Der aktuelle Sachbuchtipp September-Oktober 2017

© Erna R. Fanger

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Als ob Wählen, als ob Entscheiden, als ob Nein-Sagen einfach Fähigkeiten wären, die man lernen könnte wie Schnürsenkelbinden oder Fahrradfahren. Die Dinge stießen einem zu. Wenn man Glück hatte,bekam man eine Schulbildung. Wenn man Glück hatte, wurde man nicht von dem Typen missbraucht, der das Fußballteam leitete. Wenn man sehr viel Glück hatte, gelangte man irgendwann an einen Punkt, an dem man sagen konnte: Ich werde Buchhaltung studieren ... Ich würde gerne auf dem Land wohnen ... Ich möchte den

Rest meines Lebens mit dir verbringen. Aus Mark Haddon: „The Gun“

 

Zwischen Autonomie und Ambivalenz: Ringen um die Freiheit

                                                                                                                                                                                                                                             

Beate Rössler: „Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben“, Suhrkamp Verlag Berlin 2017.

Seit Kant Grundthema der Philosophie und in westlichen Gesellschaften normativ, scheint der Begriff der Autonomie längst seinen festen Stellenwert behauptet zu haben und eine grundlegende Größe darzustellen. Bei näherer Betrachtung erweist sich allerdings, so klar umrissen, wie es scheint, manifestiert er sich in der Lebenspraxis des Einzelnen nicht. Sprich es gibt eine Menge Aspekte, die der Autonomie im Alltag entgegenstehen. So sind nicht selten überhöhte Ansprüche mit dem Begriff verbunden, die keiner in Gänze erfüllen kann. Sind wir doch als Gemeinschaftswesen miteinander verbunden, woraus sich zwangsläufig wechselseitige Abhängigkeiten konstituieren.

Die Spannung zwischen dem Selbstverständnis eines autonom ausgerichteten, selbstgestalteten Lebens und den Hindernissen, die dabei zutage treten können, lotet Beate Rössler, Professorin für Philosophie an der Universität Amsterdam, in neun Kapiteln von jeweils vier bis sechs Unterkapiteln auf 400 Seiten so kenntnis- wie facettenreich und differenziert aus. Im Zuge dessen gelingt ihr das Kunststück, die Stringenz ihres fundiert wissenschaftlichen Diskurses durch zahlreiche literarische Beispiele, in denen die Figuren mit mehr oder weniger Erfolg um Autonomie ringen, so nahezubringe, dass auch dem interessierten Laien ein lebendiger Zugang zu der Auseinandersetzung mit dem Thema und entsprechend Einblick gewährt wird. Auch wenn – es sei an dieser Stelle nicht unterschlagen – die philosophischen Debatten über Autonomie, an denen sich Rössler hier abarbeitet, nicht unbedingt für jedermann zugängig sind, sondern immer wieder geduldiger Nacharbeit bedürfen, ist man nicht bereit, bisweilen darüber hinwegzulesen.  

Dessen ungeachtet gewinnen wir Einsicht von der Definition des Begriffs bis zum Zusammenhang zwischen Autonomie und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Von der Überlegung, wie sich Autonomie zwischen Selbsterkenntnis und Selbsttäuschung etablieren kann, oder wie sie etwa in der Selbstthematisierung vom Tagebuch bis zum Blog in Erscheinung tritt. Zugleich, inwieweit Autonomie im Hinblick auf die von der Furie des Verschwindens bedrohte Privatsphäre im virtuellen Raum nicht Gefahr läuft,sich selbst zu verleugnen. Ebenso geht Rössler der Frage nach, ob die Autonomie als Wahl zwingend das gute Leben nach sich ziehe, stellt dabei aber auch zugleich die Bedingungen einer solchen autonomen Wahl infrage. Und wie verhält es sich mit der  Autonomie im privaten, häuslichen Bereich, in Beziehungen. Wie in der demokratischen Gesellschaft. Aber auch die sozialen Bedingungen von Autonomie werden durchbuchstabiert, wie z. B. Grenzfälle zwischen Autonomie und Unterdrückung. So etwa im religiösen Kontext einer Muslima, die sich frei dafür entscheidet, ihren Glauben zu leben, auch wenn sie dafür – aus Perspektive der Vertreter westlich-demokratisch geprägter Gesellschaften – Autonomie einbüßt und sich dem Dogma der Vollverschleierung  ebenso beugt wie dem des Gehorsams gegenüber ihrem Mann. Allein schon anhand dieses Beispiels wird deutlich, inwieweit der Begriff der Autonomie nicht zuletzt im Hinblick auf kulturelle, soziale und politische Voraussetzungen relativiert und differenziert werden muss.

