Dr. Erna R. Fanger und Hartmut Fanger MA

Seit über 25 Jahren erfolgreiche Dozenten für Kreatives und Literarisches Schreiben, Fernschule, Seminare, Lektorat

 

Kleine feine Schreibschule für Jung und Alt
Schreibschule

Buchtipp des Monats November 2018

©  Erna R. Fanger                                                                          

Das Volk der Honigbiene – 

Ein Gefühl von Heimat

Helen Jukes: „Das Herz einer Honigbiene hat fünf Öffnungen. Aus dem Englischen von Sofia Blind. DuMont Buchverlag GmbH, Köln 2018.

Helen Jukes, Jahrgang 1984, studierte Psychologin und journalistisch im Bereich Natur unterwegs, hat mit diesem Buch und seinem originellen Titel ihr Debut vorgelegt. Die erzählte Zeit erstreckt sich exakt über ein Jahr, beginnend mit November, streng chronologisch nach Monaten aufgeteilt, die sich wiederum in sieben Kapitel gliedern. Dass es mit „1 Hintertür“ beginnt, durch die die Ich-Erzählerin in den Garten tritt, in dem sie fortan als Imkerin wirken soll, steht zugleich dafür, dass sie dazu ganz absichtslos, eben nicht zielgerichtet, kam. Die Selbstfindungs- und Entwicklungsgeschichte ist eine geglückte Mischung aus Autobiografie, naturgeschichtlicher Studie und Kulturgeschichte der Bienen, aber auch jeder Menge Mythen, die sich um die Honigbiene ranken. So erfährt man zum Beispiel so wunderbare Dinge, wie dass im Litauischen das Wort ‚Freund’ mit dem für ‚Biene’ verwandt ist. Oder dass in ganz Nordeuropa mit Bienenstöcken nicht gehandelt, diese vielmehr verschenkt oder als Leihgabe vergeben wurden, der Handel mit ihnen Unglück brächte. Gelungen nicht zuletzt die Kombination kompetenten Fachwissens mit persönlichem Erleben, angereichet mit detaillierten Informationen über das Handwerk des Imkerns. Früchte nicht zuletzt exzessiver Lektüre, an der uns die Ich-Erzählerin teilnehmen lässt. Aber auch philosophische Reflexionen, etwa über die ‚Ursprünge des Heims als „Seinszustand“’, machen den Gehalt dieses Buches aus.

Die Art Großstadtnomadin und Ich-Erzählerin, nach etlichen Umzügen und wechselnden Jobs mit unbefristeten Verträgen mit einer Freundin in einem Reihenendhaus in Oxford gestrandet, sitzt fest. Der Job, weshalb sie hierher gezogen ist, hat sich als Flopp erwiesen, ist stressig und erschöpfend. Aber während sie noch mit ihrem Schicksal hadert, drängen beim Durchstreifen des zum Endreihenhaus gehörigen kleinen verwilderten Gartens Erinnerungen ans Imkern in den Vordergrund. Ans Imkern mit Luke, dem Freund einer Freundin, der über ganz London Bienenstöcke verteilt hatte und dies Procedere indessen erfolgreich vermarktet. Und ohne einen Plan gefasst zu haben, macht sie schnell eine Stelle aus, die für einen solchen Bienenstock geeignet wäre. Dabei versteht sie es, uns Lesern die Magie, die offenbar vom Imkern ausgeht, nahezubringen. So, wenn Imker etwa davon sprechen, “es habe sie gepackt, es gehe ihnen unter die Haut– als wären die Bienen zur Besessenheit geworden und das Imkern zur Zwangshandlung.“ Ja, dass die Wahrnehmung von Farbe sich im Zuge dieser Tätigkeit verändere, dass Luke, seitdem er als Imker gearbeitet hätte, viel mehr Blautöne – von Bienen bevorzugte Farbe –  wahrnehme, auch außerhalb des Pflanzenreichs, wie etwa bei Servietten und anderen Gegenständen. 

Zu Weihnachten legen die Freunde zusammen und schenken Helen ein Bienenvolk, abzuholen im Frühling. Bis dahin muss der Bienenstock stehen. Das heißt, jede Menge recherchieren. Der Leser wird dabei zusehends in den Entscheidungsprozess involviert und erfährt so zahlreiche Details rund um die Honigbiene, wie zum Beispiel, dass sie ‚vor über 6000 Jahren zu unseren ersten Haustierrassen gehörte’, wobei man sie nie ganz domestizieren konnte, haben sie sich doch bis heute stets ihre Unabhängigkeit bewahrt.

Im März ist es endlich soweit, es ist wärmer geworden, Helen holt ihr Bienenvolk ab. Spannend die bangen Fragen, die sich im Zuge eines Rückfalls in den Winter stellen: Werden die Bienen es schaffen? Aber auch als es wieder wärmer wird, folgt eine Zeit der Ungewissheit. Werden die Bienen den Stock als ihr Zuhause annehmen? Indes wir von der Arbeiterin unter ihnen erfahren, dass sie zunächst ‚Putzkraft, dann Kindergärtnerin für die Larven in der Wabe ist, später dann zur Wärterin der Königin aufsteigt, darüber hinaus zuständig ist, den Bienenstock in stabiler Temperatur zu halten’. Doch die Angst vor dem Scheitern bleibt. Und mit Helen bangt der Leser. Zitterpartie von Woche zu Woche, wo der Bienenstock überprüft wird. Bis es sich endlich abzeichnet, dass das Bienenvolk ihn angenommen hat. 

Ihre unermüdliche Fürsorge hat sich am Ende gelohnt. Helens Bienen kommen durch die Schwarmsaison, das Volk ist zusammengeblieben, gedeiht zusehends. Die Krönung bildet die Honigernte – sieben Gläser kommen dabei heraus. Wobei eine Honigbiene in ihrem gesamten Leben circa ein zwölftel Liter Honig produziert! Die einzelne Biene erbringt also Honig ausschließlich als Teil einer so komplex wie effizient zusammenarbeitenden Gemeinschaft, wie dem Bienenvolk.

Frappierend die Diskrepanz zwischen dem offenkundig als sinnstiftend erlebten Imkern und dem wie ein dunkles Band sich durchziehenden Untergrund gesellschaftlicher Missstände, wie etwa die Nöte, einen menschenwürdigen Job zu finden, oder ökologische Fehlentwicklungen. Neben Helen selbst beklagt Freundin Kath, von vier „klasse“ Jobs erschöpft zu sein, das Gefühl, sich im Kreis zu drehen. Urlaub ist nicht drin. Ebenso wie EU-Umweltsünden zur Sprache kommen, wenn die Stadt aufgrund ihrer Artenvielfalt als guter Ort für die Bienenzucht erachtet wird, im Gegensatz zu Monokultur und Agrochemikalien auf dem Land mit Artensterben als Folge. Umso bedeutsamer das Fazit gegen Schluss: 

Für mich hatte der Bienenstock damit zu tun, aus jenem Ort der Schwierigkeiten zu entfliehen; oder er hatte gar nichts mit Flucht zu tun, sondern mit dem Wachsen meiner eigenen, hart erkämpften Überzeugung, dass innerhalb dieser unvollkommenen Bandbreite etwas anderes möglich war – eine andere Art von Wahrnehmung, von Beziehung.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem DuMont Buchverlag, Köln!

Buchtipp des Monats

September-Oktober 2018 

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

Ein Debüt-Roman der extraklasse. Aufregend, erschütternd und in atemberaubender Handlung bis zur letzten seite spannend!

 

Gabriel Tallent: „Mein Ein und Alles“, Penguin Verlag München 2018, aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner  

Die US-amerikanischen Kritiken überschlagen sich nicht umsonst. Und es ist auch nicht von ungefähr, dass der Roman von Gabriel Tallent „Mein Ein und Alles“ nach Erscheinen wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times stand und schon jetzt für so renommierte Literaturpreise wie den Los Angeles Times Book Prize for First Fiction nominiert ist. Ein Roman der Extraklasse, der den Leser von Beginn an den Atem anhalten lässt. Seite für Seite ungemein spannend. Nahezu berauschend die Schilderungen der Landschaft, des Waldes, mit allem, was dazu gehört. Tallent verfügt über ein unglaubliches Naturverständnis, das hier in jedem der 31 Kapitel voll zur Geltung kommt. Zwingend die Sprache. Der gesamte von Stephan Kleiner übersetzte Roman ist im Präsens geschrieben, wodurch der Leser stets dicht dran ist am Geschehen.  

Dabei handelt es sich um die Geschichte der vierzehnjährigen Turtle alias Julia Alveston, von ihrem Vater Martin auch Krümel oder Luder genannt. Letztere Bezeichnung kommt nicht von ungefähr. Denn so hat der Vater es ihr eingeimpft. Ein Vater, der sie mit Liebesentzug erpresst, missbraucht, brutal misshandelt, vergewaltigt und ihr mit seinem eigenen wie ihrem Tod droht. Ebenso lehrt er sie den Umgang mit Schusswaffen, was ihm am Ende im Rahmen eines großen Showdowns zum Verhängnis werden soll.  

Turtle scheint völlig auf sich allein gestellt. Schulleitung und Lehrerin spüren zwar, dass etwas nicht in Ordnung ist, unternehmen jedoch kaum etwas. Ja es hat sogar den Anschein, dass sie dem brillanten Intellekt des Vaters nicht gewachsen sind. Allein die zwei Jungen, denen sie aus dem Wald hilft, nachdem sich diese verlaufen hatten, bringen Verständnis für sie auf. Einer von ihnen, Jacob, verliebt sich am Ende in sie. Doch die Liebe steht unter einem bösen Stern, solange Turtle bei Martin lebt. Dieser will sie um keinen Preis loslassen. Schließlich sei sie ‚sein Ein und Alles’, wie bereits der Titel verrät. 

Etappe für Etappe nimmt der Leser am Entwicklungsprozess von Turtle teil, lernt ihre Schwächen, vor allem aber ihre Stärke kennen. Ebenso nimmt er die Vernachlässigung des Mädchens und Brutalität des Vaters ihr gegenüber wahr. Als dieser sich am Tod des Großvaters, den Turtle geliebt hat, schuldig macht und dessen Habe verbrennt, will sie zunächst nur noch sterben. Am Ende jedoch wird klar, dass dies der entscheidende Wendepunkt in ihrem Leben ist, aus dem sie letztlich Kraft schöpft, um sich gegen den Vater zur Wehr zu setzen.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Pinguin Verlag 

Erscheinungstermin 24. September 2018

Gabriel Tallent in Deutschland: 

Dienstag, 24. Sept, Montag, 24. Sept. Heidelberg | DAI Deutsch-Amerikanisches Institut, 20 Uhr, Moderation: Margarete v. Schwarzkopf, dt. Stimme: Jakob Köllhofer

Dienstag, 25. Sept. | Berlin | Geistesblüten, 19 Uhr, Moderation: Denis Scheck, dt. Stimme: Luise Heyer, Veranstalter: Geistesblüten am Walter-Benjamin-Platz 2

Mittwoch, 26. Sept.Hamburg | Literaturhaus, 19.30 Uhr, Moderation: Denis Scheck, dt. Stimme: Anna Thalbach

Donnerstag. 27. Sept. | Hannover | Pelikan TintenTurm, 19.30 Uhr, Moderation: Margarete von Schwarzkopf, dt. Stimme: Anna Thalbach,Veranstalter: Buchhandlung Leuenhagen & Paris

 

Buchtipp des Monats September-Oktober 2018

© Erna R. Fanger  

 Dekonstruktion einer Vatertochter 

Francesca Melandri: „Alle, außer mir“.Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018

Melandri hat mit „Alle, außer mir“ einen bedeutsamen Roman über die unglückselige Verquickung eurpäischer Kolonialpolitik mit der heutigen Flüchtlingskrise vorgelegt und damit eine Perspektive auf die gegenwärtigen Probleme Europas eröffnet, die längst fällig war, im Übrigen gerne unterschlagen wird. Zugleich ist es ihr Verdienst, die Menschheitsgeschichte mit den Wechselfällen in den Geschichten der Individuen überzeugend zu verknüpfen. Erzählt wird von einer italienischen Familie. Das komplexe Werk entfaltet sich aus verschiedenen Erzählperspektiven. Vornehmlich aus der Sicht Ilarias, einer engagierten Lehrerin Mitte vierzig, und der ihres Vaters Attilio Profetis, aber auch diverse Nebenfiguren kommen darin zu Wort. Zugleich bedient sie sich verschiedener Zeitebenen, flicht Rückblenden ein. 

Dreh- und Angelpunkt ist, als vor ihrer Haustür ein Schwarzer auf sie wartet. Der behauptet, sie sei seine Tante, und zeigt ihr einen Pass, auf dem der Name ihres Vaters zu erkennen ist. Der Schwarze erweist sich schließlich als Enkel Attilio Profetis, der dessen Vater einst die Vaterschaft verweigert hatte und von dem keiner in der Familie je erfahren durfte.

Jetzt, in äußerster Not – sein Asylantrag abgelehnt, in seiner Heimat Äthiopien verfolgt, seinen Cousin hatte man zu Tode gefoltert – strandet er bei ihr, Ilaria. Mit seinem Pass in der Hand kann sie noch nicht ermessen, was das für Ihr Leben fortan bedeutet, allenfalls erahnen. Für sie fühlt es sich wie folgt an:  „schlicht so, dass dieser Ausweis (...) eine Leere in sie gerissen hat, wie etwas, das fehlt: die kurzfristige, aber totale Auslöschung jeder kausalen Verbindung zwischen Wahrnehmung und Gedankenwelt“, womit treffend der Prozess einer Art Dekonstruktion des Vaterbildes antizipiert wird, den diese Begegnung einleitet. Denn die Fragen, die daran schließen, öffnen Ilaria, die ihren indessen dementen Vater Attilio Profeti bewundert und geliebt hat, die Augen. Hat dieser sie doch glauben gemacht, er sei im Widerstand gewesen, habe also auf der richtigen Seite gestanden. Ilaria wiederum, gebildet, engagiert, politisch links und hehre ethisch-moralische Werte vertretend, ist entschiedene Gegnerin der politischen Rechten, die unter Berlusconi das Sagen hat, und schämt sich der Flüchtlingspolitik ihres Landes. Dass sie ausgerechnet mit einem Funktionär der Berlusconi-Partei eine erotische Liaison verbindet, passt ins Bild der vielschichtig angelegten Figuren Melandris. Desgleichen die von ihrem Vater im Zuge korrupter Geschäfte finanzierte Wohnung auf dem Esquilin. Dunkle Flecken auf der sauber anmutenden Oberfläche. 

Doch mit dieser Begegnung und den Fragen, die mit ihr aufgeworfen werden, erhält diese nach außen hin glatte Fassade nach und nach immer mehr Risse. Und je mehr die fragwürdige politische Vergangenheit ihres Vaters ans Licht dringt, dieser hinter seiner nach außen hin strahlenden Karriere sich 1935 an entscheidender Stelle in den Ostafrikakrieg unter Mussolini verstrickt erweist, desto mehr ist auch Ilaria angehalten, ihre eigene Position zu hinterfragen. 

An dieser Stelle lohnt es sich, einen Blick auf den italienischen Titel „Sangue giusto“ – „Gerechtes Blut“ zu werfen, das eben diesen Männern, die an diesem grausamen Krieg beteiligt waren, zynischerweise zugesprochen wurde. 

Der nun vor ihr stehende junge Schwarze, zugleich Verwandte, scheint wie eine in sich stimmige personifizierte Antwort auf die oben angedeutete historische Gemengelage, die Ilaria buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzureißen droht. Der deutsche Titel „Alle, außer mir“ wiederum deutet auf die Mentalität Attilio Profetis hin, der diesen Spruch bereits als kleines Kind als Motto für sich auserkoren hatte, als man ihm eröffnete, dass alle Menschen sterben müssen. Woraufhin er festen Willens beschloss: „Alle, außer mir“. Attilio Profeti setzte sich in dieser Manier über so manches hinweg, was ihm durchaus erheblichen Erfolg beschied.

Vatertöchter, dies ist inzwischen hinlänglich bekannt, beziehen ihre Identität aus der Beziehung zu ihrem Vater, von dem sie sich geliebt fühlen, den sie bewundern und dem sie nacheifern. Der Vater steht, auch das gehört längst zum Allgemeingut der sogenannten Wissensgesellschaft, für die Bewältigung der Realität. Protagonistin Ilaria ist eine solche, die hier jedoch eine erhebliche Zäsur erfährt. Und in dem Maß, in dem das Bild des Vaters demontiert wird, ist auch sie sich ihrer eigenen Identität nicht mehr sicher, gerät ihr Selbstbild ins Wanken. Unmissverständlich dringt die Erkenntnis durch: In diesem über Generationen hin sich erstreckenden Prozess kolonialer Gewaltherrschaft haben sich alle daran Beteiligten schuldig gemacht. Und das Erbe, das er hinterlassen hat, wird uns in Europa noch lange beschäftigen. Wiederum ist es das Verdienst dieses Buches, eben diese Verstrickungen aufzudecken. Wobei weniger die Beziehung zwischen Täter und Opfer im Zentrum der Fragestellung steht, als vielmehr die Frage der Verantwortung, wo unser eigener Platz im fragilen Gleichgewicht zwischen Gut und Böse ist, und dass keiner davonkommt, sprich seine Hände in Unschuld waschen kann.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt Verlag Klaus Wagenbach! 

Reflektionen über Blau 

Maggie Nelson: „Bluets“, Hanser-Berlin in der Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2018, aus dem Englischen von Jan Wilm  

 

Die Suche nach den mannigfaltigen Erscheinungsformen der Farbe Blau in unterschiedlicher Semantik führt die 1973 geborene US-amerikanische Autorin Maggie Nelson zwangsläufig zu Johann Wolfgang von Goethes „Farbenlehre“, die neben Ludwig Wittgen-steins „Philosophische Untersuchungen“ als „Hauptzulieferer“ des schmalen Bändchens mit dem Titel „Bluets“ gilt. Basis und Background zugleich. Darüber hinaus lesen sich auch die Namen der ‚weiteren Zulieferer’ und zitierten Übersetzungen im „Abspann“ wie das Who is Who der Literatur und Philosophie. Neben John Cage sind u.a. Marguerite Duras und Stephane Mallarmé, Dylan Thomas und Henry James vertreten. Von Heraklit und Platon, Gertrude Stein und Henry David Thoreau ganz zu schweigen. Über das Buch heißt es auf der Schlussseite, dass ‚Maggie Nelson alle Schattierungen und Geheimnisse von Blau kennt’, ebenso die der Farbe ‚Blau verfallenen Künstler’, was vor allem in den Songs von Joni Mitchells "Blue" und Leonard Cohens "Famous Blue Raincoat" seinen Ausdruck findet. 

Erstaunlich dabei, dass sich „Bluets“ auf gerade mal 109 Seiten erstreckt. Dabei nimmt sich Nelson der Farbe Blau in 237 Sequenzen in all ihren Facetten an. Von den „Fetzen blauer Müllbeutel“ bis hin zum „Halbkreis des blendend türkisblauen Ozeans“, von der Vorstellung Platos, dass die „Farbe ein genauso gefährliches Rauschmittel wie die Dichtung“ sei, bis hin zu der Vorstellung, dass die ‚Lyrik der Sprache eine Art blauer Tönung’ verleiht. Wie es überhaupt immer wieder ums Schreiben geht. So, wenn die Autorin ‚darüber nachdenkt, dass das Schreiben gut ist für Erinnerung, dass es manchmal die gleiche Wirkung wie ein Album von Kindheitsfotografien’, es „in Wahrheit etwas unglaublich Ausgleichendes hat“, oder wenn sie Goethes Überlegungen zu den ‚destruktiven Effekten des Schreibens’ reflektiert.  

Doch ebenso ist das Büchlein Ausdruck einer persönlichen Krise. So wird von der querschnittsgelähmten Freundin, vor allem jedoch von der gescheiterten Beziehung zu einem Mann, dem „Prinzen des Blauen“, erzählt, wobei die Autorin auch vor pornographischer Darstellung nicht zurückschreckt. Zugleich bringt sie uns so komplizierte technische Errungenschaften des 18. Jahrhunderts wie das „Cyanometer“ nahe, womit sich immerhin 53 Blautöne unterscheiden lassen.  

Bluets ist keinem bestimmten Genre zuordenbar. Es ist eine Mischung aus philoso-phischer Abhandlung, Essay, lyrischer Spracheingebung und poetischer Prosa. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser - Berlin Verlag 

 

Buchtipp des Monats August 2018

© Erna R. Fanger  

 

Beckett und die Wirklichkeit der Absurdität 

Jo Baker: „Ein Ire in Paris“.Aus dem Englischen von Sabine Schwenk. Albrecht Knaus Verlag, München 2018

Nach ihrem gleich zum Bestseller avancierten Debut „Longbourn“  (2013), wo die aus Lancashire stammende Autorin Jo Baker – Absolventin der Oxford und der Queens University in Belfast – die Geschichte von Jane Austens „Pride & Prejudice“ aus der Sicht der Dienerschaft erzählt, hat sie mit „Ein Ire in Paris“ nun auch ihren zweiten Roman vorgelegt. Mehr noch als der deutsche Titel gibt sein englisches Pendant „A Country Road, A Tree“ (London 2016) ersten Aufschluss über das Vorhaben Bakers, uns Beckett während seiner Zeit im besetzten Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, vornehmlich Paris, in Romanform nahezubringen. Handelt es sich dabei doch um die Regieanweisung zu dem Theaterstück, mit dem Samuel Beckett 1953 in Paris im Téâtre de Babylone, nach der langwierigen Prozedur, überhaupt einen Aufführungsort zu finden, schließlich den Durchbruch erzielt: „Warten auf Godot“, das zu Recht als ein Meilenstein der dramatischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg gilt und ihn zum Mitbegründer des Absurden Theaters gemacht hat. Dabei geht es im Wesentlichen um den Dialog ad absurdum zwischen den beiden Landstreichern Estragon und Wladimir, bar jeder Funktion. Vielmehr dreht sich alles um das Warten, um die Langeweile, die es mit sich bringt, in Verweigerung jedweder Sinnhaftigkeit. Stattdessen wird hier, teils in ironischer Brechung, teils mit philosophischen Implikationen, jede Deutung verweigert. Die Landstraße als Schauplatz, mit einem einzigen Baum, öde, führt nirgendwohin oder ins Ungewisse. Ebenso wie die Figuren in ihrer Identität schwanken und auch der linearen Zeit keinerlei Bedeutung zukommt. Einzig das Warten auf Godot scheint die Figuren zu verbinden. Godot, von dem keiner weiß, ob er je kommt, geschweige denn, ob es ihn überhaupt gibt und wer darunter zu verstehen sei. Zugleich steht “Warten auf Godot“ exemplarisch für die produktivste Schaffensphase Becketts und seines vornehmlich dramatischen Werks. 

Das Verdienst Bakers ist es, dass sie den Leser in drei Teilen und insgesamt 22 Kapiteln bis ins Detail in die Zeit während des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich entführt. Teil I, beginnend mit „das Ende“, bezeichnet Becketts regelrechte Flucht aus familiärer Enge der irischen Heimat Greystones unter dem Regiment der vereinnahmenden Mutter. Zugleich aber auch das Ende der kurzen Friedenszeit zwischen den beiden Weltkriegen. Bei einem Besuch dort von psychomatischen Krankheiten heimgesucht, seine Kreativität lahm gelegt, zieht es ihn trotz des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs zurück nach Paris zu seiner Geliebten und späteren Ehefrau, der Pianistin Suzanne Dumesnil. Und während sich in den ersten Kriegswochen unheilvoll bedrohliche Schatten über Europa legen, durchleben sie das Glück ihrer Liebe. Suzanne, die sich als Klavierlehrerin verdingt, mit feinem Gespür für die Balance zwischen Nähe und Distanz, verwöhnt ihn mit kleinen Aufmerksamkeiten und sorgt dafür, dass sein Aufenthalt behördlich anerkannt wird. Lässt ihm bei allem aber auch den Raum, den er benötigt, um schreiben zu können. 

Am Horizont erste Anzeichen des Verschwindens und Gejagtwerdens jüdischer Bürger, die vergeblich versuchen, sich gegenseitig Halt zu geben, die Atmosphäre in der gefeierten Metropole Europas gespannt: „Da ist ein Drang nach Gemeinschaft, aber auch der Sog der Angst. Wer möchte schon damit in Verbindung gebracht werden, dazugehören zu dieser Gemeinschaft von Ausgeschlossenen?“ Ungläubig registriert das Paar das bald schon nicht mehr zu übersehende nahende Unheil. Beckett sieht sich genötigt, der drohenden Katastrophe etwas entgegenzusetzen. Er schließt sich der Résistance an, übermittelt verschlüsselte Botschaften. Doch das Wirken im Untergrund gefährdet alle darin Verwickelten. Stets auf der Hut vor der Gestapo, immer wieder Verhaftungen im konspirativen Umfeld. Der Alltag, seit 1940 zunehmend bestimmt von Hunger, Armut, Angst und und Flucht. So verschlägt es Beckett zunächst nach Vichy, wo auch Joyce sich aufhalten sollte. Joyce, den er bewundert, unter dessen Einfluss er seine eigene Schriftstellerkarriere begann ebenso wie eben dieser Einfluss ihm später zum Verhängnis wurde. Die Begegnung mit ihm gerät zum Fiasko. Joyce in erbärmlichem Zustand, halb blind. Kaum in der Lage, auf den Landsmann einzugehen. Beckett, der seine britischen Schecks nicht einlösen kann, ist blank, erhofft sich von Joyce Unterstützung. Doch der geht ganz auf in seiner Verzweiflung über die Zumutungen des Lebens, sei es der Poitik, sei es im familiären Umkreis, will sich mit der Familie in die Schweiz absetzen. Er nennt ihm noch einen Namen, „Larbaud“, woran er sich wenden könne. Der kann helfen. Beckett ist erst mal gerettet. Es ist die letzte Begegnung zwischen den beiden Giganten gewesen. Wenige Monate danach ist Joyce tot. Den Sommer verbringen Samuel und Suzanne mit Marcel Duchamp, der vorhat nach New York zu übersiedeln, und seiner Lebensgefährtin Mary Reynolds, die jedoch vorzieht, in Frankreich zu bleiben. Später erfahren wir von Duchamp aus New York, dass er aufgehört hat zu arbeiten, nur noch Schach spielt, was ’durch ein kompliziertes Netz von Möglichkeiten zu einem Endspielführt, das sich immerzu zu Stille und Schweigen wandelt und zugleich vorhersehbar ist.’ „Endspiel“ gibt dann auch den Titel ab von Becketts 1957 in London uraufgeführtem Einakter, der, an die groteske Verstörung seiner Figuren gemahnend, zunächst auf Unverständnis und Ablehnung stößt und erst zehn Jahre später unter seiner eigenen Regie im Schillertheater in Berlin zu einem Publikumserfolg avancieren sollte.

Der folgende Winter in Paris ist hart, aber erträglich. Noch findet sich Brennmaterial in den Parks, mit dem der Kamin angezündet werden kann. Und immer wieder: Hunger. „’Ich habe eine Steckrübe gekauft’, ruft Suzanne. ‚Und wir haben noch zwei Möhren. Da mache ich später Püree draus’.“ Unmerklich schnürt die Not sie zusammen, zwängt sie in ein Leben, das keiner sich ausgesucht hätte und unter dem nicht zuletzt ihre Liebe buchstäblich in die Pflicht genommen wird, der ursprünglichen Freiheit ihrer Verbindung beraubt. 

Weit härter und brutaler sind die Sommer und Winter, die folgen. Getriebene des Schicksals, jeden Sinns beraubt, ihr Weg gesäumt von Leidensgenossen, Geschundenen, Gedemütigten. Unzählige verschwunden. Gequält. „Paris ist nicht mehr Paris.“ Jetzt ist der Krieg überall. Immer weitere Verhaftungen, darunter engste Freunde. Für nichts und wider nichts. ‚Der Huger eine gefährliche Waffe, durch die man sich selbst augeliefert ist’. Leben im „Fegefeuer“, dementsprechend auch der Titel von Teil 2. „Sein Leben reduziert sich auf essen und ausscheiden ... Es ist demütigend und macht ihn zum Tier.“ Überall lauert die Gestapo. Die Liebe aufgerieben. „Eine Berührung löst Frösteln aus. Ein harmloses Wort kann Anstoß erregen.“ Das Schreiben hat seinen Sinn verloren: „Nun starrt er auf die drei Wörter, die er geschrieben hat. Sie sind vollkommen lächerlich, das ganze Schreiben ist lächerlich. Ein Satz, jeder Satz ist absurd.“

All dies gibt die Folie ab zu Becketts Schaffen seit „Warten auf Godot“. Und das Kriegsende 1945 bezeichnet in Teil 3, „Beginn“, zugleich den Anfang der literarischen Produkion Becketts, mit der er sich einen Namen machen sollte. Auf so komplexe wie subtile Weise kommt dabei der Zivilisationsbruch zur Sprache, der auf den Menschen der westlichen Hemisphäre schwer lastet. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg, auf die Spitze und weit darüber hinausgetrieben mit dem Zweiten Weltkrieg. Ethisch und moralisch ist die Menschheit am Nullpunkt angekommen. Sämtliche Errungenschaften der Aufklärung bis dahin nicht nur infrage gestellt, sondern in ihren Grundfesten erschüttert. Der Mensch ist aus der Bahn geschleudert. Die Werte haben sich verkehrt und Becketts Schaffen seit seinem Durchbruch spiegelt dies wider, in all seiner so fragwürdigen wie fragmentarischen Wucht, dem darin zutage tretenden Widersinn, in seiner Absurdität und abgrundtiefen Zerrissenheit. 

Dies hat Jo Baker uns eindrucksvoll nahegebracht. Ihren Stil muss man mögen. Und nicht jedes Detail wäre hier nötig gewesen, um sich ein Bild von jenen Tagen machen zu können. Ebenso wenig wie die Wahl des durchweg atemlosen Präsens, jede Distanz zum Geschehen verhindernd, ausnahmslos glücklich scheint. Nichtsdestotrotz: In Erhellung des politisch-historischen Hintergrunds im Schaffen Becketts, das ihm 1969 nicht zuletzt den Nobelpreis für Literatur eingebracht hat, so lesens- wie empfehlenswert.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus Verlag! 

 

Buchtipp des Monats Juli 2018

© Hartmut Fanger  schreibfertig.com

 Nicht nur für Beatles-fans

 

David Foenkinos: „Lennon“Aus dem Französischen von Christian Kolb. Deutsche Verlags-Anstalt. DVA, München 2018

 

Wer die 60er und 70er Jahre verstehen will, der kommt an den Beatles schon zwangsläufig nicht vorbei, nicht an deren Musik und Lebensphilosophie, ebensowenig wie an den Schlagzeilen. Zweifellos waren die Fab Four aus Liverpool weltweit populär. Und der Protagonist war ihr Bandleader John Lennon.  Es kommt deshalb auch nicht von ungefähr, dass der gegenwärtige Popstar unter den  französischen Autoren, David Foenkinos, einen Roman über die Ikone verfasst hat, der Dank seiner präzisen und umfangreichen Recherche nahezu wie eine Biografie anmutet. Das Ganze mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen. Für Fangemeinde, Popwelt und Literaturinteressierte ein Grund zur Freude. Im Übrigen liest sich der Roman ausgesprochen gut und vermittelt das außergewöhnliche Leben Lennons aus der Ich-Perspektive, was besonders nah an die Hauptfigur heranführt. 

David Foenkinos John Lennon. Fast kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als wäre der Autor eine Symbiose mit dem Gegenstand seines Interesses eingegangen. Authentisch, originell und treffend werden im Rahmen von 18 Sitzungen einer Psychoanalyse, zugleich Kapitel, Höhen und Tiefen im Leben John Lennons ausgelotet. Frappierend, wenn der Leser bisweilen das Gefühl nicht los wird, als würde John Lennon ihn von der Couch aus direkt ansprechen, und so unmittelbar aus dessen Leben erfährt. John Lennon reflektiert: von der Kindheit des Protagonisten bis hin zum Beginn der Beatles, von den ersten großen Erfolgen bis hin zu Yoko Ono, vom „Bombenlärm“ des Zweiten Weltkriegs bis hin zu „Give Peace a Chance“, vom ‚ersten Joint’ mit Bob Dylan bis hin zur Heroinsucht. Ein langer Monolog, der jedoch mit keiner Zeile langatmig wird. Im Gegenteil. Mitreißend, von Lennons Umgang mit dem Ruhm, seinem Verhältnis zu Paul McCartney zu erfahren, von seinem Protest gegen den Vietnamkrieg und seinem Kampf darum, während der Zeit Richard Nixons in Amerka bleiben zu dürfen. Zahlreiche nicht weniger berühmte Zeitgenossen treten in Erscheinung oder werden zumindest erwähnt. Sei es George Harrison, Ringo Starr, Mick Jagger, Frank Sinatra, Allen Ginsberg oder Fred Astaire. Nicht zu vergessen, Maharishi-Jogi. 

