Buchtipp des Monats Dezember-Januar 2025/26
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Liebe – Politikum und Überlebensmodus
Daniel Scheiber: Liebe! Ein Aufruf, Carl Hanser Verlag, München 2025
Wie bereits in seinen vorhergehenden Büchern, so etwa Die Zeit der Verluste (2023), erweist sich Daniel Schreiber auch in diesem Band als feinsinniger Chronist und Beobachter des Zeitgeists mit seinen je spezifischen Zumutungen. Liebe! Ein Aufruf, schon der
Titel sagt es, will aufrütteln. Es ist ein Appell nicht nur an die Leser, sondern an alle Mitglieder der Gesellschaft, nicht zuletzt die Politik. Zugleich impliziert er, woran es der Menschheit global mangelt. Nämlich an der Liebe im Sinne von Essenz und Ursprung allen Seins, der Liebe als Ausgangspunkt unseres Wirkens und Handelns.
Ausgehend von Hannah Arendts Fragestellung in ihrem Denktagebuch, ‚wieso es so schwer sei, die Welt zu lieben‘, besteht Schreibers Vorgehen vordergründig in einer Bestandsaufnahme des Liebesbegriffs in Philosophie, Religion und Literatur, von vorchristlicher Zeit bis heute. Darunter diverse Schwerpunkte. So etwa Albert-Schweitzers Gebot der „Ehrfurcht vor dem Leben“. Aber auch die Re-Lektüre des nahezu in Vergessenheit geratenen Erich Fromms und dessen bedeutsame Schriften, u. a. „Die Kunst des Liebens“ (1956) oder Haben und Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft (1976) – in den 70ern, 80ern fester Bestandteil jeder WG-Bibliothek –, sind sein Verdienst; und man staunt heute ob der Hellsichtigkeit des deutsch-US-amerikanischen Psychoanalytikers, Sozialwissenschaftlers und Philosophen, der die Herausforderungen unter einem gnadenlos ausbeuterischen, global agierenden System multinationaler Konzerne und Finanzmogule schon damals erkannt und reflektiert hat. Damit hat Schreiber ein breites, intertextuell fungierendes Feld über den Liebesdiskurs als Grundstoff gesellschaftlichen Zusammenlebens eröffnet, von dem man sich nur wünschen kann, dass dies ein Anfang ist, der im Kollektiv entsprechend Resonanz erzielt, weiterentwickelt und nicht zuletzt umgesetzt wird.
Doch während seine Erwägungen immer wieder in die leidenschaftliche Auseinandersetzung Hannah Arendts mit den ambivalenten Dimensionen dieses durchaus politisch intonierten Liebesbegriffs münden, setzt er dem – und damit beginnt er auch seinen Essay – seine Liebe zur Natur im Zuge eines Spaziergangs durch den Wald entgegen. Daran wiederum schließt die „Liebe volle“ Atmosphäre in dem von ihm geleiteten Schreibworkshop, der unmittelbar danach beginnt. Und so sehr er nicht zuletzt den Einzug der Liebe in die Politik auch befürworten mag, scheinen diese den gesamten Essay durchziehenden Motive auf ein ihnen innewohnendes utopisches Potenzial zu verweisen. Dass nämlich Naturschönheit, indem man sich auf sie einlässt, in sie eintaucht und dabei tief empfindet, ebenso wie die von gegenseitiger Zuwendung und Unterstützung getragenen Schreibworkshops, nicht unwesentlich von besagter grundlegender Liebe getragen sind. Letztere scheint im gesamten öffentlichen Raum von Gesellschaft und Politik, so der Eindruck, in letzter Konsequenz global gescheitert zu sein. Davon zeugen zumindest die weiter zunehmende Ungleichheit in der Vermögens- und Ressourcenverteilung, Wettrüsten und damit einhergehende Kriegsherde weltweit, Rassismus, das Erstarken rechtsextremer Parteien und Bewegungen, erbitterte ideologische Gefechte zwischen an den Rändern sich radikalisierender Fraktionen, von der Klimakrise ganz zu schweigen. Andere Bereichen wiederum, und das sei an dieser Stelle unterstrichen, gewinnen, so medial unterbelichtet sie in Erscheinung treten mögen, zunehmend an Leuchtkraft. Dementsprechend bezieht Schreiber sich auch, obschon mit einiger Skepsis an der Durchschlagskraft einer solchen Haltung, auf Marica Bodrožićs Die Rebellion der Liebenden. Ähnlich wie Arendt, sieht auch Bodrožić im Feld gesellschaftspolitischer Allianzen mit Vorrang kommerzieller Belange eher wenig Nährboden für die Liebe als essentieller Kraft in der erbarmungslosen Mechanik des Ganzen. Vielmehr setzt sie auf innere Werte wie ‚Durchlässigkeit, Verletzlichkeit, Gnade, Ungezähmtheit, Zugehörigkeit, Verwandlungsfähigkeit‘ mit Fokus im weitesten Sinne auf Spiritualität.
Ein Blick auf die in vieler Hinsicht sich zuspitzenden globalen Krisenherde legt die Vermutung nahe, dass Lösungen weniger von der Politik als vielmehr von den vielen Einzelnen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen, von den zahllosen engagierten Initiativen zu erwarten sind. Bestätigen tut dies auch Axel Hacke in seinem aktuellen Newsletter, das unser Credo widerspiegelt: „Über all dem Fürchterlichen, das unsere Nachrichten beherrscht, wird das oft übersehen: wie viele Leute ohne großes Trara in ihrem persönlichen Leben Großes leisten. Wer nach Zuversicht und Optimismus sucht: Hier ist das alles zu finden, und wer mitmacht, wer etwas Eigenes tut, wird seine eigene Hoffnung finden, im Handeln nämlich.“ [email protected], 28. Dezember 2025
Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!
Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Carl Hanser Verlag, München!
Daniel Schreiber: "Liebe! Ein Aufruf", Hanser Verlag, Berlin 2025. Termine seiner Lesereise:
- Berlin, 25.11
- Hamburg, 30.11
- Zürich, 01.12
- Freiburg, 02.12
- Darmstadt, 03.12.
- Hannover, 04.12
- München, 08.12
- Essen, 09.12
- Stuttgart, 11.12
- Nürnberg, 22.01
- Königs Wusterhausen, 13.02
- Heidelberg, 24.02
- Leipzig, 27.02
- Erfurt, 28.02
- Köln, 12.03
- Salzburg, 30.05
Unser Buchtipp hierzu ifür Dezember 2025 und Januar 2026