© Hartmut Fanger
Auf den Spuren des Orient-Express Dennis Gastmann on Tour
Dennis Gastmann: Orient-Express. Ein Abenteuer,
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
Wer hat nicht als Kind schon davon geträumt. „Einmal um die ganze
Welt und die Taschen voller Geld“ hatte einst Karel Gott es uns
nahegebracht. Und eine Reise mit dem Orient-Express versprach,
zumal in jungen Jahren, Abenteuer pur, gerade auch deshalb, weil so
eine Unternehmung nahezu exotisch, nicht minder gefährlich anmutet.
Nun hat der für seine Reportagen mehrfach ausgezeichnete Autor Dennis Gastmann mit seinem neuesten Werk „Orient-Express“ diesen Wunsch wahr gemacht. Dabei kann der 48jahrige als weitgereister Reporter der ARD-Auslandsmagazine auf jede Menge Erfahrung zurückblicken. Ebenso als Autor zahlreicher erfolgreicher Bücher, wie u.a. sein „Atlas der unentdeckten Länder“, den „Gang nach Canossa“ oder „Der vorletzte Samurai“ über Japan.
Diesmal ging es mit Schnellzügen, Vorortbahnen und dem einen oder anderen Bus über eine Strecke im Umfang von etwa 5000 Kilometern durch 18 Städte von Paris nach Istanbul. Eine Strecke, die lieb und gern an Zeiten von Agatha Christie aus dem Jahr 1934 erinnert, die ihren Helden, Detektiv Hercule Poirot, während der Zugfahrt aufgrund seiner genialen Fähigkeiten einen Mord aufklären lässt. Und natürlich ist die berühmte Schriftstellerin auch bei Gastmann Thema.
Und – wie kann es anders sein – ist auch Donna Leon mit ihrem Commissario Brunetti an Bord, als der Weg durch Venedig führt. Die ewige Stadt Rom gilt Gastmann dann als Abstecher. Ort, der nicht zur Strecke des Orient-Express‘ gehört, nichtsdestotrotz attraktiv genug, Raum für Reflexionen über Kirche, Glauben und Papsttum zu bieten.
An einer Stelle verlautbart Gastmann, dass er ‚Journalist‘, dementsprechend ‚neugierig bis zur Manie‘ sei, was das Ganze besonders spannend und stellenweise brisant erscheinen lässt. Dabei dröselt er auf dieser Strecke so manches Geheimnis auf. Insbesondere in dem Kapitel über Triest, wo von James Joyce, seinem „Ulysses“ sowie dessen Vorlieben für ‚Caffè San Marco‘ und ‚den abendlichen Wein‘ berichtet wird. Wiederum tun sich Abgründe auf, wenn der Leser erfährt, dass die Triester ihre Vergangenheit gern vertuschen, die Regierenden, egal, ob ‚italienische Faschisten, deutsche Besatzer oder Titos Kämpfer, jeweils Andersdenkende erschießen und deren Leichen im sogenannten Karst verschwinden ließen.
Doch damit nicht genug. Es ist der genaue Blick auf die Verhältnisse in den jeweiligen Ländern und Städten, der das Ganze auszeichnet. Dementsprechend spannend die Momente, wo es beispielsweise in den slowenischen Wäldern um Bären und Klimawandel geht, das Scheitern beim Versuch, über Salzburg zu schreiben, geschildert wird, ‚ohne auch nur ein einziges Mal Mozart zu erwähnen‘, wenn in den kleinen
Karpaten ein Löwe im Zoo eines Oligarchen gestreichelt wird oder von der „größten Nudelsuppe der Welt“ in Ungarn die Rede ist. Kontrastreich wird es zudem, wenn wir in einem auf einem Müllberg errichteten Armenviertel in Bulgarien erfahren, nachdem noch am Anfang eine Modenschau in Paris im Zentrum des Interesses stand.
Welten mögen dazwischen liegen. Wie sich überhaupt unmittelbar vor den Toren Istanbuls ein Riss in Europa abzeichnet, indem mit dem Vordringen in östliche Gefilde nicht nur staatliche Grenzen überschritten werden, sondern Gebiete mit ganz anderen Kulturen und unterschiedlichen ethisch moralischen Wertvorstellungen in Erscheinung treten.
Doch lesen sie selbst, lesen Sie wohl!
Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Rowohlt-Verlag, Hamburg!