Das Verdienst von Rösslers Autonomie-Konzeption ist ihre Distanz zu radikalen Konzepten, die allenfalls Theorien, nicht aber dem Alltag standhalten. Demnach läuft sie auch nicht Gefahr, die Bedingungen für Autonomie festzuschreiben. Vielmehr entwirft sie Autonomie als Prozess, in dem eigenständige Entscheidungen sowohl möglich sind, als man dabei zugleich jedoch auch Abstriche machen muss, um die eigene Position zu ringen hat. Im Gegensatz zu radikalen Entweder-oder-Positionen, in denen den Bedingungen von Autonomie weniger Rechnung getragen wird. Rössler gelangt schließlich zu dem Fazit, ‚alle grundsätzlichen Angriffe auf die Möglichkeit und Wirklichkeit von Autonomie zwar aus dem Weg geräumt zu haben’, ohne jedoch vor den mit dem Thema verbundenen Spannungen und Widerständen zurückgewichen zu sein. Des Weiteren räumt sie ein, dass unser normatives Verständnis des Begriffs nie unter durchgängig idealen Bedingungen realisiert werden, sprich immer nur annähernd erfüllt werden kann, dementsprechend nicht ohne Relativierung auskommt. Personen können immer nur bedingt, mehr oder weniger autonom handeln, stets abhängig vom sozialen, politischen oder biografischen Kontext. Damit grenzt sie sich bewusst ab von radikaleren Positionen, wie etwa von Harry Frankfurt vertreten. Sieht sie Autonomie doch immer schon situiert im gesellschaftlichen Kontext, worin die Verletzlichkeit der Akteure bedingt ist. Weshalb sie auch in Zweifel stellt, inwieweit einer Person Autonomie abzusprechen sei. Desgleichen postuliert sie einen Zusammenhang zwischen einem autonomen und einem sinnvollen Leben. Von einem sinnvollen Leben kann man nach Rösslers Definition nur dann sprechen, wenn wir es als unser eigenes Leben betrachten, das wir nach Maßgabe unseres Erkenntnis- und Bewusstseinsstands gewählt haben. Ein Leben, für das wir einzustehen bereit sind. Im Zweifelsfall entgegen allen Widrigkeiten, die unseren Alltag prägen, wie Ambivalenz, Entfremdung, Zerrissenheit. Rössler exemplifiziert dies anhand Siri Huvstedts Protagonistin Harriet Burden in „Die gleißende Welt“ (2015), wo die Unvereinbarkeit von Wünschen und Möglichkeiten durchgespielt wird. Dies erfordert laut Rössler einen gelassenen Umgang mit den Ambivalenzen, die unser Leben prägen, was uns nicht selten abverlangt, verschiedene Identitäten einzunehmen und zu leben. Mehr noch bedinge dies Autonomie geradezu grundlegend. Widersprüche dieser Art schmälern nicht grundsätzlich Autonomie, sondern konstituieren sie vielmehr insofern, als Autonomie durchaus keine Garantie darstellt, diese ohne jede Einschränkung leben zu können, sondern immer nur gemeinsam mit anderen.

Aber: Lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Suhrkamp Verlag!

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Der aktuelle Sachbuchtipp Juli 2017

© Erna R. Fanger

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Glücksschmiede unter die Lupe genommen

                                                                                                                                                                                                                                             

Nicolas Dierks: „Luft nach oben. Philosophische Strategien für ein besseres Leben“, Reihe rowohlt POLARIS, Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 2017.

Leicht kommt es uns in den Sinn, noch schneller über die Lippen, das derzeit Nonplusultra der Lebenskunst – das Hier und Jetzt. Axiome dieser Art weiß Nicolas Dierks, promovierter, an der Leuphana Universität in Lüneburg lehrender Philosoph, gekonnt zu hinterfragen. So konterkariert er besagtes Diktum z.B. sinnfällig zur trostlos anmutenden Perspektive eines Demenzkranken, für den dies die einzige Option ist, womit Dierks besagte Strategie schnell wieder entzaubert. Der Leser hält inne und ihm dünkt einmal mehr: Es kommt immer drauf an; die Fragen, die uns das Leben aufbürdet, sind vielschichtig und erfordern entsprechend differenzierte Antworten. Bei diesem Prozess des Sondierens hilft Dierks uns auf die Sprünge. „Das Leben im Hier und Jetzt ist nicht einfach und ursprünglich, sondern komplex und fortgeschritten“, erfordert es doch einen stets neu zu ermessenden Umgang mit dem eigenen Zeithorizont. Um diesen adäquat auszuschöpfen, kommen wir nicht umhin, zwischen Hier und Jetzt, Vergangenheit und Zukunft zu pendeln. Was die mit dem Hier und Jetzt verbundenen Vorteile nicht schmälern soll: nämlich was uns beschwert, jederzeit hinter uns zu lassen „und in den Strom des Lebens zurückzukehren, dort, wo alles fließt“ und wir wieder zur Ruhe kommen.

