren stets bezaubert, bei Foenkinos allerdings bisweilen in den Kitsch driftet und sprachlich nicht immer frei von Banalitäten ist. Nichtdestotrotz gelingt es ihm, den Leser tief zu berühren angesichts des tragischen Schicksals der jungen talentierten Schülerin des Professors und Malerin Camille. Einst von Kunstlehrer Yves, dem Mann der besten Freundin ihrer Mutter, vergewaltigt und zum Schweigen erpresst. Doch der Roman zeigt auch, dass die schönen Künste eine heilende Wirkung auf die Seele  haben können. So findet Duris schließlich durch die Bekanntschaft von Camille und deren Bilder wieder zu seiner eigentlichen Passion als Professor zurück. Damit steht der Liebe zu Museumsdirektorin Mathilde Mattel nichts mehr im Wege. Seine  ehemalige Frau hingegen erwartet ein Kind von einem anderen. 

Spannend im Übrigen, wenn Duris zwar unerkannt bleiben will, sich dann aber als Wärter dazu hinreißen lässt, einen Museumsführer vor versammeltem Publikum zu berichtigen. Unkonventionell arrangiert überdies, wie aus der Beziehung zu Museumsdirektorin Mathilde langsam Zuneigung erwächst, nachdem es zuvor alles andere den Anschein hat. Sinnfällig das Figurengeflecht rund um Camille. Mit Ausnahme ihrer Psychologin weiß keiner aus ihrem Umfeld, was ihr eigentlich widerfahren ist. Dies mag nicht zuletzt auf die Isolation des Individuums im Digitalen Zeitalter verweisen, wo der Mensch zwar gläsern ist, zugleich aber ein Mangel an tragfähigen Beziehungen zu herrschen scheint, was die Katastrophe, auf die Camille zusteuert, vielleicht hätte verhindern können. 

Eine leichte, unterhaltsame  Sommerlektüre, in der das Dunkel des Bösen mit dem Licht der Schönen Künsten treffend kontrastiert. 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag 

Datei als Download im Archiv

Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"  

Buchtipp des Monats Juni 2019

 ©  Erna R. Fanger 

Was es braucht zum guten Leben 

Thomas Girst: “Alle Zeit der Welt“, Carl Hanser Verlag, München 2019

Der einstige Kolumnist und Kulturkorrespondent der TAZ, heute preisgekrönter Autor und Kulturmanager bei BMW, Thomas Girst, hat eine kleines feines Büchlein vorgelegt. Der schlichte Titel, „Alle Zeit der Welt“, ist Programm und kontrapunktisch zu der augenscheinlich das 21. Jahrhundert prägenden Erfahrung gesetzt: Die Zeit rast, entgleitet uns, während wir unablässig damit beschäftigt zu sein scheinen, ihr hinterher zu hetzen. Ein haltloser Zustand, der droht, in einem Dilemma zu münden. Der Hochgeschwindigkeitsmodus, der derzeit in nahezu allen Lebensbereichen das Tempo vorgibt, setzt uns unter Stress. Und unter Stress sind wir nicht in der Lage, über Altbewährtes hinauszugehen. Dem Gebot der Stunde zufolge sind jedoch gerade jetzt innovative Ideen gefragt, um dem Wandel, den vorzunehmen wir gezwungen sind, wollen wir unseren Planeten erhalten, angemessen zu begegnen.

Zugleich ist eben dies Ausgangspunkt für das Entstehen der hier zusammengetragenen Episoden. In dem schwindelerregenden Raubbau, den der Mensch nicht zuletzt dem Rohstoff Zeit angedeihen lässt, sucht man nach Halt. So auch Girst. Halt sowohl im Sinne von Stütze gegen besagten Verschleiß als auch im Sinne von Innehalten, sich besinnen. Dabei treibt den Autor die berechtigte Sorge um die Zukunft seiner Kinder sowie die Frage um, ob der Mensch im Zuge der Dynamik der Zerstörung von Ressourcen, von Krieg, Hass im Netz, dem Gift von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, nicht ebenso in der Lage sei, Großes zu bewirken, ‚Wunderbares zu erschaffen’: Poesie, Bildende Kunst, Musik, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Errungenschaften in Demokratie und Freiheit, nicht zuletzt die Weisheit der Welt-Religionen. Was es dazu jedoch zunächst bedarf, ist Zeit.

Inwieweit sich Zeit schließlich als grundlegender Rohstoff erweist für all die geistig-schöpferischen Leistungen, die Menschen seit jeher vollbracht haben, kommt in diesem Kleinod von Buch in ungemein farbiger Vielfalt zur Sprache. Es sind Momente, wo Menschen sich entscheiden ‚auszusteigen’ aus dem immer schneller sich drehenden ‚Hamsterrad’, um sich ihrer eigenen Zeitrechnung zu verschreiben und etwas erschaffen, zu dem nur sie berufen sind. Menschen, die, indem sie mutig, und sei es unter Entbehrungen, ‚ihrem eigenen Stern folgen’, wie Bob Dylan es ausgedrückt hat. 

Schon gleich zu Beginn das „Filetstück“ unter dem Titel „Der Briefträger Cheval“. Es erzählt die Geschichte des architektonischen Meisterswerks des ‚Landpostboten Ferdinand Cheval (1836-1924)’. Sohn verarmter Bauern, errichtet er innerhalb von 33 Jahren unter enormer Anstrengung seinen Palais idéal. Ein beachtliches Gebäude von der Größe eines Schlosses und barocker Stilfvielfalt, zurzeit der Surrealisten Treffpunkt  für Dichter, Künstler und Intellektuelle. Und bis heute pilgern Touristen in den kleinen Ort Hauterives im Südosten Frankreichs, um das wundersame Anwesen zu besichtigen. Darin verarbeitet all die Steine, Muscheln und Materialien, die Cheval auf seinen langen Wegen als Postbote findet. Inspiration hierzu liefert ihm ein Stein: „Der Stein ist von samtener Beschaffenheit, das Wasser hat an ihm seine Arbeit getan, der Zahn der Zeit hat diesen einen Kiesel gleich erhärten lassen. (...) wenn die Natur Skulpturen wie diese erschafft, dann verlege ich mich aufs Maurerhandwerk und die Architektur.“ 

Aber das ist nur ein, obschon markanter, Einblick in die Sphären der hier in den Fokus gerückten schöpferischen Kräfte, die, gewährt man ihnen gebührend Raum, über sich selbst hinausweisen. So greift Girst zum Beispiel auch einzelne Aspekte auf wie „Unvollendetes“, was dann auch den sinnigen Schluss des Geschichten Reigens bildet. Dabei kristallisiert sich heraus, wie das Unvollendete im Grunde das Eigentliche ausmacht, müssen wir uns im Alltag doch immer wieder mit „Stückwerk“ bescheiden. Kunst schließlich ‚entsteht selten aus Allwissenheit’. Vielmehr ist es ihr eigen, nicht aufzuhören nach Antworten auf die existenziellen Fragen, die uns umtreiben, zu suchen, und sie auf ihre ureigene Art zum Ausdruck zu bringen. 

Dazwischen reiht sich Episode an Episode aneinander, wie bunt schillernde Perlen einer märchenhaft und seltsam verwunschen anmutenden Kette. Spannend, bisweilen geheimnisvoll, dabei höchst unterhaltsam und im Plauderton erfahren wir von unzähligen Begebenheiten, die uns staunen lassen. Sei es das Phänomen der Zeitkapsel, hilflos anmutende Versuche der Menschheit Zeit zu isolieren und diese in die Zukunft zu retten. Unbedingt lesenswert auch „John Cage in Halberstadt“, wo ‚der Poetengang’, ein schmaler Kiesweg, zum Burchardi-Konvent, einer alten Klosteranlage, führt. Indessen Kultstätte für Liebhaber der Avantgardemusik: „Seit 2001 wird in den romanischen Gemäuern der Burchardi-Kirche inmitten eines ehemaligen Zisterzienserklosters sein Orgelstück Organ2/ ASLSP (oder: As SLow aS Possible) aufgeführt.“ Wobei die Aufführungsdauer auf 639 Jahre angelegt ist – „Klang aus fünf übereinandergelagerten Tönen.“ Aber auch dem Streben nach Unsterblichkeit, Phänomenen wie „Schwarze Schwäne“ – womit keiner rechnet –, Bezeichnung in der Wirtschaft für überraschende Veränderungen, die Menschen zwingen von jetzt auf gleich umzudisponieren. Des Weiteren „Ewigkeit“, „Pechtropfen“ oder „Nachhaltigkeit“, um nur einen kleine Eindruck von dem bunten Spektrum ins Feld zu führen, das hier durchstreift wird und uns jede Menge Wissenswertes über den angemessenen Umgang mit der für jeden kostbarsten Ressource überhaupt – Lebenszeit – vermittelt. Wer es darauf anlegt, beim Small-Talk zu brillieren und dabei die eine oder andere Geschichte preisgibt – durchschlagender Erfolg garantiert!

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Carl Hanser Verlag, München

Datei als Download im Archiv

Siehe auch Arie Anwar  "Kreise ziehen"  

Buchtipp des Monats Juni 2019

©  Erna R. Fanger: 

Viele Seiten hat die Wahrheit – 

Von der Kraft der Versöhnung

Arif Anwar: “Kreise ziehen“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, aus dem kanadischen Englisch von Nina Frey.

Man wünscht diesem starken Debut des aus Bangladesch stammenden, indessen in Toronto ansässigen Autors mehr Aufmerksamkeit als gemeinhin gewährt. Sein beruflicher Werdegang – er hat für diverse NGOs, wie etwa auch UNICEF Myanmar, gearbeitet, hält, was er verspricht. Will heißen, hier wird aus der Perspektive eines Autors erzählt, dessen Ringen um die Wahrheit, um das, was menschliche Existenz in all ihrem widersprüchlichen Facettenreichtum ausmacht, aus jeder Zeile spricht. Und zwar mit der Vision, die Welt neu und vor allem menschlicher zu gestalten. Herausgekommen ist eine Art Epos, das nicht nur Generationen unterschiedlicher indischer Ethnien miteinander verwebt, sondern auch global ‚Kreise zieht’. Wobei sich der Bogen vom Zweiten Weltkrieg mit der Eroberung der britischen Kolonie Birma 1942 seitens Japans und dem Rückzug der Briten nach Indien spannt bis 2004, wo sich der promovierte Protagonist Shar in Washington verzweifelt um eine Green Card bemüht – nicht zuletzt aus Liebe zu seiner kleinen Tochter, deren Mutter Amerikanerin ist, die jedoch mit einem anderen zusammenlebt. 

Ausgangspunkt der hier zur Sprache kommenden und miteinander verknüpften Geschichten wiederum ist das Jahr 1970, wo der so genannte Bhola-Zyklon* über Ostpakistan und Westbengalen wütete und ein Werk der Zerstörung unermesslichen Ausmaßes hinterließ, was 1971 in den Bangladeschkrieg mündete und schließlich zur Gründung des unabhängigen Staates Bangladesch führte. Wobei es sich vornehmlich um Liebesgeschichten handelt, Geschichten von Paaren, die aneinander ebenso scheitern wie sie einander zugetan sind, die sich entzweien und wieder versöhnen. Dies alles jedoch nie im luftleeren Raum. Vielmehr macht der Roman auf vielen Ebenen transparent, wie Krieg und Vertreibung, Kolonialherrschaft und ihre Auswüchse, religiöser Fundamentalismus sich als Gewaltspur manifestieren, deren wirkmächtige Zerstörungskraft Menschen alles abverlangt, sie in die Flucht schlägt oder dem Tod preisgibt, aber auch – und das ist das Entscheidende – über sich hinauswachsen lässt. Das Ganze bei aller Geschichtsträchtigkeit durchdrungen von poetischer Kraft einerseits, andererseits unterstreicht es gerade in Zeiten der Not die Fähigkeit der Figuren, einander zur Seite zu stehen, sich zu unterstützen. Was den weit größeren Raum einnehmen mag als die Gräben des Hasses, etwa zwischen Hindus und Muslimen, die sich seit dem Rückzug der Engländer aus den Kolonien erbitterte Gefechte und Massaker geliefert haben. Zugleich wird wie durch ein Brennglas deutlich, was Krieg für die in der Regel nicht selbst in die Kämpfe verwickelte Zivilbevölkerung heißt: sinnlose Verluste, Elend und Entwurzelung. 

„Kreise ziehen“ ist zugleich ein Buch über die Einzigartigkeit, die Größe von Menschen und ihre Fähigkeit zu lieben. Sei es Honufa, die zu Beginn die buchstäbliche Ruhe vor dem Sturm nutzt, die Hühner schlachtet und einlegt und dafür sorgt, dass ihr kleiner Sohn in Sicherheit ist. Im Gegensatz zu ihr und ihrem Mann Jamir überlebt der kleine Shar den Sturm. Nicht nur das, wird er von dem wohlhabenden und gebildeten muslimischen Paar Rahim und Zamira adoptiert, geprägt von der Fähigkeit zu Empathie und Nächstenliebe. Einst hatten sie bereits seine Mutter Honufa in ihrer Obhut, bis es aus Gründen, die sich erst allmählich enthüllen, zu einem Zerwürfnis kam. Shar wird von dem kinderlos gebliebenen Paar geliebt wie ein eigenes und promoviert schließlich in den USA. Und changieren die einzelnen Erzählstränge gekonnt zwischen den verschiedenen Zeitebenen mit den jeweils unterschiedlichen Protagonisten im indischen Raum, kehrt die Handlung doch immer wieder zurück in die fiktive Gegenwart, dem Jahr 2004, wo wir teilhaben an der zärtlichen Beziehung, die Shar zu seiner neunjährigen Tochter Anna aufgebaut hat. Teilhaben an den Nöten, wenn das Visum abzulaufen droht und damit die unwiderrufliche Trennung von Vater und Tochter im Raum steht. Anna ist es auch, die den Anlass bildet, dass ihr Vater ihr seine Geschichte erzählt.

Für den europäischen Leser indessen wird Weltgeschichte bis hinein in die jüngste Vergangenheit nahbar. Die Ferne, mit der man die Namen fremder Regionen wie Indien oder Bangladesch verbinden mag, löst sich im Zuge der im Übrigen fesselnden Lektüre zusehends auf zugunsten einer neuen Sicht auf die  Dinge, die anstelle von Getrenntheit Zusammenhänge und Verbundenheit postuliert, sowohl zwischen Ost und West als auch zwischen den unterschiedlichen politischen und religiösen Lagern, und damit wegweisend sein könnte für die Gestaltung einer künftigen Welt, einer Welt, von der wir uns zu träumen wagen sollten.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

 

Gilt mit 300 bis 500 Tausend Todesopfern bis heute als der gravierendste jeweils vezeichnete Wirbelsturm.

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Klaus Wagenbach 

Buchtipp des Monats Mai 2019 

  ©  Erna R. Fanger                                                                                                         

Herkunft – Süß-bittere Zufälle

Saša Stanišić: “Herkunft“, Luchterhand Literatur Verlag, München 2019

Vielsagend eine von vielen Definitionen Stanišićs von Herkunft, zum Besten gegeben auf seiner so gut wie ausverkauften Lesung im Hamburger Thalia Theater am 17. März 2019: eine Art überschätztes Kostüm.‚Kostüm’, abgeleitet vom lateinischen „consuetudo“, dt.: Gewohnheit, Herkommen, Sitte. Herkunft meint demnach das, was wir gewohnt sind, wowir herkommen, welche Sitten wir mitbekommen haben. Doch Stanišić greift tiefer, stellt Fragen und infrage: „Provenienz der Eltern? Gene, Ahnen, Dialekt? ... Eine Art Kostüm, das man ewig tragen soll, nachdem es einem übergestülpt worden ist.“

Die zentralen, hier ins Spiel gebrachten realen Orte, die die Herkunft des Ich-Erzählers ausmachen: 1. Višegrad, Klein- und Geburtsstadt Stanišićs; 2. Oskoruša, vergessenes Dorf in den Bergen mit überalterten Bewohnern, woher einst sein Großvater stammte, jedoch mit einem bemerkenswerten Friedhof, wo jedes zweite Kreuz mit dem Namen des Autors, Stanišić, versehen ist, und die Toten, auf deren Gräbern man Schnaps trinkt und Picknick macht, eine wunderbare Aussicht genießen; 3. Heidelberg, erste Station nach der Flucht aus Bosnien-Herzegowina, wo der Ich-Erzähler seine Jugend verbringt, wo ein Lehrer seine Gedichte in jugoslawischer Sprache liest und ihn ermutigt, auf Deutsch zu schreiben, und damit offenbar den Grundstein für seine Schriftstellerkarriere gelegt hat. Doch was sind Orte im geographischem Sinne im Gegensatz zu den inneren – im Kosmos von Stanišić ebenso Facetten von Herkunft wie Erinnerung und Fiktion, das was uns die Fantasie zuspielt.

Herkunft, zugleich einAspekt von Heimat und allein schon insofern überschätzt, als es das ist, woran der Mensch sich klammert. Als solches muss es Konstrukt bleiben, weil es der Wirklichkeit – in stetigem Wandel begriffen – nicht standhält. 

Der Kern von Herkunft wiederum ist das Land der Kindheit. Bei Stanišić steht dafür in erster Linie Großmutter Kristina – der Großvater bleibt Leerstelle. Später wird er in Schuhkartons nach ihm suchen und in alten Schubladen, wo die Großmutter Dokumente von ihm aufbewahrt. Und in „einem Gläschen Cognac“, einem Cognac des Großvaters, älter als der Ich-Erzähler. Die Großmutter hingegen scheint immer präsent und ist in einer herzzerreißenden Szene auch Ausgangspunkt von „Herkunft“, zugleich Anlass einer umfassende Spurensuche in eigener Sache. Da hat sie das Vergessen bereits eingeholt, da weiß sie schon nicht mehr, wer sie ist. Mit dem Begräbnis der Großmutter endet der Roman nach mehreren Anläufen, überhaupt zu einem Ende zu gelangen. Denn „Herkunft“ ist ein Anschreiben gegen das Aufhören, gegen das Schwinden der Erinnerung und letzten Endes gegen den Tod, immer und immer wieder, gegen das Aufhören von Geschichten. Wie auch ‚die Lücken der Großmutter mit Geschichten gefüttert werden’, wie Stanišić seinem Hamburger Lese-Publikum verrät. 

Und in dem Maße, wie die Großmutter ihre Erinnerungen verliert, klaubt der Ich-Erzähler sie offenbar wieder zusammen. In einem Wettlauf mit der Zeit, die über alles hinwegzufegen scheint. Nicht zuletzt, und das ist das Tragische, über die Beziehung zu der geliebten Großmutter. Sie sind sich fremd geworden im Zuge der räumlichen Trennung des Exils. Unvermeidlich. Die Brücke zwischen den Generationen scheint im Extremfall von Krieg und Flucht schneller aufgebraucht. Familienbande zerbrechen. Und man wird das Gefühl nicht los, als verlöre in gleichem Maße, wie sich dieser Bruch sich vollzieht, wiederum die Großmutter ihr Gedächtnis. Szenen aus Dekaden zuvor, wie einst das Warten auf ihren Mann Pero, wiederholen sich im Jahr 2018, die zeitliche Differenz dazwischen aufgehoben.

Aber das sind nur Grundpfeiler dieses genial organisierten Erzähl-Mosaiks, das uns Wirklichkeit vielfach widerspiegelt. Nicht linear, chronologisch, umkreist Stanišić vielmehr die Gegenstände des Erzählens immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln, durchwirkt von Erinnerungssplittern, Fragen, magischen Momenten und Geheimnis. Kein Roman im herkömmlichen Sinn also, verweben sich hier Erinnerung und Erfindung mit Zeit- und Migrationsgeschichte, Reflexion und Assoziationen. Auf die Frage hin der Großmutter, ob „Herkunft“ „ein Buch über uns“ sei, antwortet der Autor etwa: 

„Fiktion (...) sagte ich, bilde eine eigene Welt, statt unsere abzubilden, und die hier (...) sei eine Welt, in der Flüsse sprechen und Urgroßeltern ewig lebten. Fiktion (...) sagte ich, ist ein offenes System aus Erfindung, Wahrnehmung und Erinnerung, das sich am wirklich Geschehenen reibt.“

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Luchterhand Literatur Verlag, München!