 

Und es wundert dann auch nicht, wenn Foenkinos im Nachwort bekennt, dass John Lennon ‚ein Teil seines Lebens sei, seine Musik ihn überhall hin begleite und er ihn wahnsinnig bewundere’. Dies ist dem mit Herzblut geschriebenen Roman sehr wohl anzumerken und gewiss zugleich auch sein Stärke. Überraschend, dass Foenkinos erst 1974 geboren ist, er also einen Großteil von Lennons Leben erst im Nachhinein hatte kennenlernen können. Zu allem hin bestand die Schwierigkeit, dass nach Foenkinos ’Lennon seine Biografie selbst wohl mehrmals umgeschrieben hat’. Umso beachtlicher die Leistung. Foenkinos ist mit „Lennon“ ein großer Wurf gelungen.

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt DVA!

Buchtipp des Monats

Juni 2018                     

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Flashback  – Amerikanische Wirklichkeit 

gestern und heute

Sinclair Lewis: „Main Street“, aus dem amerikanischen Englisch übersetzt  von Christa E. Seibicke, mit einem Nachwort vom Heinrich Steinfest, Neuausgabe,  Manesse Verlag, München 2018.

Wer sich für die kommenden Tage, gar die Ferien, ein besonderes Lesevergnügen gönnen möchte, dem können wir „Main Street“ von Sinclair Lewis aus dem Jahre 1920 nur empfehlen. Humorvoll, intelligent und derart flüssig geschrieben, dass der Leser, erst einmal angefangen, mit der Lektüre nicht mehr aufhören kann. Auf immerhin 950 Seiten (!) gelingt es dem Autor sehr wohl, Lesesucht zu erzeugen. Dazu kommt die vom Manesse Verlag gewohnheitsgemäß liebevolle Ausstattung, hier mit Fadenheftung und dem 27 Seiten umfassenden Anmerkungsapparat, der so manch’ weniger geläufige Begrifflichkeit erklärt, die im Zuge von nahezu 100 Jahren in der Versenkung verschwunden ist. Von der vorzüglichen Neuübersetzung Christa E. Seibickes und dem sorgfältig aufbereiteten Nachwort Heinrich Steinfests ganz zu schweigen.  

In diesem Jahr wird kein Nobelpreis für Literatur vergeben. Zeit also, an einen Nobelpreisträger der ersten Stunde zu erinnern. Sinclair Lewis erhielt 1930 als erster US-amerikanischer Autor die begehrte Auszeichnung, die ihm einst Weltruhm einbrachte. Dabei hätte er schon im Jahre 1925 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet werden sollen, den er jedoch abgelehnt hatte, nachdem ihm diese Trophäe zuvor vorenthalten wurde. „Main Street“ (1920), womit Lewis zugleich seinen literarischen Durchbruch erzielte, zählt zusammen mit „Babbit“ (1922) und „Elmer Gantry“ (1927) von insgesamt 21 Romanen zu seinen bedeutendsten Prosawerken, von denen Ersteres 1936 unter dem Titel  „Kleine Stadt mit Tradition“ von Archie Mayo verfilmt wurde. 

„Main Street“, Hauptstraße, steht für das, was jedem Ort Amerikas seinen Stempel aufdrückt. Dementsprechend könnte der Roman, wie Lewis gleich zu Beginn verrät, ebenso „in Ohio oder Montana, in Kansas, Kentucky oder Illinois“ spielen. Wobei eine solche amerikanische ‚Main Street’ nicht mehr und nicht weniger ‚als der Höhepunkt der Zivilisation’ gilt. Und natürlich hat auch der fiktive Ort „Gopher Prairie“ eine solche – obwohl es in der Provinz mit der ‚Zivilisation’ nicht gerade zum Besten bestellt ist. Die kleine Stadt ist von Grund auf hässlich und verfügt über allenfalls ein Minimum an Kultur. Besonderen Reiz erfährt das Ganze, wenn sich jemand wie Carol Kennicot, die hinreißend charmante, so gebildete wie engagierte Hauptfigur, Großstädterin und Frau des ortsansässigen Arztes es sich zur Aufgabe macht, die kleine Provinzstadt kulturell auf Vordermann bringen und modernisieren zu wollen. Ein Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt  zu sein scheint. Dies erweist sich spätestens in dem Moment, wo die von ihr inszenierte Theateraufführung wirkungslos bleibt und sie sich vorerst geschlagen geben muss. Ihr größtes Problem ist dementsprechend, dass sich die Bevölkerung für jedwede Veränderung als resistent entpuppt. 

Dabei ist das Engagement, das die Protagonistin an den Tag legt, immens. So macht sie sich in der oberen Gesellschaft des Nestes bekannt, zieht ihre Fäden, versucht Freundschaften zu schließen und wird, noch bevor sie einen eigenen Salon gründet, gar Mitglied im erzkonservativen „Frauenkulturclub Thanatopsis“, der sich, man lese und staune, gegen das Frauenwahlrecht ausspricht, sich zugleich jedoch mit Vorliebe, wenn auch etwas oberflächlich, den Literaturen Europas widmet. Doch schon an den britischen Dichtern scheiden sich spätestens bei Swinburne, der aufgrund seiner Vorliebe für Erotik als Schunddichter in Verruf stand, die Geister. Aber auch die Vorstellung Carols von der Höhe der Bezahlung der Dienstmädchen kommt nicht gut an. Ebenso wie ihre Mode – sie trägt knöchelfreie Röcke – Aufsehen erregt, gilt dies doch als anstößig. Eine Bürde zu allem hin, dass sie ausschließlich vom Haushaltsgeld ihres Mannes leben soll, der dies nur allzu gerne zu zahlen vergisst. Und dann die Tatsache, dass jeder von jedem so gut wie alles weiß. Selbst die zum Trocknen aufgehängte Unterwäsche Carols ist vor der Dorfjugend nicht sicher.  

Wie leicht zu erkennen, treffen hier unterschiedliche Weltbilder aufeinander. „Urbane Liberalität und ländlicher Eigensinn“Weitsicht und Enge. Unschwer tun sich dabei Parallelen auf zu den USA heute. Der Riss dort zwischen Land- und Stadtbevölkerung ist spätestens mit dem letzten Wahlergebnis von 2017 eklatant zutage getreten. Die Politik wiederum eines Donald Trump mit seinen nationalen Ambitionen und populistischen Parolen scheint dementsprechend eine logische Konsequenz. Dies war zu der Zeit, in der dieser Roman spielt, im ersten Jahrzehnt des zwanzigstens Jahrhunderts, offensichtlich nicht viel anders und verleiht dem Ganzen seine Aktualität und Brisanz, wie auch anhand vieler kleiner Details ablesbar. 

Inwieweit  Carol Kennicot es nun gelingen mag, Fuß zu fassen, sich Anerkennung und Respekt zu verschaffen und die sture Bevölkerung Schritt für Schritt hin in Richtung Veränderung zu bewegen, mit dem Ziel, aus dem Ort ein kulturelles Schmuckkästchen zu machen, wird hier nicht verraten. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse-Verlag!      

Buchtipp des Monats Juni 2018 

© Erna R. Fanger 

Der dunkle „Gang der Metaphern“                                                                                                                        

Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore II. Eine Metapher wandelt sich“, DuMont Buchverlag Köln 2018, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. 

Warum der mit Spannung erwartete Band II von „Die Ermordung des Commendatore“ unbedingt lesenswert ist! Und das, obwohl er das Versprechen von Band I, seitens der Kritik nahezu einhellig hochgelobt, nicht ganz zu halten vermochte. Sind es dort bereits etliche Nebenhandlungen, kommt in Band II noch so manch weitere hinzu. Und nicht immer erschließt sich dann in der Gesamtschau zum einen deren Funktion, zum anderen ergeben sich dadurch gelegentlich auch Längen. Das im ersten Band so rasante Spannungsniveau wiederum weicht im zweiten teils langatmigen Passagen. Sei es, wenn immer wieder das Alltagsgeschäft, etwa bei der Zubereitung einer Mahlzeit oder der Vorgang des Essens selbst, allzu breiten Raum einnehmen, sei es, wenn so manche Begebenheit, und sei sie noch so nichtig, ausformuliert oder gar Klischees wie „Zeit ist Geld“ bemüht werden. Ganz zu schweigen von den befremdenden Betrachtungen über den weiblichen Busen oder mancher Sexszene, die eher von Altherrenfantasien als Erotik geprägt ist, was vornehmlich von der weiblichen Kritik teils harsch und nicht zu Unrecht  kommentiert wurde. Ebenso wie man sich über manch angestrengt und verzwungen wirkenden Vergleich nur wundern kann. 

Aber bei aller Kritik vernimmt man zugleich Stimmen, die Murakami gerade im Hinblick auf dieses als Trilogie angelegte Werk als des Nobelpreises würdig befinden. Und die Tragweite dessen, was das Faszinosum Murakamis ausmacht, ist auch hier, obschon nicht unanfechtbar, so doch mitnichten zu leugnen. Und es mag nicht zuletzt darin bestehen, dass er mit einem Wissen operiert, das, gewissen Strömungen der Quantenphysik zuzuordnen, kaum hinlänglich erforscht und von den etablierten Wissenschaften bislang eher hintangestellt wird. Demnach könnte es sein, dass wir Teil einer multidimensionalen Existenz sind und neben der Realität der materiellen Welt die der Welt des Geistes genauso real ist. Östlicher Weisheit oder westlicher Mystik entsprechend, die über ähnliche Konzepte als Grundlage ihrer Lehre verfügen. Eben dies scheint auch auf die Helden Murakamis zuzutreffen, bei dem etwa die Figuren auf dem Gemälde des Tomohiko Amadaals verkörperte Ideen und Metaphern zutage und mit dem Ich-Erzähler in Kontakt treten. Sphären des Sichtbaren und des Unsichtbaren kreuzen sich ebenso wie die jenseitige Welt der Toten mit der diesseitigen der Lebenden. Wobei bestimmte Figurenkonstellationen in verschiedenen Analogien in Erscheinung treten. So etwa, wenn den Ich-Erzähler seine Frau Yuzu von Beginn an an seine zwölfjährig an einem Herzleiden verstorbene jüngere Schwester erinnert, mit der ihn ein inniges Verhältnis verbunden hat. Ebenso entwickelt sich zwischen ihm und der 13-jährigen Marie Aikiwada, die er im Auftrag Menshikis

 

porträtiert, im Laufe der Sitzungen eine gleichwohl damit korrespondierende Vertrautheit. Dieser weitere Auftrag Menshikis bildet im zweiten Teil dann auch den Schwerpunkt der Handlung, entsprechend dem Porträt, das der Erzähler im ersten Teil von diesem angefertigt hat. Wie überhaupt nicht nur das Figurenensemble untereinander durchweg von unsichtbaren Fäden zusammengehalten scheint, sondern überdies die einzelnen Figuren selbst von teils rätselhaft differenzierter Vielschichtigkeit sind, wodurch sie den Leser in den Bann ziehen. In all ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit wiederum sind Handlungsweise und Charaktere offenbar von Einflüssen motiviert, die ihm verborgen bleiben. Dies verleiht der Lektüre, neben den gekonnt eingebrachten Momenten des Fantastischen, streckenweise eine unterirdisch anmutende Erotik. 

Das zentrale Spannungsmoment bildet dann das Verschwinden Maries, womit die fantastischen Elemente vollends die Oberhand gewinnen. Hat der Erzähler doch, um Marie zurückzugewinnen, auf Anweisung des Commendatore etliche Opfer zu bringen. So gerät er in endlos dunkle Gänge und unwegsames Gelände der Unterwelt, um schließlich über mysteriöse Umwege nach einer Ohnmacht in der Grabkammer des Commendatore wieder zu sich zu kommen, wo Menshiki ihn entdeckt und ihm heraushilft. Marie, erfährt er, sei wieder aufgetaucht, womit seine Mission erfüllt ist.

Last but not least sei auf eine bemerkenswert erotische, überaus bedeutsame Sexszene verwiesen, wo eben jene unsichtbaren Kräfte wirken, die Murakami seinen Figuren so gerne angedeihen lässt. Die erlebt der Erzähler mit seiner Frau allerdings lediglich im Traum, obwohl sie tief und fest schläft. Es kommt zu einer innigen sexuellen Begegnung. Als Yuzu ihm später im realen Leben, hoch schwanger, eröffnet, dass sie den Mann, von dem das Kind stamme, nicht heiraten werde, und sich nach und nach abzeichnet, dass sie bereit wäre, wieder zu ihm zurückzukehren, rechnet er nach und kommt zu dem Schluss, dass das Kind genau zum Zeitpunkt dieses Traumes, was er seinen Aufzeichnungen entnimmt, hätte gezeugt sein können. Als es – ein Mädchen, geboren ist, tritt er fraglos die Vaterschaft an. Aus seinen Erlebnissen in der Unterwelt offenbar gestärkt hervorgegangen, bekennt er schließlich: „... meine kleine Tochter Muro war ein Geschenk, das sie* mir zum Zeichen ihrer besonderen Gunst gewährt hatten.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Dumont-Verlag!

 * Die Figuren auf besagtem Bild, die auch dafür sorgten, dass er aus der Unterwelt wieder herausfand. 

                                           Buchtipp Monat Mai 2018

                     

                                ©  Hartmut Fanger  www.schreibfertig.com:

                           Elende Zustände - Schillernd erzählt

- Der Russland-Roman von Arthur Isarin

 Arthur Isarin: „Blasse Helden“, Albrecht Knaus-Verlag, München 2018           

Ein außergewöhnlicher Autor mit einer ebenso außergewöhnlichen Biographie. Dies beginnt schon mit seinem Namen, Arthur Isarin, einem Pseudonym. Geboren  in München, hat er Philosophie, Politik und Ökonomie studiert und war in den USA, England, Russland und im Kasachstan tätig. Derzeit arbeitet und schreibt er in Queensland, Australien. Mit „Blasse Helden“ liegt nun sein Roman-Debut vor. 

Das Ganze spielt unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion und wird aus der Perspektive des Protagonisten Anton erfahrbar gemacht, eines Deutschen, der in Moskau sein Glück sucht, von dort aus geschäftlich auch Station in Sibirien und der Ukraine macht. Eine Phase, einerseits mit den Hoffnungen der großen Umgestaltung unter dem Stichwort Perestroika verbunden, gefolgt jedoch zugleich von den Schattenseiten, wie es sich im Zuge der 90er Jahre erwiesen hat: die chaotischen Verhältnisse der sogenannten Jelzin-Jahre, kurz vor Beginn der Putin-Ära. Wobei Putin im Gegensatz zu Jelzin zugeschrieben wurde, besagtes Chaos unter Kontrolle zu bringen, weshalb er vermutlich bis heute das Zepter in der Hand hält. Zunehmend erhellt die Lektüre Hintergründe, warum er als Mitglied des KGB einen als liberal einzuschätzenden Jelzin ablösen und die Macht ergreifen konnte. Dabei gelingt es dem Autor neben einem gehörigen Maß an Zeitkolorit und jeder Menge packender Episoden ein umfassendes Sittengemälde zu präsentieren. Für Westler ein so befremdend wie exotisch anmutendes Land. Die Gesellschaft dort, einerseits scheinbar weit entfernt von Zivilisation, ja archaisch anmutend, andererseits vom aufkommenden Kapitalismus geradezu verroht. So kann es durchaus passieren, dass mitten in der Stadt Heckenschützen vor Theatern und anderen öffentlichen Einrichtungen ein Blutbad anrichten, ebenso wie Hinrichtungen in Restaurants gang und gebe sind oder marodierende Banden mit den zweifelhaften Mitteln einer angeblichen Kernsanierung den angeschlagenen Immobilienmarkt übernehmen, gar ganze Institutionen enteignen. Von gängiger Korruption, Prostitution, Anarchie, Betrug und „flächendeckendem Alkoholismus“ ganz zu schweigen. Hinzu kommt der zunehmende westliche Einfluss, der alte Ordnungen hinfällig werden lässt und das Chaos vollends entfacht. Wildwest in Russia ... 

Ein Roman dementsprechend mit jeder Menge Action, voller skandalöser, spektakulärer Ereignisse und Details, die in ihrer Gesamtheit einen nahezu atemlosen Handlungsablauf ergeben. Sei es, wenn auf einer simplen Party ein echter Bär samt Bärenführer auftaucht – für Moskauer Verhältnisse nicht ungewöhnlich, kann man dort doch Bären für derartige Veranstaltungen sehr wohl mieten. Oder wenn in dem ukrainischen Nikolajew Quarantäne aufgrund von Cholera ausgerufen wird, die eine ganze Stadt lahmlegt, sich der Protagonist indessen die Zeit mit Gogols „Die toten Seelen“ vertreibt, das sich als ‚vernichtende Zivilisationskritik’ erweist.

Nicht von ungefähr ist von daher mit „Gogol“ gleich ein ganzes Kapitel überschrieben. Wie den Roman überhaupt zahlreiche Referenzen an Schriftsteller durchziehen. Hatten doch, neben den üblichen russischen und deutschen Klassikern, erst seit der Perestroika eher der westlichen Avantgarde zugeschriebene Autoren wie Henry Miller oder Jack Kerouac ihren Platz in den Bücherregalen eingenommen. Aber auch schillernde Meister ihrer Zunft wie John le Carré oder der von existenzialistischer Philosophie infizierte Albert Camus werden von Anton in der Auseinandersetzung mit den extremen Erfahrungen, die er als Deutscher in Moskau macht, herangezogen. Franz Kafka wiederum verwendet er auf einer Polizeiwache gar als Pseudonym, was allerdings keinem weiter auffällt. Nicht zuletzt gilt die Bewunderung Antons dem russischen Dichter Michail Lermontow, einem der bedeutendsten Vertreter der russischen Romantik mit einem beachtlichen poetischen Werk, der sich im 19. Jahrhundert mit seinem Roman „Ein Held unserer Zeit“ in die Literaturgeschichte eingeschrieben hat und dessen Bild in seiner Wohnung  hängt. „Die schwarzen Augen Lermontows, ungeheuer groß und alles durchdringend“. 

Als ‚ungeheurer groß’, um nicht zu sagen monströs, ‚und alles durchdringend’ könnte man gleichwohl die Öffnung Russlands vom Kader-Kommunismus hin zum Turbo-Kapitalismus der neunziger Jahre charakterisieren, wie von Isarin vor Augen geführt. Wobei im Zuge dessen aber auch die kulturellen Errungenschaften im Zuge der Öffnung zum Westen hin nicht verschwiegen werden sollen: etwa der Auftritt künstlerischer Größen wie des berühmten Alban-Berg-Quartetts oder der in Wuppertal Schule machenden Pina Bausch und ihres Tanztheaters sowie der Besuch eines Models von Weltrang wie Claudia Schiffers.  

Abgesehen von der gelegentlichen Neigung des Autors zu klischeehaften Redewendungen, eine so rasant wie fesselnde Lektüre. Überdies von bemerkenswertem Erkenntnisgewinn, zumal was die Zustände im heutigen Russland Putins anbelangt. Dabei nicht ohne schwarzen Humor, was der Lektüre zusätzlich ihren Reiz verleiht!

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus-Verlag  

 

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unseren aktuellen Sachbiuchtipp Barbara Ehrenreich

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Buchtipp April 2018

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

Wohl konstruiert und in einem blendenden Stil

  Tommi Kinnunen: „Wege, die sich kreuzen“,

aus dem Finnischen von Angela Plöner, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018

                                                             

Das im Original bereits 2014 publizierte Debut des finnischen Autors Tommi Kinnunen kommt nun in über 20 europäischen Ländern in die Buchläden. „Wege, die sich kreuzen“, ist ein in seinem Heimatland hoch geschätzter und gefeierter Roman, der sich seit seinem Erscheinen über Wochen hinweg auf Platz 1 der finnischen Bestsellerliste halten konnte. Nominiert sowohl für den renommierten Finnlandia- als auch den Europäischen Literaturpreis, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. 

Drei starke Frauen und ein Mann sind die tragenden Figuren dieses Romans aus dem hohen Norden, sprich eines Dorfes in Finnland. Drei Generationen einer Familie innerhalb eines Jahrhunderts, auf der Folie des Zweiten Weltkriegs, von Evakuierung, Flucht und nicht zuletzt eines Hauses, das immer weiter vergrößert wird, bis es sich schließlich zu einem Labyrinth auswächst. Mittelpunkt- und Untergrund zugleich jedoch bildet ein dunkles Geheimnis, um das sich Geschichten um Geschichten ranken. 

So beispielsweise die von Maria, einer bemerkenswerten Frau, die sich in besagtem finnischen Dorf als Hebamme Respekt verschafft. Sie ist es auch, die sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, 1904, als erste Frau ein Fahrrad kauft – zu damaliger Zeit eine Sensation! Schnell lernt sie, sich mit dem eigens für Frauen mit Röcken konstruierten Gefährt fortzubewegen. Und Maria ist es schließlich auch, die als alleinerziehende Mutter Grundstück und Haus erwirbt, für sie ‚das Leben’ schlechthin. Ihrer Tochter gibt sie den Namen „Lahja“, zu Deutsch „Geschenk“. 

Lahja setzt später als Fotografin die Selbständigkeit ihrer Mutter fort, obschon ihr das nur mit Unterstützung ihres zweiten Ehemanns Onni gelingt. Wie schwer es ist, in der finnischen Provinz als Frau eigenständig zu wirken, illustriert eine Szene aus dem Jahr 1967, wo Lahja nach dem Tod Onnis befürchten muss, von der Kirchengemeinde als ‚gottlos erklärt’ zu werden, und dass die Leute sie auf der Straße ‚nicht mehr grüßen, jeden Kontakt abbrechen und die Besuche einstellen’ würden. „Niemand, der den wahren Glauben hatte, dürfte ihr auch nur einen guten Tag wünschen. Und auch nicht die Tür ihres Fotoateliers öffnen“. 

Mit Kaarina wiederum tritt schließlich Lahjas Schwiegertochter auf den Plan. Kaarina wird Zeuge der Verbitterung Lahjas, deren zweiter Mann Onni sie körperlich stets auf Distanz gehalten hatte. Und es scheint scheint die Ironie des Schicksals am Werk, dass Onni im Deutschen ausgerechnet „Glück“ bedeutet. In ihr Leben trat er, nachdem ihr erster Mann sie samt Kind, dem kleinen Johannes, hatte sitzen lassen. Kaarina und Johannes gründen sodann eine eigene Familie, mit Lahja unter einem Dach, was zu gewaltigen und gewalttätigen Spannungen führt.  So zum Beispiel, wenn Kaarina plötzlich „Lust zu schlagen, zu prügeln, zu zerstören“ verspürt und mit einer „Art Vorschlaghammer“ Tür und Inventar der alten Speisekammer von Lahja zertrümmert.

Der große Schlussteil des Romans ist wiederum Onni gewidmet. Dabei enthüllt sich seine aus traumatischen Kriegserlebnissen resultierende innere Zerrissenheit. Darüber hinaus sieht er sich genötigt, aufgrund seiner Homosexualität zeitlebens ein Doppelleben zu führen.

Zweifellos ein großer Roman, dem man allenfalls anlasten könnte, dass er nicht über ein Quäntchen Humor verfügt. Doch die Gegebenheiten des Landlebens in Finnland waren überaus hart und das Streben nach Selbständigkeit und Glück nahezu aussichtslos – gar für Frauen noch bis Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. 

Beachtlich aber auch die Konstruktion des Romans. Jeder der vier Figuren ist ein eigener Teil gewidmet. Jedes Kapitel darin ist, neben der Überschrift, wiederum mit Jahreszahl versehen sowie einer entsprechend dem Inhalt des Kapitels originellen Wegbezeichnung. Da der Roman auf herkömmliche chronologische Reihenfolge verzichtet, sorgt dies stattdessen für Orientierung. Dazuhin tragen Liederverzeichnis und Glossar am Schluss für ein erweitertes Verständnis bei. Im Übrigen ist es der elliptische Erzählstil des Autors, seine perfekt angewandte Kunst des Weg- und Auslassens, der förmlich berauscht und stets zum Weiterlesen animiert. Raffiniert, wenn er in dem einen Teil einer Figur etwas andeutet, was im darauffolgenden dann aus anderer Perspektive weiter fortgeführt wird. Es ist dem Urteil der niederländischen Zeitung „NRC Handelsblad“ nur zuzustimmen –„Großartig konstruiert – und durchweg überraschend“. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt DVA 

 

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Siehe auch unseren aktuellen Buchtipp Haruki Murakami 

Siehe auch unseren aktuellen  Buchtipp für Junge Leser 

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Buchtipp des Monats April 2018

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com:

 

Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore I. Eine Idee erscheint“, DuMont Buchverlag Köln 2018, aus dem Japanischen von Ursula Gräfe 

Nachdem seine Frau ihn völlig überraschend wegen eines anderen Mannes verlassen hat, nimmt der Ich-Erzähler, seines Zeichens Kunstmaler, die Gelegenheit wahr, die ihm der Zufall beschert, und zieht in das Haus eines ehemaligen Studienkollegen. Dessen Vater, Tomohiko Amada, einst ein berühmter Maler und inzwischen dement, hat auf dem Dachboden ein mysteriöses Bild deponiert, dessen Titel diesem Werk auch voransteht „Die Ermordung des Commendatore“, Band I des auf zwei Folgen angelegten Romans. Besagtes Bild, aber auch das Schicksal seines Erschaffers, der zwischen 1936 und 1938, also zur Zeit des Anschlusses Österreichs an Nazideutschland, in Wien weilte, bildet fortan Dreh- und Angelpunkt des Romans, in dem sich Episoden an Episoden ranken, ‚alles Geschichten, die mit vielleicht beginnen und enden’. Zugleich Anlass, das Leben des Protagonisten in eine vollkommen unvorhersehbare Richtung zu lenken. Wobei  der Titel – fällt dem Protagonisten nach langem Rätseln darüber ein – sich vermutlich auf eine Szene im „Don Giovanni“ bezöge, wo gleichwohl ein Commendatore ermordet wird. Damit steht er exemplarisch für die für Murakami typische Verflechtung asiatischer mit westlicher Kultur. Aber dies ist nur eine von mannigfaltigen Referenzen aus der ganzen Bandbreite, aus der dieser von Lust an Erkenntnis getriebene Autor schöpft und womit er dem Leser, mit dem er diesen Erfahrungsschatz teilt, auf so diskrete wie zugleich intime Weise nahe kommt. Eben dies macht wohl auch einen Großteil des exklusiven Leseerlebnisses aus, das er uns hier offeriert. Des Weiteren ist es die verblüffende Selbstverständlichkeit, mit der er all das beredt zur Sprache bringt, was sich zunächst einmal der Wahrnehmung entzieht. Und es gibt wenige Autoren, die eine Souveränität wie Murakami darin entwickeln, auch noch den verborgensten Vernetzungen des unterirdischen Wurzelgeflechts unseres Bewusstseins nachzuspüren, diese aufzugreifen und sie, gekonnt durch sie hindurchmäandernd, so zur Sprache zu bringen, dass er den Leser sofort in den Bann zieht. Denn was wir nicht nicht unmittelbar (be)greifen können, bindet unweigerlich unsere Aufmerksamkeit und weiß uns, gedanklich zu beschäftigen. 

Hat der Ich-Erzähler bislang sein Brot mit routinemäßiger Porträtmalerei verdient, ist er dessen nun überdrüssig geworden und unterrichtet in einer Volkshochschule, wo er auch die eine oder andere sexuelle Beziehung zu seinen Studentinnen unterhält. Ausgerechnet jetzt vermittelt man ihm jedoch ein Angebot für ein Porträt, so hoch dotiert und in undurchsichtiger Weise als zwingend sich erweisend, dass er es kaum abschlagen kann. Dem Auftraggeber wiederum lässt Murakami eine Aura des Geheimnisvollen angedeihen, die den Leser in ständige Erwartungshaltung versetzt, die zu erfüllen er sowohl verweigert als er ihr bisweilen jedoch auch wieder nachkommt, einem Vexierbild gleich, womit er obendrein den Leser in Schach hält.

Soweit die äußere Folie des Erzählens, die jedoch vergleichsweise dünn anmutet, zieht man die von Selbstzweifeln, Zweifeln an der Kunst, Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung und von Zweifeln am Leben überhaupt geprägten Reflexionen in Betracht, die das ganze Buch im wahrsten Sinne des Wortes ‚durchfurchen’ und einen nicht geringen Teil der Lektüre, wo es vornehmlich um Selbstfindung geht, einnehmen. 

Daneben handelt es sich um eine veritable Spukgeschichte von höchstem Spannungsniveau insofern, als Murikami hier meisterlich fantastische Elemente einzuflechten weiß, im Zuge dessen die Lektüre einen mächtigen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann. Wobei er die Kunst beherrscht, nicht ohne Raffinesse die Grenzen zwischen rationalem und fantastischem Diskurs zu verwischen, Letzteren irritierend wirklichkeitsnah in Erscheinung treten zu lassen, gewürzt mit feingewiegtem Humor. So, wenn die Figur des Commendatore, sichtbar nur für den Ich-Erzähler, leibhaftig in Gestalt eines kleinen Männchens aus dem Bild tritt und, auf seinem Sofa oder in einem Regal sich positionierend, in eigenwilliger, teils altklug, dann wieder ausgesprochen witziger Manier dessen Gedanken und Überlegungen kommentiert oder in der Rolle des Weisen en passant tiefschürfende Erkenntnisse, an Schopenhauer gemahnend,  preisgibt, wie etwa „Die Welt ist Vorstellung, das ist die Wahrheit. Vorstellung ist Wahrheit und Wahrheit Vorstellung (...) Das Beste ist es, diese Vorstellung einfach mit einem Zug zu schlucken, wie sie ist.“

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl. 

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Dumont-Verlag!

 

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Siehe auch unseren Buchtipp Tommi Kinnunen 

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Siehe auch unseren Buchtipp für Junge Leser Duncan Beeile

unseren Lyrik-Buchtipi Michael Krüger    

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp Peter Graf: Grimmsches Wörterbuch

Buchtipp März 2018

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

Das Abbild einer von Armut, Rassismus und Leid geprägten Gesellschaft in den Südstaaten von Amerika. 

                                                                                                                                                                                                                                             

Jesmyn  Ward: „SINGT IHR LEBENDEN UND IHR TOTEN, SINGT“, Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2018, aus dem Englischen von Ulrike Becker

Zweifellos ein großer, berührender, in all seinen Facetten so brisanter wie vielsagender Roman der afroamerikanischen US-Autorin Jesmyn Ward. Nun schon, nach „Vor dem Sturm“, mit „SINGT IHR LEBENDEN UND IHR TOTEN, SINGT“ zum zweiten Mal ausgezeichnet mit dem renommierten National Book Award Preis. Ein typischer Südstaaten-Roman, der über drei Generationen hinweg von der Schwere des Daseins, Ungerechtigkeit, Rassismus, Gewalt, Armut, Krankheit, Drogenkonsum und Tod erzählt, ebenso aber auch von Mut und Hoffnung kündet. Keine leichte Kost. Hingegen erzeugt die elegische, nahezu melodiöse Sprache einen Lesefluss, dem man sich kaum entziehen kann.

Erzählt wird die Geschichte von Jojo und seiner Mutter Leonie. Zusammen mit der Jüngsten, der kränkelnden Karla und Freundin Misty, machen sie sich auf den Weg, um Leonies weißen Mann Michael aus der berühmtberüchtigten Gefängnisfarm Parchman abzuholen, womit zugleich eine Odyssee quer durch den Bundesstaat Mississippi beginnt. Daran geknüpft, zahlreiche weitere Episoden, die den Leser unweigerlich in den Bann ziehen. So etwa die Geschichte von Großvater Pop, der wegen einer Lappalie einst ebenfalls in Parchman inhaftiert war, sowie seinem einstigen jungen Zellengenossen Richie, dessen er sich annimmt und der sich später der Familie anschließt. Oder die Geschichte von Leonies Bruder Given,  der ausgerechnet von Michaels Neffen bei einem Schießwettbewerb erschossen wird. Ein „Jagdunfall“ ... Packend immer wieder die Szenen, wenn Leonie ihrem toten Bruder im Drogenrausch begegnet. 

Authentisch wirkt das Ganze nicht zuletzt, indem Ward gekonnt, in jeweils eigenen Kapiteln, aus mehreren Perspektiven erzählt. Sowohl aus der Sicht des halbwüchsigen Jojo als auch aus der seiner Mutter Leonie oder besagten Richies. Der Leser kann sich so ein eigenes Bild von Situation und Ereignissen machen.  