Letzten Endes geht es darum herauszufinden, wer wir sind. Dazu gibt uns Dierks, basierend auf Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“, ein solides Instrumentarium zur Hand: „»Wissen« meint, die Fähigkeit, sich nach Tatsachen zu richten“ – so Dierks „Arbeitsdefinition“. Wobei er einräumt, dass es unmöglich sei, im Übrigen auch  nicht nötig, ‚jemals alle Tatsachen, die auf uns zutreffen, zu kennen’. Spannend wird es, wenn der Autor in dem Abschnitt „Wie Willenskraft unsere Selbsterkenntnis sabotiert“ die Tücken des menschlichen Willens entlarvt. Deutlich gemacht anhand der Thesen im Buch des Wiener Psychiaters, zugleich Begründers der Logo-Therapie, Viktor Frankl,  „... und trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ (1946). Frankl propagiert darin eine »proaktive« Haltung gegenüber dem Leben, worunter zu verstehen sei, weniger (reaktiv) die Ursachen für das eigene Schicksal zu erforschen, als vielmehr (proaktiv) die Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. So tiefgreifend wie überzeugend und hilfreich der Ansatz, ist er jedoch leicht zu verfehlen, tragen wir nicht auch der Tatsache Rechnung, dass ‚unser Handeln in der Welt nicht allein aus willentlicher Aktivität besteht’.

So facettenreich wie erhellend wird im Folgenden infrage gestellt, was wir  über das Leben zu wissen glauben, stets untermauert durch die Erkenntnisse der großen Philosophen, etwa eines Aristoteles’, Marc Aurels, Descartes’, Kants oder Hegels:

-       ‚Wissen wir, was wir tun, wenn wir tun, was wir wollen, oder müssen wir dahin kommen, zu wollen, was man tun muss?’

-       ‚Was im Leben ist uns wichtig, was leitet sich daraus für unseren Alltag ab? Nehmen wir, was wir als unhinterfragbar wichtig erkannt haben, wichtig genug und setzen uns mit allem, was in unserer Macht steht, dafür ein? Tun wir dafür das Richtige, und woran erkennen wir, dass es das Richtige ist?’

Wobei Fragen dieser Art weniger gestellt werden, um klar beantwortet zu werden. Vielmehr ist ihre Funktion, uns Impulse zu geben, darüber tiefer nachzudenken und zu Einsichten zu gelangen, die weiter greifen. So etwa auch zu hinterfragen,

-       ob Freiheit die Fähigkeit zur Autonomie ist, unser Leben nach unseren  eigenen Vorstellungen zu gestalten. Und inwieweit es dabei unsere Gewohnheiten sind, die uns hier nicht selten einen Strich durch die Rechnung machen, ‚indem was wir tun müssen und dann tatsächlich tun, auseinanderklafft, wir dann nicht im Einklang mit uns selbst sind’.

-       Und wie steht es mit unserer inneren Freiheit angesichts eines unausweichlichen Schicksals? Wo ist demgegenüber Akzeptanz gefordert, an welchem Punkt müssen wir alles daran setzen und mit der Kraft unseres Willens zur Veränderung einer unliebsamen Situation ansetzen? Und was, wenn wir zu innerer Freiheit, innerem Frieden, zur Weisheit in uns vorgedrungen, feststellen müssen, dass wir verletzlich sind und bleiben, um den Schmerz, den die menschliche Existenz bereit hält, nicht herumkommen?

-       Oder geht mit hohem Lebensstandard zwingend entsprechende Lebensqualität einher, fallen Reichtum und Glück zwingend zusammen?

Dierks offeriert und erläutert schließlich vier Fähigkeiten, die ein gelingendes Leben, also Lebensqualität, ausmachen, und betont einmal mehr: „Unser Leben hängt ab von den Fragen, die wir stellen.“ Damit wir die richtigen Fragen zu stellen vermögen, gibt er uns einen Fragenkatalog an die Hand. Ebenso Übungen, zu produktiven Fragen zu gelangen. Wir bekommen vier Strategien von ihm geliefert, neue Gewohnheiten zu verankern, obendrein, zu guter Letzt – ein Rückfall-Management. Alles im Griff?

Unser herzlicher Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt Verlag!

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