  ©  Erna R. Fanger

„Malas Vibras“ – Dämonische Schwingungen

 

Fernanda Melchor: „Saison der Wirbelstürme“, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, aus dem mexikanischen Spanisch von Angelica Ammar

Der zweite Roman der Mexikanerin Fernanda Melchors (*1982) – ihr erster auf Deutsch – ist mit der Überlagerung des Geschehens von ‚der Saison der Wirbelstürme’ ein sprachlicher Abdruck von Natur- und Menschengewalt. Kein Buch für schwache Nerven. In dieser verstörenden, von unvorstellbarem Ausmaß an Gewalt durchsetzten Prosa, wo das Leben eines Menschen nichts zählt, ein Wert wie Menschenwürde entfernt scheint wie ein entlegener Planet jenseits der Milchstraße, bricht sich der mimetische Gehalt poetischen Sprechens Bahn. Ein Werk zugleich von martialischer Brillanz, dem sich der Leser nur schwerlich entziehen kann. Und es spricht für seine literarische Qualität, dass man sich die Lektüre dieser Zumutungen an Niederungen menschlicher Existenz antut. Dies ist keine Literatur, wie sie sich der gebildete europäische Leser wünschte, der gerne den Geist der Aufklärung und Rebellion atmet und existenzielle Belange anhand von Figuren studiert, immer auf der Suche nach Antworten auf die eigenen Lebensfragen. Dies Buch ist ein Schrei. Ein Aufschrei, erwachsen aus ohnmächtiger Empörung und Trauer. Ein Diskurs, durch den sich wie ein Lavastrom nicht enden wollende und immer wieder neu entflammende Gewaltexzesse ziehen.

Im Zentrum des Geschehens der Mord an einer als Hexe geltenden Frau, auf deren entstellte Leiche eine Clique umherstreunender Kinder stößt. Ein Mord, um den sich fortan alles dreht.Packend die Verflechtung unterschiedlicher Stimmen, die den Tod der Hexe kommentieren. Ein Konglomerat an Mut- und Anmaßungen, Spekulationen und Verdächtigungen. Jeder glaubt die Hintergründe dafür zu kennen. Jeder aus seiner Sicht und seiner ureigenen Perspektive. Die Wahrheit um das Verbrechen enthüllt sich im Zuge dessen kaum. Vielmehr offenbart sich zwischen den Zeilen eine andere Wahrheit, nämlich die einer strukturellen Gewalt, deren Saat sich hier in drastischen Bildern entlädt, teils ausgiebig pornographischen, etwa gegen Ende des Romans, die man dem Leser gerne ersparen würde. Dies alles in ungeheurer Rasanz, in Sätzen teils über Seiten hinweg, in denen sich ein so erschreckendes Ausmaß abgründiger Existenz auftut, dass einen Abscheu und Ekel ergreifen können. Von den Betroffenen selbst heißt es, dass, „malas vibras“, dämonische Schwingungen, schuld seien „an so viel Unglück: an all den Toten ...“

Der Schauplatz, das gottverlassene, trostlose „La Matosa“. Bar jeder Perspektive. Bar jeder Moral. Scheinbar abgekoppelt vom Rest der Welt. Vergessen von der Politik, die dort versammelten Figuren wiederum geprägt von Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht und Resignation: 

[Ein] Landarbeiter, der auf der Jagd seinen Sohn erschoss und der Polizei erklärte, er habe ihn mit einem Dachs verwechselt, dabei war es allseits bekannt, dass der Alte es auf die Frau seines Sohnes abgesehen und alles sogar heimlich mit ihr abgesprochen hatte. Oder „die Verrückte aus Palogacho, die darauf beharrte, dass ihre Kinder nicht ihre Kinder seien, sondern Vampire, die ihr das Blut aussaugen wollten, weshalb sie sie erschlagen musste, mit Brettern, die sie aus dem Tisch gerissen hatte, mit Schranktüren und sogar einem Fernsehbildschirm.

Warum wir die Lektüre dennoch entschieden nahelegen: Es ist diese Dringlichkeit, die Melchor dem Leser aufoktroyiert, die etwas Unbedingtes, etwas Zwingendes hat, weiterzulesen, sich einzulassen und der furiosen Anklage gegen himmelschreiendes Unrecht Respekt zu zollen. Eben nicht wegzusehen, vielmehr ihr Gehör zu verschaffen.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Wagenbach Verlag!

Datei als Download im Archiv  Fernanda Melchor

Siehe dazu unseren Sachbuchtipp lMathias Bröckers 

unseren aktuellen Buchtipp: Angelika Krauß

Jeden Monat neue Buchtipps. Sämtliche Buchtipps seit 2013 als Download im Archiv

©  Erna R. Fanger                                                                                                       

Innenraumoptik – Wider das allzu leichte Erlöschen

Angela Krauß: “Der Strom“, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019

Mit fein ziseliert-zarter Prosa bringt Angela Krauß ihre tiefgründigen Beobachtungen und Gedankensplitter zur Sprache. Dabei stets changierend zwischen Erinnerungen und einem Jetzt, das zu entgleiten droht. Ein Zuviel an Schwere, gesättigt von traumatisch-geschichtsträchtiger Erfahrung – ein rastlos ewig strömendes Jetzt. Halt in dem fragil anmutenden Wirklichkeitskonstrukt bietet allenfalls dieses Driften durch Innenräume, im Zuge dessen Partikel von Wahrheit zwischen den Zeilen aufblitzen. Luzide Erkenntnis hier und dort, die aufhorchen lässt und wieder verschwebt, um einer weiteren Raum zu gewähren. Ohne Handlung fließt die poetisch intonierte Prosa mal leicht und schmerzvoll zugleich dahin, mal mäandert sie, nimmt unvorhersehbare Wendungen, in scheinbarem Einklang mit dem immerwährenden Wandel. Halt vermag der Leser einzig zu finden, wenn er mit der poétesse – als was sie sich selbst nicht ohne ironischen Anklang bezeichnet – mithält. Ihr standhalten zu wollen, wäre von vornherein verfehlt. Mitzuhalten mit der poétesse wiederum verlangt das Äußerste, ein Himmel schreiendes Taumeln ins Offene hin, ausgeliefert dem (erotischen) Strom, imgrunde „weiter nichts als das Lebendige. Man möchte tanzen, doch man denkt zu viel. (...) Eine winzige Ablenkung reicht, und der Mensch erlischt, ohne es zu merken.“ 

Aus diesem Spannungsfeld heraus zwischen Materie, in der wir befangen sind, und Geist, der sich immer wieder anschickt, uns abhanden zu kommen, zwischen Leichtigkeit und Erdenschwere, werden wir Zeuge winziger Bewegungen im Innern der Ich-Stimme, die in sinnfälligem Kontrast hierzu eine ungeahnte Dynamik entfalten. Mal fliegend, rotierend, mal schwebend: „in dem Maß, wie ein Strom der Entgrenzung, Auflösung mich durchdrang, ein unaufhaltsames, stilles, tief orgiastisches Gewahrsein.“ Orgiastisch, weil solche Art von Entgrenzung die Orientierung stiftenden Koordinaten des Alltagsbewusstseins außer Kraft und uns dem unkontrollierbaren Mikrokosmos inneren Erlebens aussetzt. Jenseits empirischer Erfahrung löst der Prozess Implosionen aus, die uns in ihrer emphatischen Heterogenität schlichtweg überfordern, ebenso wie sie uns ein schier unerschöpfliches Reservoir an Möglichkeiten eröffnen, die zu ergreifen wir die Freiheit hätten, besäßen wir nur den Mut, sie zu nutzen. Und wenn schon nicht dies, so doch den Mut, dieser Wahrheit ins Auge zu sehen: „Es gibt unendlich viele Arten, die Wirklichkeit zu beschreiben. Die Wirklichkeit ersteht und zerfällt in jedem Moment.“

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag, Berlin

Datei als Download im Archiv Angelika Kraus 

Siehe auch unseren Buchtipp Fernanda Melchors: "Saison der Wirbelstürme" 

Siehe auch  unseren Sachbuchtipp Mathias Bröckers

 

Buchtipp des Monats März 2019

 ©  Erna R. Fanger 

                                                                                                            

Vom Aufstieg und Fall eines Gurus

T. C. Boyle: “Das Licht“, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2019.

Mit „Das Licht“ knüpft T.C. Boyle an frühere Romane an, in deren Zentrum eine Kultfigur steht, etwa Kellog oder Alfred Kinsey. Und wie immer geht es bei diesem Setting darum, wie nah die jeweiligen „Jünger“ dem verehrten Guru stehen, und damit um das Gerangel, zum inneren Kreis zu zählen. Letzteres ist auch das Ansinnen des Protagonisten Fitz, einer der Harvard-Doktoranden um den legendären Drogenprofessor Timothy Leary im Fach Psychologie. Der hat mit Drogen zunächst mal so gar nichts am Hut. Vielmehr hegt er die typischen Karriereträume eines Spießers. Schließlich hat er Frau und Kind. So sind ihm die ‚Sessions’ seiner Studienkollegen, wo es statt um die Erforschung von harten Fakten um Selbstversuche im Zuge von Drogentrips geht, nicht nur fremd, sondern äußerst suspekt. Und er nimmt das lediglich aus Furcht auf sich, sonst womöglich seinen Platz im ‚Inner Circle’ einzubüßen. 

Doch schnell ist er infiziert vom Sehnsuchtsvirus der Bewusstseinserweiterung, der die Ränder einer ganzen Generation erfasst hat, die Ränder, von denen jedoch immer schon die entscheidenden Impulse ausgegangen sind: der Sehnsucht, die Ketten von Materialismus und Spießbürgertum zu sprengen, wie sie nach der einschneidenden Erfahrung des Zweiten Weltkriegs für Europa und die USA prägend waren. Und so sollte nach seiner Entdeckung 1943 seitens des Schweizer Chemikers Albert Hof LSD zu Beginn der 60er Jahre in den USA bahnbrechend das Feld der Psychologie und von dort aus die Welt revolutionieren. Es galt am Ende gar als der direkte Weg zu authentischer Gotteserfahrung, mystischer Verklärung in der Gemeinschaft Gleichgesinnter und markierte die Geburt der Hippiebewegung.

T.C. Boyle, selbst drogenerfahren und eben dieser Generation zugehörig, schildert das Ganze aus der Perspektive des Kenners der Szene, der erhellende Blick auf die Ereignisse von damals von wohlwollender Distanz. Der einst bissige Sarkasmus, abgelöst von feiner Ironie. Dabei zeigt er die Figuren dem Stand ihres sozialen und entwicklungspsychologischen Kontexts gemäß, ohne sie zu diskreditieren. Was von ihnen zu halten sei, wird jeder Leser für sich entscheiden. Ein unaufgeregter Blick, getragen von nachsichtigem Humor für die Irrwege, die hier beschritten werden. Irrwege, wie sie auch von anderen Communitys der 60er Jahre, etwa den Bhagwan-Anhängern oder der Mühl-Kommune, bekannt sind, und die augenscheinlich allesamt zum Scheitern verurteilt waren. 

So artet der hoffnungsvolle Aufbruch in ein neues Zeitalter der Bewusstseinserweiterung – statt sorgsamer Erforschung und Dokumentation der Experimente mit LSD-Trips – aus in Partyexzesse. Exemplarisch für das Scheitern der Bewegung Doktorand Fitz, dem im Zuge des Prozesses zwischen Aufstieg und Fall der Community nicht nur seine Dissertation aus dem Blickfeld gerät, sondern auch Frau und Kind, während er nach einem experimentellen Partnertausch der 19 Jahre jüngeren Lori verfällt. Ganz zu schweigen von Guru Leary, der das hehr angelegte Experiment wegen eines Models verlässt, dem er wiederum verfallen ist. 

Die Rezensionen und Meinungen über Machart und Stil überschlagen sich – von unumwundener Bewunderung über manch Häme des deutschen Feuilletons, wie es im Buche steht. Was die Faszination von „Das Licht“ eigentlich ausmachen mag, ist, dass darin eine  Menschheitssehnsucht verhandelt wird, die noch lange nicht abgegolten scheint und in dem ernsthaften Versuch besteht, wenn nicht das Paradies auf Erden zu installieren, so diese doch zu einem Ort zu machen, der allen Bewohnern ein würdiges Leben gewährt. Diese Vision, der 68er-Generation zugeschrieben und von dieser einst mit Macht vorangetrieben, ist offenbar aus dem Menschheitsgedächtnis nicht zu tilgen. Auch wenn Unkenrufe aus den Reihen der Etablierten uns dies unablässig – gleichwohl mit Macht – auszureden versuchen. Umso berauschender, diese Aufbrüche in Boyles fiktiver Chronik der Ereignisse jetzt nacherleben zu können und sie einmal mehr aufflammen zu lassen.

Dass die LSD-Forschung, nachdem sie lange ein Schattendasein führte, indessen neue Wege einschlägt und evidente Erfolge in der Arbeit mit Sterbenden erzielt hat ebenso wie in der Behandlung von Suchtkrankheiten und Depressionen, bezeugt einmal mehr, dass Boyle hier nur eine Etappe auf einem Weg nachgezeichnet hat, der noch lange nicht zu Ende sein mag. Nicht verschwiegen sei an dieser Stelle das herausragende Werk des exzellenten Journalistik-Professors Michael Pollan, „Verändere Dein Bewusstsein“, Antje Kunstmann-Verlag, das im Übrigen nahezu zeitgleich mit Boyles „Das Licht“ auf dem deutschen Büchermarkt Furore macht und gerade dabei ist, die Sachbuchbestenliste zu erobern. Ein Zufall?! (Siehe hierzu auch unser Sachbuchtipp des Monats März)

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser Verlag, München

Buchtipp des Monats März 2019

 ©  Erna R. Fanger & Hartmut Fanger

Poetischer Abgesang

Einer Grande Dame der Literatur 

 

Elisabeth Borchers: „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Ein Fragment“, herausgegeben von Martin Lüdke, Mitarbeit Ralf Borchers. Weissbooks GmbH, Frankfurt am Main 2018

Die aus dem Nachlass publizierten Erinnerungen der 2013 verstorbenen Elisabeth Borchers – bedeutende Lyrikerin und legendäre Suhrkamp-Lektorin – geben vordergründig zunächst einmal  Einblick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes. Wir werden Zeuge vom Umgang mit Schriftstellern ebenso wie von der Zusammenarbeit zwischen Autor und Lektor. Abgerundet wird das Ganze durch den so erhellend wie feinsinnigen Essay des Literaturwissenschaftlers und Kritikers Martin Lüdke.

Aufhorchen lässt gleich der Titel „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“. Wie gelangt das Fragment dennoch an die Öffentlichkeit. In erster Linie ist dies dem Autor Arnold Stadler zu verdanken, der Elisabeth Borchers noch zu Lebzeiten dazu ermutigt und ihr bis zum Schluss beratend zur Seite gestanden hat. Ihr Sohn Ralf Borchers und Martin Lüdke haben das Fragment nun – fünf Jahre nach ihrem Tod – in dem von Borchers ehemaligen Suhrkamp-Kollegen geführten Weissbooks-Verlag auf den Weg gebracht. Ein Buch, von dem sich neben Literaturbegeisterten nicht zuletzt Leser mit eigenen Schreibambitionen einiges versprechen dürften. So erfährt man zum Beispiel spannende Details aus dem offenbar grundlegend konfliktiven Verhältnis zwischen Lektor und Autor. Ebenso wie von dem nicht selten zutage tretenden Widerspruch, einerseits zwischen Autor und Werk, andererseits zwischen literarischen Kriterien des Verlags und dem Postulat, zugleich marktstrategischen Gesetzen gerecht zu werden. Borchers, als Lektorin hier in der Position ‚zwischen den Stühlen’, fühlt sich in diesem Ränkespiel bisweilen wiederum bis hin zur ‚Selbstverleugnung’ genötigt. 

Wie auch immer, erfährt der Leser eines: Selbst bei hoch anerkannten Autoren wird nur mit Wasser gekocht. Und auch der Autor mit großem Namen ist kaum in der Lage, ständig Meisterwerke zu fabrizieren, wie der Öffentlichkeit suggeriert und vom Autor schließlich selbst geglaubt wird. 

Mit scharfer Zunge nimmt Borchers im Übrigen keinerlei Rücksicht auf ehrwürdige Meriten und bezichtigt etwa so arrivierte wie augenscheinlich unumstößliche Ikonen des Literaturbetriebs der Hochstapelei, sei es Martin Walser, Jurek Becker, Max Frisch, Uwe Johnson oder Marie-Luise Kaschnitz. Mit Letzterer geriet das Verhältnis Lektor-Autor am Ende regelrecht zum Gefecht, wobei es dann weniger um das Werk, die Arbeit am Text, als viel mehr um Macht und Einfluss ging, wie Borchers selbst zugibt. 

Weniger Enthüllungsbuch über die Verlagslandschaft entpuppt sich das Ganze bei fortschreitender Lektüre jedoch als Zeugnis zunehmender Vereinsamung der Autorin und ihres Ringens mit den Beschwernissen des Alterns. Letzteres beklagt zum Teil in Reflexion der nüchternen Betrachtungen desselben in den Worten der Bibel bei Prediger Salomon oder aber der Klage der Psalmisten. In ihren eigenen Worten gibt sie selbst ergreifend zum Besten: 

„Ich habe die Welt abgesucht nach Möglichkeiten, nach Haltepunkten. Wie leer die Welt in solchen Stunden ist. Man wirft Netz um Netz aus, sie bleiben leer. Wie ein leer geschöpftes Meer.“

Berührend überdies die Literarisierung von Wunschvorstellungen, die immer wieder in die Realität der Autorin überzugehen scheinen. So etwa im Hinblick auf die Wucht einer unerwidert bleibenden, großen Altersliebe, die Borchers umtreibt und ihre Spuren im Text hinterlässt. Die Enttäuschung über den ausbleibenden Anruf, das unermessliche und zugleich trügerische Glück, mit dem Geliebten ‚gern in Kirchen’ zu weilen, ist dieser doch in den meisten Fällen präsent allenfalls als Abwesender und bleibt für Borchers unverfügbarer Sehnsuchtsort.

„Ein eigenartiges Gefühl, ganz allein in einem so um sich greifenden Raum [einer Kirche] zu sein ... Ich habe in diesen Raum hinein geredet: da bin ich, ganz allein, bitte ... Ich versuchte dich anzurufen. Keine Antwort und das Handy mit der stereotypen Aufforderung: versuchen Sie’s später noch einmal ... Ach ist ein Synonym für Nichtausgesprochenes. Ach. Nichtauszusprechendes“.

Mit „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“ wird uns die „Femme de lettres“ Elisabeth Borchers in Erinnerung bleiben, als scharfe Kritikerin ebenso wie sanftmütig-sehnsuchtsvoll Liebende und stets vortreffliche Lyrikerin.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Weissbooks Verlag 

Buchtipp des Monats Januar 2019 

  ©  Erna R. Fanger 

                                                                                                            

„Vom Überleben mit List und Büchern“

Mary Ann Shaffer, Annie Barrows: „Deine Juliet“, ins Deutsche übertragen von Margarete Längsfeld und Matina Tichy.btb, Verlagsgruppe Randomhouse, München 2015.

Selten, dass Grauen, wie der Zweite Weltkrieg es über Europa gebracht hat, und Lachen so nah beieinander liegen wie in dieser Hymne auf die Macht der Literatur, der Gemeinschaft stiftenden Funktion des Lesens.  