Eine zentrale Rolle kommt Leonies Mutter und deren zum Tode führender Krankheit zu, was die von innerer Weisheit geprägte Weltsicht der Protagonisten trübt, sie an ihre Grenzen stoßen lässt. Ist ihre Mutter zunächst noch davon überzeugt, dass Leonie nur ‚gut genug hinzuschauen’ bräuchte, um ‚alles draußen in der Welt zu finden, was sie braucht’, ein ‚Spaziergang durch den Wald’ dazu schon ausreiche: ‚Bärenklau gegen Erkältung und Grippe, Prellungen, Arthritis und Geschwüre’ oder ‚Giersch, den man wie Spinat kochen oder zu einem Brot backen kann’. Hingegen erweist sich, dass ‚die Welt’ einem eben nicht immer ‚gibt, was man braucht, ganz egal, wie gründlich man sucht.’ „Manchmal“, heißt es,  „verweigert sie es einfach“. Zweifel kommen auf, dass ‚die Welt ein guter Ort, einer für die Lebenden wäre’. „Es ist eine Welt, die aus den Lebenden Narren ... und sie ... die ganze Zeit ärgert und fertigmacht“. Angesichts des latenten Rassismus', Weiß gegen Schwarz, sowie der inhumanen, grausamen Methoden von unerbittlicher Härte der vornehmlich aus Killern zusammengesetzten Aufseher des Zuchthauses, die Insassen foltern und mit Hunden verfolgen, mag dies auch darüber hinaus als Schlüsselsatz gelten. Und dennoch setzen die Protagonisten unbeirrbar ihren Weg fort. Für die Weltsicht des Heranwachsenden Jojo bedeutet dies nicht zuletzt auch „zu lernen, wie man erwachsen wird, wie man durch diese Ströme durchkommt: wann man sich festhalten muss, wann man den Anker werfen soll, wann man sich am besten mitreißen lässt.“

Für Leonie, Michael und Misty scheinen hingegen die in diesem Roman allgegenwärtigen Drogen das Mittel, der unerträglichen Außenwelt zu entfliehen. Ob „Lortab, Oxycodon, Koks, Ecstasy, Chrystal Meth“ – allesamt dienen sie ihnen als Helfer und Helfershelfer, womit sie zugleich den Weg in die Illegalität vorgeben. Und bisweilen drängt sich im Hinblick auf die gesundheitlichen Probleme der Figuren, insbesondere der Krankheit der Großmutter oder der kleinen Karla, gleichwohl die Lesart als einer Flucht aus dem Alltag auf, zugleich aber auch Hilferuf. Ständig wird sich übergeben, als könnte man sich so der negativen Erfahrungen vergangener wie gegenwärtiger Generationen allesamt wieder entledigen. Trost allein scheint das Singen zu vermitteln. Etwa an den Geburtstagen Jojos, wo seine Eltern ‚immer gelächelt’ haben und die dabei entzündeten ‚Kerzen alles in goldenes Licht tauchten’. Bezeichnenderweise jedoch ist an seinem 13. Geburtstag alles anders. Einzig Leonie ist zu vernehmen, deren Zähne am Rand schwarz sind und deren hohen Töne sich überschlagen. Pop singt gar nicht erst mit, die Großmutter todkrank, Kayla gibt den Text nur ‚abgehackt’ von sich und ‚Michael ist weg’.

Ein Buch, das sich schon deshalb zu lesen lohnt, um sich ein Bild von eben jenem Amerika machen zu können, das jede Art von Glanz verloren hat und sich auf die Wurzeln derer besinnt, die einst als Sklaven importiert wurden und die sich nahezu ohnmächtig bis heute gegen Unterdrückung und Rassismus wehren. Der im Titel formulierte Aufruf „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt“ jedoch kündet am Ende von eben jener Kraft, die einst schon den Sklaven zum Überleben diente und die sich hier fortsetzt in der Hoffnung, dass sie auch künftige Generationen, verkörpert in Jojo und Karla, voranbringen wird.

Last but not least ist die bemerkenswerte Korrespondenz zwischen der emotionalen Wucht des Erzählinhalts und der in Titel- und Umschlaggestaltung von Marion Blomeyer sich gleichwohl manifestierenden, buchstäblich ins Auge springenden Dramaturgie hervorzuheben.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl.

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar

gilt dem Verlag Antje Kunstmann GmbH!

 

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Siehe auch unseren aktuellen  Buchtipp für Junge Les 

unseren aktuellen Sachbiuchtipp

unseren aktuellen Lyrik-Buchtipp

 

Jasmin Ward

"Wir saßen unterm Hagedorn//Bis uns die Nacht entrückt,/Erzählten, was gesagt, getan/Seit wir die Welt erblickt./Und wußten, mit den Jahren wird/Die Seele zweigeteilt/Und fielen in die Arme uns/Damit sie wieder heilt"                                                           William Butler Yeats 

 

Meisterin der kurzen Form

Erzählungen

                                                                                                                                                                                                                                             

Judith Hermann: „Lettipark“, S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2017                    


Wer den Erzählband „Sommerhaus später“ kennt, weiß, dass die Geschichten von Judith Hermann durchweg von sensiblen Beobachtungen geprägt sind, sprachlich nuancenreich, dabei so knapp wie vielstimmig umgesetzt. Es bedarf für die Autorin oft nur weniger Worte, um Fantasie im Leser freizusetzen, für Kopfkino zu sorgen. „Lettipark“ ist nun auch als Taschenbuch erhältlich und stellt ein weiteres Kleinod in der Kunst der kurzen Form, der Kunst des Aus – und Weglassens dar.  

Gleich der Opener „Kohlen“ beweist  das Können der inzwischen 47 jährigen Autorin, wo es um den vierjährigen Vincent geht, der im winterlichen Ambiente gefragt wird, ob er auf einem ländlichen Hof dabei helfen kann, die gerade gelieferten ersten Kohlen einzusammeln. Wir erfahren nicht viel von den Figuren, wer diese eigentlich sind, in welchem Beziehungsgeflecht sie zueinander stehen. Auch der Ort bleibt – außer, dass dieser, wie bereits angedeutet, auf dem Land angesiedelt sein muss – fremd. Erzählt wird aus der Wir-Perspektive und damit für Distanz gesorgt. Zugleich wird so nicht nur ein Geheimnis erzeugt, das Neugierde weckt, sondern auch etwas von der Geschichte Vincents transparent. Es kommt heraus, dass seine Mutter im letzten Winter gestorben ist. Deren Tod wiederum hat deutlich gemacht, dass man, so lapidar dies klingen mag, doch tatsächlich „an der Liebe ... an einem gebrochenen Herzen sterben kann“. Was davor passiert sein könnte, bleibt dem Vorstellungsvermögen des Lesers überlassen. Fest steht, dass dieser Umstand das künftige ‚Leben des Jungen bestimmen wird’, der sich bereits jetzt wie ein Fünfzehnjähriger verhält. Und es kommt nicht von ungefähr, dass die anonym bleibenden, mit „Wir“ bezeichneten Figuren von dem Jungen die Kohle wie ‚Hostien’ in Empfang nehmen. Als lebe die Liebe in ihm fort. Schon hier wird deutlich, dass es in dem Band um Begegnungen geht, die die Tiefen menschlicher Existenz erspüren, in denen sich so manche Abgründe bedeutungsvoll erkennen lassen.

So auch in „Gedichte“, wo die Ich-Erzählerin ihren Vater besucht, der lange schon ‚krank gewesen’ ist und ebenso lang wohl in der Psychiatrie gelebt hat. Ohne benannt zu werden, zeigt dieser Anzeichen von Demenz, was zu skurril anmutenden Situationen führt.

So etwa, wenn er völlig unvermittelt den Konditor des von seiner Tochter mitgebrachen Pflaumenkuchens als „Schwuchtel“ bezeichnet oder den Mann der Ich-Erzählerin ‚wie einen Chauffeur’ behandelt. Ihm gegenüber ‚kein Wort’ verliert und dann nur zwei aufeinanderfolgende Sätze, nämlich „Ich habe Hunger. Ich möchte ein Würstchen essen“, von sich gibt, was die Ich-Erzählerin wiederum mit „Nur Verrückte bringen so etwas zustande“ kommentiert. Anrührend liest sich dann, wenn es an anderer Stelle heißt, dass er einst in der Anstalt ‚geübt hatte, Gedichte auszuhalten’, ein ‚Gedicht zu lesen, ohne zusammenzubrechen’. Bereits  eine Zeile von William Butler Yeats, wie „Wir saßen unterm Hagedorn,/ Bis uns die Nacht entrückt“, ‚hätte ihn vermutlich umgebracht’. Recherchiert man das Gedicht   in Gänze und vernimmt die darin vermittelte Botschaft, dass ‚die zweigeteilte Seele’ Heil nur findet, wenn man sich zusammentut, ‚sich in die Arme fällt’, mag dies als Motto nicht nur für diese, sondern für so manche Geschichte des gesamten Erzählbands gelten. Ebenso wie ‚die zweigeteilte Seele’ mit dem ‚Verrücktsein’ des Vaters korrespondiert, der sich in der Erinnerung der Ich-Erzählerin völlig anders als einst verhält. Der Grund dafür bleibt in der Schwebe. Ein Schicksalsschlag, der ihn aus der Bahn geworfen haben mochte, ist allenfalls zu erahnen. Von seiner Frau etwa ist mit keinem Wort die Rede

Immer wieder erweisen sich bei Judith Hermann Beziehungen als rätselhaft, tritt der Mensch als solcher als unergründbar in Erscheinung. So zum Beispiel, wenn Theresa sich auf den Rat ihrer Freundin Effi hin zur Psychoanalyse bei einem Dr. Gupta begibt, sich jedoch über Jahre hinweg kaum eine Veränderung einstellt. Die Katastrophen in der Außenwelt wiederum, die ‚sie in Angst versetzen’, wie ‚Schiffskatastrophen, Erdbebenopfer, Dürreprognosen, Klimagipfel, Seuchen und Massaker’, lesen sich wie Wiederholungen, jeweils nur in einem anderen Gewand.

Das rätselhaft Geheimnisvolle und tiefgreifend menschlich Existentielle, mit dem grundlegenden Getrenntsein, nicht nur von Erde und Mond, von Mann und Frau, bestimmt, atmosphärisch dicht, „Zeugen“. Ihre vielleicht schönste Erzählung, wo sich zwei Paare zum Essen in einem Lokal treffen. Dabei erzählt Henry von einer Begegnung mit jenem Neil Armstrong, der als erster Mensch den Mond betreten hat und nun behauptet, dass ihn ‚der Mond fertig, kaputt gemacht habe’, er das Gefühl habe, dass er dort ‚etwas von sich habe zurücklassen müssen’. „Pink Gin“ habe er getrunken und behauptet, dass ‚die Erde im Universum nur ein Wassertropfen’ sei. Letztlich stellt sich die Frage, inwieweit Henry sich das nicht alles nur ausgedacht, er lediglich eine Geschichte erzählt haben könne. Seine Frau Samanta hat davon bislang jedenfalls nichts gewusst. Ivo kommt es so vor, als hätte er das irgendwo schon einmal gelesen. Der Ich-Erzählerin wiederum schwant, dass sie alle vier, genauso wie Armstrong auf dem Mond, immer irgendwo ‚etwas von sich zurücklassen müssten’. So wie auch Ivo bei seiner Arbeit in einem Institut, die seine Nachfolgerin Samantha nun übernehmen wird, etwas von sich zurückgelassen hat. Am Ende könne die Ich-Erzählerin Ivo, wie gerade jetzt, auf einer schwankenden Brücke, all die Jahre hindurch ‚nur an der Hand halten’. Stets auf der ‚Suche nach dem unwahrscheinlichen Funken einer Möglichkeit’. 

Der Band mit seinen 17 Erzählungen, der nahezu durchgehend rätselhaften Atmosphäre, ist in jeder Hinsicht lesenswert; er regt zum Nachdenken an und erschließt verborgene Perspektiven.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl  

Buchtipp des Monats Februar 2018

© Hartmut Fanger  schreibfertig.com

 

Zwischen Heldenreise und Politthriller

 

Thorsten Oliver Rehm: „Der Bornholm-Code“.                     

 Ruhland Verlag, Bad Soden 2017

 

Im Zentrum dieses über 500 Seiten starken Debutromans von Thorsten Oliver Rehm steht der sympathisch gezeichnete, von Idealismus beseelte Unterwasserarchäologe Dr. Frank Stebe. Im Wissenschaftsstreit um die Nibelungensage fördert er spektakuläre Ergebnisse zutage. Nicht ahnend, dass er damit ins Visier des nebulösen Institutes für Unterwasserarchäologie Ostsee (IUAO) gerät, das sich als Geldgeber dieser Forschung erweist und mit der Elite von Wirtschafts- und Finanzwelt kooperiert. An dessen Spitze wiederum treibt ein so fanatischer wie im Geheimen operierender und mit krimineller Energie ausgestatteter Magnat von ultrarechter Gesinnung sein Unwesen, der seine Gegner im Zweifelsfall von angeheuerten Killern eliminieren lässt. Den dem Nibelungenschatz zugeschriebenen Artefakten, auf die Stebe, motiviert von brennendem Erkenntnisinteresse, an unvermuteter Stelle stößt, unterstellt er magische Kräfte. Nichts kann ihn davon abhalten, in deren Besitz zu gelangen, wobei er bereit ist, buchstäblich über Leichen zu gehen, mit dem Ziel, weltweit seine totalitären Machtbefugnisse zu etablieren. Ohne zu wissen, dass er mit einem in seinem Fanatismus skrupellosen Gegner um besagte Artefakte konkurriert, geraten am Ende nicht nur Stebe, sondern auch seine Frau, die kurzerhand gekidnappt wird, in Lebensgefahr. Ab jetzt nimmt die ohnehin von der ersten Seite an packende Lektüre zunehmend Fahrt auf, lässt den Leser nicht mehr los. Zugleich klärt sich indessen aber auch, warum Stebes früherer Mentor, Freund und Vertrauter, Robert Sailer, mit dem er einst in geheimer Mission nach den einschlägigen Beweisstücken tauchte, bei einem bis dato nicht ganz geklärten Unfall ums Leben kam. Seinerzeit Grund für Stebe, besagtem Institut, dem es offenkundig weniger um wissenschaftliche Erkenntnis als vielmehr um Profit geht, den Rücken zu kehren.

Dies sind die Zutaten zu der abenteuerlichen Story, die zunehmend zu einem Politthriller avanciert, immer wieder von temporeichen Dialogen getragen, und jeder Menge Action. Wobei es dem Autor mit den Verflechtungen zwischen rechtslastigen Kräften, die wiederum mit Wirtschafts- und Finanzwelt in Verbund stehen, gelingt, gesellschaftliche Strömungen aufzunehmen, die derzeit europaweit drohen, die Demokratie zu untergraben, und diese literarisch auszufantasieren. Zugleich bestechen die akribisch recherchierten frühgeschichtlich und archäologischen Daten und Fakten, mit denen der Autor hier aufwartet. Desgleichen seine dezidierte Kenntnis der Taucherwelt. Dies alles macht, neben dem unbestrittenen Unterhaltungswert der Lektüre, ihre Substanz aus.

Nicht durchgehend gelungen scheint wiederum die Verschlingung zwischen dem Aspekt der Heldenreise, Entwicklungsgeschichte, und Abenteuerroman, Politthriller. So vor allem am Schluss, wo ein bisschen zuviel auf die Gefühlstube gedrückt, Stebe als Held und Gutmensch allzu glatt in Szene gesetzt wird. Da ‚strahlen’ die Helden einen Tick zu viel, ist von ‚leuchtenden Augen’ oder gar ‚dem Glanz der Freude’ die Rede. Hier wäre weniger mehr gewesen, hätte ein etwas strikteres Lektorat seitens des Verlages dem Ganzen gut getan.

Aber all dies tut dem Lesevergnügen des beachtlichen Debuts, sei es im Hinblick auf die durchweg fesselnde Story, sei es im Hinblick auf besagten Erkenntnisgewinn, keinen Abbruch. Und dazu kann man dem Autor nur gratulieren!

 Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Ruhland Verlag!

Buchtipp des Monats Januar 2018

 

© Erna R. Fanger     www.schreibfertig.com:

 

Das Richtige tun heißt, gar nichts zu tun, der richtige Ort dafür ist ein Versteck,

und der richtige Zeitpunkt dafür ist so oft wie möglich.

 Tony Cock: „Verhaltensökologie“ in: „Die Biologie von Landmolluskeln“

 

 Von der genügsamen Vielfalt des Lebens

Elisabeth Tova Bailey: „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. Piper Verlag GmbH, München 2014

 

2010 im amerikanischen Original, „The Sound of a Wild Snail eating“, erhielt das schmale Buch in hoch poetischer Diktion etliche Preise, die wichtigsten: der National Outdoor Book Award (2010) und der William Saroyan International Prize for Writing (2012). Es ist die Chronologie einer schweren Virus-Erkrankung, von der sich die 34-jährige amerikanische Journalistin, ehemals Gärtnerin, auf dem Rückweg von einer Europareise jäh befallen findet. Einer Viruserkrankung, die entscheidende Körperfunktionen blockiert und ihren Organismus über Monate hinweg lahm legt und sie zwanzig Jahre lang in Schach halten soll. Jäh brechen Gewissheiten von Lebenssinn und Kontinuität zusammen. Die Ich-Erzählerin stürzt in ein Vakuum, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint, eine andere Zeitrechnung setzt ein:

Ich schaffte es mit Mühe und Not, den einzelnen Moment zu bewältigen, und jeder dieser Momente zog sich hin wie eine endlose Stunde, doch zugleich verstrichen ganze Tage unbemerkt. Auch ungenutz durchlebte Zeit vergeht, als hätte die Zeit einen unstillbaren Hunger und vertilgte den Tag komplett, ohne einen Krümel, eine Spur, eine Erinnerung zu hinterlassen.

 

Bis ihr eine Freundin einen Blumentopf mit Ackerveilchen mitbringt, in den sie eine kleine Waldschnecke gesetzt hat. Wenig begeistert zunächst, entspinnt sich allmählich, in gebotener Langsamkeit, zwischen der nur in der Horizontale lebensfähigen Ich-Erzählerin und besagter Schnecke ein verschwörerisch, ja geheimnisvoll anmutendes Miteinander, beginnend mit Beobachtungen des Fressverhaltens ihres kleinen Mitbewohners und der Geräusche, die das Wesen dabei machte: „Das leise, anheimelnde Gräusch der Schnecke beim Fressen gab mir ein Gefühl von Gemeinschaft, von Zusammenleben.“ Und wie wenig es der Ich-Erzählerin vergönnt ist, nachts in den Schlaf abzudriften, er immer wieder unterbrochen ist und nicht selten ganz ausbleibt, wacht neben ihr die nachtaktive Schnecke, „als wäre (...) die dunkelste Zeit tatsächlich die beste Zeit zum Leben.“ Nach und nach verlagert sich der Fokus der Ich-Erzählerin: vom Abgrund ihrer lahmgelegten Physis hin zu einem kleinen Wesen, das seine Tage mit Bedacht bemisst, sich klug in seiner neuen Umgebung einrichtet. Denn Schnecke und Ich-Erzählerin ‚lebten beide in einer veränderten Landschaft, die sie sich nicht selbst ausgesucht hatten, teilten ein Gefühl des Verlusts und der Heimatlosigkeit’. Dabei ist ihr die Schnecke in dem Maaß Vorbild, in dem sie sich mit ihrer neuen Umgebung arrangiert, das Terrain austariert,

Hindernisse geschickt umgeht, sich ganz selbstverständlich anpasst. Mit Bedacht wählt sie ihre Nahrung aus, lässt dabei Vorlieben erkennen, wie für frischen Champignon oder auch Eierschalen, die ihrem Kalziumhaushalt zugute kommen. Fasziniert stellt die Ich-Erzählerin fest, wie die Schnecke nicht müde wird, immer wieder neue Schlafplätze aufzusuchen, einem ständigen Versteckspiel gleich. Indessen hat sie für ein Terrarium gesorgt, was der Schnecke offenkundig behagt. Nicht in der Lage, ein Buch zu halten, beobachtet die Ich-Erzählerin stattdessen, wie die Schnecke, den Hals über das Gehäuse reckend, dieses säubert. Oder wie begeistert sie sich über etwas Neues zeigt, wenn jemand ein Stück Birkenride, einen Moosballen für das Terrarium mitbringt.

Nach etwa einem Jahr hat sich der Zustand der Ich-Erzählerin so weit verbessert, dass sie das Studio, in dem sie zur Pflege untergebracht war, verlassen und wieder in ihr Haus zurück kann. Nach und nach erobert sie sich, an der Seite Hündin Brandy, den idyllischen Lebensraum mitten auf dem Land in paradiesischer Vegetation zurück, bevölkert von einer Vielzahl an Vögeln, darunter Kolibris, und Schmetterlingen, beobachtet vom Krankenbett aus die Natur:  

... das sanfte Wehen oder heftige Tosen des Windes, die unterschiedlichen Stimmungen des Regens, das Wechselspiel von Sonne, Mond und Wolken. (...) Später stießen Fledermäuse – bloße Schemen, schwarz auf schwarz – nach abendlichen Leckerbissen herab, und aus dem Wald drangen leise, ganz leise, die Rufe der Eulen, bis schließlich unter dem uralten Licht der fernen Sterne und des zu- oder abnehmenden Mondes völlige Stille herrschte.

So war auch die Zeit herangerückt, die Schnecke in ihre natürliche Umgebung auszusetzen, zumal diese sich, Zwitter, der sie ist, indessen vielfach vermehrt hatte – auch die Beobachtung des ersten Geleges, des Schlüpfens winziger Nachkömmlinge, ein Faszinosum. Fortan widmet sich die Ich-Erzählerin der akribischen Erforschung des Geschöpfs, das sie davor bewahrt hatte, ihren Lebensmut zu verlieren. In dieser Lesart hat sie uns eine so umfassende wie verblüffende Kulturgeschichte der Schnecke beschert, in der deren biologische Besonderheiten denen ihrer Faszination, die sie auf manchen Dichter und Schriftsteller ausübte, wenig nachstehen. So leiten einzelne Kapitel immer wieder Haikus über das Leben der Schnecke von Kobayashi Issa (1763-1827) ein, belegen Zitate, u.a. von Elisabeth Bishop, Emiliy Dickinson oder Patricia Highsmith, dies. Selbst Aristoteles hatte sich bewundernd über iher scharfen kleinen feinen Zähne geäußert, nichts ahnend von deren enormer Anzahl, an die 2640! Alles an ihr erscheint mit einem Mal gigantisch im Vergleich zur äußeren Unscheinbarkeit dieses Geschöpfs. Von der Architektur ihres Hauses, über das ausgiebig lustbetonte Liebesleben, bis zur zentralen Rolle des Schleims, den sie absondert, sei es zur Fortbewegung, sei es zur Abwehr von Feinden, um nur zwei seiner vielfältigen Funktionen, die sich indessen auch die Bionik zu eigen macht, zu nennen. Die gesamte evolutionäre Entwicklung, einhergehend mit dieser verblüffenden Vielfalt an Fähigkeiten und Überlebenstechniken, deutet auf eine Überlegenheit gegenüber dem Menschen hin, angesichts derer man sich mit einem Mal dürftig vorkommen, ja Demut empfinden mag. Wie es etwa im Jahr 1607 der italienische Gelehrte Giovanni Francesco Angelita mit dem Titel seines Aufsatzes „Über die Schnecke, und dass sie ein Vorbild für das menschliche Leben sey“ bestätigt. Aus der Feder der Ich-Erzählerin vernehmen wir: „... die Schnecke verhinderte, dass mein Lebensmut schwand. Wir zwei bildeten eine ganz eigene Gemeinschaft, und das nahm der Isolation die Schärfe.“ An anderer Stelle: „Die Schnecke war mir eine echte Lehrmeisterin gewesen, ihr bescheidenes Dasein hatte mir Kraft gegeben.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!                        Erna R. Fanger

Buchtipp Dezember 2017

 

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com:

Schwarzhumoriger Agentenroman

                                                                                                                                                                                                                                             

Jean Echenoz: „Unsere Frau in Pjöngjang“. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag, München 2017.

Es ist sein wunderbar leichter Erzählstil, der fasziniert und verführt, immer weiter und weiter zu lesen. Jene Leichtigkeit, die Steffen Richter von der ‚Neuen Zürcher Zeitung’ bereits in dem Roman „Laufen“ des französischen Erfolgsautors Jean Echenoz über den tschechischen Langstreckenläufer Emil Zatopek hervorgehoben und treffend auf die Kunst „des intelligenten Weglassens“ zurückgeführt hat. Mit „Unsere Frau in Pjöngjang“ folgt nun ein Geschenk von Echenoz an seine Fans und Freunde des heiteren Agentenromans, der rechtzeitig vor seinem 70. Geburtstag, am 26. Dezember dieses Jahres, erschienen ist. Anlass genug, um sein neuestes Werk vorzustellen.

Der mit Witz erzählte Agentenroman, in drei Teile mit insgesamt zweiundvierzig kurzweiligen Kapiteln gegliedert, erstreckt sich auf 284 Seiten. Dabei handelt es sich um die Geschichte von der attraktiven Constance, die zu Spionagezwecken entführt und schließlich zur Destabilisierung Nordkoreas nach Pjöngjang transportiert wird. Für Nordkorea scheint Constance insofern prädestiniert, als sie einst den „Monsterhit Excessif“ ihres wohlhabenden, ehemals erfolgreichen Schlagerkomponisten und Ex-Mannes Tausk gesungen hat und deshalb in Pjöngjang zum Star geworden ist.

Doch wider alle Erwartungen verläuft die Entführung ohne jede Gewaltanwendung. Vielmehr empfindet Constance, im Gegenteil, eher Zuneigung zu ihren Entführern. Insbesondere zu Paul Objat, der rechten Hand des aus der Ferne agierenden und für sie unbekannt bleibenden Generals und Befehlshabers namens Bourgeaud. Nach ihren mit sanfter Gewalt erzwungenen Aufenthalten in Paris und im Turm eines Windrades auf dem Land wird sie schließlich in Pjöngjang als Geliebte auf Gang Un-ok, einem hochrangigen Funktionär, angesetzt, dem sie so manches Geheimnis entlockt, und mit dem sie am Schluss gar fliehen muss.

Dabei lebt das Ganze wesentlich von der Erwartungshaltung des Lesers, die Echenoz geschickt aufrechtzuerhalten und zu steigern weiß. Bereits  der Titel „Unsere Frau in Pjöngjang“ weist auf ein aktuell brisantes Thema hin und stimmt vor dem Hintergrund der realen Bedrohung von Kim Jong Un, dessen Raketenversuche über Japan hinweg und der damit verbundenen atomaren Gefahr, neugierig. Von der Gegenreaktion des  US-Präsidenten Donald Trump ganz zu schweigen. 

Doch dann flicht Echenoz zunächst ein spannendes Erzählnetz aus verschiedenen Begebenheiten der Akteure, die allesamt miteinander in Verbindung stehen. Die Handlung spielt somit über zwei Teile hinweg in Frankreich, vornehmlich in Paris.

Darin wird u.a. geschildert, wie der Gangster Clément Pognel seine Freundin, die Friseuse Marie-Odiles, umbringt, weil sie von seinen Machenschaften mit Tausk Wind bekommen hat, mit dem er vor dreißig Jahren einen Bankraub beging. Oder wir erfahren von dem Metro-Fahrer Hyacinthe, der erleben muss, wie sich ein gewisser Pélestor vor seinen Augen auf die Schienen legt und überfahren wird. Später soll Hyacinthe mit Tausk zusammen nach Simbabwe beordert werden.  

Erst im dritten und letzten Teil ist überhaupt etwas von Nordkorea und Pjöngjang, von dem politischen System dort, der Landschaft und den Menschen zu erfahren. Packend, mit Tempo und Finesse, wird die Flucht von Gang Un-ok und Constance und ihren Helfern in die endmilitarisierte Zone  zwischen Nord- und Südkorea in Szene gesetzt.   

Von spielerischem Reiz ist, wenn sich Echenoz der Wir-Perspektive bedient. Dabei wendet sich der Erzähler in gewissen Abständen an den Leser, spricht diesen an, womit Echenoz eine Meta-Ebene erzielt, die sich ein Stück weit von der Handlung entfernt, Distanz erzeugt und auf die Machart des Romans anspielt, dem Leser einen Blick hinter die Kulissen gewährend. So zum Beispiel, wenn es heißt, dass „...Gang Un-ok perfekt Französisch [sprach], was uns entgegen kommt, denn es enthebt uns der Notwendigkeit von Dolmetschern, lästigen Nebenfiguren oder gar störenden Zeugen, wir wüssten nicht, wie wir sie danach wieder loswerden sollten“. Oder wenn er ausführt, warum es den Nordkoreaner Pak Dong-bok nicht zu beschreiben lohnt: „Wir werden uns die Mühe ersparen, diesen Pak Dong-bok zu beschreiben: Er wird eine nachgeordnete Rolle spielen und wir haben Besseres zu tun als ...“

Aber auch der Synchronizität bedient sich Echenoz gekonnt als Stilmittel. So etwa, wenn Tausk ausgiebig seine Fingernägel schneidet und pflegt und kurz darauf ein Päckchen, angeblich mit einem Finger von Constance, erhält.

Alles in allem für Leser und Freunde des schwarzen Humors, des Agentenromans, aber auch all diejenigen, die selbst gerne schreiben und sich vielleicht an einem Roman üben, ein wahres Vergnügen. Die Machart auf jeden Fall lehrreich.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hanser Verlag! 

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Siehe auch unseren Buchtipp für Junge Leser

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp

Buchtipp November 2017

 

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com:

Klee oder die Furcht vor der Unbeständigkeit des Glücks

                                                                                                                      

Anna Baar: „Als ob sie träumend gingen“, Wallstein Verlag, Göttingen 2017.

 

Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt,

ist die Vergangenheit festzuhalten.

Walter Benjamin in „Über den Begriff der Geschichte“

– Geschichtsphilosophische Thesen V“    

Der mit Förderpreis ausgezeichnete zweite Roman von Anna Baar erzählt die Geschichte von Klee, einem alten, in einer Nervenheilanstalt im Sterben liegenden Mann, der sein Leben auf Band spricht. Erinnerungsarbeit, aufgegriffen von einem Ich-Erzähler, dem er die Kassetten kurz vor seinem Tod anvertraut. Wer sich hinter diesem verbirgt, bleibt unscharf umrissen, wie fast alles in diesem Roman – ausgenommen die zwischen den Zeilen sich manifestierenden, tiefgründigen Wahrheiten. Der Ich-Erzähler könnte eine Freundin sein, wie es der Art Vorspann zu Beginn nahelegt, aber auch eine Enkelin, wie es der Schluss suggeriert. Dementsprechend handelt das Buch von nichts als Erinnerungen, die über den Helden hereinzubrechen drohen, in Bilderfluten und Gedankensplittern, kreiselnd, wie der Deckenventilator über Klee. In diesem unablässigen Gleißen, das hier die Hintergrundmusik abgibt, wird lineare Zeiterfahrung aufgebrochen. Stattdessen gleiten Gegenwart und Szenen der Vergangenheit, Erinnerungsfetzten, ineinander und spiegeln so ein diffuses Bild der Wahrheit wider, das aber umso näher an sie heranreicht, als in diesem traumsicher poetischen Diskurs herkömmliche Vorstellungen von Wahrheit radikal infrage gestellt und unterlaufen werden. Dies steht in bewährter Tradition erkenntniskritischer Erwägungen, etwa eines Goethe, der in seinen „Materialien zur Geschichte der Farbenlehre“ anmerkt, dass „im Wissen als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann ...“ Diese Aporie löst Goethe auf, indem er die Kunst in den Stand eines Erkenntnisinstruments setzt. Anna Baar wiederum rekurriert in diesem Sinne etwa mit Sätzen wie „Man sagt: ‚Wenn ich mich richtig erinnere’, als ob es ein falsches Erinnern gäbe, als ob nicht im Erinnern immer eine neue Wahrheit entstünde“ auf einen hochgradig poetischen, vor Weisheiten sprudelnden, zugleich musikalisch intonierten Diskurs. Letzteres ist auch in der Präambel mit „K. 618 Wolfgang Amadeus Mozart“ vorgegeben, womit auf das „Ave Verum Corpus“ verwiesen wird, das dem auf Erden Leidenden einen Vorgeschmack des Himmlischen, Trost also, vermitteln sollte und motivisch immer wieder auftaucht. In Anna Baars Roman zugleich Hinweis auf das hohe Einfühlungsvermögen, mit dem sie dem Leser ihre Krisen geschüttelten Figuren und deren existenziellen Nöte buchstäblich ‚ans Herz legt’.

Das Zentrum, um das sich alles dreht, kristallisiert sich von Beginn an heraus: Lily, die Klee im Zuge eines ‚wiederkehrenden Wachtraums’, der ihm immer wieder entgleitet, verfolgt: „Lily und der Mann mit dem Totenkopf am Kragenspiegel.“

Lily, Freundin, später Geliebte von Klee. Lily, die, unfrisiert, nicht wie die anderen Mädchen Zöpfe trägt, die ‚für sich tanzt’, „zu einer anderen Musik, mit einem anderen Gesicht“. Eine Außenseiterin, genau wie Klee selbst. Neben Lily gibt es noch Ida, mit der er verheiratet ist, und ein Kind: „Bei denen hat er gelebt, mehr Anrainer als Mitbewohner ...“ Weshalb Klee stetig auf der Flucht ist, vor sich selbst, vor der Frau, die er eigentlich nicht liebt, und zur See geht.

