Hartmut Fanger
Genre Mix und große Namen
Ferdinand von Schirach: Der stille Freund, Luchterhand Literaturverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe, München 2025.
Der neuste Band des renommierten und vielfach ausgezeichneten Autors Ferdinand von Schirach überrascht mit einer bunten Mischung aus völlig unterschiedlichen Textsorten und Themen. Neben mehreren Kurzgeschichten, die u.a. von Gewalt gegen
Frauen, sexueller Belästigung oder der Begegnung mit dem Teufel handeln, findet sich Essayistisches, wie „Wirklichkeit und Wahrheit“ über den Hamas-Terror oder „Die Sache mit dem Tod“ –, wo von Schirach dem Leser nahebringt, wie berühmte Persönlichkeiten, Goethe zum Beispiel, mit der Endlichkeit umgegangen sind. Darüber hinaus spannende Auseinandersetzungen über Gewalt und Nationalsozialismus. Die Texte über Gottfried von Cramm, einst „Tennis-Baron“, zugleich Gegner des Nationalsozialismus, und den österreichischen Kulturphilosophen Egon Friedell, der sich, um den Nazis zu entkommen, das Leben nahm, sprechen diesbezüglich für sich. Einziges Bindeglied besagter ‚stille Freund‘, jener Moment, wo einem staunend bewusst wird, „dass nur das Lebendige wahr ist …“, was hier zwischen den Zeilen jeweils mitschwingt.
Dabei versteht es der Autor durchaus, menschlich Abgründiges und mit Abscheu zu Betrachtendes, lesbar zu erhalten. Wie einst Thomas Mann in seinem Zauberberg die Schrecken der Tuberkulose nahegebracht hat, indem er aus einem medizinischen Artikel zitiert hat, statt einen konkreten Krankheitsfall zu beschreiben. Das heißt: Je indirekter starke Emotionen präsentiert werden, um so größer die Wirkung. Sei es, wenn bei von Schirach in der Geschichte „Spiegelstrafe“ eine Scheinamputation vorgenommen oder ein Huhn geschlachtet wird. Von den Gräueln fragwürdiger Rituale, etwa in der gleichnamigen Geschichte „Cicciata“, worin sich Männer im Dunklen abstechen, ganz zu schweigen.
Bemerkenswert der Vergleich zwischen Proust und Capote, wobei der Zeit als solche eine besondere Funktion zukommt. Von Schirach bringt dabei den Genuss der Madeleine ins Spiel, jenes Gebäck zum Tee, woraus Proust in der Erinnerung Vergangenheit lebendig werden lässt. Doch stellt von Schirach fest, dass der Zeitbegriff bei Proust ein völlig anderer als bei Capote ist. Für Ersteren stellt sich die Zeit als in der Vergangenheit verloren, für Letzteren als Zukunft dar.
Mag sich der eine oder andere auch an der hier offerierten Genrevielfalt stoßen, wohnt dieser doch zugleich ein emanzipatorischer Impetus inne und mag allzu rigidem Schubladendenken entgegenwirken.
Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!
Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Penguin-Verlag, München!