Bei „Deine Juliet“, handelt es sich um den einzigen Roman – genau genommen Brief-Roman – der Buchhändlerin und Bibliothekarin Mary Ann Shaffer, dessen Erfolg sie nicht mehr erlebt und den sie nur mit Hilfe ihrer Nichte, der Kinderbuchautorin Annie Barrwos, zu Ende gebracht hat. Das Ganze spielt 1946. Und alles beginnt damit, dass Juliet, ihres Zeichens Journalistin und während des Zweiten Weltkriegs in London erfolgreiche Kolumnistin, einen Brief von einem gewissen Dawsey Adams erhält, einem Bauern von der Kanalinsel Guernsey, der antiquarisch ein Buch erworben hat, das einst ihr gehörte. Daraus entspinnt sich ein reger Briefwechsel, im Zuge dessen Juliet erfährt, dass es sich bei Dawsey Adams um den Kopf einer literarischen Gesellschaft handelt, die sich im Zweiten Weltkriegs auf der Insel gegründet hat und sich unter dem verheißungsvollen Namen „Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“ einmal wöchentlich zusammenfindet. Um die Gründung der Gesellschaft, deren Mitglieder zuvor teils nie ein Buch in der Hand hielten, ranken sich wiederum unglaubliche, skurrile, witzige, so tief traurige, tragische wie hoch dramatische, ja grausame Geschichten und Schicksale, nicht zuletzt Liebesgeschichten. Juliet, geradezu entzückt davon, beschließt über die Gesellschaft ein Buch zu schreiben und erhält im Zuge dieser Mission von deren Mitgliedern Briefe. Sei es über ihre Lektürevorlieben, sei es über ihr Leben. Zwischen Juliet und den Guernseyer Inselbewohnern entpinnt sich so nach und nach ein tragfähiges Netz an Beziehungen. Nicht zuletzt hat Dawsey Adams es ihr angetan, so dass sie beschließt, sich endlich selbst nach Guernsey aufzumachen, um diese Gesellschaft, deren Mitglieder ihr indessen ans Herz gewachsen sind, zu besuchen. 

Der Kern der Message dieses immensen Lesevergnügens ist: Literatur, Liebe zu Lektüren, vermag Leben zu retten, nicht nur im übertragenen Sinn. Zugleich mag ihr die Funktion zukommen, Traumata zu heilen. Und die gibt es seit den finsteren Zeiten des Zweiten Weltkriegs mehr als genug. Die Wunden sitzen tief, das Grauen, wird die Erinnerung daran heraufbeschworen, ist omnipräsent und droht die Betreffenden zu verschlingen. Wäre da nicht die heilende Kraft des Lesens. So etwa bei John Booker. Als Halbjude eine Zeit lang in Neuengamme und Bergen-Belsen interniert, kann er über diese Zeit nicht mehr sprechen, ohne zu zittern. Er liest nur einen Autor: Seneca. Klammert sich an dessen Lebensphilosopie. Spielt außerdem Theater und ist überzeugt, dass er ohne Sencea und die Guernseyer Gesellschaft für Dichtung und Kartoffelschalenauflauf der Trunksucht anheim gefallen wäre. Wie es überhaupt an tragischen Geschichten nicht mangelt, etwa die aussichtslose Liebe zwischen der unerschrockenen Elizabeth, die eigentliche, obschon unfreiwillige Gründerin der Lesegesellschaft, und einem deutschen Arzt, der am Ende sein Leben einbüßt. Die Internierung Elizabeths in einem Militärgefängnis, aus dem sie wider Erwarten nicht zurückkehrt, indessen ihre kleine Tochter in der Obhut der gesamten Guernseyer Dorfgemeinschaft aufwächst. Mehr sei nicht verraten.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Buchtipp des Monats

Januar 2019 

©  Erna R. Fanger                                                                                                       

„Zeugnis wider das Verschweigen“

Barbara Schirmacher: „Ein aufrechter Mensch. Mein Großvater Otto Globig.BoD, Norderstedt 2018.

„Mein Großvater war einer der kleinen Leute. Er führte ein anständiges, unauffälliges Leben, wie unzählige andere auch. Dennoch wurde er verurteilt ...“, so Barbara Schirmacher. Doch eigens für die Anständigen, die sich unter der Gewaltherrschaft Hitlers nicht wegduck­ten, wurde 1934 das so genannte Heimtückegesetz“ erlassen. Vornehmlich zur Abschreckung und Einschüch­terung sollte es dienen und war die Hand­habe gegen jedwedes kritische Wort. 

Selten ist es das gelingende Leben, das Menschen dazu bewegt, ‚zurFeder zu greifen’, in Wort und Schrift festzuhalten, was sonst dem Verschwinden preis gege­ben wäre, Fragen nachzugehen, die im Raum stehen, ohne je gestellt worden zu sein. Aus guten oder schlech­ten Grün­den. Und nicht selten ist es eine Art Lebensschmerz, der im Niederschreiben verhandelt wird. Ein Schmerz, der als Schatten eines diffusen Schweigenebels häufig nicht nur über der Existenz des Schreibenden hängt, sondern über Generationen hin­weg Familien zu bedrängen und beschweren ver­mag. 

Wie es Barbara Schirmacher in unbeirrbarer Klein­arbeit gelingt, dieses Schwei­gen über Jahrzehnte hinweg zu brechen, davon erzählt sie in der hier vorliegenden Spurensuche. Dabei schildert sie so eindringlich wie berührend ihren Kampf, dem Großvater auf die Spur zu kommen, der sich, einem befreundeten jüdischen Arzt die Treue hal­tend, den Nazis verweigert hat und damit in eine Spi­rale der Isolation geriet, die ihn und mit ihm seine Familie in den Abgrund riss. Ein Schicksal, das totgeschwiegen, dem Vergessen anheim gefallen wäre. Hätte nicht der Zufall der Enkelin den Anstoß gegeben, über Jahre hinweg so hartnäckig wie beharrlich jedem noch so kleinen Indiz nachzugehen, um die undurchdringlich anmutende Mauer, diesen Wider­stand aus Schuld und Scham und Schweigen, der die Familie von der Wahrheit um seine Person zu trennen schien, Stück für Stück aufzubrechen. Nach dem Motto von Ingeborg Bachmann, „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“*, ist es ihr in dem ergreifenden Dokument gelungen, den von den Nazis unrechtmäßig Verurteilten und Gedemütigten zu rehabilitieren. Über den Tod des Großvaters hinweg scheint sich dabei zwischen diesem und seiner Enkelin ein so inniges wie zärtliches Verhältnis zu ent­spinnen. 

Eine ergreifende Lektüre und zugleich Indiz, dass jede tiefere Wahrheit ans Licht dringen will. Nicht dass dies den Schmerz um das tragische Schicksal des Großvaters milderte, ist doch die Nähe, die seine Enkelin nach und nach im Zuge des Schrei­bens zu ihm herstellt, selbst für den Leser hautnah spür­bar. Was bleibt, ist die so überzeugende wie tröstli­che Botschaft: Über die Zeiten hinweg hält die Liebe der Wahrheit stand, unverbrüchlich und schön. 

*Rede Ingeborg Bachmanns zur Verleihung des Hörspielpreises  der 

  Kriegsblinden vom 17. März 1959 in Bonn

                         

 Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Buchtipp des Monats Dezember 2018 

©  Erna R. Fanger                                                                                                            

„Man entgeht der Herrlichkeit des Lebens nicht“

Katherine Mansfield: „Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben. Vignetten eines Frauenlebens 1903-1922.Aus dem Englischen übersetzt von Irma Wehrli, mit einem Nachwort von Dörte Hansen und einem Essay von Virginia Woolf, herausgegeben von Horst Lauinger, Manesse Verlag,Berlin 2018.

Auf dem Gymnasium gehörte die neuseeländisch-britische Schriftstellerin Katherine Mansfield (1888-1923), deren Leben gerade mal 34 Jahre währte, zur Pflichtlektüre. Allerdings verstand sie es, Letzteres aufgrund der Strahlkraft ihrer an die 70 Kurzgeschichten, vergessen zu machen. Taucht ihr Name neben anderen, gleichwohl dem schulischen Kanon zugehörigen und schnell wieder verblassten Autoren auf, sprühen da Funken, und man hat Lust, sie wieder zu lesen. Da war doch was! Etwas, was sich deutlich von anderen Pflichtlektüren unterschied. 

Allen, denen es so oder ähnlich geht, ist mit diesem ästhetisch anspruchsvoll ausgestatteten Band in typischer Manier der Manesse Bibliothek mit Fadenheftung und Lesebändchen mehr als gedient. Der hier gewährte Blick in ihre Tagebücher –  für Mansfield unabdingbarer Dialog mit sich selbst – hinter die Kulissen ihrer Kurzgeschichten nimmt uns mit auf Höhenflüge und Abstürze der schreibend mit sich Ringenden. Doch ‚Abstürze’ konnte sich Katherine Mansfield im Zuge ihres leidenschaftlichen Strebens, in dem was ihr eigen ist, die Meisterschaft zu erreichen, nämlich Kurzgeschichten zu schreiben, im Grunde nicht leisten. Dazu währte ihr Leben zu kurz. Und in einem verborgenen Winkel ihrer Seele mochte sie es gewusst haben: Sie musste haushalten. Und so blieb ihr keine Wahl, als sich aus jeder Niederlage wie „Phoenix aus der Asche“ zu erheben. Und der Niederlagen gab es, allein schon in ihrem Privatleben, genug. Sei es in der spannungsreichen Beziehung zu ihrem Mann John Middleton Murry, Literaturkritiker und Essayist, sei es in der zwiespältigen Liaison mit der ihr bis zur Unterwürfigkeit ergebenen Freundin Ida Baker, alias L.M., Leslie Moore, seit Zeiten des Londoner Queen’s Colleges, wo sie sich 1903 kennengelernt hatten, auf deren Hilfe sie jedoch bei nachlassender Gesundheit zunehmend angewiesen war. 

Im Umfeld der Bloomsbury-Clique sich bewegend – benannt nach dem Londoner Stadtteil –, verkehrte sie mit Schriftstellern wie Virginia Woolf, Rupert Brooks, den Malern Roger Fry und Dora Carrington, aber auch Wissenschaftlern wie John Maynard Keynes und dem Ehemann Virginia Woolfs, Leonard Woolf, Verleger, und vielen mehr. Zugleich bot jene Gesellschaft einen nicht unerheblichen Fundus an eben dem Stoff, aus dem Geschichten sind, woraus Katherine Mansfield reichlich zu schöpfen wusste.

Mansfields Tagebuchnotizen lassen auf der einen Seite einen hochsensiblen, wachen Geist erkennen, dem nichts entgeht, was an unterschiedlichsten Stimmungen auf ihn einströmt. Zugleich zeugen ihre Statements von einer immensen inneren Freiheit und  Souveränität. Auf der anderen Seite ist ein ungeheurer Druck, ja Anspruch spürbar, brillant zu sein: „Glückliche Menschen sind niemals brillant. Dazu braucht es Reibung.“ Was ihr als Schriftstellerin durchaus gelungen ist. Virginia Woolf entlockt dies drei Tage nach Mansfields Tod das dem Tagebuch anvertraute Eingeständnis: „Ich war eifersüchtig auf ihre Kunst zu schreiben – die Einzige, auf die ich je eifersüchtig gewesen bin.“

Neben Entwürfen und Szenen für ihre Erzählungen sprühen die hier vorliegenden Tagebuchnotizen nur so vor Lebensweisheit, gründend in einer unbändigen Neugier, Fragen auf die existenziellen Herausforderungen auf die Spur zu kommen, sowie dem unbedingten Streben, die Fülle ihres Potenzials auszuschöpfen:

„Unabhängigkeit, Entschlossenheit, Zielstrebigkeit, Urteilsvermögen und Scharfsinn – das braucht es unbedingt (...) Und nochmals Willen – die Erkenntnis, dass Kunst im Wesentlichen Entwicklung des Selbst bedeutet. Das Wissen darum, dass ein Genius in jeder Seele schlummert und es ganz entscheidend auf jene Individualität ankommt, die unserem Wesen zugrunde liegt.“

In der ihr eigenen Radikalität appelliert sie immer wieder an sich selbst, ‚alles zu wagen’, sich nicht um anderer Leute Meinung zu kümmern: „Tu, was dir am schwersten fällt auf Erden: Handle selbst! Stelle dich der Wahrheit!“ Wie sie überhaupt versteht, sich selbst zu motivieren – heute würde man von effektivem Selbstmanagement sprechen. Dementsprechend ermahnt sie auch immer wieder sich selbst. Etwa Misserfolge nicht ernst zu nehmen, aufzuhören, uns vor ihnen zu furchten und über uns zu lachen. Und drohe es, uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen, rät sie, ‚sich dem Leid nicht zu widersetzen, es anzunehmen’: 

„Lass dich überwältigen. Nimm es ganz und gar an. Mache es zu einem Bestandteil deines Lebens. Alles im Leben, was wir wirklich annehmen, verwandelt sich ... Das Leben ist nicht einfach. Trotz allem, was wir über das Mysterium des Lebens sagen, möchten wir es, wenn es hart auf hart kommt, als Kindermärchen nehmen.“

In den letzten Lebensjahren bis zu ihrem frühen Tod mit Tuberkulose kämpfend, hatte sie davon genug zu bewältigen. Und bis zum Schluss hat sie nicht aufgehört darum zu ringen, Zuversicht walten zu lassen. So lautet die letzte Tagebucheintragung vor ihrem Tod bei prekärer Gesundheit, wo sie von ihrer Erschöpfung schreibt und wie sie mit allem gerungen hat: „Alles ist gut.“ Ganz im Sinne ihrer ureigenen Haltung: „Es läuft alles auf eins hinaus: Man entgeht der Herrlichkeit des Lebens nicht. Fassen wir den Vorsatz, ewig zu leben. Und nicht mal das wäre lange genug.“

 Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse Verlag! 

Download aktueller Buchtipp im Archiv Judith Schalansky: "Verzeichnis einiger Verluste".

Siehe auch unseren Buchtipp Katherine Mansfield: "Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben. Vignetten eines Frauenlebens", Tagebuch

Siehe auch unseren  Sachbuchtipp Robert Habeck"Wer wir sein könnten". 

Siehe auch unseren Buchttipp für die Jüngsten "Ein Lied geht um die Welt“ 

Buchtipp des Monats November 2018

©  Erna R. Fanger                                                                          

Buchtipp des Monats

September-Oktober 2018 

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

Ein Debüt-Roman der extraklasse. Aufregend, erschütternd und in atemberaubender Handlung bis zur letzten seite spannend!

 

Gabriel Tallent: „Mein Ein und Alles“, Penguin Verlag München 2018, aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner  

Die US-amerikanischen Kritiken überschlagen sich nicht umsonst. Und es ist auch nicht von ungefähr, dass der Roman von Gabriel Tallent „Mein Ein und Alles“ nach Erscheinen wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times stand und schon jetzt für so renommierte Literaturpreise wie den Los Angeles Times Book Prize for First Fiction nominiert ist. Ein Roman der Extraklasse, der den Leser von Beginn an den Atem anhalten lässt. Seite für Seite ungemein spannend. Nahezu berauschend die Schilderungen der Landschaft, des Waldes, mit allem, was dazu gehört. Tallent verfügt über ein unglaubliches Naturverständnis, das hier in jedem der 31 Kapitel voll zur Geltung kommt. Zwingend die Sprache. Der gesamte von Stephan Kleiner übersetzte Roman ist im Präsens geschrieben, wodurch der Leser stets dicht dran ist am Geschehen.  

Dabei handelt es sich um die Geschichte der vierzehnjährigen Turtle alias Julia Alveston, von ihrem Vater Martin auch Krümel oder Luder genannt. Letztere Bezeichnung kommt nicht von ungefähr. Denn so hat der Vater es ihr eingeimpft. Ein Vater, der sie mit Liebesentzug erpresst, missbraucht, brutal misshandelt, vergewaltigt und ihr mit seinem eigenen wie ihrem Tod droht. Ebenso lehrt er sie den Umgang mit Schusswaffen, was ihm am Ende im Rahmen eines großen Showdowns zum Verhängnis werden soll.  

Turtle scheint völlig auf sich allein gestellt. Schulleitung und Lehrerin spüren zwar, dass etwas nicht in Ordnung ist, unternehmen jedoch kaum etwas. Ja es hat sogar den Anschein, dass sie dem brillanten Intellekt des Vaters nicht gewachsen sind. Allein die zwei Jungen, denen sie aus dem Wald hilft, nachdem sich diese verlaufen hatten, bringen Verständnis für sie auf. Einer von ihnen, Jacob, verliebt sich am Ende in sie. Doch die Liebe steht unter einem bösen Stern, solange Turtle bei Martin lebt. Dieser will sie um keinen Preis loslassen. Schließlich sei sie ‚sein Ein und Alles’, wie bereits der Titel verrät. 

Etappe für Etappe nimmt der Leser am Entwicklungsprozess von Turtle teil, lernt ihre Schwächen, vor allem aber ihre Stärke kennen. Ebenso nimmt er die Vernachlässigung des Mädchens und Brutalität des Vaters ihr gegenüber wahr. Als dieser sich am Tod des Großvaters, den Turtle geliebt hat, schuldig macht und dessen Habe verbrennt, will sie zunächst nur noch sterben. Am Ende jedoch wird klar, dass dies der entscheidende Wendepunkt in ihrem Leben ist, aus dem sie letztlich Kraft schöpft, um sich gegen den Vater zur Wehr zu setzen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Pinguin Verlag 

Buchtipp des Monats September-Oktober 2018

© Erna R. Fanger  

 Dekonstruktion einer Vatertochter 

Francesca Melandri: „Alle, außer mir“.Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018

Melandri hat mit „Alle, außer mir“ einen bedeutsamen Roman über die unglückselige Verquickung eurpäischer Kolonialpolitik mit der heutigen Flüchtlingskrise vorgelegt und damit eine Perspektive auf die gegenwärtigen Probleme Europas eröffnet, die längst fällig war, im Übrigen gerne unterschlagen wird. Zugleich ist es ihr Verdienst, die Menschheitsgeschichte mit den Wechselfällen in den Geschichten der Individuen überzeugend zu verknüpfen. Erzählt wird von einer italienischen Familie. Das komplexe Werk entfaltet sich aus verschiedenen Erzählperspektiven. Vornehmlich aus der Sicht Ilarias, einer engagierten Lehrerin Mitte vierzig, und der ihres Vaters Attilio Profetis, aber auch diverse Nebenfiguren kommen darin zu Wort. Zugleich bedient sie sich verschiedener Zeitebenen, flicht Rückblenden ein. 

Dreh- und Angelpunkt ist, als vor ihrer Haustür ein Schwarzer auf sie wartet. Der behauptet, sie sei seine Tante, und zeigt ihr einen Pass, auf dem der Name ihres Vaters zu erkennen ist. Der Schwarze erweist sich schließlich als Enkel Attilio Profetis, der dessen Vater einst die Vaterschaft verweigert hatte und von dem keiner in der Familie je erfahren durfte.

Jetzt, in äußerster Not – sein Asylantrag abgelehnt, in seiner Heimat Äthiopien verfolgt, seinen Cousin hatte man zu Tode gefoltert – strandet er bei ihr, Ilaria. Mit seinem Pass in der Hand kann sie noch nicht ermessen, was das für Ihr Leben fortan bedeutet, allenfalls erahnen. Für sie fühlt es sich wie folgt an:  „schlicht so, dass dieser Ausweis (...) eine Leere in sie gerissen hat, wie etwas, das fehlt: die kurzfristige, aber totale Auslöschung jeder kausalen Verbindung zwischen Wahrnehmung und Gedankenwelt“, womit treffend der Prozess einer Art Dekonstruktion des Vaterbildes antizipiert wird, den diese Begegnung einleitet. Denn die Fragen, die daran schließen, öffnen Ilaria, die ihren indessen dementen Vater Attilio Profeti bewundert und geliebt hat, die Augen. Hat dieser sie doch glauben gemacht, er sei im Widerstand gewesen, habe also auf der richtigen Seite gestanden. Ilaria wiederum, gebildet, engagiert, politisch links und hehre ethisch-moralische Werte vertretend, ist entschiedene Gegnerin der politischen Rechten, die unter Berlusconi das Sagen hat, und schämt sich der Flüchtlingspolitik ihres Landes. Dass sie ausgerechnet mit einem Funktionär der Berlusconi-Partei eine erotische Liaison verbindet, passt ins Bild der vielschichtig angelegten Figuren Melandris. Desgleichen die von ihrem Vater im Zuge korrupter Geschäfte finanzierte Wohnung auf dem Esquilin. Dunkle Flecken auf der sauber anmutenden Oberfläche. 