Wage bleibt auch die Zeit, in der das Ganze spielt, ebenso der Schauplatz – wenn Ortsnamen auftauchen, sind sie fiktiv. Mit Ausnahme AMERIKA, das Glück verheißende Zauberwort, Sehnsuchtsort par excellence. Im Wesentlichen jedoch spielt das Ganze in einem Dorf, in dem die im Sommer vorherrschende Dürre nicht nur die Böden auszutrocknen, sondern auch die Körper, den Geist und die Seelen seiner Bewohner auszuzehren scheint. Und für all das, was der Boden nicht hergibt, die daraus resultierenden Not und Verzweiflung, müssen stoischer Aberglaube und archaische Rituale, Totenbeschwörungen etwa, herhalten. Denn ...

"Stumpf gegen die Not des Vertrauten, schien die Not geratener als der Aufbruch in ein anscheinendes Glück, das seine Versprechungen bestimmt nicht einzulösen vermochte, einen vielleicht in ein neues Unglück stürzte und damit um das Gute brächte, das im Alten war – Einverständnis, Zugehörigkeit und ein fester Platz bei Tisch."

Andeutungen über verschiedene Besatzungen, gegen die Klee erbittert gekämpft hat, lassen erahnen, dass das Ganze in etwa im Gebiet des ehemaligen Jugoslawien – heute Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegovina, Montenegro – angesiedelt ist, die erzählte Zeit die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts widerspiegelt.

Für all die Kämpfe, die Klee auf der Seite der Partisanen ausgefochten hatte, wird er mit allerhand Orden bedacht, ja, selbst ein Denkmal errichtet man ihm „auf dem Heldenplatz des Orts“, auch wenn man es später wieder entfernt. „Wollte man ihm nahe sein, musste man mit in den Krieg ...“

Doch nach und nach holt den im Morphium-Fieber Delirierenden die sich ihm bislang entziehende schmerzliche Erinnerung um Lily ein. Lily, die Frau, der seine Liebe von Jugend an bis in den Tod gegolten hat und die nur ein Mal, in ein paar Stunden, in denen ‚alles beschlossen und allem Warten ein Ende war’, Erfüllung findet. „Wohl riet ihm sein Herz, ihr nachzugehen ...“ Doch die Angst vor einer Abfuhr überwiegt. Und ‚den Verstand für den besseren Ratgeber haltend’, „begann er, was das Herz ihm befahl, als Schwäche zu bereuen“ und ihr auszuweichen. Am Ende offenbart sich ihm „Die Frage ist nicht Wie hast du gekämpft? Sie lautet Wie hast du geliebt? In dieser Hinsicht im Leben tragisch gescheitert, wird er an der Schwelle des Todes von Lily bereits erwartet – „so schritten sie gemeinsam fort, den Blick nach fernen Dingen, und wer sie wie ich sah, dem kam es vor, als ob sie träumend gingen.“

Ein Buch, das man wieder und wieder lesen möchte, sprühend vor Wissen, das tiefer gründet als vermeintliche Wahrheit, die vorgibt, ihr Urteil fällen zu können.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

© Erna R. Fanger

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Wallstein Verlag!

Anna Baar, geb. 1973 in Zagreb (ehem. Jugoslawien).   

Kindheit und Jugend in Wien, Klagenfurt und auf der

dalmatinischen Insel Brac. Studium der Publizistik und

Öffentlichkeitsarbeit an den Universitäten Wien und

Klagenfurt. Ihr Debütroman »Die Farbe des Granatapfels« stand drei Monate auf Platz 1

                                                                          der ORFBestenliste    

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Siehe auch unseren Buchtipp für Junge Leser

und unseren aktuellen Sachbiuchtipp

Zwei Buchtipps im Oktober 2017:

 

- Ulla Hahn "Wir werden erwartet" Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017

David Constantine: "Wie es ist und war", Verlag Antje Kunstmann,

  München 2017:

 

Buchtipp Oktober 2017 Ulla Hahn

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com    

„Ich wollte in der Welt sein, Nicht in den Büchern“

Ulla Hahn: „Wir werden erwartet“, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2017

Nach „Spiel der Zeit“ hier nun mit 629 Seiten der letzte in sich abgeschlossene Teil des ungemein erfolgreichen autobiografischen Roman-Zyklus’ von Ulla Hahn: „Wir werden erwartet“. Schon das erste Werk dieser Reihe, „Das verborgene Wort“, avancierte zum Bestseller und erhielt 2002 den Deutschen Buchpreis.

Wie schon bei seinen Vorgängern handelt es sich auch bei „Wir werden erwartet“ um einen Entwicklungs- und Bildungsroman. Im Zentrum Protagonistin Hilla Palm – ‚Mädchen aus dem Rheinland und aus einfachen Verhältnissen’, das sich der ‚Arbeiterklasse’ zugehörig fühlt und in die DKP eintritt. Entscheidende Stationen ihres Lebens sowie jede Menge Zeitgeschichte bilden die Schwerpunkte. Und so mancher mag darin Teile seines eigenen Werdegangs wiedererkennen, der politischen Verhältnisse, des Ambientes einer Universität oder das einer so Großstadt wie Köln oder Hamburg. Dabei verfügt der Roman über einen enormen Fundus an kleinen und großen Details, die das Ganze plastisch und facettenreich in Erscheinung treten lassen. Zum Beispiel, wenn von dem Schrecken des Krieges in Vietnam oder von der ersten Mondlandung mit Apollo 11 die Rede ist und zumindest der Fußabdruck auf dem Erdtrabanten infrage gestellt wird. Darüber hinaus kulturelle Ereignisse wie Woodstock, die Protestsongs von Bob Dylan oder Joan Baez, die Beatles mit Liedern wie „Let it be“ oder Simon and Garfunkel mit „Bridge over Troubled Water“. Im Jahr 1971 die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt. Später dann die Thematisierung der mörderischen Baader-Meinhof-Gruppe, die ab 1970 die Medien beschäftigte. Nicht zuletzt die Verleihung des Friedennobelpreises an Willy Brandt im Jahre 1971.

 

Die Beschreibung der wie Pilze aus dem Boden schießenden Wohngemeinschaften, Hippie- oder K-Gruppen ergänzen das Bild. Von den Forderungen nach Freier Liebe, der Einführung von Mao Zedongs Lieblingsfrucht, der Mao Mango, ganz zu schweigen. Und nicht zu vergessen: die für die Zeit unabdingbaren Lektüren, wie „Das kommunistische Manifest“ von Marx und Engels, „Ein Zimmer für, sich allein“ von Virgina Woolf, Pablo Nerudas „Canto General“ oder „Die Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiß – um nur die gängigsten hier aufzuführen. Doch auch die Darstellung des universitären Betriebs der Hamburger Uni mit ihrem Philosophenturm, den Geisteswissenschaften, insbesondere  des Germanistischen Seminars mit seinen Professoren ist lesenswert. Die dort und in linksliberalen Arbeitskreisen behandelten Themen, wie etwa das Werk Heinrich Heines oder die Auseinandersetzung mit der Arbeiter- und Befreiungsliteratur.

 

Bezeichnenderweise beginnt der in drei Abschnitte aufgeteilte Roman „Wir werden erwartet“ mit „Der Tod“, gefolgt von „Der Kampf“ und schließlich „Das Fest“. Ist es doch zugleich auch die Geschichte eines gravierenden Verlusts, der Trauerarbeit erfordert. Dementsprechend wird am Anfang viel gestorben. Einschneidend die Erfahrung, als Hugo, der enge Lebensgefährte Hilla Palms, überraschend durch einen Autounfall ums Leben kommt. Verzweiflung und Trauer beherrschen viele Seiten. Hinzu kommt der Tod von Kommilitonin und Kollegin Annegret, der Tod des ersten Mannes ihrer Mutter und weiterer Personen aus dem Umfeld. Dabei gelingt es Ulla Hahn, den Leser mitten ins Geschehen zu ziehen. Und dies mit leichter Hand und einer Fülle an Zeit- und Lokalkolorit, Witz und Charme, immer wieder eingebettet in rheinischen Dialekt. Nur so, Beruhigungspillen und Therapie inbegriffen, ist es der Protagonistin offenbar möglich, die Zeit der Trauer, zweitweise auch vermischt mit Hass auf Gott und die Welt, durchzustehen, was die Autorin so eindringlich wie authentisch vor Augen führt.

Nicht unerwähnt bleiben darf die poetische Sprache Ulla Hahns, die daran erinnern mag, dass sie ihre schriftstellerische Laufbahn als Lyrikerin begonnen hat. In den Vordergrund tritt dies vornehmlich in den Natur- oder Landschaftsbeschreibungen:

In sich logische Konsequenz dementsprechend scheint, wenn zu Beginn des zweiten Teils „Der Kampf“ in Hamburg das Gedicht als solches sowohl theoretisch als auch praktisch an Einfluss gewinnt. So erfährt zum Beispiel ein Gedicht von August Graf von Platen eine Umdichtung; gefolgt von einer Hommage in Form eines Gedichts an Gertrud Kolmar, oder wenn die Protagonistin Überlegungen anstellt, inwieweit die ‚Basis eines Gedichtes anstatt der ‚Mühen der Arbeit’ eher die ‚Freude’ daran sein sollte. Ihre Könnerschaft auf dem Gebiet stellt die Protagonistin dann mit den Gedichten „Fest auf der Alster“, „Schreibübung“ oder „Spazierfahrt in norddeutscher Landschaft“ unter Beweis.

„Der Kampf“ zeigt aber auch die unermüdliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dessen Verbrechen an der Menschheit, hebt den Einsatz Einzelner im Widerstand hervor, die verhaftet, gefoltert und im KZ einen vorzeitigen Tod erlitten hatten. Darüber hinaus den Einsatz linker Gruppierungen und Organisationen im „Kampf für eine bessere Gesellschaft“  bis hin zur Wiedervereinigung 1989. Schließlich den Bruch der ‚Genossin Palm’ mit DKP und Systemmach dem desillusionierenden Besuch in der ehemaligen DDR und als Konsequenz der Ausbürgerung Wolf Biermanns im Jahr 1976. In ihrer Funktion als Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes hatte Hilla Palm dagegen protestiert.  

Dem Leser jedenfalls wird mit „Wir werden erwartet“ ein Stück vitaler Zeitgeschichte der Bundesrepublik aus der Sicht einer politisch engagierten jungen Frau, Lyrikerin und Schriftstellerin, aus dem Arbeitermilieu stammend, geboten!

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

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Buchtipp Oktober 2017 

- David Constantine 

 

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

„Wo die Seele wohnt, der Geist...

                                                                                                                                                                                                                                             

David Constantine: „Wie es ist und war. Erzählungen“, Verlag Antje Kunstmann, München 2017. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.

 

Den preisgekrönten britischen Autor, Dichter und Übersetzer David Constantine, geb. 1944, mit seinem Erzählwerk dem deutschen Publikum zugängig zu machen und damit eine Stimme jenseits des Mainstreams zu Gehör zu bringen, die aufhorchen lässt, ist das Verdienst des Verlags Antje Kunstmann und zweifelsohne ein Gewinn für die deutsche Leserschaft! Ganz abgesehen von der ästhetischen Aufmachung des Buches: ganz in Leinen gebunden, die Innenseiten, schlägt man es auf, im Design der Milchstraße, blau mit weiß blinkenden Sternen, Lesebändchen, die Seitenzahlen als Graphik arrangiert und mit dem Titel der jeweiligen Story versehen. Gut lesbarer Satz und Druck. Das Gebot der Stunde: Das gedruckte Buch, will es seinen Stellenwert behaupten, ist mehr als ein Buch, nämlich für sich genommen schon ein kleines Kunstwerk.

"Wo die Seele wohnt, der Geist..."bezeichnet präzise die Schnittstelle, um die die in besagtem Band versammelten 17 Short Storys nahezu ausschließlich kreisen – Destillat aus 20 Jahren. Vom Umfang her mit Ausnahme der über doppelt so langen Erzählung „Eine Insel“. Constantine erweist sich darin als Meister der Ellipse, der Verknappung: kein Wort zu viel, nicht selten verrätselt, sich Bedeutungszuschreibungen eher entziehend, als diese sich vielmehr zwischen den Zeilen erschließen lassen. Sprachkunstwerke: komplex, von betörender Vielfalt und mitreißender, dabei stets ergreifender Dynamik, aber auch martialischer Energie. Letzteres trifft etwa auf „Bock“ zu, einer Aussteigergeschichte. Bock, der lebensgierige und zugleich des bürgerlichen Daseins überdrüssige, schreibende Underdog, der sich in dem vor dem Abriss stehenden, dem Zerfall preisgegebenen ehemaligen Schulgebäude, „Rachen eines höllischen Paradieses“, verschanzt hat. Von Fay, Art Streetworkerin, wird er mit dem Nötigsten versorgt. Es ist Weihnachten und diesmal wird sie von dem gleichwohl ausgestiegenen Ex-Chorherrn begleitet. Höhepunkt ist die unbeabsichtigte Weihnachtsfeier, wo Fay, nachdem ein Flachmann mehrmals die Runde gemacht hatte, zur Flöte greift und zu spielen beginnt: „Töne, aufsteigend wie eine Frage, wie der Ruf eines Vogels, bittend, lockend“, denen der Chorherr und Bock im Nu erliegen: Ersterer „kam in Fahrt ... er warf den Kopf in den Nacken und stampfte und jodelte. Jetzt gab er das Tempo vor, und der klatschende Bock und die flötende Fay mussten mit ihm Schritt halten ...“

In dieser wie in fast allen der hier vorliegenden Storys ist es der Dialog, der maßgeblich Ambiente und Figuren plastisch in Erscheinung treten lässt, ohne graphisch als solcher kenntlich gemacht zu werden. Den Leser zwingt dies,genauer hinzusehen, weil sich ihm sonst leicht die Identität des Sprechers verweigert. So etwa auch in „Gedenken“, wo zwei ehemalige Studenten nach einer Gedenkfeier für Caradoc, den verstorbenen Universitätsprofessor, ihre Erinnerungen austauschen und es zum Schluss heißt: „An manchen Tagen denke ich, es gab nur ihn. An anderen denke ich, dass er mir die Fülle gezeigt hat und dass es an mir ist, sie zu erfassen, sie zu ertragen und zu sagen, wie es war und ist“ – was dann auch den Titel des Bandes inspiriert hat. Und während es zu Beginn von Caradoc heißt, dass ‚die Kollegen ihn nie besonders gemocht, er nur wenig veröffentlicht hätte’, hat er sich bei seinen Studenten umso größerer Beliebtheit erfreut. Caradoc, der im Milieu des britischen Colleges, wo er lehrte, offenbar wie ‚ein vom Himmel heruntergestiegener Gott, der sich jetzt durchs Leben schlagen müsse’ wirkte. Ganz im Gegensatz, wenn man ihn in Italien erlebte, wo er sich der Sinnlichkeit kulinarischer Genüsse und der Kunst hingab. Nach und nach enthüllen sich einzelne Facetten des Protagonisten allein im Rahmen des Dialogs zwischen den beiden ehemaligen Studenten, der jedoch immer wieder in eine Art Inneren Monolog mündet. Fragmentarisch, in Gedanken, Assoziationen und Erinnerungsfetzen zeichnet sich ein so differenziertes wie ambivalentes, nie jedoch greifbares Bild Caradocs ab. Selbstlos kümmerte er sich um seine Studenten, die, Traumtänzern gleich gezeichnet, am Abgrund lavierten, stets in Begriff zu straucheln, im Irrenhaus landeten oder kurz vor dem Suizid standen. Und erst jetzt, wo er tot ist, erschließt sich seinem ehemaligen Schüler: „Es war der Rausch des Lernens. Es war ein Pfingstwunder des Lernens, das meinen Körper und meine Seele mit überwältigender Kraft durchströmte.“ All dies mag eine Ahnung davon vermitteln, wie wirkmächtig Erinnerungen sind, und dass wir mit dem, was wir tun oder verweigern zu tun, unabdingbar Spuren hinterlassen.

Um die Wirkmacht der Erinnerung geht es auch in „In einem anderen Land“. Hier wird der Leser in den Alltag eines betagten Ehepaars hineingezogen. Man lebt von und in Ritualen. Dienstags geht Mrs. Mercer in den Club, Mittwoch ist Büchereitag, wo Mr Mercer sie beide mit Lesestoff versorgt. Ein wohl geordnetes Leben, in das mit einem Brief der Furor der Vergangenheit bricht, als Mr. Mercer darin erfährt, dass seine einstige Jugendliebe, die vor 60 Jahren auf der Flucht vor den Nazis in der Schweiz in einen Abgrund gestürzt und seitdem verschollen war, gefunden und wieder ausgegraben wurde, unversehrt, er ihr nächster Verwandter sei. Mit ungeahnter Wucht kehrt bis ins kleinste Detail die Vergangenheit zurück: „Die Erinnerung an die Wärme ihres Körpers und die schönen Stunden (...) lebt wieder auf in ihm, einem alten Mann, dessen Ende nicht mehr fern ist, und füllt ihn bis in den letzten Winkel aus ...“ Unerbittlich vollzieht sich zunehmend die Bestürzung, treibt den alten Mann, der keinen Schlaf mehr findet, um. Und nicht von ungefähr ist die aus der Versenkung wieder erstandene Tote, Katja – von jetzt unumstößlicher Präsenz –, die einzige Figur, deren Vorname der Leser erfährt. Indessen Mr und Mrs. Mercer ‚sich voneinander entfernten’, während der alte Mann unablässig ‚durch die Jahrzehnte zurückstürzte’. Die Story diente übrigens als Grundlage für den Erfolgsfilm „45 Jahre“ (2015) unter der Regie von Andrew Haigh, mit Charlotte Rampling und und Tom Courtenay in den Hauptrollen.

Bar jedes sozialkritischen Impetus’, treten in diesen Storys die sozialen Abgründe, an denen die Protagonisten in zunehmender Bedrängnis entlang lavieren, umso eindringlicher als die Kehrseite augenscheinlich bürgerlicher Wohlgeordnetheit in Erscheinung.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Antje Kunstmann!

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Buchtipp September 2017

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com 

 

 

„Wenn einer in die Berge geht, dann weil man ihn im Tal nicht in Frieden lässt“

 

Paolo Cognetti: „Acht Berge“, Deutsche Verlags-Anstalt DVA, München 2017. Aus  dem Italienischen von Christiane Burkhardt. Erscheinungstermin 11.September!

 

Es ist das Bodenständige, die Naturverbundenheit, was bei Cognetti in einfachen, klaren Worten zur Sprache kommt. In Italien zum Bestseller avanciert, gemahnt der Roman „Acht Berge“ mit seinem elliptischen Stil durchaus an die Lakonie und Knappheit eines Ernest Hemingway. Und es ist gewiss kein Zufall, wenn es an einer Stelle „Währenddessen bildeten die Berge die Hintergrundkulisse für mein ‚Fest fürs Leben’“ heißt. Der Kontrast zwischen dem Leben in einer Großstadt wie Mailand oder Turin und dem Leben in den Bergen ist nur ein Aspekt. Den Schwerpunkt bildet die Freundschaft, die den Protagonisten Pietro seit Kindheitstagen mit Bruno verbindet. Mit ihm hat er einst ein Steinhaus auf dem Grund seines Vaters errichtet. Auf die Spuren des Vaters begibt er sich, erklimmt so manchen Gipfel, den dieser einst bewältigte. Hat er von ihm doch die Liebe zur Gebirgswelt ererbt und als Kind mit ihm die ersten alpinen Erfahrungen gemacht. Von der Höhenkrankheit bis hin zur Überquerung einer Gletscherspalte. Fern ab der Zivilisation, die immer wieder ‚rasch abgestreift’ wird. Eine Welt mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und von spezifischer historischer Dimension. Gefilde, zu denen ein Städter nur bedingt Zugang findet. Wer weiß schon, dass der Winter in den Bergen bereits im August beginnt, ‚der Gletscher das Gedächtnis der vergangenen Winter’ sei, ‚das Wasser dort von vor hundert Jahren kommen könne’. Wer kennt den Facettenreichtum in diesen oft entlegenen Regionen, wenn etwa die Mutter des Protagonisten bekennt, „...dass in den Bergen jeder eine andere Lieblingshöhenlage hat: eine Landschaft, die ihm entspricht und in der er sich heimisch fühlt“. So bevorzugt sie selbst ‚die Mittellage mit Fichten- und Lärchenwald, in dessen Schatten Heidelbeeren, Wacholder und Rhododendron gedeihen’; Pietro hingegen ‚fühlt sich mehr zu der daran schließenden Höhenlage hingezogen, zu den Almwiesen, Wildbächen, Hochmooren, Krautpflanzen und Weidetieren.’ Mit zunehmender Höhe wiederum kann man auf ‚Geröllfelder, Felszacken, Schotterrinnen und zerklüftete Kämme’ stoßen, der ‚Ruine einer riesigen, von Kanonendonner zerstörten Festung’ gleichend.

Doch nicht nur die Kulisse einer grandiosen Gebirgslandschaft zieht in den Bann, sondern auch die sich vor diesem Hintergrund ereignenden, so tragischen wie dramatischen Geschichten. So etwa die des Onkels, der bei einem Lawinenunglück stirbt, wofür wiederum Pietros Vater verantwortlich gemacht wird, obwohl ihn keine Schuld trifft. Darüber hinaus kommt das Fernweh des Protagonisten zum Tragen, Pietros Reisen zum Himalaja, von denen er tibetische Gebetsfahnen zurück in die Alpen bringt. In diesem Sinne beruht auch der Titel „Acht Berge“ auf der nepalesischen Vorstellung von der Welt. Der höchste Berg Sumeru im Himalaja, umgeben von weiteren acht Bergen sowie acht Seen, gilt der Legende zufolge zugleich als Zentrum der Welt. Wobei die Tibeter davon ausgehen, dass derjenige, der den Sumeru besteigt, daraus ebenso viel Erkenntnisgewinn zu ziehen vermag wie derjenige, der alle acht Berge vor Augen hat, wenn er diese Gegend bereist. Ein Gleichnis, wie sich am Ende herausstellen soll. Denn Bruno ist derjenige, der dem einen Berg treu bleibt, Pietro hingegen bereist die Welt, sieht die anderen acht Berge. Der gemeinsame Mittelpunkt jedoch ist die heimische Gebirgswelt der Alpen mit dem selbsterrichteten Haus. Dorthin zieht es Pietro immer wieder zurück, auch dann, als Bruno längst mit Lara eine Familie gegründet hat, die kleine Anita geboren ist.

Es ist ein in seiner Schlichtheit und Einfachheit großer Roman, der all das mitbringt, was sich in die Weltliteratur einzuschreiben vermag. Vergleichbar etwa in seiner existentiellen Dimension mit Robert Seetalers „Ein ganzes Leben“. Ein Roman, der in Erinnerung bleibt, bereits verfilmt und in über 30 Sprachen übersetzt wird. In Italien hat er sich unmittelbar nach Erscheinen 70.000 Mal verkauft und den renommierten Literaturpreis Premio Stega erhalten.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!            

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt  DVA

 

                                   

      Paolo Cognetti   

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Buchtipp August 2017

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

Lasst uns pflanzen und fröhlich sein, denn

im nächsten Herbst sind wir vielleicht alle ruiniert.

Vita Sackville-West (1892-1962)

„Liebe auf den ersten Blick“

                                                                                                                                                                                                                                             

“Sissinghurst. Portrait eines Gartens. Vita Sackville-West & Harold Nicolson“. Zusammengestellt von Julia Bachstein. Aus dem Englischen von Susanne Lange. Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt 1997, 2017.

Die Sehnsucht des Menschen nach dem Garten Eden mag sich nicht zuletzt in der Kunst des Gartenbaus manifestieren. Einen Höhenpunkt darin markiert der Garten von Sissinghurst Castle, Grafschaft Kent, unweit von Canterbury, 1930 erworben von Vita Sackville-West und ihrem Mann Harold Nicolson. Doch bevor an das Anlegen des Gartens auch nur zu denken war, galt es, Unmengen von Schutt zu beseitigen. Es würde sie einen harten Kampf kosten. 20 Jahre nach der ersten Besichtigung des Anwesens mit einer ‚Unmenge alter Bettgestelle, Pflugscharen, alter Kohlstrünke, Drahtknäuel und Bergen von Sardinenbüchsen’ heißt es aus der Feder von Vita Sackville-West: „Doch als ich den Ort an einem Frühlingstag des Jahres 1930 zum ersten Mal sah, entflammte er augenblicklich mein Herz und meine Fantasie. Ich habe mich auf den ersten Blick in ihn verliebt.“

Der kleine Band mit attraktivem Cover – Foto des Anwesens hinter einer Hecke, im Vordergrund eine weiße Jugendstil-Gartenbank mit darauf zuführender Treppe – ist das exklusive Zeugnis einer leidenschaftlichen Liebe zu dem Anwesen, von dem Harold Nicolson die Architektur anlegte, während Vita Sackville-West sich um die Bepflanzung kümmerte. In dem besonderen Paar verbindet sich mit dem Betreiben dieses ihres Lebensprojekts gleichermaßen ihr literarisches Talent, das es ihnen, unter prekären finanziellen Verhältnissen, immer wieder ermöglichte, das Ganze zu finanzieren. Häufig voneinander getrennt, dokumentieren hauptsächlich Tagebucheintragungen und  Briefe die Gestaltung des Gartens, der bis zum heutigen Tag noch immer weltweit Anziehungspunkt und Touristenattraktion bildet:

Natürlich wissen wir sehr wohl, daß diese Unsicherheit besser für uns ist als fade, wagnisfreie Sicherheit. Nach dem Essen haben wir uns mit der Vorderfront von Sissinghurst beschäftigt. Wir haben beschlossen, rechts und links der beiden Giebel Linden zu pflanzen, die den Torbogen einrahmen und sich der Pappelallee quer über die Felder anschließen. Das ist unser Leben. Arbeit, Unsicherheit und große finanzielle Vorhaben. Und, liegen wir falsch? Bei Gott! Wir liegen richtig.« (Harold Nicolson, Tagebuch 6. März 1932)

Zugleich handelt dieses Büchlein von der  so freizügigen wie innigen Beziehung zwischen Vita Sackville West und Harold Nicolson, die immer auch anderweitig gleichgeschlechtliche Affären unterhielten, daraus keinen Hehl machten, was die tiefe, liebevolle Bindung zueinander jedoch nie geschmälert hat.* Das mag den Gedanken einer Rückkehr zum Garten Eden, vor dem Sündenfall, nahelegen, womit sich der Kreis schließt. *Nigel Nicolson: „Portrait einer Ehe“. München 1974.

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Den Buchtipp für Augusti zum Herunterladen im Archiv!

Buchtipp Juli 2017

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

 „Louieschen meinchen...“                                                                                                                                                                                                                                           

Astrid Lindgren Louise Hartung: „Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft“. Ausgewählt und herausgegeben von Jens Andersen und Jette Glargaard. Aus dem Schwedischen, Dänischen und Englischen von Angelika Kutsch, Ursel Allenstein und Brigitte Jakobeit, mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel. Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016.

Mehr als 600 Briefe in einem Zeitraum von elf Jahren gingen zwischen diesen beiden außergewöhnlichen Frauen hin und her: vom ersten Zusammentreffen im Oktober 1953 anlässlich einer Lesereise Lindgrens nach Berlin bis zum Tod Hartungs im Febuar 1965. Astrid Lindgren stand gerade am Beginn ihrer Karriere, als sie die Fotografin und einstige Sängerin im Umkreis von Bert Brecht und dem Duo Kurt Weill und Lotte Lenya, Louise Hartung, kennenlernte. Ihre Karriere musste Hartung im Zuge der Hitler-Diktatur an den Nagel hängen. Indessen operierte sie im Nachkriegsdeutschland als Art Kulturbotschafterin und Bildungsexpertin. Einer Funktion, in der sie sich entschieden für die Verbreitung von Lindgrens Werk in deutschen Schulen und Bibliotheken, und zwar gegen den Widerstand manch konservativer Stimme, einsetzte. Erkannte sie darin doch das Gegenmittel zu einer ideologisch noch ganz der Nazidiktatur verhafteten Nachkriegsgesellschaft. Das liebevoll mit Lesebändchen, Fotos und Abbildungen von Zeitdokumenten ausgestatte Buch im teils mehrfarbigen Druck gewährt dabei einen facettenreichen Einblick in den Wiederaufbau des kulturellen Lebens in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, zugleich aber auch in die Suche nach adäquaten Antworten auf die Fragen, die das Leben an uns stellt, und im Zuge dessen in manch weise Einsicht, hier aus einem Brief Lindgrens an Hartung: 

"Du hast recht, man muss sich im Leben selbst helfen – viele Menschen verstehen das nicht, sie glauben, das Leben sei so eingerichtet, dass  j e m a n d  eingreifen und einem helfen muss, wenn man in äußerster Not ist –, aber so ist das Leben nicht eingerichtet. Letzten Endes ist jeder Mensch ein kleines einsames Wesen, ohne die Möglichkeit, sich an einen anderen anzulehnen".

Weit mehr aber haben wir Anteil am stetigen Ringen um Nähe und Distanz der beiden Frauen, von denen uns hier nicht nur, wie der Titel suggeriert, „Briefe einer Freundschaft“ vorliegen, sondern seitens Louise Hartungs zugleich das Dokument einer leidenschaftlichen Liebe. Und wie in jedem Liebes-Arrangement gibt es auch hier den Part desjenigen, der sich darin verströmt und verzehrt, wie desjenigen, der, einem solchen Ansturm nicht gewachsen, zurückweicht. In ihrem so einfühlsamen wie kenntnisreichen Nachwort liefert Antje Rávic Strubel eine brillante Analyse dieser schicksalhaften Liaison und bringt uns Louise Hartung als schutzlos sich einer Art Wertheriade Hingebende nahe. Ganz gemäß ihrem eigenen Motto: „Wir brauchen in der Welt viel mehr »Abenteurer der Hingabe«, sonst ersticken wir an der Geschäftemacherei und der Bürokratie“. Einer Liebe, die allerdings in der Unbedingtheit, wie von Hartung vorgegeben, unerfüllt bleiben wird und das gemeinsame Glück, ob der Unmöglichkeit einer gemeinsamen Perspektive, zusehends überschattet. Zugleich jedoch verdankt sich diesem Briefwechsel laut Struwel Louise Hartung als die Entdeckung.

Andererseits mochte sie die tragische Konstellation zu höchster literarischer Eloquenz inspiriert haben. Von sprühender Intelligenz, voll hellsichtiger Lebensklugheit und immer wieder purer Lebensfreude, in quicklebendiger Bildersprache, ihre Briefe an Lindgren:

Zauberin! – Wie kann ein einziger Brief einen Menschen so froh machen! Erst heute habe ich begriffen, dass Sie anscheinend keine Änderung Ihrer Pläne mehr beabsichtigen, plötzlich sprang diese eingekapselte Freude so hell und lodernd hoch, dass ich fast nicht begreifen kann, wie der Gedanke an einen anderen Menschen eine so reine Freude bringen kann. Musik und Blumen, ja, aber den Menschen ist es kaum gegeben, ungetrübte Freuden zu bringen. Und doch befinde ich mich in reinem C-Dur!

Voller Enthusiasmus lässt sie den Leser an jedem neuen Buch von Lindgren teilhaben. Ebenso an ihrer ansteckenden Begeisterungsfähigkeit für den sinnlichen Genuss, der nach den Entbehrungen in Krieg und Nachkriegszeit umso stärkere Leuchtkraft besitzen mochte: sei es Kunst oder Musik, Naturschönheit und Blumen, Blumen und immer wieder Blumen. Zahllos die Danksagungen Lindgrens über Jahre hinweg: „Wie kann ich Ihnen nur für alles danken, die Blumen ...“  „In einer Vase stehen einige kleine Rosenknospen, sie blühen nicht auf, aber sie verwelken auch nicht. Die letzten Rosen aus dem Louise-Garten. Danke!“

Aber auch ein leckeres Essen oder einen guten Wein wusste sie zu schätzen und Lindgren nahezubringen: „... oder wir fahren an den Bodensee und essen Felchen, frisch aus dem See mit dem unbeschreiblichen Wein dazu, den es nur am Bodensee gibt ...“

Was sie darüber hinaus über all die Jahre hinweg zusammengeschweißt hat, ist ihr brennender Einsatz für das kulturelle Leben. Seitens Lindgrens in ihrer Funktion als Schriftstellerin auf dem Weg zu Weltruhm, seitens Hartungs als Art Kultur-Attaché. So waren Auseinandersetzungen über damit einhergehende Ereignisse in ihrem Briefwechsel immer wieder Thema. So etwa Hartungs Empörung über einen von Bayern gestellten Antrag, „Wendekreis des Krebses“ von Henry Miller als jugendgefährdend einzustufen. Sie hält das Buch für „Kunst“ und ein Verbot für verfassungswidrig. Lindgren hingegen, offenbar kein Fan von Henry Miller, hält sich bedeckt, spricht sich aber gegen die Befürchtungen der Moralisten aus, dass Jugendliche durch solche Literatur sexuell stimuliert würden – was solle daran falsch sein.

