Buchtipp des Monats April 2026

© Hartmut Fanger

Lucian und Elisabeth

Lea Singer: Eine Frage des Formats

Piper Verlag, München 2026

Rechtzeitig zum 100. Geburtstag von Queen Elisabeth II. erscheint der 159 Seiten umfassende Roman „Eine Frage des Formats“ von Lea Singer alias Kunsthistorikerin Eva Gesine Baur, die sich nicht zuletzt mit ihren biographischen Schriften über Maria Callas, Marlene Dietrich und Mozart einen Namen gemacht hat. Nun jedoch ist aus der Zusammenkunft der Queen mit dem Kunstmaler Lucian Freud, Enkel von Sigmund Freud, ein so unterhaltsamer wie tiefgründiger Roman geworden. Kunstvoll in der Wortwahl, dabei dicht erzählt, werden die Figuren, nicht ohne Humor, plastisch vor Augen geführt. Dabei lebt das Ganze nicht zuletzt von der Diskrepanz zwischen der schillernden, zugleich zwiespältigen Figur Lucian Freuds und der überkorrekt sich zurücknehmenden Königin.

Ausgerechnet Lucian Freud soll die Queen porträtieren. Ein exzentrischer Künstler, der eigentlich Aktmalerei bevorzugt, sich Tieren näher fühlt als Menschen, mit Vorliebe an seine Modelle Ratten verschenkt, ‚wolkenlosen und frühlingshaften Himmeln im September misstraut, weil sie an den Kriegsbeginn 1939 erinnern‘, und der es bevorzugt, in Abbruchhäusern zu wohnen. Nun sitzt er jener Frau gegenüber, die ‚nie die Beherrschung verliert‘, die er als „schlimmer als jede imprägnierte Regenkleidung, schlimmer als eingeschweißter Käse“ erachtet: „Sie ist … wie ihre Gummistiefel, die deswegen die halbe Nation bei ihrem Gummistiefelmacher kauft. Alles läuft an ihr ab, nichts dringt durch. Egal, was man ihr zumutet.“ (Leseprobe).

Wie es Freud dennoch gelingt, die alte Dame zu ‚verwirren‘, was die Farbe ‚Weiß‘ und ein ‚dreibeiniges Pferd‘ damit zu tun haben, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Ebenso wenig, inwieweit nine eleven eine Krisis in Freud hervorruft und warum das Bild letztendlich doch noch ‚rechtzeitig fertig‘ wird.

Last but not least ein faszinierender Roman, der berührend vor Augen führt, dass ‚die meisten Menschen‘, unabhängig von Rang und Nation, ‚nach Aufmerksamkeit ausgehungert sind‘, weshalb Lucian Freud „jedem Modell das Gefühl gibt, der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein, der einzige Mensch, der zählt. Auch wer den Tag über Dementen aufs Klo hilft oder Supermarktregale einräumt, wird zum Mittelpunkt, um den sich alles dreht.“ (Leseprobe). Leicht gewinnt man als Leser den Eindruck, dass sich der große Erfolg Freuds als Maler zugleich seiner Haltung verdankt, dass sich in jedem Mensch zugleich ein König verbirgt.

Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!

 

Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Piper-Verlag, München

 

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