Doch mit dieser Begegnung und den Fragen, die mit ihr aufgeworfen werden, erhält diese nach außen hin glatte Fassade nach und nach immer mehr Risse. Und je mehr die fragwürdige politische Vergangenheit ihres Vaters ans Licht dringt, dieser hinter seiner nach außen hin strahlenden Karriere sich 1935 an entscheidender Stelle in den Ostafrikakrieg unter Mussolini verstrickt erweist, desto mehr ist auch Ilaria angehalten, ihre eigene Position zu hinterfragen. 

An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick auf den italienischen Titel „Sangue giusto“ – „Gerechtes Blut“ zu werfen, das eben diesen Männern, die an diesem grausamen Krieg beteiligt waren, zynischerweise zugesprochen wurde. 

Der nun vor ihr stehende junge Schwarze, zugleich Verwandte, scheint wie eine in sich stimmige personifizierte Antwort auf die oben angedeutete historische Gemengelage, die Ilaria buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzureißen droht. Der deutsche Titel „Alle, außer mir“ wiederum deutet auf die Mentalität Attilio Profetis hin, der diesen Spruch bereits als kleines Kind als Motto für sich auserkoren hatte, als man ihm eröffnete, dass alle Menschen sterben müssen. Woraufhin er festen Willens beschloss: „Alle, außer mir“. Attilio Profeti setzte sich in dieser Manier über so manches hinweg, was ihm durchaus erheblichen Erfolg beschied.

Vatertöchter, dies ist inzwischen hinlänglich bekannt, beziehen ihre Identität aus der Beziehung zu ihrem Vater, von dem sie sich geliebt fühlen, den sie bewundern und dem sie nacheifern. Der Vater steht, auch das gehört längst zum Allgemeingut der sogenannten Wissensgesellschaft, für die Bewältigung der Realität. Protagonistin Ilaria ist eine solche, die hier jedoch eine erhebliche Zäsur erfährt. Und in dem Maß, in dem das Bild des Vaters demontiert wird, ist auch sie sich ihrer eigenen Identität nicht mehr sicher, gerät ihr Selbstbild ins Wanken. Unmissverständlich dringt die Erkenntnis durch: In diesem über Generationen hin sich erstreckenden Prozess kolonialer Gewaltherrschaft haben sich alle daran Beteiligten schuldig gemacht. Und das Erbe, das er hinterlassen hat, wird uns in Europa noch lange beschäftigen. Wiederum ist es das Verdienst dieses Buches, eben diese Verstrickungen aufzudecken. Wobei weniger die Beziehung zwischen Täter und Opfer im Zentrum der Fragestellung steht, als vielmehr die Frage der Verantwortung, wo unser eigener Platz im fragilen Gleichgewicht zwischen Gut und Böse ist, und dass keiner davonkommt, sprich seine Hände in Unschuld waschen kann.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Verlag Klaus Wagenbach! 

Reflektionen über Blau 

Maggie Nelson: „Bluets“, Hanser-Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2018, aus dem Englischen von Jan Wilm  

 

Die Suche nach den mannigfaltigen Erscheinungsformen der Farbe Blau in unterschiedlicher Semantik führt die 1973 geborene US-amerikanische Autorin Maggie Nelson zwangsläufig zu Johann Wolfgang von Goethes „Farbenlehre“, die neben Ludwig Wittgen-steins „Philosophische Untersuchungen“ als „Hauptzulieferer“ des schmalen Bändchens mit dem Titel „Bluets“ gilt. Basis und Background zugleich. Darüber hinaus lesen sich auch die Namen der ‚weiteren Zulieferer’ und zitierten Übersetzungen im „Abspann“ wie das Who is Who der Literatur und Philosophie. Neben John Cage sind u.a. Marguerite Duras und Stephane Mallarmé, Dylan Thomas und Henry James vertreten. Von Heraklit und Platon, Gertrude Stein und Henry David Thoreau ganz zu schweigen. Über das Buch heißt es auf der Schlussseite, dass ‚Maggie Nelson alle Schattierungen und Geheimnisse von Blau kennt’, ebenso die der Farbe ‚Blau verfallenen Künstler’, was vor allem in den Songs von Joni Mitchells "Blue" und Leonard Cohens "Famous Blue Raincoat" seinen Ausdruck findet. 

Erstaunlich dabei, dass sich „Bluets“ auf gerade mal 109 Seiten erstreckt. Dabei nimmt sich Nelson der Farbe Blau in 237 Sequenzen in all ihren Facetten an. Von den „Fetzen blauer Müllbeutel“ bis hin zum „Halbkreis des blendend türkisblauen Ozeans“, von der Vorstellung Platos, dass die „Farbe ein genauso gefährliches Rauschmittel wie die Dichtung“ sei, bis hin zu der Vorstellung, dass die ‚Lyrik der Sprache eine Art blauer Tönung’ verleiht. Wie es überhaupt immer wieder ums Schreiben geht. So, wenn die Autorin ‚darüber nachdenkt, dass das Schreiben gut ist für Erinnerung, dass es manchmal die gleiche Wirkung wie ein Album von Kindheitsfotografien’, es „in Wahrheit etwas unglaublich Ausgleichendes hat“, oder wenn sie Goethes Überlegungen zu den ‚destruktiven Effekten des Schreibens’ reflektiert.  

Doch ebenso ist das Büchlein Ausdruck einer persönlichen Krise. So wird von der querschnittsgelähmten Freundin, vor allem jedoch von der gescheiterten Beziehung zu einem Mann, dem „Prinzen des Blauen“, erzählt, wobei die Autorin auch vor pornographischer Darstellung nicht zurückschreckt. Zugleich bringt sie uns so komplizierte technische Errungenschaften des 18. Jahrhunderts wie das „Cyanometer“ nahe, womit sich immerhin 53 Blautöne unterscheiden lassen.  

Bluets ist keinem bestimmten Genre zuordenbar. Es ist eine Mischung aus philoso-phischer Abhandlung, Essay, lyrischer Spracheingebung und poetischer Prosa. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser - Berlin Verlag 

 

Buchtipp des Monats August 2018

© Erna R. Fanger  

 

Beckett und die Wirklichkeit der Absurdität 

Jo Baker: „Ein Ire in Paris“.Aus dem Englischen von Sabine Schwenk. Albrecht Knaus Verlag, München 2018

Nach ihrem gleich zum Bestseller avancierten Debut „Longbourn“  (2013), wo die aus Lancashire stammende Autorin Jo Baker – Absolventin der Oxford und der Queens University in Belfast – die Geschichte von Jane Austens „Pride & Prejudice“ aus der Sicht der Dienerschaft erzählt, hat sie mit „Ein Ire in Paris“ nun auch ihren zweiten Roman vorgelegt. Mehr noch als der deutsche Titel gibt sein englisches Pendant „A Country Road, A Tree“ (London 2016) ersten Aufschluss über das Vorhaben Bakers, uns Beckett während seiner Zeit im besetzten Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, vornehmlich Paris, in Romanform nahezubringen. Handelt es sich dabei doch um die Regieanweisung zu dem Theaterstück, mit dem Samuel Beckett 1953 in Paris im Téâtre de Babylone, nach der langwierigen Prozedur, überhaupt einen Aufführungsort zu finden, schließlich den Durchbruch erzielt: „Warten auf Godot“, das zu Recht als ein Meilenstein der dramatischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg gilt und ihn zum Mitbegründer des Absurden Theaters gemacht hat. Dabei geht es im Wesentlichen um den Dialog ad absurdum zwischen den beiden Landstreichern Estragon und Wladimir, bar jeder Funktion. Vielmehr dreht sich alles um das Warten, um die Langeweile, die es mit sich bringt, in Verweigerung jedweder Sinnhaftigkeit. Stattdessen wird hier, teils in ironischer Brechung, teils mit philosophischen Implikationen, jede Deutung verweigert. Die Landstraße als Schauplatz, mit einem einzigen Baum, öde, führt nirgendwohin oder ins Ungewisse. Ebenso wie die Figuren in ihrer Identität schwanken und auch der linearen Zeit keinerlei Bedeutung zukommt. Einzig das Warten auf Godot scheint die Figuren zu verbinden. Godot, von dem keiner weiß, ob er je kommt, geschweige denn, ob es ihn überhaupt gibt und wer darunter zu verstehen sei. Zugleich steht “Warten auf Godot“ exemplarisch für die produktivste Schaffensphase Becketts und seines vornehmlich dramatischen Werks. 

Das Verdienst Bakers ist es, dass sie den Leser in drei Teilen und insgesamt 22 Kapiteln bis ins Detail in die Zeit während des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich entführt. Teil I, beginnend mit „das Ende“, bezeichnet Becketts regelrechte Flucht aus familiärer Enge der irischen Heimat Greystones unter dem Regiment der vereinnahmenden Mutter. Zugleich aber auch das Ende der kurzen Friedenszeit zwischen den beiden Weltkriegen. Bei einem Besuch dort von psychomatischen Krankheiten heimgesucht, seine Kreativität lahm gelegt, zieht es ihn trotz des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs zurück nach Paris zu seiner Geliebten und späteren Ehefrau, der Pianistin Suzanne Dumesnil. Und während sich in den ersten Kriegswochen unheilvoll bedrohliche Schatten über Europa legen, durchleben sie das Glück ihrer Liebe. Suzanne, die sich als Klavierlehrerin verdingt, mit feinem Gespür für die Balance zwischen Nähe und Distanz, verwöhnt ihn mit kleinen Aufmerksamkeiten und sorgt dafür, dass sein Aufenthalt behördlich anerkannt wird. Lässt ihm bei allem aber auch den Raum, den er benötigt, um schreiben zu können. 

Am Horizont erste Anzeichen des Verschwindens und Gejagtwerdens jüdischer Bürger, die vergeblich versuchen, sich gegenseitig Halt zu geben, die Atmosphäre in der gefeierten Metropole Europas gespannt: „Da ist ein Drang nach Gemeinschaft, aber auch der Sog der Angst. Wer möchte schon damit in Verbindung gebracht werden, dazugehören zu dieser Gemeinschaft von Ausgeschlossenen?“ Ungläubig registriert das Paar das bald schon nicht mehr zu übersehende nahende Unheil. Beckett sieht sich genötigt, der drohenden Katastrophe etwas entgegenzusetzen. Er schließt sich der Résistance an, übermittelt verschlüsselte Botschaften. Doch das Wirken im Untergrund gefährdet alle darin Verwickelten. Stets auf der Hut vor der Gestapo, immer wieder Verhaftungen im konspirativen Umfeld. Der Alltag, seit 1940 zunehmend bestimmt von Hunger, Armut, Angst und und Flucht. So verschlägt es Beckett zunächst nach Vichy, wo auch Joyce sich aufhalten sollte. Joyce, den er bewundert, unter dessen Einfluss er seine eigene Schriftstellerkarriere begann ebenso wie eben dieser Einfluss ihm später zum Verhängnis wurde. Die Begegnung mit ihm gerät zum Fiasko. Joyce in erbärmlichem Zustand, halb blind. Kaum in der Lage, auf den Landsmann einzugehen. Beckett, der seine britischen Schecks nicht einlösen kann, ist blank, erhofft sich von Joyce Unterstützung. Doch der geht ganz auf in seiner Verzweiflung über die Zumutungen des Lebens, sei es der Poitik, sei es im familiären Umkreis, will sich mit der Familie in die Schweiz absetzen. Er nennt ihm noch einen Namen, „Larbaud“, woran er sich wenden könne. Der kann helfen. Beckett ist erst mal gerettet. Es ist die letzte Begegnung zwischen den beiden Giganten gewesen. Wenige Monate danach ist Joyce tot. Den Sommer verbringen Samuel und Suzanne mit Marcel Duchamp, der vorhat nach New York zu übersiedeln, und seiner Lebensgefährtin Mary Reynolds, die jedoch vorzieht, in Frankreich zu bleiben. Später erfahren wir von Duchamp aus New York, dass er aufgehört hat zu arbeiten, nur noch Schach spielt, was ’durch ein kompliziertes Netz von Möglichkeiten zu einem Endspielführt, das sich immerzu zu Stille und Schweigen wandelt und zugleich vorhersehbar ist.’ „Endspiel“ gibt dann auch den Titel ab von Becketts 1957 in London uraufgeführtem Einakter, der, an die groteske Verstörung seiner Figuren gemahnend, zunächst auf Unverständnis und Ablehnung stößt und erst zehn Jahre später unter seiner eigenen Regie im Schillertheater in Berlin zu einem Publikumserfolg avancieren sollte.

Der folgende Winter in Paris ist hart, aber erträglich. Noch findet sich Brennmaterial in den Parks, mit dem der Kamin angezündet werden kann. Und immer wieder: Hunger. „’Ich habe eine Steckrübe gekauft’, ruft Suzanne. ‚Und wir haben noch zwei Möhren. Da mache ich später Püree draus’.“ Unmerklich schnürt die Not sie zusammen, zwängt sie in ein Leben, das keiner sich ausgesucht hätte und unter dem nicht zuletzt ihre Liebe buchstäblich in die Pflicht genommen wird, der ursprünglichen Freiheit ihrer Verbindung beraubt. 

Weit härter und brutaler sind die Sommer und Winter, die folgen. Getriebene des Schicksals, jeden Sinns beraubt, ihr Weg gesäumt von Leidensgenossen, Geschundenen, Gedemütigten. Unzählige verschwunden. Gequält. „Paris ist nicht mehr Paris.“ Jetzt ist der Krieg überall. Immer weitere Verhaftungen, darunter engste Freunde. Für nichts und wider nichts. ‚Der Huger eine gefährliche Waffe, durch die man sich selbst augeliefert ist’. Leben im „Fegefeuer“, dementsprechend auch der Titel von Teil 2. „Sein Leben reduziert sich auf essen und ausscheiden ... Es ist demütigend und macht ihn zum Tier.“ Überall lauert die Gestapo. Die Liebe aufgerieben. „Eine Berührung löst Frösteln aus. Ein harmloses Wort kann Anstoß erregen.“ Das Schreiben hat seinen Sinn verloren: „Nun starrt er auf die drei Wörter, die er geschrieben hat. Sie sind vollkommen lächerlich, das ganze Schreiben ist lächerlich. Ein Satz, jeder Satz ist absurd.“

All dies gibt die Folie ab zu Becketts Schaffen seit „Warten auf Godot“. Und das Kriegsende 1945 bezeichnet in Teil 3, „Beginn“, zugleich den Anfang der literarischen Produkion Becketts, mit der er sich einen Namen machen sollte. Auf so komplexe wie subtile Weise kommt dabei der Zivilisationsbruch zur Sprache, der auf den Menschen der westlichen Hemisphäre schwer lastet. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg, auf die Spitze und weit darüber hinausgetrieben mit dem Zweiten Weltkrieg. Ethisch und moralisch ist die Menschheit am Nullpunkt angekommen. Sämtliche Errungenschaften der Aufklärung bis dahin nicht nur infrage gestellt, sondern in ihren Grundfesten erschüttert. Der Mensch ist aus der Bahn geschleudert. Die Werte haben sich verkehrt und Becketts Schaffen seit seinem Durchbruch spiegelt dies wider, in all seiner so fragwürdigen wie fragmentarischen Wucht, dem darin zutage tretenden Widersinn, in seiner Absurdität und abgrundtiefen Zerrissenheit. 

Dies hat Jo Baker uns eindrucksvoll nahegebracht. Ihren Stil muss man mögen. Und nicht jedes Detail wäre hier nötig gewesen, um sich ein Bild von jenen Tagen machen zu können. Ebenso wenig wie die Wahl des durchweg atemlosen Präsens, jede Distanz zum Geschehen verhindernd, ausnahmslos glücklich scheint. Nichtsdestotrotz: In Erhellung des politisch-historischen Hintergrunds im Schaffen Becketts, das ihm 1969 nicht zuletzt den Nobelpreis für Literatur eingebracht hat, so lesens- wie empfehlenswert.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus Verlag! 

 

Buchtipp des Monats Juli 2018

© Hartmut Fanger  schreibfertig.com

 Nicht nur für Beatles-fans

 

David Foenkinos: „Lennon“Aus dem Französischen von Christian Kolb. Deutsche Verlags-Anstalt. DVA, München 2018

 

Wer die 60er und 70er Jahre verstehen will, der kommt an den Beatles schon zwangsläufig nicht vorbei, nicht an deren Musik und Lebensphilosophie, ebensowenig wie an den Schlagzeilen. Zweifellos waren die Fab Four aus Liverpool weltweit populär. Und der Protagonist war ihr Bandleader John Lennon.  Es kommt deshalb auch nicht von ungefähr, dass der gegenwärtige Popstar unter den  französischen Autoren, David Foenkinos, einen Roman über die Ikone verfasst hat, der Dank seiner präzisen und umfangreichen Recherche nahezu wie eine Biografie anmutet. Das Ganze mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen. Für Fangemeinde, Popwelt und Literaturinteressierte ein Grund zur Freude. Im Übrigen liest sich der Roman ausgesprochen gut und vermittelt das außergewöhnliche Leben Lennons aus der Ich-Perspektive, was besonders nah an die Hauptfigur heranführt. 

David Foenkinos John Lennon. Fast kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wäre der Autor eine Symbiose mit dem Gegenstand seines Interesses eingegangen. Authentisch, originell und treffend werden im Rahmen von 18 Sitzungen einer Psychoanalyse, zugleich Kapitel, Höhen und Tiefen im Leben John Lennons ausgelotet. Frappierend, wenn der Leser bisweilen das Gefühl nicht los wird, als würde John Lennon ihn von der Couch aus direkt ansprechen, und so unmittelbar aus dessen Leben erfährt. John Lennon reflektiert: von der Kindheit des Protagonisten bis hin zum Beginn der Beatles, von den ersten großen Erfolgen bis hin zu Yoko Ono, vom „Bombenlärm“ des Zweiten Weltkriegs bis hin zu „Give Peace a Chance“, vom ‚ersten Joint’ mit Bob Dylan bis hin zur Heroinsucht. Ein langer Monolog, der jedoch mit keiner Zeile langatmig wird. Im Gegenteil. Mitreißend, von Lennons Umgang mit dem Ruhm, seinem Verhältnis zu Paul McCartney zu erfahren, von seinem Protest gegen den Vietnamkrieg und seinem Kampf darum, während der Zeit Richard Nixons in Amerka bleiben zu dürfen. Zahlreiche nicht weniger berühmte Zeitgenossen treten in Erscheinung oder werden zumindest erwähnt. Sei es George Harrison, Ringo Starr, Mick Jagger, Frank Sinatra, Allen Ginsberg oder Fred Astaire. Nicht zu vergessen, Maharishi-Jogi. 

 

Und es wundert dann auch nicht, wenn Foenkinos im Nachwort bekennt, dass John Lennon ‚ein Teil seines Lebens sei, seine Musik ihn überhall hin begleite und er ihn wahnsinnig bewundere’. Dies ist dem mit Herzblut geschriebenen Roman sehr wohl anzumerken und gewiss zugleich auch sein Stärke. Überraschend, dass Foenkinos erst 1974 geboren ist, er also einen Großteil von Lennons Leben erst im Nachhinein hatte kennenlernen können. Zu allem hin bestand die Schwierigkeit, dass nach Foenkinos ’Lennon seine Biografie selbst wohl mehrmals umgeschrieben hat’. Umso beachtlicher die Leistung. Foenkinos ist mit „Lennon“ ein großer Wurf gelungen.

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt DVA!

Buchtipp des Monats

Juni 2018                     

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Flashback  – Amerikanische Wirklichkeit 

gestern und heute

Sinclair Lewis: „Main Street“, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt  von Christa E. Seibicke, mit einem Nachwort vom Heinrich Steinfest, Neuausgabe,  Manesse Verlag, München 2018.