„Astrid – merkwürdig, dass man kalte Füße haben kann, während der Himmel blau ist und die Luft heiß und das Wasser warm ...“ heißt es in einem der letzten Briefe Hartungs und mutet wie ein Vorzeichen an. Noch einmal erlebten Lindgren und Hartung, gemeinsam mit deren Lebensgefährtin Gertraud Lemke, zehn Tage lang im neu erworbenen Haus Hartungs auf Ibiza eine Zeit der Idylle, obschon überschattet durch deren schlechten Gesundheitszustand. Ein letztes Mal besucht Lindgren sie am 21. Dezember 1965 im Krankenhaus. Am 24. Februar stirbt Louise Hartung in der Obhut Gertraud Lemkes, die sie gegen den Willen der Ärzte zu sich nachhause holte – zu früh: „... da ist noch vieles andere, was ich auch noch gerne getan hätte, wenn die  Tage doch länger wären. Und das alles ohne Sinn und Zweck, nur aus Freude.“

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Ullstein Verlag.

Den Buchtipp für Juli zum Herunterladen im Archiv!

Siehe auch unser Archiv: Dateien zum Herunterladen  Buchtipp für Junge Leser vom Mai 2014: Astrid Lindgren, „Mio, mein Mio“, vom Mai 2017: Astrid Lindgren, „Karlsson vom Dach“.

 

Buchtipp Juni 2017

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Sensationeller Fund und demokratisches Gedächtnis

                                                                                                                                                                                                                                             

Walt Whitman: „Jack Engles Leben und Werk“, Manesse Verlag, Zürich 2017. Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli mit einem Nachwort von Wieland Freund.

Eine Sensation auf dem literarischen Büchermarkt! In akribisch philologischer Kleinarbeit gelang es dem Whitman-Forscher Zachary Turpin 2016 den einst anonymen Autor des Romans „Life and Adventures of Jack Engle“ ausfindig zu machen: kein Geringerer als der US-amerikanische Dichter Walt Whitman, mit seinem Lyrik-Band „Grashalme“ schon zu Lebzeiten in die Welt-Literatur eingegangen. Erschienen als Fortsetzungsroman im New Yorker „Sunday Dispatch“ zwischen 14. März und 18. April 1852, liegen nun, nach sage und schreibe 165 Jahren, neben der amerikanischen, gleich zwei deutsche Fassungen vor. Eine dritte ist in Arbeit! Wir begnügen uns hier mit der gekonnten Übertragung so arrivierter Übersetzerinnen wie Renate Orth-Guttmann und Irma Wehrli im gleichfalls renommierten Manesse Verlag samt aufschlussreichem Anmerkungsteil und einem so umfangreichen wie fundierten Nachwort von Wieland Freund.

Der Autor Walt Whitman (1819-1885) ist auch in Deutschland kein Unbekannter. Neben den oben bereits erwähnten ‚Grashalmen’ wird sich so mancher an den Spielfilm „Der Club der toten Dichter“ aus dem Jahre 1989 erinnern, wo der von Robin Williams verkörperte, von allen geliebte Lehrer John Keating von seinen Internatsschülern mit Versen aus einem Gedicht Whitmans angesprochen wird: „Oh Captain, my Captain“, womit zugleich ein Bezug zu dem ermordeten US-Präsidenten Abraham Lincoln hergestellt wird.

Der Fortsetzungsroman „Jack Engles Leben und Abenteuer’ liest sich mit seinen 22 Kapiteln auf 157 Seiten nahezu wie eine gelungene Auftragsarbeit für eben jene Zeitung “Sunday Dispatch“. Auch wenn die Ausdrucksweise eines im 19. Jahrhundert lebenden Autors in New York zugegebenermaßen nicht selten gewöhnungsbedürftig scheint. Doch jeder, der Klassiker liebt, wird darüber hinwegsehen können. Man denke nur an Schriftsteller wie Edgar Allen Poe und Mark Twain oder den Briten Charles Dickens. Letzterer hatte auf Whitman offenkundig keinen geringen Einfluss. Wieland Freund macht in seinem Nachwort deutlich, dass sich „Thema, Motive, Stil, Handlungsführung und der alles zugrunde liegende Sentimentalismus ganz dem Londoner Großmeister verdankt“. Dementsprechend ist auch der Held des Romans, wie bei Dickens, ein Waisenkind, das es in die Großstadt zieht. Bei dem englischen Vorbild ist es London, bei Whitman New York. In beiden Fällen wiederum treibt ein krimineller Anwalt sein Unwesen. Bei Whitman der skrupellose Covert, der hinter der Erbschaft jener jungen Frau namens Martha her ist, die mit dem  Protagonisten auf schicksalhafte Weise verbunden ist.

 Herausragend die plastische Figurenzeichnung. Sei es der Milchmann und Ziehvater des Protagonisten, Ephraim Foster, der ihn in jeder Hinsicht fördert, dessen Frau Violet, die der Ich-Erzähler Jack Engle nie vergessen wird. Sei es die ‚Prachtfrau’ und spanische Tänzerin Inez, in die er sich verliebt, oder der hinterhältige Covert. Von besagter Martha ganz schweigen, die den Kontakt zu Jack Engle mit einem Brief eröffnet.

Mit zahlreichen Tricks versteht es Whitman außerdem, seine Leser von Fortsetzung zu Fortsetzung bei der Stange zu halten. So brennt der Leser am Schluss jeder Folge darauf, wie es wohl weitergeht:  Erfüllt sich Jack Engles Liebe zu Inez? Wird er es schaffen, Martha zu helfen und in der bürgerlichen Welt sesshaft zu werden? Oder steht vielmehr zu befürchten, dass der Anwalt mit den hinterlistigen Machenschaften seine dunklen Ziele erreicht? Vor allem aber ist es das Geheimnis um den Namen des Helden Jack Engle, das es über viele der obschon kurzen Kapitel hinweg zu enträtseln gilt.

Bezeichnend nicht zuletzt die Faszination, die eine Großstadt wie New York mit ihren demokratischen Grundstrukturen auf den Helden ausübt. Selbst auf dem Friedhof der Trinity Church atmet Jack Engle den Geist der Freiheit, wenn er allein anhand der Grabsteininschriften entsprechende Geschichten von den Verstorbenen erzählt. So etwa von Edward Marshall und dessen Vorstellung von einer „Nation freier Bürger“ und ‚guter Regierungsführung’, von Alexander Hamilton als Patriot von unbestechlicher Rechtschaffenheit, zugleich ‚Staatsmann von vollendeter Weisheit’, oder von James Lawrence in der US-Navy. Vorbilder des Protagonisten, denen allesamt der lebende und in die Politik strebende Anwalt Covert menschlich wie ethisch nicht das Wasser reichen kann.

Amerika war zur Zeit des Romans bereits ein Einwandererland. Bei Jack Engle wird dies schon allein anhand  der Nebenfiguren deutlich, die etwa aus Irland oder Spanien kommen. Insofern könnte das Ganze tatsächlich als ‚Gegenentwurf zur aktuellen Lage Amerikas’ zu lesen sein, wie es treffend bei der Rheinischen Post „RP Online“ heißt und es einmal mehr an Brisanz nicht fehlen lässt. Figuren unterschiedlicher Konfession und Herkunft tun sich zusammen, empfinden Mitgefühl angesichts der prekären Lage der Waisenkinder. Insofern handelt sich bei dem literarischen Fund auch um eine demokratische Sensation. Zugleich Stimme aus dem Off, daran gemahnend, dass Amerika nicht nur immer schon Einwanderungsland war, sondern auch ein Staat mit demokratischer Tradition und ebenso demokratischen Werten. Alles andere als das, was der derzeit amtierende US-Präsident und New Yorker Bürger Donald Trump repräsentiert.

Dementsprechend gefeiert wird das Werk in namhaften Zeitungen und Radiomagazinen: »Eine Liebeserklärung des New Yorkers Whitman an seine Stadt«, heißt es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ). »Dieser bezaubernde und auch ergreifende kleine Roman ist gerade jetzt in unseren oft so engköpfigen Zeiten eine sehr zu empfehlende Lektüre«, verlautbart Gabriele Arnim in „Deutschlandfunk Kultur“. »Eine Hommage an das multikulturelle Amerika, in dem jeder seine Chance auf eine bessere Zukunft bekommt, unabhängig von Herkunft, Stand oder Rasse«, bekennt Theresa Hübner im WDR.

 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Manesse Verlag.

 

 

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Buchtipp des Monats Mai 2017

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Vier Variationen eines Lebens

Paul Auster: „4 3 2 1“, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2017. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.

 

Ein Buch – mit seinen 1258 Seiten so schwer und so dick wie ein Ziegelstein. Als Bettlektüre dementsprechend weniger geeignet. Im Kontrast dazu der eloquente Erzählstil, die gekonnten, teilweise sich über drei Seiten erstreckenden Satzkonstruktionen. Zu verdanken wohl auch der ausgezeichneten Übertragung ins Deutsche so renommierter Übersetzer wie Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Schnell und zügig gelangt der Leser so in die vom Zufall bestimmten vier Variationen der Lebensgeschichte des jugendlichen Helden Archie Ferguson. Zufälle sind ja die Spezialität des inzwischen siebzigjährigen Autors Paul Auster. Man denke an die inzwischen zu modernen Klassikern avancierten Romane „Die Musik des Zufalls“, „Nacht des Orakels“ und „Stadt aus Glas“. So weist auch hier der ungewöhnliche, aus Zahlen bestehende Titel „4 3 2 1“ auf besagte Zufallsvarianten hin. Bezeichnend an dieser Stelle die Gedanken Fergusons über ‚Schuld’ und ‚Dummheit’, als er von einem Baum stürzt: „Wäre der Ast nur ein winziges Stückchen näher gewesen...Hätte Chuck nicht an diesem Morgen geklingelt...Wären seine Eltern...in irgendeine andere Stadt gezogen. Er liebt es schließlich‚...sich vorzustellen, wie für ihn alles anders sein könnte, auch wenn er selbst immer derselbe bliebe“. Dergestalt entwickelt sich der Protagonist in vier unterschiedliche Richtungen. Wobei die Familie in einer Variante zu Geld kommt, es in der anderen wieder verliert. Hier stirbt der Vater im Zuge eines kriminellen Aktes. Dort zieht Ferguson zu einer Bekannten seiner Mutter nach Paris. Eine Variante schildert, wie er infolge eines Unfalls eine verkrüppelte Hand zurück behält, eine andere gar seinen frühen Tod. Allen Varianten gemeinsam ist der Bildungshunger des Protagonisten. Reizvoll dementsprechend die Passagen, worin die kulturelle Vielfalt einer Weltstadt wie New York zur Sprache kommt. Beispielsweise, wenn Ferguson von seinen Unternehmungen berichtet, Filme von Godard, Kurosawa oder Fellini sieht, Kunstwerke des Museums of Modern Art betrachtet, zu Musikaufführungen in die Carnegie Hall pilgert oder Theaterstücken von Beckett, Pinter und Ionesco beiwohnt. Unzählige Romantitel fallen im Zuge dessen. Bücher etwa, die der Protagonist als Kind von seiner Tante Mildred geschenkt bekommt, weitere, die er später im Rahmen seines Kreativen Schreibstudiums rezipiert. Von besonderer Bedeutung gewiss jene Bücher, die ‚das Innerste umgekrempelt und ihn zu einem anderen Menschen gemacht haben’. Bücher von Dostojewski, Thoreau und vor allem John Cages „Silence“. In dem gesamten Roman wimmelt es nur so, wie schon angedeutet, von Buch- und Filmtiteln, Autorennamen sämtlicher Epochen, Filmregisseuren, Theaterleuten, Schauspielern – von Ingrid Bergmann bis James Stewart und Cary Grant, oder Musikern – von Glenn Gould bis hin zu den Beatles, von Bach bis Mozart. Zitate von John Lennon und Cassius Clay bringen dabei zugleich den Zeitgeist zum Vorschein.  

 

Reizvoll nicht zuletzt auch der Werdegang des Protagonisten und angehenden Schriftstellers. Von der Gründung einer Schülerzeitung bis hin zur ersten veröffentlichten Sportreportage, was zu neuen Erkenntnissen in puncto Schreiben führt, wie zum Beispiel, dass es dabei ‚mindestens so wichtig ist, Wörter auszustreichen, wie welche hinzuzufügen’. Von den ersten Gedichten bis hin zur ersten Kurzgeschichte, die von dem Schuhpaar „Hank & Frank“ handelt, von dem Roman „Mulligans Reisen“ bis hin zu seinem essayistischen Sammelband „Wie Laurel und Hardy mir das Leben retteten“, was in einer glühenden Hommage an die beiden Komiker gipfelt. Eine Hommage, die sich schon viele Seiten zuvor angebahnt hat, wo Archie Ferguson als Kind deren Filme exzessiv in Kino und Fernsehen verfolgt. Hinzu kommen die zahlreichen Schreibübungen und Wortspiele, darunter etwa ‚das Nachahmen von  bewunderten Schriftstellern’, das ‚automatische Schreiben’, ‚das Austauschen von Buchstaben’ und vieles mehr. 

 

Doch kommen auch gesellschaftspolitische Verhältnisse, wie zum Beispiel der immer noch latente Rassismus in den USA, zum Tragen. Ebenso historische Ereignisse einer von Gewalt geprägten Staatengemeinschaft, wie etwa die  Attentate auf Malcolm X und Martin Luther King, die Ermordung John F. Kennedys. Über viele Seiten hinweg erhält der Tod dieses einst als ‚Mann der Zukunft’ bezeichneten Präsidenten neben dem Vietnamkrieg ein besonderes Gewicht, bezeichnet er doch einen Verlust, der bildlich gesprochen mit einem „Himmel ohne Mond“, einer „Welt ohne Bäume“ gleichzusetzen ist. 

 

Allerdings erschöpft sich das Werk dann auch wieder in ausführlichen und detaillierten Sportschilderungen. Basketball und Baseball beanspruchen ungewöhnlich viel, ja sogar mehr Raum als die Darstellung der blutig unterdrückten Unruhen in Harlem oder der Studentenproteste in Newark. Ebenso die Schilderung der Pubertät des Helden, was ja bereits einem allgemein zu beobachtenden Trend unterliegt und indessen in unzähligen Varianten hinlänglich bekannt ist. Ebenso fragt sich, warum der Alltag im New York oder Paris der sechziger Jahre im Fokus der spannungsreichen bisexuellen Veranlagung Archie Fergusons einen so auffallend breiten Raum einnehmen muss, wer sich damit heute, wo Zeit und Aufmerksamkeit mit zu den härtest umkämpften Ressourcen gehören, noch in diesem Ausmaß auseinandersetzen will.

 

Nichtsdestotrotz ein lesenswertes Buch, vornehmlich für alle, die selbst schreiben und etwas über das Know How aus erster Hand erfahren sowie Anregungen erhalten wollen. Ebenso für Paul-Auster-Fans, die sich über einen großen Zeitraum mit einem Werk beschäftigen mögen, das es zu enträtseln gilt, die Intellektualität und Introvertiertheit schätzen und gerne dem nachspüren, wo dem Autor anzumerken ist, dass er am liebsten jedes Detail des darzustellenden Objektes in Worte fasst, um dies in einem nicht enden wollenden Flow vor Augen zu führen. Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt-Verlag

 

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Buchtipp des Monats April 2017

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

Wahnwitzige, Poeten und Verliebte bestehn aus Einbildung

(W. Shakespeare)

David Foenkinos: „Das geheime Leben des Monsieur Pick, Roman, Deutsche Verlagsanstalt 2017. Aus dem Französischen von Christian Kolb.

Die Mixtur scheint vielversprechend: Die aufstrebende Lektorin Delphine Despero verliebt sich in den jungen Autor Frédéric Koskas, dessen Debut einen Flopp landet, macht mit ihm Urlaub bei ihren netten liberalen Eltern in Crozon – am Ende der Welt in der bretonischen Provinz – streift mit ihm durch die ortsansässige Bibliothek. Dort erkunden sie die stattliche Ansammlung abgelehnter Manuskripte nach dem Vorbild der amerikanischen Brautigan Library, der „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“, Steckenpferd des indessen verstorbenen Gründers der ansässigen Bibliothek und Buchliebhabers Jean-Pierre Gourvec. Neugierig durchstöbern sie die Hinterlassenschaften der Verschmähten und stoßen darunter auf „Die letzten Stunden einer großen Liebe“, ein ‚Meisterwerk’! Delphine wittert ihre Chance. Zumal das Manuskript mit einem Namen, Henri Pick, aus Crozon, versehen ist. Schnell ist die Witwe des Autors, Madeleine, ausgemacht. Gezeichnet als typische Bretonin, bodenständig und geradeaus. Und dass ausgerechnet ihr Mann, der kaum je ein Buch zur Hand nahm, heimlich ein Meisterwerk verfasst haben soll, kann sie sich nicht vorstellen. Allein nach dem nicht nur biblisch, sondern auch wissenschaftlich sanktionierten Motto, ‚wer suchet, der findet’, machen Delphine und Frédéric immer mehr Indizien aus, dass ein augenscheinlich einfacher bretonischer Pizzabäcker mit besagtem abgelehnten Romanmanuskript einen Geniestreich hingelegt hat. Fulminanter Startschuss des künftigen Bestsellers, der nicht nur einen nie geahnten Medienrummel nach sich zieht, sondern darüber hinaus das bis dahin eher verschlafene Örtchen Crozon annähernd zu einem Mekka der Buchliebhaber avancieren lässt. Das Medieninteresse am Wohnort des Autors ist immens und füllt die Gemeindekasse. Kern des Romans ist jedoch, was dies mit dem darin verwobenen, vielfältigen Figurenensemble macht. Daraus ergibt sich zum einen die Lesart als Satire auf den Literaturbetrieb, zum anderen wiederum, in der facettenreichen Verknüpfung zwischen Liebe, Literatur und Leben, eine Fülle an Liebesgeschichten. Mitgerissen vom Strudel der Ereignisse, scheint ein jeder der hier miteinander Verstrickten aus seiner so liebgewonnen wie zugleich verabscheuten Routine herausgerissen. Die Karten sind neu gemischt und so manche unliebsame Wahrheit, aber auch anrührende Hintergrundgeschichte, enthüllt sich. Und ein jeder nutzt die sich darin bietende Chance nach Kräften. Alte Lieben zerbrechen, neue werden eingegangen. Andere, verborgene Lieben werden ans Tageslicht befördert, eine Amour fou durchgezogen, um im letzten Moment doch wieder zum Bewährten zurückzukehren, ohne Reue, obschon nicht ohne verwandelt daraus hervorzugehen. Nicht zuletzt ist es die Liebe zum Buch, zum Erinnern und Erzählen, die hier nicht weniger als die erotische Liebe ihre Magie entfaltet. So etwa bei der Nachfolgerin des Gründers der Bibliothek Jean-Pierre Gourvecs, Magali. Bei ihrem Eintritt in die Bibliothek kaum an Literatur interessiert, anverwandelt sie sich nach Gourvecs Tod offenbar dessen Buchvernarrtheit und tritt sein geistiges Erbe an, engagiert sie sich doch fortan mit Herzblut für das, was einst als seine Sache galt. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass Gourvec, mit seiner französischen Version der „Bibliothek der abgelehnten Manuskripte“ und als Urheber des Ganzen, jemanden nur zu sehen brauchte, um zu wissen, welche Lektüre ihm zugeschrieben sei. So anempfahl er Magali einst „Der Liebhaber“. Sie hat es ihm noch unmittelbar vor seinem Tod gedankt. Wie sich ihr eigenes Schicksal wiederum Jahre später darin spiegeln soll, wissen einzig der Autor und der Leser, den er bisweilen zu seinem Mitwisser und Komplizen macht. Allerdings nur, um ihm im Handumdrehen wieder zu verstehen zu geben, dass alles anders kommt, als er ihn bis dahin hätte glauben lassen. Und so enthüllt sich, den russischen ineinander gesteckten Püppchen gleich, eins ums andere, so dass der Leser am besten, neben der Lektüre, zugleich das Hörbuch rezipiert. Denn leicht macht es der Autor ihm nicht, bei all den verworrenen Liebespfaden, ausgelegt mit Charme, Esprit und Ironie, zugleich den roten Faden im Blick zu behalten. Und so sehr die einzelnen, zutiefst menschlich geschilderten Liebesgeschichten bezaubern und berühren, insbesondere, wenn sie sich nicht materealisieren, sondern ihr Eigenleben in imaginären Sphären entfalten, so sehr ist der Leser am Ende nicht selten ratlos, der Kritiker, hier etwa die Kritikerin Nena Bopp, FAZ, enttäuscht. Weniger ist mehr möchte man Foenkinos anraten, auch wenn er uns im Detail immer wieder packt, ja mitreißt.

 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Deutschen Verlags-Anstalt!

 

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Buchtipp des Monats März 2017

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Tiefgründig - Charmant – Ergreifend!

 

 Muriel Barbery: „Die Eleganz des Igels“, Roman, 7. Auflage, dtv, München 2015. Aus dem Französischen von Gabriela Zehnder.

 

Wer liebt sie nicht, die leicht daher kommende französische Komödie in Film und Literatur. Mit Witz und Charme und Sinn für das Schöne. Dabei durchaus hintergründig und auf den zweiten Blick oft auch tiefschürfend. Flair, das nicht zuletzt den Reiz des mit weit über 600.000 verkauften Exemplaren und bereits verfilmten Werks „Die Eleganz des Igels“ von Muriel Barbery ausmacht. In über 30 Sprachen übersetzt, avancierte es nicht nur in Frankreich zum Bestseller.

 

Auf der Sonnenseite von Paris angesiedelt, spielt die Handlung in einem fiktiven Wohnhaus am linken Seine-Ufer, eben da, wo die Reichen zuhause sind. Sinnfällig kontrastiert die Protagonistin, jene vierundfünfzigjährige Concierge, Madame Renée Michel, mit dessen Bewohnern, rühmt sie sich doch, aus eher einfacheren Verhältnissen zu stammen. Geschickt gelingt es ihr, ihr wahres Ich vor Öffentlichkeit und Hausbewohnern zu kaschieren, indem sie nach außen hin sämtliche Klischees des Berufes erfüllt, ja sogar den Fernseher im Hintergrund laufen lasst, wenn jemand etwas von ihr will. Insgeheim jedoch ist sie hoch kultiviert, hat ein Faible für Philosophie und Literatur, liest u.a. die Schriften von Karl Marx, Emmanuel Kant, Husserl oder Romane der Weltliteratur, wie etwa von Tolstoi. Angetan haben es ihr zum Beispiel „Anna Karenina“ und die „Kameliendame“. Doch damit nicht genug. Auf dem Gebiet der Kunst kennt sie sich ebenfalls aus. Von Musik ganz zu schweigen. Mozart, Purcell und Eminem etwa zählen zu ihren Favoriten. Doch der Einzige, der sie durchschaut, ist der neu eingezogene Japaner und Importeur von Unterhaltungselektronik, Monsieur Kakuro Ozu. Und entgegen den Konventionen führt er Madame Michel zum Essen aus, zu einem richtig teuren Sushi-Essen in einem Nobel-Restaurant, versteht sich, was die bis dahin ehr zarten Bande der Freundschaft noch vertieft.

 

Und dann ist da noch das Pendant von Madame Michel, die zwölfjährige Hochbegabte Paloma, die an ihrem dreizehnten Geburtstag, dem 16. Juni, sterben will und sich gern bei Madame Michel versteckt hält. Sie ist es auch, der einzig die Nachbarin und Concierge Zugang zu ihrem reichen Innenleben gewährt, und die sie dem Titel gemäß wie folgt charakterisiert:

 

„Madame Michel besitzt die Eleganz des Igels: Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist, wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind.“

 

Am Ende entscheidet sich Paloma anders, wäre der Selbstmord einer Jugendlichen in dieser heiteren, unterhaltsamen, jedoch nie abflachenden Geschichte doch ein Fauxpas. Nichtsdestotrotz ist, wie im richtigen Leben, so auch hier, der Tod immer wieder gegenwärtig. Bewohner des Hauses sterben. Stets gibt es einen Anlass, der die Erinnerung an längst Verstorbene wachruft, was wiederum Madame Michel und Kakuro Ozu verbindet. 

 

Nicht konventionell erzählt, mäandert der Roman vielmehr durch  Reflektionen und Überlegungen. Sei es seitens der 54jährigen Concierge, sei es der zwölfjährigen Schülerin und deren tiefgründigen Gedanken und Tagebuchaufzeichnungen. Nicht zuletzt tritt dabei das Denken in Polaritäten, wie Jung und Alt, Reich und Arm, West und Ost zutage. So spiegelt die Freundschaft zwischen Renée Michel und Kakuro Ozu sowohl den Kontrast zwischen Arm und Reich als auch zwischen West und Ost wider, die Verbindung zwischen der Concierge und Paloma den zwischen Alt und Jung, aber auch Ober- und Unterschicht. Spiegelung, die zugleich dazu tendiert, die hier ins Spiel gebrachten Polaritäten aufzuheben, was wiederum den Reiz der Lektüre ausmacht. Laut „Le Figaro“, auf den Punkt gebracht, „Ein modernes Märchen, erfrischend und intelligent“, obschon mit einem jähen, ergreifenden, völlig unerwarteten Schluss.

 

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

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Buchtipp des Monats Februar 2017

 

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

 

Es ist ganz richtig (...), dass das Leben rückwärts verstanden werden  muss. Aber (...), dass es vorwärts  gelebt werden muss (...), dass das Leben in der Zeitlichkeit nie recht verständlich wird, eben weil ich in keinem Augenblick vollkommene Ruhe

 finden kann, um die Stellung rückwärts einzunehmen.

 S. Kierkegaard

 

Der Existenzialismus oder Die Rückkehr der Philosophie ins Leben

 

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein & Aprikosencocktails, Verlag C.H. Beck, München 2016. Aus dem Englischen von Rita Seuß.

 

Mögen als Vorläufer der Existenzialisten all die Unzufriedenen, Rebellen und Entfremdeten seit alttestamentarischen Zeiten wie Prediger Salomo oder Hiob gelten, markiert, laut Sarah Bakewell „die Geburtsstunde“ der Bewegung ein „Abend um die Jahreswende 1932/33“ in Paris im Café Bec de Gaz, Rue Montparnasse, wo drei junge Philosophen sich lebhaft bei Aprikosencocktails und Spezialitäten des Hauses austauschten: die damals 25-jährige Simone de Beauvoir, ihr 27-jähriger Freund Jean-Paul Sartre –heute die prominentesten, spektakulärsten Vertreter des Existenzialismus – und dessen Studienfreund Raymond Aron, brillanter Intellektueller. Gebannt lauscht das Pärchen offenbar Letzterem, der aus Berlin eine ganz neue Philosophie mitbrachte, nämlich die von Husserl begründete „Phänomenologie“. Vorbei die abgehobene Beschäftigung mit abstrakten Fragestellungen und Theorien. Das Leben selbst war zum Gegenstand der philosophischen Betrachtung avanciert, so, wie der Mensch – hineingeworfen in eine Welt voller Dinge, Phänomene, sprich Erscheinungen – es in all seinen Facetten tagtäglich erfahre. Mit Husserl ging es buchstäblich ‚zur Sache’, zu den Dingen, welche die so genannten Phänomenologen zu beschreiben angehalten waren, so wie sie ihnen erschienen, nicht sie zu interpretieren oder erkenntnistheoretisch auf ihren Realitätsgehalt hin zu durchdringen! Husserls Devise: „das vor Augen Stehende sehen, unterscheiden, beschreiben zu lernen“. Sartre ist elektrisiert. Und was Hussel, später gefolgt von seinem Schüler Heidegger, theoretisch begründete, setzte Sartre fortan mit kreativem Eigensinn und Elan in die Praxis um. Dabei kreiste sein Denken um die Pole Freiheit und Verantwortung. Der Mensch, so Sartre, besitze keine festgefügte Natur, sondern erschaffe sich mit jeder Handlung, die er vornehme oder unterlasse, selbst neu, ungeachtet seiner biologischen, sozio-kulturellen oder biografischen Dispositionen.

 

       In 14 mitreißenden Kapiteln bringt Bakewell uns, neben den Irrungen und Wirrungen der Bewegung, vor allem deren Strahlkraft nahe. Und die reicht, allein im Zuge der Emanzipationsbestrebungen seitens Frauen- und  Schwulenbewegung, nicht zuletzt der Schwarzen aus dem Joch der Unterdrückung, weit bis in das 21. Jahrhundert hinein. Darüber hinaus könnte das „Café der Existenzialisten“ mit der biografischen Durchdringung einer ganzen Bewegung und ihrer Vertreter nachgerade eine Renaissance derselben einläuten. Fällt die Aufarbeitung Bakewells aktuell doch in ein Klima, wo die Menschheit angesichts weltweiter ökonomischer und ökologischer Krisen, angesichts von Terror und Verteilungskämpfen, vielleicht mehr denn je aufgefordert ist, die Verantwortung, die ihr aufgebürdet ist, zu überdenken. Was nichts anderes heißt, als die uns bedrängenden Fragen immer wieder den Erfordernissen gemäß neu zu stellen, um zu angemessenen Antworten zu gelangen. Klima, in dem poststrukturalistische Beliebigkeit mit ihrem Blick auf die Welt als Spiel von Signifikanten und Signifikat sich als Sackgasse erwiesen hat. Und die großen, bereits seitens der Existenzialisten gestellten Fragen, „Was sind wir? und „Was sollen wir tun?“  brennen uns heute umso mehr auf der Zunge: Was beutet es, in einer säkularisierten Welt, ohne Gott und religiöse Bindungen – die führenden Existenzialisten, etwa Sartre, de Beauvoir oder Camus waren Atheisten – , ein authentisches, sinnvolles, glückliches, selbstbestimmtes Leben in Freiheit und Verantwortung zu führen. In Gemeinschaft mit allen Individuen. Dabei den Blick auf die Entrechteten, Ausgegrenzten und Unterdrückten zu richten, sich für deren Befreiung ebenso einzusetzen wie für die eigene Emanzipation. Für die Erhaltung der Natur ein-, der Anwendung von Gewalt entgegenzustehen. Bereits die Existenzialisten der 50-ziger und 60-ziger Jahre wussten um „Angst und Überforderung angesichts permanenter Entscheidungszwänge“, was sich im fortschreitenden 21. Jahrhundert um ein Vielfaches potenziert haben dürfte.

 

       Kernstück der Bewegung war der gedankliche Austausch, das Gespräch, die Debatte. Und debattiert wurde dementsprechend viel, emotional und heftig, ja gestritten. Teils mit Folge unversöhnlicher Entzweiung. Etwa zwischen Martin Heidegger und dessen einstigem Mentor Edmund Husserl oder zwischen Sartre und Camus. Im Zuge dessen verbinden sich Philosophie, Biografie und Psychologie der im „Café der Existenzialisten“ sage und schreibe79 „Mitwirkenden“ aufs lebendigste. Bakewell beschert dem Leser mit diesem Meisterwerk, sprachlich brillant, dabei von begeisternder Zugkraft, Teilhabe an einer aufregenden, packenden Welt. Einer Welt, wo eben die Belange zur Sprache kommen, die ihn persönlich zutiefst (be)treffen. Wurden dort doch Fragen verhandelt, die bis heute einen jeden bewegen, den es drängt, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Der sich einmischen und einbringen, es nicht belassen will, wie es ist, sondern zu verändern bestrebt ist, was uns als Individuen daran hindert, die Erde aus all dem ‚Unheimlichen’ zu erlösen, das uns bedrängt, und sie zur Heimstatt für alle werden zu lassen, die auf ihr weilen. Und es scheint durchaus vorstellbar, dass das Werk eine Wiederauferstehung der Lesezirkel von einst initiieren könnte. In den 70ern die  Kapital- in den 80ern Peter-Weiß-Ästhetik-des-Widerstands-Lese-Gruppen. Mögen in den Teenager-Jahren des 21. Jahrhunderts Treffs à la „Café der Existenzialisten“ wie Pilze aus dem Boden schießen, wo wieder debattiert und neu entschieden wird, wie wir leben wollen. Warum nicht?

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag C.H. Beck!

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Buchtipp des Monats Januar 2017

 

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

 Wenn es hundert Schriftsteller gibt, gibt es auch hundert Wege, einen Roman zu schreiben.

