© Hartmut Fanger
Femme de lettres spricht Klartext
Gabriele von Arnim: Abschied leben. Tagebuch eines Zeitgefühls,
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
Was machen die täglichen Nachrichten mit uns, wie reagieren wir als sensible Menschen darauf und was können wir ausrichten gegen all die radikalen Veränderungen, die zunehmend den Alltag erschweren, wenn das tagtägliche Leben in Schieflage gerät, die Politik angesichts teils schizophren anmutender Äußerungen seitens ihrer Vertreter mit herkömmlicher Logik nicht mehr nahvollziehbar ist, auf allen Ebenen Verunsicherung vorherrscht, die Medien uns zuhauf mit Kriegsnachrichten, Kriegsgefahr und Krisen bombardieren.
Nach „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ und „Der Trost der Schönheit“ schildert Gabriele von Arnim in „Abschied leben“, dem ‚Tagebuch eines Zeitgefühls’, ein Jahr lang das, was sie unmittelbar bewegt. Wesentlicher Bestandteil, das Titel gebende Abschiednehmen. Abschiede auf so vielen Ebenen, nicht nur rein altersbedingt der Abschied von Menschen, die sterben oder bereits verstorben sind, die geliebt werden und wurden. Auch der alltägliche Abschied von Gewohnheiten, von bevorzugten Orten, von Tagen und Nächten, von einem Politik- und Demokratieverständnis, von Sicherheit und Geborgenheit. Und gerade, was Letzteres betrifft, werden Betroffenheit, Verärgerung, Trauer, Wut und Ohnmacht bezüglich der Verhältnisse ungeschminkt vor Augen geführt. Trifft harte Faktenwelt mit ihren (Fake)-News auf Gefühlswelt. Insbesondere die Äußerungen und irrwitzigen Aktionen eines Donald Trump, seines Zeichen US-Präsident, dem die Autorin vielleicht ein wenig zu viel Platz einräumt. Sie selbst stellt auf Seite 238 fest: „Zu viel Trump im Text? Stimmt, zu viel Trump in der Welt“ Leseprobe.
Doch es gibt ja auch noch eine andere Seite der Welt, die Gabriele von Arnim in poetischer Sprache vor Augen führt, wenn sie beispielsweise von „Liebe“ als „existenzielles menschliches Gefühl, durch das wir uns mit anderen verbinden ... gefühlte[r] Nähe, Verlässlichkeit, Zuwendung und Zärtlichkeit“ Leseprobe schreibt.
Wie ganz körperlich, mit allen Sinnen, sie Jahreszeiten erfährt, ja zelebriert: „Licht, Rhythmus, Struktur, alles verändert sich – in der Wärme, in der Kälte, in der frischen Luft, in geheizten Räumen. Und immer versuchen wir aus Frühling, Sommer, Herbst und Winter ein Zuhause zu machen, uns einzufinden in der neuen Zeit“ Leseprobe.
Schließlich gilt, dass ‚das Leben nicht erst beginnt, wenn es schön ist. Es ist in jedem Moment‘. Last but not least ein überaus lesenswertes Buch, das all die Tribute beinhaltet, die wir in dieser Zeit so dringend benötigen. Es beschenkt uns mit jeder Menge kluger Gedanken und es macht vor allem Mut, Zivilcourage an den Tag zu legen, sich dem Sturm der Zeit entgegenzustellen.
Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!
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