Wer sich für die kommenden Tage, gar die Ferien, ein besonderes Lesevergnügen gönnen möchte, dem können wir „Main Street“ von Sinclair Lewis aus dem Jahre 1920 nur empfehlen. Humorvoll, intelligent und derart flüssig geschrieben, dass der Leser, erst einmal angefangen, mit der Lektüre nicht mehr aufhören kann. Auf immerhin 950 Seiten (!) gelingt es dem Autor sehr wohl, Lesesucht zu erzeugen. Dazu kommt die vom Manesse Verlag gewohnheitsgemäß liebevolle Ausstattung, hier mit Fadenheftung und dem 27 Seiten umfassenden Anmerkungsapparat, der so manch’ weniger geläufige Begrifflichkeit erklärt, die im Zuge von nahezu 100 Jahren in der Versenkung verschwunden ist. Von der vorzüglichen Neuübersetzung Christa E. Seibickes und dem sorgfältig aufbereiteten Nachwort Heinrich Steinfests ganz zu schweigen.  

In diesem Jahr wird kein Nobelpreis für Literatur vergeben. Zeit also, an einen Nobelpreisträger der ersten Stunde zu erinnern. Sinclair Lewis erhielt 1930 als erster US-amerikanischer Autor die begehrte Auszeichnung, die ihm einst Weltruhm einbrachte. Dabei hätte er schon im Jahre 1925 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden sollen, den er jedoch abgelehnt hatte, nachdem ihm diese Trophäe zuvor vorenthalten wurde. „Main Street“ (1920), womit Lewis zugleich seinen literarischen Durchbruch erzielte, zählt zusammen mit „Babbit“ (1922) und „Elmer Gantry“ (1927) von insgesamt 21 Romanen zu seinen bedeutendsten Prosawerken, von denen Ersteres 1936 unter dem Titel  „Kleine Stadt mit Tradition“ von Archie Mayo verfilmt wurde. 

„Main Street“, Hauptstraße, steht für das, was jedem Ort Amerikas seinen Stempel aufdrückt. Dementsprechend könnte der Roman, wie Lewis gleich zu Beginn verrät, ebenso „in Ohio oder Montana, in Kansas, Kentucky oder Illinois“ spielen. Wobei eine solche amerikanische ‚Main Street’ nicht mehr und nicht weniger ‚als der Höhepunkt der Zivilisation’ gilt. Und natürlich hat auch der fiktive Ort „Gopher Prairie“ eine solche – obwohl es in der Provinz mit der ‚Zivilisation’ nicht gerade zum Besten bestellt ist. Die kleine Stadt ist von Grund auf hässlich und verfügt über allenfalls ein Minimum an Kultur. Besonderen Reiz erfährt das Ganze, wenn sich jemand wie Carol Kennicot, die hinreißend charmante, so gebildete wie engagierte Hauptfigur, Großstädterin und Frau des ortsansässigen Arztes es sich zur Aufgabe macht, die kleine Provinzstadt kulturell auf Vordermann bringen und modernisieren zu wollen. Ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt  zu sein scheint. Dies erweist sich spätestens in dem Moment, wo die von ihr inszenierte Theateraufführung wirkungslos bleibt und sie sich vorerst geschlagen geben muss. Ihr größtes Problem ist dementsprechend, dass sich die Bevölkerung für jedwede Veränderung als resistent entpuppt. 

Dabei ist das Engagement, das die Protagonistin an den Tag legt, immens. So macht sie sich in der oberen Gesellschaft des Nestes bekannt, zieht ihre Fäden, versucht Freundschaften zu schließen und wird, noch bevor sie einen eigenen Salon gründet, gar Mitglied im erzkonservativen „Frauenkulturclub Thanatopsis“, der sich, man lese und staune, gegen das Frauenwahlrecht ausspricht, sich zugleich jedoch mit Vorliebe, wenn auch etwas oberflächlich, den Literaturen Europas widmet. Doch schon an den britischen Dichtern scheiden sich spätestens bei Swinburne, der aufgrund seiner Vorliebe für Erotik als Schunddichter in Verruf stand, die Geister. Aber auch die Vorstellung Carols von der Höhe der Bezahlung der Dienstmädchen kommt nicht gut an. Ebenso wie ihre Mode – sie trägt knöchelfreie Röcke – Aufsehen erregt, gilt dies doch als anstößig. Eine Bürde zu allem hin, dass sie ausschließlich vom Haushaltsgeld ihres Mannes leben soll, der dies nur allzu gerne zu zahlen vergisst. Und dann die Tatsache, dass jeder von jedem so gut wie alles weiß. Selbst die zum Trocknen aufgehängte Unterwäsche Carols ist vor der Dorfjugend nicht sicher.  

Wie leicht zu erkennen, treffen hier unterschiedliche Weltbilder aufeinander. „Urbane Liberalität und ländlicher Eigensinn“Weitsicht und Enge. Unschwer tun sich dabei Parallelen auf zu den USA heute. Der Riss dort zwischen Land- und Stadtbevölkerung ist spätestens mit dem letzten Wahlergebnis von 2017 eklatant zutage getreten. Die Politik wiederum eines Donald Trump mit seinen nationalen Ambitionen und populistischen Parolen scheint dementsprechend eine logische Konsequenz. Dies war zu der Zeit, in der dieser Roman spielt, im ersten Jahrzehnt des zwanzigstens Jahrhunderts, offensichtlich nicht viel anders und verleiht dem Ganzen seine Aktualität und Brisanz, wie auch anhand vieler kleiner Details ablesbar. 

Inwieweit  Carol Kennicot es nun gelingen mag, Fuß zu fassen, sich Anerkennung und Respekt zu verschaffen und die sture Bevölkerung Schritt für Schritt hin in Richtung Veränderung zu bewegen, mit dem Ziel, aus dem Ort ein kulturelles Schmuckkästchen zu machen, wird hier nicht verraten. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse-Verlag!      

Buchtipp des Monats Juni 2018 

© Erna R. Fanger 

Der dunkle „Gang der Metaphern“                                                                                                                        

Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore II. Eine Metapher wandelt sich“, DuMont Buchverlag Köln 2018, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 

Warum der mit Spannung erwartete Band II von „Die Ermordung des Commendatore“ unbedingt lesenswert ist! Und das, obwohl er das Versprechen von Band I, seitens der Kritik nahezu einhellig hochgelobt, nicht ganz zu halten vermochte. Sind es dort bereits etliche Nebenhandlungen, kommt in Band II noch so manch weitere hinzu. Und nicht immer erschließt sich dann in der Gesamtschau zum einen deren Funktion, zum anderen ergeben sich dadurch gelegentlich auch Längen. Das im ersten Band so rasante Spannungsniveau wiederum weicht im zweiten teils langatmigen Passagen. Sei es, wenn immer wieder das Alltagsgeschäft, etwa bei der Zubereitung einer Mahlzeit oder der Vorgang des Essens selbst, allzu breiten Raum einnehmen, sei es, wenn so manche Begebenheit, und sei sie noch so nichtig, ausformuliert oder gar Klischees wie „Zeit ist Geld“ bemüht werden. Ganz zu schweigen von den befremdenden Betrachtungen über den weiblichen Busen oder mancher Sexszene, die eher von Altherrenfantasien als Erotik geprägt ist, was vornehmlich von der weiblichen Kritik teils harsch und nicht zu Unrecht  kommentiert wurde. Ebenso wie man sich über manch angestrengt und verzwungen wirkenden Vergleich nur wundern kann. 

Aber bei aller Kritik vernimmt man zugleich Stimmen, die Murakami gerade im Hinblick auf dieses als Trilogie angelegte Werk als des Nobelpreises würdig befinden. Und die Tragweite dessen, was das Faszinosum Murakamis ausmacht, ist auch hier, obschon nicht unanfechtbar, so doch mitnichten zu leugnen. Und es mag nicht zuletzt darin bestehen, dass er mit einem Wissen operiert, das, gewissen Strömungen der Quantenphysik zuzuordnen, kaum hinlänglich erforscht und von den etablierten Wissenschaften bislang eher hintangestellt wird. Demnach könnte es sein, dass wir Teil einer multidimensionalen Existenz sind und neben der Realität der materiellen Welt die der Welt des Geistes genauso real ist. Östlicher Weisheit oder westlicher Mystik entsprechend, die über ähnliche Konzepte als Grundlage ihrer Lehre verfügen. Eben dies scheint auch auf die Helden Murakamis zuzutreffen, bei dem etwa die Figuren auf dem Gemälde des Tomohiko Amadaals verkörperte Ideen und Metaphern zutage und mit dem Ich-Erzähler in Kontakt treten. Sphären des Sichtbaren und des Unsichtbaren kreuzen sich ebenso wie die jenseitige Welt der Toten mit der diesseitigen der Lebenden. Wobei bestimmte Figurenkonstellationen in verschiedenen Analogien in Erscheinung treten. So etwa, wenn den Ich-Erzähler seine Frau Yuzu von Beginn an an seine zwölfjährig an einem Herzleiden verstorbene jüngere Schwester erinnert, mit der ihn ein inniges Verhältnis verbunden hat. Ebenso entwickelt sich zwischen ihm und der 13-jährigen Marie Aikiwada, die er im Auftrag Menshikis

 

porträtiert, im Laufe der Sitzungen eine gleichwohl damit korrespondierende Vertrautheit. Dieser weitere Auftrag Menshikis bildet im zweiten Teil dann auch den Schwerpunkt der Handlung, entsprechend dem Porträt, das der Erzähler im ersten Teil von diesem angefertigt hat. Wie überhaupt nicht nur das Figurenensemble untereinander durchweg von unsichtbaren Fäden zusammengehalten scheint, sondern überdies die einzelnen Figuren selbst von teils rätselhaft differenzierter Vielschichtigkeit sind, wodurch sie den Leser in den Bann ziehen. In all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit wiederum sind Handlungsweise und Charaktere offenbar von Einflüssen motiviert, die ihm verborgen bleiben. Dies verleiht der Lektüre, neben den gekonnt eingebrachten Momenten des Fantastischen, streckenweise eine unterirdisch anmutende Erotik. 

Das zentrale Spannungsmoment bildet dann das Verschwinden Maries, womit die fantastischen Elemente vollends die Oberhand gewinnen. Hat der Erzähler doch, um Marie zurückzugewinnen, auf Anweisung des Commendatore etliche Opfer zu bringen. So gerät er in endlos dunkle Gänge und unwegsames Gelände der Unterwelt, um schließlich über mysteriöse Umwege nach einer Ohnmacht in der Grabkammer des Commendatore wieder zu sich zu kommen, wo Menshiki ihn entdeckt und ihm heraushilft. Marie, erfährt er, sei wieder aufgetaucht, womit seine Mission erfüllt ist.

Last but not least sei auf eine bemerkenswert erotische, überaus bedeutsame Sexszene verwiesen, wo eben jene unsichtbaren Kräfte wirken, die Murakami seinen Figuren so gerne angedeihen lässt. Die erlebt der Erzähler mit seiner Frau allerdings lediglich im Traum, obwohl sie tief und fest schläft. Es kommt zu einer innigen sexuellen Begegnung. Als Yuzu ihm später im realen Leben, hoch schwanger, eröffnet, dass sie den Mann, von dem das Kind stamme, nicht heiraten werde, und sich nach und nach abzeichnet, dass sie bereit wäre, wieder zu ihm zurückzukehren, rechnet er nach und kommt zu dem Schluss, dass das Kind genau zum Zeitpunkt dieses Traumes, was er seinen Aufzeichnungen entnimmt, hätte gezeugt sein können. Als es – ein Mädchen, geboren ist, tritt er fraglos die Vaterschaft an. Aus seinen Erlebnissen in der Unterwelt offenbar gestärkt hervorgegangen, bekennt er schließlich: „... meine kleine Tochter Muro war ein Geschenk, das sie* mir zum Zeichen ihrer besonderen Gunst gewährt hatten.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Dumont-Verlag!

 * Die Figuren auf besagtem Bild, die auch dafür sorgten, dass er aus der Unterwelt wieder herausfand. 

                                           Buchtipp Monat Mai 2018

                     

                                ©  Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com:

                           Elende Zustände - Schillernd erzählt

- Der Russland-Roman von Arthur Isarin

 Arthur Isarin: „Blasse Helden“, Albrecht Knaus-Verlag, München 2018           

Ein außergewöhnlicher Autor mit einer ebenso außergewöhnlichen Biographie. Dies beginnt schon mit seinem Namen, Arthur Isarin, einem Pseudonym. Geboren  in München, hat er Philosophie, Politik und Ökonomie studiert und war in den USA, England, Russland und im Kasachstan tätig. Derzeit arbeitet und schreibt er in Queensland, Australien. Mit „Blasse Helden“ liegt nun sein Roman-Debut vor. 

Das Ganze spielt unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion und wird aus der Perspektive des Protagonisten Anton erfahrbar gemacht, eines Deutschen, der in Moskau sein Glück sucht, von dort aus geschäftlich auch Station in Sibirien und der Ukraine macht. Eine Phase, einerseits mit den Hoffnungen der großen Umgestaltung unter dem Stichwort Perestroika verbunden, gefolgt jedoch zugleich von den Schattenseiten, wie es sich im Zuge der 90er Jahre erwiesen hat: die chaotischen Verhältnisse der sogenannten Jelzin-Jahre, kurz vor Beginn der Putin-Ära. Wobei Putin im Gegensatz zu Jelzin zugeschrieben wurde, besagtes Chaos unter Kontrolle zu bringen, weshalb er vermutlich bis heute das Zepter in der Hand hält. Zunehmend erhellt die Lektüre Hintergründe, warum er als Mitglied des KGB einen als liberal einzuschätzenden Jelzin ablösen und die Macht ergreifen konnte. Dabei gelingt es dem Autor neben einem gehörigen Maß an Zeitkolorit und jeder Menge packender Episoden ein umfassendes Sittengemälde zu präsentieren. Für Westler ein so befremdend wie exotisch anmutendes Land. Die Gesellschaft dort, einerseits scheinbar weit entfernt von Zivilisation, ja archaisch anmutend, andererseits vom aufkommenden Kapitalismus geradezu verroht. So kann es durchaus passieren, dass mitten in der Stadt Heckenschützen vor Theatern und anderen öffentlichen Einrichtungen ein Blutbad anrichten, ebenso wie Hinrichtungen in Restaurants gang und gebe sind oder marodierende Banden mit den zweifelhaften Mitteln einer angeblichen Kernsanierung den angeschlagenen Immobilienmarkt übernehmen, gar ganze Institutionen enteignen. Von gängiger Korruption, Prostitution, Anarchie, Betrug und „flächendeckendem Alkoholismus“ ganz zu schweigen. Hinzu kommt der zunehmende westliche Einfluss, der alte Ordnungen hinfällig werden lässt und das Chaos vollends entfacht. Wildwest in Russia ... 

Ein Roman dementsprechend mit jeder Menge Action, voller skandalöser, spektakulärer Ereignisse und Details, die in ihrer Gesamtheit einen nahezu atemlosen Handlungsablauf ergeben. Sei es, wenn auf einer simplen Party ein echter Bär samt Bärenführer auftaucht – für Moskauer Verhältnisse nicht ungewöhnlich, kann man dort doch Bären für derartige Veranstaltungen sehr wohl mieten. Oder wenn in dem ukrainischen Nikolajew Quarantäne aufgrund von Cholera ausgerufen wird, die eine ganze Stadt lahmlegt, sich der Protagonist indessen die Zeit mit Gogols „Die toten Seelen“ vertreibt, das sich als ‚vernichtende Zivilisationskritik’ erweist.

Nicht von ungefähr ist von daher mit „Gogol“ gleich ein ganzes Kapitel überschrieben. Wie den Roman überhaupt zahlreiche Referenzen an Schriftsteller durchziehen. Hatten doch, neben den üblichen russischen und deutschen Klassikern, erst seit der Perestroika eher der westlichen Avantgarde zugeschriebene Autoren wie Henry Miller oder Jack Kerouac ihren Platz in den Bücherregalen eingenommen. Aber auch schillernde Meister ihrer Zunft wie John le Carré oder der von existenzialistischer Philosophie infizierte Albert Camus werden von Anton in der Auseinandersetzung mit den extremen Erfahrungen, die er als Deutscher in Moskau macht, herangezogen. Franz Kafka wiederum verwendet er auf einer Polizeiwache gar als Pseudonym, was allerdings keinem weiter auffällt. Nicht zuletzt gilt die Bewunderung Antons dem russischen Dichter Michail Lermontow, einem der bedeutendsten Vertreter der russischen Romantik mit einem beachtlichen poetischen Werk, der sich im 19. Jahrhundert mit seinem Roman „Ein Held unserer Zeit“ in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat und dessen Bild in seiner Wohnung  hängt. „Die schwarzen Augen Lermontows, ungeheuer groß und alles durchdringend“. 

Als ‚ungeheurer groß’, um nicht zu sagen monströs, ‚und alles durchdringend’ könnte man gleichwohl die Öffnung Russlands vom Kader-Kommunismus hin zum Turbo-Kapitalismus der neunziger Jahre charakterisieren, wie von Isarin vor Augen geführt. Wobei im Zuge dessen aber auch die kulturellen Errungenschaften im Zuge der Öffnung zum Westen hin nicht verschwiegen werden sollen: etwa der Auftritt künstlerischer Größen wie des berühmten Alban-Berg-Quartetts oder der in Wuppertal Schule machenden Pina Bausch und ihres Tanztheaters sowie der Besuch eines Models von Weltrang wie Claudia Schiffers.  

Abgesehen von der gelegentlichen Neigung des Autors zu klischeehaften Redewendungen, eine so rasant wie fesselnde Lektüre. Überdies von bemerkenswertem Erkenntnisgewinn, zumal was die Zustände im heutigen Russland Putins anbelangt. Dabei nicht ohne schwarzen Humor, was der Lektüre zusätzlich ihren Reiz verleiht!

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus-Verlag  

 

Datei zum Herunterladen im Archiv  Arthur Sarin

unseren aktuellen Sachbiuchtipp Barbara Ehrenreich

Siehe auch unseren aktuellen  Buchtipp für Junge Leser 

 

unseren aktuellen Lyrik-Buchtipp

Buchtipp des Monats April 2018

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com:

 

Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint“, DuMont Buchverlag Köln 2018, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe 

Nachdem seine Frau ihn völlig überraschend wegen eines anderen Mannes verlassen hat, nimmt der Ich-Erzähler, seines Zeichens Kunstmaler, die Gelegenheit wahr, die ihm der Zufall beschert, und zieht in das Haus eines ehemaligen Studienkollegen. Dessen Vater, Tomohiko Amada, einst ein berühmter Maler und inzwischen dement, hat auf dem Dachboden ein mysteriöses Bild deponiert, dessen Titel diesem Werk auch voransteht „Die Ermordung des Commendatore“, Band I des auf zwei Folgen angelegten Romans. Besagtes Bild, aber auch das Schicksal seines Erschaffers, der zwischen 1936 und 1938, also zur Zeit des Anschlusses Österreichs an Nazideutschland, in Wien weilte, bildet fortan Dreh- und Angelpunkt des Romans, in dem sich Episoden an Episoden ranken, ‚alles Geschichten, die mit vielleicht beginnen und enden’. Zugleich Anlass, das Leben des Protagonisten in eine vollkommen unvorhersehbare Richtung zu lenken. Wobei  der Titel – fällt dem Protagonisten nach langem Rätseln darüber ein – sich vermutlich auf eine Szene im „Don Giovanni“ bezöge, wo gleichwohl ein Commendatore ermordet wird. Damit steht er exemplarisch für die für Murakami typische Verflechtung asiatischer mit westlicher Kultur. Aber dies ist nur eine von mannigfaltigen Referenzen aus der ganzen Bandbreite, aus der dieser von Lust an Erkenntnis getriebene Autor schöpft und womit er dem Leser, mit dem er diesen Erfahrungsschatz teilt, auf so diskrete wie zugleich intime Weise nahe kommt. Eben dies macht wohl auch einen Großteil des exklusiven Leseerlebnisses aus, das er uns hier offeriert. Des Weiteren ist es die verblüffende Selbstverständlichkeit, mit der er all das beredt zur Sprache bringt, was sich zunächst einmal der Wahrnehmung entzieht. Und es gibt wenige Autoren, die eine Souveränität wie Murakami darin entwickeln, auch noch den verborgensten Vernetzungen des unterirdischen Wurzelgeflechts unseres Bewusstseins nachzuspüren, diese aufzugreifen und sie, gekonnt durch sie hindurchmäandernd, so zur Sprache zu bringen, dass er den Leser sofort in den Bann zieht. Denn was wir nicht nicht unmittelbar (be)greifen können, bindet unweigerlich unsere Aufmerksamkeit und weiß uns, gedanklich zu beschäftigen. 