 Haruki Murakami

 

 Dem Fluss der Imagination folgend – Murakami, entschieden und bescheiden

 

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller, DuMont Buchverlag,Köln 2016, in der Übersetzung von Ursula Gräfe

 Schon gleich im ersten Kapitel erfahren wir von Murakamis Auffassung über den Berufsschriftsteller, dass ‚sich entspannt einzurichten’ dem Verlust seiner Kreativität gleichkäme: „Schriftsteller sind wie Fische. Wenn sie nicht ständig gegen den Strom schwimmen, sterben sie“. Zugleich gibt es kaum ein Kapitel, aus dem nicht hervorginge, dass es in erster Linie Beharrlichkeit und Disziplin sind, die den Alltag dieser Zunft ausmachen: „Deshalb schreibe ich jeden Tag zehn Seiten. Wie eine Stechuhr.“ Als ein Höhepunkt ist hier gewiss Kapitel 6 „Die Zeit als Verbündete“ zu bezeichnen, wo er im Detail preisgibt, wie entscheidend es für ihn beim Schreiben eines Romans ist, sich die Zeit zu lassen, die es dafür braucht. Etwa Vorbereitungszeit: „’eine „Zeit der Stille’, in der man den Keim des Romans (...) in sich heranzieht und wachsen lässt, in der man den Willen, einen Roman zu schreiben, in sich aufbaut.“ Erst danach folgt

die Zeit für die konkrete Umsetzung, Zeit, um das Entstandene an einem kühlen, dunklen Ort ‚einzulagern’, es wieder hervorzuholen und im natürlichen Licht zu bleichen, Zeit, um das Ergebnis genau zu prüfen, Zeit für die Feinmechanik...

Darüber hinaus ist es Verantwortung, die dem Schriftsteller obliegt: „Worte haben Macht, aber sie sollten einer gerechten Sache dienen.“

Unabdingbar gehört für Murakami das Lesen zum Schreiben:

 

"Durch die vielen verschiedenen Bücher, die ich verschlang, relativierte sich meine Weltsicht ganz von selbst (...) Ich entwickelte eine komplexere Perspektive, indem ich die in den Büchern beschriebenen Gefühle nachempfand, in meiner Fantasie frei durch Zeit und Raum reiste (...) ich betrachtete die Welt nicht mehr nur aus meiner Warte, sondern war auch in der Lage, meine eigene Weltsicht von außen wahrzunehmen."

Murakami vergleicht das Schreiben damit, „ein Musikstück zu spielen“. Weniger vom Kopf her also, vielmehr aus sinnlicher Erfahrung heraus, und, nicht zuletzt, aus purem Vergnügen. „Das Schreiben bereitete mir Freude, und ich verspürte ein unmittelbares Gefühl von Freiheit.“

Große Distanz hegt er gegenüber dem Literaturbetrieb, gegen den er sich eher wappnet, wie auch gegen Verlagslektoren, die sich bei ihm selten als unterstützend, vielmehr als nörglerisch und wenig konstruktiv erwiesen haben. Ebenso wenig, wie er etwas auf Literaturpreise und das Gerangel darum gibt. Und auch wenn er entschieden nicht für den Leser schreibt, zollt er diesem den allerhöchsten Respekt und erachtet es als seine „oberste Pflicht“, hier sein Bestes zu geben, weder Mühe noch Zeit zu scheuen, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Erhellend seine Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Originalität. Die attestiert er zunächst Musikern wie Bob Dylan, den Beach Boys oder den Beatles und legt drei Punkte fest, die hier auch für das Schreiben vorausgesetzt sein dürfen: 1) ein eigener Stil, 2) Ersteren aus eigener Kraft weiterzuentwickeln, 3) Mit besagtem eigenen Stil Maßstäbe zu setzen.

Über das Worüber man schreibt sinnierend, entwickelt er zunächst einmal ex negativo anschaulich, wie kontraproduktiv schnelle Schlüsse und Urteile sind. Stattdessen gelte es, die Wahrnehmung dahingehend zu schulen, die Dinge, Charaktere und Geschehnisse unvoreingenommen in das Reservoir der Erinnerung eingehen zu lassen. Zugleich bilde dies das Archiv zum Schreiben, aus dem man dann schöpft. „Fantasie ist Erinnerung“, so James Joyce, den Murakami in diesem Zusammenhang zitiert.

Und es bedarf auch keiner spektakulären Abenteuer, um ein spannendes Buch zu schreiben. Der Alltag, mit geschärfter Wahrnehmung unter die Lupe genommen und angereichert mit der eigenen Vorstellungskraft, bietet Stoff zur Genüge, „in Wirklichkeit wimmelt es (...) von magischen, geheimnisvollen Rohdiamanten, die nur darauf warten, geschliffen zu werden. Schriftsteller sind Menschen, die einen besonderen Blick dafür haben (...)

Nicht zu vergessen, legt Murakami großen Wert auf die Beziehung zwischen Körper und Geist. Je älter man wird, desto mehr wird dies evident. Weshalb er regelmäßiges Training für unabdingbar hält – er selbst hat sich dem täglichen Laufen verschrieben. Denn täglich stundenlang am Schreibtisch geistig zu arbeiten ist eine erhebliche physische Herausforderung.

Ausführlich lässt sich Murakami über das Eigenleben seiner Figuren aus, hinter die er als Autor zurückzutreten und ihnen zu folgen aufgefordert ist. Sara in Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki* zum Beispiel gab mit ihrer Bemerkung, „Du wirst nicht sehen, was du sehen willst, sondern sehen, was du sehen musst“, dem Roman eine unverhoffte Wende. War dies für den Protagonisten doch Anlass, seine vier Freunde, die ihm aus für ihn unerfindlichen Gründen den Rücken gekehrt hatten, nach Jahren aufzusuchen. Aber auch über den langen Prozess, den es bedurfte, sich von der früheren Ich-Stimme zu lösen und in der Distanz gebietenden dritten Person zu schreiben, erfährt der Leser und gewinnt dabei einen differenzierten Einblick in die Funktion von Erzählperspektiven.

Nicht zuletzt ist ihm eine Lektion ‚in Fleisch und Blut’ übergegangen: dass, was immer er schreibt, es von der Kritik schlechtgemacht wird. Es sind die Leser seiner Bücher, die ihm ihre Anerkennung zollen und denen Murakami eine besondere Verbundenheit attestiert. Sein Fazit – ein Zitat aus dem Song „Garden Party“ von Ricky Nelson:

You see ya can’t please everyone/ So ya got to please yourself

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem DuMont Buchverlag!

* Siehe auch Buchtipp des Monats Februar 2014 in unserem Archiv!

 

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Buchtipp des Monats Dezember 2016

 

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

Faction, Fiction & Magie

 

Hans Christoph Buch: Elf Arten, das Eis zu brechen, Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main 2016

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. (...) ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Franz Kafka, 27. Januar 1904 in einem Brief an Oskar Pollak

 

Was in der obigen Präambel postuliert wird, erfüllt Hans Christoph Buch, Jahrgang 1944, Literaturtheoretiker, Essayist, Publizist, Erzähler, sehr wohl. Selten hat ein Buch so präzise menschliche Existenz ins Visier genommen, die, je tiefer wir in sie einzudringen vermögen, sich dem rationalen Zugang umso mehr zu entziehen droht. Worauf übrigens gleich die Präambel von Jules Verne aus „Die Eissphnix“ hindeutet: Mit jeder Drehung der Schraube drang ich tiefer ins fahle Innere des Eisbergs vor. Mit jeder Schicht veränderte sich meine Sicht. Der Eisberg wurde für mich zu einer Person, und je lichter er wurde, desto stärker fühlte ich so etwas wie Verlust, ja Vergänglichkeit. Denn je mehr wir wissen, desto weniger sicher wähnen wir uns. Sei es in der Bewertung des eigenen Lebens, sei es in der Einschätzung des Laufs der Zeit, des Laufs der Welt, die gleichwohl weniger einer erkennbaren Logik folgen, als sie sich vielmehr in grotesk anmutenden Sprüngen vollziehen.

Woran wir uns als Leser halten können, ist die klare Struktur, die der Autor vorgibt. Nach dem Vorspann, der, auf das letzte Buch anspielend, ein Rondo ergibt, erfolgen drei Bücher mit den bekannten grundlegenden Fragen: Erstes Buch: WER BIN ICH?, Zweites Buch: WOHER KOMME ICH?, Drittes Buch: WOHIN GEHE ICH? Unterteilt in jeweils vier, ein Mal drei Kapitel.

       Wobei der Autor sich im ersten Buch: WER BIN ICH? weniger über sich selbst als Person definiert, als vielmehr in seinen Verstrickungen in ein Beziehungsgeflecht teils wahnwitziger Verbindungen, die ihn, als Schriftsteller, ehemals Kriegsreporter weltweit unterwegs, hautnah mit den Wirren des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts in Berührung kommen lassen. Im ersten Kapitel, „Russland nackt“, als Kritiker etwa von Wladimir Snominski, der bei Lew Kopelew Germanistik studiert hatte und an einer Geschichte der Westberliner Literatur arbeitete, nach Moskau eingeladen, entpuppt sich dieser später als Hauptmann des KGB. Dort hatte seine Karriere ‚mit dem Diebstahl eines handgeschriebenen Briefs von Bertolt Brecht an Boris Pasternak begonnen, den er nach der Wende

meist bietend auf einer Auktion versteigerte’. Unter dem Einfluss von Schaschlik zum Frühstück aus jedweden Fleischsorten und stets in Strömen

fließendem Alkohol – ob Bier, ob Wein, Champagner, Krimsekt, Wodka, Kognak oder Likör – erfährt der Leser von so tollen wie zugleich haarsträubenden Geschichten. So etwa, wenn die liebeshungrige Witwe eines hochbezahlten, obschon wenig begabten, Staatsdichters und Ex-Tänzerin des Bolschoi-Balletts sich allem Anschein nach gleichwohl als Mitglied des KGB erweist und dem Ich-Erzähler nach einem so kurzen wie heftigen erotischen Stelldichein der Pass fehlt!

       In „Kaukasische Nemesis“ erfahren wir über einen Aufenthalt in Tschetschenien und seine Bewohner, deren Mentalität Buch dem Leser über ein Puschkin-Zitat nahebringt: „Dolch und Säbel sind Teile ihres Körpers. Mord ist bei ihnen nur eine Körperbewegung“. Dies wiederum verleiht dem Zusammentreffen mit dem gewaltbereiten tschetschenischen Terroristen Schamil Bassajew seine spezifische Tönung. Eines Nachts seitens tschetschenischer Rebellen mit Kalaschnikow bedroht, haben die es – Alkohol ist strengstens verboten und wird mit öffentlicher Auspeitschung bestraft – lediglich auf seinen mit einer Flasche Johnny Walker bestückten Koffer abgesehen, die sie von Mund zu Mund wandern lassen.

       Der Höhepunkt an Brutalität und Unmenschlichkeit erfolgt in Kapitel „Sok Sinn oder die Rast am Nudelberg“ über die Gräuel der roten Khmer. Hat Buch angesichts der Kriegsruinen im Kosovo „Das Unbeschreibliche – hier ist’s getan“, Zitat aus Goethes Faust, bemüht, trifft dies einmal mehr auf das Leid in den so genannten, über ganz Kambodscha verstreuten „Killing Fields“ zu. Vor dem Rückflug auf eine seit Monaten im Souterrain des Flughafens vegetierende Gruppe illegaler Flüchtlinge aus dem Kongo treffend, bleibt als Mittel der Darstellung nur noch der Schwenk ins Surreale, demgemäß „es jenseits der von Lebenden bewohnten Welt eine zweite Wirklichkeit gibt, in der Untote, die nicht sterben können, Kanalgitter umdrängen, durch die trübes Licht (...) sickert...“

       Im vierten Kapitel, „Die Verlobung in Port-au-Prince“, größtenteils Collage aus Amtsschreiben, Dokumenten und persönlichen Briefen, kommt Buch auf ein dunkles Familiengeheimnis seines mit einer Einheimischen verheirateten Großvaters auf Haiti zu sprechen. Zugespielt hat es ihm eine „Laune des Schicksals“, und zwar in Gestalt eines französischen Historikers, der ihm einen Briefwechsel aus dem Archiv des Auswärtigen Amts mailte.

Im zweiten Buch: WOHER KOMME ICH? geht es um die Personen, die ihn von Kind auf geprägt haben – „Portalfiguren“ seines Lebens. So wird in „Sätze über meinen Vater“ die Kluft des Schweigens zwischen Vater und Sohn offenkundig. Zeichnet Ersterer sich doch, wie alle Väter jener Zeit, durch Abwesenheit aus. Im Übrigen ist er, seines Zeichens Diplomat, zugleich Bildungsbürger, so glänzend gezeichnet wie unnahbar: kultiviert, belesen, rezipiert er Shakespeare ebenso im Original wie die Bibel und ist des Klavierspielens mächtig. Schilderungen wechseln hier mit Passagen des Inneren Monologs und geben so ein komplexes Bild ab.

       Dieses Verfahrens bedient er sich auch in „Zwei, drei Dinge, die ich über sie weiß“, wo es in Anlehnung an den Godard-Film gleichen Titels um die seltsam blass bleibend Beziehung zur Mutter geht, die nach einer

Tumoroperation zu malen beginnt, Picasso Modell sitzt und von diesem auch gefördert wird.

       Glanzstück ist die Auseinandersetzung in „Der Freund meines Vaters“ mit dessen Beziehung zu Dr. Nüsslein, hochgebildet und kultiviert, wie dieser. Auf der Prager Burg machte er als Protégé von Heydrich eine

Blitzkarriere in der NSDAP und hatte so manches Todesurteil unterschrieben. Nach dem Krieg von den Amerikanern wieder nach Prag überstellt und wegen Kriegsverbrechen zu Zwangsarbeit verurteilt, wurde er 1955 in den Westen abgeschoben. Das gesamte Kapitel kreist angesichts des Besuchs des Autors des 90-jährigen Dr. Nüsslein in einer Seniorenresidenz in vielfältigen Umdrehungen um die eine Frage: Warum hatte Buchs Vater, selbst kein Nazi, geduldet, dass Dr. Nüsslein im Auswärtigen Amt noch einmal so etwas wie ein Lebensstelle bekleiden durfte. Auf eine Antwort wird er nicht stoßen: „(...) alles zählte nicht mehr, war bedeutungslos gegenüber dem, was jetzt vor ihm lag, eine Grabplatte aus grauem Granit, ein furnierter Eichensarg (...)“

       So blass die Beziehung zur  Mutter, so farbig in „Erziehung durch Tanten“ die zu Tanti Mosler, Nachbarin und Nenntante, die ihn in den Nachkriegsjahren zu sich nahm, wenn seine Mutter sich nicht um ihn kümmern konnte. Überzeugt davon, dass er später einmal Chefarzt oder Professor würde, verwöhnte sie ihn mit Bitterschokolade, die er nicht mochte, und Torte. Als Buch sie Anfang der 80-er Jahre besucht, erfährt er von ihrer großen Liebe Franz, einst musisch begabter Stabsarzt und in Galizien gefallen. Aus Mitleid hat sie dessen hirnverletzt aus dem Krieg heimkehrenden Bruder geheiratet, Onki Mosler.

Im dritten und letzte Buch: WOHIN GEHE ICH? wird noch einmal der Faden zum Vorspann mit dem Motiv des Eisbrechens auf- und der Leser in „Reise zum Pol der relativen Unzulänglichkeiten“ auf eine Antarktis-Expedition mitgenommen. Gefolgt von „Birds of Central America“, wo Buch einem Schriftsteller Kongress in Managua, Hauptstadt Nicaraguas, beiwohnt. Um in „Ultima Thule“, Bezeichnung für den letzten Rückzugsort der von der Zivilisation verdrängten Eskimos, noch einmal, diesmal in die Arktis, aufzubrechen. Die drei Kapitel wiederum verbindet die rätselhaft inszenierte Beziehung Buchs zu dem Art Alter Ego und zugleich Spiegelfigur Hans Busch, einem Ornithologen aus der früheren DDR, der herausgefunden haben soll, dass die als Skuas bezeichneten Raubmöven auf ihren Vogelzügen von der Antarktis zur Arktis fliegen. Auch die Frage, wohin gehe ich, wird mitnichten beantwortet. Allenfalls mag sie sich im 9. Abschnitt des zweiten Kapitels entschlüsseln, wo er in Buch der Prediger auf eine für die von ihm unternommene Zeitreise in seinen Augen passende Bibelstelle stößt: „Was geschieht, ist zuvor geschehen, was geschehen wird, ist auch zuvor geschehen, und Gott sucht wieder auf, was vergangen ist.“

 Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

  Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt der Frankfurter Verlagsanstalt GmbH! 

Buchtipp des Monats November 2016

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com

 

Wahre Geschichten des Meisterspions

 

John Le Carré: Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben, aus dem Englischen von Peter Torberg, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016

Ein Buch nicht nur für John-le-Carré-Fans, sondern für alle, die, über das Lesevergnügen hinaus, etwas über das Schreiben aus eloquenter Feder erfahren und sich mit dem Schriftstellerleben an sich beschäftigen wollen. So wird der Leser hier Zeuge, wie sich die unterschiedlichen Leben John le Carrés, als Spion einerseits, als Schriftsteller andererseits, miteinander verweben und dabei zutage tritt, wie er zu so manch brisantem Stoff seiner Thriller-Romane gekommen ist. Insbesondere von „Der Spion, der aus der Kälte kam’, und „Dame, König, As, Spion“, die bereits preisgekrönt verfilmt wurden. Und natürlich werden ebenso wie in seinen fiktiven Erzählungen auch hier sogenannte Überläufer, Maulwürfe und Doppelagenten thematisiert.

Dabei gibt Le Carré großzügig Auskunft darüber, welche schriftstellerischen Tricks er angewandt - und wie überhaupt er das Schreiben erlernt hat. Der große Autor Graham Greene zum Beispiel, von dem er viel profitiert hat, wird immer wieder zitiert. Eine Fülle von Episoden, in sich abgeschlossen, von reißerischer, spannender und brisanter Dramaturgie, ziehen den Leser in den Bann. Zugleich ein Stück Zeitgeschichte, so unterhaltsam wie aufrüttelnd vor Augen geführt: vom kalten Krieg nach 1945 bis hin zu dem tödlichen Attentat auf John F. Kennedy, von Perestroika unter Gorbatschow bis zum Mauerfall, von der Begegnung mit dem schillernd in Szene gesetzten PLO Chef Arafat bis hin zum 11. September 2001, von Guantánamo bis zu Edward Snowden.

Faszinierend und exotisch muten die Erlebnisse in der Opium-Höhle von Laos an, die Mission in Hongkong oder Phnom Penh sowie die zahlreichen Reisen zu den Brennpunkten der Welt: Beirut, Moskau und Jerusalem. Dabei stoßen wir immer wieder auf eine außerordentliche, nahezu unglaubliche Vielfalt menschlicher Existenz aus einer Perspektive eines Geheimagenten, die dem Durchschnittsbürger in der Regel verschlossen bleibt.

Darüber hinaus zeigt John le Carré auf, dass er als Brite, einst in Oxford dem Studium der Deutschen Sprache und Literatur verschrieben, sehr wohl bewandert war in den „Dramen von Goethe. Lenz, Schiller, Kleist und Büchner“, er von Thomas Mann und Hermann Hesse schwärmt und sich nicht zuletzt in Deutscher Geschichte auskennt. Sei es, wenn er von den Verbrechen des Nationalsozialismus vor und während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere von Konzentrationslagern, berichtet. Oder wenn er nach dem Zweiten Weltkrieg beanstandet hat, dass ‚die alte Nazi-Garde sich auch weiterhin an die besten Posten klammerte’ und unter Adenauer üble Gesetze schuf. Von der daraus resultierenden Gegenbewegung und der radikalisierten Bader-Meinhof-Gruppe mit ihrer Roten-Armee-Fraktion ganz zu schweigen.

Historie wird bei John le Carré dann besonders plastisch, wenn er entscheidende Momente in Szene setzt. So zum Beispiel, als der einstige Kanzlerkandidat der SPD, Fritz Erler, zur Adenauerzeit den damaligen scheidenden britischen Premierminister Macmillan trifft und diesen in dessen Beisein angesichts seiner Einschätzung der Atomwaffenpolitik der USA als ‚nicht regierungsfähig’ einstuft.

Doch damit nicht genug. Immer wieder spannend lesen sich auch die Begegnungen mit zeitgenössischer Prominenz, insbesondere aus dem Filmgenre. So etwa mit den Schauspielern Richard Burton oder Alec Guinness, den Carré in einem Geleitwort porträtiert. Des Weiteren das Zusammentreffen mit den Regisseuren Sydney Pollack oder Francis Ford Coppola. Unvergesslich das Zusammentreffen mit Fritz Lang, als im Zuge dessen sich immer deutlicher abzeichnet, wie der einst gefeierte Regisseur von „M“ mit Peter Lorre als Kindsmörder,  „Metropolis“ oder „Dr. Mabuse“  in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, nun, Mitte der sechziger Jahre im hohen Alter, der Blindheit nah, nicht mehr gefragt war, dies jedoch nicht wahrhaben wollte. Le Carré nahm ihm diesen Glauben nicht, als sie auf Wunsch Langs zusammenkamen, um aus dem „Kleinen Buch Ein Mord erster Klasse einen Film zu machen. Lang indessen gab sich, entgegen den auch äußerlich sich manifestierenden Zeichen des Niedergangs, wie eine Diva.

Besonders nah kommt der Leser dem Autor, wenn er von seinem Vater erzählt, den er bei dessen Vornamen „Ronnie“ nennt und als „Hochstapler, Phantast“ und „immer wieder mal Knastbruder“ bezeichnet. Dieser Ronnie hatte seinem Sohn keine glückliche Kindheit beschert und seine Mutter schon früh veranlasst, ihren nichtsnutzigen Gatten samt ihm, seinem Sohn, zu verlassen. Erst nach dessen Tod war es John le Carré möglich, sich mit ihm zu versöhnen. Obschon ‚er manchmal noch immer der Berg’ sei, ‚den es zu bezwingen gilt’.

Ein Buch, das sich von der ersten Seite an packend liest und das man bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen kann. 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für das uns freundlicherweise überlassene Rezensionsexemplar gilt dem Ullstein-Verlag!

Buchtipp des Monats Oktober 2016

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

Mit der Allmacht der Liebe wider den Terror des Kriegs

oder ‚die Dinge des Lebens’

 

Mercè Rodoreda: Auf der Plaça del Diamant (1962, dt. 1979), suhrkamp taschenbuch (2007), 8. Auflage 2016

Wer Der Garten über dem Meer – unser Buchtipp vom September – beendet hat, fängt entweder wieder von vorne zu lesen an oder greift zum nächsten Werk Rodoredas (1908-1983). Wir haben Letzteres bevorzugt und uns dem Roman gewidmet, der sie berühmt machte: Auf der Plaça del Diamant, über den spanischen Bürgerkrieg aus der Sicht einer jungen Frau. Sich einer Art Innerem Monologs bedienend, bringt Rodoreda mit frappierender Intensität den emotionalen Aufruhr der Protagonistin entsprechend ihrer Zerrissenheit fragmentarisch zur Sprache: in Gedanken, Assoziationen, Bildern und Erinnerungsfet­zen. Emotionaler Aufruhr, zunächst dem Furor der Liebe geschuldet, bestimmt zugleich den Ausgangspunkt der Geschichte: Die Konditoreiverkäuferin und Ich-Stimme lässt sich von Freundin Julieta – sie kann niemandem etwas abschlagen – dazu drängen, nachdem sie ‚den ganzen Tag über Kuchen und Törtchen verkauft hatte’, mit auf die Plaça del Diamant zu kommen. Dort wird gefeiert, musiziert und getanzt. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen, als unverhofft ein Mann sie anspricht, darauf beharrend, dass sie seine Frau würde, obwohl sie ihm sagt, dass sie verlobt sei. Unbeirrt lacht Quimet, von Beruf begeisterter Möbeltischler, darüber und hält an seiner Prophezeiung fest, nennt sie Colometa und lässt sich auch davon nicht abbringen, obwohl sie Natàlia heißt. Er soll recht behalten. Die beiden heiraten, bekommen zwei Kinder, haben Freunde... „Und alles ging so seinen Gang, mit den paar kleinen Sorgen, die jeder hat, bis die Republik kam...“ Schleichend zunächst, dann immer gravierender, die Auswirkungen des Bürgerkriegs. Lebensmittelknappheit und Armut belasten zunehmend die kleine Familie und der ‚frische Wind’, den der politische Aufruhr der Linken zunächst mit sich brachte,

(...) verging und alles, was danach kam, war nicht mehr so wie diese Frische von damals, von diesem Tag, der so einschneidend war in meinem Leben, denn es war April, und die Knospen waren noch zu, als aus meinen kleinen Sorgen große Sorgen wurden.

Quimet, der als Möbeltischler kaum mehr Arbeit findet, setzt auf Taubenzucht in der kleinen Wohnung, was die Familie zusätzlich belastet und sich zusehends zu einer Zerreißprobe auswächst, bis Natàlia schließlich die Brut unterbindet. Immer seltener weilt Quimet zu Hause. Dort wiederum nagt der Hunger. Natàlia bittet schließlich eine mütterliche Freundin, sich um ihre Kinder zu kümmern, und sucht sich eine Putzstelle. Bei den wenigen Besuchen von Quimet oder Freund Cintet schaffen diese Lebensmittel heran und beklagen den Krieg: „(...) daß es wirklich ganz traurig sei, daß wir, die nichts anderes als Frieden und ein bißchen Freude im Leben haben wollen, in so ein Stück Geschichte verwickelt werden müßten.“ Als Natàlia sich zunehmend außerstande sieht, zwei Kinder zu ernähren, bringt sie den älteren Antoni unter traumatischen Umständen und herzzerreißenden Szenen in einer der gefürchteten Kinderkolonien unter, wo er wenigstens zu essen hätte, während die jüngere Rita bei ihr bleibt. Als schließlich eines Tages ein Milizsoldat klingelt und Natàlia kundtut, dass Quimet und Cintet „mannhaft gefallen seien“, verliert sie, die Verheerungen des Bürgerkriegs im Blick, buchstäblich den Boden unter den Füßen:

(...) ich lachte jetzt nicht mehr. Man sah sehr alte Männer, die noch lernten, wie man auf der Straße Krieg führt. Jung und Alt, alles mußte in den Krieg; der Krieg saugte alles in sich hinein und brachte allen den Tod. Viele Tränen, viel Kummer, drinnen und draußen.

Als sie kurz darauf erfährt, dass man ihren Freund und Vertrauten Mateu erschossen hatte, reagiert sie kaum. „Aber der große Schmerz kam erst nach fünf Minuten heraus, und ich sagte leise vor mich hin, so, als ob mir die Seele in meinem Herzen stirbt, nein, das kann nicht sein, das kann nicht sein...“ Noch einmal fragt sie bei der alten Herrschaft um Arbeit. Als die sie abweist, weil Quimet auf der falschen Seite gekämpft hatte, steht ihr Entschluss fest. Ohne Geld, mit dem Vorsatz, dem Mann aus dem Laden, in dem sie einst Taubenfutter gekauft hatte, zu sagen, sie hätte es zuhause vergessen, kauft sie Salzsäure für sich und die Kinder und macht sich auf den Heimweg. Doch frei nach Hölderlin ‚ist, wo die Gefahr am höchsten, das Rettende auch nah’: Es wendet sich das Blatt des Schicksals noch einmal überraschend zu ihren Gunsten. Der Mann aus dem Laden geht ihr nach, sie eindringlich bittend, doch mit ihm dorthin zurückzugehen. Er bietet ihr eine Putzstelle an, was den Beginn einer allmählich, sehr behutsam sich vollziehenden, wundersamen Rettung markiert. Bezeugt auf den letzten Zeilen in der für Roderoda typischen Art, im Detail den ‚Dingen des Lebens’ zu huldigen – wie in ihrer Präambel bezeugt und von Gabriel García Marquez in seinem beachtenswerten Nachwort bestätigt, in dem er Rodoreda noch einmal anlässlich ihre Todes im April 1983 seine Bewunderung zollt:

... und in jeder Wasserpfütze, so klein sie auch sein mag, war ein Stück vom Himmel ... und manchmal brachte ein Vogel den Himmel durcheinander ... ein Vogel, der Durst hatte und der, ohne es zu wissen, mit seinem Schnabel den Himmel durcheinanderbrachte, diesen Himmel aus Wasser... oder ein paar Schreihälse, die von den Bäumen heruntergeschossen kamen und sich mitten in die Pfütze setzten und sich badeten und ihre Federn aufplusterten und den Himmel schmutzig machten mit ihren Schnäbeln und mit ihren Flügeln. Vor Freude ...

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

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Buchtipp des Monats September 2016

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

Sechs Sommer und eine Liebe in Scherben

 Mercè Rodoreda: Der Garten über dem Meer, Roger Willemsen (Hg.), Berlin Verlag, 3. Auflage Juni 2016, TB (mareverlag, Hamburg 2014)

 

Nicht umsonst gilt Mercè Rodoreda (1908-1983) als die Grande Dame der katalanischen Literatur, hoch geehrt und mit Preisen bedacht, die 1962 den wohl berühmtesten katalanischen Roman, Auf der Plaça del Diamant, vorlegt. Der große Gabriel García Márquez soll ihn wieder und wieder gelesen, ja eigens dafür katalanisch gelernt haben.

            Als 1967 Der Garten über dem Meer erscheint, lebt Rodoreda – in Spanien herrscht die Franco-Diktatur – im Genfer Exil. Der Roman spielt in den späten 20iger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Schauplatz und zugleich Kulisse ist der Garten um ein Herrenhaus über dem Meer, in sechs Sommern hintereinander bewohnt von den „jungen Herrschaften“, einem reichen Paar und seinen exaltierten, ebenso wohlhabenden Freunden. Angesagt sind vergnügliche Tage mit Schwimmen, Malerei, jede Menge Partys, darunter rauschende Feste. Erzählt aus der wohlwollenden Perspektive der Erinnerungen des alten Gärtners, der nachts nicht selten durch den Garten streift, ‚um ihn atmen zu hören’, und dessen geliebte Frau ihm einst ‚unter den Händen wegstarb, fast wie ein Vogel’: „Ich habe schon immer gerne erfahren, was den Leuten so alles passiert, und das nicht etwa, weil ich neugierig wäre ... Eher weil ich Menschen mag, und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr.“ Er kennt sie alle, nimmt an ihrem Leben teil, wie etwa an dem des Malers Feliu Roca, der nur ein Motiv hat – das Meer – und immer wieder daran scheitert, es auf die Leinwand zu bannen. Der Gärtner, sich um alles was wächst und sprießt kümmernd, teilt den Alltag mit etlichen weiteren Bediensteten, vornehmlich Köchin Quima, die mit argwöhnischer Bewunderung, dabei nicht immer ohne Neid, das sorglose Leben der Herrschaften verfolgen. Doch zunehmend beunruhigen Risse, Ausläufer eines unsichtbaren, aber nicht zu leugnenden Bebens, augenscheinliche Leichtigkeit und Glanz. So, wenn im Sommer nach dem grandiosen Fest anlässlich Rosamarias Schwangerschaft, das ihr Mann Francesc im Überschwang seiner Freude veranstaltet hat, herauskommt, dass sie ihr Kind im Zuge einer Fehlgeburt verloren hat.

Wendepunkt ist in einem August, zu Mariä Himmelfahrt. Die Herrschaften sind auf einem Ausflug. Da kommt ein altes Ehepaar auf der Suche nach ihrem Sohn Eugeni. Gebrochene, verstörte alte Leutchen. Von weit herkommend, werden sie von dem alten Gärtner in Empfang genommen und wollen von ihm wissen, „ob Rosamaria irgendetwas über Eugeni gesagt hat“. Und aus den Bruchstücken der Erzählung der beiden offenbaren sich vereinzelt die Splitter einer zerbrochenen Liebe zwischen dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Eugeni und Rosamaria aus reichem Hause. Unzertrennlich seit den Tagen ihrer Kindheit, sind sie später ein Liebespaar. Bis dann Francesc in die Nähe zieht ...

Damit ist die Spur gelegt, auf der sich der Gärtner in der Erinnerung vollends entlanghangelt. Zugleich als Leser ihr folgend, offenbart sich nach und nach ein existenzielles Drama von umfassender Zerstörungsmacht, das schließlich mit dem, wie Roger Willemsen es in seinem so zartfühlenden wie furiosen Nachwort ausdrückt, ‚Triumphieren der Liebe ex negativo’ endet.  

