Buchtipp des Monats Februar - März 2026

© Hartmut Fanger

Rushdie eröffnet Welten

Salman Rushdie: Die elfte Stunde. Fünf Erzählungen. Aus dem Englischen von Bernhard Robbe,Penguin Verlag, München 2025.

 

Auch in seinem neuesten Werk überzeugt Salman Rushdie auf 285 Seiten mit hoher Erzählkunst. Dabei geht es in seinem auf fünf Erzählungen verteilten Grundthema vor allem um das, was in unserer Gesellschaft so gern tabuisiert wird: den Tod. Die elfteStunde signalisiert, dass ein Wechsel in andere Räume nicht mehrfern ist, nur noch wenig Zeit übrigbleibt. Die meisten Figuren haben diese Stunde vor dem Ende ihres Seins bereits überschritten Dafür liest sich das Ganze jedoch unverhofft leicht, stellenweise sogar heiter, mit Witz, Ironie und märchenhaften Momenten.  

So zum Beispiel, wenn sich in der Erzählung „Im Süden“ zwei alte Männer gegenseitig spiegeln, einer angesichts der näher rückenden Endlichkeit sich dem anderen jeweils als dessen Schatten offenbart. Und als einer beiden dann bei einem Verkehrsunfall stirbt, dauert es nicht lange und ein Tsunami macht im Süden des Landes alles zunichte, mit der Folge, dass es an den Küstenregionen mit einem Mal ‚überall Tote‘ gibt.

Dabei gelingt es dem Autor in seinen Fiktionen immer wieder, reale Gegebenheiten anzudeuten. Wer zum Beispiel den Konzertmitschnitt zum einjährigen Todestag von George Harrison, „Concert für George“ aus dem Jahre 2002, verfolgt hat, mag in der Hauptfigur, zugleich Wunderkind, in der Erzählung „Die Musikerin von Kahani“,  die formidable Pianistin und Sitarspielerin Chadni, an die Tochter von Ravi Shankar, Anoushka Shankar, erinnert werden. Selbst George Harrison erhält hier Einzug. Und sogar Bhagwan könnte andeutungsweise ins Spiel gebracht werden – zumindest mögen die steile Karriere und der materielle Anspruch, die Vorliebe für teure Autos des Sex-Gurus und Nachbarn des Vaters von Chadni dies nahelegen. Letztere wird sich mit einem Superreichen verheiraten lassen, dies bereuen und sich mit ihren nahezu übernatürlichen Fähigkeiten grausam rächen.

Real erscheint ebenso das Ambiente, sprich das sechshundert Jahre alte College in der Erzählung „Saumselig“, das an das von Rushdie besuchte College in Cambridge erinnert. Phantasievoll hingegen auch hier die Handlung, in der ein verstorbener Schriftsteller als Geist weiterlebt und nach Gerechtigkeit strebt. Ans Licht kommt seine weiterhin bestehende Existenz durch eine junge Inderin. Sie allein kann ihn während der Weihnachtsfeiertage sehen und mit ihm kommunizieren. Und nur sie verfügt über die Fähigkeit, ihn, der davon überzeugt ist, in einem Nebel festzustecken, und dass nichts einen Sinn ergibt, mit so etwas wie Wiedergeburt zu verblüffen, indem sie ihn wissen lässt: „Neugeborene … stecken auch in einem Nebel, sind ohne Sprache, ohne ein Konzept für das Wirkliche“,  und provokant nachsetzt: „Könnten wir Sie in Ihrem gegenwärtigen Zustand nicht als Ende, sondern als Beginn einer neuen Realität verstehen? Nicht als Tod, sondern als Geburt?“ [Leseprobe].

Um den vermeintlichen Tod geht es auch in der nächsten Erzählung, die uns in die USA, genauer nach „Oklahoma“ führt, was sich allerdings alles andere als real erweist. Es ist die Suche nach einem ‚Verschwundenen‘, nach einem scheinbaren Suizid.  Doch im Zuge der Ermittlungen seitens des Ich-Erzählers verdichten sich Hinweise darauf, dass dieser an eine Figur von Kafkas ‚Amerika‘ erinnernde Onkel K.  noch leben könnte. Eine spannende, mysteriöse Handlung, so rätselhaft wie skurril.

In „Der alte Mann auf der Piazza“ wiederum wird differenziert auf den Sprach- gebrauch eingegangen. Was für Konsequenzen hätte es, wenn das Wort ‚Nein‘ verboten wäre, nur noch das ‚Ja‘ zählte. Und was, wenn diese Gesetzmäßigkeit eines Tages aufgehoben würde.

Nach den ‚Satanischen Versen‘, dem Mordaufruf in Folge durch Ayatollah Chomeini im Jahre 1978 und der Messertacke im August 2022, die Rushdie nur knapp überlebte und die er in seinem Tatsachenbericht „Knife“ festhielt, hat der inzwischen 78 jährige Autor einen Kurzgeschichtenband erster Güte vorgelegt. 

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag, München!

Archiv

Aktuell

Termine: Salman Rushdies Lesereisel 

Stationen der Reise:
 
Donnerstag, 19. März // 19 Uhr // LIT:Potsdam
POTSDAM, Nikolaisaal
Moderiert von Denis Scheck
Lesung: Ursina Lardi
Weitere Infos finden Sie hier.
Freitag, 20. März // 18 Uhr // lit.COLOGNE
KÖLN, WDR Funkhaus 
Moderiert von Bernhard Robben
Lesung: Ulrich Noethen
Weitere Infos finden Sie hier.
Samstag, 21. März // 18 Uhr // Literaturhaus München
MÜNCHEN, Literaturhaus
Moderiert von Bernhard Robben
Lesung: Axel Milberg
Weitere Infos finden Sie hier.
Sonntag, 22. März // 18:45 Uhr und
Montag, 23. März // 17:45 Uhr // 
Literatur im Nebel
HEIDENREICHSTEIN (A), Margithalle
Weitere Infos finden Sie hier.


 

 

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