Hat der Ich-Erzähler bislang sein Brot mit routinemäßiger Porträtmalerei verdient, ist er dessen nun überdrüssig geworden und unterrichtet in einer Volkshochschule, wo er auch die eine oder andere sexuelle Beziehung zu seinen Studentinnen unterhält. Ausgerechnet jetzt vermittelt man ihm jedoch ein Angebot für ein Porträt, so hoch dotiert und in undurchsichtiger Weise als zwingend sich erweisend, dass er es kaum abschlagen kann. Dem Auftraggeber wiederum lässt Murakami eine Aura des Geheimnisvollen angedeihen, die den Leser in ständige Erwartungshaltung versetzt, die zu erfüllen er sowohl verweigert als er ihr bisweilen jedoch auch wieder nachkommt, einem Vexierbild gleich, womit er obendrein den Leser in Schach hält.

Soweit die äußere Folie des Erzählens, die jedoch vergleichsweise dünn anmutet, zieht man die von Selbstzweifeln, Zweifeln an der Kunst, Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung und von Zweifeln am Leben überhaupt geprägten Reflexionen in Betracht, die das ganze Buch im wahrsten Sinne des Wortes ‚durchfurchen’ und einen nicht geringen Teil der Lektüre, wo es vornehmlich um Selbstfindung geht, einnehmen. 

Daneben handelt es sich um eine veritable Spukgeschichte von höchstem Spannungsniveau insofern, als Murikami hier meisterlich fantastische Elemente einzuflechten weiß, im Zuge dessen die Lektüre einen mächtigen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Wobei er die Kunst beherrscht, nicht ohne Raffinesse die Grenzen zwischen rationalem und fantastischem Diskurs zu verwischen, Letzteren irritierend wirklichkeitsnah in Erscheinung treten zu lassen, gewürzt mit feingewiegtem Humor. So, wenn die Figur des Commendatore, sichtbar nur für den Ich-Erzähler, leibhaftig in Gestalt eines kleinen Männchens aus dem Bild tritt und, auf seinem Sofa oder in einem Regal sich positionierend, in eigenwilliger, teils altklug, dann wieder ausgesprochen witziger Manier dessen Gedanken und Überlegungen kommentiert oder in der Rolle des Weisen en passant tiefschürfende Erkenntnisse, an Schopenhauer gemahnend,  preisgibt, wie etwa „Die Welt ist Vorstellung, das ist die Wahrheit. Vorstellung ist Wahrheit und Wahrheit Vorstellung (...) Das Beste ist es, diese Vorstellung einfach mit einem Zug zu schlucken, wie sie ist.“

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Dumont-Verlag!

 

Datei zum Herunterladen im Archiv

Siehe auch unseren Buchtipp Tommi Kinnunen 

Siehe auch unseren Buchtipp für Jung & Alt Keri Smith

Siehe auch unseren Buchtipp für Junge Leser Duncan Beeile

unseren Lyrik-Buchtipi Michael Krüger    

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp Peter Graf: Grimmsches Wörterbuch

Buchtipp des Monats Februar 2018

© Hartmut Fanger  schreibfertig.com

 

Zwischen Heldenreise und Politthriller

 

Thorsten Oliver Rehm: „Der Bornholm-Code“.                     

 Ruhland Verlag, Bad Soden 2017

 

Im Zentrum dieses über 500 Seiten starken Debutromans von Thorsten Oliver Rehm steht der sympathisch gezeichnete, von Idealismus beseelte Unterwasserarchäologe Dr. Frank Stebe. Im Wissenschaftsstreit um die Nibelungensage fördert er spektakuläre Ergebnisse zutage. Nicht ahnend, dass er damit ins Visier des nebulösen Institutes für Unterwasserarchäologie Ostsee (IUAO) gerät, das sich als Geldgeber dieser Forschung erweist und mit der Elite von Wirtschafts- und Finanzwelt kooperiert. An dessen Spitze wiederum treibt ein so fanatischer wie im Geheimen operierender und mit krimineller Energie ausgestatteter Magnat von ultrarechter Gesinnung sein Unwesen, der seine Gegner im Zweifelsfall von angeheuerten Killern eliminieren lässt. Den dem Nibelungenschatz zugeschriebenen Artefakten, auf die Stebe, motiviert von brennendem Erkenntnisinteresse, an unvermuteter Stelle stößt, unterstellt er magische Kräfte. Nichts kann ihn davon abhalten, in deren Besitz zu gelangen, wobei er bereit ist, buchstäblich über Leichen zu gehen, mit dem Ziel, weltweit seine totalitären Machtbefugnisse zu etablieren. Ohne zu wissen, dass er mit einem in seinem Fanatismus skrupellosen Gegner um besagte Artefakte konkurriert, geraten am Ende nicht nur Stebe, sondern auch seine Frau, die kurzerhand gekidnappt wird, in Lebensgefahr. Ab jetzt nimmt die ohnehin von der ersten Seite an packende Lektüre zunehmend Fahrt auf, lässt den Leser nicht mehr los. Zugleich klärt sich indessen aber auch, warum Stebes früherer Mentor, Freund und Vertrauter, Robert Sailer, mit dem er einst in geheimer Mission nach den einschlägigen Beweisstücken tauchte, bei einem bis dato nicht ganz geklärten Unfall ums Leben kam. Seinerzeit Grund für Stebe, besagtem Institut, dem es offenkundig weniger um wissenschaftliche Erkenntnis als vielmehr um Profit geht, den Rücken zu kehren.

Dies sind die Zutaten zu der abenteuerlichen Story, die zunehmend zu einem Politthriller avanciert, immer wieder von temporeichen Dialogen getragen, und jeder Menge Action. Wobei es dem Autor mit den Verflechtungen zwischen rechtslastigen Kräften, die wiederum mit Wirtschafts- und Finanzwelt in Verbund stehen, gelingt, gesellschaftliche Strömungen aufzunehmen, die derzeit europaweit drohen, die Demokratie zu untergraben, und diese literarisch auszufantasieren. Zugleich bestechen die akribisch recherchierten frühgeschichtlich und archäologischen Daten und Fakten, mit denen der Autor hier aufwartet. Desgleichen seine dezidierte Kenntnis der Taucherwelt. Dies alles macht, neben dem unbestrittenen Unterhaltungswert der Lektüre, ihre Substanz aus.

Nicht durchgehend gelungen scheint wiederum die Verschlingung zwischen dem Aspekt der Heldenreise, Entwicklungsgeschichte, und Abenteuerroman, Politthriller. So vor allem am Schluss, wo ein bisschen zuviel auf die Gefühlstube gedrückt, Stebe als Held und Gutmensch allzu glatt in Szene gesetzt wird. Da ‚strahlen’ die Helden einen Tick zu viel, ist von ‚leuchtenden Augen’ oder gar ‚dem Glanz der Freude’ die Rede. Hier wäre weniger mehr gewesen, hätte ein etwas strikteres Lektorat seitens des Verlages dem Ganzen gut getan.

Aber all dies tut dem Lesevergnügen des beachtlichen Debuts, sei es im Hinblick auf die durchweg fesselnde Story, sei es im Hinblick auf besagten Erkenntnisgewinn, keinen Abbruch. Und dazu kann man dem Autor nur gratulieren!

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Ruhland Verlag!

Buchtipp des Monats Januar 2018

 

© Erna R. Fanger     www.schreibfertig.com:

 

Das Richtige tun heißt, gar nichts zu tun, der richtige Ort dafür ist ein Versteck,

und der richtige Zeitpunkt dafür ist so oft wie möglich.

 Tony Cock: „Verhaltensökologie“ in: „Die Biologie von Landmolluskeln“

 

 Von der genügsamen Vielfalt des Lebens

Elisabeth Tova Bailey: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Piper Verlag GmbH, München 2014

 

2010 im amerikanischen Original, „The Sound of a Wild Snail eating“, erhielt das schmale Buch in hoch poetischer Diktion etliche Preise, die wichtigsten: der National Outdoor Book Award (2010) und der William Saroyan International Prize for Writing (2012). Es ist die Chronologie einer schweren Virus-Erkrankung, von der sich die 34-jährige amerikanische Journalistin, ehemals Gärtnerin, auf dem Rückweg von einer Europareise jäh befallen findet. Einer Viruserkrankung, die entscheidende Körperfunktionen blockiert und ihren Organismus über Monate hinweg lahm legt und sie zwanzig Jahre lang in Schach halten soll. Jäh brechen Gewissheiten von Lebenssinn und Kontinuität zusammen. Die Ich-Erzählerin stürzt in ein Vakuum, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint, eine andere Zeitrechnung setzt ein:

Ich schaffte es mit Mühe und Not, den einzelnen Moment zu bewältigen, und jeder dieser Momente zog sich hin wie eine endlose Stunde, doch zugleich verstrichen ganze Tage unbemerkt. Auch ungenutz durchlebte Zeit vergeht, als hätte die Zeit einen unstillbaren Hunger und vertilgte den Tag komplett, ohne einen Krümel, eine Spur, eine Erinnerung zu hinterlassen.

 

Bis ihr eine Freundin einen Blumentopf mit Ackerveilchen mitbringt, in den sie eine kleine Waldschnecke gesetzt hat. Wenig begeistert zunächst, entspinnt sich allmählich, in gebotener Langsamkeit, zwischen der nur in der Horizontale lebensfähigen Ich-Erzählerin und besagter Schnecke ein verschwörerisch, ja geheimnisvoll anmutendes Miteinander, beginnend mit Beobachtungen des Fressverhaltens ihres kleinen Mitbewohners und der Geräusche, die das Wesen dabei machte: „Das leise, anheimelnde Gräusch der Schnecke beim Fressen gab mir ein Gefühl von Gemeinschaft, von Zusammenleben.“ Und wie wenig es der Ich-Erzählerin vergönnt ist, nachts in den Schlaf abzudriften, er immer wieder unterbrochen ist und nicht selten ganz ausbleibt, wacht neben ihr die nachtaktive Schnecke, „als wäre (...) die dunkelste Zeit tatsächlich die beste Zeit zum Leben.“ Nach und nach verlagert sich der Fokus der Ich-Erzählerin: vom Abgrund ihrer lahmgelegten Physis hin zu einem kleinen Wesen, das seine Tage mit Bedacht bemisst, sich klug in seiner neuen Umgebung einrichtet. Denn Schnecke und Ich-Erzählerin ‚lebten beide in einer veränderten Landschaft, die sie sich nicht selbst ausgesucht hatten, teilten ein Gefühl des Verlusts und der Heimatlosigkeit’. Dabei ist ihr die Schnecke in dem Maaß Vorbild, in dem sie sich mit ihrer neuen Umgebung arrangiert, das Terrain austariert,

Hindernisse geschickt umgeht, sich ganz selbstverständlich anpasst. Mit Bedacht wählt sie ihre Nahrung aus, lässt dabei Vorlieben erkennen, wie für frischen Champignon oder auch Eierschalen, die ihrem Kalziumhaushalt zugute kommen. Fasziniert stellt die Ich-Erzählerin fest, wie die Schnecke nicht müde wird, immer wieder neue Schlafplätze aufzusuchen, einem ständigen Versteckspiel gleich. Indessen hat sie für ein Terrarium gesorgt, was der Schnecke offenkundig behagt. Nicht in der Lage, ein Buch zu halten, beobachtet die Ich-Erzählerin stattdessen, wie die Schnecke, den Hals über das Gehäuse reckend, dieses säubert. Oder wie begeistert sie sich über etwas Neues zeigt, wenn jemand ein Stück Birkenride, einen Moosballen für das Terrarium mitbringt.

Nach etwa einem Jahr hat sich der Zustand der Ich-Erzählerin so weit verbessert, dass sie das Studio, in dem sie zur Pflege untergebracht war, verlassen und wieder in ihr Haus zurück kann. Nach und nach erobert sie sich, an der Seite Hündin Brandy, den idyllischen Lebensraum mitten auf dem Land in paradiesischer Vegetation zurück, bevölkert von einer Vielzahl an Vögeln, darunter Kolibris, und Schmetterlingen, beobachtet vom Krankenbett aus die Natur:  

... das sanfte Wehen oder heftige Tosen des Windes, die unterschiedlichen Stimmungen des Regens, das Wechselspiel von Sonne, Mond und Wolken. (...) Später stießen Fledermäuse – bloße Schemen, schwarz auf schwarz – nach abendlichen Leckerbissen herab, und aus dem Wald drangen leise, ganz leise, die Rufe der Eulen, bis schließlich unter dem uralten Licht der fernen Sterne und des zu- oder abnehmenden Mondes völlige Stille herrschte.

So war auch die Zeit herangerückt, die Schnecke in ihre natürliche Umgebung auszusetzen, zumal diese sich, Zwitter, der sie ist, indessen vielfach vermehrt hatte – auch die Beobachtung des ersten Geleges, des Schlüpfens winziger Nachkömmlinge, ein Faszinosum. Fortan widmet sich die Ich-Erzählerin der akribischen Erforschung des Geschöpfs, das sie davor bewahrt hatte, ihren Lebensmut zu verlieren. In dieser Lesart hat sie uns eine so umfassende wie verblüffende Kulturgeschichte der Schnecke beschert, in der deren biologische Besonderheiten denen ihrer Faszination, die sie auf manchen Dichter und Schriftsteller ausübte, wenig nachstehen. So leiten einzelne Kapitel immer wieder Haikus über das Leben der Schnecke von Kobayashi Issa (1763-1827) ein, belegen Zitate, u.a. von Elisabeth Bishop, Emiliy Dickinson oder Patricia Highsmith, dies. Selbst Aristoteles hatte sich bewundernd über iher scharfen kleinen feinen Zähne geäußert, nichts ahnend von deren enormer Anzahl, an die 2640! Alles an ihr erscheint mit einem Mal gigantisch im Vergleich zur äußeren Unscheinbarkeit dieses Geschöpfs. Von der Architektur ihres Hauses, über das ausgiebig lustbetonte Liebesleben, bis zur zentralen Rolle des Schleims, den sie absondert, sei es zur Fortbewegung, sei es zur Abwehr von Feinden, um nur zwei seiner vielfältigen Funktionen, die sich indessen auch die Bionik zu eigen macht, zu nennen. Die gesamte evolutionäre Entwicklung, einhergehend mit dieser verblüffenden Vielfalt an Fähigkeiten und Überlebenstechniken, deutet auf eine Überlegenheit gegenüber dem Menschen hin, angesichts derer man sich mit einem Mal dürftig vorkommen, ja Demut empfinden mag. Wie es etwa im Jahr 1607 der italienische Gelehrte Giovanni Francesco Angelita mit dem Titel seines Aufsatzes „Über die Schnecke, und dass sie ein Vorbild für das menschliche Leben sey“ bestätigt. Aus der Feder der Ich-Erzählerin vernehmen wir: „... die Schnecke verhinderte, dass mein Lebensmut schwand. Wir zwei bildeten eine ganz eigene Gemeinschaft, und das nahm der Isolation die Schärfe.“ An anderer Stelle: „Die Schnecke war mir eine echte Lehrmeisterin gewesen, ihr bescheidenes Dasein hatte mir Kraft gegeben.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                        Erna R. Fanger

Buchtipp Dezember 2017

 

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Schwarzhumoriger Agentenroman

                                                                                                                                                                                                                                             

Jean Echenoz: „Unsere Frau in Pjöngjang“. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2017.

Es ist sein wunderbar leichter Erzählstil, der fasziniert und verführt, immer weiter und weiter zu lesen. Jene Leichtigkeit, die Steffen Richter von der ‚Neuen Zürcher Zeitung’ bereits in dem Roman „Laufen“ des französischen Erfolgsautors Jean Echenoz über den tschechischen Langstreckenläufer Emil Zatopek hervorgehoben und treffend auf die Kunst „des intelligenten Weglassens“ zurückgeführt hat. Mit „Unsere Frau in Pjöngjang“ folgt nun ein Geschenk von Echenoz an seine Fans und Freunde des heiteren Agentenromans, der rechtzeitig vor seinem 70. Geburtstag, am 26. Dezember dieses Jahres, erschienen ist. Anlass genug, um sein neuestes Werk vorzustellen.

Der mit Witz erzählte Agentenroman, in drei Teile mit insgesamt zweiundvierzig kurzweiligen Kapiteln gegliedert, erstreckt sich auf 284 Seiten. Dabei handelt es sich um die Geschichte von der attraktiven Constance, die zu Spionagezwecken entführt und schließlich zur Destabilisierung Nordkoreas nach Pjöngjang transportiert wird. Für Nordkorea scheint Constance insofern prädestiniert, als sie einst den „Monsterhit Excessif“ ihres wohlhabenden, ehemals erfolgreichen Schlagerkomponisten und Ex-Mannes Tausk gesungen hat und deshalb in Pjöngjang zum Star geworden ist.

Doch wider alle Erwartungen verläuft die Entführung ohne jede Gewaltanwendung. Vielmehr empfindet Constance, im Gegenteil, eher Zuneigung zu ihren Entführern. Insbesondere zu Paul Objat, der rechten Hand des aus der Ferne agierenden und für sie unbekannt bleibenden Generals und Befehlshabers namens Bourgeaud. Nach ihren mit sanfter Gewalt erzwungenen Aufenthalten in Paris und im Turm eines Windrades auf dem Land wird sie schließlich in Pjöngjang als Geliebte auf Gang Un-ok, einem hochrangigen Funktionär, angesetzt, dem sie so manches Geheimnis entlockt, und mit dem sie am Schluss gar fliehen muss.

Dabei lebt das Ganze wesentlich von der Erwartungshaltung des Lesers, die Echenoz geschickt aufrechtzuerhalten und zu steigern weiß. Bereits  der Titel „Unsere Frau in Pjöngjang“ weist auf ein aktuell brisantes Thema hin und stimmt vor dem Hintergrund der realen Bedrohung von Kim Jong Un, dessen Raketenversuche über Japan hinweg und der damit verbundenen atomaren Gefahr, neugierig. Von der Gegenreaktion des  US-Präsidenten Donald Trump ganz zu schweigen. 

Doch dann flicht Echenoz zunächst ein spannendes Erzählnetz aus verschiedenen Begebenheiten der Akteure, die allesamt miteinander in Verbindung stehen. Die Handlung spielt somit über zwei Teile hinweg in Frankreich, vornehmlich in Paris.

Darin wird u.a. geschildert, wie der Gangster Clément Pognel seine Freundin, die Friseuse Marie-Odiles, umbringt, weil sie von seinen Machenschaften mit Tausk Wind bekommen hat, mit dem er vor dreißig Jahren einen Bankraub beging. Oder wir erfahren von dem Metro-Fahrer Hyacinthe, der erleben muss, wie sich ein gewisser Pélestor vor seinen Augen auf die Schienen legt und überfahren wird. Später soll Hyacinthe mit Tausk zusammen nach Simbabwe beordert werden.  

Erst im dritten und letzten Teil ist überhaupt etwas von Nordkorea und Pjöngjang, von dem politischen System dort, der Landschaft und den Menschen zu erfahren. Packend, mit Tempo und Finesse, wird die Flucht von Gang Un-ok und Constance und ihren Helfern in die endmilitarisierte Zone  zwischen Nord- und Südkorea in Szene gesetzt.   

