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Was uns nährt in finsteren Zeiten
Treibstoff für die Transformation
Ilma Rakusa: Wo bleibt das Licht. Tagebuchprosa, Literaturverlag Droschl, Graz 2025
Finstere Zeiten mag es immer gegeben haben. Das Frappierende der Finsternisse, die das 21. Jahrhundert prägen, scheint darin zu liegen, dass entgegen den Maximen der Aufklärung, entgegen medizinischem und technischem Fortschritt die Menschheit im Zuge der Zerstörung von Lebensraum auf ihre eigene Abschaffung zusteuert, Kriege unsagbares Leid über Länder und Völker bringen, die Schere von Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft und global eine Dynamik des Ungleichgewichts auf allen Ebenen eingesetzt hat, die, so hat es den Anschein, rational weder fass- noch kontrollierbar ist.
Der Mensch an der Grenze seines Verstandesbewusstseins. Ausgesetzt einer kaum mehr zu bewältigenden Flut an Nachrichten über Krisenherde, Meinungen, Kontroversen, wähnt er sich verloren in erdrückender Ratlosigkeit. Und im wahrsten Sinne des Wortes „Not gedrungen“ sucht er nach Auswegen, stellt sich Fragen.
Dies bildet den Ausgangspunkt dieses Opus‘ Magnum der femme de lettres Ilma Rakusa. Mehr als Tagebuchprosa handelt es sich dabei um eine vielfache Spiegelung gelebten gegenwärtigen Lebens, in den Blick genommen mit poetischer Unschärfe, durchlässig für das Zarte, Fragile, Fragmentarische des Menschseins. Pulsierendes Leben in alle Richtungen zur Sprache gebracht. Dabei kreuzen sich lyrische Formen mit kurzen Notaten, Erinnerungen, Begegnungen mit Weggefährten und Dichterkollegen. Wie Kunst jedweder Art in der Betrachtung Rakusas sich überhaupt als Brücke in lichtvollere Gefilde, als Kraftquelle und Seelennahrung, damit Sehnsuchtsort erweist, der uns anhält, über den Status quo hinauszuwachsen. Die alten Vorgaben taugen nicht mehr. Dementsprechend tastet sich Rakusa mit der poetischen Wünschelrute durchs Dickicht des digitalen Zeitalters und beantwortet die im Titel gestellte Frage nach dem Verbleib des Lichts im Grunde selbst. Hier geht es nicht um das Abstraktum, die Welt verbessern zu wollen. Vielmehr scheint die Erlösung von besagtem Leid in den kleinen Dingen des Lebens zu liegen. In der liebevollen Zuwendung, im empathischen Miteinander in dem Bewusstsein, dass alles mit allem verbunden, mit unsichtbaren Fäden miteinander verwoben ist.
Dies erfordert die Demut, sich einzugestehen, dass wir die Dinge nicht mehr in der Hand haben. Das Gebot der Stunde: Innehalten. Räume der Stille zuzulassen, in denen das Neue keimen kann. Sich mit Hingabe und Präsenz einzulassen auf das was ist, es sein zu lassen, damit Veränderung geschehen, Transzendenz sich manifestieren kann.
Eben dies tut man als jemand der schreibt und es wie Rakusa versteht, die subtilen Verbindungsfäden zwischen dem persönlichen Erleben und den politisch-gesellschaftlichen Vorgaben mit poetischer Fantasie nachzuspüren. Dies Opus Magnum der kurz vor ihrem 80. Geburtstag stehenden Grande Dame der Literatur bietet keine Patentrezepte gegen die Übel der Welt. Vielmehr eröffnet es einen Raum unerschöpflich anmutenden Potenzials, darauf ausgerichtet, nie aufzuhören seiner Sehnsucht nach einem menschlichen Miteinander in Frieden und Freiheit zu folgen. Einer Sehnsucht, die zugleich Treibstoff für die Transformation zu sein scheint, in der die Menschheit begriffen und dabei gut beraten ist, sich das alte Hölderlin Wort ins Gedächtnis zu rufen: „Wo die Gefahr am größten, ist das Rettende auch nah“ ...
Doch lesen Sie selbst, lesen Sie wohl!
Unser Dank für ein Rezensionsexemplar gilt dem Droschl Verlag, Graz