© Hartmut Fanger
„Hochbegabt in Wuppertal“
Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen
Luchterhand Literatur-Verlag, München 2025
Eine auf 318 Seiten anrührend autofiktional erzählte Geschichte aus der Kindheit des
Autors mit jeder Menge Zeitkolorit der fünfziger Jahre – wer erinnert sich zum Beispiel nicht an die Quizsendung „Hätten Sie‘s gewusst?“ von Heinz Maegerlein? Zugleich das Drama eines
Hochbegabten, der von seinen Mitschülern gemobbt wird, weshalb die Eltern mit ihm von Köln nach Wuppertal ziehen,was das Leben des sechsjährigen ‚kleinen Mannes‘ Josef gehörig
durcheinanderbringt.
Berühmt ist Wuppertal für seine Schwebebahn, was Ortheil als Titel und Metapher für eine Nachkriegswelt dient, in der alles in der Schwebe zu sein scheint. Ein Leben auf Messers Schneide. Die Spuren des Zweiten
Weltkrieges unübersehbar. Viele an Körper und Seele verletzte, traumatisierte Menschen. Hinzu kommt die berechtigte Angst der Protagonisten angesichts des Kalten Krieges vor einem erneuten,
womöglich atomaren Krieg, vor existenzieller Not und ungewisser Zukunft. Nichtsdestotrotz halten die Figuren an Zuversicht fest.
Von nun an spielt sich Josefs Leben in einem ständigen Spannungsverhältnis ab. So etwa sieht er
sich, um nicht gehänselt zu werden, in der Schule gezwungen, so zu tun, als wäre er in Lesen und Schreiben auf dem gleichen Stand wie seine Klassenkameraden, denen er in Wirklichkeit weit voraus
ist. Stattdessen erfindet er im Unterricht Geschichten, träumt sich dabei in eine andere Welt, die Welt der Musik. Schließlich spielt er zuhause ernsthaft Klavierstücke, die er täglich
einstudiert, worüber sich wiederum die Nachbarn beschweren. Sein Desinteresse an Fußball droht ihn zudem, ins Abseits zu drängen, wäre da nicht der Mönch einer Klosterkirche, Pater de Kok, gewesen, der ihn zum gemeinschaftlichen Singen gregorianischer Choräle anregt und einen Raum zum Klavierspiel zur Verfügung stellt. Zum anderen
freundet er sich mit Rosa, genannt „Mücke“, an, Tochter des Gemüsehändlers mit italienischen Wurzeln, was nicht nur das kulinarische Leben seiner Familie bereichert, führt sie ihn doch in eine
von Engeln bewohnte Höhle im Wald ein und versorgt ihn mit Informationen zum Unterricht der Klasse über ihm.
Doch die zunächst für Josef vielversprechende Zeit in Wuppertal wandelt sich. Und es ist nicht
nur das zunehmende Fällen der Bäume der Waldarbeiter im Hintergrund, sondern auch der schulische Weg, der Wechsel des ‚kleinen Mannes‘ zum Gymnasium, die Krankheit des Vaters, die Gefahr einer
Trennung von Mücke, die immer weniger Zeit für ihn hat. Überraschung dann für alle Beteiligten die zunehmend an Bedeutung gewinnende Stadt Mainz. Am Ende ein Roman, der nach Fortsetzung schreit.
Der Leser jedenfalls würde jetzt zu gern erfahren, wie es weitergeht.
Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!
Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Luchterhand Literatur-Verlag,
München!
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