Von spielerischem Reiz ist, wenn sich Echenoz der Wir-Perspektive bedient. Dabei wendet sich der Erzähler in gewissen Abständen an den Leser, spricht diesen an, womit Echenoz eine Meta-Ebene erzielt, die sich ein Stück weit von der Handlung entfernt, Distanz erzeugt und auf die Machart des Romans anspielt, dem Leser einen Blick hinter die Kulissen gewährend. So zum Beispiel, wenn es heißt, dass „...Gang Un-ok perfekt Französisch [sprach], was uns entgegen kommt, denn es enthebt uns der Notwendigkeit von Dolmetschern, lästigen Nebenfiguren oder gar störenden Zeugen, wir wüssten nicht, wie wir sie danach wieder loswerden sollten“. Oder wenn er ausführt, warum es den Nordkoreaner Pak Dong-bok nicht zu beschreiben lohnt: „Wir werden uns die Mühe ersparen, diesen Pak Dong-bok zu beschreiben: Er wird eine nachgeordnete Rolle spielen und wir haben Besseres zu tun als ...“

Aber auch der Synchronizität bedient sich Echenoz gekonnt als Stilmittel. So etwa, wenn Tausk ausgiebig seine Fingernägel schneidet und pflegt und kurz darauf ein Päckchen, angeblich mit einem Finger von Constance, erhält.

Alles in allem für Leser und Freunde des schwarzen Humors, des Agentenromans, aber auch all diejenigen, die selbst gerne schreiben und sich vielleicht an einem Roman üben, ein wahres Vergnügen. Die Machart auf jeden Fall lehrreich.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser Verlag! 

Datei  zum Herunterladen im Archiv

Siehe auch unseren Buchtipp für Junge Leser

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp

Buchtipp November 2017

 

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com:

Klee oder die Furcht vor der Unbeständigkeit des Glücks

                                                                                                                      

Anna Baar: „Als ob sie träumend gingen“, Wallstein Verlag, Göttingen 2017.

 

Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt,

ist die Vergangenheit festzuhalten.

Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“

– Geschichtsphilosophische Thesen V“    

Der mit Förderpreis ausgezeichnete zweite Roman von Anna Baar erzählt die Geschichte von Klee, einem alten, in einer Nervenheilanstalt im Sterben liegenden Mann, der sein Leben auf Band spricht. Erinnerungsarbeit, aufgegriffen von einem Ich-Erzähler, dem er die Kassetten kurz vor seinem Tod anvertraut. Wer sich hinter diesem verbirgt, bleibt unscharf umrissen, wie fast alles in diesem Roman – ausgenommen die zwischen den Zeilen sich manifestierenden, tiefgründigen Wahrheiten. Der Ich-Erzähler könnte eine Freundin sein, wie es der Art Vorspann zu Beginn nahelegt, aber auch eine Enkelin, wie es der Schluss suggeriert. Dementsprechend handelt das Buch von nichts als Erinnerungen, die über den Helden hereinzubrechen drohen, in Bilderfluten und Gedankensplittern, kreiselnd, wie der Deckenventilator über Klee. In diesem unablässigen Gleißen, das hier die Hintergrundmusik abgibt, wird lineare Zeiterfahrung aufgebrochen. Stattdessen gleiten Gegenwart und Szenen der Vergangenheit, Erinnerungsfetzten, ineinander und spiegeln so ein diffuses Bild der Wahrheit wider, das aber umso näher an sie heranreicht, als in diesem traumsicher poetischen Diskurs herkömmliche Vorstellungen von Wahrheit radikal infrage gestellt und unterlaufen werden. Dies steht in bewährter Tradition erkenntniskritischer Erwägungen, etwa eines Goethe, der in seinen „Materialien zur Geschichte der Farbenlehre“ anmerkt, dass „im Wissen als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann ...“ Diese Aporie löst Goethe auf, indem er die Kunst in den Stand eines Erkenntnisinstruments setzt. Anna Baar wiederum rekurriert in diesem Sinne etwa mit Sätzen wie „Man sagt: ‚Wenn ich mich richtig erinnere’, als ob es ein falsches Erinnern gäbe, als ob nicht im Erinnern immer eine neue Wahrheit entstünde“ auf einen hochgradig poetischen, vor Weisheiten sprudelnden, zugleich musikalisch intonierten Diskurs. Letzteres ist auch in der Präambel mit „K. 618 Wolfgang Amadeus Mozart“ vorgegeben, womit auf das „Ave Verum Corpus“ verwiesen wird, das dem auf Erden Leidenden einen Vorgeschmack des Himmlischen, Trost also, vermitteln sollte und motivisch immer wieder auftaucht. In Anna Baars Roman zugleich Hinweis auf das hohe Einfühlungsvermögen, mit dem sie dem Leser ihre Krisen geschüttelten Figuren und deren existenziellen Nöte buchstäblich ‚ans Herz legt’.

Das Zentrum, um das sich alles dreht, kristallisiert sich von Beginn an heraus: Lily, die Klee im Zuge eines ‚wiederkehrenden Wachtraums’, der ihm immer wieder entgleitet, verfolgt: „Lily und der Mann mit dem Totenkopf am Kragenspiegel.“

Lily, Freundin, später Geliebte von Klee. Lily, die, unfrisiert, nicht wie die anderen Mädchen Zöpfe trägt, die ‚für sich tanzt’, „zu einer anderen Musik, mit einem anderen Gesicht“. Eine Außenseiterin, genau wie Klee selbst. Neben Lily gibt es noch Ida, mit der er verheiratet ist, und ein Kind: „Bei denen hat er gelebt, mehr Anrainer als Mitbewohner ...“ Weshalb Klee stetig auf der Flucht ist, vor sich selbst, vor der Frau, die er eigentlich nicht liebt, und zur See geht.

Wage bleibt auch die Zeit, in der das Ganze spielt, ebenso der Schauplatz – wenn Ortsnamen auftauchen, sind sie fiktiv. Mit Ausnahme AMERIKA, das Glück verheißende Zauberwort, Sehnsuchtsort par excellence. Im Wesentlichen jedoch spielt das Ganze in einem Dorf, in dem die im Sommer vorherrschende Dürre nicht nur die Böden auszutrocknen, sondern auch die Körper, den Geist und die Seelen seiner Bewohner auszuzehren scheint. Und für all das, was der Boden nicht hergibt, die daraus resultierenden Not und Verzweiflung, müssen stoischer Aberglaube und archaische Rituale, Totenbeschwörungen etwa, herhalten. Denn ...

"Stumpf gegen die Not des Vertrauten, schien die Not geratener als der Aufbruch in ein anscheinendes Glück, das seine Versprechungen bestimmt nicht einzulösen vermochte, einen vielleicht in ein neues Unglück stürzte und damit um das Gute brächte, das im Alten war – Einverständnis, Zugehörigkeit und ein fester Platz bei Tisch."

Andeutungen über verschiedene Besatzungen, gegen die Klee erbittert gekämpft hat, lassen erahnen, dass das Ganze in etwa im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien – heute Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegovina, Montenegro – angesiedelt ist, die erzählte Zeit die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.

Für all die Kämpfe, die Klee auf der Seite der Partisanen ausgefochten hatte, wird er mit allerhand Orden bedacht, ja, selbst ein Denkmal errichtet man ihm „auf dem Heldenplatz des Orts“, auch wenn man es später wieder entfernt. „Wollte man ihm nahe sein, musste man mit in den Krieg ...“

Doch nach und nach holt den im Morphium-Fieber Delirierenden die sich ihm bislang entziehende schmerzliche Erinnerung um Lily ein. Lily, die Frau, der seine Liebe von Jugend an bis in den Tod gegolten hat und die nur ein Mal, in ein paar Stunden, in denen ‚alles beschlossen und allem Warten ein Ende war’, Erfüllung findet. „Wohl riet ihm sein Herz, ihr nachzugehen ...“ Doch die Angst vor einer Abfuhr überwiegt. Und ‚den Verstand für den besseren Ratgeber haltend’, „begann er, was das Herz ihm befahl, als Schwäche zu bereuen“ und ihr auszuweichen. Am Ende offenbart sich ihm „Die Frage ist nicht Wie hast du gekämpft? Sie lautet Wie hast du geliebt? In dieser Hinsicht im Leben tragisch gescheitert, wird er an der Schwelle des Todes von Lily bereits erwartet – „so schritten sie gemeinsam fort, den Blick nach fernen Dingen, und wer sie wie ich sah, dem kam es vor, als ob sie träumend gingen.“

Ein Buch, das man wieder und wieder lesen möchte, sprühend vor Wissen, das tiefer gründet als vermeintliche Wahrheit, die vorgibt, ihr Urteil fällen zu können.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

© Erna R. Fanger

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Wallstein Verlag!

Anna Baar, geb. 1973 in Zagreb (ehem. Jugoslawien).   

Kindheit und Jugend in Wien, Klagenfurt und auf der

dalmatinischen Insel Brac. Studium der Publizistik und

Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und

Klagenfurt. Ihr Debütroman »Die Farbe des Granatapfels« stand drei Monate auf Platz 1

                                                                          der ORFBestenliste    

Datei  zum Herunterladen im Archiv

Siehe auch unseren Buchtipp für Junge Leser

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp

Zwei Buchtipps im Oktober 2017:

 

- Ulla Hahn "Wir werden erwartet" Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017

David Constantine: "Wie es ist und war", Verlag Antje Kunstmann,

  München 2017:

 

Buchtipp Oktober 2017 Ulla Hahn

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com    

„Ich wollte in der Welt sein, Nicht in den Büchern“

Ulla Hahn: „Wir werden erwartet“, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017

Nach „Spiel der Zeit“ hier nun mit 629 Seiten der letzte in sich abgeschlossene Teil des ungemein erfolgreichen autobiografischen Roman-Zyklus’ von Ulla Hahn: „Wir werden erwartet“. Schon das erste Werk dieser Reihe, „Das verborgene Wort“, avancierte zum Bestseller und erhielt 2002 den Deutschen Buchpreis.

Wie schon bei seinen Vorgängern handelt es sich auch bei „Wir werden erwartet“ um einen Entwicklungs- und Bildungsroman. Im Zentrum Protagonistin Hilla Palm – ‚Mädchen aus dem Rheinland und aus einfachen Verhältnissen’, das sich der ‚Arbeiterklasse’ zugehörig fühlt und in die DKP eintritt. Entscheidende Stationen ihres Lebens sowie jede Menge Zeitgeschichte bilden die Schwerpunkte. Und so mancher mag darin Teile seines eigenen Werdegangs wiedererkennen, der politischen Verhältnisse, des Ambientes einer Universität oder das einer so Großstadt wie Köln oder Hamburg. Dabei verfügt der Roman über einen enormen Fundus an kleinen und großen Details, die das Ganze plastisch und facettenreich in Erscheinung treten lassen. Zum Beispiel, wenn von dem Schrecken des Krieges in Vietnam oder von der ersten Mondlandung mit Apollo 11 die Rede ist und zumindest der Fußabdruck auf dem Erdtrabanten infrage gestellt wird. Darüber hinaus kulturelle Ereignisse wie Woodstock, die Protestsongs von Bob Dylan oder Joan Baez, die Beatles mit Liedern wie „Let it be“ oder Simon and Garfunkel mit „Bridge over Troubled Water“. Im Jahr 1971 die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt. Später dann die Thematisierung der mörderischen Baader-Meinhof-Gruppe, die ab 1970 die Medien beschäftigte. Nicht zuletzt die Verleihung des Friedennobelpreises an Willy Brandt im Jahre 1971.

 

Die Beschreibung der wie Pilze aus dem Boden schießenden Wohngemeinschaften, Hippie- oder K-Gruppen ergänzen das Bild. Von den Forderungen nach Freier Liebe, der Einführung von Mao Zedongs Lieblingsfrucht, der Mao Mango, ganz zu schweigen. Und nicht zu vergessen: die für die Zeit unabdingbaren Lektüren, wie „Das kommunistische Manifest“ von Marx und Engels, „Ein Zimmer für, sich allein“ von Virgina Woolf, Pablo Nerudas „Canto General“ oder „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiß – um nur die gängigsten hier aufzuführen. Doch auch die Darstellung des universitären Betriebs der Hamburger Uni mit ihrem Philosophenturm, den Geisteswissenschaften, insbesondere  des Germanistischen Seminars mit seinen Professoren ist lesenswert. Die dort und in linksliberalen Arbeitskreisen behandelten Themen, wie etwa das Werk Heinrich Heines oder die Auseinandersetzung mit der Arbeiter- und Befreiungsliteratur.

 

Bezeichnenderweise beginnt der in drei Abschnitte aufgeteilte Roman „Wir werden erwartet“ mit „Der Tod“, gefolgt von „Der Kampf“ und schließlich „Das Fest“. Ist es doch zugleich auch die Geschichte eines gravierenden Verlusts, der Trauerarbeit erfordert. Dementsprechend wird am Anfang viel gestorben. Einschneidend die Erfahrung, als Hugo, der enge Lebensgefährte Hilla Palms, überraschend durch einen Autounfall ums Leben kommt. Verzweiflung und Trauer beherrschen viele Seiten. Hinzu kommt der Tod von Kommilitonin und Kollegin Annegret, der Tod des ersten Mannes ihrer Mutter und weiterer Personen aus dem Umfeld. Dabei gelingt es Ulla Hahn, den Leser mitten ins Geschehen zu ziehen. Und dies mit leichter Hand und einer Fülle an Zeit- und Lokalkolorit, Witz und Charme, immer wieder eingebettet in rheinischen Dialekt. Nur so, Beruhigungspillen und Therapie inbegriffen, ist es der Protagonistin offenbar möglich, die Zeit der Trauer, zweitweise auch vermischt mit Hass auf Gott und die Welt, durchzustehen, was die Autorin so eindringlich wie authentisch vor Augen führt.

Nicht unerwähnt bleiben darf die poetische Sprache Ulla Hahns, die daran erinnern mag, dass sie ihre schriftstellerische Laufbahn als Lyrikerin begonnen hat. In den Vordergrund tritt dies vornehmlich in den Natur- oder Landschaftsbeschreibungen:

In sich logische Konsequenz dementsprechend scheint, wenn zu Beginn des zweiten Teils „Der Kampf“ in Hamburg das Gedicht als solches sowohl theoretisch als auch praktisch an Einfluss gewinnt. So erfährt zum Beispiel ein Gedicht von August Graf von Platen eine Umdichtung; gefolgt von einer Hommage in Form eines Gedichts an Gertrud Kolmar, oder wenn die Protagonistin Überlegungen anstellt, inwieweit die ‚Basis eines Gedichtes anstatt der ‚Mühen der Arbeit’ eher die ‚Freude’ daran sein sollte. Ihre Könnerschaft auf dem Gebiet stellt die Protagonistin dann mit den Gedichten „Fest auf der Alster“, „Schreibübung“ oder „Spazierfahrt in norddeutscher Landschaft“ unter Beweis.

„Der Kampf“ zeigt aber auch die unermüdliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen Verbrechen an der Menschheit, hebt den Einsatz Einzelner im Widerstand hervor, die verhaftet, gefoltert und im KZ einen vorzeitigen Tod erlitten hatten. Darüber hinaus den Einsatz linker Gruppierungen und Organisationen im „Kampf für eine bessere Gesellschaft“  bis hin zur Wiedervereinigung 1989. Schließlich den Bruch der ‚Genossin Palm’ mit DKP und Systemmach dem desillusionierenden Besuch in der ehemaligen DDR und als Konsequenz der Ausbürgerung Wolf Biermanns im Jahr 1976. In ihrer Funktion als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes hatte Hilla Palm dagegen protestiert.  

Dem Leser jedenfalls wird mit „Wir werden erwartet“ ein Stück vitaler Zeitgeschichte der Bundesrepublik aus der Sicht einer politisch engagierten jungen Frau, Lyrikerin und Schriftstellerin, aus dem Arbeitermilieu stammend, geboten!

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Datei zu Ulla Hahn: Wir werden erwartet" zum Herunterladen im Archiv

Siehe auch den aktuellen Buchtipp: : David Constantine: "Wie es ist und war"  

Siehe auch unseren Buchtipp für Junge Leser

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Buchtipp September 2017

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com 

 

 

„Wenn einer in die Berge geht, dann weil man ihn im Tal nicht in Frieden lässt“

 

Paolo Cognetti: „Acht Berge“, Deutsche Verlags-Anstalt DVA, München 2017. Aus  dem Italienischen von Christiane Burkhardt. Erscheinungstermin 11.September!

 

Es ist das Bodenständige, die Naturverbundenheit, was bei Cognetti in einfachen, klaren Worten zur Sprache kommt. In Italien zum Bestseller avanciert, gemahnt der Roman „Acht Berge“ mit seinem elliptischen Stil durchaus an die Lakonie und Knappheit eines Ernest Hemingway. Und es ist gewiss kein Zufall, wenn es an einer Stelle „Währenddessen bildeten die Berge die Hintergrundkulisse für mein ‚Fest fürs Leben’“ heißt. Der Kontrast zwischen dem Leben in einer Großstadt wie Mailand oder Turin und dem Leben in den Bergen ist nur ein Aspekt. Den Schwerpunkt bildet die Freundschaft, die den Protagonisten Pietro seit Kindheitstagen mit Bruno verbindet. Mit ihm hat er einst ein Steinhaus auf dem Grund seines Vaters errichtet. Auf die Spuren des Vaters begibt er sich, erklimmt so manchen Gipfel, den dieser einst bewältigte. Hat er von ihm doch die Liebe zur Gebirgswelt ererbt und als Kind mit ihm die ersten alpinen Erfahrungen gemacht. Von der Höhenkrankheit bis hin zur Überquerung einer Gletscherspalte. Fern ab der Zivilisation, die immer wieder ‚rasch abgestreift’ wird. Eine Welt mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und von spezifischer historischer Dimension. Gefilde, zu denen ein Städter nur bedingt Zugang findet. Wer weiß schon, dass der Winter in den Bergen bereits im August beginnt, ‚der Gletscher das Gedächtnis der vergangenen Winter’ sei, ‚das Wasser dort von vor hundert Jahren kommen könne’. Wer kennt den Facettenreichtum in diesen oft entlegenen Regionen, wenn etwa die Mutter des Protagonisten bekennt, „...dass in den Bergen jeder eine andere Lieblingshöhenlage hat: eine Landschaft, die ihm entspricht und in der er sich heimisch fühlt“. So bevorzugt sie selbst ‚die Mittellage mit Fichten- und Lärchenwald, in dessen Schatten Heidelbeeren, Wacholder und Rhododendron gedeihen’; Pietro hingegen ‚fühlt sich mehr zu der daran schließenden Höhenlage hingezogen, zu den Almwiesen, Wildbächen, Hochmooren, Krautpflanzen und Weidetieren.’ Mit zunehmender Höhe wiederum kann man auf ‚Geröllfelder, Felszacken, Schotterrinnen und zerklüftete Kämme’ stoßen, der ‚Ruine einer riesigen, von Kanonendonner zerstörten Festung’ gleichend.

Doch nicht nur die Kulisse einer grandiosen Gebirgslandschaft zieht in den Bann, sondern auch die sich vor diesem Hintergrund ereignenden, so tragischen wie dramatischen Geschichten. So etwa die des Onkels, der bei einem Lawinenunglück stirbt, wofür wiederum Pietros Vater verantwortlich gemacht wird, obwohl ihn keine Schuld trifft. Darüber hinaus kommt das Fernweh des Protagonisten zum Tragen, Pietros Reisen zum Himalaja, von denen er tibetische Gebetsfahnen zurück in die Alpen bringt. In diesem Sinne beruht auch der Titel „Acht Berge“ auf der nepalesischen Vorstellung von der Welt. Der höchste Berg Sumeru im Himalaja, umgeben von weiteren acht Bergen sowie acht Seen, gilt der Legende zufolge zugleich als Zentrum der Welt. Wobei die Tibeter davon ausgehen, dass derjenige, der den Sumeru besteigt, daraus ebenso viel Erkenntnisgewinn zu ziehen vermag wie derjenige, der alle acht Berge vor Augen hat, wenn er diese Gegend bereist. Ein Gleichnis, wie sich am Ende herausstellen soll. Denn Bruno ist derjenige, der dem einen Berg treu bleibt, Pietro hingegen bereist die Welt, sieht die anderen acht Berge. Der gemeinsame Mittelpunkt jedoch ist die heimische Gebirgswelt der Alpen mit dem selbsterrichteten Haus. Dorthin zieht es Pietro immer wieder zurück, auch dann, als Bruno längst mit Lara eine Familie gegründet hat, die kleine Anita geboren ist.