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Buchtipp des Monats August 2016

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

 

 Die Lüge ‚als Kehrseite der Wahrheit mit ihren hunderttausend Spielarten’ Michel de Montaigne (1533-1592)

 

Isabel Bogdan: Der Pfau, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

 

   Die preisgekrönte Übersetzerin vornehmlich zeitgenössischer britischer Literatur hat mit „Der Pfau“ ihren ersten Roman vorgelegt, der es im Nu in die Spiegel-Bestenliste geschafft hat. Die knapp 250 Seiten umfassende Geschichte könnte, was das den Figuren entgegengebrachte Wohlwollen anbelangt, vom lieben Gott höchst persönlich geschrieben sein. Vom wohlgesonnenen lieben Gott aus Kindertagen, der verwundert und zugleich höchst amüsiert die Kapriolen seiner Geschöpfe verfolgt. Seiner Geschöpfe, denen er doch nur das Beste zugedacht hatte, und die es nichtsdestotrotz fertigbringen, sich fortwährend in Unpässlichkeiten zu verstricken. Um es sich nicht anmerken zu lassen, schwindeln sie, was das Zeug hält. Wobei sie erstaunlich erfinderisch sein können. Stets bedacht, sich nicht erwischen zu lassen. Ob sie wissen, dass sie dabei zum Schreien komisch sind?

 

   Das Personal, das sich hier um den Titel gebenden Pfau rankt, könnte farbiger nicht sein. Angefangen von Lord und Lady McIntosh, er Altphilologe, sie Ingenieurin, die in den abgelegenen schottischen Highlands ein Anwesen aus dem 16. Jahrhundert teils bewohnen, teils an Feriengäste vermieten. Tierlieb, wie sie sind, besitzen sie zwei Hunde, Albert und Viktoria, eine ‚grantige alte Gans’ und – nicht zuletzt fünf Pfauen. Mit Letzteren hatten sie indessen ein Problem. War einer der Pfauen doch offenbar verrückt geworden und stürzte sich neuerdings auf alles was blau war, um es mit einer für niemanden nachvollziehbaren Zerstörungswut zu verwüsten.

 

   Für das bevorstehende Novemberwochenende hatte sich nun eine Gruppe von Bankern zwecks Teambuilding-Training angesagt. Eine Köchin, Helen, die sich um ihr leibliches Wohl kümmern sollte und dies mit Liebe und Leidenschaft tat, war eigens dazu von ihnen engagiert. Die Vorbereitung bei den McIntoshs lief auf Hochtouren. Und dann war es soweit: „Die Chefin der Investmentabteilung der Londoner Privatbank und ihr Irish Setter kamen in einem nagelneuen blaumetallicfarbenen Sportwagen, der Rest der Gruppe fuhr in gediegenem Schwarz vor.“

 

     Und natürlich lässt das sich anbahnende Desaster nicht lange auf sich warten. Es kommt, wie es kommen muss: Der Pfau macht sich ungesehen an besagtem „blaumetallicfarbenen Sportwagen“ von Chefin Liz  zu schaffen und hinterlässt am linken hinteren Kotflügel Dellen, Kratzer sowie etliche Stellen mit abgeplatztem Lack. Was tun, fragt sich der Lord, so, wie sich die Chefin schon gleich am Tag ihrer Ankunft „wegen ein bisschen Gänsedreck am Schuh aufgeführt hatte...“ Mit schlechtem Gewissen gedenkt er jedoch, das Ganze zu vertuschen, und entschließt sich schweren Herzens, den Pfau zu erschießen. Erfahren soll davon – erst einmal – niemand. Er lässt ihn deshalb zunächst mit Laub zugedeckt im Wald zurück, um ihn später zu vergraben.     

 

 Dort jedoch findet ihn, während eines Spaziergangs der Investment-Banker samt Chefin, deren Hund Mervyn und apportiert ihn naturgemäß Frauchen zu Füßen in Erwartung ihres Lobs. Betrachtet er dies doch als seine Aufgabe. Die Chefin samt Banker wiederum denken nun, Mervyn hätte den Pfau gerissen. Und Frauchen ist darüber höchst erbost:

 

„Er verstand überhaupt nicht, warum sie ihn ... anschrie und beschimpfte, ihn sogar schlug, was sie sonst nie tat, und warum diese unangenehme Aufregung unter den Menschen entstand. Alle waren ganz aus dem Häuschen, aber offenbar nicht vor Freude, sondern sehr böse auf ihn. Er zog den Schwanz ein und verkroch sich. Er hatte doch alles richtig gemacht.“

 

Die Chefin samt Banker wollen den toten Pfau nun ihrerseits im Wald verschwinden lassen.

    Ausgehend von diesen beiden, allgemein als Notlügen legitimierten kleinen Unwahrheiten, rankt sich nun Lügengeschichte um Lügengeschichte um die jeweiligen Interessen der verschiedenen ‚Parteien’. Als nun aber Banker David die Aufgabe zugetragen wird, den Pfau beiseitezuschaffen, ist ihm das durchaus nicht geheuer. Außerdem ekelt er sich vor dem toten Tier. Darüber zerknirscht in der Küche weilend, nimmt sich Köchin Helen seiner an. Sodass sie am Ende Beide beschließen, den Pfau gemeinsam verschwinden zu lassen. Allein, es kommt anders. Weiß Helen doch als exzellente Köchin: Pfau ist eine Spezialität! Dem kann sie allerdings nicht widerstehen. Und natürlich konnte sie den Investment-Bankern nicht zumuten, ihnen besagten Pfau zu servieren. Sie würde ihn als Fasan ausgeben...

 

   Damit ist der höchst vergnügliche Reigen der Lügengeschichten mit jeder Menge komischer Verwicklungen perfekt. Ganz im Sinne Montaignes der Lüge ‚als Kehrseite der Wahrheit mit ihren hunderttausend Spielarten’.          

 

  Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Buchtipp des Monats Juli 2016

© Hartmut Fanger     www.schreibfertig.com

„Die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu...“   

 

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Insel Verlag, Berlin 2013

 

Aktuell wird in unseren Kinos der Spielfilm „Vor der Morgenröte. Stefan Zweig in Amerika“ von Maria Schrader mit Josef Hader in der Hauptrolle gespielt. Darin sechs Episoden aus dem Leben des großen Schriftstellers zur Zeit seines Exils. Buenos Aires, New York und Rio de Janeiro die Stationen. Künstlerisch anspruchsvoll in Szene gesetzt. Bis hin zu seinem Selbstmord 1942 in Petrópolis (Brasilien). Tragisches Ende des so ungemein erfolgreichen Autors, der in seinem Werk wie kein anderer die Seele des Menschen erfasst hat. Man denke an „Sternstunden der Menschheit“,  „Ungeduld des Herzens“  oder „Maria Stuart“, um nur einiges zu nennen. Doch angesichts des politischen Umfelds und den damit verbundenen dramatischen Ereignissen scheint zumindest seine Verzweiflung darüber nachvollziehbar. Die Zeit des Nationalsozialismus zwingt ihn aus seinem Heimatland zu fliehen. Seine Bücher verboten und verbrannt.

 

In seinem posthum 1944 in Stockholm veröffentlichten Werk „Die Welt von Gestern“ ist dann zu lesen, dass er „als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist“ den ‚heftigsten Erdstößen’ ausgesetzt gewesen sei, man ihm „dreimal Haus und Existenz umgeworfen“ hätte. Er fühlte sich mit „Vehemenz ins Leere geschleudert, in das wohlbekannte...’Ich weiß nicht, wohin’’’. Entwurzelt, entrechtet und verbannt,  zu einer Zeit, wo in Europa die Naziideologie vorherrschte und in der Zweig nach Schrader zu Recht allgemein als ‚Vorreiter der Europäischen Union’ und ‚Weltbürger’ angesehen werden kann. Und so mancher mag in dem damit einhergehenden Nationalismus, den Zweig als ‚Erzpest’ bezeichnet hat, ,die die ‚Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet habe’, eine Parallele zur Gegenwart erkennen. Auch heute kommt in Europa die Sorge auf, dass wieder das geschehen könnte, was Zweig als ‚einen unvorstellbaren Rückfall der Menschheit in längst vergessene Barbarei mit ihrem bewussten und programmatischen Dogma der Antihumanität’ bezeichnet. Ungeschminkt zeigt er u.a. die Anfänge an den Universitäten auf, wo Burschenschaften Gegner derselben und Andersdenkende blutig und brutal vertrieben hatten. Gefolgt von der Machtergreifung des Nationalsozialismus und "Reichtsagsbrand" von „Konzentrationslager“, „Judenboykott“ und „Bücherverbrennung“.

 

 Vor diesem Hintergrund lesen sich die Abschnitte über das Wien der Jahrhundertwende (19./20. Jh.) wie der Blick in ein Goldenes Zeitalter, wo die Wertschätzung noch dem Theater und der Literatur galt. „In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich...“

 

Ähnliches gilt natürlich für Paris, das man jedoch laut Zweig erst so recht lieben kann, wenn man zuvor in Berlin gewesen ist. Plastisch führt er die Metropole an der Seine mit ihren Dichtern vor Augen. So schildert er zum Beispiel, wie er sich im Café Vacherte den Stammplatz von Verlaine und dessen Marmortisch zeigen lässt und ihm zu Ehren ein Glas Absinth trinkt.  In dieser ‚Stadt der ewigen Jugend’, in der es nur ein „Nebeneinander der Gegensätze, kein Oben und Unten“ gibt. London hingegen wirkt ‚nach Paris’ auf Ihn, „wie wenn man an einem überheißen Tag plötzlich in den Schatten tritt...“ London, „Paris, England, Italien, Spanien, Belgien, Holland“, nur einige europäische Städte und Länder, die er allesamt bereist hat und die für ihn allesamt nur ‚Umwege auf dem Weg zu ihm selbst sind’. 

 

Doch er schildert auch Vorbilder, Dichter und Bildhauer. Hofmannsthal widmet er über viele Seiten hinweg eine Hommage, vergleicht ihn mit Keats und Rimbaud: „Die Erscheinung des jungen Hofmannsthal ist und bleibt denkwürdig als eines der großen Wunder früher Vollendung.“  Auch Goethe bewundert er, zitiert ihn wieder und wieder, so sein Bekenntnis zu dessen „...Wort, dass man die großen Schöpfungen, um sie ganz zu begreifen, nicht nur in ihrer Vollendung gesehen, sondern auch in ihrem Werden belauscht haben muß.“ Rilke darf nicht unerwähnt bleiben. Zweig besuchte ihn in dessen mit Büchern und Blumen ausgestatteten Mietzimmern in Paris, wo ‚Bleistifte und Federn in kerzengerader Linie auf dem Schreibtisch lagen’. Ebenfalls begegnete er in Paris dem Bildhauer Rodin, „dessen Ruhm“, so Zweig, „die Welt erfüllte, dessen Werke unserer Generation Linie um Linie gegenwärtig waren wie die nächsten Freunde...“

 

Es wimmelt in dem Buch von Zweig nur so von bekannten Namen großer Dichter und Literaten und Journalisten, wie etwa dem Feuilletonredakteur der ‚Neuen Presse’ in Wien, Theodor Herzl. Und jedem dieser manchmal nur wenigen Pinselstriche kann der Leser etwas abgewinnen. Meisterhaft geschildert, von Poesie durchdrungen, literarisch ins Bild gesetzt. Alle hat er sie von ihren Schriften, zum Teil auch persönlich gekannt und sie in diesem Werk verewigt: Balzac, Baudelaire, William Blake, Dostojewskij, Stefan George, André Gide, Maxim Gorkij, Gerhard Hauptmann, James

Joyce, Thomas Mann, Romain Rolland, Arthur Schnitzler, Lew Tolstoi, Paul Valéry, Paul Verlaine, Walt Whitman und viele mehr. Mit ihnen aufersteht eine ganze versunkene Welt.  

 

Ein Buch, das eigentlich eine Autobiographie hätte sein sollen, ist letztendlich zu einem Zeitdokument von unschätzbarem Wert geworden - Pflichtlektüre für jeden an Literatur und Geschichte Interessierten. Wobei das Persönliche jedoch weitgehend rausgehalten ist. Stets schildert Zweig sein Leben in größeren Zusammenhängen. Sei es in kultureller oder politischer Hinsicht. Selbst der Moment, wo er als junger Student seinen ersten Gedichtband veröffentlicht und die Nachricht des Verlages als ‚unvergesslichen Glücksaugenblick’ bezeichnet, gewinnt kurz darauf Allgemeingültigkeit, wenn es heißt, dass ein solcher Moment sich „...im Leben eines Schriftstellers auch nach den größten Erfolgen nicht mehr wiederholen“ lässt.

 

 ‚Die Zeit’, so stellt Zweig fest, ‚gibt die Bilder’, er selbst ‚spricht nur die Worte dazu’. Nie erfolgt ein Hinweis darauf, warum er sich letzten Endes das Leben genommen hat, was stets den Freiraum für Spekulationen öffnet.

 

 Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Buchtipp des Monats Juni 2016

© Hartmut Fanger      www.schreibfertig.com

Der „Jahrtausendroman“ oder

Faust und das ewige Leben

 

Thea Dorn: Die Unglückseligen, Knaus Verlag,  München 2016

 

Thea Dorn verfügt über einen erfrischenden Eigensinn. Wer traut sich schon an eine „Faustiade“. Was wiederum Ihren Schreibstil anbelangt, hält sich die Autorin an all das nicht, was kreative Schreibschulen gerne predigen. So enthält der Roman weite Passagen in der Sprache des 18. Jahrhunderts, ist er mit Fremdwörtern nur so gespickt, jongliert mit lateinischen und medizinisch-wissenschaftlichen Fachbegriffen und einem nicht ins Deutsche übersetzten amerikanischen Englisch, was gleichermaßen für die nicht weniger komplizierten urbayrischen und tiefschwäbischen Dialekte gilt, die sie zugegebenermaßen überraschend authentisch rüberbringt. Selbst Lieder mit Noten werden zitiert. Bisweilen wird der Leser wie aus dem Off direkt angesprochen und kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Stimme vom Teufel selbst kommt. Nicht genug, operiert der Roman mit Sprechblasen und E-Mail-Nachrichten neben jeder Menge Detailwissen aus der Goethezeit. Immerhin kennt die gleich hinter der Protagonistin und Molekularbiologin Johanna Mawet folgende Figur, der 240 Jahre alte Physiker Johann Wilhelm Ritter, Goethe persönlich, war mit Novalis befreundet und hatte mit Geistesgrößen wie Schiller oder Alexander von Humboldt auch sonst was am Hut. Doch wer glaubt, dass dies dem 552 Seiten umfassenden Romanwerk zum Nachteil gereicht, muss schon bald eingestehen, dass er sich irrt. Thea Dorn versteht ihr Handwerk, kann vorzüglich erzählen und beweist wahre Könnerschaft im Umgang mit Sprache, ja, entfacht Lesesucht. Nie ist der Leser vor Überraschungen sicher. Darüber hinaus zählt natürlich der altehrwürdige Stoff, den sie sich hier vorgenommen und wie sie dies bewerkstelligt hat.

 

Das beginnt schon mit dem Titel „Die Unglückseligen“; in Anlehnung und Umkehr der Vorlage stammt er von keinem anderen als dem des „Faust“ selbst. Lässt „Faust“ sich doch vom Lateinischen ableiten und bedeutet so viel wie ‚der Glückselige’. Doch kann man vom goetheschen „Faust“ als ‚Glückseligem’ sprechen, hinterfragt Thea Dorn in einem Gespräch mit Daniel Fiedler ‚auf dem blauen Sofa’ der Leipziger Buchmesse 2016  die Namensgebung. Wohl eher nicht. Laut Dorn hätte er bei Goethe eigentlich  ‚Infaustus’, eben ‚Der Unglückselige’, heißen müssen. Und warum das Plural? Eben weil es sich mit den beiden Naturwissenschaftlern um eine Art Doppelung des Faust handele, beides Grenzüberschreiter seien. Hat sie doch der modernen, entsprechend dem 21. Jahrhundert, weiblichen Faustfigur in Ritter eine sozusagen ursprüngliche Männliche hinzugesellt. Mit diesem Coup ist Thea Dorn allerdings ein Meisterwerk gelungen, wenn nicht der Faustroman des 21. Jahrhunderts. Dementsprechend werden zahllose Motive vom goetheschen „Faust“ in die heutige Zeit transportiert, eine Fülle von Anspielungen daraus ins Feld geführt. So zum Beispiel, wenn es bei Dorn „Ich sage, das Leben ist sinnlos, wenn es bloß entsteht, um im nächsten Augenblick schon zugrunde zu gehen“ heißt und somit ein unverkennbarer Bezug zum berühmten goetheschen „Verweile doch, du bist so schön“ hergestellt wird. Das Faustische Prinzip schlechthin. Ebenso wie der imaginäre Hund bei Dorn uns an ‚des Pudels Kern’ gemahnt, oder wenn an dezidierter Stelle von Teufelspackt und Teufel selbst die Rede ist, Johanna Letzteren sogar beschwören wird. Aber auch die Gretchenfrage wird an sie herangetragen, obschon ins Heute übersetzt: „Glaubst du an Gott?“ Was die mit Mäusen und Zebrafischen experimentierende Molekularbiologin mit „Ich glaube an die Evolution“ beantwortet. Ihr zentrales Anliegen gilt der Frage, wie das Leben zu verlängern, ja, der Tod zu besiegen wäre. Der Faustmythos wird somit kongenial mit modernsten Mitteln in Handlung und Figuren fortgesetzt. So spannend wie wirklichkeitsnah und dementsprechend brisant, zumal die Forschung nach dem ewigen Leben, wie im „Unsterblichkeitskongress“ zur Sprache gebracht, auf Tatsachen beruht.

 

Entschlossen sagt Dr. Johanna Mawet also dem Tod den Kampf an und begibt sich zu Forschungszwecken in die USA. Und, welch Zufall, der nicht der Ironie entbehrt, trifft sie dort mit dem 1769 geborenen Ritter, der offenbar das Gen des ewigen Lebens in sich trägt, den lebendigen Beweis für ihre Hypothesen. Und Ritter erweist sich als ein wahres Unikum, dem auch mal im Zuge einer  Amputation ein Finger oder gar ein ganzer Arm in Kürze nachwächst. Ein Rätsel, das Johanna untersuchen will und dabei an ihre Grenzen stößt. Unterscheiden sich doch dessen Blutwerte in wesentlichen Punkten von denen eines Menschen im 21. Jahrhundert. Doch Johanna gibt nicht auf, experimentiert an sich selbst. Lässt von Ritter seltsame, mit Elektrizität an Galvanismus und Magnetismus angelehnte Rituale über sich ergehen. „Teufelswerk“ konstatiert sie, die Naturwissenschaftlerin. Mit dem Ergebnis, dass sie sich von nun an sicher sein kann, dass sie vermutlich an Alzheimer erkranken wird. Johanna stürzt kopfüber in die Krise, verändert ihr Leben und ihre Essgewohnheiten, verliert Job und Geld und muss um ihren Ruf als Wissenschaftlerin fürchten. Am von der Kritik häufig als gruselig bezeichneten Ende wird sie todkrank.

 

Dies schmälert jedoch nicht die Qualität der Lektüre, einem, wie schon die traditionelle Faustgeschichte, einzigen Leseabenteuer, dabei so provokant wie berührend. Jedenfalls macht es Lust auf eine erneute Lektüre des goetheschen „Faust“. Und nicht von ungefähr spricht kein Geringerer als Martin Walser von einem „Jahrtausendroman“, von einem ‚wirklich großen Werk’ Felicitas von Lovenberg, ‚gedankenreichen Buch und auch einem literarisch reichem Buch’ Rüdiger Safranski und, last but not least, einem „Paukenschlag der deutschen Gegenwartsliteratur“ gar Denis Scheck. Und wir können all den Kritikern und Kennern nur Recht geben.   

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 Hartmut Fanger

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Albrecht Knaus Verlag, München!

Buchtipp des Monats Mai 2016

© Erna R. Fanger      www.schreibfertig.com

Von der Beständigkeit des glücks im Brüchigen

 

Robert Seethaler:  Ein ganzes Leben. Carl Hanser Verlag, München 2014, Taschenbuchausgabe Goldmann Verlag, München 2016.

 

Wer dieses Buch noch nicht kennt, sollte es sich jetzt, wo die Taschenbuchausgabe auf den Markt gekommen ist, nicht entgehen lassen. Für viele 2014 das literarische Ereignis. Der Held, Andreas Egger, einer von ganz unten. Als ungefähr vierjährigen Waisen - um das genaue Geburtsdatum hat sich keiner geschert -, nimmt ihn zu Beginn des vorigen Jahrhunderts so notgedrungen wie widerwillig der Onkel, ein Großbauer, auf. Motiviert einzig von dem Beutel mit Geldscheinen, den der Kleine um den Hals trägt. Später wird er sich an die vielen Prügel wegen Milchverschütten und anderer Lappalien erinnern. Mit der Gerte auf den nackten Hintern. Einmal trifft der Onkel unglücklich das rechte Bein. Seitdem hinkt Egger. Es kommt die Zeit, wo er stark genug ist sich zu wehren: „Wenn du mich schlagst, bring ich dich um!“ Er verlässt den Bauernhof und verdient sich sein Geld als Wanderarbeiter bis er soviel beisammen hat, dass es für die Pacht eines Heuschobers reicht. Er lernt Marie, die Liebe seines Lebens, kennen. Sie heiraten und erwarten ein Kind, als eine Lawine über das Bergdorf rollt. Unspektakulär, wie sich das gesamte, immer wieder von Katastrophen geprägte Schicksal des Helden vollzieht, kündigt sich auch das Unglück an: „In der Nacht wurde Egger von einem merkwürdigen Laut geweckt.“ Es zieht ihn hinaus und dauert nicht lange, ‚bis ihn etwas packte und hoch hob’. Er verliert das Bewusstsein. Über Seiten folgt dann die Schilderung der verheerenden Folgen für das Dorf. Und der Leser hält den Atem an, als es heißt „Dennoch kamen die Dörfler am Sonntag in der Kapelle zusammen und dankten dem Herrn für seine Güte. Denn nur durch göttliche Gnade war es zu erklären, dass die Lawine nicht mehr als drei Menschen das Leben genommen hatte...“ Und er bangt. Und hofft vergebens, um am Ende zu erfahren, dass ausgerechnet Eggers geliebte Marie darunter war. Allein Egger klagt nicht, nimmt mit stoischer Akzeptanz sein Schicksal an, die Dorfgemeinschaft tut das Übrige, kümmert sich um ihn.

            In „Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind“ (Reinbek 2015) veranschaulicht die Philosophin Natalie Knapp in dem Kapitel „Fünf Urkräfte, die uns tragen. Das Trapez des Leben“ unter anderem anhand des Schicksals der Romanfigur Egger, inwieweit dessen Fähigkeit, besagte Urkräfte in sich wirksam werden zu lassen, ihn am Ende zufrieden zurückzublicken lässt:

 

Er hatte oft und oft sein Leben an einen Faden zwischen Himmel und Erde gehängt und in seinen letzten Jahren als Fremdenführer hatte er mehr über die Menschen erfahren, als er begreifen konnte. Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. (...) Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst. Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen großen Staunen.

 

Mit der ihm eigenen Akzeptanz hat Egger Krieg und Folter ebenso erlitten wie Jahre russischer Gefangenschaft. Allein in seinem innersten Kern ist er unversehrt geblieben. Gesegnet mit einem grundlegenden Vertrauen, dass es irgendwie immer weitergeht, getragen von einer vagen Hoffnung an die „Zukunft, die sich so unendlich weit vor ihm ausbreitete, gerade weil er nichts von ihr erwartete“. Und nicht zuletzt überwältigt von der Liebe zu Marie, die ihn, obschon er sie so schnell, viel zu früh, wieder verloren hat, durch das ganze weitere Leben trägt. Schließlich ist es Eggers Lebendigkeit, kraft derer er es immer wieder geschafft hat, sich nicht gegen die existenziellen Herausforderungen zu wehren, sie auch nicht zu beklagen, sondern sich ihnen zu stellen und aus den Gegebenheiten das Beste zu machen.

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Buchtipp des Monats April 2016 

©  Hartmut Fanger

 

„... in Werthers Lücke “ - Eine Hommage an die Großeltern

 

Joachim Meyerhoff:  Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

 

Es gibt nicht viele Autoren, die nach einem Bestseller mit ihrem Folgeband die Erwartungen der Leserschaft erfüllen. Joachim Meyerhoff ist dies sehr wohl gelungen. Mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ setzt er sein Erfolgsprogramm mit denselben Mitteln wie schon in „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ fort. Anrührend und heiter, mit seiner eigentümlich überbordenden, dabei immer warmherzigen Tragikomik, schildert der Ich-Erzähler diesmal den dreieinhalbjährigen Aufenthalt bei den geliebten Großeltern in München während der Ausbildung an der Schauspielschule.   

 

Allein der Anfang, wenn von den bemerkenswerten „Fünf Etappen“ eines Tages der Großeltern erzählt wird, regt zum Lachen an. So beginnt der Morgen beschwingt mit Champagner, zum Mittagessen wiederum wird Weißwein getrunken, der Abend wird mit einem Whisky eingeläutet, während es zum Abendessen Rotwein gibt und die Nacht mit einem Glas Cointreau beschlossen wird. Nicht ganz spurlos geht dies an einem ungeübtenTrinker, wie dem zwanzigjährigen Ich-Erzähler, vorüber. Und nicht selten wacht er so manche Nacht ‚rotweinverwirrt’ auf und ‚hört seinen Puls im daunengeblähten Kopfkissen klopfen’. 

            Doch es sind nicht nur diese Tagesabläufe, die das Ganze so lesenswert machen. Es ist vornehmlich der liebevolle Blick auf die Figuren der Großeltern, starke, von Eigensinn geprägte Charaktere, die Meyerhoff sympathisch, lebensnah und vor allem plastisch in Erscheinung treten lässt. So zum Beispiel, wenn die Räume stets erfüllt sind von dem Duft des ‚Shalimar-Parfüms’ der Großmutter, Letztere ‚immer wieder auswendig ihre Lieblingsdichter, wie Paul Celan, Nelly Sachs und Matthias Claudius rezitiert’ oder bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit  einem herzhaften „Moooahhhh“ ihre Überraschung und Freude zum Ausdruck bringt. Von den seitens der Grande Dame bevorzugten „Menthol-Dunhill-Zigaretten“ und der ausgewählt eleganten Kleidung ganz zu schweigen.

            Der Großvater steht dem in nichts nach. Zum Beispiel, wenn er mit Vorliebe ‚Meisen mit Pininenkernen aus dem Feinkostladen füttert’. ‚Generalstabsmäßig’ plant er jedes Mal die zahlreichen Wanderausflüge, indem er einen Tag zuvor schon auf Landkarten mit ‚Maßstabrädchen’ und ‚Kompass’  die Route absteckt, sich dazu Notizen macht. Oder wenn er immer viel Luft benötigt, da er seit dem Krieg nur noch einen Lungenflügel besitzt.

 

Über die so originellen wie zu Herzen gehenden Episoden mit den Großeltern hinaus sind es des Weiteren die Geschichten aus dem Alltag des Ich-Erzählers in der Schauspielschule, die den Leser in den Bann ziehen. Spannend liest sich bereits, wie die Aufnahmeprüfung vonstatten geht. Als einer unter Hunderten wird der Ich-Erzähler mit der Darbietung einer Szene aus Büchners „Danton“ zu dessen eigener Überraschung genommen. Und es war wohl die Erinnerung an den Tod seines Bruders im Zuge der Zeile „Doch hätte ich anders sterben mögen, so ganz mühelos, so wie ein Stern fällt...“, die den Ausschlag dazu gab. Eine Antizipation dessen, was am Ende des Buches noch einmal zur Sprache kommt, wenn erst der Vater, dann der Großvater und schließlich ‚vier Monate darauf’ die Großmutter stirbt.

            Ob auf der Bühne, ob im Leben: die Omnipräsenz des Todes scheint allgegenwärtig. Doch Meyerhoff bringt das Kunststück fertig, auch

ihm die heiteren Momente abzugewinnen. Davon zeugt nicht zuletzt der Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ entlehnte Titel „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“. Mit seinem Sinn für Witz und Aberwitz schildert Meyerhoff, wie er sich ‚über zweihundertvierzig Mal als Werther erschossen hatte’ und wie unterschiedlich das Publikum darauf reagierte. So sei es zum Beispiel ‚in Schulen viel schlimmer gewesen, sich zu erschießen, wo die Schüler darüber gelacht und „endlich“ gerufen hätten, als etwa im Theater’.

 

Mit der Aufnahme an der Schauspielschule beginnt zugleich ein Stück Leidensgeschichte des Ich-Erzählers. Es sieht von Beginn an bis zum Schluss nicht unbedingt danach aus, dass der Beruf der Richtige, die gesamte vielseitige Ausbildung Erfolg versprechend ist. Selbst als er besagte Rolle als Werther bekommt, fühlt sich der Ich-Erzähler darin nicht gerade bestätigt. Ebenso wenig wie es ihm gelingt, eine Beziehung zwischen ihm und einer der begehrten Schauspielkolleginnen zu knüpfen. Entschädigend sind hingegen die Begegnungen mit dem Filmteam und mit Horst Tappert, wo es wiederum nicht an komischen Momenten mangelt.

 

Ich kann Ihnen dieses Buch mit seinen außerordentlichen Perspektiven auf das Leben und zugleich den Tod nur empfehlen.

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Siehe hierzu auch meinen Buchtipp vom Juni des Jahres 2014 „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ im unseren Archiv. 

 

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Verlag Kiepenheuer & Witsch!

Buchtipp des Monats März 2016

© Erna R. Fanger             www.schreibfertig.com

Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke:

Fragile Freundschaft im Schatten des Erfolgs

 

Klaus Modick: Konzert ohne Dichter. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

 

Wer die Gegend um Worpswede kennt, das malerisch in die Landschaft sich schmiegende „Otto Modersohn Museum“ zu Fischerhude, das Rilkehaus in dessen unmittelbarer Nachbarschaft, heute ein Café, in das vornehmlich am Wochenende Heerscharen Erholung Suchender strömen, aus dem Umland kommend, Bremer ebenso wie Hamburger, wer dort, unter dem lichten weiten Himmel der flachen Moorlandschaft, umgeben von grüner Idylle, selbst schon einmal geweilt und dem Bann dieses Fleckchens Erde erlegen ist, wird in dieser Hommage an eine versunkene Welt und ihre schillernden Figuren schwelgen.   

       Künstler und Mäzene, mächtige Männer und verkannte „Malweiber“. Ein jeder mit seinen Hoffnungen und Aufbrüchen und, immer wieder, dem unvermeidlichen Aufprall in einer schnöden, für derlei Höhenflüge nicht empfängliche Wirklichkeit. Die erzählte Zeit umspannt nicht mehr als drei Tage, den 7. bis 9. Juni im Jahr 1905. Wobei die Chronologie fortwährend von Rückblenden durchbrochen wird, die die lineare Zeitwahrnehmung kaleidoskopartig aufsprengen - meisterhafte Inszenierung der unterschiedlichen Zeitebenen. Erzählt wird aus der Perspektive des Künstlers und Protagonisten Heinrich Vogeler. Auf dem Zenith seines Schaffens und Erfolgs gewährt er intime Einblicke in die Geschichte des von ihm erworbenen und durchgestalteten Barkenhoffs zu Worpswede, Mittelpunkt der dort ansässigen Künstlerkolonie, die zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits zerstritten und zerbröckelt ist. Protagonist ist zugleich jedoch die Moorlandschaft im wecheselnden Licht der Jahreszeiten, die Modick in präziser Bildersprache grandios in Szene setzt.

            Doch nicht nur um die Beziehung zu den Worpsweder Künstlern geht es dabei, sondern wesentlich um Vogelers Freundschaft zu Rilke, die sich einst als „Brüder im Geist“ erkannt zu haben glaubten. Als zentrales Motiv, zweiseitig farbig abgedruckt, auch Anfang und Schluss des Buchs bildend, dient das Bild „Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff“. Höhepunkt seiner Laufbahn, bringt es ihm auf der „Norddeutschen Kunstausstellung“ zu Oldenburg gar die „Große goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft“ des Großherzogs ein. Doch äußerer Glanz und Herrlichkeit trügen. Im Innern von Selbstzweifeln gepeinigt, betrachtet Vogeler selbst das gefeierte Werk als „Bankrotterklärung“ und will es von seinem Gönner und Mäzen Roselius zurückkaufen, um es zu vernichten, was er jedoch für sich behält. Der Titel, den er selbst dem Bild zugesprochen hätte, lautet denn auch, entsprechend dem Titel des Buches, „Konzert ohne Dichter“. In Anspielung auf das Fehlen Rilkes, der in früheren Entwürfen noch zugegen ist zwischen seinen Geliebten, der Bildhauerin Clara Westhoff, mit der er später auch verheiratet ist, und Paula Becker, spätere Modersohn-Becker. Frappierend die Diskrepanz zwischen dem 

    äußeren Erfolg Vogelers, der in dem Werk kulminiert, und dem inneren Niedergang der einst enthusiastich gefeierten Beziehung zwischen ihm und Rilke. Und das alles inmitten der nicht minder vom Aufbruch in die Moderne beseelten Künstlerseelen. Darunter die bislang strikt ignorierten, in Akademien zum Studium nicht zugelassenen Frauen, wie Clara Westhoff oder Paula Becker, die eben dabei sind, sich ins Bewusstsein der Kunstwelt emporzuschwingen.

       Nach eigenen Angaben lediglich Fiktion, dienten Modick als Quellen Rilkes Werke mit Schwerpunkt der Tagebücher und Briefe sowie Heinrich Vogelers fragmentarische Lebenserinnerungen „Werden“. Umso überzeugender erscheint die in der Figur Heinrich Vogelers sich manifestierende Intuitionsleistung. Zumal in der eindringlichen Reflexion der Freundschaftsbeziehung zwischen dem Dichter und dem Maler. Einst in Florenz, im Mai 1898, waren Vogeler und Rilke miteinander bekannt geworden, inmitten eines Dutzend Deutscher, Schweizer und Italiener, Dichter und Musiker, Schauspieler und Kritiker, geschaart um den Schweizer Kunstliebhaber und Mäzen Schneeli. Und eine feine Distanz gegenüber der exaltierten Gesellschaft, sich in Blicken, Gesten, scheinbar unbedeutenden Bemerkungen manifestierend, vereinte die Beiden schnell, umschloss sie wie mit einem unsichtbaren Band: „Es lag ein gegenseitiges Verstehen, ein nach innen gewandtes, unsichtbares aber erwidertes Lächeln, in diesem Kontakt.“ Schnell zogen sie sich dann auch zusammen ans Arnoufer zurück und vertieften sich dort auf einer Caféterrasse ins Gespräch, wurden sich ihrer Seelenverwandtschaft gewahr. In derselben Nacht noch, zurück im Hotel, nahm Vogelers Meisterwerk in dessen Fantasie erste Gestalt an, inspiriert von der Leichtigkeit heiterer Nacktheit Botticellis, Giorgiones und Tizians.

       Im Winter desselben Jahres erfolgte Rilkes erster Besuch auf dem „Barkenhoff“, der eine Vorstellung von Heimat in dem Ruhe- und Rastlosen  aufkommen ließ. Zwei Jahre später, Ende August, kam er noch einmal, diesmal um bis Anfang Oktober zu bleiben. Mächtig mischte er die bunte Gesellschaft um das Anewesen, „die Familie“, wie Paula befand, auf und hinterließ einen tiefen Eindruck, vornehmlich bei der Damenwelt. Wobei er sich gleichzeitig in Clara und Paula verliebte. Was wiederum für reichlich Stoff in der stillen Post unter den Worpswedern sorgte.

       Die gesammelten Eindrücke aus dieser Zeit finden sich 1903 in Rilkes Worpswede-Buch, Art Huldigung des künstlerischen Schaffens Vogelers, die jedoch zu diesem Zeitpunkt bereits der Ernüchterung und Abkehr von dem einst verehrten ‚Bruder im Geiste’ gewichen war. Vogeler wiederum hatte so manches Werk des Freundes illustriert, so etwa auch dessen Gedichtband „Mir zur Feier“ (1900). Die zusehends sich abzeichnende Entfremdung findet in besagten unzähligen Rückblenden Ausdruck, oft nichts als Erinnerungsfetzen. In minutiösen, facettenreichen Beobachtungen der exklusiven Haltung Rilkes, dessen zunehmend radikale Abkehr vom profanen Leben und Hinwendung zu Sphären reinen Künstlertums, dem kein Alltagsgeschäft, schon gar nicht die Obhut der eigenen Tochter etwa, standhielt. Ganz zu schweigen von der Finanzierung eines solchen Lebensstils, was, wie man munkelte, wohl von etlichen seiner wohlhabenden Gönnerinnen besorgt wurde.

       Erfährt der Leser von Vogeler vornehmlich von den unabdingbaren Schattenseiten des Erfolgs, auf dessen Höhe er ihn hier erlebt, lernt er bei Rilke die Kehrseite eines Genius kennen, dessen hochtrabende Poesie nicht selten von schödem Schnorrertum und verschrobenener Selbsterhöhung konterkariert wird. Die Wahrheit hinter alledem mag sich jeder selbst ausmalen, es aus dem Werk der beiden großen Künstlerfiguren herausdestillieren. „Vorhang zu und alle Fragen offen“ vielleicht das angemessene Fazit.

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Buchtipp des Monats Februar 2016

© Erna R. Fanger             www.schreibfertig.com

Frostschutz durch Vereisung

 

Dörte Hansen: Altes Land. Knaus Verlag, München 2015

 

Dieser in knapp-lapidarer Sprache und mehreren Strängen erzählte Debutroman birgt viele Geschichten. Sei es über das Drama der ostpreußischen Flüchtlinge und das ihrer Pferde, sei es die Geschichte von Müttern und Töchtern, sei es die der gesattelten Mittelständler Ottensens, Blankeneses oder Eppendorfs wie auch ihrer Kleinkinder, die sie ‚wie Pokale’ vor sich hertragen, sei es über das Alter, die Blessuren, aber auch die Chancen, die es birgt, und – natürlich, der Titel verrät es, Geschichten über’s Landleben, aber auch, und das nicht zuletzt, die Geschichte eines alten Bauernhauses.

            Im Zentrum verfolgt der Leser drei Generationen von Müttern und Töchtern. Angefangen bei der ostpreußischen Sängerin Hildegard von Kamcke und ihrer 5-jährigen Tochter Vera. Als einstige Gutsherrin verschlägt es sie auf der Flucht ins Alte Land, auf Ida Eckhoffs Hof. Die empfängt sie mit „Weveel koomt denn noch vun jau Polacken?“ Aber eine von Kamcke lässt sich nicht einschüchtern. Am Ende heiratet sie den nach zwei Jahren im Zuge des Krieges vollkommen traumatisiert heimkehrenden, aber gutmütigen Sohn Karl. Als sie – Vera war eben neun geworden – einen riesigen Eichenschrank, der 200 Jahre am selben Platz gestanden hatte, wegschleppen lässt, um Platz für ein Klavier zu schaffen, kommt es zum Eklat. Ida Eckhoff schlägt ihr „zweimal schallend ins Gesicht“, Hildegard von Kamcke schlägt zurück, zieht den Mantel an und holt ihren Mann »„Deine Mutter oder ich“«. Auf dem alten Klavier spielt sodann mit solchem Furor „Alla turca“, dass keiner hört, wie es auf dem Dachstuhl rumst, als Ida Eckhoff sich erhängt.

            Von der Nachkriegszeit schwenkt der Roman immer wieder ins gegenwärtige Ottensen. Dort unterrichtet die herausragende, aber nicht fertig studierte Flötistin, dafür gelernte Tischlerin Anne in einer Einrichtung für musikalische Früherziehung. Mit der als hochgezüchtet, durchaus rücksichtslos gezeichneten Elternklientel, wenn’s ums Wohl ihrer Sprösslinge geht, hat sie nichts am Hut. Selbst Mutter eines kleinen Jungen und liiert mit Christoph, in der Szene geschätzter Krimiautor, werden die Drei als ‚lose verhäkelte Luftmaschen’ skizziert. Und es kommt dann auch schnell zum Bruch, als Anne Christoph in flagranti mit seiner Lektorin erwischt. Sie packt ihre Sachen und fährt mit Sohn Leon und dessen Kaninchen Willy Richtung Altes Land zu ihrer Tante Vera, 15 Jahre ältere Schwester ihrer Mutter Marlene, der zweiten Tochter Hildegard von Kamckes, die, beide von Stand und sich dessen auch bewusst, jeweils zumidest ‚einen Mann mit Potenzial’ geheiratet hatten.

            Der Leser erfährt im Zuge dessen, dass Hildegard mit einem Architekten Mann und Tochter verlassen hatte, um mit diesem im feinen Hamburger Blankenese eine Familie zu gründen. Vera hingegen, Außenseiterin, mit Karl - beide entwurzelt, jeder auf seine Weise

einsam - eine vertrauensvolle Notgemeinschaft bildend, legt ein Einserabitur hin, wird Zahnärztin und eröffnet im Alten Land eine Praxis. 

            Wie von ihrer Mutter gewohnt, legt Marlene bei der musikalischen Erziehung ihrer Kinder äußerste Strenge an den Tag. Doch während Sohn Thomas es zu einem international anerkannten Konzertpianisten bringt, treibt dies Tochter Anne eher in die Enge, sodass sie, obschon gegen den Widerstand ihrer Eltern, eine Tischlerlehre antritt.

            Um diese Hauptfiguren ranken sich die Geschichten jeder Menge, zum Teil von Schicksalsschlägen gebeutelter Nebenfiguren. Allein die des traumatisierten Karl oder des berührend gezeichneten Nachbarn Heinrich Lührs, dem nicht nur der alkohlkranke, gewalttätige Vater im Nacken sitzt, sondern der obendrein seine geliebte Frau Elisabeth durch einen Autounfall viel zu früh verliert. Ganz zu schweigen von Burkhard Weißwerth, ‚freigestellter Textschef’, jetzt Autor von „Elbmenschen – Knorrige Gesichter einer Landschaft“, und seiner depressiven Frau Eva. Beide, einst der Eppendorfer Schickeria zugehörig, scheitern kläglich an ihren romantischen Vorstellungen vom Landleben. Und so enttäuscht wie erbost über die einst von ihnen gefeierten Landleute ziehen sie ab, um in Hamburg ihr reichliches Erbe anzutreten und diesen „Bodensatz, die Resterampe“, die in einem solchen „Kaff“ bis ans Lebensende ausharrte, hinter sich zu lassen. Nicht zu vergessen Dirk vom Felde, als Altländer Bauer ohne Mätzchen wie ÖKo gezeichnet und um sein ökonomisches Überleben mit drei Kindern kämpfend, und seine witzig-originelle Frau Britta, geradeheraus, Töpferin, die außerdem ‚mit kleinen Stotterern und Lisplern Sprechen übt’. Bereicherung des ohnehin farbigen Personals.

            Vom ganz normalen Wahnsinn und immer wieder einbrechenden Unglück in die menschliche Existenz wimmelt das Buch nur so, das weniger der Chronologie als vielmehr den Erinnerungsbildern seiner Figuren folgt. Das Ermutigende, bei all dem Elend, das seinen Ursprung wesentlich in der in Krieg und Flucht erlittenen seelischen Verstörung der Protagonisten hat, ist der sich abzeichnende, allmähliche Prozess einer Heilung, der sich nicht zuletzt in der Renovierung des alten Hauses von Vera unter Annes Aufsicht manifestiert. Denn Vera wollte nicht mehr daran rühren, nichts mehr verändern, seit nach dem Verrücken einst des alten Eichenschranks das Unglück über das Haus gekommen war, das unter der Last der Jahre von Gespenstern heimgesucht zu werden schien und in dem Vera selten nachts Schlaf fand. Selbst Heinrich verbittet sich endlich die Pflichtbesuche seines Sohnes und dessen Frau samt Enkeln, findet andere Wege, Familienbande zu pflegen und ist immer häufiger drüben bei Anne, Vera und Leon, für den er einen Kaninchenstall baut. Am Ende sind sie zu einer kleinen Familie zusammengewachsen.

            Am ersten Ostersonntagmorgen seit Annes Flucht ins Alte Land weckt Vera sie, um ihr etwas zu zeigen. So besprühten die Bauern in kalten Frühjahrsnächten ihre Blüten mit feinen Wassertröpfchen, die im Nachtfrost eine dünne Eisschicht bildeten, „Eismäntel für die Blüten‚ Frostschutz durch Veieisung“. Motiv, das sich seit der Flucht Hildegard von Kamckes erhellend durch die Geschichte all der, vornehmlich hier agierenden Frauenfiguren, zieht. Damals musste sie, wie viele andere Mütter, ihren erfrorenen kleinen Jungen im Kinderwagen am Straßenrand stehen lassen. Im Zuge dessen vereiste offenbar auch ihre Seele. Überlebensstrategie. Vereisung, die sie, notgedrungen, an ihre Töchter und Kindeskinder weitervererbt zu haben schien.

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Buchtipp des Monats Januar 2016

© Erna R. Fanger             www.schreibfertig.com

 Vom Drama des Menschseins zwischen „Anmassung und  Ewiger Wahrheit“

 

Christiane Ritter: Eine Frau erlebt die Polarnacht. Ullstein Taschenbuch Berlin 2014 (2003 Ullstein Heyne List, München)

 

Erstmals 1938 im Proyläen Verlag erschienen, hat der Bericht der Malerin Christiane Ritter, die mit ihrem Mann und einem Pelzjäger 1934 für ein Jahr in die Einsamkeit der Arktis in Spitzbergen aufbricht, an Faszination bis heute nichts eingebüßt. Auf sich gestellt, weit ab jeglicher menschlicher Siedlung in einer einfachen Hütte ohne technische Hilfsmittel, sehen sich die Drei einer übermächtigen Natur ausgesetzt. „Ein schauerliches Land“, erster Eindruck der Autorin angesichts der unwirtlichen Nebellandschaft. Darüber zu sinnieren keine Zeit. Einen ‚typischen Männerhaushalt’ gilt es unter primitivsten Verhältnissen funktionstüchtig zu machen. Und das unter völlig neuen Bedingungen, wo es weder Tag noch Nacht gibt, ‚ein Tag in den anderen über fließt’. Es dauert, bis sie sich daran gewöhnt, dass Seehund zu essen zum Überleben gehört, und das Faszinosum erkennt, das von  der Landschaft ausgeht:

 

Bei kaltem Seehund und Kondensmilch aus der Büchse genieße ich (...) diese hellen Nächte. Es liegt über ihnen eine eigenartige Weihe. Es ist, als schlügen die Wellen leiser, als flögen die Vögel langsamer – die Nacht ist wie der Traum des Tages.

 

Brot herzustellen alles andere als eine Selbstverständlichkeit: „Was ist das für eine Lust, einmal wieder in frisches Brot zu beißen, wenn man schon lange keines mehr gehabt hat. Von diesem Genuß hat man keine Ahnung im Überfluß Europas.“ Der berührenden Begegnung mit dem Polarfuchs Mikkl folgt eine Bootsreise von Hütte zu Hütte ins Landesinnere.

       Nach einem Monat mit Tag und Nacht versinkt die Erde wieder im Schatten; die lange Polarnacht zwischen dem 22. Oktober und dem 24. Februar kündigt sich an. Und während die Männer für Tage auf der Jagd sind, erlebt Ritter den ersten Schneesturm in der Hütte:

 

Ich bin allein im rasenden Trommelfeuer eines Orkans. Ich glaube, Blizzard nennt sich sowas in den arktischen Büchern. Jedenfalls habe ich niemals etwas Ähnliches in Europa erlebt. Es klingt vom Inneren der Hütte aus, als führe man dauernd im Exppreßtempo über eisene Brücken und durch brüllende Tunnels, die kein Ende nehmen. Neun Tage und neun Nächte rast der Sturm ohne Atempause.

 

Eine Erfahrung, die nicht nur die ganze Landschaft ringsum in Aufruhr versetzt, sondern vor allem die Seele. ‚Klein und voller Ahnung’ fühlt sich die Autorin und erkennt erstmals, „daß die Dinge in der Einsamkeit einer überstarken Natur einen anderen Sinn haben (...)“ Nicht minder gewaltig der Eindruck der „Ruhe nach dem Sturm“, wo sie, „verloren an der Küste“, ‚die Gewalt der weltweiten Ruhe packt’: „ich verliere die Grenzen meines Seins in dieser überstarken Natur, und zum erstenmal ahne ich das gottgewollte Geschenk des

 Mitmenschen.“

       Den Höhepunkt jedoch bildet das Erlebnis der Polarnacht selbst, wenn ‚die Welt in tiefer Dämmerung liegt, aus der sie sich nicht mehr zu erheben vermag, die Landschaft nichts Irdisches mehr hat und in ihrer Entrücktheit ein in sich geschlossenes Leben zu führen scheint.’ Und während die Welt draußen zur tiefsten Nacht wird, ist jeder der Drei, an die Hütte gefesselt, auf sich zurückgeworfen und gefordert, sich zu beschäftigen. Zeit zu lesen, zu schreiben, Handwerkszeug auf Vordermann zu bringen, Dinge auszubessern, zu reparieren. Bis sich Mitte Dezember die ersten Nebel wieder zu lichten beginnen:

 

Da lösen sich helle Schleier aus dem Himmel. Sie wehen wie vom zartesten Lufthauch bewegt in immer leuchtenderen Riesenwellen über den ganzen Himmel hinweg. Wir sehen den leuchtenden Rhythmus der Sphäre, bis die Schleier verschwinden, und dann sind wir kleine Menschen, die sich stumm und schwer vorwärts kämpfen durch den Sturm auf der Erde.  

 

Überwältigend das Erleben des Nordlichts, das in ‚hellen Strahlenbündeln vom Himmel herab schießt, wie leuchtende Stangen aus Glas in Rosa, Lila und Grün erstrahlen und sich in einem wilden Tanz quer über den ganzen Himmel hinweg um ihre eigene Achse drehen.’ Aber noch handelt es sich allenfalls um erste Anzeichen der Wiederkehr des Lichts. Und bis 24. Februar ist es noch lange hin. Das Gefühl einer ‚nicht enden wollenden Finsternis: „Nun ist es ganz schlimm, ganz tot um uns herum...“

 

Die Tage vergehen ohne Erleben (...), ohne erlösenden Blick in die Wirklichkeit der Welt (...), umgeben von der ewigen Finsternis und tiefen Stille. Inmitten der grenzenlosen Totheit und Starre alles Körperlichen beginnt langsam der bewegte Sinn seine eigenen Wege zu gehen. Immer häufiger, immer greller, je länger die Winternacht dauert, erscheint eine eigenartige Helle vor dem inneren Auge (...) Es ist, als fühlte man hier in der Abgeschiedenheit mit besonderer Klarheit die großen Gesetze der Seele, die himmelhohe Kluft zwischen menschlicher Anmaßung und ewiger Wahrheit.  

 

Nicht umsonst die hellsichtige Vermutung der Autorin, dass wie einst Wahrheitssucher zu biblischen Zeiten die Wüste aufsuchten, diese sich künftig in die Arktis begeben könnten.  Hellsichtig insofern, als Abenteuertourismus allgemein, darunter der Arktis-Tourismus im Besonderen zunehmend von Interesse sind.

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

 

 

 

Buchtipp des Monats Dezember 2015

© Hartmut Fanger www.schreibfertig.com


Psychologische Finesse, feiner Humor und überraschende Einsichten

 

William Trevor: Ein Traum von Schmetterlingen

Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Hans Christian Oeser mit einem Vorwort von Thomas David

Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015


Seit jeher sind die  Erzählungen des irischen Erfolgsautors William Trevor in die Nähe von James Joyce, insbesondere dessen „Dubliners“, gerückt und somit auf die Höhe der Weltliteratur erhoben worden. Hierzulande eher von Kennern geschätzt, genießt der inzwischen 87 Jährige vornehmlich in Großbritannien hohe Popularität. Dem „Hoffmann und Campe Verlag“ verdanken wir nun mit dem 750 Seiten umfassenden und in Leinen gefassten Band „Ein Traum von Schmetterlingen“ eine Auswahl seiner Meistererzählungen. Darin enthalten „Die Frauen des Klavierstimmers“ und „Die Frauen“, hier zum ersten Mal auf Deutsch erschienen – 2013 erst im „New Yorker“ publiziert.

 

Der vorliegende Band nun beginnt mit „In Isfahan“ aus dem Jahr 1975, womit er damals seinen Durchbruch erzielt hat. Im Iran zu einer Zeit spielend, als es noch einen Schah gab, begegnen sich zwei einsame englische Touristen auf einer Stadtrundfahrt. Normanton, Mann mittleren Alters, und Iris Smith, in den Dreißigern. Und es spricht für sich, dass beide unabhängig voneinander nach einem Besuch in der Freitagsmoschee vom Touristenpfad abkommen. Ab da treffen sie sich öfters, tauschen sich aus. Am Ende muss Normanton jedoch feststellen, dass die in Bombay verheiratete Iris Smith, die sich im Gegensatz zu ihm geöffnet und ihm ihre Geschichte offenbart hat, eine „Klasse“ aufweist, mit der er nicht mithalten kann. Die überraschende Einsicht der Hauptfigur wiederum ist typisch für die Figuren, die den Erzählkosmos Trevors ausmachen, und wird dem Leser in noch mancher seiner Erzählungen begegnen. Ebenso typisch der häufige Perspektivwechsel. Mal erleben wir Normanton aus der Sicht von Iris Smith, dann wiederum Letztere aus der Perspektive Normantons. Aber auch an einer wohl dosierten Prise Humor lässt es Trevor nicht fehlen und steht damit durchaus in guter alter englischer Tradition. So entbehrt etwa die schillernde, Witze reißende Nebenfigur Hafis durchaus nicht der Komik, wenn er sich als Reiseführer ausgibt, zugleich jedoch bekennt, dass er weder Französisch spricht, was für die meisten Touristen aus Frankreich ein Ärgernis ist, noch sich in der Stadt, die er selbst zum ersten Mal besucht, auskennt. In der letzten, oben bereits erwähnten Erzählung „Die Frauen“ (2013) des vorliegenden Bandes taucht Normanton übrigens noch einmal auf, womit vom Verlag zugleich ein Rondo erzielt wird.

 

Auch die bedrückende Grundstimmung von „In Isfahan“ trifft auf weitere Erzählungen Trevors zu. So etwa „Einsamkeit“ (2004), wo die junge Ich-Erzählerin Villana den Liebhaber ihrer Mutter die Treppe hinunterstößt, was als Unfall getarnt wird. Man munkelt von ‚Lügen des Vaters’ und ‚erkauftem Schweigen der Bediensteten’. Schon im Vorfeld heißt es, dass Villana den Liebhaber der Mutter ‚so sehr hasst, dass sie ihm den Tod wünscht’. Wenige Seiten später lesen wir von einem ‚stürzenden Körper’ und einem ‚zersplitternden Geländer’, einem ‚dumpfen Schlag, nachdem die junge Frau ihren Arm nach dem Mann ausgestreckt, ihre Fingerspitzen auf den dunklen Ärmelstoff gelegt und dessen Arm gespürt hatte’. „...So schnell dann die Bewegung, so leicht, als wäre sie gar nicht geschehen...“ Wobei die Tochter ihrem von ihr so geliebten Vater und Ägyptologen nichts von der Untreue der Mutter verrät. Doch das Ereignis lastet schwer auf der Seele aller drei Protagonisten, deren Leben sich von da an radikal verändert und die sich fortan im Hotel aufhalten. Villana braucht nicht mehr zur Schule zu gehen, wird von ihren Eltern unterrichtet. Der Vater hat keinen Beruf mehr, wird, so Villana, „zum Amateur, ein Status, den er einst verachtet hatte. Seine Bücher schrieb er trotzdem, doch er wollte sie nie veröffentlichen...“

 

Eine der Stärken Trevors ist es, Alltagsgeschichten eindringlich, dabei mit psychologischer Finesse zu erzählen. So in „Die Frauen des Klavierstimmers“ aus dem Jahre 1996, wo es darüber hinaus auch an Schwarzem Humor, und sei es ein Quäntchen, nicht mangelt. Bereits der erste Satz klingt  vielsprechend: „Violet heiratete den Klavierstimmer, als er ein junger Mann war. Als er alt war, heiratete ihn Belle. Und Belle nutzt die Erblindung des Klavierstimmers ohne jeden Skrupel aus. Schließlich muss sie feststellen, dass „trotz Hund und...trotz der Dinge, die für das Haus angeschafft oder entsorgt wurden“ – sich nichts an dessen Sympathie zur Vorgängerin geändert hat. Und dies, obwohl er „ihr versicherte, dass er sie liebe, ... er ihr beteuerte, wie lieb sie sei“. Allein seine erste Frau Violet hätte ihm gesagt, ‚welche Blätter sich verfärbten..., ihm berichtet, ob Ebbe oder Flut herrschte...Violet war der Gesichtssinn des blinden Mannes gewesen, sie war es, die der Nachfolgerin keinen Raum zum Atmen ließ’.

 

Zu guter Letzt schließen wir uns der Literary Review an: „Mit der Genauigkeit eines Chirurgen und der Eloquenz eines Dichters präsentiert Trevor dem Leser die Nischen des menschlichen Herzens“

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Hoffmann und Campe Verlag!

Lesen schult das Sprachvermögen
Schreibschule

Buchtipp des Monats November 2015

© Erna R. Fanger www.schreibfertig.com

Von der Unmöglichkeit der Liebe und ihrer allumfassenden Präsenz

Ilma Rakusa: Einsamkeit mit rollendem “r“. Erzählungen. Literaturverlag Droschl, Graz -Wien 2014 

Die preisgekrönte Autorin und Übersetzerin Ilma Rakusa, 1946 in der Slowakei geboren, aufgewachsen in Zürich, hat mit diesem Erzählband 14 Miniaturen vorgelegt, die das Leben der Protagonisten, Ausschnitte davon, kaleidoskopisch, in rasch wechselnden Bilderfolgen Innen- und Außenwelten durchleuchtend, vor Augen führen. Von der Liebe, im weitesten Sinne, handeln alle 14 Erzählungen. Sieben davon von der Liebe zu Frauen und Männern gleichermaßen, die weiteren Sieben von der Liebe zu Orten. Dementsprechend die Titel, den Namen der Protagonisten oder aber besagter Orte tragend. Erotik immer im Spiel. Erotik im Sinne einer geheimnisvollen Energie, die den Leser im Zuge der Detailversessenheit der Diktion verführt und ins Geschehen involviert. Ohnehin gibt es keine Wahrheiten zu enthüllen. Was zählt, ist das fiktive Jetzt, das sich in rasanter Bilderfolge nahezu verflüssigt und dazu einlädt, die Oberflächen der Erscheinungen von allen Seiten gleichzeitig ins Visier zu nehmen. Meisterhaft beherrscht Rakusa menschliche Existenz in ihrer Prozesshaftigkeit vor Augen zu führen. Es gibt keine Anhalts-, allenfalls Berührungspunkte inmitten des existenziellen Ansturms, der das erzählerische Universum Rakusas ausmacht und zugleich als Vehikel fungiert, den ihr eigenen, unerschöpflichen poetischen Kosmos freizusetzen. Wie erwähnt, geht es immer um die Liebe. Und gerade wo sie sich in ihrer Abwesenheit als Hölle erweist, etwa in dem sibirischen Dorf Koljansk, wo ‚einer gegen den andern lästert’, ein verfluchter, düsterer, glückloser Ort, gewinnt sie umso mehr Präsenz, und sei es in ihrer Dringlichkeit. Ein leuchtender Stern am Rakusaschen Erzählhorizont Marja. Lichtgestalt, der ihre „verlotterte Kindheit“ nichts anhaben konnte. Der Vater, „den Krieg in den Knochen“, notorischer Trinker. Die Mutter, seiner Gewalt, seinen Schlägen ausgesetzt, unfähig, auch nur ein Essen auf den Tisch zu bringen, alles im Haushalt „Klein-Marja“ überlassend, starb schon früh. Mit dreizehn auf sich gestellt, schöpfte sie Kraft aus der Natur: „Im Sommer leuchteten die Blumen. Vögel schossen aus den Büschen. Weißt du, was Glück ist? Wenn ein Zitronenfalter auf dich zutanzt.“ Bei der geistig verwirrten Babuschka, Großmutter mütterlicherseits, fand sie keinen Halt, während der Vater dabei war, sich zutode zu trinken.

            Marja bricht auf, lässt sich zur Krankenschwester ausbilden, verliebt sich in den deutschen Austauschstudenten Paul, der sie schließlich nach Berlin holt, wo sie heiraten. Das Glück scheint perfekt. Marja:

 

Als hätte sie fünf Hände: sie war flink. Zauberte in Windeseile ein Mittagessen herbei. Ei mit Sardelle und gehackter Petersilie, Spaghetti auf Försterart, Orangensorbet. Die Pfannen flogen, aber schepperten nicht. Die Messerchen zerhackten Kraut, Rüben, Speck, sie sang dazu. Sie sang, wenn sie Geschirr spülte, die Schuhe schnürte, wenn sie strickte, flickte, den Spiegel blank rieb. Sie sang, wenn das Radio sang, passend. Sie sang in den Wald hinein.

 

Aber die Idylle in Deutschland, das Glück der jungen Ehe, bekommt Kratzer. Wenn sie Heimweh hat, setzt sie sich in die S-Bahn, fährt ins Grüne: ihr Geheimnis. Als emsige Leserin und Besucherin russischer Buchhandlungen bringt sie mehr und mehr in Erfahrung, wie korrupt das sowjetrussische System war, wie das Volk betrogen und belogen wurde. „Nichts wussten wir, nichts“, erkennt sie zusehnds mit Bestürzung. Das Singen fällt ihr schwer. Paul geht mit ihr Tanzen. Sie genießt es. Dieses Leichtsein, selten genug zu verspüren. „Von Zeit zu Zeit aus dem Alltag heraustanzen. Schmetterlingshaft.“ Dann der Einschnitt, als sie ihr Kind verliert. Die Leere danach, die sich ‚nach allen Seiten gefräßig ausdehnte.’ Gefolgt nach allmählicher Erholung von ihrer Hellsichtigkeit, was ihr Angst macht. Bis sie eines Tages beschließt, nach Indien zu fahren. „Man muss sein Leben ändern, oder nicht?“ Als sie nach Wochen nicht zurück kommt, auf Hochtouren die Suche nach ihr läuft, ein Briefchen an Paul, dass sie ihn liebe. Aber „Die Armut hier ruft. Ich werde arbeiten bis zum Umfallen, aber ich will es so. Du kennst meine Hände.“ Aus Bruchstücken und Bildern auf wenigen Seiten ein komplettes Leben, von innen und außen zugleich. Das Gefühl, einen Roman gelesen zu haben, dabei sind es gerade einmal elf Seiten gewesen. Oder die „zigeunerisch“ die Geige streichende und singende Katica, die jeden bezaubert und ihr ungarisches Dorf  verlässt, um sich ausbilden zu lassen. Die eine wunderbare Partnerin, Dóra, findet, mit der sie eine glückliche Zeit als Straßenmusikantin verbringt, um sich in einen begabten Cellisten, Gyury zu verlieben – Dóra mochte ihn nicht –, zu heiraten, mit ihm im Orchester Karriere zu machen. Als ihre Mamika erkrankt, kehrt sie nach Hause in ihr ungarisches Dorf zurück, vernachlässigt das Orchester. Vorwürfe von Gyury, der sie schließlich verlässt. Katica erschöpft, am Ende. Da ist Dóra zur Stelle. Die Überzeugung der Ich-Erzählerin, dass sie es schaffen werde, ‚sie aufzuwecken’. „Mit der Geige. Spielt zusammen die ganzen vierundvierzig und mehr.“ Und man stimmt am Schluss sofort mit ihr überein: „Alles muss von vorn beginnen oder freudig fortgesetzt werden. Sie hat ja nicht aufgehört zu singen.“ Die Erinnerung an die erste Liebe, Maurice, während des zweiwöchigen Skiurlaubs. „Der Beste Skifahrer überhaupt.“ Das feine, olivfarbene Gesicht, die dunklen Augen, die so wenig preisgaben. „Ich hielt ihn, aus der Distanz, für melancholisch und geheimnisvoll.“ Dann die Begegnung mit ihm. Seine Einladung nach Hause. Die ‚zwei Tage lang in den Himmel wachsende Erwartung’. Die ersehnte Zusammenkunft. Die auf Etikette haltende Mutter und ältere Schwester im Nacken. Das gegenseitige Halten der Hand. Das Küssen. „Seltsame, ineinanderfließende Zustände.“ Irgendwann war er verschwunden. „Ich vermisste ihn schrecklich. Und gab schließlich auf.“ Viele Jahre später lässt ein Zufall die Ich-Erzählerin darauf stoßen, was aus ihm, seit dem Tod der Mutter offenbar völlig zurückgezogen lebend, geworden war: die Geschäfte seines Vaters „mit wenig Geschick“ betrieben, hatte er auch dies schließlich sein lassen, Geld seie vorhanden gewesen. Die Frage, „seine innere Leidenschaft, warum war sie tatenlos verglüht?“, bleibt unbeantwortet. Die Erinnerung an das Holzfigürchen, Talisman, ‚für dich’, an ihren dunkelgrünen Schal, den sie ihm umband: „lass ihn flattern im Wind.“ Dass Orte eine Seele haben, dass sie wie Menschen geprägt sind von ihrer wechselhaften, Gewalt durchsetzten Geschichte ebenso wie von den Geschichten der Männer und Frauen, die sie bewohnen, wird anhand des slowenischen 345-Seelen-Karstdorfs Tomaj offenbar, wo Josip um seine verstorbene Frau Barbara trauert. Ein Arkadien, zugleich gottverlassen und einsam. „Allein. Und Tomaj wird zum Schrei, mitten in der Nacht.“

 

Aber lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

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