Es ist ein in seiner Schlichtheit und Einfachheit großer Roman, der all das mitbringt, was sich in die Weltliteratur einzuschreiben vermag. Vergleichbar etwa in seiner existentiellen Dimension mit Robert Seetalers „Ein ganzes Leben“. Ein Roman, der in Erinnerung bleibt, bereits verfilmt und in über 30 Sprachen übersetzt wird. In Italien hat er sich unmittelbar nach Erscheinen 70.000 Mal verkauft und den renommierten Literaturpreis Premio Stega erhalten.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!            

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt  DVA

 

                                   

      Paolo Cognetti   

Datei zum Herunterladen: Zum Archiv

Siehe auch unseren Buchttipp für Junge Leser 

 

und unseren aktuellen Buchtipp (Belletristik) 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse Verlag.

 

 

Zum Archiv

Buchtipp des Monats November 2016

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Wahre Geschichten des Meisterspions

 

John Le Carré: Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben, aus dem Englischen von Peter Torberg, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016

Ein Buch nicht nur für John-le-Carré-Fans, sondern für alle, die, über das Lesevergnügen hinaus, etwas über das Schreiben aus eloquenter Feder erfahren und sich mit dem Schriftstellerleben an sich beschäftigen wollen. So wird der Leser hier Zeuge, wie sich die unterschiedlichen Leben John le Carrés, als Spion einerseits, als Schriftsteller andererseits, miteinander verweben und dabei zutage tritt, wie er zu so manch brisantem Stoff seiner Thriller-Romane gekommen ist. Insbesondere von „Der Spion, der aus der Kälte kam’, und „Dame, König, As, Spion“, die bereits preisgekrönt verfilmt wurden. Und natürlich werden ebenso wie in seinen fiktiven Erzählungen auch hier sogenannte Überläufer, Maulwürfe und Doppelagenten thematisiert.

Dabei gibt Le Carré großzügig Auskunft darüber, welche schriftstellerischen Tricks er angewandt - und wie überhaupt er das Schreiben erlernt hat. Der große Autor Graham Greene zum Beispiel, von dem er viel profitiert hat, wird immer wieder zitiert. Eine Fülle von Episoden, in sich abgeschlossen, von reißerischer, spannender und brisanter Dramaturgie, ziehen den Leser in den Bann. Zugleich ein Stück Zeitgeschichte, so unterhaltsam wie aufrüttelnd vor Augen geführt: vom kalten Krieg nach 1945 bis hin zu dem tödlichen Attentat auf John F. Kennedy, von Perestroika unter Gorbatschow bis zum Mauerfall, von der Begegnung mit dem schillernd in Szene gesetzten PLO Chef Arafat bis hin zum 11. September 2001, von Guantánamo bis zu Edward Snowden.

Faszinierend und exotisch muten die Erlebnisse in der Opium-Höhle von Laos an, die Mission in Hongkong oder Phnom Penh sowie die zahlreichen Reisen zu den Brennpunkten der Welt: Beirut, Moskau und Jerusalem. Dabei stoßen wir immer wieder auf eine außerordentliche, nahezu unglaubliche Vielfalt menschlicher Existenz aus einer Perspektive eines Geheimagenten, die dem Durchschnittsbürger in der Regel verschlossen bleibt.

Darüber hinaus zeigt John le Carré auf, dass er als Brite, einst in Oxford dem Studium der Deutschen Sprache und Literatur verschrieben, sehr wohl bewandert war in den „Dramen von Goethe. Lenz, Schiller, Kleist und Büchner“, er von Thomas Mann und Hermann Hesse schwärmt und sich nicht zuletzt in Deutscher Geschichte auskennt. Sei es, wenn er von den Verbrechen des Nationalsozialismus vor und während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere von Konzentrationslagern, berichtet. Oder wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg beanstandet hat, dass ‚die alte Nazi-Garde sich auch weiterhin an die besten Posten klammerte’ und unter Adenauer üble Gesetze schuf. Von der daraus resultierenden Gegenbewegung und der radikalisierten Bader-Meinhof-Gruppe mit ihrer Roten-Armee-Fraktion ganz zu schweigen.

Historie wird bei John le Carré dann besonders plastisch, wenn er entscheidende Momente in Szene setzt. So zum Beispiel, als der einstige Kanzlerkandidat der SPD, Fritz Erler, zur Adenauerzeit den damaligen scheidenden britischen Premierminister Macmillan trifft und diesen in dessen Beisein angesichts seiner Einschätzung der Atomwaffenpolitik der USA als ‚nicht regierungsfähig’ einstuft.

Doch damit nicht genug. Immer wieder spannend lesen sich auch die Begegnungen mit zeitgenössischer Prominenz, insbesondere aus dem Filmgenre. So etwa mit den Schauspielern Richard Burton oder Alec Guinness, den Carré in einem Geleitwort porträtiert. Des Weiteren das Zusammentreffen mit den Regisseuren Sydney Pollack oder Francis Ford Coppola. Unvergesslich das Zusammentreffen mit Fritz Lang, als im Zuge dessen sich immer deutlicher abzeichnet, wie der einst gefeierte Regisseur von „M“ mit Peter Lorre als Kindsmörder,  „Metropolis“ oder „Dr. Mabuse“  in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, nun, Mitte der sechziger Jahre im hohen Alter, der Blindheit nah, nicht mehr gefragt war, dies jedoch nicht wahrhaben wollte. Le Carré nahm ihm diesen Glauben nicht, als sie auf Wunsch Langs zusammenkamen, um aus dem „Kleinen Buch Ein Mord erster Klasse einen Film zu machen. Lang indessen gab sich, entgegen den auch äußerlich sich manifestierenden Zeichen des Niedergangs, wie eine Diva.

Besonders nah kommt der Leser dem Autor, wenn er von seinem Vater erzählt, den er bei dessen Vornamen „Ronnie“ nennt und als „Hochstapler, Phantast“ und „immer wieder mal Knastbruder“ bezeichnet. Dieser Ronnie hatte seinem Sohn keine glückliche Kindheit beschert und seine Mutter schon früh veranlasst, ihren nichtsnutzigen Gatten samt ihm, seinem Sohn, zu verlassen. Erst nach dessen Tod war es John le Carré möglich, sich mit ihm zu versöhnen. Obschon ‚er manchmal noch immer der Berg’ sei, ‚den es zu bezwingen gilt’.

Ein Buch, das sich von der ersten Seite an packend liest und das man bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen kann. 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für das uns freundlicherweise überlassene Rezensionsexemplar gilt dem Ullstein-Verlag!

Buchtipp des Monats Juli 2016

© Hartmut Fanger     www.schreibfertig.com

„Die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu...“   

 

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Insel Verlag, Berlin 2013

 

Aktuell wird in unseren Kinos der Spielfilm „Vor der Morgenröte. Stefan Zweig in Amerika“ von Maria Schrader mit Josef Hader in der Hauptrolle gespielt. Darin sechs Episoden aus dem Leben des großen Schriftstellers zur Zeit seines Exils. Buenos Aires, New York und Rio de Janeiro die Stationen. Künstlerisch anspruchsvoll in Szene gesetzt. Bis hin zu seinem Selbstmord 1942 in Petrópolis (Brasilien). Tragisches Ende des so ungemein erfolgreichen Autors, der in seinem Werk wie kein anderer die Seele des Menschen erfasst hat. Man denke an „Sternstunden der Menschheit“,  „Ungeduld des Herzens“  oder „Maria Stuart“, um nur einiges zu nennen. Doch angesichts des politischen Umfelds und den damit verbundenen dramatischen Ereignissen scheint zumindest seine Verzweiflung darüber nachvollziehbar. Die Zeit des Nationalsozialismus zwingt ihn aus seinem Heimatland zu fliehen. Seine Bücher verboten und verbrannt.

 

In seinem posthum 1944 in Stockholm veröffentlichten Werk „Die Welt von Gestern“ ist dann zu lesen, dass er „als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist“ den ‚heftigsten Erdstößen’ ausgesetzt gewesen sei, man ihm „dreimal Haus und Existenz umgeworfen“ hätte. Er fühlte sich mit „Vehemenz ins Leere geschleudert, in das wohlbekannte...’Ich weiß nicht, wohin’’’. Entwurzelt, entrechtet und verbannt,  zu einer Zeit, wo in Europa die Naziideologie vorherrschte und in der Zweig nach Schrader zu Recht allgemein als ‚Vorreiter der Europäischen Union’ und ‚Weltbürger’ angesehen werden kann. Und so mancher mag in dem damit einhergehenden Nationalismus, den Zweig als ‚Erzpest’ bezeichnet hat, ,die die ‚Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet habe’, eine Parallele zur Gegenwart erkennen. Auch heute kommt in Europa die Sorge auf, dass wieder das geschehen könnte, was Zweig als ‚einen unvorstellbaren Rückfall der Menschheit in längst vergessene Barbarei mit ihrem bewussten und programmatischen Dogma der Antihumanität’ bezeichnet. Ungeschminkt zeigt er u.a. die Anfänge an den Universitäten auf, wo Burschenschaften Gegner derselben und Andersdenkende blutig und brutal vertrieben hatten. Gefolgt von der Machtergreifung des Nationalsozialismus und "Reichtsagsbrand" von „Konzentrationslager“, „Judenboykott“ und „Bücherverbrennung“.

 

 Vor diesem Hintergrund lesen sich die Abschnitte über das Wien der Jahrhundertwende (19./20. Jh.) wie der Blick in ein Goldenes Zeitalter, wo die Wertschätzung noch dem Theater und der Literatur galt. „In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich...“

 

Ähnliches gilt natürlich für Paris, das man jedoch laut Zweig erst so recht lieben kann, wenn man zuvor in Berlin gewesen ist. Plastisch führt er die Metropole an der Seine mit ihren Dichtern vor Augen. So schildert er zum Beispiel, wie er sich im Café Vacherte den Stammplatz von Verlaine und dessen Marmortisch zeigen lässt und ihm zu Ehren ein Glas Absinth trinkt.  In dieser ‚Stadt der ewigen Jugend’, in der es nur ein „Nebeneinander der Gegensätze, kein Oben und Unten“ gibt. London hingegen wirkt ‚nach Paris’ auf Ihn, „wie wenn man an einem überheißen Tag plötzlich in den Schatten tritt...“ London, „Paris, England, Italien, Spanien, Belgien, Holland“, nur einige europäische Städte und Länder, die er allesamt bereist hat und die für ihn allesamt nur ‚Umwege auf dem Weg zu ihm selbst sind’. 

 

Doch er schildert auch Vorbilder, Dichter und Bildhauer. Hofmannsthal widmet er über viele Seiten hinweg eine Hommage, vergleicht ihn mit Keats und Rimbaud: „Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung.“  Auch Goethe bewundert er, zitiert ihn wieder und wieder, so sein Bekenntnis zu dessen „...Wort, dass man die großen Schöpfungen, um sie ganz zu begreifen, nicht nur in ihrer Vollendung gesehen, sondern auch in ihrem Werden belauscht haben muß.“ Rilke darf nicht unerwähnt bleiben. Zweig besuchte ihn in dessen mit Büchern und Blumen ausgestatteten Mietzimmern in Paris, wo ‚Bleistifte und Federn in kerzengerader Linie auf dem Schreibtisch lagen’. Ebenfalls begegnete er in Paris dem Bildhauer Rodin, „dessen Ruhm“, so Zweig, „die Welt erfüllte, dessen Werke unserer Generation Linie um Linie gegenwärtig waren wie die nächsten Freunde...“

 

Es wimmelt in dem Buch von Zweig nur so von bekannten Namen großer Dichter und Literaten und Journalisten, wie etwa dem Feuilletonredakteur der ‚Neuen Presse’ in Wien, Theodor Herzl. Und jedem dieser manchmal nur wenigen Pinselstriche kann der Leser etwas abgewinnen. Meisterhaft geschildert, von Poesie durchdrungen, literarisch ins Bild gesetzt. Alle hat er sie von ihren Schriften, zum Teil auch persönlich gekannt und sie in diesem Werk verewigt: Balzac, Baudelaire, William Blake, Dostojewskij, Stefan George, André Gide, Maxim Gorkij, Gerhard Hauptmann, James

Joyce, Thomas Mann, Romain Rolland, Arthur Schnitzler, Lew Tolstoi, Paul Valéry, Paul Verlaine, Walt Whitman und viele mehr. Mit ihnen aufersteht eine ganze versunkene Welt.  

 

Ein Buch, das eigentlich eine Autobiographie hätte sein sollen, ist letztendlich zu einem Zeitdokument von unschätzbarem Wert geworden - Pflichtlektüre für jeden an Literatur und Geschichte Interessierten. Wobei das Persönliche jedoch weitgehend rausgehalten ist. Stets schildert Zweig sein Leben in größeren Zusammenhängen. Sei es in kultureller oder politischer Hinsicht. Selbst der Moment, wo er als junger Student seinen ersten Gedichtband veröffentlicht und die Nachricht des Verlages als ‚unvergesslichen Glücksaugenblick’ bezeichnet, gewinnt kurz darauf Allgemeingültigkeit, wenn es heißt, dass ein solcher Moment sich „...im Leben eines Schriftstellers auch nach den größten Erfolgen nicht mehr wiederholen“ lässt.

 

 ‚Die Zeit’, so stellt Zweig fest, ‚gibt die Bilder’, er selbst ‚spricht nur die Worte dazu’. Nie erfolgt ein Hinweis darauf, warum er sich letzten Endes das Leben genommen hat, was stets den Freiraum für Spekulationen öffnet.

 

 Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl! 

Buchtipp des Monats Dezember 2015

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Psychologische Finesse, feiner Humor und überraschende Einsichten

 

William Trevor: Ein Traum von Schmetterlingen

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Hans Christian Oeser mit einem Vorwort von Thomas David

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015

 

Seit jeher sind die  Erzählungen des irischen Erfolgsautors William Trevor in die Nähe von James Joyce, insbesondere dessen „Dubliners“, gerückt und somit auf die Höhe der Weltliteratur erhoben worden. Hierzulande eher von Kennern geschätzt, genießt der inzwischen 87 Jährige vornehmlich in Großbritannien hohe Popularität. Dem „Hoffmann und Campe Verlag“ verdanken wir nun mit dem 750 Seiten umfassenden und in Leinen gefassten Band „Ein Traum von Schmetterlingen“ eine Auswahl seiner Meistererzählungen. Darin enthalten „Die Frauen des Klavierstimmers“ und „Die Frauen“, hier zum ersten Mal auf Deutsch erschienen – 2013 erst im „New Yorker“ publiziert.

 

Der vorliegende Band nun beginnt mit „In Isfahan“ aus dem Jahr 1975, womit er damals seinen Durchbruch erzielt hat. Im Iran zu einer Zeit spielend, als es noch einen Schah gab, begegnen sich zwei einsame englische Touristen auf einer Stadtrundfahrt. Normanton, Mann mittleren Alters, und Iris Smith, in den Dreißigern. Und es spricht für sich, dass beide unabhängig voneinander nach einem Besuch in der Freitagsmoschee vom Touristenpfad abkommen. Ab da treffen sie sich öfters, tauschen sich aus. Am Ende muss Normanton jedoch feststellen, dass die in Bombay verheiratete Iris Smith, die sich im Gegensatz zu ihm geöffnet und ihm ihre Geschichte offenbart hat, eine „Klasse“ aufweist, mit der er nicht mithalten kann. Die überraschende Einsicht der Hauptfigur wiederum ist typisch für die Figuren, die den Erzählkosmos Trevors ausmachen, und wird dem Leser in noch mancher seiner Erzählungen begegnen. Ebenso typisch der häufige Perspektivwechsel. Mal erleben wir Normanton aus der Sicht von Iris Smith, dann wiederum Letztere aus der Perspektive Normantons. Aber auch an einer wohl dosierten Prise Humor lässt es Trevor nicht fehlen und steht damit durchaus in guter alter englischer Tradition. So entbehrt etwa die schillernde, Witze reißende Nebenfigur Hafis durchaus nicht der Komik, wenn er sich als Reiseführer ausgibt, zugleich jedoch bekennt, dass er weder Französisch spricht, was für die meisten Touristen aus Frankreich ein Ärgernis ist, noch sich in der Stadt, die er selbst zum ersten Mal besucht, auskennt. In der letzten, oben bereits erwähnten Erzählung „Die Frauen“ (2013) des vorliegenden Bandes taucht Normanton übrigens noch einmal auf, womit vom Verlag zugleich ein Rondo erzielt wird.

 

Auch die bedrückende Grundstimmung von „In Isfahan“ trifft auf weitere Erzählungen Trevors zu. So etwa „Einsamkeit“ (2004), wo die junge Ich-Erzählerin Villana den Liebhaber ihrer Mutter die Treppe hinunterstößt, was als Unfall getarnt wird. Man munkelt von ‚Lügen des Vaters’ und ‚erkauftem Schweigen der Bediensteten’. Schon im Vorfeld heißt es, dass Villana den Liebhaber der Mutter ‚so sehr hasst, dass sie ihm den Tod wünscht’. Wenige Seiten später lesen wir von einem ‚stürzenden Körper’ und einem ‚zersplitternden Geländer’, einem ‚dumpfen Schlag, nachdem die junge Frau ihren Arm nach dem Mann ausgestreckt, ihre Fingerspitzen auf den dunklen Ärmelstoff gelegt und dessen Arm gespürt hatte’. „...So schnell dann die Bewegung, so leicht, als wäre sie gar nicht geschehen...“ Wobei die Tochter ihrem von ihr so geliebten Vater und Ägyptologen nichts von der Untreue der Mutter verrät. Doch das Ereignis lastet schwer auf der Seele aller drei Protagonisten, deren Leben sich von da an radikal verändert und die sich fortan im Hotel aufhalten. Villana braucht nicht mehr zur Schule zu gehen, wird von ihren Eltern unterrichtet. Der Vater hat keinen Beruf mehr, wird, so Villana, „zum Amateur, ein Status, den er einst verachtet hatte. Seine Bücher schrieb er trotzdem, doch er wollte sie nie veröffentlichen...“

 

Eine der Stärken Trevors ist es, Alltagsgeschichten eindringlich, dabei mit psychologischer Finesse zu erzählen. So in „Die Frauen des Klavierstimmers“ aus dem Jahre 1996, wo es darüber hinaus auch an Schwarzem Humor, und sei es ein Quäntchen, nicht mangelt. Bereits der erste Satz klingt  vielsprechend: „Violet heiratete den Klavierstimmer, als er ein junger Mann war. Als er alt war, heiratete ihn Belle. Und Belle nutzt die Erblindung des Klavierstimmers ohne jeden Skrupel aus. Schließlich muss sie feststellen, dass „trotz Hund und...trotz der Dinge, die für das Haus angeschafft oder entsorgt wurden“ – sich nichts an dessen Sympathie zur Vorgängerin geändert hat. Und dies, obwohl er „ihr versicherte, dass er sie liebe, ... er ihr beteuerte, wie lieb sie sei“. Allein seine erste Frau Violet hätte ihm gesagt, ‚welche Blätter sich verfärbten..., ihm berichtet, ob Ebbe oder Flut herrschte...Violet war der Gesichtssinn des blinden Mannes gewesen, sie war es, die der Nachfolgerin keinen Raum zum Atmen ließ’.

 

Zu guter Letzt schließen wir uns der Literary Review an: „Mit der Genauigkeit eines Chirurgen und der Eloquenz eines Dichters präsentiert Trevor dem Leser die Nischen des menschlichen Herzens“

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hoffmann und Campe Verlag!

Fernschule
www.schreibfertig.com

Die offene Schreibgruppe

schreibfertig.com 

präsentiert ihre Texte

Schreibschule Fernschule
Die Schreibwerkstatt in Hamburg

Lesen Sie den neuen Erzählband unserer Edition schreibfertig.com:

Newsletter Download:

Newsletter Juli 2021
Newsletter07-2021.pdf
Adobe Acrobat Dokument 391.6 KB

Frühere Newsletter im  Archiv

Schreibschule
Fernstudium